Text

Von den Trauerspielen
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Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters.

Zweytes Stück.

------------------------------------------------------------ Stuttgart, bey Johann Benedict Metzler,

1750.

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II. Die zweyte Abhandlung des Peter Corneille, von den Trauerspielen insbesondre, und von den Mitteln, sie nach der Wahrschein lichkeit und Nothwendigkeit auszu führen. Aus dem Französischen übersetzt.

[] Außer dem dreyfachen Nutzen des dramatischen Gedichts, wovon ich in der ersten Abhand lung geredt habe, hat das Trauerspiel auch noch diesen insbesondere, daß es vermittelst des Mitleidens und der Furcht ähnliche Leiden schaften reiniget. Dieses sind die Worte, deren sich Aristoteles in seiner Erklärung bedient, und die uns zweyerley lehren. Erstlich, daß das Trauerspiel Mitleiden und Furcht erwecket, hernach daß es ver mittelst dieses Mitleidens und dieser Furcht gleiche Lei denschaften reiniget. Das erstre erkläret er weitläuf tig genug, von dem andern aber sagt er nicht ein Wort; und von allen den Bedingungen, die er mit in die Erklärung bringet, ist dieses die einzige, die er unerläutert läßt. Gleichwohl sagt er deutlich in dem
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letzten Hauptstücke seiner Staatskunst, daß er in seiner Abhandlung von der Dichtkunst weitläuftig davon re den wolle. Weil man aber gar nichts von dieser Ma terie darinnen findet, so ist der größte Theil seiner Ausleger auf die Gedanken gerathen, daß sie nicht ganz auf uns gekommen sey. Dem aber sey wie ihm wolle, so ist es doch billig, daß wir zuvor von dem reden, was er uns gesagt hat, ehe wir uns das zu er rathen bemühen, was er hat sagen wollen. Die Leh ren die er wegen des erstern giebt, werden uns viel leicht auf einige Muthmaßungen wegen des andern leiten, so, daß wir auf die Gewißheit dessen, was auf uns gekommen ist, eine wahrscheinliche Meynung von dem, was uns nicht übrig geblieben ist, gründen können. [] Wir haben Mitleiden, spricht er, mit denen, welche wir ohne ihr Verschulden unglücklich sehen, und wir fürchten uns, daß uns nicht eben das wiederfahre, wenn wir sehen, daß es unsers gleichen wiederfährt. Das Mitleiden nimmt also an den Umständen derjenigen Person, die wir leiden sehen, Antheil, und die Furcht, die diesem Mitleiden folgt, geht uns selbst an; folglich giebt uns diese einzige Stelle Licht genug, die Art zu entdecken, auf welche die Reinigung der Leidenschaften in dem Trauerspiele geschieht. Das Mitleiden mit dem Unglücke, worein wir einen andern verfallen sehen, läßt uns ein gleiches Unglück für uns befürchten, diese Furcht erwecket in uns die Bemühung ihm zu entge hen, und diese Bemühung treibt uns an, diejenigen Leidenschaften, welche, nach unserm Urtheil, die Per son, welche wir bedauern, in ihr Unglück stürzen, zu
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reinigen, zu mäßigen, zu bessern, ja gar auszurotten. Denn der Schluß ist so natürlich, als unumstößlich, daß wir, wenn wir die Wirkung vermeiden wollen, die Ursache abschneiden müssen. Diese Erklärung wird denen nicht gefallen, die sich genau an die Commenta tores dieses Weltweisen halten. Sie martern sich über die Stelle, und sind in ihren Meynungen so wenig ei nig, daß Paul Beni deren zwölf bis funfzehn ver schiedne zählt, die er alle erst widerlegt, ehe er uns seine entdeckt. In den Gründen kömmt sie mit der unsrigen überein, darinne aber ist sie unterschieden, daß sie die Wirkung nur auf die Könige und Fürsten ein schränkt, vielleicht deswegen, weil uns das Trauer spiel nur solche Uebel befürchten läßt, die unsers gleichen wiederfahren, weil sie nur Königen und Fürsten wie derfahren, so könne die Furcht auch keinen Eindruck als nur in Königen und Fürsten machen. Allein er hat ohne Zweifel das Wort: unsers gleichen; in allzu engem Verstande genommen, und hat nicht überlegt, daß in Athen keine Könige waren, wo doch die Ge dichte vorgestellt wurden, aus welchen Aristoteles seine Regeln gezogen hat. Dieser Philosoph hat wohl schwerlich den Gedanken gehabt, den man ihm zu schreibt, weil er sonst nimmermehr etwas in die Erklä rung der Tragödie würde gebracht haben, das seine Wirkung so wenigmal äußert, und dessen Nutzen auf so wenig Personen eingeschränkt ist. Es ist zwar wahr, daß man meistentheils nichts als Könige zu den vornehmsten Personen des Trauerspiels nimmt, und daß die Zuschauer keinen Zepter haben, der sie ihnen gleich macht, damit sie gleichfalls das Unglück befürch ten könnten, das ihnen begegnet: aber diese Könige
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sind doch Menschen wie ihre Zuschauer, und verfal len durch die Vergehungen solcher Leidenschaften in ihr Unglück, deren die Zuschauer gleichfalls fähig sind. Sie geben so gar einen Schluß vom Größern auf das Geringere ab, und der Zuschauer kann ganz leichte begreifen, daß, wenn ein König, weil er allzusehr dem Ehrgeize, der Liebe, dem Hasse, der Rache nach hängt, in ein so groß Unglück verfällt, daß er Mit leiden mit ihm hat, so müsse er, als ein Mensch von geringerm Stande, noch vielmehr seine Leidenschaften im Zügel halten, wenn sie ihn nicht in ein gleiches Un glück stürzen sollen. Uebrigens ist es keine Nothwen digkeit, daß man nur das Unglück der Könige auf den Schauplatz bringen müsse. Auch das Unglück andrer Leute, wenn es in die Augen fallend und besonders genug ist, und wenn es in den Geschichtbüchern selbst ist aufgezeichnet worden, findet daselbst seinen Platz. Scedasus war nichts, als ein gemeiner Bauer in Leuctra, gleichwohl glaube ich, daß seine Geschichte auf den Schauplatz geführet zu werden verdiene, wenn es nur die Reinigkeit unsrer Bühne vergönnte, von der seinen beyden Töchtern angethanen Gewalt zu re den, da selbst die Gedanke einer Schändung in der Person einer Heiligen, die dafür beschützet würde, den Zuhörern unerträglich war. [] Damit uns Aristoteles die Mittel dieses Mitleiden, und diese Furcht zu erwecken, erleichtere, so hilft er uns die Personen und Begebenheiten wählen, welche beydes zu erwecken fähig sind. Vorher müssen wir voraus setzen, daß unsre Zuhörer, welches auch ganz wahrscheinlich ist, weder Lasterhafte, noch Heilige, sondern Leute von gemeiner Güte sind, die sich der
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strengen Tugend eben nicht so sehr befleißigen, daß sie nicht gewisser Leidenschaften fähig, und der Gefahr, worein sie durch diese Leidenschaften können gestürzt werden, unterworfen seyn sollten. Dieses nun voraus gesetzt, wollen wir untersuchen, was für Personen der Philosoph von dem Trauerspiele ausschließt, damit wir mit ihm auf diejenigen kommen können, auf wel chen er die Vollkommenheit der Tragödie beruhen läßt. [] Erstlich will er nicht, daß ein allzutugendhaf ter Mann aus dem Glück ins Unglück ver falle, und behauptet, daß dieses weder Mitlei den, noch Furcht erwecken könne, weil es ein durchaus ungerechter Zufall wäre. Einige Ausleger treiben die Stärke des griechischen Worts μιαρον, welches er als ein Epitheton zu diesem Zufalle gefügt, so weit, daß sie es so gar durch verabscheuungs würdig übersetzen. Diesem füge ich hinzu, daß ein solcher Ausgang mehr Widerwillen und Haß gegen den, der das Unglück auflegt, als Mitleiden mit dem, der es erträgt, erwecket; und daß also diese Empfindung, welche nicht die eigentliche Wirkung des Trauerspiels seyn soll, wenn sie nicht sehr gemäßigt wird, diejenige ersticken muß, welche eigentlich sollte hervorgebracht werden. Der Zuschauer würde also misvergnügt weggehen, weil sich sein Zorn allzusehr mit dem Mit leiden vermischt, welches ihm nothwendig würde ge fallen haben, wenn er es alleine mit sich weggenom men hätte. [] Gleichfalls will er nicht, daß eine lasterhafte Person aus dem Elende in einen glücklichen Zustand versetzt werde, denn ein solcher Aus gang kann nicht allein kein Mitleiden und keine
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Furcht erwecken, sondern er kann auch nicht einmal diejenige vergnügte Empfindung her vorbringen, mit welcher uns sonst das Glück derjenigen Person, der wir unsre Gunst zuge wandt, zu erfüllen pfleget. Der Fall eines Laster haften macht uns zwar Vergnügen, wegen des Ab scheues den wir für ihn haben; weil er aber nichts als eine gerechte Strafe ist, so erweckt er weder Mit leiden noch Furcht in uns, zumal wenn wir nicht eben so lasterhaft sind, als er, daß wir also weder sei ner Verbrechen fähig, noch der unglücklichen Wirkung derselben gewärtig seyn können. [] Es ist also nichts übrig, als daß wir das Mittel dieser zwey äußersten Gränzen finden, daß wir nämlich einen Mann wählen, der weder gänzlich gut, noch gänzlich lasterhaft ist, und der durch einen Fehler oder eine menschliche Schwachheit in ein Unglück verfällt, das er nicht verdienet. Aristoteles führet den Oedi pus und Thyestes zum Exempel an, worinne ich aber in der That seine Meynung nicht verstehe. Der erste scheinet mir gar keinen Fehler zu begehen, ob er gleich seinen Vater tödtet, weil er ihn nicht kennet, und nichts thut, als daß er, als ein beherzter Mann, einem Unbekannten, der ihn mit Vortheil angreift, den Weg streitig macht. Doch weil die Bedeutung des Worts αμαζτημα auch auf den bloßen Irrthum des Verkennens, wie des Oedipus seiner war, kann ausgedehnet werden, so wollen wir dieses dem Philo sophen einräumen, ob ich gleich nicht einsehe, was wir für eine Leidenschaft daraus reinigen sollen, noch worinne wir uns aus seinem Exempel bessern können. Was aber den Thyestes anbelangt, so kann ich nir
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gends weder die gewöhnliche Tugend, noch einen Feh ler ohne Schandthat, welcher ihn in sein Unglück stür zet, an ihm entdecken. Wenn wir ihn vor dem Trauerspiele, das von ihm den Namen hat, betrach ten, so ist er ein Blutschänder, welcher seines Bru ders Frau misbraucht. Betrachten wir ihn in dem Trauerspiele selbst, so ist er ein Mann von Treu und Glauben, der sich auf seines Bruders Wort, mit dem er sich wieder vertragen hat, verläßt. In dem erstern Zustande also ist er allzulasterhaft, und in dem andern allzuredlich. Wenn wir sein Unglück auf seine Blut schande schieben, so ist es ein Verbrechen, dessen die Zuschauer nicht fähig sind; das Mitleiden, das sie mit ihm haben, kann also nicht bis zu der bessernden Furcht anwachsen, weil sie ihm nicht gleich sind. Schieben wir aber sein Unglück auf seine Treu und Glauben, so kann zwar einige Furcht dem Mitleiden folgen, das wir mit ihm haben, allein sie kann zu nichts dienen, als uns gegen das Wort eines versöhn ten Feindes mistrauischer zu machen, da doch das Vertrauen mehr die Eigenschaft eines rechtschaffnen Mannes, als eine lasterhafte Fähigkeit ist; und die ser Nutzen wird bloß die Aufrichtigkeit der Versöhnun gen desto seltner machen. Ich gestehe also aufrichtig, daß ich die Anwendung dieses Exempels nicht begreife. [] Ich will noch mehr gestehn. Wenn die Leiden schaften in dem Trauerspiele sollen gereiniget werden, so glaube ich, daß es auf keine andre Art geschehen könne, als ich erklärt habe; allein ich zweifle über haupt, ob es jemals, auch so gar in denjenigen Trauer spielen, welche die Bedingungen des Aristoteles ha ben, geschieht. Sie sind alle im Cid, welches die
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sem Stücke den großen Beyfall erworben hat. Ro drigue und Chimene sind tugendhaft, doch so, daß sie Leidenschaften unterworfen sind, und diese Leiden schaften eben machen ihr Unglück, denn sie sind nicht weiter unglücklich, als sie in einander verliebt sind. Sie gerathen in Unglück durch eine menschliche Schwachheit, deren wir, wie sie, fähig sind; ihr Unglück erweckt Mitleiden, das ist offenbar, und es hat den Zuschauern allzu viel Thränen gekostet, als daß man es leugnen könne. Dieses Mitleiden nun soll in uns die Furcht in ein gleiches Unglück zu ver fallen erwecken, und die übermäßige Liebe, welche die Ursache davon ist, reinigen: allein ich zweifle, ob es diese Furcht erwecke, und ob sie diese Reinigung zu Stande bringe, und ich sürchtefürchte sehr, daß dieses Vor geben des Aristoteles nichts als ein schöner Gedanke sey, der in der That niemals seine Wirkung thut. Ich berufe mich auf die, die das angeführte Stück haben vorstellen sehen, sie mögen insgeheim ihr Herz befragen, und alle die Stellen wiederholen, die sie auf dem Schauplatze gerührt habe, um zu erkennen, ob sie bis zu der nachdenkenden Furcht sind gebracht worden, und ob diese diejenige Leidenschaft bey ihnen gereiniget habe, die das Unglück, welches sie bedauern, verur sacht. Einer von den Auslegern des Aristoteles be hauptet, er habe nur deswegen von der Reinigung der Leidenschaften durch das Trauerspiel geredt, weil er nach dem Plato geschrieben habe, der die tragischen Dichter aus seiner Republik verbannet, weil sie allzu heftig bewegen. Da er ihn also hat widerlegen wol len, und bemüht gewesen ist zu zeigen, daß es nicht gut sey, sie aus einem wohlgeordneten Staate zu ver
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bannen, so hat er ihren Nutzen selbst in diese Bewe gungen der Leidenschaften zu setzen gesucht, damit er sie eben dadurch, weswegen sie der andre verdammt hat, entschuldigen könne. Die Frucht des Eindrucks, welchen die Stärke des Exempels in uns macht, fehl te ihm; die Belohnung der guten und Bestrafung der bösenHandlungen, die zu unsrer Zeit ist einge führet worden, war zu seiner Zeit nicht gebräuchlich; und da er also keinen gründlichern Nutzen in den Trauerspielen finden konnte, als den, der aus den Sittensprüchen und den lehrreichen Reden, die dar innen enthalten sind, kömmt, und deren doch die Tra gödie, nach seiner Meynung, entbehren kann, so hat er einen andern fest gesetzt, welches vielleicht nichts als ein eingebildeter Nutzen ist. Wenigstens wenn alle die Bedingungen, die er uns vorschreibt, ihn hervor zubringen nöthig sind, so finden sie sich so selten, daß Robortellus sie nur in dem einzigen Oedipus an trifft, daher er denn behauptet, daß Aristoteles sie uns eben nicht so nothwendig vorstelle, daß nicht oh ne Nachtheil des Stückes eine davon fehlen könnte, und daß sie bey ihm nichts als Begriffe von der Voll kommenheit der Trauerspiele wären. Unsre Zeiten haben sie alle in dem Cid gefunden, ich weis aber nicht, ob in vielen andern, und wenn wir unsre Ge danken auf diese Regel wenden wollen, so werden wir gestehn müssen, daß der Beyfall viel Stücke gerecht fertiget habe, worinne man sie doch nicht beobach tet hat. [] Die Ausschließung ganz tugendhafter Personen, wel che unglücklich werden, verbannet die Märtyrer von unserm Theater. Gleichwohl hat der Polyeukt, der
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Heraklius, und Nikomedes Beyfall gefunden, ob sie gleich nichts als Gottesfurcht in uns erwecken, und uns weder etwas fürchten, noch einige Leidenschaft reini gen lassen; denn wir sehen, daß sie unterdrückt wer den und umkommen, ohne den geringsten Fehler auf ihrer Seite, den wir durch ihr Exempel an uns bes sern könnten. [] Das Unglück eines allzulasterhaften Menschen er weckt weder Mitleiden noch Furcht, weil er des er stern nicht würdig ist, und weil die Zuschauer nicht so lasterhaft sind als er, daß seine Strafe die andre bey ihnen erwecken könne. Wir müssen aber hier einen Unterschied unter den Uebelthaten machen. Es giebt welche, deren rechtschaffne Leute durch die Heftigkeit ihrer Leidenschaften fähig sind, und deren unglücklicher Ausgang das Gemüthder Zuhörer rühren kann. Ein rechtschaffner Mann wird in keinen Wald in der Ab sicht zu rauben gehn, er wird auch niemanden mit kaltem Blute ermorden; wenn er aber sehr verliebt ist, so kann er wohl seinen Mitbuhler betrügen, oder wenn sich der Zorn seiner bemeistert, in der ersten Hitze je manden tödten, oder auch von dem Ehrgeize zu einem Laster oder einer strafbaren Handlung verleitet wer den. Es giebt wenig Mütter, die ihre Kinder er morden oder mit Gift vergeben wollen, damit sie ih nen nicht ihr Vermögen wiedergeben dürfen, wie die Kleopatra in dem Trauerspiele Rodogune: deren aber giebt es viele, die sich den Gebrauch desselben anmaßen, und die es nur mit Misvergnügen, und so spät, als es immer möglich ist, wieder ausliefern. Ob sie gleich keiner so schändlichen und unnatürlichen Handlung, wie die Handlung dieser Königinn von
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Syrien war, fähig sind, so liegt doch der Saame der jenigen Grundsätze, welche sie dazu verleiteten, in ihnen. Der Anblick ihrer verdienten Strafe kann ih nen also zwar kein gleiches Unglück, aber doch ein Un glück, welches dem Grade, zu welchem sie ihr Ver brechen bringen können, gemäß ist, befürchten lassen. Eben so ist es mit einigen andern Lastern beschaffen, zu welchen unsre Zuschauer nicht aufgelegt sind. Der Leser mag sie selbst nach diesem Exempel aufsuchen und beurtheilen. [] Unterdessen, so schwer es auch ist diese merklich wirksame Reinigung der Leidenschaften, welche von dem Mitleiden und der Furcht erzeugt werden soll, an zutreffen, so können wir doch leicht mit dem Aristote les einig werden. Wir dürfen nur sagen, er habe eben dadurch nicht behaupten wollen, daß alle beyde Mittel zugleich dazu nöthig wären, sondern nach sei ner Meynung sey auch eines zureichend, diese Reini gung hervorzubringen; doch mit dem Unterschiede, daß zwar nicht das Mitleiden ohne die Furcht, wohl aber die Furcht ohne das Mitleiden dazu genug sey. Der Tod des Grafen im Cid erweckt kein Mitleiden, er reiniget aber diese Art des Stolzes, die auf die Eh re der andern so neidisch ist, besser, als alle das Mit leiden, welches wir mit dem Rodrigue und der Chi mene haben, die heftige Liebesneigung, welche beyde so beklagenswürdig macht, zu reinigen vermögend ist. Der Zuschauer kann mit dem Antiochus, dem Ni komed, dem Heraklius Mitleiden haben; wenn es aber dabey bleibt, und wenn er nicht besorgen darf, in ein gleiches Unglück zu verfallen, so wird er von kei ner Leidenschaft dadurch genesen können. Er hat Ge
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gentheils kein Mitleiden mit der Kleopatra, mit dem Prusias, mit dem Phokas; und dennoch kann die Furcht eines gleichen oder ähnlichen Unglücks bey einer Mutter die Hartnäckigkeit sich des Vermögens ihrer Kinder nicht zu entschlagen, bey einem Vater die all zugroße Ergebenheit gegen die andre Frau zum Nach theil seiner Kinder erster Ehe, und bey allen die Be gierde das Vermögen und die Ehre anderer mit Ge walt an sich zu ziehen, reinigen; so daß allezeit diese Reinigung jedes seinen Umständen und dem, was er zu begehen vermögend ist, gemäß bleibet. Das Mis vergnügen und die Unentschließigkeit des Augusts im Cinna muß diese letztere Wirkung durch die Furcht und das Mitleiden zugleich thun; wie ich aber schon gesagt habe, so geschieht es nicht allezeit, daß diejeni gen, welche wir beklagen, durch ihr Verschulden un glücklich sind. Wenn sie also unschuldig sind, so bringt das Mitleiden, welches wir mit ihnen haben, keine Furcht hervor, und wenn wir ja etwas von Furcht, die unsre Leidenschaft reinigen kann, dabey empfinden, so wird sie durch eine andre Person, und nicht durch die, welche wir beklagen, erweckt, so daß wir sie gänz lich der Stärke des Beyspiels schuldig sind. Wir können diese Erklärung aus dem Aristoteles selbst be kräftigen, wenn wir die Gründe recht erwägen, welche er von der Ausschließung derjenigen Begebenheiten, die er in den Trauerspielen misbilliget, giebt. Er sagt niemals, dieses oder jenes schickt sich in die Tragödie nicht, weil es bloß Mitleiden und keine Furcht erwecket; oder dieses ist daselbst unerträglich, weil es bloß die Furcht erwecket, ohne das Mitleiden zu erregen; nein, sondern er
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verwirft sie deswegen, weil sie, wie er sagt, weder Mitleiden noch Furcht zuwege bringen, und giebt uns dadurch zu erkennen, daß sie ihm deswegen nicht gefallen, weil ihnen sowohl das eine als das an dre fehlt, und daß er ihnen seinen Beyfall nicht ver sagen würde, wenn sie nur eines von beyden wirkten. In dieser Gedanke bestätiget mich das von ihm ange führte Beyspiel des Oedipus. Wenn wir ihm glau ben, so hat es alle erfoderliche Eigenschaften eines Trauerspiels; gleichwohl erwecket sein Unglück nichts als Mitleiden, und ich glaube nicht, daß einer von denen, welche ihn bey der Vorstellung beklagen, sich in den Sinn kommen läßt zu befürchten, er könne auch seinen Vater tödten und seine Mutter heirathen. Wenn ja seine Vorstellung in uns einige Furcht er wecken kann, und wenn diese Furcht noch eine straf bare oder lasterhafte Neigung in uns zu reinigen ver mögend ist, so kann es aufs höchste keine andre seyn, als die Neugierigkeit sein Schicksal zu wissen, und wenn es weit kömmt, so werden wir uns daraus hü ten lernen, unsre Zuflucht zu Prophezeyungen zu neh men, die größtentheils nichts nutzen, als daß sie uns in das Unglück, das man uns vorhergesagt hat, selbst durch die Sorgfalt ihm zu entfliehen, stürzen. Denn es ist gewiß, Oedipus würde weder seinen Vater getödtet, noch seine Mutter geheirathet haben, wenn sein Vater und seine Mutter, welchen das Orakel, was sich zutragen solle, vorausgesagt hatte, ihn nicht aus Furcht es möge wahr werden, hätten wegsetzen lassen. Es wäre also nicht Oedipus, sondern La jus und Jokaste, die diese Furcht erweckten, welche noch dazu aus der Vorstellung eines Fehlers, welcher
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vierzig Jahr vor dem gegenwärtigen Falle begangen worden, herrühren würde; daß also die Furcht durch eine andre Person als die Hauptperson, und durch eine andre Handlung als die, welche den Inhalt der Tragödie ausmacht, in uns entstünde. [] Damit wir, ehe wir uns zu etwas anderm wenden, was wir gesagt haben, kurz zusammen fassen, so wol len wir es zu einem Lehrsatze machen, daß die Vollkom menheit des Trauerspiels in der glücklichen Erregung des Mitleidens und der Furcht, vermittelst einer Haupt person, bestehe, wie Rodrigue im Cid, und Pla cida im Theodor sind. Doch muß es eben nicht durchaus verbothen seyn, sich mehr als einer Person, zur Erregung dieser zwey Empfindungen, zu bedienen, wie es in der Rodogune geschehen ist; es muß auch nicht verwehrt seyn, die Zuschauer nur zu einem zu be wegen, wie ich es im Polyeukt gethan habe, dessen Vorstellung nichts als Mitleiden, ohne die geringste Furcht erwecket. Dieses vorausgesetzt, wollen wir sehen, ob wir die strengen Regeln des Philosophen einigermaßen mäßigen, oder wenigstens vortheilhaft auslegen können, damit wir nicht verbunden sind viele Stücke zu verdammen, die auf unsern Schau plätzen Beyfall gefunden haben. [] Er will nicht, daß ein ganz unschuldiger Mensch unglücklich werde, weil dieses verabscheuungswürdig ist, und mehr Widerwillen gegen den, der ihn ver folgt, als Mitleiden mit seinem Unglücke erweckt. Gleichfalls will er nicht, daß ein ganz Lasterhafter un glücklich werde, denn durch sein verdientes Unglück kann er kein Mitleiden erregen, und kann auch kein gleiches Un glück den Zuschauern befürchten lassen, weil sie ihm nicht
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gleich sind. Wenn aber diese beyden Ursachen wegfallen, so daß ein tugendhafter Mensch, welcher unglücklich ist, mehr Mitleiden mit sich als Widerwillen gegen den, der ihn verfolgt, erwecket, oder wenn die Be strafung eines großen Lasters eine Unvollkommenheit in uns, welche damit Verwandtschaft hat, verbessern kann, so bin ich der Meynung, man dürfe keine Schwierigkeiten machen, sehr tugendhafte oder sehr la sterhafte Leute im Unglücke auf die Bühne zu bringen. Hier sind zwey oder drey Fälle, welche Aristoteles viel leicht nicht hat können voraussehen, weil man zu seiner Zeit keine Beyspiele davon auf den Schauplätzen hatte. [] Der erste ist, wenn ein sehr tugendhafter Mensch durch einen sehr Lasterhaften verfolgt wird, der Gefahr aber entkömmt, und so, daß sich der Lasterhafte selbst unglücklich macht, wie es in der Rodogune und im Heraklius geschiehet, wo man es nimmermehr würde gelitten haben, wenn in dem erstern Stücke Antiochus und Rodogune, und in dem andern Heraklius, Pulcheria und Martian umgekommen wären, Kleo patra und Phokas aber triumphiret hätten. Ihr Unglück erweckt daselbst ein Mitleiden, welches durch den Abscheu, den wir wider ihre Verfolger haben, nicht erstickt wird, weil man beständig hofft, daß eine glückliche Umkehrung sie von dem Unterliegen befreyen werde; und obgleich die Laster der Kleopatra und des Phokas allzugroß sind, als daß die Zuschauer befürchten könnten, sie gleichfalls zu begehen, so kann doch ihr unglücklicher Ausgang diejenigen Wirkungen thun, wovon ich vorher geredt habe. Ueber dieses kann es auch geschehen, daß ein sehr tugendhafter Mensch auf Befehl eines andern, welcher nicht laster
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haft genug ist, als daß wir ihn verabscheuen könnten, verfolgt wird, und der Verfolgung unterliegen muß, so, daß wir an seinem Verfolger mehr Schwachheit, als Laster, wahrnehmen können. Wenn Felix seinen Schwiegersohn, den Polyeukt, umkommen läßt, so wird er uns nicht durch den wütenden Eifer gegen die Christen, sondern durch seine niederträchtige Furcht samkeit verhaßt, da er es nicht wagen will, ihn in Gegenwart des Severus zu erhalten, weil er seinen Zorn und seine Rache befürchtet, nachdem er ihn in seinen schlechtern Umständen so wenig geachtet hatte. Man hat zwar einigen Abscheu gegen ihn, man mis billiget sein Verfahren; doch überwiegt dieser Abscheu nicht das Mitleiden mit dem Polyeukt, und verhin dert nicht, daß ihn seine wunderbare Bekehrung zum Schlusse des Stücks nicht völlig wieder mit den Zu schauern aussöhnet. Eben dieses kann man von dem Prusias im Nikomed, und dem Valens im Theo dor sagen. Man mishandelt seinen Sohn, ob er gleich sehr tugendhaft ist, und der andre ist an dem Unglücke seines Sohnes schuld, welcher nicht minder Tugend besitzt; beyde aber haben bloße Schwachheiten, welche noch keine Laster sind, und sie erwecken so wenig Wi derwillen, welcher vermögend wäre das Mitleiden, welches man mit ihren großmüthigen Söhnen hat, zu ersticken, daß vielmehr ihre kleinmüthige Furcht für die, welchen sie, um recht zu handeln, trotzen sollten, verursacht, daß man mit ihnen selbst und mit ihrer schändlichen Staatskunst einiges Mitleiden hat. [] Aristoteles giebt uns einiges Licht, wie wir uns die Mittel zur Erregung dieses Mitleidens, das auf un sern Bühnen so vortreffliche Wirkung thut, erleichtern
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sollen. Eine jede Handlung, spricht er, geht entweder unter Freunden, oder unter Feinden, oder unter Leuten, die gegen einander gleich gültig gesinnet sind, vor. Wenn ein Feind seinen Feind tödtet oder tödten will, so entste het kein Mitleiden; es sey denn, daß man den Tod eines jeden Menschen, er sey wer er sey, zu sehen scheue. Wenn ein Gleichgültiger ei nen Gleichgültigen tödtet, so rührt es eben so wenig, zumal wenn derjenige, der den Mord begeht, auch nicht einmal einen Streit in sei ner Seele empfindet. Wenn dieses aber unter Leuten vorgeht, welche Geburt oder Neigung mit einander verbindet, zum Exempel, wenn ein Mann seine Frau tödtet, oder zu tödten Willens ist, oder eine Mutter ihre Kinder, ein Bruder seine Schwester, alsdenn schickt es sich vortrefflich zum Trauerspiele. Die Ursa che davon ist klar. Wenn die natürlichen Empfin dungen der Heftigkeit der Leidenschaften oder der Stren ge der Pflichten entgegen gesetzt werden, so verursachen sie heftige Bewegungen, welche von den Zuschauern mit Vergnügen angenommen werden, und sie sind leicht zu bewegen, einen Unglücklichen zu beklagen, welcher von einer Person verfolgt wird, die sich seiner Erhaltung annehmen sollte, und die wohl gar seinen Untergang mit Misvergnügen und wider Willen beför dert. Horaz und Curiaz wären nicht zu beklagen, wenn sie nicht Freunde und Schwäger wären; auch Rodrigue nicht, wenn er von jemand anders, als von seiner Liebsten, verfolgt würde. Das Unglück des Antiochus würde viel weniger rühren, wenn je
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mand anders als seine Mutter das Blut seiner Liebsten, oder jemand anders als seine Liebste das Blut seiner Mutter von ihm foderte oder wenn er, nach dem Tode seines Bruders, welcher ihm eine gleiche Ermordung befürchten heißt, auf andre mistrauisch seyn müßte, als auf seine Mutter und seine Liebste. [] Die Blutsverwandtschaft also, und die Verbin dungen der Liebe und Freundschaft zwischen dem Ver folger und dem Verfolgten, ist eine große Hülfe zur Erregung des Mitleidens. Es scheint aber doch, als ob diese Bedingung eben so wenig durchaus nothwen dig sey, als die, von welcher ich kurz vorher geredt habe, und daß sie eben so wie jene nur zu vollkommnen Trauerspielen erfodert werde. Wenigstens haben sie die Alten nicht allezeit beobachtet. Ich finde sie we der in dem Ajax des Sophokles, noch in seinem Philoktet, und wer alle Stücke, die uns von dem Aeschylus und Euripides übrig sind, durchgehen wollte, der wird noch mehrere Exempel davon antref fen. Wenn ich gesagt habe, daß diese zwey Bedin gungen nur für vollkommne Trauerspiele sind, so will ich damit nicht sagen, daß diejenigen, worinne sie sich nicht befinden, unvollkommen wären; denn so würde ich sie ja eben nothwendig machen, und mich selbst widersprechen. Ich verstehe aber durch vollkommne Trauerspiele diejenigen, welche von der erhabensten und rührendsten Art sind, so daß die, welche eine von diesen Bedingungen oder gar alle beyde nicht ha ben, wenn sie nur sonst regelmäßig sind, ebenfalls in ihrer Art vollkommen sind, ob sie gleich auf einer niedrigern Stufe stehen und den erstern an Schön heit und Reiz nicht beykommen, wenn sie sich nicht
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etwa durch die Vortrefflichkeit der Poesie, oder durch die Pracht der Aufführung, oder durch andre Annehmlichkeiten, welche etwas anders als den In halt zum Grunde haben, erholen. [] In denjenigen tragischen Handlungen, welche zwi schen Verwandten vorgehen, muß man betrachten, ob der, der den andern verderben will, ihn kenne oder ob er ihn nicht kenne, ob er seine That vollziehe oder nicht. Die unterschiedne Verbindung dieser zwey Fälle bringet vier Arten von Trauerspielen hervor, welchen unser Philosoph verschiedne Grade der Voll kommenheit zuschreibt. Man kennt diejenigen, die man umbringen will, und bringt sie auch in der That um, so wie Medea ihre Kinder, Klytemnestra ihren Mann, Orestes seine Mut ter umbringt: eine geringre Art aber ist die, wenn man sie umbringt ohne sie zu kennen, und wenn man sie mit Misvergnügen erst erkennt, wenn man sie schon umgebracht hat, und die ses zwar, spricht er, entweder vor dem Trauer spiele, wie Oedipus, oder in dem Trauerspiele, wie der Alkmäon des Astydamas, oder wie Telegonus im verwundeten Ulysses, welches zwey Stücke sind, die nicht bis auf uns gekommen sind; und diese andre Art hat nach seiner Meynung etwas erhabners als die erste. Die dritte Art ist von einer besondern Vor trefflichkeit, wenn man nämlich bereit ist einen von seinen Verwandten umzubringen, ohne daß man ihn kennet, ihn aber doch noch zeitig genug erkennet, daß man ihn zu retten im Stande ist; so wie die Iphigenia den Orestes ihren Bruder erkennet, indem sie ihn der Dia
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na opfern soll, und hernach mit ihm ent fliehet. Er führet noch zwey andre Exempel an, die Merope im Kresphontes und die Helle, die wir aber beyde nicht kennen. Die vierte Art verdammet er gänzlich, wo man nämlich die Person kennt, sie um bringen will, den Mord aber nicht ausführet; er spricht, sie hätte etwas schändliches und nichts tragi sches, und führet den Aemon zum Exempel an, wel cher das Schwerdt wider seinen Vater den Antigo nus ziehet, und sich dessen zu seiner eignen Ermordung bedient. Wenn diese Verdammung nicht eingeschränkt wäre, so würde sie sich weit erstrecken, und nicht al lein den Cid, sondern auch den Cinna, die Rodo gune, den Heraklius und den Nikomed, in sich schließen. [] Wir müssen also sagen, daß sie sich nur auf diejeni gen erstrecke, welche die Person, die sie ermorden wollen, kennen, davon aber durch eine bloße Verän derung des Willens abstehn, ohne einen merkwürdi gen Umstand, der sie dazu verbände, und ohne daß ihnen ihrer Seits das Vermögen dazu fehle. Ich habe diese Art von Entwicklungen auch schon für feh lerhaft erklärt. Wenn sie aber ihrer Seits alles thun was sie können, von einer höhern Gewalt aber verhin dert werden zu ihrer Absicht zu gelangen, oder gar durch eine Glücksveränderung selbst umkommen, oder in die Gewalt derjenigen, welchen sie nachstellen, ge bracht werden, so ist es außer Zweifel, daß dieses eine Art des Trauerspiels ausmachen könne, die vielleicht noch erhabner ist, als die dreye, welche Aristoteles zu läßt; die Ursache aber, warum er sie nicht berührt hat, ist keine andre, als weil er zu seiner Zeit keine
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Beyspiele davon auf den Schauplätzen sah, und weil es bey den Griechen eben nicht gebräuchlich war, die Tugendhaften durch das Verderben der Lasterhaften zu erhalten, wenn sie sich wenigstens nicht selbst zu gleich mit eines Verbrechens schuldig machen, so wie sich die Elektra von der Unterdrückung ihrer Mutter befreyt, indem sie ihren Bruder zur Ermordung der selben aufmuntert, und ihm die Mittel dazu er leichtert. [] Die Handlung der Chimene ist also nicht zu ta deln, da sie den Rodrigue nicht unglücklich macht, ob sie es gleich unternommen hatte, denn sie thut ihr möglichstes, und alles, was sie von der Gerechtig keit ihres Königes erhalten kann, bestehet in einem Kampfe, wo ihr aber der Sieg dieses beklagenswür digen Liebhabers das Stillschweigen auferlegt. Cin na und seine Aemilia sündigen auch nicht wider die Regel, daß sie den August nicht umbringen, denn die entdeckte Verschwörung benimmt ihnen das Ver mögen, und hernach müßten sie nicht die geringste Menschlichkeit besitzen, wenn eine so unerwartete Gna de ihren Haß nicht unterdrücken sollte. Was un terläßt Kleopatra die Rodogune umzubringen? Was vergißt Phokas sich von dem Heraklius zu befreyen? Und wenn Prusias die Oberhand behielte, würde nicht Nikomed als Geißel nach Rom gehen müssen? welches ihm viel schmerzlicher als der Tod selbst seyn würde. Die zwey erstern erhalten die Stra fe ihrer Verbrechen, und kommen in ihrem Unterneh men um ohne es auszuführen; der letzte wird genö thiget seine Ungerechtigkeit zu erkennen, da ihm der Aufstand seines Volkes und die Großmuth des Soh
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nes, den er zum Nachtheile seines ältern Bruders erheben will, nicht mehr verstatten, sein Unternehmen auszuführen. [] Das heißt nicht den Aristoteles widerlegen, wenn man ihn vortheilhaft erklärt, damit man in der vier ten Art der Handlungen, welche er verwirft, eine neue Art des Trauerspiels entdecken möge, die schöner, als die von ihm angeführten drey Arten, ist, und die er ohne Zweifel würde vorgezogen haben, wenn er sie gekannt hätte. Dieses heißt unserm Jahrhunderte Ehre machen, ohne dem Ansehen dieses Philosophen etwas zu entziehen. Doch weis ich in der That nicht, wie ich ihn bey diesem Ansehen werde erhalten können, da ich die Rangordnung, welche er unter den benann ten drey Arten gemacht hat, umstoßen will. Gleich wohl glaube ich mich auf die Erfahrung zu gründen, wenn ich vermuthe, daß diejenige Art, welche er am wenigsten schätzet, vielleicht die schönste sey, und daß die, die er am meisten erhebet, den geringsten Platz verdiene. Die Ursache davon ist, weil jene gar kein Mitleiden erregen kann. Ein Vater will seinen Sohn umbringen, ohne ihn zu kennen, er sieht ihn als einen gleichgültigen Menschen oder wohl gar als seinen Feind an. Er mag ihn für den einen oder für den andern hal ten, so verdient seine Gefahr, selbst nach des Aristoteles Urtheil, kein Mitleiden, und erregt in den Zuschauern nichts als ein gewisses innerliches Erzittern, welches ihn fürchten läßt, der Sohn möchte eher umkommen, als ihn der Vater erkennt, und ihn zu wünschen trei bet, daß er ihn je eher je lieber erkennen möge. Die ses entstehet aus dem Antheile, welches wir allezeit an dem Glücke eines tugendhaften Menschen, den wir lie
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ben müssen, nehmen; und wenn die Erkennung ge schieht, so wirkt sie nichts als die Empfindung einer ge meinschaftlichen Freude, daß die Sache nach unserm Wunsche ausgeschlagen ist. [] Wenn aber die Entdeckung erst nach dem Tode des Unbekannten geschieht, so kann das Mitleiden, welches durch das Misvergnügen des Mörders erweckt wird, von keinem großen Umfange seyn, weil es bis in die Katastrophe versparet wird. Wenn man aber mit ungebundnen Augen handelt, wenn man weis, wen man ermorden will, so nimmt der Streit der Leiden schaften und der Natur, der Pflicht und der Liebe den größten Theil des Gedichts ein, woraus denn große und heftige Bewegungen, die sich alle Augenblicke ver neuern, und das Mitleiden verstärken, entstehen. Die ses durch die Erfahrung zu bestätigen, so sehen wir, daß Chimene und Antiochus weit mehr Mitleiden erweckt, als Oedipus für seine Person. Ich sage für seine Person, weil vielleicht das ganze Stück eben so sehr rührt als Cid oder Rodogune; allein dieses verursacht großentheils der Dircäus, so daß das Mit leiden, welches erweckt wird, aus einem Zwischenspiele mit entspringet. [] Ich weis, daß die BrkennungErkennung eine große Zierde der Trauerspiele ist. Aristoteles sagt es. Allein es ist auch gewiß, daß sie ihre Unbequemlichkeiten hat. Die Italiäner sind größtentheils sehr eifrig darnach, und sie verlieren oft durch ihr großes Bestreben dar nach, die schönsten Gelegenheiten zu erhabnen Gesin nungen, welche viel beträchtlichere Schönheiten haben würden. Dieses sehen wir offenbar in dem Tode des Crispus, welchen Johann Baptista Ghirardel
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li, einer von ihren witzigsten Köpfen verfertiget hat. Er ist in Rom 1653 gedruckt worden. Er hat seine Geburt darinne dem Constantin nicht wissen lassen, und hat bloß einen großen Feldherrn aus ihm gemacht, den er erst, nachdem er ihn hat hinrichten lassen, für seinen Sohn erkennet. Dieses Stück ist so voller Witz und schöner Gesinnungen, daß es Aufsehen ge nug machte, wider seinen Verfasser schreiben zu kön nen, und es zu beurtheilen, so bald es ans Licht trat. Aber was für weit schönre Züge, als alle die sind, mit welchen er sein Stück ausgeputzt hat, hat ihn diese un nöthige Verbergung der Geburt, die so gar mit der bekannten Wahrheit der Geschichte streitet, nicht ent zogen! Constantin würde in ganz andern Verwir rungen, in ganz andrer Unentschließigkeit und Angstha ben seyn müssen, wenn er das Todesurtheil wider sei nen Sohn hätte sprechen müssen, als da er es nur wi der einen glücklichen Soldaten spricht. Die Unge rechtigkeit würde dem Crispus an seinem Vater viel empfindlicher gewesen seyn, als sie ihm an seinem Herrn ist. Als Sohn würde das Verbrechen, das man ihm Schuld gab, weit größer geworden seyn, und die Betrübniß, sich von seinem Vater desselben schuldig gehalten zu wissen, würde bey ihm viel wei ter gegangen seyn. Fausta selbst würde mehr inner lichen Kampf empfinden, wenn sie eine Blutschande unternehmen sollte, als da sie sich nur zum Ehebruche entschließt; ihre Reue würde viel heftiger, und ihre Verzweiflung viel gewaltsamer gewesen seyn. Alle diese Vortheile aber hat der Verfasser aufgegeben, weil er seinen Stoff nicht auf die Art hat ausführen wollen, wie ihn zu unsern Zeiten der Jesuite Stephonius
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ausgeführet hat, und wie die Alten die Geschichte des Sippolyts abgehandelt haben. Er glaubte sich da durch, nach der Meynung des Aristoteles, eine Stufe höher zu schwingen, aber, ich weis nicht, ob er nicht vielmehr weit unter die, die ich itzo genannt habe, gesunken ist. [] Es ist sehr wahrscheinlich, daß das, was Aristote les, von den unterschiedenen Graden der Vollkommen heit des Trauerspiels, gesagt hat, auf seine Zeiten und auf seine Landsleute vollkommen wohl paßte. Ich will gar nicht daran zweifeln; doch kann ich kühnlich be haupten, daß der Geschmack seiner Zeit nicht der un srige ist, und daß das, was den Atheniensern ganz be sonders gefallen hat, nicht allezeit auch den Franzosen gefällt. In der That weis ich kein ander Mittel, meine Zweifel erträglich zu machen, und zugleich der Ehrfurcht, die wir seiner Dichtkunst schuldig sind, nicht zu nahe zu treten. [] Ehe wir diese Materie verlassen, wollen wir vorher seine Meynung über zwey Fragen, die die Handlungen zwischen zwey Verwandten betreffen, untersuchen. Die eine Frage ist, ob sie der Poet erfinden kann; die an dre, ob er an denen, die er aus der Historie oder aus der Fabel nimmt, nichts ändern dürfe. [] Was die erste anbelangt, so ist es außer Zweifel, daß sich die Alten so wenige Freyheit dazu nahmen, daß sie ihre Tragödien nur mit sehr wenig Familien beschäfftigten, weil dergleichen tragische Zufälle nur sehr wenig Familien begegnet waren; und eben des wegen sagt der Philosoph, daß das Glück und nicht die Kunst uns die Handlungen verschaffen müsse. Er glaubt es in einer andern Abhandlung gesagt zu ha
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ben. Gleichwohl scheint es, als ob er den Dichtern eine völlige Freyheit verstattet hätte; sie können, spricht er, sich entweder dessen, was sie gehört haben, bedienen, oder auch selbst was erfin den. Diese Ausdrücke würden die Frage entscheiden, wenn sie nicht zu allgemein wären. Weil er aber nach der unterschiedenen Zeit der Erkennung drey Arten des Trauerspiels feste setzt, so wollen wir alle dreye durch gehn, vielleicht daß wir einen Unterschied machen kön nen, welcher diese Freyheit recht spricht. Ich werde meine Meynung um so viel kühner sagen, je weniger man mir wird vorwerfen können, daß ich dem Aristo teles widerspräche, wenn ich es ihm wenigstens nur bey einer von den drey Arten gänzlich einräume. [] In der ersten Art also, wo man einen umbringt, den man kennet, oder ihn auch nur umbringen will, daran aber verhindert wird, halte ich gänzlich dafür, sey es nicht erlaubt, die Haupthandlung gänzlich zu er dichten, sondern sie muß aus der Historie oder aus der Fabel genommen seyn. Unternehmungen wider Ver wandte haben allezeit so was erschreckliches und mit der Natur streitendes, daß sie sich schwerlich glauben las sen, wenn sie sich nicht auf die eine oder auf die andre gründen; sie haben auch niemals diejenige Wahrschein lichkeit, ohne die sie, wenn sie bloß erdichtet wären, auf den Schauplatz nicht könnten gebracht werden. [] Bey der andern Art will ich mich es nicht so aus drücklich zu entscheiden wagen. Daß ein Mensch mit einem andern in Streit geräth, daß er ihn tödtet, und daß er ihn erstlich hernach für seinen Vater oder seinen Bruder erkennet, und deswegen in Verzweiflung verfällt, das ist noch ganz wahrscheinlich, folglich
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kann man es auch erfinden. Doch ist der Zufall, sei nen Vater oder seinen Bruder, ohne daß man ihn kennt, zu tödten, so außerordentlich und beträchtlich, daß man mit Recht verlangen kann, die Geschichte solle ihn nicht verschwiegen haben, besonders wenn er berühmte Personen angeht, und daß man mit Grund daran zweifeln könne, wenn sie ihn nicht bemerkt hat. Der alte Schauplatz giebt uns kein Beyspiel davon, als den Oedipus, und ich erinnere mich auch nicht, ein andres in unsern Geschichtsschreibern gelesen zu ha ben. Ich weis zwar, daß diese Begebenheit mehr nach der Fabel, als nach der Historie, schmecket, folglich kann sie entweder ganz oder zum Theil seyn er funden worden. Allein die Fabel ist mit der Historie des Alterthums so sehr vermischt, daß man, aus Furcht keinen falschen Unterschied zu machen, beyden gleiches Ansehen auf unsern Schaubühnen gegeben hat. Es ist genug, daß wir nichts erfinden, was für sich nicht wahrscheinlich ist, und daß das, was vor langer Zeit ist erfunden worden, den Zuschauern so gut bekannt sey, daß es ihn nicht befremdet, wenn er es auf der Bühne siehet. Die ganze Metamorphosis des Ovids ist offenbar eine Erfindung: man kann Stoffe zu Trauerspielen daraus nehmen, allein keine auf diesen Schlag erfinden, es müßten denn Zwischenspiele, von gleicher Art, seyn. Die Ursache ist diese. Ob wir gleich nicht als was wahrscheinliches erfinden sollen, und obgleich die fabelhaften Stoffe, von der Andro meda, vom Phaeton es im geringsten nicht sind; so ist doch die Erfindung der Episoden nicht sowohl eine Erfindung, als vielmehr ein Zusatz zu dem, was schon erfunden ist, und diese Episoden bekommen eine gewisse
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Art der Wahrscheinlichkeit in Gegenhaltung der Haupt handlung, so daß man sagen kann, wenn dieses ge schehen seyn soll, so kann es auf die oder jene Art, wie es der Poete beschreibt, geschehen seyn. [] Solche Episoden aber würden weder zu einem histo rischen noch gänzlich erdichteten Stoffe passen, weil sie keine Verwandtschaft mit der Haupthandlung haben, und weniger wahrscheinlich als diese seyn würden. Die Erscheinungen der Venus und des Aeolus schicken sich in die Andromeda ganz gut; hätte ich aber den Jupiter vom Himmel kommen lassen, den Nikomed mit seinem Vater auszusöhnen, oder den Merkur, dem August die Verschwörung des Cinna zu offen baren, so würde ich alle meine Zuschauer aufgebracht haben, und dieses Wunder würde allen Glauben, den der übrige Theil der Handlung verdient hätte, ver nichten. Diese Auflösung durch die Erscheinungen der Götter ist bey den Griechen in den Tragödien, welche historisch scheinen, und die, dieses einzige aus genommen, sonst ganz wahrscheinlich sind, sehr ge bräuchlich. Daher verdammet sie Aristoteles auch nicht schlechterdings, sondern zieht ihr nur diejenige vor, welche sich aus dem Inhalte selbst ergiebt. Ich weis nicht, was die Athenienser davon mögen geurtheilet haben: die zwey angeführten Exempel aber beweisen hinlänglich, daß es für uns sehr gefährlich seyn wür de, wenn wir ihnen in dergleichen Freyheiten nachah men wollten. Man wird vielleicht sagen, daß solche Erscheinungen uns deswegen nicht gefielen, weil wir von ihrer Falschheit allzusehr überzeugt wären, und weil sie wider unsre Religion anstießen, welches bey den Griechen nicht geschehen wäre. Ich gesteh es,
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man muß sich nach den Sitten seiner Zuschauer rich ten, und noch weit mehr nach ihrem Glauben; man muß mir aber doch einräumen, daß wir die Erschei nung der Engel und Heiligen wenigstens eben so sehr glauben, als die Alten die Erscheinung des Apollo oder des Merkurs geglaubt haben. Unterdessen, was würde man gesagt haben, wenn ich mich, nach dem Tode des Phokas, den Seraklius und Martian aus einander zu setzen, der Hülfe eines Engels bedient hätte. Das Spiel ist unter Christen, und diese Er scheinung würde eben so viel Richtigkeit haben, als die Erscheinung der Götter des Alterthums bey den Griechen hatte; gleichwohl würde es ein unfehlbar Mittel gewesen seyn, lächerlich zu werden, und man braucht nur ein wenig Ueberlegung es zu begreifen. Es sey mir also vergönnet mit dem Tacitus zu sagen: Non omnia apud priores meliora, ſed noſtra quoque aetas multa laudis et artium imitanda poſteris tulit. [] Ich komme wieder auf die Trauerspiele von der an dern Art, wo man seinen Vater oder seinen Sohn nicht eher kennet, als bis man ihn umgebracht hat, und damit ich, nach dieser langen Ausschweifung, meine Meynung in zwey Worten erkläre, so werde ich nie manden verdammen, wenn er so was ersinnet, mir selbst aber werde ich es niemals erlauben. [] Bey der dritten Art hat es wieder keine Schwie rigkeit. Wir können sie nicht allein erfinden, weil al les darinne wahrscheinlich ist, und die natürlichen Ge sinnungen nicht übersteigt; sondern ich behaupte so gar, daß man sie von der Schaubühne verbanne, wenn man die Dichter nöthigen wollte, den Stoff dazu aus der Geschichte zu nehmen. Wir finden kein
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Trauerspiel von dieser Art bey den Griechen, welches nicht von seinem Verfasser ersonnen zu seyn scheinet. Es kann zwar auch seyn, daß ihnen die Fabel zu eini gen verholfen hat. Meine Augen sind nicht scharf ge nug die Finsterniß zu durchdringen, und zu bestim men, ob die Iphigenia in Tauris gleichfalls eine Er findung des Euripides sey, wie seine Selena oder sei ne Ion, oder ob er sie von einem andern entlehnt hat: ich glaube aber doch behaupten zu können, daß es sehr schwer seyn würde, dergleichen Zufälle in den Geschichten zu finden, es sey nun, weil sie sich selten zutragen, oder weil sie nicht Aufsehens genug machen, einen Platz darinne zu verdienen. Ich besinne mich auf ein einziges Exempel, da nämlich Aegeus der König von Athen den Theseus für seinen Sohn er kannte, eben da er ihn wollte umbringen lassen. Doch dem sey wie ihm wolle, die, die dergleichen gerne auf die Bühne bringen wollen, können sie, ohne Furcht getadelt zu werden, erfinden. Sie können zwar da durch bey ihren Zuschauern eine angenehme Ungewiß heit hervorbringen, ihnen aber viel Thränen auszulo cken dörfen sie sich nicht versprechen. [] Die andre Frage, ob es erlaubt sey an dem Stof fe, welchen man aus der Historie oder aus der Fabel nimmt, etwas zu ändern, scheint von dem Aristote les ausdrücklich entschieden zu seyn, wenn er spricht: man muß in den historischen Stoffen nichts ändern, und Klytemnestra muß von nieman den anders als von ihrem Sohne Orestes, und Eriphilus von niemanden anders als vom Alk mäon ermordet werden. Doch dieser Ausspruch kann schon einigen Unterschied und einige Linderung
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leiden. Es ist ausgemacht, daß die Umstände, oder die Mittel zu der Handlung zu gelangen, in unsrer Gewalt bleiben müssen. Die Geschichte bemerkt sie entweder oft gar nicht, oder bringt doch so weniges davon bey, daß es nothwendig ist etwas dazu zu setzen, damit das Gedicht erfüllet werde. Man kann mit Wahrscheinlichkeit voraussetzen, daß das Gedächtniß der Zuschauer, die sie gelesen haben, nicht so stark ist, daß es die Veränderungen alsobald merken, und uns Lügen strafen werde; welches er aber thun würde, wenn wir die Haupthandlung ändern wollten. Diese Verfälschung würde verursachen, daß er auch dem Reste keinen Glauben zustellte, wie er gegentheils al les übrige desto leichter glaubt, wenn er siehet, daß es nur zu der Haupthandlung, die er weis und die sich bey Lesung der Geschichte tiefer in ihn eingedrückt hat, den Weg bahnet. Der Tod der Klytemnestra kann zur Probe dessen, was ich gesagt habe, dienen. Sophokles und Euripides haben ihn beyde abge handelt, jeder aber mit einer Verwicklung und Auf lösung, die von des andern seiner ganz unterschieden ist, und dieser Unterschied macht es, daß es nicht ei nerley Stück ist, ob der Inhalt gleich einerley ist, wo von sie die Haupthandlung beyde beybehalten haben. Diese muß man also beybehalten; doch muß man zu gleicher Zeit untersuchen, ob sie nicht allzugrausam oder allzuschwer in der Vorstellung scheinen würde, daß sie nicht den Glauben, den der Zuhörer der Ge schichte schuldig ist, und den er auch gerne der Fabel geben will, indem er sich an die Stelle derjenigen setzt, die sie für wahr gehalten haben, verringere. Wenn man diese Unbequemlichkeit zu befürchten hat,
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so ist es gut, wenn man den Ausgang vor den Augen versteckt, und ihn nur durch eine bloße Erzählung, welche uns leichter als die Vorstellung betrügt, den Zuschauern wissen läßt. [] Aus diesem Grunde will Horaz nicht, daß Medea ihre Kinder vor den Augen des Volks umbringe, oder Atreus die Kinder des Thyestes brate. Die Schreck lichkeit dieser Handlungen verursacht, daß man sie mit Mühe glaubt, so wie die Verwandlung der Progne in einen Vogel, oder des Cadmus in eine Schlange eben diesen Unglauben hervorbringen würde, wenn man sie vor den Augen der Zuschauer vorstellen wollte, so unmöglich als diese Vorstellung an sich selber ist. Quaecunque oſtendis mihi ſic, incredulus odi. [] Ich gehe noch weiter. Diese gefährliche Schreck lichkeit einer historischen Handlung zu lindern oder abzuschneiden, wollte ich sie gar, ohne daß die Haupt person, für den wir allezeit die Gunst der Zuschauer beybehalten müssen, daran Theil nehme, geschehen lassen. Als Kleopatra den Seleukus getödtet hat te, so reichte sie ihrem andern Sohne Antiochus, bey seiner Zurückkunft von der Jagd, gleichfalls Gift, dieser aber, weil er es merkte, bringt sie dahin, daß sie es selbst nehmen und sich vergiften mußte. Wenn ich diese Handlung ohne sie zu ändern vorgestellt hätte, so würde ich einen Mord durch den andern haben bestrafen las sen, und man würde den Antiochus verabscheuet ha ben. Es war also rathsamer, daß sie sich selbst, weil sie sahe, daß ihre Untreue würde entdeckt werden, aus Verzweiflung vergiftete, damit sie die zwey Verlieb ten mit in ihren Untergang zöge, indem sie ihnen alles
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Mistrauen benimmt. Dadurch wird die Strafe die ser unempfindlichen Mutter zu einem viel stärkern Exempel, indem sie durch die Gerechtigkeit des Him mels und nicht durch die Rache der Menschen um kömmt: und andern Theils verlieret auch Antiochus von seinem Mitleiden und der Zuneigung die man zu ihm hat, nichts, sondern sie verstärken sich viel mehr. Endlich wird auch dadurch, trotz der Verän derung, die historische Wahrheit beybehalten, weil Kleopatra durch eben das Gift, das sie dem Antio chus reichte, umkömmt. [] Phokas war ein Tyrann, und seine Ermordung war keine Lasterthat. Gleichwohl war es besser ge than, daß sie durch die Hand des Exuperus, und nicht durch den Heraklius geschahe. Wir müssen unsre Helden von Schandthaten so sehr bewahren, als es nur immer möglich ist, wir müssen sie ihre Hände nicht mit Blut beflecken lassen, es geschehe denn in einer gerechten Schlacht. Dieses habe ich mich in dem Nikomed zu thun bemühet. Prusias, sein Vater, wollte ihn bey der Armee umbringen lassen; es ward ihm durch die Mörder selbst entdeckt, wor auf er in das Königreich einrückte, sich dessen bemäch tigte, und den unglücklichen Vater dahin brachte, daß er sich in einer Höle verbergen mußte, in welcher er ihn selbst umbrachte. Ich habe aber die Historie so weit nicht getrieben. Nachdem ich ihn so tugendhaft abgemalt hatte, so konnte ich ihn keines Vatermords schuldig werden lassen, sondern ich glaubte, es würde genug seyn, wenn ich seine Verfolger in seiner Gewalt ließe, ohne daß er was weitres unternehme.
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[] Ich muß es gestehen, daß ich mir auch eine kleine Schwierigkeit bey dem Tode der Klytemnestra ma che, welchen uns Aristoteles gleichwohl zum Exempel derjenigen Handlungen, woran wir nichts ändern müssen, vorstellet. Ich bin darinne mit ihm einig, daß sie kein andrer als Orestes umbringen muß; das aber scheint mir unerträglich, daß sie ihr Sohn bey dem Sophokles vorsetzlicher Weise durchbohret, eben da sie vor ihm auf den Knien liegt, und ihn um ihr Leben bittet. Auch an der Elektra, welche sonst in dem ganzen Stücke als eine tugendhafte Unterdrückte vorgestellet wird, will mir die Unmenschlichkeit, den Bruder zu einem Muttermorde zu ermahnen, nicht gefallen. Es ist zwar ein Sohn der seinen Vater rächet, aber er rächet ihn an seiner Mutter. Se leukus und Antiochus hätten in der Rodogune das Recht gehabt eben dergleichen zu thun, ich habe mich aber wohl gehütet, sie auch nicht einmal daran denken zu lassen. Doch unser Grundsatz, die Haupt personen liebenswürdig zu machen, war bey den Alten nicht im Gebrauche, und diese Republikaner hatten einen so großen Haß gegen die Könige, daß sie mit Vergnügen, auch an den Unschuldigsten von ihrem Geschlechte, Lasterthaten erblickten. Wenn wir die sen Stoff nach unsrer Schaubühne einrichten wollten, so müßte Orestes nur dem Aegisthus nachstellen, die Strafe seiner Mutter aber müßte er aus einem Reste von Ehrfurcht gegen sie, den Göttern überlassen wol len; indem aber die Königinn durchaus ihren Ehe brecher beschützen wollte, und sich unglücklicher Weise zwischen ihn und seinen Sohn würfe, so könnte sie der Stoß durchbohren, der den Aegisthus hätte treffen sol
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len. Sie stürbe also von der Hand ihres Sohnes, wie es Aristoteles haben will, ohne, daß die Grau samkeit des Orestes uns zum Entsetzen brächte, wie bey dem Sophokles, und ohne daß seine Handlung die Plage der rächerischen Furien verdiente, weil er unschuldig bleibt. [] Aristoteles selbst billiget dieses Verfahren, wenn er uns lehret, daß der Dichter nicht verbunden wä re, die Sachen so abzuhandeln, wie sie vor gegangen sind, sondern wie sie dem Wahr scheinlichen und dem Nothwendigen nach, hätten vorgehen können oder sollen. Er wie derholt diese letztern Worte mehrmals, ohne, daß er sie erklärt. Ich will mich bemühen, dieses so gut als mir es möglich ist, zu ersetzen, man wird mir es aber vergeben, wenn ich mich irren sollte. [] Ich sage also erstlich, daß die Freyheit, die er uns giebt die historischen Handlungen durch wahrschein liche Erfindungen zu verschönern, kein Verboth in sich schließt uns im Falle der Noth von dem Wahrschein lichen zu entfernen. Es soll eine Freyheit seyn, die er uns giebt, und nicht eine Knechtschaft, die er uns auf legen will. Dieses ist aus seinen Worten selbst klar. Wenn wir die Sachen nach dem Wahrscheinlichen oder nach dem Nothwendigen abhandeln können, so müssen wir das Wahrscheinliche verlassen können, um dem Nothwendigen zu folgen, und dieses oder läßt uns die freye Wahl, uns des einen oder des andern Weges zu bedienen, nachdem wir es für zuträglich erachten. [] Diese Freyheit des Dichters ist in dem 25 Capitel, welches die Entschuldigungen oder vielmehr Recht
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fertigungen, deren er sich gegen seine Tadler bedienen kann, enthält, noch deutlicher. Er muß sich, spricht er, einer von den drey Arten die Sachen aus zuführen bedienen, entweder muß er sie vor stellen, wie sie gewesen sind, oder wie man sagt, daß sie gewesen sind, oder wie sie hätten seyn sollen. Hierdurch stellt er es in seine Wahl, entwe der der historischen Wahrheit oder der gemeinen Mey nung, welche der Grund der Fabeln ist, oder der Wahrscheinlichkeit zu folgen. Gleich drauf fügt er hinzu: Wenn man ihm vorwirft, daß er die Begebenheit nicht nach der Wahrheit abge handelt habe, so kann er antworten, er habe sie so vorgestellt, wie sie hätte geschehen sol len: giebt man ihm aber Schuld, er habe weder das eine noch das andre gethan, so kann er sich mit dem, was die gemeine Meynung davon sagt, wie in dem was von den Göt tern erzählt wird, wovon der größte Theil nicht wahr ist, entschuldigen. Und kurz her nach: Oft ist es nicht die beste Art, nach wel cher sie sich zugetragen haben, und nach wel cher sie der Dichter beschreibt; gleichwohl haben sie sich in der That auf diese Art zuge tragen; und der Dichter folglich ist außer Schuld. Diese letzte Stelle beweiset, daß wir eben nicht ver bunden sind uns von der Wahrheit zu entfernen, da mit wir den Handlungen des Trauerspiels, durch die Auszierungen der Wahrscheinlichkeit, eine beßre Art geben können, und beweiset es um so viel kräftiger, je unwidersprechlicher aus der andern von diesen drey angeführten Stellen erhellet, daß bloß die allgemei
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ne Meynung uns zu rechtfertigen genug sey, wenn wir die Wahrheit nicht für uns haben, und daß wir etwas besseres daraus machen können, wenn wir die Schönheiten dieser Wahrscheinlichkeit aufsuchen. Wir laufen dadurch zwar Gefahr weniger Beyfall zu fin den, doch das ist auch nur eine Sünde wider die Sorgfalt für unsre Ehre, nicht aber wider die Regeln der Schaubühne. [] Ich will noch eine andre Anmerkung über diese Ausdrücke Wahrscheinlichkeit und Nothwen digkeit machen. Sie werden oft von dem Philoso phen mit einander versetzt: bald spricht er, nach dem Nothwendigen oder dem Wahrscheinli chen, und bald, nach dem Nothwendigen oder Wahrscheinlichen. Hieraus schließe ich, daß es Gelegenheiten giebt, wo man das Wahrscheinliche dem Nothwendigen vorziehen muß, und andre, wo man das Nothwendige dem Wahrscheinlichen vorzie hen muß. Die Ursache davon ist diese, weil das, was man in alternativischen Sätzen zur letzt stellet, gleichsam wie ein Nothhelfer muß angesehen werden, mit dem man zufrieden seyn muß, wenn man zu dem ersten nicht gelangen kann; doch muß man sich nach dem ersten bestreben, ehe man das andre ergreift, zu dem man seine Zuflucht nur in Ermangelung des ersten nehmen kann. [] Diese wechselsweise Verziehung des Wahrschein lichen vor dem Nothwendigen, und des Nothwendigen vor dem Wahrscheinlichen deutlich zu machen, muß man zweyerley in den Handlungen, die die Tragödien ausmachen, unterscheiden. Das erste bestehet in den Handlungen selbst und in den unzertrennlich damit
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verbundenen Umständen der Zeit und des Orts; und das andre in der Verbindung, die sie unter einander haben, und wornach eines aus dem andern folget. Bey dem ersten ist das Wahrscheinliche dem Nothwendi gen vorzuziehen, bey dem andern aber das Nothwen dige dem Wahrscheinlichen. [] Man muß die Handlungen da geschehen lassen, wo sie am leichtesten und am anständigsten geschehen kön nen, man sie auch in einem gehörigen Zeitraume vor sich gehen lassen, ohne sie außerordentlich zusammen zu pressen, wenn es nicht die Nothwendigkeit, sie an einem Orte und in einem Tage vorzustellen, dazu zwinget. Ich habe schon in der ersten Abhandlung gesagt, daß wir oft, die Einigkeit des Orts zu erhal ten, Personen auf einem öffentlichen Platze reden las sen, die sich wahrscheinlicher Weise in ihren Zimmern unterhalten würden, und ich bin versichert, wenn man das, was ich im Cid, oder Polyeukt, oder im Pom pejus, oder im Lügner habe vorgehen lassen, in ei nem Roman erzählte, so würde man ihm gewiß mehr Zeit zur Währung als einen Tag geben. Der Ge horsam, den wir den Regeln von der Einheit der Zeit und des Orts schuldig sind, spricht uns von dem Wahr scheinlichen los, ob er uns gleich nicht das Unmögliche erlaubt. Doch wir verfallen nicht allezeit in diese Nothwendigkeit, und in dem Kammermägdchen, im Cinna, im Theodor, im Nikomed habe ich es nicht nöthig gehabt, mich in Ansehung der Zeit von dem Wahrscheinlichen zu entfernen, wie ich es in an dern Stücken habe thun müssen. [] Die Veränderung einer Tragödie in einen Roman, ist der Probierstein, worauf wir die nothwendigen Handlun
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gen von den wahrscheinlichen unterscheiden können. Auf der Bühne sind wir durch den Ort, durch die Zeit und durch die Unbequemlichkeiten der Vorstellung gebunden. Diese verhindern uns viel Personen auf einmal vor Augen zu stellen, weil die einen die andren entweder hindern, oder selbst ohne Bewegung bleiben würden. In dem Roman fällt aller dieser Zwang weg. Er giebt den Handlungen, die er beschreibt, die gehörige Zeit, worinne sie geschehen können, er bringt diejenigen, die er reden oder handeln oder den ken läßt, in ein Zimmer, in einen Wald, an einen öffentlichen Ort, so wie es sich für ihre besondern Handlungen schickt, er bedient sich eines ganzen Pal lasts, einer ganzen Stadt, eines ganzen Königreichs, ja der ganzen Welt, und wenn er etwas auch vor dreyßig Personen geschehn oder erzählen läßt, so kann er aller Gesinnungen dabey eine nach der andern be schreiben. Dieserwegen hat er auch nicht das gering ste Recht sich von der Wahrscheinlichkeit zu entfernen, weil er nichts anführen kann, was ihn dazu genöthi get hätte. [] Weil es aber auf dem Theater [] nicht so leichte ist, alles zur Wahrscheinlichkeit zu bringen, weil man da selbst den Zuschauern nichts als durch die Personen, die ihnen in kurzer Frist vorgestellt werden, kann wis sen lassen, so wird ein dramatischer Dichter auch desto leichter davon frey gesprochen. Man könnte zwar sa gen, er werde nicht sowohl von der Wahrscheinlichkeit frey gesprochen, sondern es werde ihm nur eine etwas weniger umschränkte Wahrscheinlichkeit verstattet: doch da uns Aristoteles das Recht giebt, die Sachen nach dem Nothwendigen abzuhandeln, so will ich doch
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lieber sagen, daß alles das, was in einem Trauerspie le auf eine andre Art geschiehet, als es würde in einem Roman geschehen seyn, wenn man es scharf nehmen will, gar keine Wahrscheinlichkeit habe, und daß es unter die nothwendigen Handlungen gezählt werden müsse. [] Die Horazier können uns einige Exempel davon geben. Die Einigkeit des Orts ist darinne genau, alles geht in einem Saale vor. Wenn man aber ei nen Roman, mit allen besondern Umständen, die ich von Auftritt zu Auftritt dabey angebracht habe, daraus machte, würde man wohl alles in einem Saale vorge hen lassen? Bey dem Schlusse des ersten Aufzugs wollen sich Curiaz und Camilla seine Liebste, zu der übrigen Familie begeben, welche also in einem an dern Zimmer seyn muß; zwischen den beyden ersten Aufzügen erfahren sie die Wahl der drey Horazier; bey der Eröffnung des andern ist gleichwohl Curiaz in eben dem Saale, ihnen dazu Glück zu wünschen. In dem Roman würde er diesen Glückwunsch gleich an dem Orte, wo er die Nachricht erhielt, in Gegenwart der ganzen Familie, abgelegt haben, und es ist nicht wahrscheinlich, daß sie sich dieser Freudensbezeigun gen wegen erstlich an einen andern Ort würden bege ben haben; auf dem Theater [] aber ist es nothwendig, denn sonst hätten die Gesinnungen der drey Horazier, des Vaters, der Schwester, des Curiaz und der Sabina alle auf einmal müssen vorgestellet werden. Der Roman, welcher nichts vorzustellen hat, würde viel leichter damit zu Stande gekommen seyn: auf der Bühne aber mußte man sie von einander trennen, da mit man sie in eine Ordnung bringen und eine nach
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der andern vornehmen konnte, und ich ward also genö thiget, diese beyde, mit welchen ich den Anfang mach te, ohne Wahrscheinlichkeit wieder in denselben Saal zu bringen. Wenn man dieses ausnimmt, so ist das übrige des Aufzugs vollkommen wahrscheinlich, und es ist nichts darinne, was in einem Roman auf eine andre Weise hätte geschehen müssen. Zum Schlusse dieses Aufzugs begeben sich Sabina und Camilla voll Misvergnügen aus dem Saale; sie sind von der Betrübniß so eingenommen, daß sie wahrscheinlicher Weise sich in ihre Zimmer zu verschließen gehn, wo sie auch der Roman in Ruhe würde weinen, und die Nach richt von dem Streite erhalten lassen. Gleichwohl muß die Sabina, aus Nothwendigkeit sie den Zu schauern zu zeigen, ihr Zimmer zu Anfange des drit ten Aufzuges verlassen, und kömmt in eben den Saal zurück, sich mit ihrer schmerzlichen Unruhe zu unter halten, wo sie hernach von der Camilla angetroffen wird. Wenn dieses vorbey ist, so ist das übrige in diesem Aufzuge eben so wahrscheinlich, wie in dem an dern: und wenn man die ersten Auftritte in den zwey letzten Aufzügen gleich scharf untersuchen wollte, so würde man ohne Zweifel eben das finden, und der Roman würde die Personen an einen ganz andern Ort versetzt haben, als in diesen Saal, wenn sie ihn ein mal verlassen hätten, wie sie ihn zum Schlusse eines jeden Aufzuges verlassen. [] Diese Beyspiele können genug seyn, zu erklären, wie man eine Handlung nach dem Nothwendigen ab handeln kann, wenn es sich nicht nach dem Wahr scheinlichen thun läßt, welches man allezeit dem Noth
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wendigen vorziehen muß, wenn man nichts als die Handlungen an und für sich selber betrachtet. [] Mit der Verbindung aber, nach welcher eines aus dem andern entsteht, ist es ganz anders beschaffen. Hier ist das Nothwendige allezeit dem Wahrscheinlichen vorzuziehen; nicht weil diese Verbindung nicht allezeit wahrscheinlich seyn müsse, sondern weil es weit besser ist, wenn sie wahrscheinlich und nothwendig zugleich ist. Der Grund davon ist leichte einzusehn. Wenn sie bloß wahrscheinlich und nicht nothwendig ist, so kann sie das Gedichte gar entbehren, und sie ist als dann von keiner besondern Wichtigkeit; wenn sie aber wahrscheinlich und nothwendig zugleich ist, so wird sie ein wesentliches Stück des Gedichts, welches ohne sie nicht bestehen kann. In dem Cinna kann man Exem pel von beyden Arten der Verbindung finden; ich nen ne aber die Verbindung die Art, wie eine Handlung aus der andern entsteht. Seine Verschwörung wider den August wird nothwendig von der Liebe, die er zur Aemilia hat, verursacht, weil er sie heirathen will, und sie sich nicht anders als mit dieser Bedin gung an ihn übergeben mag. Von diesen zwey Handlungen ist die eine wahr, die andre ist wahrschein lich, und ihre Verbindung ist nothwendig. Die Güte des Augusts erweckt in dem Cinna Reue und Unent schließigkeit: diese Reue und Unentschließigkeit aber wird nur wahrscheinlicher Weise von dieser Güte verur sacht, und sie haben nur eine wahrscheinliche Verbin dung mit einander, weil Cinna hartnäckig bleiben, und zu seinem Zwecke, die Aemilia zu heirathen, gelangen könnte. Er zieht sie in dieser Unentschließig keit zu Rathe; diese Zuratheziehung ist bloß wahrschein
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lich, sie ist aber doch eine nothwendige Wirkung seiner Liebe, denn wenn er die Verschwörung ohne ihre Ein stimmung aufgehoben hätte, so würde er nimmermehr den Endzweck erreicht haben, den er sich vorgesetzt hatte; folglich ist dieses eine nothwendige Verbindung zweyer wahrscheinlichen Handlungen, oder, welches einerley ist, eine nothwendige Wirkung einer wahr scheinlichen Handlung vermittelst einer andern, gleich falls nur wahrscheinlichen. [] Ehe wir noch auf die Erklärung und Eintheilungen des Wahrscheinlichen und Nothwendigen kommen, so wollen wir noch eine Betrachtung über die Handlun gen, woraus das Trauerspiel besteht, anstellen; und wir werden finden, daß wir deren dreyerley dabey an wenden können, wie wir es für das beste halten. Die einen folgen der Geschichte, die andern setzen was zu der Geschichte hinzu, die dritten verfälschen die Ge schichte. Die ersten sind wahr, die andern manchmal wahrscheinlich und manchmal nothwendig, und die drit ten müssen allezeit nothwendig seyn. [] Wenn sie wahr sind, so braucht man sich nicht sehr um die Wahrscheinlichkeit zu bekümmern; sie haben ihrer Hülfe nicht nöthig. Alles, was offenbar geschehen ist, sagt Aristoteles, hat können gesche hen seyn; denn wenn es nicht hätte geschehen können, so würde es auch nicht geschehen seyn. Das, was wir zu der Geschichte hinzu fügen, hat ihr Ansehen nicht, und kann also auch dieses Vorrecht nicht haben. Wir haben eine natürliche Nei gung, setzt der Philosoph hinzu, zu glauben, daß das, was nicht geschehen ist, auch nicht hat geschehen können; und eben deswegen müssen wir
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das, was wir erfinden, so wahrscheinlich machen, als es nur möglich ist, damit es glaubwürdig werde. [] Wenn ich diese beyden Stellen genau überlege, so glaube ich mich von seiner Meynung nicht zu entfer nen, wenn ich das Wahrscheinliche also zu erklären wage: es sey eine in der Wohlanständigkeit of fenbar mögliche Sache, welche weder offen bar wahr, noch offenbar falsch ist. Man kann zwey Eintheilungen davon machen, einmal in die all gemeine und besondre, und zum andern in die ordent liche und außerordentliche Wahrscheinlichkeit. [] Die allgemeine Wahrscheinlichkeit ist das, was geschehen kann, und was einem Könige, einem Ge neral, einem Liebhaber, einem Ehrgeizigen etc. zu thun ansteht. Die besondre Wahrscheinlichkeit ist das, was sich insbesondre für einen Alexander, Cäsar, Al cibiades schickt, und was mit dem übereinstimmen muß, was uns die Historie von ihren Thaten meldet. Alles also, was wider die Geschichte anstößt, weicht von dieser Wahrscheinlichkeit ab, weil es offenbar falsch ist; und so ist es nicht wahrscheinlich, daß Cä sar nach der pharsalischen Schlacht sich mit dem Pom pejus sollte vertragen haben, oder August nach der Schlacht bey Actium mit dem Antonius, ob es gleich, überhaupt zu reden, ganz wahrscheinlich ist, daß sich in einem bürgerlichenKriege, nach einer großen Schlacht, die Häupter der Parteyen mit einander vertragen, besonders, wenn sie beyde großmüthig sind. [] Diese offenbare Falschheit, welche alle Wahrschein lichkeit über den Haufen stößt, kann sich auch sogar in den ganz und gar erdichteten Stücken befinden. Man
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kann zwar die Historie daselbst nicht verfälschen, weil diese gar keinen Theil daran hat, allein es sind gewisse Umstände der Zeit und des Orts, welche den Ver fasser, wenn er seine Einrichtung nicht wohl macht, seiner Lügen überführen können. Wenn ich einen Kö nig von Frankreich oder Spanien unter einem erdichte ten Namen einführte, und wählte zur Zeit der Hand lung ein Jahrhundert, worinne uns die Geschichte wahrhaftige Könige von diesen beyden Reichen meldet, so würde die Falschheit sehr deutlich seyn; die aber würde noch viel empfindlicher seyn, wenn ich Rom zwey Meilen von Paris setzen wollte, damit man in einem Tage hin und her kommen könne. Es giebt ge wisse Sachen, worauf der Poet niemals einiges Recht hat. Er kann sich zwar einige Freyheit gegen die Hi storie nehmen, in so weit sie die Handlungen besondrer Personen, als den Cäsar oder den August angeht, und kann ihnen Handlungen beylegen, die sie niemals gethan haben, oder kann sie auf eine andre Art gesche hen lassen, als sie nicht geschehen sind; allein die Chro nologie kann er nicht umstoßen, und kann nicht den Alexander zu Zeiten des Cäsars leben lassen, noch vielweniger kann er die Lagen der Oerter, die Namen der Königreiche, der Provinzen, der Städte, der Berge, und der merkwürdigen Flüsse ändern. Die Ursache ist, weil diese Provinzen, diese Berge, diese Flüsse beständig bleibende Sachen sind. Was wir von ihrer Lage wissen, war von Anfange der Welt so, und wir dürfen nicht vermuthen, daß eine Verände rung damit vorgegangen sey, wenn sie von der Ge schichte nicht ausdrücklich bemerkt wird; die Geo graphie aber sagt uns alle ihre sowohl alte als neue
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Namen. Derjenige also würde sehr lächerlich seyn, der sich einbilden wollte, zu den Zeiten Abrahams ha be Paris an dem Fuße der Alpen gelegen, oder die Seyne wäre durch Spanien geflossen, und wollte der gleichen Ungereimtheiten in ein erfundenes Stück brin gen. Allein die Historie betrifft vorgehende Sachen, und von denen eine auf die andre folgt, und deren jede nur einen Augenblick währet, und wovon vieles der Kenntniß derjenigen, die die Geschichte schreiben, ent wischt. Man kann auch keine aufweisen, die alles in sich enthielte, was sich an den Orten, von welchen sie redt, zugetragen hat, oder alles was von dem, dessen Leben sie beschreibt, ist verrichtet worden. Ich nehme auch nicht einmal die Commentare des Cäsars aus, worinne er seine eigne Historie, die er doch wohl vollkommen wissen sollte, beschreibet. Wir wissen, was für Länder an der Rhone und an der Seyne gele gen haben, ehe Cäsar nach Gallien gekommen ist, al lein wir wissen wenig, oder vielleicht gar nichts, was sich vor seiner Ankunft daselbst zugetragen hat. Wir können zwar also wohl einige Handlungen daselbst vor gehen lassen, die wir zu dieser Zeit geschehen zu seyn erdichten, allein an der natürlichen Entfernung eines Orts von dem andern, können wir, unter dem Vor wande einer poetischen Erfindung, oder der lange ver floßnen Zeiten, nichts ändern. So hat Barclajus in seiner Argenis verfahren, er nennt jede Stadt, je den Fluß von Sicilien, jede von unsern Provinzen mit seinem eigentlichen Namen, obgleich die Namen allen Personen, die er einführt, eben sowohl, wie ihre Handlungen, erdichtet sind.
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[] Aristoteles scheint in diesem Puncte so strenge nicht zu seyn, weil er glaubt, der Dichter sey zu ent schuldigen, wenn er wider eine andre als seine Kunst sündige, zum Exempel wider die Me dicin oder wider die Astrologie. Hierauf aber antworte ich, daß er ihn unter keiner andern Bedingung entschuldiget, als wenn er dadurch zum Zwecke seiner Kunst gelanget, zu welchem er nicht anders hätte gelangen können. Er geste het auch noch; daß er in diesem Falle sündige, und daß es besser wäre wenn er gar nicht sün digte. Wenn ich diese Entschuldigung annehmen sollte, so würde ich einen Unterschied unter den Kün sten machen; unter denen, von welchen er ohne Schan de nichts verstehen kann, weil es sehr selten Gelegen heit giebt, auf der Bühne davon zu sprechen, als die Arzeneykunst oder die Astrologie; und unter denen, ohne deren Kenntniß, entweder ganz oder zum Theile, er in seine Stücke keine Genauigkeit bringen könnte, dergleichen die Geographie und die Chronologie sind. Weil er keine Handlung vorstellen kann, ohne daß er sie an einen gewissen Ort oder an eine gewisse Zeit bringt, so ist er nicht zu entschuldigen, wenn er in der Wahl dieses Orts oder dieser Zeit, seine Unwissenheit verräth. [] Ich schreite zu der andern Eintheilung, in die or dentliche und außerordentliche Wahrscheinlichkeit. Die ordentliche ist eine Handlung, welche in der That nicht so ofte als ihr Gegentheil geschiehet, deren Möglich keit aber doch groß genug ist, daß sie noch für kein Wunder, oder für eine von den besondern Begeben
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heiten anzusehen ist, welche den Inhalt der blutigen Trauerspiele ausmachen, und die sich auf die Historie oder auf die allgemeine Meynung gründen müssen, und die zu keinen Mustern als in den Episoden, wo von sie den Körper ausmachen, können gebraucht wer den, weil sie nicht glaublich sind, wenn sie diese Stü tzen nicht haben. Von der außerordentlichen Wahr scheinlichkeit giebt uns Aristoteles zwey allgemeine Exempel. Das eine ist, wenn ein listiger Mensch durch einen weniger Listigen betrogen wird, das andre, wenn sich ein Schwächrer mit einem Stärkern schlägt und den Sieg davon trägt, welches besonders allezeit wohl aufgenommen wird, wenn die Sache des Ein fältigern oder Schwächern die gerechteste ist. Es scheinet alsdann, daß die Gerechtigkeit des Himmels den Ausgang geführt habe, welcher desto leichter Glau ben findet, je mehr er mit den Wünschen der Zu schauer übereinkömmt, die sich allezeit derjenigen an nehmen, deren Verfahren das billigste ist. Daher würde der Sieg des Cid über den Grafen von einer außerordentlichen Wahrscheinlichkeit seyn, wenn er nicht wahr wäre. Es ist wahrscheinlich, sagt un ser Lehrer, daß sich viel Sachen wider die Wahrscheinlichkeit zutragen; und weil er da durch zugesteht, daß sich diese außerordentlichen Wir kungen wider die Wahrscheinlichkeit eräußern, so wollte ich sie lieber schlechtweg nur glaublich nennen, und sie unter das Nothwendige bringen, weil man sich ihrer niemals als nur im Nothfalle bedienen muß. [] Man kann mir einwerfen, eben dieser Philosoph sage, daß man in Ansehung der Poesie das un
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mögliche glaubliche, dem möglichen unglaub lichen vorziehen müsse; und hieraus könnte man denn folgern, daß ich wenig Grund hätte auf die Wahrscheinlichkeit so zu dringen, weil sie, nach der Er klärung, die ich davon gegeben habe, offenbar mög lich seyn müsse, wenn sie glaublich seyn solle, und gleich wohl, nach dem Aristoteles, auch unmögliche Sachen glaublich seyn könnten. [] Diese Schwierigkeit zu heben, und zu finden, von was für einer Natur dieses unglaublich mögliche, wo von er uns kein Exempel giebt, sey, so antworte ich, daß es an und für sich selbst unmögliche Sachen giebt, die ganz leichte möglich, und also auch glaublich schei nen, wenn man sie auf eine andre Art betrachtet. So sind alle die, wo wir die Historie verfälschen. Es ist unmöglich, daß sie so können geschehen seyn, wie wir sie vorstellen, weil sie auf eine andre Art gesche hen sind, und weil es auch nicht einmal in der Ge walt Gottes steht das Vergangene zu ändern: sie scheinen aber offenbar möglich zu seyn, wenn sie die allgemeine Wahrscheinlichkeit haben, und wenn man sie abgesondert von der Historie betrachtet, und das von ihr auf eine Zeitlang vergessen, was mit dem er fundenen streitet. Alles was im Nikomed vorgeht ist unmöglich, weil die Geschichte meldet, daß er sei nen Vater umgebracht habe ohne ihn zu sehn, und daß seine Brüder von der andern Ehe als Geißel in Rom gewesen wären, als er sich des Königreichs be mächtigte. Alles was in dem Heraklius vorfällt, ist eben so wenig möglich, denn er war kein Sohn des Mauritius, er wurde auch nicht für einen Sohn des
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Phokas gehalten, und dafür bey diesem Tyrannen auf erzogen, sondern er zog mit offenbarer Gewalt von den africanischen Ufern, wo er Statthalter war, wi der ihn los, und hat ihn wohl niemals gesehen. Gleich wohl hält man diese Zwischenfälle in diesen beyden Trauerspielen nicht für unglaublich, und diejenigen, die es wissen, daß sie mit der Historie nicht überein kommen, setzen ihr Wissen unterdessen leichtlich bey Seite, damit sie sich an der Vorstellung ergetzen kön nen, denn sie sind wenigstens von der allgemei nen Wahrscheinlichkeit, ob ihnen gleich die besondre fehlt. [] Alles was uns die Fabel von den Göttern und ih ren Verwandlungen sagt, ist gleichfalls unmöglich, gleichwohl wird es uns durch die gemeine Meynung und durch die alte Fortpflanzung, die uns es zu hö ren gewöhnt hat, glaublich. Wir haben so gar das Recht, nach diesen Mustern zu erdichten, und gleich unmögliche Zwischenfälle mit dem zu verbinden, was uns der alte Irrthum davon entdeckt hat. Die Er wartung des Zuschauers wird nicht hintergangen, weil der Titel des Gedichts ihm gleich nichts als lauter un mögliche Sachen verspricht: es kömmt ihm alles wahrscheinlich darinne vor, und wenn er einmal vor ausgesetzt hat, daß Götter sind, daß sie sich um die Menschen bekümmern, daß sie mit ihnen umgehn, so hat er keine Schwierigkeit mehr, sich das übrige zu überreden. [] Nachdem ich mich nun bemüht habe zu erklären, was das Wahrscheinliche sey, so ist es numehro auch Zeit, daß ich eine Erklärung von dem Nothwendi
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gen wage, wovon Aristoteles so ofte redt, und wel ches uns einzig das Recht giebt, die Historie zu ver ändern, und uns von der Wahrscheinlichkeit zu ent fernen. Ich sage also, daß das Nothwendige, in An sehung der Poesie, nichts anders sey als die Noth wendigkeit des Dichters zu seinem Zwecke zu gelangen, oder seine Zuhörer dazu gelangen zu lassen. Diese Erklärung hat ihren Grund in der unterschiednen Bedeutung des griechischen Worts ἀναγκαιον, welches nicht allezeit etwas durchaus noth wendiges bedeutet, sondern auch manchmal nur das, was uns bey Erlangung einer Sache nützlich ist. [] Der Zweck der spielenden Personen ist verschieden, nach den verschiednen Absichten, welche ihnen die Verschiedenheit der Stoffe giebt. Ein Liebhaber hat den Zweck seine Liebste zu besitzen, der Hochmüthige eine Krone zu erlangen, ein Beleidigter sich zu rä chen, ein jeder einen andern. Dasjenige nun, was sie thun müssen, dazu zu gelangen, heißt das Noth wendige, welches man dem Wahrscheinlichen vorzie hen muß, oder genauer zu reden, welches man in der Verbindung der Handlungen mit dem Wahrscheinli chen vereinigen muß. Ich glaube mich hierüber schon genugsam erklärt zu haben, ich will also nichts mehr davon gedenken. [] Der Zweck des Dichters ist nach den Regeln seiner Kunst zu gefallen. Diesen zu erhalten muß er manch mal den Reiz der schönen Handlungen erhöhen, und die Schrecklichkeit der schändlichen Thaten verringern. Dieses sind die Nothwendigkeiten der Verschönerung,
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wo er ganz wohl wider die besondre Wahrscheinlich keit verstoßen, und etwas in der Geschichte ändern kann; von der allgemeinen aber darf er sich nur sehr selten, und nur um Sachen entfernen, welche von der äußersten Schönheit und von verblendendem Reize sind. Besonders aber darf er sie niemals bis über die außerordentliche Wahrscheinlichkeit treiben, weil die Verzierungen, die er aus seiner Erfindung hinzu thut, von keiner unumgänglichen Nothwendigkeit sind, und weil er besser thut, wenn er sich derselben gar entschlägt, als daß er sein Gedichte wider alle Wahr scheinlichkeit damit schmücket. Nach den Regeln zu gefallen muß er seine Handlung in die Einheit der Zeit und des Orts einschließen, und weil dieses von unumgänglicher Nothwendigkeit ist, so ist ihm bey diesen zwey Stücken weit mehr erlaubt, als bey den Auszierungen. [] Man kann sowohl in der Geschichte als in der Ein bildung der Menschen eine Menge von berühmten und des Trauerspiels würdigen Handlungen, deren Be rathschlagungen und Wirkungen an einem Orte und an einem Tage, ohne der gemeinen Ordnung der Sa chen Gewalt anzuthun, vorgehen könnten, so schwer lich finden, daß ich diese Gewalt nicht ganz und gar verdammen kann, wenn sie nur nicht bis ans Unmög liche getrieben wird. Es giebt schöne Stoffe, wo man sie nicht vermeiden kann, und ein allzugewissenhafter Schriftsteller würde sich der schönsten Gelegenheit zur Ehre, und die Zuschauer vieles Vergnügens berau ben, wenn er es nicht wagen wollte, sie auf die Büh ne zu bringen, aus Furcht, er müsse sie geschwinder
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hinter einander geschehen lassen, als es die Wahrschein lichkeit erlaube. Ich will ihm in diesem Falle einen Rath geben, welchen er vielleicht heilsam befinden wird, dieser besteht darinne, daß er keine gewisse Zeit in seinem Gedichte bemerkt, auch keinen gewissen Ort, wohin er seine Zuschauer versetzt, bestimmt. Die Einbildung der Zuschauer hat mehr Freyheit, dem Strome der Handlungen zufolgen, wenn sie durch diese Bemerkungen nicht angehalten wird; und er würde seine Hinreißung nicht einmal bemerken, wenn diese ihn derselben nicht wider seinen Willen erinnerten. Es hat mich allezeit gereuet, daß ich dem Könige im Cid habe sagen lassen, er wolle daß sich Rodrigue, nach seinem Siege über die Moren, vorher ein oder zwey Stunden erhole, ehe er mit dem Dom Sanche kämpfe. Ich that es um zu zeigen, daß das Stück in vier und zwanzig Stunden vorgehe, es hat mir aber zu nichts geholfen, als daß es die Zuschauer des Zwanges, wel chen ich den Handlungen angethan, erinnerte. Wenn ich diesen Kampf hätte beschließen lassen, ohne eine ge wisse Stunde davon zu bemerken, so hätte man viel leicht nicht daran gedacht. [] Ich halte nicht dafür, daß der Dichter auch in dem Lustspiele diese Freyheit habe, seine Handlungen zu sammen zu pressen, damit er die Einheit der Zeit er halte. Aristoteles will, daß alle die Handlungen, die er hinein bringt, wahrscheinlich seyn sollen, und er setzt nicht hinzu, oder nothwendig, wie bey dem Trauer spiele. Der Unterschied der tragischen und komischen Handlungen ist auch sehr groß. Diese gehen nur ge
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meine Personen an, sie bestehen in nichts als in Lie besverwicklungen, oder Betrügereyen, welche sich so leicht in einem Tage auflösen, daß bey dem Plautus und bey dem Terentius oft ihre Dauer nicht größer als die Zeit ihrer Vorstellung ist. Allein in dem Trauerspiele sind die öffentlichen Handlungen gemei niglich, mit den besondern Umständen der aufgeführten berühmten Personen verbunden; es kommen Schlach ten, Eroberungen, große Gefahren, Staatsunruhen darinnen vor, und alles dieses kann sehr schwerlich so geschwind zugehen, als wir es auf der Bühne vor stellen müssen. [] Wenn man mich fragt, wie weit sich diese Frey heit des Dichters, im Fall der Nothwendigkeit, wider die Wahrheit und Wahrscheinlichkeit zu verstoßen, er strecke, so werde ich schwerlich eine bestimmte Ant wort darauf geben können. Ich habe gezeigt, daß es Sachen giebt, worüber wir kein Recht haben, und in denjenigen, wo diese Freyheit Statt finden kann, muß sie mehr oder weniger eingeschränkt seyn, nachdem der Stoff mehr oder weniger bekannt ist. Es war mir in den Horaziern, und in dem Pompejus weit weniger vergönnt, weil jedermann ihre Geschichte weis, als in der Rodogune oder im Nikomed, welche wenig Leute, ehe ich sie auf die Bühne brachte, auch nur den Na men nach kannten. Die einzige Maaßregel, die man beobachten muß, ist, daß alles was wir zur Historie hinzusetzen, und alle Veränderungen die wir darinne machen, niemals unglaublicher seyn müssen, als dasje nige ist, was wir in dem Gedichte davon beybehalten.
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Auf diese Art müssen wir den Vers bey dem Horaz, wegen der erdichteten Auszierungen, verstehen, Ficta voluptatis cauſa ſint proxima veris, und nicht seinen Verstand bis dahin ausdehnen, daß sich allezeit ein Exempel davon in der Geschichte oder in der Fabel, außer dem Stoffe, den man vorhat, fin den solle. Horaz entscheidet diese Frage noch durch einen andern Vers, so sehr als sie kann entschieden werden, mit welchem ich auch meine Abhandlung schließen will: Dabiturque licentia ſumpta pudenter. Wir wollen uns also derselben mäßig, doch ohne Scrupel bedienen, und, wenn es möglich ist, wollen wir sie gar nicht brauchen. Es ist besser keine Gnade nöthig haben, als sie erhalten.
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II. Die dritte Abhandlung des Peter Corneille, von den drey Einheiten, der Handlung, der Zeit, und des Orts.

[] Ich habe in den zwey vorhergehenden Abhand lungen meine Gedanken über diese Materie schon so umständlich entdeckt, daß ich, wenn ich mich aller Wiederholungen enthalten wollte, we nig mehr zu erinnern finden würde. [] Ich halte also, wie ich schon gesagt habe, dafür, daß in dem Lustspiele die Einheit der Handlung in der Einheit der Verwicklung oder der Hindernisse, welche sich den Absichten der Hauptpersonen in Weg stellen, bestehe; in dem Trauerspiele aber, in der Einheit der Gefahr, der Held mag nun derselben un terliegen oder nicht. Ich will darmit gar nicht sa gen, daß man in dieser nicht verschiedne Gefahren, und in jeder nicht verschiedne Hindernisse anbringen könne, wenn nur eines immer nothwendig aus dem andern folgt; denn alsdann macht die Befreyung von der ersten Gefahr die Handlung noch nicht voll ständig, weil sie gleich eine andre hervorbringt, und
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die Wegschaffung des einen Hindernisses beruhiget die Zuschauer noch nicht, weil sie so gleich in eine neue verwickelt werden. Ich kann mich auf kein Exem pel aus den Alten besinnen, wo die Vervielfältigung mit einander verbundner Gefahren nicht die Einheit der Handlung vernichte. Ich habe aber diese unverknüpfte Verdoppelung in den Horaziern und in der Theodora als einen Fehler angemerkt; denn in jenen war es gar nicht nöthig, daß er seine Schwester, nachdem er gesiegt hatte, umbrachte, und diese auch nicht geb rauchtgebraucht in den Märtyrertod zu rennen, nachdem sie der Beschimpfung entgangen war. Wenn ich mich nicht sehr betriege, so ist der Tod des Polixen und des Astianax in den Trojanerinnen des Seneca von glei cher Unregelmäßigkeit. [] Zum andern will die Einheit der Handlung nicht so viel sagen, als ob das Trauerspiel nicht mehr als eine einzige auf dem Schauplatze dürfe sehen lassen. Die Handlung die der Dichter zu seinem Stoffe wählt, muß Anfang, Mitte und Ende haben, und diese drey Theile sind nicht nur eben so viel Handlungen, welche sich auf die Haupthand lung beziehen, sondern jeder von ihnen kann so gar mehr als eine, wenn sie nur mit einander noth wendig verbunden sind, enthalten. Es muß nur ei ne einzige vollständige Handlung seyn, welche den Zuschauer beruhiget; vollständig aber kann sie durch nichts als durch andre unvollständige Handlungen werden, welche ihr gleichsam den Weg bahnen, und den Zuschauer in einer angenehmen Ungewißheit er halten müssen. Dieses muß man besonders bey dem Schlusse jedes Aufzugs beobachten, damit die Hand
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lung nicht unterbrochen wird. Es ist eben nicht nothwendig, daß man genau wisse, was jede spielen de Person in den Zwischenräumen, welche die Aufzü ge von einander absondern, thue; man braucht nicht einmal zu wissen, daß sie etwas, während der Zeit, da sie nicht auf dem Schauplatze sind, thun. Allein das ist nothwendig, daß in jedem Aufzuge etwas vorkomme, welches uns auf das, was in dem andern geschehen soll, begierig macht. [] Wann man mich fragen sollte, was Cleopatra in der Rodogune thue, nachdem sie ihre zwey Söhne in dem andern Aufzuge verlassen hat, und erst in dem vierten wieder zu dem Antiochus kömmt, so wüßte ich in der That nicht, was ich darauf antworten sollte, und ich glaube auch nicht, daß ich Rechenschaft dar von zu geben verbunden bin. Der Schluß aber die ses zweyten Aufzuges bereitet die Zuschauer auf die freundschaftlichen Bestrebungen der zwey Brüder zu herrschen und die Rodogune dem giftigen Hasse ihrer Mutter zu entziehen. Man sieht die Wirkung da von in dem dritten, dessen Schluß zu einer andern Bestrebung des Antiochus diese zwey Feinde eine nach der andern wieder zu gewinnen, und zu dem vor bereitet, was Seleucus im vierten Aufzuge thut, wel cher diese ausgeartete Mutter nöthiget, dasjenige zu beschließen, was sie in dem fünften ins Werk zu stel len bemüht ist. [] In der Zeit zwischen dem dritten und vierten Auf zuge des Lügners schlafen wahrscheinlicher Weise wohl alle spielende Personen. Gleichwohl wird durch ihre Ruhe, die die Fortwährung der Handlung in die sen zwey Aufzügen nicht aufgehoben, weil in dem
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dritten die Handlung nicht geschlossen wird. Dorante endiget ihn mit dem Vorsatze alles anzuwenden, die Lucrezia wieder zu gewinnen; und bey dem Anfange des folgenden bemüht er sich mit einem von ihren Leu- ten, oder, wenn er Gelegenheit bekommen könnte, mit ihr selbst zu reden. [] Wann ich sage, daß man nicht von dem Rechnung zu geben brauche, was die Personen während der Zeit thun, da sie nicht auf der Bühne sind, so will ich da mit nicht leugnen, daß es nicht manchmal sehr gut sey, wenn man Rechnung davon giebt; sondern ich sage nur, daß man nicht darzu verbunden ist, und daß man sich keine Mühe darum geben darf, wenn die Zuschauer das, was hinter der Bühne geschieht, nicht nothwendig wissen müssen, um das zu verstehen, was vor ihren Augen geschehen soll. Ich sage also nicht, was Cleopatra vom zweyten bis zum vierten Aufzuge gethan hat, weil sie während der Zeit nichts kann gethan haben, was in die Haupthandlung, die ich vorbereite, einen Einfluß hätte: ich sage es aber gleich in den ersten Versen des fünften Aufzuges, daß sie die Zeit zwischen den zwey letzten Aufzügen ange wendet hat, den Seleucus umzubringen, weil dieser Tod ein Theil der Handlung ist. Dieses giebt mir Gelegenheit anzumerken, daß der Poet nicht verbun den ist, alle besondre Handlungen, welche zur Haupt handlung führen, dem Zuschauer vor Augen zu stellen. Er muß nur diejenigen wählen, welche am angenehm sten zu sehen sind, entweder wegen des prächtigen An blicks, oder wegen der Stärke der Leidenschaften, die sie hervorbringen, oder auch einer andern Schönheit wegen, die damit verbunden ist: die übrigen muß er
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hinter die Bühne verbergen, und dem Zuschauer durch eine Erzählung oder durch einen andern Kunstgriff davon Nachricht geben. Vor allen Dingen muß er wohl bedenken, daß sowohl diese als jene in solcher Verbindung mit einander stehen müssen, daß immer die letzten die Wirkungen der vorhergehenden sind, und alle aus der Anlage, welche der erste Aufzug ent halten muß, fließen. Ob diese Regel, die ich also bald in der ersten Abhandlung feste gesetzt habe, gleich neu, und wider die Gewohnheit der Alten ist, so hat sie doch in zwey Stellen des Aristoteles ihren Grund. Die erste ist diese: Es ist, saget er, ein großer Unterschied unter den Begebenheiten, die von einander verursacht werden. Die Mohren kommen im Cid nach dem Tode des Grafen, nicht aber wegen dieses Todes; und der Fischer kommt in dem D. Sancho, nachdem man vermuthet, Carlos sey der arragonische Prinz, nicht aber weil man es vermu thet, und also sind beyde zu verwerfen. Die andre Stelle ist noch entscheidender, und sagt mit ausdrück lichen Worten, daß alles was in dem Trauerspie le vorfällt, nothwendiger oder wahrscheinli er Weise aus dem vorhergegangenen folgen muß. [] Die Verbindung der Auftritte, welche alle beson dern Handlungen eines jeden Aufzuges mit einander verknüpft, und wovon ich in der Untersuchung des Kammermägdchens geredt habe, ist eine große Zier de eines Gedichts, und hilft durch die Fortwährung der Vorstellung viel zur Fortwährung der Handlung; sie ist aber dem ohngeachtet nur eine Zierde und keine
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Regel. Die Alten haben sich derselben nicht alle zeit unterworfen, obgleich größtentheils ihre Aufzü ge nur aus zwey oder drey Auftritten bestehen, wel ches ihnen diese Verbindung viel leichter machte, als uns, die wir einem Aufzuge oft neun bis zehn Auftritte geben. Ich will nur zwey Exempel an führen, wie nachläßig sie hierinne gewesen sind. Das eine ist in dem Ajax des Sophokles, wo die Monologe, die er, ehe er sich tödtet, hält, nicht die geringste Verbindung weder mit dem vorher gehenden noch dem darauf folgenden Auftritte hat. Das andre ist in dem dritten Aufzuge des Evnu chus, wo der Auftritt des Antipho keine Verbindung mit dem Chremes oder der Pythias hat, welche vor her von der Bühne gehen. Die Gelehrten unsres Jahrhunderts, die sie in ihren uns nachgelassenen Trauerspielen zum Muster genommen haben, sind noch viel nachläßiger mit dieser Verbindung, als sie selbst, umgegangen. Hiervon überzeugt zu seyn, darf man nur einen Blick auf die Stücken des Bu chananus, Grotius und Heinsius werfen, wovon ich in der Untersuchung des Polyeuct gesprochen ha be. Wir aber haben unsere Zuschauer an diese Ver bindung so sehr gewöhnt, daß sie keinen unverknüpf ten Auftritt mehr sehen können, ohne ihn als einen Fehler anzumerken. Auge und Ohr ärgern sich dar an, ehe noch der Verstand seine Betrachtung darü ber anstellen kann. Eben dieser Fehler macht den vierten Aufzug im Cinna schlechter als die übrigen; und das was vorher keine Regel war, ist es durch den beständigen Gebrauch geworden.
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[] Ich habe in der Untersuchung des Kammermägd chens von drey Arten der Verbindungen geredet. Die Verbindung des Geräusches habe ich verwor fen, die Verbindung des Gesichts zur Noth verstat tet, und die Verbindung der Gegenwart und Unter redung gelobt; bey dem letzten aber habe ich zwey Sachen mit einander vermengt, die von einander ge sondert zu werden verdienen. Die Verbindungen der Gegenwart und der Unterredung zugleich sind, sonder Zweifel, so vollkommen, als sie nur immer seyn können; es giebt aber auch Verbindungen der Unterredung ohne Gegenwart, und der Gegenwart ohne Unterredung, welche so vollkommen nicht sind. Eine Person, die mit der andern aus einem verbor genen Orte redt, ohne sich zu zeigen, macht eine Ver bindung der Unterredung ohne Gegenwart, die aber gleichwohl sehr gut ist, ob sie schon selten vorkommt. Eine Person, die auf der Bühne bleibt zu hören, was diejenigen, die sie kommen sieht, sagen werden, macht eine Verbindung der Gegenwart ohne Unter redung, die oft sehr übel läßt und in das Gezwungene fällt, weil sie mehr der neue Gebrauch, der nunmehr zu einer Regel geworden ist, als ein nothwendiger Einfluß in den Stoff verursachet. So bleibet, im dritten Aufzuge des Pompejus, Achoreus, nachdem er dem Charmion erzählt, wie Cäsar den König em pfangen, als er ihm den Kopf dieses Helden überreicht, auf dem Theater, weil er beyde kommen sieht, und gern hören will was sie sagen, damit er es der Cleo patra hinterbringen kann. Eben dieses thut Ammon im vierten Aufzuge der Andromeda, dem Phineas zu Gefallen, der sich bey Seite begiebt, als er den Kö
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nig mit seinem ganzen Hofe ankommen sieht. Diese stummgewordene Personen verbinden die Auftritte sehr schlecht, weil sie so wenig Theil daran nehmen, daß sie gar nicht in Betrachtung kommen. Ganz etwas anders aber ist es, wenn sie sich verborgen hal ten, um ein Geheimniß von denen, welche reden und sich allein zu seyn glauben, zu erfahren; denn als dann macht der Antheil, den sie an dem, was gesagt wird, nehmen, und ihre vernünftige Neugierde, etwas zu wissen, was sie auf keine andere Art erfahren kön nen, daß sie an der Handlung, ihres Stillschweigens unerachtet, Theil bekommen. In den angeführten zwey Exempeln aber, bleiben Ammon und Achoreus bey den Reden, die sie mit anhören, so frostig, daß sie ungeachtet alles Vorwandes, den ich ihnen in den Mund lege, die Wahrheit zu gestehen, bloß zur Ver bindung der Scenen dableiben; so gar sehr sind sie in beyden Stücken überflüßig. [] Obgleich die Handlung des dramatischen Gedichts ihre Einheit haben muß, so muß man doch zwey Theile dabey beobachten, die Verwicklung und die Auf lösung. Die Verwicklung besteht, nach dem Aristoteles, theils aus dem, was außer der Büh ne vor Anfang der Handlung, die man be schreibt, vorgefallen ist, theils aus dem, was in dem Stücke wirklich vorgeht; das übrige gehört zur Auflösung. Die Veränderung ei nes Glücks in das andre macht die Theilung dieser beyden Theile. Alles was vor dieser Veränderung vorher geht, gehört zum ersten, und die Verändrung selbst nebst dem, was darauf folgt, gehören zum andern. Die Ver
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wicklung hanget gänzlich von der Wahl und ämsigen Einbildung des Dichters ab, und man kann keine Regeln darvon geben, außer, daß er alles nach dem Wahrscheinlichen und Nothwendigen, wovon wir in der zweyten Abhandlung geredt haben, einrichten müsse: diesem füge ich noch einen guten Rath bey; daß er sich mit dem, was vor der Handlung gesche hen, so wenig als möglich zu thun machen muß. Die Erzählungen desselben sind gemeiniglich zur Last, weil sie unerwartet kommen, und dem Geiste der Zuschauer allzuvielen Zwang anthun, die ihr Gedächtniß mit dem beschweren müssen, was zehn oder zwölf Jahr vorher geschehen ist, wenn sie das, was jetzo gesche hen soll, verstehen wollen. Die Erzählungen aber von dem, was wirklich hinter der Bühne geschieht, thun allezeit eine bessere Wirkung, weil sie mit Neu gier erwartet werden, und einen Theil der vorgestellten Handlung ausmachen. Eine von den Ursachen, die dem Cinna so vielen hohen Beyfall verschafft haben, und ihn über alles, was ich gemacht habe, setzen, ist, daß keine einzige Erzählung von dem Vergangenen darinne vorkommt; denn die Erzählung, die er von seiner Verschwörung der Aemilia macht, ist vielmehr eine Zierde, die den Witz der Zuschauer kützelt, als eine nothwendige Erklärung besonderer Umstände, die sie wissen und behalten mußten, wenn sie das übrige verstehen wollten. Aemilie giebt ihnen in den zwey ersten Auftritten genugsam zu verstehen, daß er ihr zu Gefallen sich wider den August verschworen habe, und wenn ihr Cinna bloß und allein sagte, daß sich die Verschwornen auf Morgen fertig hielten, so würde es für die Handlung eben so viel seyn, als daß er ihr
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in hundert Versen von dem, was er ihnen gesagt, und von der Art wie sie ihn empfangen, Rechenschaft giebt. Es giebt Verwicklungen, die mit der Geburt des Helden anfangen, wie im Heraclius; allein diese besondern Anstrengungen der Erfindungskraft, erfo dern auch eine besondre Anstrengung der Aufmerksam keit bey den Zuschauern, und matten sie so sehr ab, daß sie oft verhindern werden, das ganze Vergnügen der ersten Vorstellungen zu empfinden. [] In der Auflösung sind zwey Stücke zu vermeiden, die einfache Veränderung des Willens, und die Ma schinen. Es ist keine besondre Kunst ein Gedichte zu schließen, wenn der, welcher den vornehmsten Personen in den vier ersten Aufzügen alle Hindernisse in Weg gelegt, in dem fünften Aufzuge, ohne durch einen besondern Zufall dazu genöthigt zu seyn, damit aufhört. Ich habe in der ersten Abhandlung schon davon geredet, und werde hier nichts mehr hinzufü gen. Die Maschinen sind eben so wenig zu dulden, wenn sie zu nichts dienen, als einen Gott herab zu lassen, der die Personen, die sich weiter nicht zu helfen wissen, aus allen Verwirrungen bringen muß. So ist es mit dem Apollo im Orest. Dieser Prinz und sein Freund Pylades werden von dem Tyndar und Menelaus wegen des Todes der Clytämnestra ange klagt und verfolget, sie bemächtigen sich also der He lena und Hermione, sie tödten die erste, oder glau ben es wenigstens zu thun, und drohen die andere gleichfalls umzubringen, wenn man das wider sie ge sprochene Urtheil nicht zurück rufe. Diese Verwir rungen nun zu stillen, wendet Euripides keinen an dern Kunstgriff an, als daß er den Apollo vom Him
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mel herab kommen und ausdrücklich befehlen läßt, daß Orest die Hermione, und Pylades die Elektra heirathen solle, und damit der Tod der Helena nicht zur Hindrung dienen könne, weil die Hermione schwer lich den Orest, als den Mörder seiner Mutter, wür de heirathen wollen, so versichert er, daß sie nicht gestorben sey, sondern er habe sie ihrer Wuth entzogen, und in dem Augenblicke, da sie sie zu tödten geglaubt, in den Himmel versetzt. Dergleichen Maschinen tau gen nichts, weil sie gar keinen Grund in dem übrigen Theile des Stückes haben, und machen also eine feh lerhafte Auflösung. Die Meynung des Aristoteles aber scheint mir zu hart, wenn er den Wagen der Medea, auf welchem sie nach Korinth fliehet, nach dem sie sich an dem Creon gerächet, mit in diese Classe setzt. Denn da man sie zur Zauberinn macht, und sie in dem Stücke Sachen begehen läßt, die nicht weniger übernatürlich sind, so sollte ich glauben, er habe Wahrscheinlichkeit genug. Nachdem sie so vie les für den Jason zu Kolchos gethan, nachdem sie ihren Vater Aeson nach seiner Wiederkunft verjün get, nachdem sie unsichtbares Feuer an das Geschenke der Creusa gebunden; so ist dieser fliegende Wagen gar nicht unwahrscheinlich, und das Stück hat gar keine andere Vorbereitung zu diesem besonderen Falle nöthig. Gleichwohl macht Seneca in dem Verse, den er der Medea zu ihrer Bediente sagen läßt, eine dazu: Tuum quoque ipſa corpus hinc mecum aveham, Desgleichen auch ich in den Worten, die sie zu dem Aegäon sagt
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Je vous ſuivrai demain par un chemin nouveau. [] Die Verdammung des Euripides kann also in so weit gerecht seyn, daß er es auf gar keine Weise vor bereitet, da hingegen den Seneca und mich diese Be schuldigung nicht treffen kann, und ich also auch nicht nöthig habe dem Aristoteles zu widersprechen, wenn ich mich hierinne entschuldigen will. [] Von der Handlung komme ich auf die Aufzüge, deren jeder einen Theil davon enthalten muß, welcher aber eben nicht so gar gleich seyn darf, daß man dem letzten Aufzuge nicht mehr als den übrigen, und dem ersten nicht weniger als den letztern geben könne. Man kann in dem ersten Aufzuge meistentheils nichts thun, als daß man die Sitten der Personen schildert, und anmerkt, wie sie unter einander bey dem Anfange des Stücks stehen. Aristoteles schreibt die Anzahl der Aufzüge nicht vor. Horaz schränkt sie auf fünfe ein, und ob er gleich wenigere zu machen verbietet, so blei ben doch die Spanier bey ihren dreyen, und die Ita liener thun oft ein gleiches. Die Griechen unterschie den sie durch den Gesang des Chors, und weil ich in einigen von ihren Stücken finde, daß sie mehr als viermal haben singen lassen, so will ich nicht dafür ste hen, daß sie nicht dann und wann mehr als fünf Auf züge gemacht. Diese Art sie zu unterscheiden war weit unbequemer, als die unsrige ist; denn entweder man hörte auf das was gesungen ward, oder man hörte nicht drauf. Hörte man drauf, so blieb der Geist der Zuschauer allzu sehr angestrengt, und sie hatten niemals Zeit sich zu erholen. Hörte man aber nicht drauf, so wurde die Aufmerksamkeit des Zu
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hörers allzusehr durch die Länge des Gesangs zer streut, und wenn ein andrer Aufzug angieng, so mußte er sich erst lange wieder besinnen, wo die Handlung in dem vorigen stehen geblieben war. Unsre Musik hat keine von diesen Unbequemlichkeiten. Der Geist des Zuschauers erholt sich unterdessen da sie spielen, und denkt über das nach, was er gesehen hat, es entweder zu loben oder zu tadeln, nachdem es ihm entweder gefallen oder misfallen hat: die kurze Zeit aber, die gespielet wird, läßt die Gedanken ganz frisch, daß die Zuhörer sich nicht mühsam besinnen noch ihre Auf merksamkeit erneuern dürfen. [] Die Anzahl der Auftritte in jedem Aufzuge hat keine Regel: weil aber jeder Aufzug eine gewisse An zahl Verse haben muß, welche mit der Dauer der übrigen Aufzüge überein kommt, so kann man mehr oder weniger Scenen anbringen, nachdem sie lang oder kurz sind, damit die Zeit, die man zu dem gan zen Aufzuge hat, also herauskomme. Man muß, wenn es möglich ist, von dem Kommen und Abge hen jeder Person die Ursache angeben. Vornehm lich aber halte ich diese Regel bey dem Abgehen durch aus nöthig, und es läßt nichts übler als wenn eine Person bloß deswegen die Bühne verläßt, weil sie nichts mehr zu sagen hat. Mit dem Ankommen wür de ich es so scharf nicht nehmen. Der Zuschauer er wartet die spielende Person, und obgleich die Büh ne das Zimmer dessen, welcher redt, vorstellet, so kann er sich doch niemals darinne zeigen, wenn er nicht vorher aus den Scenen hervorkommt; und man kann nicht allezeit leichtlich sagen, was er auswärts gemacht hat, ehe er wieder in sein Zimmer gekommen,
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weil er es oftmals nicht einmal verlassen hat. So viel ich weis, hat sich niemand geärgert, daß Aemilia den Cinna anfängt, ohne zu sagen, warum sie in sein Zimmer kömmt. Man setzt voraus, daß sie eher da gewesen ist, als das Stück angefangen hat, ob es gleich die Vorstellung nothwendig erfodert, daß sie hinter der Bühne hervorkommen muß. Den ersten Auftritten in jedem Aufzuge also würde ich diese Ge nauigkeit ganz gern erlassen, nicht aber den übrigen; denn wenn einmal eine Person auf dem Theater ist, so darf keine andre herzukommen, wenn sie mit ihm nichts zu reden hat. Besonders gilt dieses, wenn eine Person in einem Aufzuge zweymal auf die Bühne kömmt, es sey im Lustspiele oder Trauerspiele; als dann muß sie nothwendig, entweder, wenn er das erstemal abgeht, zu verstehen geben, daß er bald wie derkommen werde, wie Horaz im zweyten Aufzuge und Julie im dritten Aufzuge eben dieses Stücks; oder er muß, wenn er das zweytemal wiederkömmt, die Ursache angeben, warum er so zeitig wieder kömmt. [] Aristoteles verlangt, daß ein Trauerspiel ohne Beyhülfe der Schauspieler und außer der Vorstel lung, schön und fähig zu gefallen seyn solle. Um dem Leser dieses Vergnügen zu erleichtern, muß man seinen Geist eben so wenig anstrengen, als den Geist des Zu schauers; denn die Mühe die er hat, sich alles in Gedanken selbst vorzustellen, verringert die Lust, die er daraus ziehen soll. Ich wollte also rathen, daß der Poet alle kleine Handlungen, die sich nicht der Mühe verlohnen, daß er die Verse damit belästiget, welche durch dergleichen Kleinigkeiten vieles von ihrer
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Würde verlieren würden, an dem Rande sorgfäl tig anmerkte. Auf der Bühne ersetzt sie der Schau spieler gar leicht, in dem Buche aber würde man oft mals rathen müssen, und würde öfters übel rathen, wenn man nicht von diesen kleinen Nebenumständen unterrichtet wäre. Ich gestehe zwar zu, daß die Alten diesen Gebrauch nicht gehabt, man wird mir aber auch zugestehen, daß sie uns, eben deswegen, weil sie ihn nicht gehabt, viel Oerter in ihren Gedichten dunkel gelassen haben, welche nur Meister in der Kunst ent wickeln können; obgleich manchmal auch diese nicht, so sehr sie sich es auch einbilden, allzuglücklich sind. Wenn wir den Alten in allen Stücken folgen wollten, so müßte man auch die Aufzüge und Auftritte nicht unterscheiden, weil es die Griechen nicht gethan ha ben. Der Mangel dieser Unterscheidungen ist oft Schuld, daß man nicht wissen kann, wie viel Aufzüge in ihren Stücken sind, noch ob zum Schlusse eines Aufzuges der Schauspieler abgeht, um den Chor sin gen zu lassen, oder ob er, ohne Handlung, so lange da bleibt, als man singt; weder sie selbst noch ihre Aus leger haben das geringste hiervon anzumerken für gut befunden. [] Wir haben noch einen andern Grund dieses kleine Hülfsmittel nicht zu verachten. Der Druck unsrer Stücke läßt sie in die Hände der Schauspieler, welche im Lande herum ziehen, kommen, die wir auf keine andre Art, von dem was sie zu thun haben, unter richten können, und die gleichwohl, wenn wir ih nen nicht zu Hülfe kämen, die närrischsten Fehler begehen würden. Sie würden besonders im fünften Aufzuge in großer Ungewißheit seyn, wo wir alle Per
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sonen auf der Bühne zusammen bringen, welches die Alten nicht thaten. Sie würden oft das, was sie zu dem einen sagen sollten, zu dem andern sagen, besonders wenn es kömmt, daß eine Person zu drey bis vier Personen, einem nach dem andern, sprechen muß. Wenn man etwas einem ins Ohr zu befehlen hat, wie die Cleopatra der Laonice, so müßte man ein Aparte machen, wenn man es in Versen ausdrü cken, und sich der Anmerkungen am Rande enthalten wollte, welches mir aber noch viel unerträglicher zu seyn scheint. Kurz, das einzige und wahre Mittel das Trauerspiel, nach der Meynung des Aristoteles, dem Leser eben so angenehm als dem Zuschauer zu machen, ist, wenn man so verfährt, daß sich jener al les leicht vorstellen kann, was dieser auf der Bühne mit seinen Augen sieht. [] Die Regel von der Einheit der Zeit hat ihren Grund in folgenden Worten des Aristoteles: Das Trauerspiel muß seine Handlung in einen Um lauf der Sonne einschließen, oder diese Grän zen wenigstens nicht allzu weit überschreiten. Dieses hat zu dem bekannten Streite Anlaß gegeben, ob es von einem natürlichen Tage von vier und zwan zig Stunden, oder von einem bürgerlichen Tage von zwölf Stunden zu verstehen sey. Beyde Meynungen haben ihre Vertheidiger. Was mich anbelangt, so weis ich, daß es sehr viele Materien giebt, die man so schwerlich in diese kurze Zeit einschließen kann, daß ich ihnen nicht nur sehr gern die 24 Stunden verstatten, sondern mich sogar der Freyheit, die der Philosoph giebt, bedienen, und sie bis auf 30 Stunden ausdeh nen würde. Wir haben eine gewisse Rechtsregel,
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daß die Wohlthat zu erweitern und die Strenge ein zuschränken sey, odia reſtringenda, favores ampli andi, und ich sollte meynen, daß ein Dichter so schon durch diesen Zwang genug gebunden sey, welcher ei nen von den Alten so gar bis zum Unmöglichen ge trieben hat. Euripides läßt den Theseus mit einer Armee von Athen abgehen, vor den Mauren Thebens, welches 12 bis 15 Meilen davon entfernt war, eine Schlacht halten und in dem folgenden Aufzuge als Sieger wieder zurück kommen: so gar daß nach sei ner Abreise bis zur Ankunft des Boten, welcher die Nachricht vom Siege bringt, Aethea und der Chor nicht mehr als dreyßig Verse zu sagen haben. Das heißt eine so kurze Zeit recht wohl anwenden. Aeschylus läßt den Agamemnon noch mit einer weit größern Ge schwindigkeit von Troja wieder zurückkommen. Er hatte es mit seiner Frau der Clytämnestra abgeredet, daß, sobald die Stadt eingenommen seyn würde, er es ihr durch von einem Berge zum andern aufgesteckte Fackeln, (wovon die zweyte sogleich angesteckt wer den sollte, als man die erste gesehen, die dritte sobald man die zweyte gewahr geworden, und so fort) berich ten wollte, daß sie also diese große Neuigkeit noch in eben der Nacht erfahren könnte. Kaum aber ist sie von diesen angesteckten Fackeln davon versichert wor den, als Agamemnon selbst ankömmt, dessen Schiff also, das unter Wegens, wenn ich mich recht besinne, noch dazu Schiffbruch gelitten hatte, eben so geschwind muß gewesen seyn, als das Auge in Entdeckung der Flammen. Der Cid und Pompejus, wo die Hand lungen doch sehr schnell auf einander folgen, ist von dergleichen Freyheit noch sehr weit entfernt, und wenn
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sie gleich wider die gemeine Wahrscheinlichkeit an einigen Orten streiten, so verlieren sie sich doch nim mermehr bis zu dergleichen Unmöglichkeiten. [] Wider diese Regel wird von vielen gestritten, die sie eine Tyranney nennen. Sie würden Recht ha ben, wenn sie allein auf das Ansehen des Aristoteles gegründet wäre, und uns die Natur nicht selbst be fähle, sie anzunehmen. Das dramatische Gedichte ist eine Nachahmung, oder besser zu reden, ein Bild der menschlichen Handlungen; und es ist außer allem Zweifel, daß die Bilder desto vortrefflicher sind, je näher sie dem Originale kommen. Die Vorstellung dauert ungefähr zwey Stunden, und nur alsdann würde sie vollkommen ähnlich seyn, wenn die vorge stellte Handlung in der That nicht mehr Zeit erfo derte. Was brauchen wir uns also in 12 oder 24 Stunden einzuschließen? Wenn wir nur die Hand lung des Gedichts in eine so kurze Dauer einschrän ken als es möglich ist, damit die Vorstellung desto ähnlicher, und also desto vollkommner sey. Kann man sie vollkommen ähnlich machen, und die Dauer der Handlung selbst auf zwey Stunden bringen, so ist es desto besser. Ich glaube nicht, daß Rodogune vielmehr Zeit erfodert, und für den Cinna werden sie auch hinlänglich seyn. Geht es aber nicht an, daß zwey Stunden zu der Dauer zureichend sind, so können wir vier, sechs, zehn Stunden dazu nehmen, nur daß wir die 24 Stunden nicht allzusehr überschreiten, weil alsdann alle Kleinigkeiten allzu weit auseinander ge setzt seyn würden, als daß sie ihre gehörige Verhält nisse gegen einander haben könnten.
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[] Ueberhaupt ist es gut, daß man die Dauer der Vor stellung dem Zuschauer überläßt, und ihre Zeit nie mals ausdrücklich bestimmt, wenn es der Stoff nicht nothwendig erfodert; besonders wenn die Wahrschein lichkeit ein wenig gezwungen ist, wie im Cid, denn alsdann würde diese Uebertreibung nur dadurch merkli cher werden. Auch alsdann wenn in dem ganzen Stücke nichts übereilt ist, ist es sehr überflüßig, anzu merken, daß bey Oeffnung der Bühne die Sonne auf geht, daß im dritten Aufzuge Mittag, und im letz ten Abend ist. Es ist eine gezwungene Regelmäßig keit, die dem Leser nur zur Last wird. Es ist genug, wenn die Sache in der Zeit die wir ihr geben, gesche hen kann, und daß diese Zeit von jedem, der darauf Acht hat, leicht zu bemerken ist. In den Handlun gen selbst, deren Dauer nicht größer als die Zeit der Vorstellung ist, würde es sehr unanständig seyn, wenn man von Aufzug zu Aufzug anmerken wollte, daß nunmehr eine halbe Stunde, und nunmehr wie der eine halbe Stunde verflossen sey. [] Ich wiederhole noch einmal, was ich schon an ei nem andern Orte gesagt habe, daß, wenn man eine längre Zeit nimmt, als zehn Stunden, es gut seyn würde, wenn die übrigen Stunden in dem Zwischen raume der Aufzüge vergiengen, und die Aufzüge, an sich selbst, nicht mehr Zeit erfoderten, als zur Vor stellung nöthig ist; besonders wenn alle Auftritte ge nau verbunden sind, denn diese Verbindung leidet keinen Zwischenraum der Auftritte. Uebrigens glau be ich, daß der fünfte Aufzug ein besondres Vorrecht hat die Zeit ein wenig zusammen zu pressen, so daß die Handlung mehr Zeit als die Vorstellung brauchet.
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Die Ursache davon ist, weil der Zuschauer das Ende allzu ungedultig erwartet, so, daß, wenn es von Per sonen, die nicht auf der Bühne sind, abhängt, die Unterredung derer, die unterdessen drauf geblieben, ganz kalt wird, und die Handlung unterbrochen zu seyn scheint. Es ist außer Zweifel, daß, nachdem Phocas im fünften Aufzuge des Heraclius abgegan gen ist, bis zur Ankunft des Amyntas, der seinen Tod zu erzählen kommt, mehr Zeit erfodert wird zu dem was hinter der Bühne geschieht, als zur Anhö rung der Verse, worinne Heraclius, Martian und Pulcheria ihr Unglück beweinen. Prusias und Fla minius haben im Nicomed nicht die gehörige Zeit, die sie brauchen, wenn sie sich auf dem Meere verei nigen, sich berathschlagen und zum Schutze der Kö niginn wieder zurück kommen sollen: deßgleichen kann sich auch der Cid, während der kurzen Unterredung der Infantinn mit der Leonore, und der Chimene mit der Elvire, mit dem Don Sancho nicht geschlagen haben. Ich habe es ganz wohl eingesehen, aber nicht das geringste Bedenken wegen dieser Uebereilung ge tragen, wovon man bey den Alten viele Exempel fin den könnte, wenn mir meine Faulheit zuließe meh rere, als das aus der Andria des Terentius, anzu führen. Simo läßt daselbst seinen Sohn den Pam philus zur Glycerium hineingehen, um den Crito her auszuholen, und sich mit ihm wegen der Geburt seiner Geliebten, die für eine Tochter des Chremes erkannt wird, zu unterreden. Pamphilus geht herein, redet mit dem Crito, bittet ihn um seinen Beystand, kömmt mit ihm wieder heraus; und unterdessen da er herein geht, ihn bittet, und wieder heraus kömmt, sagen
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Simo und Chremes, welche auf der Bühne bleiben, nicht mehr als jeder einen einzigen Vers, mittlerweile Pamphilus nicht einmal nach dem Crito konnte ge fragt haben, geschweige daß er mit ihm hätte reden und ihm die Ursachen vorstellen können, die ihn be wegen sollten, alles was er von der Geburt dieser Unbekannten wußte, zu entdecken. [] Wenn das Ende der Handlung von den Personen abhängt, die das Theater nicht verlassen haben, so daß man nichts neues von ihnen zu erfahren erwartet, wie im Cinna und in der Rodogune, so hat der fünfte Aufzug dieses Vorrechts nicht vonnöthen, weil alsdann die ganze Handlung vor den Augen geschieht, welches aber wegfällt, wenn ein Theil derselben, gleich vom Anfange, hinter der Bühne vorgeht. Desgleichen verdienen auch die übrigen Aufzüge diese Erlaubniß nicht. Wenn man da nicht Zeit genug hat eine ab gegangene Person wieder kommen zu lassen, oder zu erfahren, was sie in ihrer Abwesenheit gethan, so kann man es bis in folgenden Aufzug verschieben, davon Rechenschaft zu geben; und unter der Musik, welche die Aufzüge von einander scheidet, kann so viel Zeit verfließen, als nöthig ist; in dem fünften Aufzuge aber ist kein Zwischenraum, die Aufmerksamkeit ist erschöpft, und der Schluß wird erwartet. [] Noch eines muß ich hierbey nicht zu erinnern ver gessen: ob wir gleich die ganze Handlung nothwendig in einen Tag einschränken müssen, so können wir doch, unbeschadet dieser Einheit, durch den Weg der Er zählung oder auch durch noch einen feinern Kunstgriff, von vielen, was der Held in ganzen Jahren gethan hat, Nachricht geben, weil es Stücken giebt, deren
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Verwicklung von der unbekannten Geburt abhänget, wie zum Exempel im Oedipus. Ich will nicht noch einmal erinnern, daß, je weniger man sich mit den vergangenen Handlungen abgiebt, desto günstiger der Zuschauer sey, weil man ihm sehr wenig Zwang auf leget, indem man ihm alles gegenwärtig vorstellet, und sein Gedächtniß mit nichts belästiget, als mit dem was er gesehen hat: dieses aber muß ich nicht anzu merken vergessen, daß die Erwählung eines wichti gen und lange Zeit erwarteten Tages eine große Zier de des Gedichts sey. Man hat nicht immer die Ge legenheit darzu, und unter allen von mir verfertigten Stücken wird man nicht mehr als viere von dieser Art finden: die Horazier, wo eine Schlacht die Herr schaft zweyer Völker entscheiden soll, die Rodogune, die Andromeda, und den Don Sancho. In der Rodogune ist es ein Tag, der von zwey Monarchen zur Schließung der Friedenstractaten zwischen ih ren uneinigen Kronen, zur gänzlichen Aussöhnung zweyer Nebenbuhler durch eine Heirath und zur Entdeckung eines zwanzigjährigen Geheimnisses be stimmet ist. Der Tag in der Andromeda und im D. Sancho ist nicht von geringerer Wichtigkeit; wie ich aber gesagt habe, so sind dergleichen Gelegenhei ten nur selten, und in meinen übrigen Stücken habe ich keine andre Tage wählen können, als solche die der Zufall, nicht aber die öffentliche Bestimmung, merkwürdig machte. [] Was die Einheit des Orts anbelangt, so finde ich weder im Aristoteles noch im Horaz eine Regel dar von. Daher haben einige geglaubt, daß sie eine bloße Folge der Einheit der Zeit sey, und daß man den
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Ort so weit ausdehnen könne, als ein Mensch in 24 Stunden gehen oder kommen kann. Diese Meynung ist ein wenig zu frey, und wenn man die Personen auf der Post gehen ließe, so könnte die eine Seite der Bühne Paris und die andere Rouen vorstellen. Da mit man aber dem Zuschauer so wenig als möglich beschwerlich falle, wollte ich wünschen, daß das, was man ihm in zwey Stunden vorstellet, und was er auf der Bühne sieht, in einem Zimmer oder Saale geschehen könne: doch das ist oft so unmöglich, daß man nothwendig einige Erweiterung des Orts, so wie der Zeit, verstatten muß. In den Horaziern, im Polyeuct und im Pompejus habe ich diese Einheit völlig beobachtet; allein alsdann muß man nothwen dig entweder nur ein Frauenzimmer, wie im Polyeuct, aufführen, oder, wenn man ihrer zwey aufführet, so muß eine für die andre so viel Freundschaft haben, und die Umstände, worinne sie sich befinden, müssen so genau mit einander verbunden seyn, daß sie, wie in den Horaziern, beständig bey einander bleiben kön nen; oder es muß das mit ihnen geschehen, was im Pompejus geschieht, wo der Trieb einer natürlichen Neubegierde die Cleopatra im zweyten Aufzuge, und die Cornelia im fünften aus ihren Zimmern führet, daß sie bis in den großen Saal des königlichen Pal lastes den Neuigkeiten, die sie erwarten, entgegen ge hen. Mit der Rodogune aber ist es nicht so beschaf fen. Sie und die Cleopatra sind in allzu verschiede nen Umständen, als daß sie ihre geheimen Gedanken an einem Orte entdecken sollten. Von diesem Stücke könnte ich eben das sagen, was ich vom Cinna gesagt habe, wo alles, was überhaupt in Rom geschieht, ins
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besondre theils in dem Kabinet des Augustus, theils bey der Aemilie vorgeht. Zu Folge dieser Ordnung würde der erste Aufzug dieses Trauerspiels in dem Vorgemach der Rodogune, der andre in dem Zim mer der Cleopatra, und der dritte wieder bey der Rodogune seyn müssen: wenn aber der vierte Auf zug gleichfalls bey ihr anfängt, so kann er sich doch bey ihr nicht schließen, und was daselbst Cleopatra zu ihren beyden Söhnen sagt, das würde ganz am un rechten Orte gesagt seyn. Bey dem fünften Aufzu ge muß nothwendig ein Audienzsaal, worinne eine große Menge Volks Platz hat, seyn. Eben so ist es im Heraclius. Der erste Aufzug kann ganz wohl im Kabinet des Phocas seyn, und der zweyte bey der Leontine; wenn aber der dritte bey der Pulcheria anfängt, so kann er sich nicht bey ihr schließen; denn es ist ganz unwahrscheinlich, daß Phocas in dem Zimmer dieser Prinzeßinn den Untergang seines Bru ders berathschlagen sollte. [] Die Alten, welche ihre Könige auf öffentlichen Plätzen reden ließen, konnten in ihren Trauerspielen ganz leicht die Einheit des Orts genau beobachten. Gleichwohl hat sich Sophokles in seinem Ajax nicht darnach gerichtet; denn er läßt ihn von der Bühne abgehen, einen abgelegenen Ort, wo er sich tödten könne, zu suchen, und tödtet sich hernach gleichwohl vor den Augen des Volks, woraus man leicht schließen kann, daß der Ort, wo er sich tödtet, nicht der seyn kann, den er verlassen hat, weil er ihn nur darum verläßt, damit er einen andern suchen kann.
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[] Wir bedienen uns der Freyheit, die Könige und Prinzeßinnen aus ihren Zimmern zu ziehen, nicht; und da oft die Verschiedenheit der Umstände derer, die in einem Pallaste wohnen, nicht verstatten, daß sie sich in einerley Zimmer entdecken können, so müs sen wir die Einheit des Orts auf eine andre Art zu erklären suchen, wenn wir sie in allen unsern Stü cken beobachten wollen; außerdem würden wir viele verdammen müssen, die doch einen allgemeinen Bey fall erhalten haben. [] Ich halte also dafür, daß man diese Einheit so genau als möglich beobachten müsse; weil sie sich aber mit allen Materien nicht verträgt, so ist es zu der Einheit des Orts schon genug, wenn die Handlung nur in einer Stadt geschieht. Ich will damit nicht sagen, daß die Bühne die ganze Stadt vorstel len solle, das würde allzu ausschweifend seyn, son dern nur zwey oder drey Orte, die innerhalb ihren Mauren sind. So ist die Bühne im Cinna bestän dig in Rom, bald aber ist sie in dem Zimmer des Au gustus, und bald im Hause der Aemilia. Im Lügner ist der Ort bald die Tuilleries, bald der königliche Platz, beständig aber in Paris: in der Fortsetzung dieses Stücks, das Gefängniß oder die Wohnung der Melisse, beydes in Lyon. Im Cid kommen noch mehr besondre Orte vor, alle aber sind in Se ville; und weil die Verbindung der Auftritte darinne nicht beobachtet ist, so stellet die Bühne im ersten Aufzuge die Wohnung der Chimene, das Zimmer der Infantinn im königlichen Pallaste, und einen öf fentlichen Markt vor. Im andern Aufzuge kömmt noch das Kabinet des Königs darzu, und ich habe
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diese Freyheit hier ohne Zweifel gemisbraucht. Da mit diese Verschiedenheit der Bühne, wenn sie noth wendig ist, ein wenig regelmäßig sey, so wollte ich zwey Stücke dabey beobachtet wissen. Erstlich, daß man die Bühne nicht in einem, sondern in verschiednen Aufzügen ändre, so wie ich es in den drey ersten Auf zügen des Cinna gethan habe; zum andern, daß die verschiednen Orte nicht verschiedne Verzierungen brauchten, und daß keiner von ihnen genennt würde, sondern daß man nur immer den Hauptort nenne, der alle in sich schließt, zum Exempel Paris, Rom, Lyon, Constantinopel etc. dadurch würde man den Zuhörer leichter betriegen können, indem er die Ver schiedenheit des Orts nicht bemerkt, wenn er sie nicht aus Tadelsucht selbst ausforscht, wozu aber die wenigsten aufgelegt sind; denn die meisten überlassen sich der Hitze der Handlung, die sie vorstellen sehen. Das Vergnügen das sie dabey finden, ist Ursache, daß sie das Unregelmäßige nicht sehen wollen, und es nicht eher bemerken, als wenn sie dazu gezwungen werden, oder wenn es allzu sichtlich ist, wie in dem Lügner und desselben Verfolge, wo man aus den verschie denen Verzierungen die Verschiedenheit des Orts schließen muß, man mag wollen oder nicht. [] Da nun Personen, die in verschiednen Umständen sind, ihre Geheimnisse an einerley Orte wahrscheinli cher Weise nicht entdecken können, und gleichwohl in einerley Aufzuge vorkommen, wo die Verbindung der Auftritte diese Einheit des Orts nothwendig nach sich zieht, so muß man ein Mittel suchen, diesen Wi derspruch zu heben, wodurch zugleich der vierte Auf zug in der Rodogune und der dritte im Heraclius, in
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welchen ich diesen Fehler schon angemerkt habe, ent schuldiget würde. Die Rechtsgelehrten verstatten rechtliche Erdichtungen, und nach ihrem Beyspiele wollte ich, daß man dergleichen theatralische Erdich tungen erlaubte, und einen theatralischen Ort fest setzte, der weder das Zimmer der Cleopatra noch der Rodogune in dem also genannten Stücke, und in dem Heraclius weder das Zimmer des Phocas, noch der Leontine, noch der Pulcheria wäre, sondern ein Saal, an welchen diese verschiednen Zimmer stießen und dem ich zwey Vorrechte geben wollte. Das eine sollte seyn, daß man sich vorstellen müsse, jeder könne daselbst eben so geheim als in seinen eignen Zimmern reden; das andre Vorrecht wäre, daß die Personen welche auf der Bühne sind, anstatt daß sie oft nach den Regeln des Wohlstandes zu denen, mit welchen sie sprechen wollten, ins Zimmer gehen sollten, auf der Bühne bleiben, und jene zu ihnen heraus kommen könnten, ohne diesen Wohlstand zu be leidigen, damit auf diese Weise die Einheit des Orts und die Verbindung der Auftritte erhalten werde. So kömmt zum Exempel die Rodogune im ersten Auf zuge zur Laonice, die sie doch zu sich sollte holen las sen; und im vierten Aufzuge kömmt die Cleopatra zu Antiochus, an eben den Ort, wo er vorher die Ro dogune unterhalten hatte, obgleich, der Wahrschein lichkeit nach, Antiochus vielmehr zu seiner Mutter in das Kabinet gehen sollte, weil sie die Prinzeßinn all zu sehr haßt, als, daß sie ihn in derselben Wohnung sprechen würde, wo gleichwohl die Bühne wegen des ersten Auftritts den ganzen Aufzug durch seyn muß, wenn man die Einheit des Orts nicht, auf vorgeschla gene Weise, erweitern will.
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[] Es werden sehr viele von meinen Stücken zu ta deln seyn, wenn man diese Erweiterung nicht verstat tet, mit der ich mich künftig allezeit begnügen werde, wenn ich den Regeln nach der äußersten Strenge nicht genug thun kann; welches mir nur in drey Stücken in den Horaziern, im Polyeuct und im Pom pejus geglückt ist. Wenn ich mir in den übrigen allzu viel erlaubt habe, so will ich allen denen noch mehr erlauben, deren Werke auf der Bühne Beyfall finden, wenn sie auch nur den geringsten Schein des Regelmäßigen haben. Den Kunstrichtern kann es nicht schwer fallen, strenge zu seyn, wenn sie aber nur zehn bis zwölf Gedichte von dieser Art heraus geben sollten, so würden sie gewiß die Regeln noch viel wei ter ausdehnen, als ich es gethan habe, und würden erkennen, was ihre genaue Befolgung für ein Zwang sey, und wie viel schönes deswegen nicht auf die Büh ne gebracht werden kann. Doch dem sey wie ihm wolle; ich habe meine Meynungen oder, wenn man sie so nennen will, meine Ketzereyen nach den Haupt punkten vorgetragen, und muß gestehen, daß ich die Re geln der Alten mit der Anmuth der Neuern nicht bes ser zu verbinden gewußt habe. Ich will ganz gern glauben, daß man vielleicht noch beßre Mittel darzu finden könnte; ich werde auch nicht den geringsten Anstand nehmen, ihnen zu folgen, so bald ich sehen werde, daß man sie so glücklich bewerkstelligen kann, als die meinigen.


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