Text

Sittenlehre
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Hrn. Samuel Richardsons Verfassers der Pamela, der Clarissa und des Grandisons

Sittenlehre für die Jugend in den auserlesensten Aesopischen Fabeln

mit dienlichen Betrachtungen zur Beförde rung der Religion und der allgemeinen Menschenliebe vorgestellet.

Mit Kupfern.

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Mit Kön. Poln. und Churfürstl. Sächs. Privileg.

------------------------------------------------------------ Leipzig, in der Weidmannischen Handlung,

1757.

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Vorrede des Uebersetzers.

Aesopus, die wahren oder fa belhaften Umstände sei nes Lebens, die Einrich tung und Nützlichkeit sei ner Fabeln, die lange Reihe seiner Nachahmeret cetera würden für einen Vorredner, der ein Vergnügen dar an fände, die allerbekanntesten Dinge zu sagen, ein sehr ergiebiges Thema seyn. In der Hoffnung aber, daß niemand hier suchen werde, was man überall finden kann, glauben wir dem Leser blos anzei gen zu dürfen, wie der berühmte Name eines Richardson für ein Buch komme,
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das gänzlich dem Gebrauche und dem Unterrichte der Kinder bestimmt ist. Roger Lestrange ist bey den Englän dern der berühmteste Compilator Aesopi scher Fabeln. Er hat deren einen gan zen Folianten herausgegeben, fünfhun dert an der Zahl; und in der Folge, auf Anhalten des Verlegers, noch einen zweyten Band hinzugefügt. Seine Schreibart wird von seinen Landsleuten für eine der reinsten und meisterhaftesten gehalten; und seine Weise zu erzehlen für leicht, munter und voller Laune. Auch in dem Hauptwerke läßt man ihm die Ge rechtigkeit wiederfahren, daß seine Anwen dungen und Sittenlehren passend, nicht abgedroschen, nachdrücklich und gemein nützig sind. Doch fanden sich Leute — und wo findet ein guter Schriftsteller dergleichen Leute nicht? — welche einen bessern Ge schmack zu haben glaubten, weil sie einen
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andern hatten, als das zufriedne Publi cum. Ein gewisser S. Croxal, um sei nen eignen Geburthen Platz zu schaffen, bekam den liebreichen Einfall, die Fabeln des Lestrange, weil er sie nicht so grade zu für elend ausgeben wollte, als gefähr lich zu verschreyen. Ihr Verfasser, ver sicherte er, habe sich nicht als ein recht schaffner Britte, sondern als ein Feind der Freyheit, und ein gedungner Sach walter des Pabstthums und der uneinge schränkten Gewalt in diesem Werke erwie sen, welches doch für eine freygebohrne Jugend geschrieben seyn sollte. Diesem Vorwurfe nun, ob er gleich der gegründeste nicht ist, sind wir die ge genwärtige Arbeit des Herrn Richard sons schuldig. Er wollte ihm, mit der gewissenhaftesten Genauigkeit, abhelfen, und daher theils diejenigen Fabeln, wel chen Lestrange, nicht ohne Gewaltsam keit, eine politische Deutung gegeben, auf allgemeinere Lehren wieder zurück bringen, theils diejenigen, welche keine andre, als
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politische Anwendung litten, mit aller möglichen Lauterkeit der Absichten bear beiten. So weit ging des Herrn Richardsons erstes Vorhaben. Bey der Ausführung aber fand er, daß es nicht undienlich sey, sich weitere Grenzen zu setzen. Er ließ einen guten Theil weg, alles nehmlich, was mehr ein lächerliches Mährchen, als eine lehrreiche Fabel war; er gab vielen, auch von den nicht politischen, einen bessern Sinn; er verkürzte; er änderte; er setzte hinzu; kurz, aus der Adoption, ward eine eigne Geburt. Und hiervon wird sich auch ein deut scher Leser überzeugen können, wenn er sich erinnern will, daß ein großer Theil der Fabeln des Lestrange, bereits vor vielen Jahren, in unsre Sprache übersetzt wor den. Man stelle die Vergleichung an, und sie wird gewiß zum Vortheile der gegenwärtigen ausfallen.
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Wer wird sich auch einkommen lassen, etwas für mittelmäßig zu halten, wobey der unsterbliche Verfasser der Pamela, der Clarissa, des Grandisons die Hand angelegt? Denn wer kann es besser wissen, was zur Bildung der Herzen, zur Einflös sung der Menschenliebe, zur Beförderung jeder Tugend, das zuträglichste ist, als er? Oder wer kann es besser wissen, als er, wie viel die Wahrheit über menschliche Ge müther vermag, wenn sie sich, die bezau bernden Reize einer gefälligen Erdichtung zu borgen, herabläßt? Es ist durchaus unnöthig, sich in ei ner weitläuftigere Anpreisung einzulassen. Noch weniger wollen wir einen Belle garde, dessen Fabeln jetzt am meisten in den Händen der Kinder sind, mit einem Richardson zu vergleichen wagen; denn der Engländer würde sich, nach der Art der alten römischen Tribune, mit Recht be schweren können, ſe in ordinem cogi.
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Man hat bey der Uebersetzung nichts weggelassen, als das Leben des Aesopus. In Ansehung des Aeußerlichen aber, hat sie vor dem englischen Originale, so wohl was die Kupfer als den Druck anbelangt, einen großen Vorzug bekommen. Einem Buche für Kinder, haben die Verleger geglaubt, müsse nichts fehlen, was Kin der reizen könne. Leipzig, den 17 März 1757.
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I. pag. 1.

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I. Fabel. Der Hahn und der Diamant.

Als einsmals ein Hahn auf einem Mist haufen scharrte, fand er einen köstli chen Stein. Ja, sprach er, für einen Juwehlenhändler würde dieser glän zende Tand so etwas seyn; mir aber ist ein einzi ges Gerstenkorn lieber als hundert Diamante.

Lehre.

Ein weiser Mann wird das Nothwendige allezeit dem vorziehen, was blos zur Zierde, zum Vergnügen oder zur Befriedigung der Liebhaberey dienet.

Betrachtung.

Die meisten Ausleger wollen hier Weisheit und Tugend unter dem Diamante, die Welt und ihre Ergötzlichkeiten unter dem Misthaufen, und unter dem Hahne einen wollüstigen Mann ver standen wissen, welcher sich seinen Lüsten überläßt, ohne im geringsten, an die Erlernung, die Ausü
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bung, oder die Vortreflichkeit beßrer Dinge zu denken. Allein, mit ihrer Erlaubniß, mir scheint in die ser Fabel vielmehr ein Sinnbild des Fleißes und der Mäßigung zu liegen. Der Hahn lebt von seiner ehrlichen Arbeit; er scharrt auf dem Mist haufen, das ist, er folgt seinem Beruffe; der köst liche Stein ist weiter nichts, als eine schimmernde Versuchung, die ihm in den Weg gestellet wird, um ihn von seinen Geschäften und seiner Pflicht ab zuziehen. Ueber ein Gerstenkorn, sagt er, würde er sich weit mehr erfreuet haben, als über diesen Diamant, und hiermit wirft er ihn als etwas weg, das sich nicht der Mühe verlohnt aufzuheben. Als denn weiß man die Dinge gehörig zu schätzen, wenn man das, woran die Vorsicht die Erhaltung des Lebens gebunden hat, den schimmerden Spiel werken vorzieht, die keinen andern Werth haben, als den ihnen Eitelkeit, Stolz und Ueppigkeit beyle gen. Für einen Juwehlenhändler ist der Preis, wie er seinen Edelstein los werden kann, hinlänglich; ein Mann aber von Verstand und Einsicht, schätzt den innern Werth eines Dinges, und das ist ganz et was anders. Ja der Juwehlier selbst würde, bey hungrigem Magen, wenn er an der Stelle des Hahns wäre, eben so wie der Hahn wehlen. Die Lehre ist kurz diese, daß wir nothwendige Dinge überflüßigen Dingen, die Erqvickungen und den Segen der Vorsicht den blendenden und schim mernden Seltenheiten der Mode und Einbildung vorziehen, mit einem Worte, daß wir unser Leben nach der Vernunft, und nicht nach der Phantasie regieren sollen.
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II. Fabel. Der Fuchs und der Hahn.

Das Unglück wollt es, daß ein Hahn in die Klauen eines Fuchses gerieth. Reinicke war nach seinem Fleische sehr begierig, aber gleichwohl hätte er gern einen scheinbaren Vorwand gehabt. Bur sche, sprach er, was schreist du denn in der Nacht so gräßlich, daß niemand in der ganzen Nachbar schaft schlafen kann? Ach, sagte der Hahn, ich we cke selten jemand eher auf, als wenn es aufzuste hen, und an die Arbeit zu gehen, Zeit ist. Das ist, versetzte der Fuchs, eine sehr elende Entschuldi gung; denn machst du nicht alles hierherum so munter, daß mein Leben in beständiger Gefahr ist, so oft ich, des Morgens, diesen Weg meinen Ver richtungen in der Stille nachgehen will. Wahr haftig, erwiederte der Hahn, das ist meine Absicht nicht, wenn ich krähe, sondern ich will blos damit meine Freude über den Anbruch des Tages bezei gen, und die Herzen meiner Weiber ermuntern. Komm nur, komm, sagte Reinicke; wir Füchse le ben von Gesprächen nicht, und es ist eben Zeit zum Frühstücken. Hiermit versetzte er ihm einen Biß, und machte beydes dem Hahne und der Ge schichte ein Ende.
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III. Fabel. Der Wolf und das Lamm.

Indem ein Wolf an der Quelle des Bachs sei nen Durst löschte, ward er ein Lamm gewahr, das eine gute Ecke von ihm, unten am Bache, sich labte, und sogleich sprang er mit offnem Rachen darauf los. Bube, sprach er, wie darfst du dich unterstehen, das Wasser, das ich trinken will, so zu trüben? Gewiß, sagte das arme Lamm, ich hätte nimmermehr gedacht, daß ich, wenn ich hier unten tränke, dein Wasser da oben trübe machen sollte. Sieh, versetzte jener wieder, du wirst dein Ver nünfteln wohl auch nicht eher lassen, als bis dir das Fell über die Ohren gezogen ist, so wie es vor sechs Monaten deinem Vater erging, weil er eben so in den Tag hinein schwatzte; du wirst dich wohl noch erinnern, Bursche! Herr, erwiederte das un schuldige Lamm mit Furcht und Zittern, du kannst mir gewiß glauben, damals war ich noch nicht auf der Welt. Was? schrie der Wolf; du Unver schämter, du mußt doch weder Schaam noch Ge wissen haben. Ich weiß wohl, der Haß wider meine Familie steckt deinem ganzen Geschlechte im Geblüte; darum will ich auch, daß du jetzt zum Theil, für deine Väter büßen sollst. Und hiermit, ohne viel Wesens weiter zu machen, ward das arme Lamm von ihm zerrissen.
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Lehre dieser zwey Fabeln.

Wider tyrannische Gewalt und despotische Grausamkeit hilft keine Unschuld. Gleichwohl aber sind Vernunft und Gewissen, so heilige Dinge, daß auch die größten Bösewichter sich gemeiniglich unter dem Schatten dieser Namen zu verbergen suchen.

Betrachtung.

Der Grausamkeit und dem Stolze wird es nie an einem Vorwande fehlen, Unheil anzurich ten. Gegen Gewalt in übeln Händen, beruft man sich vergeblich auf seine Unschuld: denn Anklagen ist Beweisen, wo sich Bosheit und Macht zur Ausführung verbinden. Dieses ist das lebendige Bild verkehrter Staatsstreiche, die der Wahrheit und Gerechtigkeit schnurstracks zuwider sind, und gleichwohl unter dem geheiligten Namen und Vor wande der einen sowohl, als der andern gespielt werden. Wenn es die Hähne und Lämmer auf die Gnade der Füchse und Wölfe müssen ankom men lassen, so haben sie sich nie auf beßer Quar tier Rechnung zu machen; besonders da das Herz blut der einen, der Unterhalt und die Nahrung der andern ist.
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IV. Fabel. Der Frosch, die Maus und der Habicht.

Es entstand einsmals ein erschrecklicher Streit zwischen den Fröschen und den Mäusen, we gen der Oberherrschaft über die Moräste; und eben da ihn zwey von ihren Rittersleuten, nach bestem Vermögen, ausmachen wollen, schießt ein Habicht aus der Luft herab, und verschlingt sie beyde.

V. Fabel. Der Löwe, der Bär und der Fuchs.

Ein Löwe und ein Bär hatten so lange, über ein von ihnen erlegtes Hirschkalb, gekämpft, daß sie sich endlich niederlegen mußten, um wieder zu Athem zu kommen. In diesem Augenblick kam ein Fuchs vorbey gewandert, und als er sahe, wie die Sache mit den beyden Kämpfern stand, be mächtigte er sich des todten Hirschkalbs, und zog damit aus. Weil nun weder der Löwe noch der Bär aufstehen und es verhindern konnte, so muß ten sie natürlicher Weise diese Betrachtung machen: da haben wir uns nun über den Raub so lange herum gezaust, bis der verrätherische Fuchs kommen und ihn uns beyden aus den Zähnen rücken muß!
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Lehre dieser zwei Fabeln.

Wenn Narren einander in die Haare gera then, so läuft gemeiniglich ein Schelm mit dem Gewinne davon.

Betrachtung.

Eben das können mir bey allen Zerrütungen, die unter dem gemeinsamen Volke entstehen, wahrneh men, wo meistentheils geschäftige Narren den Zank ansagen, und listige Schelme den Nutzen davon einerndten. Es mag ein öffentlicher oder ein Privatstreit seyn, er mag zwischen Personen oder Partheyen obwalten; ein Dritter lauert immer, und hoft seinen Vorthel dabey zu finden; so daß alles nach dem alten Sprichworte geht: Wenn sich zwey Hunde um ein Bein zanken, läuft ein dritter damit fort. Es ist daher, bey allen und jeden Streitigkeiten, zu Wiederherstel lung des Friedens, dieses keiner von den gering sten Bewegungsgründen, daß sich die Streiten den gemeiniglich zum Nutzen eines Dritten zu Grunde richten; entweder ein räuberischer Habicht, oder ein verrätherischer Fuchs siegt, es sey nun mit Gewalt oder mit List, über die eine der Par theyen so wohl, als über die andre, und eilet mit der Beute davon
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VI. Fabel.

Der Hund und der Schatten.

Als ein Hund, mit einem Stücke Fleisch im Maule, durch einen Fluß setzte, ward er, wie es ihm vorkam, einen andern Hund unter dem Wasser gewahr, der sich mit ihm in gleichem Falle befand. Es bedachte nicht, daß der eine bloß das Bild des andern wäre; sondern aus Gierde nach den beyden Stücken Fleisch, sprang er nach dem Schatten, und ließ das wirkliche Stück fallen.

Lehre

So geht es den unvernünftigen und uner sättlichen Begierden; sie hören nicht eher auf, nach Dingen, die sie nicht erreichen können, zu streben, als bis sie die Güter, die sie wirklich be sitzen, darüber verlieren

Betrachtung

Wie unglücklich ist der Mensch, welcher nicht weiß, wenn ihm wohl ist, sondern die Ruhe und Zufriedenheit seines ebens der Befriedigung phan tastischer Begierden oder Grillen aufopfert<.> Der Ehrgeiz ist eine Leiter, die von der Erde bis zum Himmel reichet, und kein Mensch betritt die erste Staffel, ohne auch die übrigen ersteigen zu wollen. Er beruhiget sich nicht eher, als bis er auf der der obersten ist, und wenn er nun nicht höher kommen kann, so mußer entweder in der Luft hängen bleib
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ben oder fallen; denn er sieht alsdenn nichts über sich, wohin er sich noch schwingen möchte, und kann sich auch an nichts halten, um glücklich wie der herab zu kommen. Der Geitz ist immer bet telhaft; denn ein Karger lebt in bestädnigem Man gel. Die Begierde nach mehr und mehrern, steigt ganz natürlicher Weise, bis zum meisten, und hernach bis zu allem; beym Schluße endlich fühlen wir, (gleich dem großen Alexander , der, nachdem er die Welt besiegt hatte, weinte, weil es nicht mehrere Welten zu besiegen gäbe) daß wir uns, alles dessen, was man nur immer besitzen kann, müde und überdrüßig, nach etwas ganz an derm sehnen; und wenn wir denn unsre Tage mit Verfolgung der schlechtesten Gegenstände, und oft zu den Füßen des nichtswürdigsten Mannes, hin gebracht haben, so finden wir am Ende der Rech nung, daß alle Güter unter der Sonne, unserer Mühe und Arbeit darnach, nicht werth sind. Doch wieder auf unsre Fabel zu kommen: Aesopus Hund war in dem Besitze eines sehr guten Früh stücks, und er wußte sehr wohl, was er im Maule, hatte; gleichwohl aber, es geschah nun aus Leicht sinn, oder aus Neugierde, oder aus Gefräßigkeit, mußte er nach etwas andern schnappen, das er weder brauchte noch kannte, bis er wirkliches Gut um ein eingebildetes, und alles um einen Schatten verlohr.
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VII. Fabel.

Der Löwe mit andern Thieren auf der Jagd

Ein Löwe, ein Wolf, ein Bär und ein Fuchs giengen einsmals mit einander auf die Jagd; und es ward ausgemacht, daß sie alles, was sie fangen würden, in gleiche Theile unter sich theilen wollten. Sie rissen einen Hirsch nieder, und so gleich ward er in vier Theile getheilet; als aber ein jeder nach dem seinigen greifen wollte, rief der Löwe: Gemach! Dieses Theil gehört mir, in Be trachtung meiner Würde; dieses gehört mir, weil ich die meiste Mühe dabey gehabt; dieses gehört mir, weil ich mir es nehmen darf, wenn ich es hab en will; und wer mir das Vierte abzustreiten gedenkt, der wird vorher einen Tanz mit mir wa gen müssen. Auf diese Weise ward seinen Bun desgenossen allen der Mund gestopft, und sie gien gen davon so stumm als Fische.

Lehre

Ungleiche Verträge und Bündnisse muß man überhaupt vermeiden; denn wer das Messer das ist, die Gewalt, in seiner Hand hat, der wird sich bey dem Vorschneiden gewiß am besten be denken.

Betrachtung

Der Arme und der Schwache sind allzeit der Gnade des Reichen und Gewaltigen überlassen:

II. pag. 10.

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sie haben sich daher wohl vorzusehen, ehe sie mit Leu ten, die für sie zu mächtig sind, gemeine Sache machen. Erdenke etwas, sagt der Günstling bey Hofe, zu seinem unterthänigen Diener: dieser thut es, und wenn er glücklich ist, so behält der Hofmann den Fund für sich selbst. Denn jetziger Zeit ist es zu einer Staatsklugheit geworden, mit Wasserraben zu fischen. Mit einem Ringe um den Hals, lassen die Mächtigen ihre Clienten unter das Wasser tauchen; und gönnen ihnen an dem, was sie herauf bringen, auch nicht den geringsten Antheil. Wenn denn, am Ende, der Nutzen und Verlust, bey dem Handel oder Anschlage, den Macht, Eigennutz und Gefälligkeit, mit einander gehabt haben, berechnet werden soll, so mag der Wagehals zufrieden seyn, wenn er weiter nichts, als seine Mühe, dabey verlieret. Kurz, alles was der Löwe in diesem Beyspiele sagt und thut, ist weiter nichts, als was die Mächtigen, in tausend andern Fällen, auszuüben pflegen.

VIII. Fabel. Der Wolf und der Kranich.

Ein Wolf, dem ein Bein in dem Schlunde stecken geblieben, versprach einem Kra niche eine beträchtliche Belohnung, wenn er es ihm herausziehen wollte. Der Kranich that ihm diesen Dienst, und wollte darauf das Verspre chen gehalten wissen. Was willst du, du Unver
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schämter? sprach jener. Du steckst deinen Kopf in den Mund eines Wolfs, und wenn du ihn glück lich und unverletzt heraus gezogen hast, willst du noch von Belohnung sprechen? Du hast deinen Kopf wieder, Bursche; und mit dieser Belohnung kannst du dich begnügen.

Lehre.

Wer mit wilden Bestien (es giebt Men schen, die nichts besser sind) zu thun hat, und mit ganzer Haut davon kömmt, der mag denken, daß er glücklich davon gekommen ist.

Betrachtung.

Es ist sehr schwer zu bestimmen, in wie fern man bösen Leuten, in ihrem Unglücke beystehen soll, und wie viel Gefahr und Schwierigkeiten ein weiser und rechtschaffner Mann, zu ihrem Be sten auf sich nehmen kann. Er mag geben, lei hen und wagen, so viel er, nach seinem mitleidi gen Herzen und seiner Großmuth, immer will; nur muß er niemals weiter gehen, als er nach Be schaffenheit des Falls, mit gutem Gewissen gehen kann. Es ist wahr, ein jeder hat die Freyheit, diese und jene freundschaftlichen Dienste und Ge fälligkeiten zu erzeigen, zu welchen er eigentlich nicht verbunden wäre; wenn ihn aber die Fülle seines guten Gemüths über die Grenzen der nö thigen Klugheit verführt, so kann man es für wei ter nichts, als für eine schöne schimmernde Schwachheit erklären.
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Unter dem Beine in dem Schlunde des Wolfs, ist jede Art des Unfalls zu verstehen, er mag nun den Leib, oder die Freyheit, oder die Glücksum stände treffen. Wie viele sehen wir täglich sich an Beinen in ihrem Schlunde würgen und mar tern, die, wenn sie der Quaal los sind, ihrem eignen Erretter nach Gut und Blut trachten! Kurz, die Welt ist voller Beyspiele, die den Sinn dieser Fa bel bestärken; und es wird tausend Menschen, bey Lesung derselben, ihr Gewissen rühren, denen es nicht an der Stirne geschrieben steht.

IX. Fabel. Der Landmann und die Schlange.

Ein Landmann fand bey harter Winterszeit ei ne Schlange unter einer Hecke, die fast todt gefrohren war. Der gutherzige Mann hob sie auf, und verwahrte sie in seinem Busen. Kaum aber hatte sie die Wärme wieder belebt, und sie wieder in den Stand gesetzt, Unheil zu stiften, als ihr mitleidiger Erretter von ihr gebissen ward. O du undankbares Thier! sprach er. Ist deiner bösen giftigen Gemüthsart mit nichts geringerm gedienet, als mit dem Untergange deines Wohl thäters?

Lehre.

Wer einen Undankbaren in seinem Busen aufnimt, der darf sich nicht wundern, wenn er von ihm verrathen wird; auch ist es nicht
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Barmherzigkeit sondern Thorheit, wenn man allgemeinen Feinde des menschlichen Ge schlechts sich zu verbinden sucht.

Betrachtung.

Es ist nichts seltnes, daß gutherzige Leute mit Undank belohnet werden. Wie viel Exempel ha ben wir nicht mit unsern eignen Augen gesehen, da Bösewichter, die von dem äußersten Mangel, der ihnen Lust und Kräfte, Uebels zu thun, benahm, errettet worden, zum Danke sich wider das Leben, die Ehre und das Glück ihrer Gönner und Erlöser verschworen haben! Es ist weiter hier nichts, als das in eine Fabel gebrachte Sprichwort: Errette einen Dieb vom Galgen, und er wird dir die Kehle abschneiden.

X. Fabel. Der Löwe und der Esel.

Ein Esel war einsmals so verwegen, daß er einem Löwen hönische Gesichter schnitt und ihn spöttisch anschrie. Anfangs wies ihm der Lö we die Zähne, und wollte über die Beleidigung em pfindlich werden. Als er sich aber besser bedach te, sprach er: sey so spöttisch, wie du willst, du bleibst doch ein Esel; nur das einzige merke dir bey dieser Gelegenheit, daß blos deine Nichtswürdig keit dir deine Haut ganz erhalten hat.
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Lehre.

Es ist unter der Würde eines großen Gei stes, sich mit Leuten in Streit einzulassen, die weder Verdienste noch Muth haben; ohne der Thorheit zu gedenken, wenn man mit jedem armseligen Schurken hadern will, den man nie, ohne eigne Schande, zu seinem Gegner der Nebenbuhler haben kann.

Betrachtung.

Es schickt sich für keinen angesehenen und wei sen Mann, sich mit kleinen Geistern zu überwerfen, und jedem Narren nach seiner Narrheit zu antwor ten. Der bloße Wortstreit setzt in diesem Falle den Herrn mit dem Knechte in einen Rang; und der Löwe hatte vollkommen Recht, daß er seinen Unwillen an keinem Esel verschleidern wollte, mit dem er keine Ehre einlegen, aber wohl welche verlieren konnte. Verachtung ist bey dieser Gelegenheit die einzige rühmlichen Rache.

XI. Fabel. Die Stadtmaus und Landmaus.

Eine Landmaus lud eine von ihren Freundinnen aus der Stadt auf ein Mahl, und gab alles da zu her, was ihr Ort vermochte, schimmlichte Brodrin den, trockne Stüchen<Stücken> Käse, dumpfigten Grütze, alten Speck und dergleichen. Die Stadtmaus wußte zu wohl zu leben, als daß sie an ihrer Bewirthung
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hätte etwas aussetzen sollen: gleichwohl aber stell te sie ihrer Freundinn vor, daß sie nach ihren Ver diensten einer bessern Lebensart würdig wäre, und wenn sie sehen wollte, wie köstlich sie zu leben ge wohnt sey, so sollte sie sichs gefallen lassen, sie mit nach der Stadt zu begleiten. Die Landmaus war es zufrieden; sie schlupften also mit einander fort, und kamen gegen Mitternacht an Ort und Stelle. Die Stadtmaus zeigte ihrem Gaste alle die Gewölber, Kammern, Küchen und andere Be hältnisse, wo sie ihren Vorrath aufbewahrte; und führte ihn hernach in einen Speisesaal, wo sie die Ueberbleibsel eines prächtigen, diesen Abend gege benen Schmauses, noch auf der Tafel fanden. die Stadtmaus legte ihrer Gespielinn von allem das Beste vor, und ein sammtnes Ruhebette war der Ort, wo sie es zusammen verzehrten. Schon wünschte sich die Landmaus, der solche Dinge vor her weder in die Sinne noch Gedanken gekommen waren, zu dieser Veränderung ihrer Umstände Glück; als plötzlich die Thüren aufsprungen, und ein Schwarm von lermenden Bedienten beyderley Geschlechts hereintrat, welche sich bey den übrig gebliebenen Leckerbissen lustig machen wollten; Die armen Mäuse geriethen hierüber in die äusser ste Verwirrung, und besonders war der Fremden, die sich noch nie in dergleichen Gefahr befunden hatte, um ihre Haut bange. Mit genauer Noth rettete sie sich noch in einen Winkel, wo sie sich so lange mit Furcht und Zittern verbarg, bis die Ge sellschaft fortgieng. So bald das Haus wieder ruhig war, wandte sie sich zu ihrer Wirthin; Ey!
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sprach sie, meine liebe Hofschwester, ist das die Brühe zu deinen köstlichen Gerichten? Ich will immer wieder in mein Loch, zu meinem schimmlich ten Käse kehren, und da, in meiner Höle, lieber an harten Rinden knaufeln, und keine Gefahr zu befürchten haben, als hier die Besitzerinn aller der niedlichsten Bissen von der Welt seyn, und mich so schrecklichen Ueberfallungen ausgesetzt wissen.

Lehre.

Diese Fabel zeigt den Unterschied zwischen dem Hofleben und Landleben, und vergleicht das Vergnügen, die Unschuld und Sicherheit des einen, mit der Angst, Ueppigkeit und Ge fahr des andern.

Betrachtung.

Wie unendlich sind die stillen Vergnügen ei nes Privatlebens, dem Geräusche und der Verwir rung eines öffentlichen Lebens vorzuziehen. Un schuld, Sicherheit, Bekanntschaft mit sich selbst, frische Luft, Gesundheit, ununterbrochne Ruhe sind die Glückseligkeiten des einen; da immittelst to bende Lust, schwärmende Trunkenheit, Getöse, Verwirrung, Falschheit, Ueberlistung, Verrätherey, und Krankheit die beständigen Begleiter des an dern sind. Der Glanz und die Ueppigkeit des Hofes, sind nur sehr armselige Belohnungen für die sklavischen Aufwartungen, die neidischen Mitbewerbungen, und die getäuschten Hoffnungen, welchen er uns unterwirft. Die ungewisse Gunst des Fürsten, und der
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Neid derer, welche nach dem Hörensagen oder dem Scheine, ohne Vernunft und Wahrheit, urtheilen, machen auch die allerbeste Art des Hoflebens, zu einem sehr elenden Leben: der unzähligen Versu chungen, Laster und Ausschweifungen eines vorneh men und üppigen Lebens nicht zu gedenken. Es halte nur jemand die Befriedigung seines lecker haften Mauls, gegen die Folgen der Schwelgerey und Unmäßigkeit; die Dürftigkeit seines Geistes, ge gen den verzärtelten Körper; die plagende Ueber lästigkeit der Zeitungsträger und Scheinfreunde, gegen die schönen Worte und Versicherungen, an welchen das Herz keinen Antheil nimt; er lege, sage ich, das eine nun gegen das andere auf die Wagschale, und er wird finden, daß er, mitten un ter seinen größten Ergötzlichkeiten, noch immer sehr elend ist. Mit einem Worte, man stelle die Ver gnügungen eines, unter Getöse, Ceremonien und Lermen zugebrachten Lebens, gegen die Glückselig keiten eines, von Freyheit und Unabhängigkeit be gleiteten Lebens; und mache alsdenn den Ueber schlag. Wer wollte sich also, wenn er nicht sehr unsin nig ist, freywillig dem gebietherischen Winke und der Verachtung eines Großen unterwerfen? Sich unter listigen Umarmungen den Dolch in die Brust stoßen lassen? Sich der unbarmherzigen Verleum dung Preis geben, und zu seiner eignen Vertheidi gung ein Schelm werden? Denn in einem laster haften Zeitalter, wo es zum Verbrechen wird, an ders als der gemeine Haufe zu seyn, ist man um
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so viel mehr Gefahren ausgesetzt, je ehrlicher man ist. Der meisten Wort muß nach jedes besonderm Interesse verstanden und ausgelegt werden; und an ihr Versprechen glauben sie länger nicht gebun den zu seyn, als es ihnen selbst zuträglich ist. Endlich, um die Fabel näher im Gesichte zu be halten, überlege man, mit der Landmaus, die Ruhe und Sicherheit eines eingezognen Landlebens, und zieh ihr, wenn man kann, die Unsicherheit, das Geräusch und die Verwirrung eines erhabnernGlü ckes vor.

XII. Fabel. Die Krähe und die Muschel.

Eine Krähe hackte an einer Muschel, und konn te, mit aller ihrer Mühe, die Schale nicht zerbrechen, um an die Muschel selbst zu kommen. Unterdessen kam eine andere Krähe, die erfahrner war, dazu, und gab ihr den Rath, sie sollte mit der Muschel so hoch in die Luft fliegen, als sie könn te, und sie hernach auf einen nahen Felsen fallen lassen, so würde die Schale, durch ihre eigne Wucht, zerbrechen. Der Rath ward angenommen, und es gelang; indem aber jene im Fluge war, laurete die andere auf dem Felsen, und flohe mit dem Fi sche davon.

Lehre.

Wenn ein eigennütziger Mensch seinem Nach bar einen guten Rath giebt, so kann man zeh
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ne gegen eins wetten, daß er seine Absichten dabey hat.

Betrachtung.

Offenherzige und einfältige Leute können gar leicht betrogen werden, wenn sie mit Arglistigen und Verräthern zu thun haben. Und in der That kann selten ein Betrug mißlingen, wenn auf der einen Seite ein völliges Vertrauen und auf der andern scheinbare Vorstellungen sind. Es ist da her gut, wenn man behutsam verfährt; nur muß man nicht mißtrauisch werden, und überall das schlimmste argwohnen, sonden sich blos hüten, daß man nicht durch allzugroße Leichtgläubigkeit, bey des zum Raube und zum Gelächter wird. Wir Menschen können von der guten Absicht an derer, nur blos nach dem Lichte, das wir von ihren Werken bekommen, urtheilen. Gleichwohl können wir dieses als eine Regel annehmen, daß wo der Rathgeber augenscheinlich bey dem Rathe gewinnt, und der, welchem der Rath gegeben wird, offenbar in Gefahr kömmt, sich zu verschlimmern, man sich nichts damit zu schaffen machen müsse. Der Rath der Krähe war an sich gut, nur daß sie ein be triegerisches Absehen dabey hatte.

XIII. Fabel. Der Fuchs und der Rabe.

Ein Fuchs spähte auf einem Baume einen Ra ben, mit einem Bissen in Schnabel, aus, der ihm das Maul sehr wäßrig machte; allein die Fra
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III. pag. 20.

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ge war, wie er ihn wegkriegen wollte. O du glück seliger Vogel, sprach er, du Lust der Götter und Menschen! — — und so ließ er sich weit läuftig über die reizende Gestalt des Rabens, über die Schönheit seiner Federn, über seine wunder bare Gabe der Prophezeyung und dergleichen, aus. Wenn du, fügte er endlich hinzu, eine Stimme hättest, die sich zu deinen übrigen vortreflichen Ei genschaften schickte, so würdest du das vollkom menste Geschöpf unter der Sonne seyn. Diese unverschämte Schmeicheley machte, daß der Rabe seinen Schnabel so weit aufsperrte, als er konnte, um dem Fuchse eine Probe von seiner holdseligen Stimme zu geben. In dem Aufsperren aber, entfiel ihm sein Frühstück, welches der Fuchs so gleich aufraffte, und dem Raben zurief: erinnere dich, Freund, daß ich wohl viel von deiner Schön heit, aber nicht ein Wort von deinem Verstande ge sagt habe.

Lehre.

Es werden wenig Menschen in der Welt seyn, bey welchen die Schmeicheley nicht mehr oder weniger wirken sollte; denn wir sind alle für uns selbst eingenommen. Wenn sie aber einmal bey einem Narren Zutritt findet, so kann man gewiß seyn, daß man von ihm alles, was man sich nur vorsetzen will, durch sie erlangen wird.

Betrachtung.

Die Schmeicheley legt guten Dingen böse, und bösen Dingen gute Namen bey; gleichwohl
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wird sie nicht eher ihren Glauben verlieren, als bis es keine Schelme mehr giebt, die sie machen, und keine Narren, die sie annehmen. Sie ist an sich selbst ein unmännliches und sklavisches Laster; durch die Verbindung aber, in der sie, mit der Heucheley steht, wird sie noch häßlicher; denn indem wir machen, daß andre Leute besser von sich selbst denken, als sie verdie nen, so machen wir auch, daß sie besser von uns denken, als wir verdienen. Eigenliebe und Eitel keit kommen, auf der einen Seite, der Falschheit und Unverschämtheit auf der andern, zu Hülfe; und indem schwache Gemüther in der guten Mei nung, die sie von sich selbst haben, bestärket wer den, nehmen sie gleichsam selbst, an der zu ihrem Un tergange gemachten Verschwörung, Antheil. Das einzige Gute, was die Schmeicheley hat, ist die ses: daß wir, wenn wir hören, wie wir nicht sind, daraus lernen können, wie wir seyn sollten.

XIV. Fabel. Der alte Löwe.

Ein Löwe, welcher in den Tagen seiner Jugend und Stärke, sehr beleidigend und grausam gewesen war, ward endlich, durch Alter und Schwachheit zu dem äußersten Grad der Verach tung erniedriget; so daß alle Thiere des Waldes, ei nige aus Uebermuth, andere aus Rache, über ihn
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her fielen. Er war nunmehr auf alle Weise ein elendes Geschöpf, nichts aber gieng ihm, bey sei nem Unglücke, näher ans Herz, als daß sich auch sogar der Esel unterstand, wider ihn auszuschla gen.

Lehre.

Ein Fürst, der sich keine Freunde macht, wenn er noch Vermögen und Gelegenheit hat, sie sich zu verbinden, darf sich auch nicht ver sprechen, Freunde zu finden, wenn er nicht mehr im Stande ist, ihnen gutes zu thun.

Betrachtung.

Das Beyspiel dieses alten elenden Löwen, kann den Großen zu Gemüthe führen, daß sich das Rad der Zeit und des Glücks unaufhör lich herumdreht, und daß sie endlich selbst in den Staub des Grabes herab müssen, ohne in ihrem Alter irgend einen Trost, als Ehre und Tugend und das Bewußtseyn einer wohlangewandten Jugend, zu haben. Niemand aber wird ein so unbetauer tes, so gerechtes, so nothwendiges, so angenehmes Opfer der Wuth und Verachtung des Volkes, als der, der sich durch Bevortheilung des gemeinen Wesens, in die Höhe geschwungen; besonders wenn seine Unterdrückungen mit muthwilliger Grausam keit verknüpft gewesen, und er, aus bloßer Liebe zur Ruchlosigkeit, morden und plündern lassen. Der Löwe ist hier auf dem Todtbette, und kann mit einem großen Manne in Ungnade verglichen werden. Kein einziger Freund, der ihm übrig
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geblieben wäre; kein einziger Feind, der nicht gaf fend bey ihm stünde, und ihm, mit seinen Hörnern oder Klauen, eins beyzubringen suchte. Da liegt er nun schwach, arm, ohne Vertheidigung, und in seinen Gedanken, von der sich schuldig wissenden Erinnerung des Stolzes und Uebermuths seiner Jugend, zernagt und durchstochen; alle seine Sün den, sowohl als alle seine Feinde, seine Ränke und Grausamkeiten, seine gebrochne Gelübden, Ver sprechungen und Bündnisse, seine Verstellung und Tyranney; kurz die Sträflichkeit aller seiner, auf den Untergang des Unschuldigen gerichteten Anschlä ge und Handlungen, kommen ihm auf einmal wie der vor die Augen. Ja, sein Elend vollkommen zu machen, sieht er sich so tief herabgestürzt, daß er gezwungen ist, die Stöße und Beschimpfungen der allerverächtlichsten Thiere des Feldes zu dul den, ohne daß ihm ein einziger beystehen, ja ihn nicht einmal beklagen will. Hieran, ihr übermü thigen Großen dieser Welt, denket auf der höchsten Staffel eures Glücks, und zittert!

XV. Fabel. Der Esel und der Schooßhund.

Ein Herr hatte einen Schooßhund, dem er sehr gewogen war, und der beständig muthwillig um ihm herumlermte, und tausend Sprünge und Possen machte, die ungemein wohl aufgenommen
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wurden. Dieses sah ein Esel in dem Hause, der sich einbildete, daß er zu schlecht gehalten würde, und wollte eben diesen lustigen Weg einschlagen, sich die Gunst seines Herrn zu erwerben; allein man gab ihm durch einen guten Knittel gar bald zu verstehen, wie sehr das Spielen des einen von dem Spielen des andern, unterschieden sey.

Lehre.

Leute, die sich nach Exempeln richten, soll ten den Nachdruck und das Ansehen ihrer Vor gänger genau erwegen; denn was einem Menschen ansteht, das kann an einem andern, unter veränderten Umständen, unerträglich seyn.

Betrachtung.

Alle Geschöpfe haben etwas, was ihrer Art einzig und allein eigen ist; und diejenigen Hand lungen sind die besten, die mit ihrer Natur, nach jedes angebohrnem Triebe, am meisten übereinstim men. Wenn der Esel dem Hunde seine Schmei cheleyen nachmachen will, so ist es eben so unna türlich, als wenn der Hund dem Esel sein Geschrey nachmachen wollte. Wer der Natur folgt, ver fehlt niemals den rechten Weg, und was für je den Menschen das beste ist, dazu ist er auch am geschicktesten. Er thut, was er thut, leicht und glücklich; da hingegen alle Nachahmung knechtisch und lächerlich ist.
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XVI. Fabel. Der Löwe und die Maus.

Einem großmüthigen Löwen war eine arme Maus in die Klauen gerathen; auf ihre de müthige Bitte aber, ließ er sie wieder los. We nig Tage darauf sahe sich der Löwe im Garne ver wickelt, und erndtete den Nutzen seiner vorigen Gnade; denn eben dieselbe Maus erinnerte sich, bey seinem Unglücke, der von ihm genossenen Wohl thaken, machte sich über das Garn, zerknaufelte die Schlingen, und befreyte auf diese Weise ihren Erhalter.

Lehre.

Es gilt durch die ganze Kette der Schö pfung, daß der Große und der Kleine, einer den andern, brauchen.

Betrachtung.

Nichts ist so klein, ein Großer, er mag noch so groß seyn, kann es einmal nöthig haben; und also muß Klugheit und Vorsicht bey Begnadigun gen eben sowohl Statt finden, als bey der Gerech tigkeit. Thue, wie du willst, daß man dir thue. Und die Verbindlichkeit wird desto stärker, je mehr Ehre man mit der Dankbarkeit einlegen kann. Die Großmuth des Löwen und die Erkenntlichkeit der Maus; die Gewalt und erhabne Würde des einen, und die Niedrigkeit der andern, tragen alle
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das ihrige dazu bey, diese Fabel zu einer von den allerlehrreichsten zu machen. Denn auf der einen Seite wird sowohl die Gnade als die Klug heit angepriesen, indem der Löwe, da er die Maus beym Leben ließ, sein eigen Leben errettete, und auf der andern wird das dankbare kleine Thier vie le undankbare Menschen beschämen. Ueberhaupt ist kein Mensch so groß, der nicht auch einmal in den Fall kommen könnte, in welchem wir den Löwen hier sehen.

XVII. Fabel. Der kranke Habicht und seine Mutter.

Mutter, sagte ein kranker Habicht, hört mit den unnützen Klagen auf, und betet lieber für mich. Ach, mein Kind, versetzte die Alte, zu welchem von den Göttern kann ich für einen Böse wicht beten, der keinen von allen ihren Altären un beraubt gelassen hat?

Lehre.

Nichts als das Bewußtseyn eines tugend haften Lebens, kann uns den Tod leicht ma chen; man verlasse sich also ja nicht auf die kal te Reue in den letzten betäubenden Stunden.

Betrachtung.

Die Främmigkeit<Frömmigkeit> und Reue des Habichts auf seinem Todbette, ist der Milde und den guten
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Werken so mancher Bußfertigen, die wir in der Welt antreffen, gleich. Nachdem sie Tempel und Altäre beraubt und entheiliget, und sich der gräß lichsten Gewaltthätigkeiten und Unterdrückungen schuldig gemacht haben, bauen sie ein Hospital, oder irgend ein kleines Armenhaus, vermachen von dem, was sie Witwen und Waysen abgenommen haben, geringe Summen der Kirche, und bilden sich ein, daß nunmehr alles wieder gut ist. Wie kann man sich aber, bey einem gottlosen Leben, auf den bloßen Zufall und die ungewissen Umstände verlassen, in welchen wir uns, bey Annäherung des Todes, befinden werden? Die Gnade muß sehr kräftig seyn, wenn sie, in dem Kampfe mit den Schwachheiten der beängstigten Natur, völlig sie gen soll. Das ist wahrhaftig die Zeit nicht, die wir zu dem großen Werke unserer Aussöhnung mit dem Himmel wehlen müssen, wenn wir die Angst des Körpers und die Angst der Seelen füh len, und von beyden zugleich bestürmt werden; ja, der muß mehr als unsinnig seyn, der seine Se ligkeit auf diesen verzweifelten Ausgang ankommen läßt. Die Menschen entladen sich, in diesen Um ständen, ohnedem aller beschwerlichen Betrachtun gen, nicht anders, als wie sie zur See ein leckgewor denes Schif durch das Auswerfen der Ladung leich ter machen; alles geht da in der größten Verwirrung zu, und sie entschlagen sich ihrer Sünden in dem einen Falle eben so, als sie sich in dem andern ihrer Güter entschlagen, nehmlich mit dem Vor satze, sie wieder aufzufischen, sobald der Sturm vor über ist.
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XVII<XVIII>. Fabel. Die Schwalbe und andere Vögel.

Eine Schwalbe, (ein Vogel, der wegen seiner Vorsicht bekannt ist) sahe einen Landmann Hanf auf seinen Feldern säen. Sie versammlete sogleich eine Menge kleiner Vögel, sagte ihnen, was der Mann hier thue, daß die Vogelsteller ihre Ne tze und Schlingen aus Hanf und Flachs machten, und rieth ihnen, den Saamen, wegen der schlimmen Folgen, bey Zeiten auszuhacken. Allein sie kehr ten sich an die Warnung nicht; er faßte also Wur zel und schoß endlich auf. Nun sagte die Schwal be abermals, es sey noch nicht zu spät, dem Uebel vorzukommen, wenn sie nur allen ihren Fleiß dar an wenden wollten; als sie aber sahe, daß man auf ihre Reden ganz und gar nicht achtete, verließ sie ihre alten Gespielinnen im Walde, und entschloß sich, in der Stadt bey den Menschen zu leben. Der Hanf ward reif; er ward eingeerndtet; er ward ver arbeitet; und leider sahe hernach die Schwalbe, in den daraus verfertigten Netzen, verschiedene von den Vögeln, die sie gewarnt hatte, gefangen, welche denn die Thorheit der so schändlich versäumten Gelegenheit, zu spät erkannten.

Lehre.

Ein weiser Mann sieht die Wirkungen in ihren Ursachen; Narren aber glauben nicht eher,
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als bis dem Uebel nicht mehr kann abgeholfen werden.

Betrachtung.

Sowohl Staaten als Privatpersonen hat mancher große Unglücksfall betroffen, blos weil sie, ihm in Zeiten vorzubauen, vernachläßiget haben. Das größte Unheil ist oft, aus einem sehr geringen Anlasse erwachsen; hätte es gleich beym Ausbru che Widerstand gefundeu<gefunden>, so würde es so weit nicht haben um sich greifen können. Ich will hier nur die Ottomannische Geschichte anführen, die uns so manche traurige Beyspiele hiervon zeigt; da die größten Regenten von der Welt, aus Mangel zeitiger Vorsicht, in wenig Stunden von ihren Thronen ins Gefängniß gestoßen worden. Man kann diese Lehre auch dahin ausdehnen, daß wir uns hüten sollen, den ersten Versuchungen des La sters Raum zu geben, das, wenn es nicht bey Zei ten gehemmt wird, Wurzel faßt, sich über die ganze Seele ausbreitet, und leicht in unserm gänzlichen Verderben, sich endet. Man muß keine Vor spielungen gänzlich verachten, wenn die Folgen, die sie anzeigen, wahrscheinlicher Weise unglücklich seyn können.
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IV. pag. 31.

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XIX. Fabel. Die Frösche bitten um einen König.

Die Frösche wurden ihrer Freyheit überdrüßig, und hielten bey dem Jupiter um einen Kö nig an. Jupiter, um sie zu versuchen, warf ih nen ein Klotz zum Regenten herab, das sie, durch den rauschenden Fall, alle in die Sümpfe scheuch te, aus welchen sie sich lange nicht heraus wagen wollten, bis endlich einer von ihnen, der kühner als die übrigen war, den Kopf in die Höhe steckte, sich umschaute, und den neuen Fürsten ganz ruhig da liegen sah. Nun rufte er seine Mitbürger zusam men, theilte ihnen seine Entdeckung mit, und mach te dadurch, daß sie alle auf ihrem Könige herum hüpften, und das Schrecken, in dem sie vorher ge wesen waren, in ein muthwilliges Lermen verkehrt wurde. Dieser König, sprachen sie, ist für uns zu stille; wir müssen den Jupiter um einen an dern bitten. Er gab ihnen einen andern; und schickte einen Storch unter sie, welcher den guten König Klotz gar bald rächte, und so viele von sei nen neuen Unterthanen verschlang, als ihm in den Weg kamen. Die Uebriggebliebenen von dem elenden Haufen, baten nunmehr nochmals um ei nen neuen König, oder um die Wiederherstellung ihres alten Standes; allein sie bekamen die Ant wort, daß sie sich dieses Unglück selbst zugezogen hätten, und da ihnen der Storch zur Strafe gege ben worden, so müßten sie sich mit Geduld fassen, und ihn so gut ertragen, als sie könnten.
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Lehre.

Einem unzufriednen Gemüthe mißfällt jeder Stand des Lebens. Ein Volk, das nicht weis, wenn ihm wohl ist, und sich nach Veränderung sehnet, muß es sich selbst zurechnen, wenn diese Veränderung seine Umstände verschlimmert.

Betrachtung.

Diese ganze Fabel, den einzigen Punkt mit dem Klotze ausgenommen, erinnert uns an die Israeliten, die mit der Theokratie, unter welcher sie das glückseligste Leben führten, nicht zufrieden waren, sondern durchaus einen König haben woll ten, wie ihn die benachbarten Völker hatten. Ih rem Verlangen ward gewillfahret, und in dem Kö nige Saul schickte ihnen Gott einen Storch, der sie gar bald ihre Thorheit empfinden ließ. Wir sollten uns mit unserm gegenwärtigen Stande begnügen lernen, er mag seyn wie er will; denn wenn das Verlangen nach Veränderung sich des menschlichen Gemüths einmal bemächtiget, so ist kein Ende damit. Gott weis ganz gewiß, was für uns das beste ist, und sich seiner Vorsicht ergeben, ist der sicherste Weg, des Segens von oben herab theil haft zu werden, und die Unbeständigkeit und Unzufrie denheit des Gemüths niemals bereuen zu dürfen, wel che uns Menschen sehr oft den größten Unglücksfäl len unterwirft, und doch nur macht, daß wir, nach vielfältigen Veränderungen, unsern ersten Zustand wieder wünschen.
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XX. Fabel. Der Falke, der Habicht und die Tauben.

Die Tauben sahen sich von dem Falken verfolgt, und erwehlten den Habicht zu ihrem Beschü tzer. Der Habicht nahm das Amt an; aber an statt, daß er mit dem Falken hätte Krieg führen sollen, richtete er, unter Vorschützung seiner Wür de, in zwey Tagen mehr Unheil in dem Taubenhause an, und vergoß mehr Blut, als der Falke kaum in so viel Monaten würde vergossen haben.

Lehre.

Es ist eine sehr gefährliche Sache, wenn ein Volk einen mächtigen und ehrgeitzigen Mann zu seinem Beschützer erwehlet.

Betrachtung.

Es ist oft besser, wenn wir die Uebel, die wir ken nen, gedultig ertragen, als mit weit größerer Gefahr ihnen abzuhelfen suchen. Wie viel Personen ha ben Ursache zu wünschen, daß sie lieber die Beleidi gung ihres nächsten Nachbar Falkens erduldet, als bey dem räubrischen Advocat Habicht Hülfe ge sucht hätten. Und um wichtigere Punkte zu berühren: wie viel Völker hätten lieber die kleinen Drückungen ihres rechtmäßigen Fürsten ertragen, als zu den
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Waffen, oder näher bey der Fabel zu bleiben, zur Hülfe einer auswertigen Macht, ihre Zuflucht neh men sollen, welche in diesem Falle selten die Unab hängigkeit und Freyheit derjenigen, die sich in ih ren Schutz begeben haben, zu unterdrücken ver gißt. Häufige Beyspiele hiervon findet man un ter andern in der alten Brittischen Geschichte, von den Pikten an, bis zu den Sachsen, den Dänen und Normännern; der neuern Exempel nicht zu gedenken.

XXI. Fabel. Der Hund und der Dieb.

Als eine Diebesbande in einem Hause einbrechen wollte, ward ein Hund darüber rege, und fing an zu bellen. Einer von der Bande sprach ihm freundlich zu, und wollte ihm mit einem Stü cke Brod den Mund stopfen. Nein, sprach der Hund, daraus wird nichts; ich werde mich nicht bestechen lassen, um meinen Herrn zu verrathen, und bin auch nicht gesonnen, um einen einzigen Bissen die Gemächlichkeit und Freyheit meines ganzen Lebens in die Schanze zu schlagen.

Lehre.

Unter schönen Worten, Geschenken und Schmeicheleyen, kann man gewiß glauben, daß eine schlechte und böse Absicht verborgen liegt.
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Betrachtung.

Wenn böse Menschen auf einmal höflich und gefällig werden und besser als gewöhnlich zu seyn scheinen, so vermuthet die Klugheit Betrug dahin ter, und hält ihre Worte gegen ihre Handlungen. Diese Moral geht alle und jede an, welchen sich andere vertrauen; sie mögen Räthe, oder Lieblinge, oder Bediente, oder Soldaten, oder Handelsleute seyn, denn es giebt unter allen Gattungen und Professionen böse und gute Menschen. Der Hund des Aesopus beschämt also alle falsche Men schen überhaupt, und giebt allen Untergebnen, wie sie Namen haben mögen, den guten Unterricht, keines elenden Gewinnstes wegen, ihre Ehrlichkeit bey Seite zu setzen, wenn sie nicht am Ende von unaufhörlicher Reue und den Bissen eines verletz ten Gewissens wollen gemartert werden.

XXII. Fabel. Der Wolf und die Sau.

Gegen eine Sau, die eben niederkommen sollte, erbot sich ein Wolf, mit vieler Höflichkeit, für ihre Jungen Sorge zu tragen. Die Sau dankte ihm mit gleicher Höflichkeit für seine Liebe, und bat ihn, er möchte ein wenig von weiten ste hen bleiben, und ihr seine guten Dienste in der ferne, je ferner je besser, erweisen.

Lehre.

Keine Fallstricke sind so gefährlich, als die, welche uns unter dem Namen der Gefälligkei ten erwiesen werden.
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Betrachtung.

Ein kluger Mann ist gegen die ganze Welt auf seiner Hut, besonders gegen einen Feind, der sich ihm unter der Gestalt eines Freundes zeigt. Die niedergekommene Sau würde eine sehr schlech te Wahl getroffen haben, wenn sie den Wolf zu ihrer Wärterinn angenommen hätte.

XXIII. Fabel. Der Berg in Kindesnöthen.

Es ging das Geschrey, der Berg wäre in Kin desnöthen, und die ganze Nachbarschaft lief zusammen, um zu sehen, was so eine große Mut ter für ein Ungeheuer hervorbringen werde, als plötzlich, man denke! eine lächerliche Maus her auslief.

Lehre.

Nichts macht einen Menschen lächerlicher, als wenn er durch eitles Geräusch, alles um sich herum in die größte Erwartung setzt, und bey der Ausführung weit zurück bleibt.

Betrachtung.

Was sind alle ausschweifende Anschläge und Unternehmungen der Eiteln dieser Welt anders, als mehr oder weniger aus dieser Fabel fließende Lehren? Was sind die gewaltigen Ansprüche, die man ohne Ueberlegung macht, aber nicht ausführt,
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anders, als Dünste einer Krankheit, oder fieberhaf te Träume, die weder Verbindung, noch Folgen haben? Auch ist es damit noch nicht genug, daß die Unternehmer ihren Zweck nicht erreichen; son dern sie werden noch dazu, anstatt fürchterlich, lä cherlich, wenn ihre Geschwulst Wind ist, und der Berg weiter nichts als eine Maus hervorbringt? Wir könnten manche neue Beyspiele von Unterneh mungen, auf welche diese Fabel paßt, anführen; wir wollen aber lieber eine so anstößige Sayte nicht berühren.

XXIV. Fabel. Der Esel und sein undankbarer Herr.

Ein armer Esel, den Alter und harte Arbeit völ lig hingerichtet hatten, hatte einsmals das Unglück, einen falschen Tritt zu thun, und unter seiner Last zu Boden zu fallen. Sogleich fiel sein Treiber über ihn her, und prügelte ihn beynahe todt. Ja, ja, sagte der Esel, das ist der Lauf der undankbaren Welt; ein einziges zufälliges Verse hen kann bey ihr die treuen Dienste eines ganzen Lebens vernichten.

XXV. Fabel. Ein alter Hund und sein Herr.

Ein alter Hund, der in der Jugend seinem Herrn manche frühliche Jagd gemacht, und alle Pflichten eines treuen Dieners beobachtet hatte,
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verlohr endlich Hurtigkeit und Kräfte, und so oft er etwas versah, ward er mit Schlägen und Schelt worten überhäuft, und endlich gar aus dem Hause gestoßen. Herr, sagte der Hund, mein Wille ist so gut als er jemals gewesen ist, aber meine Stär ke hat mich verlassen; und du kannst mich mit eben so gutem Rechte hängen, weil ich alt bin, als weil ich unvermögend bin.

Lehre dieser zwey Fabeln.

Es ist eine barbarische Unmenschlichkeit gros ser Herren gegen ihre alten Diener, wenn sie in Betrachtung der vergangenen Dienste ihrer Stärke und Jugend, die natürlichen Gebrechen ihres Altersnicht übersehen wollen; und wohl gar eines Alters, das durch schwere Arbeit und Ei fer in ihrem Dienste, beschleuniget worden.

Betrachtung.

Diese Fabeln verdammen die undankbare Grausamkeit derjenigen, die weder ein Versehen vergeben, noch tausend Dienste belohnen, sondern einen einzigen unglücklichen Zufall höher anrech nen, als eine lange Reihe löblicher Verrichtun gen. Ein einziger Fehltritt bringt ein ganzes rühmliches Leben in Vergessenheit, und dieses bey Regierungen sowohl, als an Höfen und in Fami lien; bey Herren und Frauen sowohl, als in Staaten. Es ist ein großes Elend, wenn treue Diener so unempfindlichem und undankbaren Herren in die Hände fallen; als welche alle Dienste nur nach
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V. pag. 38.

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dem Nutzen, den sie ihnen bringen, schätzen, ohne im geringsten auf Eifer, Treue, und Ergebenheit des Herzens zu sehen, sondern wohl noch gar dem alten Knechte, die Stärke und Unverdrossenheit sei ner Jugend, mit Vorwürfen und Schlägen beloh nen. Ja selbst die menschliche Schwachheit ma chen sie zu einem Verbrechen, indem sie mit ihren abgelebten Dienern nicht besser, als mit Bestien verfahren, weil sie nicht mehr als Menschen sind. Hier muß sich ein alter ausgedienter Hund, aus Mangel guter Zähne und Füsse, die er in dem Dienste seines Herrn abgenutzt hat, selbst versor gen, und es für eine große Gnade erkennen, wenn man ihn nicht für Hunger sterben läßt. Nun mehr wäre die Frage, ob eine solche Unbilligkeit ruchloser oder gefährlicher ist? Denn, auch außer der Unmenschlichkeit, ist es eine Lehre, die für den Herrn selbst sehr gefährliche Folgen haben kann, wenn er der Welt zeigt, daß sich ein Diener unmög lich in eine dauerhafte Gunst bey ihm setzen kön ne; ja, es entsteht sogar eine Art von Versuchung zur Bosheit und Ungerechtigkeit daraus, wenn man sieht, daß es gefährlich ist, Pflicht und Tu gend zu üben.

XXVI. Fabel. Der Esel, der Affe und der Maulwurf.

Ein Esel und ein Affe schütteten ihre Klagen ge gen einander aus. Der Esel beklagte sich ge waltig, daß er keine Hörner habe; und dem Affen
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gieng es eben so nahe, daß ihm ein Schwanz man gele. Ihr könnt beyde schweigen, sagte ein Maul wurf; denn wir armen Maulwürfe sind schlim mer daran, als keiner von euch ist.

XXVII. Fabel. Die Hasen und die Frösche.

Einsmals wurden die Hasen über die elenden Umstände, in welchen sie lebten, höchst miß vergnügt. Da müssen wir nun, sagte einer von ihnen, der Gnade der Menschen, der Hunde, der Adler, und ich weis nicht, wie viel anderer Geschöpfe, leben, die uns alle zu ihrem Raube machen, wenn es ihnen be liebt; wir sind in unaufhörlicher Furcht, in unauf hörlicher Gefahr; und daher bin ich durchaus der Meinung, daß es besser ist, einmal für allemal zu ster ben, als auf diese Weise in einer beständigen Angst zu leben, welche schlimmer, als der Tod selbst ist. Der Vorschlag ward unterstützt und gebilliget, und so gleich auch der Entschluß gefaßt, daß sie sich alle zu sammen ersäufen wollten. Mit diesem festen Vorsatze eilten sie der nächsten Lache zu, als auf das annä hernde Geräusche, und aus Furcht für die Hasen, eine grosse Menge Frösche auf einmal von dem Ufer ins Wasser sprangen. Was ist das, meine Herren? sprach einer von den ansehnlichsten aus der Gesellschaft. Ich dächte wir hätten noch ein we nig Geduld; denn ich finde, daß unsere Umstände so schlecht noch nicht sind, als wir es uns eingebildet haben, weil sich die Frösche, wie wir sehen, eben so sehr für uns, als wir uns für andere, fürchten.
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Lehre dieser zwey Fabeln.

Niemand muß sich wider die Ordnung und Rathschlüsse der Vorsicht auflehnen. Der uns erschaffen hat, weis, was uns am dienlichsten ist; und eines jeden Menschen Loos, wenn es gehörig eingesehen und gebraucht wird, ist son der allen Zweifel, für ihn das beste.

Betrachtnng<Betrachtung>.

Da die Natur für die Bedürfnisse aller Geschöpfe, und für das Wohlseyn eines jeden in seiner Art, sorgt: da es in keines Gewalt steht, sich anders zu machen, als die Vorsicht gewollt hat, daß es seyn soll: was für ein Unsinn ist es, zu wünschen, daß wir anders seyn möchten, als wir sind, und unaufhörlich bleiben müssen. Jedes Sonnenstäubchen der Schöpfung hat seinen be stimmten Platz; jedes Geschöpf hat seine eigen thümliche Gestalt, und ist nicht befugt, mit seinem Schöpfer zu hadern, warum er es eben so geschaf fen hat. Warum bin ich nicht das? und Warum habe ich nicht jenes? sind Fragen, die man nur einem Philosophen aus dem Tollhause vergeben kann; und wir mögen, mit eben so gu tem Rechte, die Bewegungen des Himnels, die Abwechselung des Tages und der Nacht, die Fol ge der Jahrszeiten tadeln, als wegen irgend eines andern von den Werken Gottes, die Vorsicht mei stern. Der Esel wollte gern Hörner haben; der Affe verlangte einen Schwanz, und die Hasen begehrten von allem Schrecken frey zu seyn, da sie doch selbst, bey aller ihrer Furchtsamkeit, andere
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schreckten: hier aber zeigten die Frösche, und dort der Maulwurf, daß es noch andre gäbe, die eben so elend wären, als sie. Es scheinet zwar eine Art einer boshaften Beruhigung zu seyn, die ein Mensch aus anderer Unglücke schöpft; allein die Vernunftmäßigkeit dieser Ueberlegung beruht auf einem andern Grun de; denn unser Trost entspringt nicht daher, weil andre elend sind, sondern er entsteht aus der Ver gleichung, die wir zwischen uns und diesen Elenden anstellen; aus der Betrachtung, daß wir unter dem allgemeinen Loose der Menschheit mit begrif fen sind. Und so wie wir glücklich oder elend, in Vergleichung mit andern sind; so sind auch andre glücklich oder elend, in Vergleichung mit uns; und ans dieser gerechten Einrichtung der Vor sehung, können wir uns von der Sündlichkeit und dem Vergehen unserer Undankbarkeit überzeugen. Was würde ein Mensch, der mit dem Podagra, oder dem Steine geplagt ist, nicht um seine Be freyung von diesen Uebeln geben? Nun setze man auf der einen Seite eine unheilbare Armuth, und auf der andern, eine unheilbare Krankheit; sollte sich der arme Mann in seinen Lumpen nicht glück licher dünken, als jener im Purpur? Allein der Reiche beneidet die Gesundheit des Armen, ohne seinen Mangel zu bedenken; und dieser beneidet jenes Schätze, ohne auf seine Krankheiten zu sehen. Was ist ein böser Name in der Welt, gegen ein gutes Gewissen? Und wie viel minder elend ist ein unschuldiger Mann auf der Folter, als ein
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Schuldiger, der gleiche Marter ausstehen muß? Das einzige, was die Hasen und Esel thun können, ist, für das, was sie sind und was sie haben, dank bar zu seyn, und nicht über das Schicksal zu mur ren, das sie, ihrem Unwillen zum Trotze, ertragen müssen.

XXVIII. Fabel. Der Wolf, die Ziege und das Zickel.

Als eine Ziege des Morgens ausgieng, befahl sie ihrem Zickel, bey ihrem mütterlichen Se gen, die Thüre in ihrer Abwesenheit durchaus nicht aufzumachen, und kein Geschöpf einzulassen, das nicht einen Bart habe. Kaum war die Ziege fort, so kam ein Wolf, welcher den Befehl gehört hatte, an die Thüre, und rief dem Zickel mit einer klaren Stimme zu: mach deiner Mutter auf! Al lein das Zickel merkte den Betrug, und hieß dem Wolfe, er möchte nur seinen Bart zeigen, und denn sollte ihm die Thüre sogleich geöffnet werden.

Lehre.

Niemals hat sich ein Heuchler so verstellen können, daß er nicht an einem oder dem andern Merkmale zu erkennen gewesen wäre.

Betrachtung.

Hier wird uns, unter der Weigerung des Zi ckels, die Thüre aufzumachen, Klugheit, Vorsicht
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und Gehorsam empfohlen; und zugleich in dem Wolfe, das tückische Verfahren eines nichtswür digen Betriegers vorgestellet. Wenn der Gehor sam des Zickels nicht größer als seine Scharfsich tigkeit gewesen wäre, so würde es, zu seinem Scha den, die Zähne eines Wolfs in dem Munde einer verstellten Ziege, und die Bosheit eines Feindes unter dem Vorwande der Anverwandtschaft, ent deckt und empfunden haben.

XXIX. Fabel. Der Hund, das Schaf und der Wolf.

Ein Hund forderte ein Schaf, wegen einiger Maaß Weitzen, die er ihm wollte geliehen haben, vor Gericht. Der Kläger bewies die Schuld mit drey glaubwürdigen Zeugen, dem Wol fe, dem Habicht, und dem Geyer. Der Beklagte, verlohr den Proceß, mit samt den Unkosten, und ward gezwungen, zur Bezahlung des Gläubigers, die Wolle von seinem Rücken zu verkaufen.

Lehre.

Wenn sich Kläger, Richter und Zeugen wi der den Gefangenen verschworen haben, so ist es gleich viel, ob seine Sache gut oder schlecht ist, ob er mit Recht oder mit Unrecht angeklagt worden.

Betrachtung.

Keine Unschuld ist außer Gefahr, wenn Macht und Bosheit sich wider sie verbunden haben. Ge
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gen Bestechung und falsche Beweisthümer ist keine Hülfe. Gleichwohl können wir ohne Gesetze nicht leben; und man kann in vielen Fällen nichts dar wider thun, wenn die rettende Billigkeit von dem tödtenden Buchstaben desselben überwältiget wird. Der Ausspruch des Richters entscheidet; aber nach den wahren oder falschen Beweisthü mern muß sich dieser Ausspruch richten. Die Ge fahr beruht also nur darauf„ wenn den Schwüren der Wölfe, Habichte und Geyer zu viel geglaubt wird; das ist, wenn man so nichtswürdige Zengen gelten läßt, die der Wahrheit selbst zur Schande gereichen.

XXX. Fabel. Der Bauer und die Schlange.

Eine Schlange hatte ihren Aufenthalt unter der Thürschwelle eines Bauerhauses. Ein Kind aus dem Hause trat ungefehr auf sie; die Schlange biß es, und es starb an dem Biße. Der Vater des Kindes schlug nach der Schlange, er traf sie aber nicht, sondern der Schmiß war bloß auf dem Steine, auf den er geschlagen hatte, zu erkennen. Einige Zeit darauf trug der Bauer der Schlange an, daß sie wieder gute Freunde seyn wollten. Nein, sagte die Schlange, so lange ich noch den Fleck auf dem Steine in den Augen, und du, den Tod deines Kindes in Gedanken hast, ist zwi schen uns an keine Freundschaft zu denken.
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Lehre.

Es ist ein großer Unterschied zwischen der Vergebung und der anscheinenden Bereitwil ligkeit zu vergeben. Wir mögen zwar in vie len Fällen das Beste hoffen, nur müssen wir nicht unsere ganze Wohlfahrt dabey aufs Spiel se tzen.

Betrachtung.

Einem versöhnten Feinde ist nicht wohl zu glau ben; noch gefährlicher aber ist es, wenn man es von Gnade und Vergebung gleich auf Zuversicht und Vertrauen kommen läßt; besonders wenn so man che Denkzeichen im Gesichte bleiben, die zu Haß und Rache anfeuern können. Ueberhaupt kam der Bauer, alles wohl üderlegt, mit der vorge schlagenen Vorsöhnung zu geschwind; und die Schlange hatte Recht, daß sie sich mit keinem Man ne wieder einlassen wollte, den das noch frische Andenken der Beleidigung leicht zur Rache hätte antreiben können. Es ist daher sehr nothwendig, daß der eine weis, wem und wie weit er trauen soll, und daß der andere überlegt, wem er dieses Zu trauen zumuthet. Bald wieder versöhnt seyn, zeigt nicht immer ein gutes Herz an; und Nachsicht ohne Klugheit, ist blos ein mehr verzeihlicher Fehler.
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VI. pag. 47.

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XXXI. Fabel. Der Fuchs und der Storch.

Ein Fuchs lud einmals einen Storch zu einem Gastgebote. Er ließ verschiedene Suppen in fla chen Tellern und Schüsseln auftragen, fing an sie be gierig aufzuschlurfen, und bat seinen Gast herzlich, sichs ja wohl schmecken zu lassen. Der Storch sahe, daß er angeführt war, nahm aber die Bewirthung mit einem heitern Gesichte auf, und sagte seinem Freunde, daß er so gut seyn und diesen Abend nun auch mit ihm vorlieb nehmen werde. Der Fuchs machte verschiedene Entschuldigungen, allein der Storch ließ sich nicht abweisen, und endlich mußte er ihm versprechen, zu kommen. Die Gerichte wurden in Gläsern mit engen Hälsen aufgetra gen, und es waren die leckerhaftesten, die der Storch nur hatte finden können. Wohlan, mein liebster Freund, sprach er zu dem Fuchs, thue als ob du Hause wärest, und hiermit machte er sich selbst begierig drüber. Der Fuchs merkte den Possen gar bald, schlich sich weg, und mußte bekennen, daß er für seinen unwirthbaren Muthwillen gehörig bezahlt sey.

Lehre.

Nichts sieht alberner aus, als ein tückischer Schalk, der überlistet, und durch seinen eigenen Possen zu Schanden gemacht wird.
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Betrachtung.

Dieses ist gemeiniglich das Schicksal der Lu stigmacher und Possenreisser, die, wenn sie denken, daß sie sich mit andern lustig machen, endlich selbst zum Gelächter werden. Des Fuchses Muthwille ging zu weit, weil es sowohl auf seine Einladung, als unter seinem Dache geschah. Die Vergeltung des Storchs war also, auch nach den Regeln der Höflichkeit und des guten Umgangs, eine ganz verantwortliche Rache; denn da der Fuchs die Spötterey anfing, so er hielt der andere nicht nur eine Aufforderung, son dern auch eine Art von Recht, ihn mit gleicher Münze zu bezahlen. Hieraus mögen wir die Freyheiten in Gesellschaft, die alle Grenzen der Leutseligkeit, der Ehre, der Hochachtung und An ständigkeit überschreiten, beurtheilen und zugleich einsehen lernen, daß die Gesetze der Menschlichkeit und der Gastfreyheit auf alle Weise unverletzlich seyn sollten; denn einen Freund, wegen eines lusti gen Einfalls beleidigen, ist ein unsittlicher und un erträglicher Uebermuth.

XXXII. Fabel. Der Fuchs und der geschnitzte Kopf.

Ein Fuchs bewunderte, in der Werkstatt eines Bildschnitzers, unter andern ein sehr fein ge arbeitetes Bruststück, und sagte, nachdem er es
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sehr geuau<genau> betrachtet hatte: wahrhaftig, du bist ein ungemein schönes Stück, aber ist es nicht Schade, daß du nicht ein Körnchen Verstand hast?

Lehre.

Ein schönes Aeußerliche zeigt nicht immer eine schöne Seele an. Dem bloßen äußerlichen Scheine ist selten zu trauen.

Betrachtung.

Die Vortreflichkeit der Seele ist weit über der Schönheit des Körpers, ob man gleich gemeini glich weit mehr Sorge anwendet, die Vorzüge des einen, als der andern auszuarbeiten. Mit einem Worte alles zu sagen; die Welt selbst ist nichts als eine große Werkstatt voll geschnitzter Köpfe; und die Anmerkung des Fuchses gilt eben sowohl im gemeinen Leben, als in der Fabel.

XXXIII. Fabel. Die Dohle mit den geborgten Federn.

Eine Dohle, die gern glänzen wollte, putzte sich mit allen schönen Federn aus, die sie zusam men bringen konnte, und dünkte sich nunmehr bes ser, als irgend ein Vogel in der Luft. Hierdurch zog sie sich den Neid aller ihrer Gespielinnen zu, die, nachdem sie hinter die Wahrheit gekommen wa ren, einmüthig auf sie fielen, und ihr den geborgten Putz ausrupften. Als nun jeder Vogel seine ei
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gnen Feder wieder hatte, war die alberne Dohle, was sie von Anfange gewesen war, und sahe sich, außer ihrer ersten Armseligkeit, noch dazu einer an haltenden Verachtung ausgesetzt.

Lehre.

Leute, bey welchen Stolz und Betteley zu sammenkommen, werden am Ende ganz gewiß lächerlich.

Betrachtung.

Jedes Ding und jeder Mensch, ist in dem Zustande, in welchen ihn die Natur gesetzt hat, am besten und am glücklichsten; wenn aber Dohlen Pfaue, und Esel Löwen seyn wollen, so können sie gewiß glauben, daß man sie, für alle ihre Mü he, zuletzt auslachen wird. Dieses Gleichniß von der Dohle mit ihren geborgten Federn, erstreckt sich auf alle Arten von Betriegern und Grossprechern. Es zielt also auch darauf, wenn man sich den Ruhm eines witzigen und gelehrten Kopfs anmaßt; und in diesem Falle geht es nicht anders, als es mit Leuten geht, die auf Treue und Glauben ihres gu ten Ansehens, mit Stand, Geburth und Tapfer keit prahlen. Dergleichen Plagiare, die auf den von andern Schriftstellern geborgten Witz, groß thun, können daher füglich mit der Dohle in der Fabel verglichen werden.
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XXXIV. Fabel. Die Ameise und die Fliege.

Wo ist die Ehre, wo ist das Vergnügen in der Welt, sagte eine Fliege, als sie mit einer Ameise um den Vorzug stritt, woran ich kein Theil habe? Stehen mir nicht alle Zimmer und Tem pel offen? Bin ich nicht der Credenzer der Götter und Fürsten, bey allen ihren Opfern und, Gastereyen? Und alles dieses ohne Geld und ohne Mühe. Ich gehe auf Kronen einher, und küsse aller Schönen Lippen, die mir gefallen. Kannst du so etwas von dir sagen? Eitler Prahler, sagte die Ameise, weißt du den Unterschied nicht zwischen einem der als Gast kömmt, und einem der sich eindringt? Den Leuten ist an deiner Gesellschaft so wenig gelegen, daß sie dich vielmehr todtschlagen, sobald sie dich treffen können. Wo hin du kömmst, bist du ihnen zur Plage; dein Odem erzeugt Maden, und die Küsse, deren du dich rühmst, was sind sie anders, als eine Verbreitung des süßen Geruchs, den du von dem letzten Misthaufen mit dir genommen? Ich meins Theils, lebe von dem, was mein eigen ist, und arbeite den Sommer über redlich, um mich den Winter durch erhalten zu können, da inzwischen der ganze Lauf deines ärgerlichen Lebens, dieser ist, daß du in der einen Helfte des Jahres stiehlst und betriegst, und in der andern für Hunger um kömmst.
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Lehre.

Die Glückseligkeit des Lebens besteht nicht sowohl in dem Genuße geringer Vortheile, als in der Befreyung von großen Unfällen. Der Mittelstand ist der glücklichste Stand, den sich ein Mensch wünschen kann.

Betrachtung.

Diese Fabel zeigt uns den Unterschied zwischen der eiteln Prahlerey, und den wesentlichen Zierden der Tugend. Schwerlich kann sich ein Mensch eine wahrere Abbildung der freyen, anständigen, landmännischen Einfalt, vorstellen, als den An theil den die Ameise an dem Gespräche dieser Fa bel hat. Sie sorgt für ihren Unterhalt; sie be leidigt niemanden; sie macht sich keine Feinde; ihr fehlt nichts und sie prahlt mit nichts; sie lebt mit dem, was ihre ist, vergnügt, und genießt al les mit gutem Gewissen. Dieses Sinnbild em pfiehlt uns die Glückseligkeit eines tugendhaf ten eingezognen Lebens, wo alles nach dem rechten Maaße der unverwöhnten Natur geht, und ent hält, in wenig Worten, die ganze Summe eines glücklichen Standes. Die Fliege hingegen führt ein faules, wollü stiges, ärgerliches Leben; sie wird überall gehaßt, und ist in beständiger Furcht und Gefahr. Sie fliegt zwar aus einem Zimmer in das andere, von einem Fenster zu dem andern, rühmt sich ih res Ansehens bey Hofe, und ihrer Gunst beym Frauenzimmer: Was ist aber dieses elende Un
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geziefer mehr, als ein wahres Ebenbild unserer ge wöhnlicher Schmarotzer, die ihre Zeit damit zu bringen, daß sie von eines Großen Tische, zu dem andern rennen, um Brocken und Zeitungen zu fammlen, und gute Gesellschaften zu verderben; oder geschäftig von einer Aufwartung zur andern eilen, und sich jedem, dem sie beschwerlich zu fallen für gut befinden, nothwendig zu machen suchen.

XXXV. Fabel. Der Frosch und der Ochse.

Als ein großer Ochse auf einer Wiese weidete, stand ein alter neidischer Frosch gaffend bey ihm, und rief seinen Kleinen zu, sie sollten einmal diesen Berg von einem ungeheuren Thiere betrach ten. Und seht, fügte er hinzu, ob ich mich nicht zum größten von uns beyden machen will! Hier mit blies er sich einmal, und zum andernmale auf, und schwoll immer mehr und mehr, bis er sich endlich zu stark anstrengte und platzte.

Lehre.

Kleine Geister dünken sich gemeiniglich grös ser und würdiger, als sie sind, und halten ande re Leute für kleiner und geringer. Die Folgen dieses elenden Stolzes gereichen oft dem, der damit besessen ist, zum Unglücke, oder machen ihn wenigstens in den Augen derjenigen verächt lich, welchen er am liebsten eine gute Meinung von sich beybringen möchte.
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Betrachtung.

Diese Fabel kann wider diejenigen erkläret werden, die ein vornehmer Leben führen, als ihre Würde erfordert und ihre Glücksumstände erlau ben; die Geld über Geld mit Leuten um die Wette aufgehen lassen, die zehnmal mehr Vermögen ha ben, und also am Ende nothwendig bersten oder Bankerot machen müssen. Stolz und Ehrgeiz treiben die Menschen nicht bloß zu Ausschwei fungen, sondern auch oft zu Unmöglichkeiten, und verursachen den gewissen Untergang des Kleinern und Schwächern, wenn er es denen an Macht und Aufwand gleich thun will, die ihm an Kräften und Reichthum weit überlegen sind. Eben so geht es auch, wenn Leute von geringen Fähigkeiten und großer Einbildung, es mit Männern aufneh men wollen, die sie an Witz und Gelehrsamkeit übertreffen; sie verlieren die Ehre, in beyden für mittelmäßig gehalten zu werden, die sie, ohne ihre Eitelkeit, hätten behaupten können, und machen sich also, da sie mehr seyn wollen, als sie sind, gerin ger, als man sie wurde geglaubt haben, wenn sie sich selbst besser gekannt hätten. Kurz, wer sich, alles zu wissen vermißt, wird für einen gehalten, der gar nichts weis, und dieses mit so viel meh rerem Rechte, weil er in der Kenntniß seiner selbst ein Unwissender ist.
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XXXVI. Fabel. Der Esel und der Wolf.

Ein Esel hatte sich einen Dorn in den Fuß ge treten, und aus Mangel eines bessern Wund arztes, mußte er sich dem Wolfe anvertrauen, der sich, ihm denselben mit den Zähnen heraus zu zie hen, erbot. Kaum war der Esel geheilt, als er die böse Absicht des Wolfs merkte, und seinem Operateur mit seinem gesunden Fuße einen solchen Schlag zwischen die Ohren versetzte, daß er ihn ganz betäubte, und unter dessen Zeit hatte, sich aus dem Staube zu machen.

Lehre.

Wer Böses im Sinne hat, dem widerfährt Böses; und dieses nach den allgemeinen Regeln der Billigkeit und Vergeltung,

Betrachtung.

Den schönen Worten derjenigen, welchen un ser Untergang so angenehm als ersprießlich seyn würde, ist nicht zu trauen; besonders wenn der Anschlag unter der Larve einer freundschaftlichen Gefälligkeit versteckt liegt. Es ist nicht mehr wie billig, List mit List zu hintertreiben, und einem fal schen Spieler Kunstgriffe gegen Kunstgriffe zu setzen; nur muß es, ohne Treue und Glauben zu brechen, und so geschehen, daß es mit Ehre, Anständigkeit und guten Sitten bestehen kann. Der Wolf hatte einen
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Anschlag auf den Esel, und da es einmal zum Ver suche ihrer beyderseitigen Verschlagenheit gekom men war, so war die Gegenmine nichts als eine thätige Folge der Selbsterhaltung.

XXXVII. Fabel. Der unwissende Seefahrer.

Ein Mann, der noch nie auf dem Wasser ge wesen war, begab sich zu Schiffe. Es ent stand ein Sturm, und bald darauf blieb das Schiff auf einer Sandbank sitzen. Ein jeder andre war bey dieser Gefahr nur allzu empfindlich; allein er, für seinen Theil, dankte Gott, daß er ihn von dem hohen Wasser errettet, und wieder dahin gebracht habe, wo er Grund fühlen könne.

Lehre.

Wir halten oftmals etwas für unser Glück, was am Ende zu unserm größten Unglücke aus schlägt.

Betrachtung.

Zu viel Sicherheit ist in der Zeit der Gefahr, oft von üblern Folgen, als zu viel Besorgniß; denn durch die eine kann ein Uebel, wo nicht gänzlich vermieden, doch gewisser Maaßen verringert wer wen<werden>, wenn man sich gehörig darauf vorbereitet; die andre hingegen macht, weil sie nichts besorgt, auch keine Anstalt wider die Gefahr, und wird also
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unvorbereitet überrascht. Die übrigen von dem Schifsvolke werden, sonder Zweifel, sobald das Schiff aufgestoßen, die besten Mittel, die sich ih nen zeigten, ergriffen haben, ihre Personen und Güter zu retten; da sich inzwischen der dumme Reisende mit der Hoffnung, aufs trockne Land zu kom men, geschmeichelt und auf seine Rettung bedacht zu seyn, verabsäumet hat, und folglich aller Wahr scheinlichkeit nach, ein Opfer seiner gedankenlosen Sicherheit geworden ist.

XXXVIII. Fabel. Das Pferd und der Esel.

Ein stolzes verzärteltes Pferd, mit prächtigem Geschirre bedeckt, stieß auf einen armen, un ter einer schweren Last dahin schleichenden Esel, der mit ihm auf einem Fußsteige zusammen kam. Nun Bursche, sagte das Pferd, siehst du nicht aus dem Wappen uud<und> dem Geschirre, wem ich zugehöre? Und begreifst du nicht, daß wenn ich meinen Herrn auf dem Rücken habe, das ganze Gewicht des Staats auf meinen Schultern ruht? Aus dem Wege, du sklavisches unverschämtes Thier, oder ich will dich zu Kothe treten. Der elende Esel kroch sogleich bey Seite, und murmelte den neidi schen Wunsch zwischen den Zähnen; Was wollte ich darum geben, wenn ich mit diesem glückli chen Thiere tauschen könnte! Dieser Gedanke wollte ihm nicht aus dem Kopfe, bis er kurz dar
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auf eben dasselbe Pferd in einen Mistkarren ge spannt, und die schwerste Arbeit verrichten sah. Ey, Freund, sagte der Esel, wie kömmst du dazu? Das Kriegsglück, war die Antwort, hat mich so weit gebracht. Ich diente, mußt du wissen, einem Generale, der mich mit in die Schlacht nahm, wo ich zerhauen und zerstümmelt ward. Wie es mir nun geht, das siehst du.

Lehre.

Diese Fabel zeigt die Thorheit und das Schicksal des Stolzes und Uebermuths; und den Irrthum, die Glückseligkeit in Dingen zu suchen, die leicht entwandt werden können; zu gleich auch die Vortheile eines unabhängigen Mittelstandes.

Betrachtung.

Niemand würde die Pracht und den Glanz der Grnßen<Großen> beneiden, wenn er nur entweder die damit verbundnen Sorgen und Gefahren, oder die Glückseligkeit des Friedens und der Ruhe im Mittelstande, bedächte. Kein Mensch kann wirk lich glücklich seyn, der sich nicht jede Stunde sei nes Lebens auf das schlimmste, das ihn befallen kann, gefaßt macht. Nun kann dieses aber nicht anders geschehen, als wenn wir die Gewißheit des Todes und die Schlüpfrigkeit des Glücks be ständig in Gedanken haben, und uns aller Beäng stigungen der Hoffnung und Furcht entschlagen. Man könnte bey Gelegenheit dieser Erdich tung, ganz natürlich von dem Laster der übermü
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thigen Vermessenheit handeln; von dem Schick sale, das auf dasselbe wartet; von seinem Ursprun ge; von den Mitteln ihm vorzukommen, oder es zu unterdrücken; von der Thorheit desselben; von der elenden und lächerlichen Beschaffenheit der Stolzen; von der Schwachheit desjenigen Nei des, der sich auf eine übelverstandene Glückselig keit des menschlichen Lebens gründet, u. s. w. Man muß hier, sowohl die Thorheit des Esels, als des Pferdes, in Erwegung ziehen; des Pfer des, welches seine Glückseligkeit in Dinge setzte, die es verlieren konnte; und des Esels, welcher diese irrige Glückseligkeit eines gemißbrauchten Glanzes, beneidete. Was ist an einer prächtigen Ausstaffirung und einem verzärtelten Körper, ohne dem innern Werthe der Tugend, gelegen? Was sind Schönheit, Stärke, Jugend, Glück, Kleider pracht, und alle die zeitlichen und ungewissen Vorzüge, um die uns der nächste Augenblick brin gen kann? Wie ungewiß ist der Besitz eines Guts, aus welchem uns jede Veränderung der Umstände, jeder geringe Sturm, und der allerkleinste von hundert tausend gewöhnlichen Zufällen, setzen kann? Noch mehr; der Neid des Esels war eine gedoppelte Thorheit; denn er verkannte nicht nur den Stand des Pferdes, sondern auch seinen eige nen. Es ist Unsinn, irgend ein Geschöpf benei den, das in einem Augenblicke elend werden kann, und es eines Vorzugs wegen beneiden, den es in einem Augenblicke verlieren kann. Heute benei
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det der Esel das Pferd und in wenig Tagen muß das Pferd den Esel beneiden; es verzweifle da her niemand, so lange es noch in der Gewalt des Todes oder des Zufalls ist, die ihn drückende Last wegzunehmen. Durch nichts als Mäßigung und Großmuth, können wir, sowohl ein günstiges als widriges Schicksal, gehörig ertragen. Der einzige Weg, glücklich zu seyn, ist dieser, daß wir uns unserm Loose unterwerfen; denn kein Mensch kann eigentlich elend genennet werden, der seiner selbst noch mächtig ist. Es ist ganz gewiß, daß mancher armer Schuhflicker in seiner Bude, ein fröhlicher Herz hat, als ein Fürst in seinem Pallaste.

XXXIX. Fabel. Die Fledermaus und das Wiesel.

Ein Wiesel hatte eine Fledermaus erhascht, und die Fledermaus bat um ihr Leben. Nein, nein, sagte das Wiesel, ich gebe keinem Vogel Quartier. Aber, versetzte die Fledermaus, du siehst ja, daß ich eine Maus bin; betrachte doch nur meinen Körper; und so kam sie für diesesmal los. Kurz darauf hatte eben dieselbe Fledermaus das Unglück, von einem andern Wiesel gefangen zu werden, und mußte abermals um Gnade bitten. Nein, sagte das Wiesel, für Mäuse habe ich keine Gnade. Nun wohl, erwiederte jene, siehst du nicht aus meinen Flügeln, daß ich ein Vogel bin? Und so half sie sich auch aus der zweyten Verlegenheit.
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Lehre.

Wenn es auf keine Verrätherey des andern abgesehen ist, sondern nur darauf ankommt, daß man sich selbst von einer nahen Gefahr befreye; alsdann sind unschuldige Ausflüchte auch einem ehrlichen Manne nicht unanständig.

Betrachtung.

Aus dieser Erdichtung können wir abnehmen, daß es gewisse Fälle und Gelegenheiten giebt, wo Verstellungen und künstliche Ausflüchte, gewisser Maaßen erlaubt sind, wenn nur keine ärgerliche und boshafte Verletzung der Wahrheit dabey mit un terläuft. Die veränderliche Rede der Fledermaus in den Klauen des Wiesels, war nichts als die be ste Art, ihr Leben zu retten; sie brach dadurch we der Treue noch Glauben; sie verletzte keine Pflicht; sie hatte keinen arglistigen Gedanken, sondern wuß te sich bloß, auf eine feine und kluge Art, jedesmal den Schein zu geben, der ihr am zuträglichsten war.

XL. Fabel. Die neutrale Fledermaus.

Bey einer gefährlichen und ungewissen Schlacht zwischen den Vögeln und Thieren, hielt sich die Fledermaus neutral, bis sie fand, daß die Thie re die Oberhand behielten, und alsdann schlug sie sich auf die stärkste Seite. Es geschah aber
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einige Zeit darauf, denn das Kriegsglück ist ver änderlich, daß die Vögel ihre zerstreuten Völker wieder zusammen brachten und den Sieg erfoch ten. Den Augenblick gieng die Fledermaus zu der andern Parthey über; allein sie ward von dem Kriegsrathe für einen Ueberläufer erkannt, gerupft, verbannt und endlich verurtheilet, nie mals wieder ans Tagslicht zu kommen.

Lehre.

Diese Fabel ist ein wahres Sinnbild eines bösen Achselträgers; und die Fledermaus hatte die Strafe, die sie empfing, gar wohl verdient.

Betrachtung.

Der Fall, in welchem sich die Fledermaus in dieser Fabel befindet, die einige Moralisten mit der vorhergehenden unter einerley Lehre gebracht ha ben, ist gleichwohl sehr verschieden, und wir haben daher zwey verschiedne Fabeln und Anwendungen daraus gemacht. In jener Fabel fiel die Fleder maus, zu verschiednen Zeiten, in die Klauen ver schiedener Wiesel, und bediente sich ihrer natürli chen Gestalt, blos aus der löblichen Absicht ihr Leben zu retten, so verschiedlich. Allein in der ge genwärtigen Fabel spielt die Fledermaus die Rolle eines Abtrünnigen; denn erstlich that sie ihrer Parthey dadurch Schaden, daß sie ihr ihren Bey stand entzog; und zweytens dadurch, daß sie auf die stärkste Seite überging, und sich gegen ihre Mitgenossen feindlich erklärte, als sie am übelsten daran waren. Ihre Verurtheilung, wie wir in
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der Lehre angemerkt haben, war daher gerecht, und wenn es allen Achselträgern und Ueberläufern so wie dieser, Fledermaus ergieng, so würden die Ab trünnigen dadurch geschreckt, und die Rechtschaf nen aufgemuntert werden.

XLI. Fabel. Der Wolf und der Fuchs.

Ein Wolf hatte einen reichen Vorrath an Le bensmitteln zusammengebracht, welchen er, aus Furcht ihn zu verlieren, sehr heimlich hielt. Wie kömmts, mein Freund, sagte der Fuchs, der lange auf seine Abwesenheit gelauret hatte, daß wir dich, seit so vielen Tagen, nicht auf die Jagd haben ausgehen sehen? Wahrhaftig, versetzte der Fuchs, ich befinde mich nicht recht wohl, und muß mich also zu Hause halten; sey so gut, und bitte mit für meine Genesung. Weil der Fuchs sahe, daß seine List nicht anschlagen wollte, so ging er zu einem Schäfer, und sagte ihm, wo er den Wolf überfallen könne. Der Schäfer folgte der Anwei sung, und schlug den armen Isegrim todt. Nun schlich sich der Fuchs sogleich in seine Höle, und nahm von dem Vorrathe Besitz; allein der Han del bekam ihm nicht sehr wohl, denn bald darauf spielte eben derselbe Hirt, dem Fuchse nicht besser mit, als er vorher dem Wolfe gethan hatte.
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Lehre.

Diese Fabel zeigt uns, was für ein Schick sal der Verrätherey wartet; auch sogar derjeni gen, die ein Verräther dem andern spielet.

Betrachtung.

Man kann nicht leugnen, der Wolf verdiente das Schicksal, welches ihn traf, wegen seiner be ständigen Raubereyen und Gewaltthätigkeiten, durch die er sich seinen heimlichen Vorrath ver schaft hatte; allein er verdiente es nicht von dem Fuchse, welcher nichts besser war als er, und ihn noch selbst zu bestehlen suchte. Der Schäfer, wel cher, aller Wahrscheinlichkeit nach, dabey gelitten hatte, rächete den Wolf an dem Fuchse, und gab beyden ihren verdienten Lohn. Es ist lustig, wenn Diebe Diebe bestehlen, und gleichsam ein Dia mant mit dem andern geschnitten wird.

XLII. Fabel. Der trinkende Hirsch.

Als ein Hirsch an dem Ufer eines klaren Strohms seinen Durst löschte, ward er sein Bild in dem Wasser gewahr. Ja, sprach er, wenn nur meine Schenkel nicht so gar elend wären, und sich zu dem stolzen Geweyhe meines Kopfs besser schick ten; ich glaube gewiß, ich könnte allen meinen Feinden Trotz bieten. Kaum waren die Worte aus seinem Munde, als er eine Kuppel Hunde
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entdeckte, die mit vollem Bellen auf ihn zu ka men. Er eilte über die Felder weg, ließ die Hun de weit hinter sich, und gewann den Wald; als er aber durch die Hecken durch wollte, blieb er mit seinem Geweihe zwischen den Aesten fest, bis die Hunde dazu kamen und ihn niederrissen. Da sprach er nun: Ich Unglücklicher, war ich nicht thöricht, daß ich meine Freunde für meine Feinde, und mei ne Feinde für meine Freunde hielt! Ich verließ mich auf mein Geweih, das mein Verderben ge wesen ist, und tadelte meine Schenkel, die mich sonst errettet hätten.

Lehre.

Wer sich selbst nicht völlig kennt, kann leicht von Dingen, die ihn betreffen, ein falsches Ur theil fällen.

Betrachtung.

Wir werden hier belehrt, wie leicht eitle Men schen auf das stolz zu seyn pflegen, was gemei niglich zu ihrem Schaden, ihrem Unglücke, ihrer Beschimpfung, und manchmal gar zu ihrem gänz lichen Untergange gereicht; und wie oft sie ihre besten Freunde für ihre Feinde ansehen. Der Hirsch bildete sich viel auf sein Geweih ein, wel ches ihn hernach fesselte, und sein Verderben ward; hingegen verachtete er seine schlanken Schenkel, die seine Erretter gewesen wären, wenn es nicht das Geweih verhindert hätte.
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XLIII. Fabel. Die Natter und die Feile.

Eine Natter, die in die Werkstatt eines Schmie des gekommen war, leckte so lange an einer Feile, bis ihre Zunge anfing zu bluten, und in der Einbildung, die Feile blute, leckte sie immer noch schärfer. Endlich, als sie nicht länger lecken konn te, fing sie an zu beißen, bis sie sich die Zähne aus biß, und endlich halbtodt und zu aller Vertheidi gung entwafnet, aufhören mußte.

Lehre.

Ein jeder sollte seine Stärke und Fähigkeit kennen, um darnach zu handeln.

Betrachtung.

Diese Fabel zeigt die Bosheit gewisser feindse ligen Leute, die bey dem Vorsatze andern zu scha den, so viel Vergnügen finden, daß sie es nicht merken und fühlen, wie sie sich nur selbst schaden. In gleichem Falle befinden sich auch die, welche mit Stärkern anbinden, und etwas beissen wollen, was für ihre Zähne zu hart ist. Mit einem Gegner, der entweder unempfindlich, oder unüberwindlich ist, läßt sich nicht streiten; und diese Regel gilt nicht allein bey Dingen, wo es auf wirkliche Kräf te und Gewalt ankömmt, sondern auch in Sachen, die das Glück und den guten Namen betreffen; denn es ist offenbare Unsinnnigkeit<Unsinnigkeit>, zu schlagen, was wir nicht verletzen können, und zu kämpfen, wo wir ver lieren müssen.
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VIII. pag. 66.

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XLIV. Fabel. Die Wölfe, die Schafe und die Hunde.

Es entstand einsmals ein Krieg zwischen, den Schafen und Wölfen, und so lange die Scha fe die Hunde zu ihren Bundesgenossen hatten, wa ren sie ihren Feinden gewachsen. Als die Wölfe das merkten, schickten sie Abgesandte, welche Vor schläge zum Frieden thun mußten, und von bey nen Theilen wurden, bis zur völligen Schließung desselben, Geißel gegeben, welches von Seiten der Schafe die Hunde, und von Seiten der Wölfe, junge Wölfe waren. Als sie nun in Unterhand lung standen, fingen die jungen Wölfe an zu heu len, die Wölfe schrien über Verrätherey, weil man ihre Geißel, wie sie vorgaben, mißhandle, fielen in Abwesenheit der Hunde über die Schafe her, und ließen sie wegen der Unvorsichtigkeit, sich von ihren Beschützern getrennt zu haben, büßen.

Lehre.

Es ist der höchste Grad der Thorheit, wenn man zwischen denen Freundschaft zu stiften denkt, welche die Natur selbst, durch einen unversöhn lichen Haß, entzweyet hat.

Betrachtung.

Ein Volk, um dieser Fabel eine politische An wendung zu geben, das sich außer Stand setzt, sich bey entstehendem Kriege zu vertheidigen, darf sich
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nichts anders als Krieg versprechen. Eine Staats verfaßung, die das Volk dem ersten dem besten Feinde blosstellt, ist schlimmer als der Krieg selbst. Den Formalitäten eines Scheinfriedens, ist auf die vorgegebene Versöhnung eines Todfeindes, nicht zu trauen. Die christliche Religion befiehlt uns, zu vergeben; allein die christliche Klugheit befiehlt uns auch, zuzusehen, wem wir trauen. Es geht in der Welt eben so, wie es in der Fabel geht; man macht und bricht den Stillstand der Waffen, wie es nach den gegenwärtigen Umständen am zuträglichsten ist; und wir können es als eine ge wisse Wahrheit festsetzen, daß sich zu einem Friedens bruche gar leicht ein Vorwand finden läßt, wenn der Feind Lust dazu hat, und seinen Vortheil dabey findet.

XLV. Fabel. Die Axt und der Wald.

Ein Zimmermann bat sich von dem Walde nur so viel Holz aus, als er zu einem Stiele in seine Axt brauche. Die Bitte schien so gering, daß sie sogleich gewährt ward; als aber die Bäume sahen, daß alles Bauholz, und fast der ganze Wald, durch Hülfe dieses Stiels, abgehauen wurde, sprachen sie: da hilft nichts, als Geduld, wenn sich ein Volk durch seine eigne Thorheit ins Verderben gestürzt hat.
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Lehre.

Nichts geht einem Menschen bey seinem Un glücke näher, als wenn er sieht, daß er selbst an seinem Untergange mit Schuld ist.

Betrachtung.

Es ist eine unvergebliche Thorheit, wenn man sich ohne Noth, eines andern Gewalt überläßt. Denn wer etwas geschwind gethan, muß angesehen werden, als ob er es gern gethan, weil es ihm freygestanden, sich vorher zu bedenken, oder nicht. Man muß wohl überlegen, erstlich, was es ist, warum gebeten wird; zweytens, den Charakter der Person, welche bittet; und drittens, was für ein Gebrauch, zum Nachtheil dessen, welcher die Bitte gewährt, davon gemacht werden kann; und alsdenn erst, muß man sich, so weit es mit unserer Pflicht, mit der Menschenliebe, der Klugheit und Gerechtigkeit bestehen kann, willig finden lassen. Wo aber auf der einen Seite, eine moralische Ver bindlichkeit ist, da kann uns auf der andern keine Betrachtung des Nachtheils davon lossprechen; ein Gefangner, zum Exempel, den man auf sein Wort frey gelassen, muß sich, wenn er gefordert wird, wieder einstellen, und wenn es auch sein Le ben kostete. Ein Mensch kann, auf verschiedene Weise an seinem Unglücke mit Schuld seyn; in Fällen aber, die man nicht voraussehen, und ihnen also auch nicht vorbauen können, ist er nicht zu tadeln, sondern vielmehr zu beklagen. Gleichwohl müssen wir die Behutsamkeit nirgends versäumen, weil auch das, was wir aus guter Absicht thun,
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gemißbraucht werden kann; nur muß man nicht vergessen, einen Unterschied zwischen dem, was möglicher Weise, und was wahrscheinlicher Weise geschehen kann, zu machen, und beständig die Absicht des Bittenden dabey vor Augen zu haben, weil sonst alle menschliche Gesellschaft aufhören würde, wenn uns die Möglichkeit, daß man unsre Güte mißbrauchen könne, von allen Ausübungen der Barmherzigkeit und Milde, abhalten sollte. Es kann viel Unheil geschehen, ohne daß die ge ringste böse Absicht vorhergegangen ist, und es kann oft gefährlich seyn, auch den aller unschuldigsten Vor schlägen Gehör zu geben. Es giebt aber auch wie der andre Vorschläge, die ausdrücklich zu Fallstricken für die Kurzsichtigen und Leichtgläubigen bestimmt sind; und darinn besteht eben die Kunst zu leben, daß man den einen Fall von dem andern klüglich zu unterscheiden weis.

XLVI. Fabel. Der Bauch und die Glieder.

Die Hände und die Füße machten einsmals eine gefährliche Meuterey wider den Bauch. Sie sähen, sagten sie, keine Ursache, warum dieser allein die Früchte ihrer Arbeit genießen sollte; wenn der Bauch nicht gemeinschaftlich mit ihnen arbeiten wollte, so wären sie es überdrüßig für seine Erhal tung länger zu sorgen. Diesem aufrührerischen Vorsatze zu Folge, ließen sie den Bauch so lange
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ohne Nahrung, daß alle Glieder darunter zu leiden anfingen. Am Ende merkten die Hände und Fü se selbst ihren Irrthum, und hätten ihre Dienste gern wieder gethan, wenn es nicht zu spät gewesen wäre. Der Bauch war durch das lange Fasten so entkräftet, daß er gar keine Erquickung mehr annehmen konnte, und folglich alle zusammen umkommen mußten.

Lehre.

Das gemeine Wesen ist nur ein Körper, und diese Fabel warnet die besondern Glieder dessel ben, sich ihren Pflichten nicht zu entziehen, weil es am Ende zu spät seyn möchte, ihren Obern die zur gemeinschaftlichen Erhaltung nöthigen Dienste zu leisten.

Betrachtung.

Dieses Gleichniß ist eine politische Lection, über die Beschaffenheit bürgerlicher Gesellschaften, wo alle Glieder ihre besondern Verrichtungen haben, und jedes zur Erhaltung des Ganzen das Seinige beyträgt. Freylich giebt es, in beyden Fällen, Grade der Würde; und in der Verfassung der bür gerlichen Policey sowohl, als in der Einrichtung des menschlichen Körpers, muß ein Theil dem andern untergeordnet und dienstbar seyn: so daß diejeni gen gewaltig irren, welche Essen und Trinken, nebst nebst den übrigen natürlichen Verrichtungen, die wir mit den unvernünftigen Thieren gemein ha ben, für die wichtigste Beschäftigung der Menschen hälten, ohne im geringsten die Fähigkeiten und Pflichten unsers vernünftigen Theils in Erwegung
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zu ziehen. Jedem Gliede sind seine eigentlichen und besondern Verrichtungen bestimmt, und es kann kein Finger leiden, das Ganze muß es füh len. Menenius Agrippa war es, welcher sich dieser Fabel bey Gelegenheit bediente, und einen Aufruhr unter den römischen Bürgern damit still te, als sie sich entschlossen hatten, ihrer Obrigkeit nicht länger zu gehorchen, und auch zu dem gemei nen Besten nichts mehr beyzutragen, weil sie nicht so prächtig leben könnten, als ihre Vorgesetzten.

XLVII. Fabel. Die Lerche und ihre Jungen.

Im Korne, das zur Erndte nunmehr reif war, hatte eine Lerche ein Nest Junge, und als sie ausflog, Futter für sie zu holen, band sie ihnen fest ein, unterdessen ja auf alle Neuigkeiten, die sie hören würden, wohl Acht zu haben. Als sie wie derkam, erzehlten sie ihr, der Eigenthümer des Fel des wäre da gewesen, und hätte seinen Nachbarn befohlen, daß sie kommen und das Korn einernd ten sollten. Schon gut, sagte die Alte, noch hat es damit keine Gefahr. Den Tag darauf, sagten sie ihr, er wäre wieder da gewesen, und habe sei nen Freunden die Verrichtung aufgetragen. Nu, nu, erwiederte sie, auch das will noch nichts sagen, und flohe immer wieder, wie zuvor, nach Futter aus. Als sie aber am dritten Tage ihrer Mut ter sagten, daß sich der Herr und sein Sohn vor
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genommen hätten, den folgenden Morgen darauf, die Erndtenarbeit selbst zu verrichten, sprach sie: Nein, nun ist es Zeit, daß wir uns weiter umsehen! Für die Nachbarn und Freunde war mir nicht bange, aber der Herr wird sein Wort gewiß halten, denn es liegt ihm selbst am meisten daran.

Lehre.

Wer seine Sachen recht verrichtet haben will, muß sie selbst verrichten, oder wenigstens dabey zugegen seyn. Es wird mancher gute Diener durch einen sorglosen Herrn verdor ben. Sich selbst sind die Menschen mit aller Treue zugethan, wenn sie auch noch so treulos gegen andre sind.

Betrachtung.

Nutzen und Vortheil richten in der Welt mehr aus, als Treu und Ehrlichkeit, denn die Menschen sind geneigter, für sich, als für andere zu sorgen. Es wäre auch, in Wahrheit, nicht billig, wenn ein anderer mein Bestes mehr zu Herzen nehmen soll te, als ich es selbst nehme. Wer das Seine wohl gethan haben will, muß selbst dabey seyn. Die Lehre ist eine eben so gute Lection für Re gierungen als für Privatfamilien. Denn wenn ein Prinz alle Geschäfte blos seinen Ministern überläßt, ohne selbst mit einem scharfsichtigen Au ge über jedes besondre Verrichtungen zu wachen, so ist dieses ein eben so gefährlicher Irrthum in der Politik, als es in der Oekonomie ist, wenn der
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Hausherr seinen Dienern in allem freye Hand läßt. Ein Oberer entäußert sich in der That seiner Wür de, wenn er sich der Treue, Sorgfalt, Ehrlichkeit und Behutsamkeit eines Untergebnen übergiebt. Von der Versuchung zu Betriegereyen und Beste chungen, wenn man viel dabey gewinnen kann, und wenig Gefahr läuft, entdeckt und bestraft zu werden, will ich gar nichts sagen; auch will ich da von nichts gedenken, daß ein ganz anders und fal sches Interesse entsteht, wenn alles durch fremde Hände geht, und des Herrn Würde und Pflicht der Ehrlichkeit und Vorsicht des Dieners überlas wird.

XLVIII. Fabel. Der kranke Löwe und der Fuchs.

Der Löwe bekam einen politischen Anfall von Krankheit, und machte die Anmerkung, daß von allen Thieren des Waldes der einzige Fuchs ihn ganz und gar nicht besuche. Er that ihm also durch ein Paar Zeilen zu wissen, wie unbaß er sich befände, und wie angenehm ihm seine Gesell schaft seyn würde. Der Fuchs erwiederte die Complimente mit tausend Wünschen für die bal dige Genesung des Löwen; wegen des Besuches aber, bat er, ihn entschuldiget zu halten; denn, sagte er, ich sehe aus den Fußtapfen, daß eine Men ge Thiere nach dem Pallaste Ihro Majestät ge gängen sind, ohne daß ein einziger wieder heraus gekommen ist.
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Lehre.

Wir müssen uns wohl in Acht nehmen, daß wir den höflichen Versicherungen listiger und betriegerischer Leute nicht allzuviel trauen; denn alles, was die eine Helfte der Welt thut, besteht darinn, daß sie der andern Fallstricke legt.

Betrachtung.

Es ist sehr schwer, das wahre Mittel zu treffen, und weder zu viel noch zu wenig zu trauen. Um zu leben, muß man zwar nothwendig, in gewissen Fällen, dem einen oder dem andern, zu einer oder der andern Zeit trauen; bedenkt man aber auch nicht, wenn, wem und worinn man trauet, so kann diese Unbehutsamkeit zum größten Unglücke aus schlagen; denn jede Verrätherey muß sich durch irgend ein Vertrauen den Weg bahnen, indem nie mand verrathen werden kann, der weder trauet noch zu trauen scheinet. Das Herz des Menschen ist einer sumpfichten Wiese nicht unähnlich, welche gut in die Augen fällt; sobald man aber etwas hart darauf tritt, findet man, daß der Grund falsch ist. Nichts konnte, nach den Ausdrücken und dem Schein zu urtheilen, verbindlicher und freund schaftlicher seyn, als der Brief des Löwen; allein die Absicht und Meinung desselben ging auf Un glück und Tod.
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XLIX. Fabel. Der Eber und das Pferd.

Ein Eber wälzte sich in dem Wasser, wovon ein Pferd trinken wollte; und hierüber kamen sie in Streit. Das Pferd ging sogleich zu einem Manne, und bat ihn, ihm in seiner Rache behülf lich zu seyn. Sie wurden wegen der Bedingun gen einig, der Mann rüstete sich aus, und stieg auf das Pferd, welches ihn zu dem Eber brachte, und das Vergnügen genoß, seinen Feind, vor seinen Au gen getödtet zu sehen. Das Pferd dankte dem Man ne für seine Gütigkeit, als es aber wieder Abschied nehmen wollte, sagte dieser, daß er es noch weiter brauchen könne, und lies es hiermit in den Stall ziehen und anbinden. Nunmehr merkte das Pferd, daß es um seine Freyheit auf immer geschehen sey, und seine Rache ihm sehr theuer zu stehen komme.

Lehre.

Wie viel Menschen rennen nicht, um ein ge genwärtiges kleines Uebel zu vermeiden, blind lings in ein weit größeres; und wie viele legen nicht dadurch, daß sie ihrer Rachsucht allzusehr nachhängen, einen Grund zur Reue auf die gan ze Zeit ihres Lebens.

Betrachtung.

Diese Fabel zeigt uns die Thorheit derjenigen, die sich zu Sklaven ihrer Rachsucht machen; denn
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IX. pag. 76.

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niemand sollte sich gegen einen andern so aufbrin gen lassen, daß er lieber selbst unglücklich werden, als sich nicht rächen wollte. Gleichfalls sollten wir bedenken, daß man bey dem Beystande eines neuen mächtigen Freundes mehr Gefahr laufe,,<,> als bey der Feindseligkeit eines alten bekannten Widersa chers; und daß die größten Reiche auf der Welt ihren Ursprung aus der vorgegebenen Beylegung der Uneinigkeiten und Erhaltung des Friedens zwi schen ihren Nachbarn, genommen haben.

L. Fabel. Die zwey Schelme und der Koch.

Zwey junge Bursche schliechen sich bey einem Koch ein; der eine stahl ein Stück Fleisch und gab es dem andern aufzuheben. Der Koch vermißte es sogleich, und beschuldigte sie des Dieb stahls. Der eine, welcher es gestohlen hatte, schwur, daß er es nicht habe, und der, der es hat te, schwur, daß er es nicht gestohlen habe. Schon gut, Bursche, sagte der Koch, mit dieser Arglist helft ihr euch zwar bey den Menschen durch, aber über uns ist ein Auge, das bis auf den verborgensten Grund der Dinge sieht.

Lehre.

Der allwissenden Macht läßt sich kein Betrug spielen; denn der, der unser Herz gemacht har, und die verborgensten Winkel desselben kennet,
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wird ja wohl die kindische List einer zweydeu tigen Rede einsehen können.

Betrachtung.

Diese Fabel geht die an, welche Gott durch listige Worte, Zweydeutigkeiten, und Vorbehaltun grn<Vorbehaltungen> zu betriegen denken; aber obschon Betrug und Meineid bey den Menschen eine Zeitlang gelten, so sind sie doch vor ihm, der das Herz kennet, so klar wie das Licht. Es ist ein großes Unglück, daß sogar Kinder, wie wir sehen, sich zu derglei chen Ränken und Ausflüchten gewöhnen; eine weit größere Schande aber ist es für die Aeltern, Auf seher und Vormünder, die sie darinn bestärken, bis eine von den gefährlichsten bösen Eigenschaften dar aus wird, die den Grund zu einem falschen und betriegerischeu Leben wirft. Wahrheit ist die gros se Lection der vernünftigenNatur, sowohl in der Weltweisheit, als Religion. Arglistige Aus flüchte halten viel thörichte Leute bey Kindern für witzige Wendungen; sie bedenken aber nicht die un glücklichen Folgen, die eine böse Fertigkeit darinn nach sich zieht; Schande, Unglück und endlich völliges Verderben.
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LI. Fabel. Der Hund und der Fleischer.

Als ein Metzger mit dem Fleischhacken beschäf tiget war, erwischte ein Hund ein Stück und lief damit fort. Der Fleischer sah ihn ausziehen, und rief ihm nach: höre, Freund, dasmal laß dir deinen Fund wohl schmecken; ein andermal will ich dir mein Fleisch schon besser aus den Zähnen zu rücken wissen.

Lehre.

Wer etwas verliert, und durch den Schaden klug wird, hat mehr gewonnen, als verlohren.

Betrachtung.

Trübsal lehrt aufs Wort merken, und macht den Menschen besser und weiser, indem ihn der Schmerz zur Empfindung seines Irrthums, und die Erfahrung zur Erkenntniß desselben bringt. Wir haben eine Menge Sprüchwörter, die diese Lehre bekräftigen. Ein gebranntes Kind, sagen wir, fürchtet sich des Feuers. Nicht selten kom men wir, bey Meinungen sowohl als auf Reisen, durch Fehlgehen auf den rechten Weg, und durch Irren zur Wahrheit. Als der Hund mit dem Fleische weglief, gab er dem Meister die Lehre, ein andermal sich besser in Acht zu nehmen.
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LII. Fabel. Venus und die Katze.

Ein Jüngling hatte sich so heftig in eine Katze verliebt, daß er die Venus demüthigst bat, sie in eine Weibsperson zu verwandeln. Ein Wink, und die Verwandlung war geschehen! Die Katze war ein ganz hübsches Mädchen geworden. Der Thor nahm sie mit heim zu Bette; kaum aber hatte er sich mit ihr niedergelegt, als die Göttinn versuchen wollte, ob die Katze mit ihrer Gestalt auch ihre Eigenschaften verändert habe, und des wegen eine Maus in der Kammer loslies. Kaum sahe die neugemachte Frau diese Versuchung, als sie aus dem Bette auffuhr, und auf die Maus zu sprang; worauf ihr Venus ihre erste Gestalt wie der gab.

Lehre.

Die ausschweifenden Entzückungen der Lie be, und die Neigungen der Natur sind gleich wundersam; jene bringen uns außer uns selber, und diese führen uns wieder in uns zurück.

Betrachtung.

Diese Fabel zeigt uns die Bezauberungen und Ausschweifungen einer blinden Liebe, welche alle Unvollkommenheiten bedeckt, und weder Würde noch Verdienst ansieht. Wenn die Mängel auch noch so groß sind, die Liebe bemäntelt oder ent schuldiget sie. Die neugemachte Frau sprang noch
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immer der Maus nach; und dieses lehrt uns, wie unmöglich es sey, die Natur ihren Hang verändern zu lassen. Wenn wir sie zur Thüre heraus ja gen, kömmt sie durch das Fenster wieder her ein. Hier sieht man das Bild einer wilden und fan tastischen Liebe, und erkennt in demselben die Wir kungen einer ungebändigten Einbildungskraft; denn die Menschen sehen, und finden das nicht, was sie lieben; sondern sie erschaffen es. Sie bilden sich einen Götzen, und geben ihm eine beliebige Ge stalt; sie stellen ihn auf, beten ihn an, vernarren sich in ihn, jagen ihm nach, und werden am Ende gar um ihn unsinnig. Die meisten Leidenschaften, die wir in der Welt sehen, machen sich durch solche Thorheiten lächerlich. Ferner werden wir hier belehrt, daß keine Ver stellung so anhaltend und gleichförmig ist, das die Natur nicht plötzlich einmal durchscheinen sollte; denn ob die Katze gleich zur Madam geworden war, so ließ sie doch das Mausen nicht. Endlich dienet diese Fabel auch zur Warnung wider die Unbeson nenheit, ein übelgesittetes, leichtsinniges Frauen zimmer, wie einige gethan haben, in der treuher zigen Meinung zu heyrathen, daß ihre Pflicht sie auf den rechten Weg bringen, und sie ihrem Ehe manne getreuer als sich selbst und der Tugend seyn werde; da es doch weit wahrscheinlicher ist, daß sie, bey der ersten Versuchung, mit der Katze in der Fabel, wieder zu ihren bösen Angewohnheiten kehren wird.
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LIII. Fabel. Der Vater und seine Söhne.

Ein ehrlicher Mann war so unglücklich, eine zanksüchtige Brut Kinder zu haben. Er for derte eine Bündel Ruthen, und hieß eines nach den andern versuchen, ob es, mit aller seiner Stärke, das Bündel entzwey brechen könne. Sie versuchten es umsonst. Gut, sprach er; bindet es nunmehr auf, und nehmt jede Ruthe ins besondere, und seht, ob es sich so thun läßt. Sie gehorchten, und bra chen mit leichter Mühe alle Ruthen, eine nach der andern entzwey. Seht, sagt er, euer wahres Sinnbild; haltet alle zusammen, so seyd ihr sicher; trennet euch, so seyd ihr verlohren.

Lehre.

Uneinigkeit spinnt Krieg an, und bewaffnet einen wider den andern, Bruder wider Bruder. So lange aber das Band der Einigkeit besteht, fließet die Stärke aller verschiednen Theile in eines, und ist so leicht nicht zu unterdrücken.

Betrachtung.

Diese Fabel zeigt uns die Stärke der Eintracht, und die Gefahr der Uneinigkeit. Innerliche Auf rühre haben manchen mächtigen Staat zu Grunde gerichtet, und Zwietracht ist in Privatangelegenhei ten so verderblich, als in öffentlichen. Eine unei nige Familie kann eben so wenig bestehen, als ein uneiniges gemeine Wesen; denn jedes besondre
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Glied leidet unter der Verabsäumung der gemeinen Sicherheit. Es ist zu verwundern, daß die Men schen, unter der Regierung eines vernünftigen und klugen Geistes, thörichter handeln, als die Wölfe und Bäre, nach ihrem angebohrnen Naturtriebe zu handeln pflegen. Denn diese, wie wir se hen, bieten, einer für alle, und alle für einen, dem gemeinschaftlichen Feinde die Spitze; da hin gegen bey dem menschlichen Geschlechte, einer wider den andern ist, und sich alle aufreiben, ohne die Nothwendigkeit und den Nutzen der Eintracht in Erwegung zu ziehen.

LIV. Fabel. Der beladene Esel und das Pferd.

Als einsmals ein Pferd und ein Esel einen Weg mit einander gehen mußten, bat dieser seinen Gefährten, ihm einen kleinen Theil seiner Last ab zunehmen, weil er sonst unter derselben zu Boden sinken müßte. Das Pferd wollte nicht, und der Esel fiel wirklich todt nieder. Der Treiber zog hierauf dem Esel die Haut ab, und legte dessen ganze La dung, mit sammt der Haut auf das Pferd. Schon recht, sprach dieses; das ist die gerechte Strafe für meine unbarmherzige Weigerung, meinem Bruder in seiner Drangsal beyzustehen.

Lehre.

Es ist eine christliche, natürliche, billige und ersprießliche Pflicht, daß alle Glieder eben dessel=
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ben Körpers, sich unter einander beystehen müssen.

Betrachtung.

Was die ganze Welt angeht, geht auch jeden Menschen, der in derselben lebt, mehr oder weni ger an; und wenn die Großen und die Geringen einander, wo es die Noth erfordert, nicht gemein schaftlich beystehen, so sind sie in Gefahr, beyde zu Grunde gerichtet zu werden; so daß es zur Wohl fahrt des Ganzen gereicht, wenn die verschiednen Theile desselben, einer für den andern sorgen. Die Unbarmherzigkeit des Pferdes ist nur allzu sehr das Laster der Menschen, ob sie schon Diener und Unterthanen eben desselben Herren sind. Aber so machen es eben die Leute, welche auf ihr Geschirr und auf ihre Titel eitel sind; sie sehen stolz auf ih re Gefährten herab, als ob sie mit ihnen gar nicht von einerley Thone gemacht wären. Wenn man die trockne Wahrheit sagen soll, so sind es die Klei nen, welche die Großen stützen müssen; wenn nun diese Stützen wegfallen, so muß entweder das ganze Gebäude in Schutt und Graus versinken, oder auf den Schultern der Obern ruhen bleiben.

LV. Fabel. Der Köhler und der Walker.

Ein Walker ward einsmals von einem Köhler auf das freundlichste eingeladen, mit ihm in einem Hause zu wohnen. Der Walker bedankte sich herzlich für die Höflichkeit, sagte aber zugleich,
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X. pag. 84.

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daß es seine Sache nicht wäre, dieses Anerbieten anzunehmen; denn, sprach er, so bald ich etwas rein gemacht hätte, würdest du es wieder be schmutzen.

Lehre.

Es ist bey Bündnissen, Heyrathen, Gesell schaften, Verbindungen und Freundschaften, und allen bürgerlichen Contracten, eine noth wendige Regel, die Art, Natur und Neigung desjenigen, mit dem wir uns zu thun machen, in genaue Erwegung zu ziehen.

Betrachtung.

Es ist gar nicht daran zu denken, Dinge, wel che die Natur selbst entzweyt hat, zu vereinigen. Und diese Anmerkung ist auf alle Geschäfte eines vernünftigen Mannes, als Heyrath, Handlung, Ergötzlichkeit, Gemeinschaft und dergleichen, anzu wenden. Es ist, gewisser Maaßen, mit Freunden (man wird mir dieses Gleichniß zu gute halten) wie mit Kuppelhunden. Sie sollten von einerley Stärke und Art seyn, so daß, was dem einen ge fällt, auch dem andern gefiele. Wenn aber jeder einen andern Weg will, und einer dem andern zu stark ist, so werden sie einander bey jedem Thorwe ge oder Pfahle würgen.
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LVI. Fabel. Der Vogelsteller und die Taube.

Als ein Vogelsteller auf eine Taube schiessen wollte, trat er auf eine Schlange, die ihn in das Bein biß. Er erschrack, und weg war die Taube.

Lehre.

Ein böses Vorhaben wird oft, bey der Aus führung selbst, und ehe man sichs versieht, be straft.

Betrachtung.

Das Unglück, das wir andern zudenken, fällt gemeiniglich auf unser Haupt zurück, und wird, nachdem es fehlgeschlagen, für uns zur Strafe. Oder man nehme die Fabel auf einer andern Seite, so kann sie uns lehren, wie glücklich oft Leute, durch die Gnade und Güte einer allweisen Vorsicht, von der Ausführung eines bösen Anschlags abgehalten werden. Ein versagendes Pistol kann einem ehr lichen Manne das Leben retten; und es wäre um die gute Taube geschehen gewesen, wenn die feindse lige Schlange die Absicht des Schützen nicht zu nich te gemacht hätte. Das will so viel sagen: aus Bösem kann Gutes entspringen, und ein unschul diges Leben kann wunderbar erhalten werden, ohne daß man dem Erhalter deswegen verbun den ist.
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LVIII<LVII>. Fabel. Der zum Gefangnen gemachte Trompeter.

Auf dem Marsche einer Armee, ward ein Trom peter zum Gefangnen gemacht, als ihm nun die Soldaten den Kopf spalten wollten, sprach er: Ihr Herren, warum wollt ihr einem Menschen das Leben nehmen, der es selbst niemanden nimt? Um so viel mehr sollst du sterben, sprach einer von der Gesellschaft, weil du so ein Schurke bist, der an dre handgemein macht, ohne selbst zu fechten.

Lehre.

Wer zu Unheil Gelegenheit giebt und an reitzt, ist der Thäter desselben. Der Mann ist es, der mich tödtet, und die Kugel ist blos ein leidendes Werkzeug dessen, der sie abschießt.

Betrachtung.

Diese Fabel ist, nach der Moral, die man sonst gemeiniglich daraus gezogen hat, wider diejeni gen, die einen Mächtigen zu öffentlichem Unheile verleiten, welches weit schlimmer ist, als wenn sie selbst Böses thäten, und bloß ein sichrer Weg, desto grösser Unglück anzurichten, zu seyn pflegt. Die Vertheidigung des Trompeters ist eine kahle Ausflucht. Wer ein Uebel billiget, reitzet, oder veranlaßt, der thut es. Kann der, welcher das Lauffeuer anzündet, sagen, daß er an dem Scha
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den nicht Schuld sey, welchen die aufgesprungene Mine verursacht? Die menschlichen Verderbnisse sind eben so ansteckend, und eben so leicht zu entzün den, als das Pulver, und das Feuer ist hernach bey beyden gleich schwer zu löschen. Was ein Mensch zu thun veranlaßt, das thut er selbst, und es ist gleich viel, ob er es aus Gewohnheit, auf Befehl, oder zur Nachahmung thut.

LVIII. Fabel. Der Hund und der Wolf.

Ein ausgehungerter wilder Wolf, und ein lustiger Hund, der dick und fett war, geriethen mit ein ander auf der Landstraße in Gesellschaft. Der Wolf war sehr begierig zu wissen, wie sein Gefährte zu so feistem Leibe gekommen sey. Der Hund sagte: ich bewahre das Haus meines Herrn vor den Die ben, und für meine Mühe habe ich gut Essen und Trinken, und ein warm Lager. Willst du nun mit mir gehen, und thun, was ich thue, so kannst du auch leben, wie ich lebe. Der Wolf war es zu frieden, und sie trabten mit einander fort. Als sie aber eine Ecke gegangen waren, ward der Wolf ei nen kahlen Strich um den Hals des Hundes ge wahr, wo die Haare ganz abgegangen waren. Bruder, sprach er, wo kommt das her? O, sagte der Hund, es ist nichts; mein Halsband hat mich ein wenig gerieben. So? versetzte der andre, ist ein Halsband bey dem Handel? Ich bin kein Thor,
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daß ich meine Freyheit für einen guten Bissen ver kauffen sollte.

Lehre.

Wir werden von dem Glanze eines schönen Aeußerlichen so geblendet, daß wir schwerlich die damit verknüpften Beschwerlichkeiten erkennen können. Gutes Essen und Trinken, und ein warmes Lager haben, ist eine ganz gute Sache; wer aber seine Freyheit für die Befriedigung seines leckern Mauls giebt, der hat einen schlech ten Kauf gethan.

Betrachtung.

In diesem Sinnbilde wird die Glückseligkeit der Freyheit, gegen die armseligen Vortheile derje nigen gesetzt, die ihre Freyheit ihren Lüsten auf opfern. Welcher Mensch, der bey gesundem Ver stande ist, und mäßig aber frey leben kann, wird sich zum Sklaven des Ueberflusses machen wollen? Wir sind leicht durch den Schein und das Aeußer liche zu hintergehen, weil wir den Grund der Din ge nicht prüfen, und nur darauf sehen, was die Dinge zu seyn scheinen, nicht aber, was sie wirklich sind. In diesem Stücke also ein richtiges Urtheil fäl len zu lernen, sollten die Kinder bey Zeiten, nach Maaßgebung ihres Alters und ihrer Fähigkeit, von dem wahren Werthe der Dinge, durch Gegeneinan derhaltung und Abwägung ihres Guten und Bö sen, unterrichtet werden. Was ist Ueberfluß ohne Gesundheit? Was ist ein nothdürftiges Auskom
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men gegen Ueberfluß? Was sind Titel und Wür den, in Vergleichung mit den sorgenden und unru higen Gedanken, mit welchen wir ihnen entgegen sehen? Was fehlt mir, wenn ich genug habe? Und was ist der besser daran, der, so viel er auch hat, niemals genug hat? Auf diese Weise, da wir das, was wir haben, gegen das halten, was wir nicht haben, wird die Billigkeit der Vorsicht kund, und gegen alle Arten des Tadels gerettet werden; indem deutlich daraus erhellet, daß jeder an der menschlichen Glückseligkeit seinen Antheil hat. Dieses kann, als die allgemeine Lehre gegen wärtiger Fabel, eingeprägt werden; die besondre Lehre aber, wie wir bereits angezeigt haben, be trifft den Werth der Freyheit, welche ein unschätz bares Kleinod ist, und vor allen andern erhalten zu werden verdienet. Denn was sind Gesundheit, Ueberfluß, Würden, Titel und alle andre weltliche Güter, wenn sie von dem eigensinnigen Willen ei nes Tyrannen abhangen? Oder noch näher bey der Fabel zu bleiben, welcher weise Mann wird seinen Lüsten, für den Preis seiner Freyheit, nachhängen?

LIX. Fabel. Der Pachter und seine Hunde.

Bey einem gewissen Pachter war in einem har ten Winter der Vorrath so geschmolzen, daß er und sein Haus von den großen und kleinen Vieh stücken zehren mußten. Erst wurden die Schafe
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abgeschlacht; hernach die Ziegen, und endlich die Ochsen; und gleichwohl war es kaum zulänglich, Leib und Seele zusammen zu halten. Hierauf hielten die Hunde eine Berathschlagung, und be schlossen, lieber Fersengeld zu geben,,<,>als die Rei he auch an sich kommen zu lassen: Denn, sagten sie, da der Hausherr unsere Mitknechte, die zu seinen Verrichtungen doch so unentbehrlich sind, nicht ver schont hat, so können wir uns unmöglich eines bessern Schicksals getrösten.

Lehre.

Noth bricht Eisen; und von denen, die ihr weichen müssen, sollten wir, so behutsam als möglich, urtheilen. Die Freyheit haben, zu thun was man will, und gezwungen seyn, zu thun, was man nicht vermeiden kann, sind zwey sehr verschiedne Fälle.

Betrachtung.

Die alte Moral merkt bey dieser Fabel an, daß es einem Herrn etwas geringes ist, seiner Gemäch lichkeit und seinem Vortheile einen Knecht aufzu opfern; daß man sich aber mit Leuten von so un freundlicher Gemüthsart, bey welchen auch die ge treuesten Diener keine Gnade finden, nichts zu schaf fen machen solle. Allein die neuern Moralisten behaupten, daß durch diese Lehre, der natürlichen Auslegung der Fabel Gewalt geschieht. Denn, sagen sie, der Pachter hat hier keine freye Wahl, sondern muß entweder thun, was er thut, oder umkommen; und
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da er es thut, so thut er, nach den schärfsten Regeln der Billigkeit, weiter nichts, als seine Pflicht, und kann den Namen eines unbarmherzigen Mannes, oder grausamen Herrn nicht verdienen. Sie wollen daher eine ganz andre Lehre herausziehen, und zwar; daß bey der äußersten Gefahr, die Gesetze der Zu träglichkeit und hergebrachten Gewohnheit, den Ge setzen der Nothwendigkeit weichen müssen. Und in diesem Falle, fügen sie hinzu, war der Pachter offenbar; denn es würde ihm ganz gewiß sehr an genehm gewesen seyn, wenn er sein Vieh nicht hätte schlachten müssen.

LX. Fabel. Der Adler und der Fuchs.

Einsmals war zwischen einem Adler und einem Fuchse gute Freundschaft und Nachbarschaft errichtet worden. Dem ohngeachtet that der Ad ler eines Tages einen Einfall in das Revier des Fuchses, der eben auf Fütterung ausgegangen war, und nahm eine ganze Brut junger Füchse mit fort. Der Fuchs kam noch zeitig genug wieder, den Adler, mit dem Raube in Klauen, davon flie gen zu sehen, und ihm Flüche über Flüche nachzu schicken. Nicht lange darauf raubte eben derselbe Adler, als die Schäfer eine Ziege opferten, ein Stücke Fleisch von dem Altare, und brachte es seinen Jungen; es mochte aber eine glühende Kohle dar an hängen geblieben seyn, welche das Nest in Brand steckte. Die Vögel waren noch nicht pflücke
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gnug, daß sie sich selbst hätten retten können; gleichwohl wollten sie gern der Flamme entkom men, und indem sie sich sträubten und wälzten, fie len sie, halb verbrannt, aus dem Neste, und dem Fuch se in den Rachen, welcher unter dem Baume auf einen solchen Zufall gelauret hatte, und sie in dem Angesichte ihrer Mutter auffraß.

Lehre.

Die Gerechtigkeit ist eine heilige Sache, und keine Nothwendigkeit kann die Verletzung der selben rechtfertigen.

Betrachtung.

Hieraus sollen die Großen einsehen lernen, daß keine Gewalt auf Erden sie in der Ausübuug<Ausübung> der Tyranney und Ungerechtigkeit beschützen kann, sondern daß die Rache den Unterdrücker bald oder spät überfällt. Auch erhalten Verrätherey und Friedensbruch hier ihre Verdammung, wenn sie schon gegen die aller Treulosensten unternommen werden. Ferner lehrt uns diese Fabel, daß wenn die Menschen einmal auf bösen Wegen sind, eine Sünde aus der andern folgt. Der Adler fängt damit an, daß er Treu und Glauben bricht; und mit dem nähsten Schritte wird er ein Verächter der Götter und beraubet ihre Altäre. Was konnte anders hierauf folgen, als das göttliche Strafge richt, welches ihn an der Verbrennung seines Nestes selbst mit Schuld haben ließ, und den Fuchs an ihm rächte, ob er gleich selbst das falscheste unter allen Geschöpfen ist.
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LXI. Fabel. Der Landmann und der Storch.

Ein armer unschuldiger Storch hatte das Un glück, in einem Netze gefangen zu werden, das eigentlich nur für wilde Gänse und Kraniche gestellt war. Er berief sich in seiner Vertheidigung auf seine Einfalt und sein gutes Herz, auf seine Liebe zu den Menschen, auf seine Beobachtung der kindlichen Pflichten, und auf seine Dienste, in Ver tilgung des schädlichen Gewürms. Das kann al les wahr seyn, sagte der Landmann; aber mit ge fangen, mit gehangen!

Lehre.

Es ist unserm Glücke und unsrer Ehre dar an gelegen, daß wir uns zu guter Gesellschaft halten; denn da wir leichtlich durch die Gewalt böser Beyspiele verderbt werden können, so kann uns ein Weiser, nicht anders als aus unserm Um gange, beurtheilen. Was sagt das Sprichwort? Gleich und gleich gesellt sich gern.

Betrachtung.

Ein Mensch kann verbunden seyn, Leute, die ihm ganz und gar nicht gefallen, zu besuchen, mit ihnen zu essen und Umgang zu pflegen. Wenn dieses nun der Anständigkeit, der Klugheit und gu ten Sitten wegen, nicht aber aus Wahl und Nei gung, geschieht; so kann nichts darwider gesagt
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XI. pag. 94.

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werden. Nur muß man dergleichen Umgang so viel möglich vermeiden, und den größten Theil sei ner Zeit in besserer Gesellschaft zubringen. Es kann zwar mancher ehrliche Mann, un glücklicher Weise, in böse Gesellschaft gerathen, und sein Unglück darinn finden, ob er sich gleich der Bosheit seiner Gesellschafter niemals theilhaft ge macht hat. Aber womit kann derjenige entschul diget werden, welcher alle Gelegenheit, mit bösen Leuten umzugehen, ergreift und sucht, und sein Ver gnügen mehr unter ihnen, als unter rechtschafnen Leuten findet? Das Sprichwort sagt: Laß mich deine Freunde kennen, und ich kenne dich! Und wenn sich große Leute mit Fiedlern, Possenreissern und Luftspringern gemein machen, soll man nicht glauben, daß ihre Seelen von gleichem Schrot und Korne sind? Oder wenn man einen vornehmen Mann sein größtes Vergnügen auf dem Kutscher sitze finden sieht, sollte nicht ein Spötter verleitet werden, zu argwohnen, es müßte dieser Sitz die ge hörige Stelle seines wirklichen Vaters gewesen seyn?

LXII. Fabel. Der Knabe und der blinde Lerm.

Ein Schäferknabe hatte die schelmische Gewohn heit, zum öftern, ein Wolf! ein Wolf! zu schreyen, obgleich keiner zu sehen war, und auf die se Weise unter dem Landvolke ein blindes Lermen
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zu machen. Und dieses Possens wegen ward er so bekannt, daß man ihm endlich nicht mehr glaubte, als er im Ernste zu schreyen anfing, so daß der Wolf in die Horde einbrechen, und die Schafe ohne Widerstand zerreissen konnte.

Lehre.

Diese Fabel zeigt uns die gefährlichen Fol gen einer unüberlegten und unzeitigen Narrens posse. Die alte Moral merkt dieses an; daß man einem Lügner auch da nicht zu glauben pflegt, wenn er die Wahrheit redet.

Betrachtung.

Nicht alle Menschen haben die Geschicklichkeit, einen Scherz zur gehörigen Zeit und auf die gehö rige Art anzubringen, und dabey innerhalb den Schranken der Anständigkeit und Ehrfurcht zu blei bleiben, ohne wider die Feinheit des Witzes, wider das gute Herz und wider die Lebensart zu verstos sen. Die Fähigkeit und Geschicklichkeit sich dieser Freyheit, auf eine kluge und geziemende Weise, zu bedienen, macht einen großen Theil von dem Cha rakter eines angenehmen Gesellschafters aus. Denn was man in diesem Verstande Spötterey nennt, ist das Gewürze des artigen Umgangs; welches auch bey den ernsthaftesten Sachen nicht fehlen soll te, damit die gute Laune aus Mangel der Erfri schung nicht vertrockne. Es giebt aber ein Mit tel, zwischen ganznärrisch und ganzphilosophisch; und zwar versteh ich hierunter eine kluge Vermi schung, die von beyden etwas hat, und die Weis
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heit selbst angenehmer und wirksamer macht. Der Ernst der einen wird, durch den Geist und die Mun terkeit der andern, belebt; und die Fröhlichkeit ei nes lustigen Einfalls dienet zur leichtern und bes sern Fassung des darinn verborgnen Sinnes. Kurz, um mehr bey der Fabel zu bleiben, der Schäfer knabe ließ sich zu weit in eine Materie ein, die er nicht verstand.

LXIII. Fabel. Der Adler und die Dohle.

Ein Adler schoß auf ein Lamm herab, faßte es in seine Klauen, und flohe damit fort. Ei ne nachäffende Dohle, die diese That mit ansahe, ließ sich einfallen, eben denselben Versuch mit ei nem Widder zu machen; allein sie verwickelte sich mit ihren Krallen, da sie ihn aufzuheben suchte, so sehr in die Wolle, daß der Schäfer darzu kommen, und sie fangen konnte. Der Schäfer verschnitt ihr die Flügel, und gab sie zu Hause seinen Kin dern, damit zu spielen. Die Kinder gaften sie an, und fragten den Vater, was für ein seltsamer Vo gel das sey? Vor einer Stunde, sprach dieser, bil dete er sich ein, ein Adler zu seyn; jetzt aber ist er hinlänglich überzeugt, daß er nichts als eine alber ne Dohle ist.

Lehre.

Es ist eine große Eitelkeit und Thorheit, wenn Menschen mehr über sich nehmen, als sie
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auszuführen im Stande sind; weil sie am Ende aller solcher Unternehmungen, nicht allein ihres Zwecks verfehlen, sondern auch noch dazu zum Gelächter werden.

Betrachtung.

Es ist eine gefährliche Eitelkeit, sich mit denen, die uns überlegen sind, in einen Wettstreit einzu lassen, es mag seyn worinn es will, in Waffen, oder in Aufwand, oder in Künsten und Wissen schaften. Unmöglich kann jemand einen andern zu schätzen wissen, der nicht eine genaue Kenntniß vor sich selbst hat. Ja, jedes eitle und übermüthi ge Unternehmen kann nicht anders als übel aus schlagen, und wird den Wagehals unfehlbar lä cherlich machen. Einen Großen in seiner eignen Weise übertreffen wollen, verräth gewisser Maas sen, üble Sitten, und ist wenigstens ein hoher Grad der Unbesonnenheit. Manche nehmen es für eine Beleidigung an, an Witz, manche an Narrheit übertroffen zu werden; so wie es Nero nicht lei den konnte, daß jemand ein beßrer Leyermann wä re, als er: die Sache aber mag noch so groß, oder noch so gemein seyn; der Fall bleibt in Ansehung der neidischen Beeiferung, immer eben derselbe.

LXIV. Fabel. Der Hund in der Krippe.

Ein neidischer Hund war in eine Krippe ge krochen, wo er durch Knurren und Zähne blecken das Vieh vom Futter abhielt, und selbst
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lieber verhungern als zugeben wollte, daß andre Thiere ihren Hunger stillten.

Lehre.

Der Neid verlangt keine andre Glückselig keit, als die er aus dem Elende andrer Leute ziehet, und will lieber selbst nicht essen, als die nicht verhungern sehen, die gern essen wollten.

Betrachtung.

Wir haben in der Welt nur allzuviel Menschen von der Art dieses Hundes; die sich lieber selbst strafen, als andern nicht zur Last und Plage seyn wollen. Dieser teufelische Neid ist schon bey Privatpersonen abscheulich; wenn er aber gar den regierenden Theil eines Volks angesteckt hat, als denn ist nichts so heilig, was ein trotziger und übel gesinnter Minister seiner greulichen Leidenschaft nicht aufopfern sollte. Er würde keinen rechtschaf nen Mann essen, leben, oder Athem schöpfen lassen, wenn er es verhindern könnte. Es ist sein Ver gnügen, alle Arten von wackern Leuten zu verleum den, und nicht nur ihre Gesinnungen anzuschwärzen und ihre Dienste zu verkleinern, sondern sie gar un ter die Feinde des gemeinen Wesens zu setzen. Ja, er wird hundertmal lieber den Staat sinken sehen, als nur den Gedanken ertragen wollen, daß noch ei ne andre Hand, als seine, an der Ehre der Erhal tung desselben Antheil habe. Wer nun seinen Herrn aus Neid verräth, der wird auch gewiß nicht ermangeln, ihn für Geld zu verrathen; denn die Befriedigung jener giftigen Gemüthsart, ist wei
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ter nichts, als eine andre Weise, ihn zu verkaufen, wo die Bosheit vor der Bestechung vorher geht, und zur Bestechung dienet. Doch ist dieser Hofneid nicht in allem dem Neide des Hundes in der Fabel gleich; denn jener ist mit Geitz und Eigennutz ver mischt, da dieser das Böse blos thut, um es zu thun. Der Hund will lieber selbst verhungern, als das Vieh fressen lassen; der neidische Hofmann hingegen sorgt für sich, es mag darunter leiden, wer da will.

LXV. Fabel. Das Schaf und die Krähe.

Eine Krähe setzte sich einem Schafe auf den Rücken, und schwatzte. Bursche, sagte das Schaf, einem Hunde sollst du das wohl bleiben lassen. Das weis ich so gut, als du mir es sagen kannst, antwortete die Krähe; und mit Zanksüch tigen kann ich so wohl Friede halten, als jemand anders; ich kann aber auch so überlästig seyn, als ein andrer, wenn ich sehe, wen ich vor mir habe.

Lehre.

Das ist die Art und Gewohnheit kleiner, niederträchtiger Geister. Sie sind grob und unverschämt gegen den, der es sich gefallen läßt; kriechend und sklavisch aber gegen die, die ih nen gewachsen sind.
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Betrachtung.

Grobheit und Tyranney gegen Untergebne und Leute, die wir in unsrer Gewalt haben, ist ein so unmännliches Laster, daß, wo wir ein solches Betragen sehen, wir ganz zuverläßig auf eine nie derträchtige Seele schließen können; auf eine See le, die eben die Beleidigungen, aus schändlichem Eigennutze, von ihren Obern dulden würde, die sie ihre Untergebnen dulden läßt. Gleichwohl ist es noch ein Trost, der aus der Einrichtung des Gan zen enspringt, daß, wie die Großen den Kleinern drohen, die Könige den Großen drohen, und Gott den Königen. Kurz, man kann bey dem Laufe der Welt durchgängig die Anmerkung machen, daß der Tyrann des einen, irgend eines andern Skla ve ist, und Leute findet, die ihm eben so zu stark sind, als er denen ist, die er unterdrücket. Was uns zu viel geschieht, das merken wir bald, aber das wollen wir nicht merken, was wir andern zu viel thun.

LXVI. Fabel. Die den Jupiter bittenden Thiere.

Es entstand einsmals eine allgemeine Unzufrie denheit unter verschiednen Thieren, die alle über ihre Umstände murrten. Das Kameel bat den Jupiter, ihm so wohl zur Zierde als zur Ver theidigung, wie den Stieren oder Hirschen, Hörner zu geben. Der Fuchs bat um die Geschwindigkeit des Hasen; der Hase um die Verschlagenheit des
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Fuchses; und der Pfau wollte zu seinem schönen Gefieder, auch noch die angenehme Stimme der Nachtigall haben. Jupiter aber antwortete ih nen: ein jedes Geschöpf habe seine ihm eigenthüm lichen Vorzüge; es würde also mit der göttlichen Gerechtigkeit, die jedes insbesondre sowohl ver forgt hätte, nicht bestehen können, wenn er einem alles geben wollte. Und weil sich das Kameel mit seinen Umständen unzufrieden bezeigt hatte, so schlug ihm Jupiter nicht allein die Hörner ab, son dern bestrafte es, andern zum Exempel, auch noch mit dem Verluste der Ohren.

Lehre.

Jedes lebende Geschöpf hat an den Wohl thaten des Himmels denjenigen Antheil, den die Vorsicht für dasselbe am zuträglichsten gehalten hat. Wir sollten mit unserm gegenwärtigen Zustande zufrieden seyn, er mag seyn wie er will, und auf keine Weise wider die Einrichtung der Vorsicht murren.

Betrachtung.

Wir sind mit den Wohlthaten des Himmels niemals zufrieden. Der eine möchte gern eine schöne Stimme, der andere prächtige Kleider ha ben; und da jeder alles haben will, beschuldigen wir die Vorsicht einer Ungerechtigkeit, weil sie nicht allen einerley giebe. Sokrates hatte Recht, als er sagte: daß wenn dem Menschen, unter allen gu ten und bösen Dingen in der Natur, die freye Wahl gelassen würde, er eben so wieder heimkommen
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würde, als er ausgegangen wäre, wo nicht noch schlimmer. Warum sollte die Nachtigall nicht eben so wohl den Pfau wegen seines Schweifs, als der Pfau die Nachtigall wegen ihres Gesangs beneiden? Und warum sollten nicht alle Werke der Schöpfung, auf eben die Weise, und aus eben dem Grunde murren können? Warum hat der Mensch nicht die Flügel des Adlers, daß er der Gefahr entrinnen, oder seine Neugierde besser stillen könnte? Warum hat er nicht den scharfen Geruch des Hundes, die Klauen des Löwen, die Zähne des Leoparden, die Schnelligkeit des Jagdpferdes, und dergleichen? Und können die Thiere, auf der andern Seite, nicht mit eben so viel Billigkeit, über den Mangel der vernünftigen und sittlichen Fähigkeiten und Vorzü ge der Menschen klagen? Es würde also ein bürger licherKrieg entstehen, der sich durch alle Theile der Schöpfung erstreckte, weil jeder mit seinem Schicksa le nicht vergnügt seyn wollte: und darwider würde kein Mittel seyn, als die gänzliche Umschaffung der Welt. Diese unordentliche Begierde ist der Unter gang so mancher Königreiche, Familien und Gesell schaften gewesen. Kurz; Unmöglichkeit verlangen, ist lächerlich; und unnatürliche Dinge begehren, ist gottlos. So wie wir sind, hat uns Gott geschaffen; unsre Stelle und unsern Zustand hat er uns angemessen, und seine Rathschlüsse sind unveränderlich.
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LXVII. Fabel. Der geitzige Eigenthumsherr.

Ein gewisser Pachter hatte einen vortreflichen Apfelbaum in seinem Obstgarten, den er wer ther als alle andre hielt, und von dessen Früchten er seinem Eigenthumsherrn jährlich ein Geschenk machte. Diesem schmeckten die Aepfel so wohl, daß er durchaus den Baum auf seinen eigenen Grund verpflanzt wissen wollte. Kaum aber war der Baum versetzt worden, als er verdorrte, und also Früchte und Baum zugleich verlohren gingen.

Lehre.

Wer alles haben will, behält nichts; sagt das Sprichwort, welches die beste Lehre zu dieser Fabel ist.

Betrachtung.

In diesem Falle befindet sich so mancher Geitz hals. Unzufrieden mit dem Guten, das er besitzt, schnappt er, wie der Hund, nach dem Schatten, und verliert was er hat, weil er mehr zu haben begie rig ist. Aus Stolz und Geitz, wollte der Eigen thumsherr seinem Pachter keine Verbindlichkeit haben, er beraubte also seinen Pachter, bevortheil te sich selbst, und verlohr die Früchte mit samt dem Baume auf immer.
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XII. pag. 104.

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LXVIII. Fabel. Der Fuchs und die Ziege.

Ein Fuchs und eine Ziege stiegen mit einander in einen Brunnen, um zu trinken, und als sie ihren Durst gelöscht hatten, war die Ziege ziem lich verlegen, wie sie wieder herauskommen wollte. Ich weis wie, sagte Reinecke; tritt nur auf dei ne Hinterbeine, stemme dich mit den Vorderbeinen gegen den Brunnen, und strecke deinen Kopf vor weg, so kann ich leicht auf deine Hörner und so aus den Brunnen springen, und dich alsdenn nachzie hen. Die Ziege stellte sich so gleich in die vorge schriebne Positur; der Fuchs auf ihre Hörner, und so aus den Brunnen. Anstatt aber das Reinecke der Ziege hätte nachhelfen sollen, verließ er sie mit der empfindlichen Spötterey: wenn du nur halb so viel Gehirne als Bart hättest, so würdest du nicht eher herabgestiegen seyn, als bis du gewußt, wie du wieder herauskommen wolltest.

Lehre.

Ein weiser Mann wird dem Zufalle mehr nicht anheim stellen, als er muß; sondern wird alle Umstände für und wider genau überle gen, ehe er einen Entschluß faßt.

Betrachtung.

Darinn besteht eben die Weisheit, daß sie das Ende der Dinge übersieht, ehe sie sich damit ab
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giebt, und die Folgen vorher überlegt. Auch muß man gewärtig seyn, daß Leute im Unglücke vor al len Dingen für sich selbst sorgen; ihre Gefährten mögen denn auch sehen, wie sie zurechte kommen. Wenn ein Schelm und ein ehrlicher Mann gemei ne Sache mit einander machen, und Noth an Mann kömmt, wird der Betrieger ganz gewiß nur auf sich bedacht seyn, und den andern in der Klem me lassen. Es ist der Lauf der Welt, daß die Men schen ihre Wohlthäter verlassen, und über die, die ihnen aufgeholfen haben, spotten. Was liegt an der Sittlichkeit eines Dinges, wenn es Mode ist? Und gemeiniglich erwirbt sich der, welcher sein Glück auf den Untergang eines andern gründet, dadurch den Namen eines geschickten und gewand ten Kopfs. Die Einfalt und Leichtgläubigkeit der Ziege zeigt uns, wie weit ein ehrlicher Mann zu trauen habe, der mit einem Betrieger Gesellschaft gemacht hat. Kurz, wir müssen vorher zusehen, ehe wir den Sprung wagen, und immer auf einen sichern Rückzug bedacht seyn.

LXIX. Fabel. Die Hähne und das Rebhuhn.

Ein junges Rebhuhn sollte unter Kampfhähnen mit aufgefüttert werden. Allein die Hähne bissen das Rebhuhn von dem Futter weg, welches diesen um so viel näher ging, da es sich einbilde te, es würde blos deswegen verachtet, weil es fremde wäre. Als es aber hernach sahe, daß sich
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die Hähne unter einander selbst zerrissen, so war das sein Trost: ich kann nicht verlangen, daß sie gegen mich freundlicher seyn sollen, als sie gegen einander selbst sind.

Lehre.

Es ist nicht zu verwundern, wenn ein Volk gegen Fremde unhöflich ist, das unter sich selbst in Feindschaft lebt.

Betrachtung.

Unter Leuten, die von Natur trotzig und zank süchtig sind, muß man auf keinen Frieden hoffen. Wir müssen so viel möglich üble Gesellschaft ver meiden; wenn wir aber dazu gezwungen werden, so ist kein Mittel übrig, als Geduld. Die Hähne thaten hier weiter nichts, als was mit ihrer Art übereinkam; und es giebt böse Menschen, die nichts besser sind, und so wohl mit andern, als unter sich selbst, in Zank und Streit leben.

LXX. Fabel. Der gereiste Prahler.

Ein eitler Prahler, welcher in der Welt herum geschweift war, kam zurück, und hörte nicht auf, mit Erzehlung seiner auf Reisen verrichteten wunderbaren Thaten, die Ohren der Leute zu ermü den. Unter andern gedachte er eines Sprungs, den er zu Rhodus gethan habe, und dem keiner, bey sechs Fuß, habe gleich kommen können. Und
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das, sprach er, kann ich mit mehr als einem Zeu gen daselbst beweisen. Wenn es wahr ist, sprach einer von der Gesellschaft, was brauchen wir der Zeugen wegen nach Rhodus zu gehen? Bilde dir ein, dieß sey Rhodus, und denn laß uns deinen Sprung sehen.

Lehre.

Nicht selten wird die schwatzhafte Thor heit eines Prahlers augenblicklich zu Schanden gemacht; und alsdenn wird er der Spott und die Verachtung der ganzen Gesellschaft, anstatt der angesehenste in derselben zu seyn, wofür er gern gehalten werden wollte.

Betrachtung.

Dieser Einfall des einen aus der Gesellschaft, brachte die Sache aufs reine. Eitle Prahler soll ten sich daher ja mit nichts rühmen, welches sie au genblicklich zu beweisen, angehalten werden können. Aus der Ferne, sagt man, ist gut lügen; gleichwohl war die Ferne hier nicht vermögend zu verhindern, daß unser Reisende nicht ein Spott der Gesellschaft wurde.

LXXI. Fabel. Der bestrafte Versucher.

Ein ruchloser Spötter that eine Reise nach Del phos, um zu versuchen, ob er dem Apollo nicht einen Fallstricke legen könnte. Er nahm ei
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nen Sperling in seine Hand, hielt ihn unter dem Kleide versteckt, und sprach zu dem Gott: Ich habe etwas in meiner Hand; ist es todt oder lebendig? Sollte das Orakel sagen es wäre todt, so hätte er es können lebendig hervor zeigen; soll te es aber sagen, es wäre lebendig, so hätte er ihm nur einen Druck geben dürfen, um es todt zu ma chen. Er aber, dem die Bosheit seines Herzens nicht verborgen war, gab ihm die Antwort: es ist, was du von beyden willst, daß es seyn soll. Denn, in Ansehung des Vogels, steht es bey dir, ob er le ben oder sterben soll: aber nicht in Ansehung dei ner selbst; und den Augenblick fiel der Spötter, zur schrecklichen Warnung für andre, todt zur Erden.

Lehre.

Uebermuth verleitet die Leute natürlicher Weise zum Unglauben, und dieser führet sie un vermerkt zum Atheismus. Denn wenn Leute einmal keine Ehrfurcht für die Religion mehr haben, so kommen sie gar bald auch so weit, daß sie über sie spotten.

Betrachtung.

Bey Gott, dem Allmächtigen, der die verbor gensten Gedanken des Herzens kennet, findet keine tückische Versuchung statt. Diese Weise über heili ge Dinge zu spotten, ist die allerkühnste Art der Ruchlosigkeit, die nur immer ausgeübet werden kann. Wer an Gottes Allwissenheit zweifelt, kann, mit eben so gutem Fuge, auch an dessen Allmacht zweifeln; und wer eine von seinen Eigenschaften
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für ungewiß hält, der ist auf gutem Wege, sie alle dafür zu halten. Es würde in der Welt ein großer Theil der Bosheit wegfallen, wenn die Menschen nur so leben und handeln wollten, daß die Furcht vor Gott in ihren Thaten eben so wohl zu spüren wäre, als in ihren Worten. Wenn sie aber über die Gottheit klügeln und vernünfteln wollen, und mit einem Wenn dieses so und so ist, zum Vor schein kommen, so wird schon diese Voraussetzung zu einem unerträglichen Aergernisse; und auf solche Weise etwas bejahen, heißt der gänzlichen Ver neinung nur auf einen Schritt ausweichen. So war die Frage beschaffen, die der Spötter dem Ora kel vorlegte; er zweifelte an der göttlichen Allwis senheit, und wollte gern hinter die Wahrheit kom men; am Ende aber war es auf eine Spötterey ab gesehen, welche seine Ruchlosigkeit auf den höchsten Grad brachte; so daß sich die Fabel nicht anders, als mit seiner verdienten Strafe schließen konnte.

LXXII. Fabel. Das Weib und die fette Henne.

Ein gutes Weib, die eine Henne hatte, welche ihr alle Tage ein Ey legte, bildete sich ein, daß ihr die Henne wohl zwey Eyer legen würde, wenn sie ihr mehr Futter gäbe. Sie machte den Versuch, aber die Henne ward dadurch so fett, daß sie ganz und gar, Eyer zu legen, aufhörte.
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Lehre.

Wir sollten unsern Begierden Grenzen setzen, und mit dem, was wir haben, vergnügt seyn, damit wir es nicht durch unsre Unzufriedenheit verlieren.

Betrachtung.

Diese Fabel ist mit der 67ten, des geitzigen Eigenthumsherrn, von einerley Beschaffenheit, und stellt uns die Thorheit eitler Begierden und der unmäßigen Liebe zum Reichthum im Bilde vor. Der Geitz kann einen, der die ganze Welt besäße, so arm machen, als der ist, der gar nichts hat. Es ist Unsinnigkeit, wenn einer, der schon genug hat, alles aufs Spiel setzt, um mehr zu haben. Es giebt ein Mittel zwischen zu viel und zu wenig essen; und dieses Mittel mußte die Frau ohne Zweifel getrof fen haben, als ihr die Henne alle Tage ein Ey leg te. Da sie aber der Henne, aus Eigennutz, das Futter vermehrte, und sich einbildete, daß mehr Körner auch mehr Eyer geben würden, so verfehlte sie aus Geitz ihres Zwecks, und verlohr zur Strafe das, was sie hatte. Es kam aber auch ein gros ser Irrthum in Ansehung der Pflege dazu, wobey sie sich eben nicht, als eine verständige Hausfrau zeigte; denn die Ueberladung des Magens hindert die Natur an ihren übrigen Verrichtungen, und dieses bey den Menschen so wohl, als bey dem Federvieh. Hieraus können Aeltern, und alle, welche mit der Erziehung der Kinder zu thun haben, die Lehre zie hen, daß es schädlich ist, sie ihrem Appetite allzu sehr nachhängen, und übermäßig essen zu lassen, weil
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sie dadurch zu allem Guten verdrossen, und noch überdieses krank werden.

LXXIII. Fabel. Der von einem Hunde gebissene Mann.

Einem Manne, den ein Hund gebissen hatte, ward der Rath gegeben, ein Stücke Brod in das Blut der Wunde zu tauchen, und es dem Hunde zu fressen zu geben. Wahrhaftig, ein vortreflich schöner Rath, sagte der Mann. Ihr habt gewiß Lust, mir alle Hunde in der Stadt auf den Hals zu hetzen? Denn das würde gewiß geschehen, wenn sie merkten, daß sie, anstatt bestraft zu werden, be lohnet würden.

Lehre.

Unserm guten Herze sollte es nie an Klug heit fehlen. Wir müssen die Beleidigung zwar vergeben, aber den Beleidiger nicht aufmun tern, uns noch ferner zu schaden.

Betrachtung.

Unter die Lehre dieser Fabel ist jede üble Nach rede, Verleumdung und Lästerung, und jede Art der Beleidigung und Beschimpfung, die unsern gu ten Namen, und unsre Person trifft, zu ziehen. In allen diesen Fällen findet zwar eine großmüthi ge Vergebung, auch der größten Undankbarkeit und Bosheit, Statt; aber das taugt nicht, wenn
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XIII. pag. 112.

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man etwas so gar belohnt, was man aus Barmher zigkeit nicht bestrafen will. Dieses Verfahren ist so wohl bey öffentlichen, als besondern Angelegen heiten des menschlichen Lebens, gleich gefährlich; weil es eine Anreitzung zum Bösen ist, wenn die Menschen sehen, daß sie um so viel besser dabey fahren. Ein tückisches Herz ist mit keinem einge tunkten Bissen zu bessern; sondern zanksüchtige Menschen und beißigte Hunde, sind oft um so viel schlimmer, je gütlicher man mit ihnen verfährt.

LXXIV. Fabel. Der Thonfisch und der Delphin.

Ein Thonfisch ward von einem Delphin ver folgt, und sollte eben ergriffen werden, als er, ehe es der Delphin merkte, auf den Strand trieb, und dieser, in der Hitze der Verfolgung, mit ihm zugleich auf dem Sande sitzen blieb. Nun waren sie beyde verlohren; der Thonfisch aber hielt seine Augen beständig auf den Delphin gerich tet, und als er ihn in den letzten Zügen sahe, sprach er: Jetzt ist mir der Tod nicht mehr bitter, da ich meinen Feind zugleich mit sterben sehe.

Lehre.

Einem unschnldigen<unschuldigen> Manne ist gar wohl einiges Vergnügen zu vergönnen, wenn er den räuberischen Feind, der ihn ins Verderben stür zen wollte, in gleiches Unglück verwickelt sieht.
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Betrachtung.

Es giebt Moralisten, welche dieser und der fol genden Fabel einerley Bedeutung geben, und über beyde nur eine Betrachtung machen, die auf die Verdammung der Rachsucht abzielt. Uns aber scheint zwischen den zwey Fabeln ein grosser Unterscheid zu seyn, weswegen wir uns auch be rechtiget dünken, von unsern Vorgängern abzuge hen, und von jeder derselben eine andre Anwen dung zu machen. Hier sieht man einen unschul digen Thonfisch, um sein Leben aus dem Rachen eines gefräßigen Feindes zu erretten, aufs Ufer ge trieben, und umkommen; es war daher, wie wir in der Lehre schon angemerkt haben, ganz natür lich und wohl zu verzeihen, daß er sich freute, sei nen Feind eben demselben Unglücke unterliegen zu sehen, welches er über ihn gebracht hatte. Und hieraus können wir lernen, daß die göttliche Straf gerechtigkeit oft einen gottlosen Mann in eben die Grube fallen läßt, die er andern gegraben hatte, so daß die Ausübung seiner Bosheit selbst, zu sei nem verdienten Lohne wird.

LXXV. Fabel. Die zwey Feinde zur See.

Zwey Feinde waren mit einander in einem Schiffe zur See; der eine befand sich in dem Vordertheile desselben, und der andre in dem Hin tertheile. Es entstand ein gewaltiger Sturm,
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und als das Schiff eben sinken wollte, fragte der eine von ihnen den Steuermann, welches Theil von dem Schiffe zuerst unter Wasser kommen wür de? Der Steuermann sagte, jenes Ende werde zuerst sinken. Nun wohl, versetze<versetzte> dieser, so wer de ich den Trost haben, meinen Feind vor mir um kommen zu sehen.

Lehre.

Es ist eine sträfliche Beruhigung eines rach süchtigen Mannes, der sein Leben gern verlie ren will, wenn er sich nur nicht darf von seinem Feinde überlebt wissen.

Betrachtung.

Die Rachsucht ist in der That ein teuflisches Laster, das sich aus Gewaltthätigkeiten und Bos heiten im geringsten nichts macht. Es entzweyet Freunde, verwirret Staaten, trennet und vertilget Familien. Die Geschichte aller Zeiten ist voll von den traurigen Wirkungen dieser höllischenLei denschaft, welche die Menschen so sehr verhärtet, daß sie, wie man in obiger Fabel sieht, den Tod auf eine viehische Weise verachten, wenn sie ihre Feinde nur zugleich mit untergehen sehen.
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LXXVI. Fabel. Der gewarnte Sterndeuter.

Ein gewisser Sterngucker, in seine himmlische Beobachtungen versenkt, hatte das Unglück, in einem ziemlich tiefen Graben zu stolpern, und als er sich wieder heraus zu helfen suchte, sprach ein vorbeygehender, nicht unvernünftiger Mann: mache dir ja diesen Unfall gehörig zu Nutze; laß ins künftig die Sterne ruhig ihren Lauf fortsetzen, und gieb ein wenig besser auf die Graben Acht; denn wäre es nicht thöricht, daß du andern Leuten ihre Zufälle aus den Sternen vorhersagtest, ohne deine eignen darinn zu lesen?

Lehre.

Diese Fahel<Fabel> ist eine gerechte Bestrafung der jenigen, die ihre eignen Angelegenheiten verab säumen, und sich in fremde mischen.

Betrachtung.

Wenn wir also bey den Worten dieser Fabel bleiben, so dient sie, das unverschämte Vorgeben der Wahrsager, Zigeuner, klugen Weiber und der gleichen Personen zu zeigen, die sich, in der Stadt sowohl als auf dem Lande, auf dem letztern aber am meisten, die Leichtgläubigkeit der Einfältigen und Unwissenden, so trefflich zu Nutze zu machen wissen. So gering und unschädlich nun auch diese Begierde, das Zukünftige zu wissen, vielen scheinet,
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und oft für nichts als Scherz angesehen wird, so ist sie dennoch eine der gefährlichsten Fallstricke im menschlichen Leben, wenn einmal Leichtgläubigkeit dazu kömmt; und dieses zwar vornehmlich bey Wei bern und Kindern, indem bey jenen die Einbil dungskraft sehr stark ist, und diese, gleich einem weichen Wachse, jeden Eindruck annehmen. Man muß daher ja die äußerste Sorgfalt anwenden, in ihnen alle Lust an dergleichen armseligen Täu schereyen zu ersticken; zu welchen auch die Glücks bücher, und hundert andere abergläubische Hülfs mittel, sich wegen Liebe, Heyrath, Reisen, Spiel, Leben und Tod, Raths zu erholen, gehören. Wenn diese angemaßten Kenner der Zukunft sich auf die Einfalt und Leichtgläubigkeit neugieriger Thoren nicht sichrer verlassen könnten, als auf ihre gewöhn liche Weise, eines aus dem andern zu schließen und die Ursachen aus ihren Wirkungen zu errathen, so würden sie bey ihrer Profeßion wenig Brodt ha hen. Denn ist wohl zwischen ihrem Endzwecke und den Mitteln, die sie zu Erlangung desselben anwenden, auch nur das geringste Verhältniß zu finden?

LXXVII. Fabel. Der Vogelsteller und die Amsel.

Eine Amsel fragte einen Vogelsteller, der eben die Lockspeise unter dem Netze zurechte legte, was er da mache? Ich lege hier den Grund zu einer Stadt, antwortete dieser, und schlich sich hier
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mit bey Seite. Die Amsel besorgte nichts Böses, flog auf die Lockspeise in das Netz, und ward ge fangen. Als nun der Vogelsteller herbey gelaufen kam und sie griff, sprach die arme Amsel: Freund, wenn das deine Art zu bauen ist, so wirst du wenig Einwohner bekommen!

Lehre.

Neugierige Leute müssen ihre thörichte Wiß begierde oft theuer bezahlen.

Betrachtung.

Der Amsel geschah hier schon recht. Der Ge nuß ihrer eignen Freyheit war ihr nicht genug, sie mußte sich um fremde Händel bekümmern, und sobald der Vogelsteller fortgegangen war, kam sie von dem Orte ihrer Sicherheit herab, fraß von der Lockspeise, auf die sie kein Recht hatte, und ward, zu verdienter Strafe, in dem Netze gefangen. Auf der andern Seite erkennen wir an dem Vogel steller, die Kunstgriffe und Ränke eines betriegeri schen Menschen, der immer einen Vorwand hat, unbehutsame und neugierige Thoren in seine Schlinge zu ziehen, und die Lockspeise nach der Fähigkeit derer, die erfangen will, einrichtet. Und es ist in der That eine wichtige Anmerkung, daß der größte Theil der Menschen eben so leicht zu fangen und zu verführen ist, als die dümmsten Vögel, weil die Heftigkeit ihrer Lüste sie an dem Gebrauche ihrer Vernunft verhindert. Und wenn man ihnen nur die gehörige Lockspeise vorhält, dem Schwelger einen leckerhaften Schmaus, dem Wol
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lüstling ein feines Mädchen, dem Geitzhalse wahr scheinlichen Gewinnst, so werden sie alle eben so gierig nach der Lockspeise schnappen, als nur im mer ein Vogel oder Fisch, nach dem Wurme oder der Beere schnappen kann.

LXXVIII. Fabel. Merkur und der Reisende.

Ein Mann, der eben eine lange Reise antreten wollte, gelobte dem Merkur, ihm von al lem, was er finden würde, die Helfte zu widmen. Nun hatte jemand einen Sack Datteln und Man deln verlohren, und er hatte das Glück, ihn zu finden. Sogleich machte er sich darüber; aß die Kerne und alles was gut daran war, auf; legte die Steine und Schalen auf den Altar, und ver langte, daß Merkur dieses für die erste Erfüllung seines Gelübdes annehmen sollte. Denn von den einen, sagte er, gebe ich dir das Auswendige und von den andern das Innwendige; welches zusam men die versprochne Helfte richtig ausmacht.

Lehre.

Manche Menschen reden zwar, als ob sie einen Gott glaubten, allein sie verleugnen ihn durch ihre Thaten. Ihre Gebete sind Verspot tungen, und ihre Gelübde Complimente. Sie versprechen Gutes die Menge; kömmt es aber zur Ausführung, so halten sie nichts.
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Betrachtung.

In geheim sind wir alle, mehr oder weniger, gegen den Himmel, und unsre eignen Seelen, Betrie ger. Wir suchen blos unsre Mißbräuche, unter dem Mantel des Gewissens und der Religion, zu verbergen, und scheuen uns nicht, Gott tausend falsche und betriegerische Kunstgriffe zu vertrauen, die wir, als die größten Geheimnisse von der Welt, vor unsern Nachbarn verborgen halten. Ja, wenn es uns auch noch so sehr ein Ernst ist, so sind un sere Gelübden und Versprechungen, in dem Augen blicke, da wir sie thun, doch schon zur Helfte ge brochen; und wenn wir uns nur mit einer leidli chen Ausflucht, mit einer Unterscheidung, oder Zu rückhaltung in Gedanken, den Rückweg erleichtern können, so ist uns das so gut, als eine völlige Be ruhigung des Gewissens. Mit einem Worte; wir finden die Lehre, die aus dieser Fabel fließt, nur allzusehr in den verborgensten Geheimnissen, die wir, zwischen dem Himmel und unsern Seelen, in unsern Herzen haben.

LXXIX. Fabel. Der Knabe und seine Mutter.

Ein Schulknabe stahl ein Buch, und brachte es seiner Mutter, die ihn so wenig deswegen bestrafte, daß sie ihn vielmehr noch aufmunterte. Seine Büberey wuchs mit den Jahren, und end lich ward er über einem grossen Diebstahl ertappt
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XIV. pag. 120.

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und zum Gerichte geführt. Seine Mutter beglei tete ihn weinend bis an den Richtplatz, wo er um Erlaubniß bat, ihr noch ein Wort in geheim sa gen zu dürfen. Er hielt den Muud<Mund> zu ihrem Oh re, und unter dem Vorwande ihr etwas zu ver trauen, biß er es glatt ab. Diese unnatürliche Bosheit brachte jedermann noch mehr wider ihn auf, bis er endlich das Wort ergriff. Lieben Zu schauer, sprach er, ihr seyd hier, ein Beyspiel der Schande und Strafe an mir zu nehmen. Diese meine Mutter ist es, die mich dazu gebracht hat; denn wenn sie mich in meiner Kindheit für das ge stohlne Buch, das ich ihr brachte, gehörig gestraft hätte, so würde ich ietzt, als ein erwachsner Mann, gewiß nicht als Dieb unter dem Galgen stehen.

Lehre.

Unsre Erziehung macht uns entweder besser oder schlimmer; und die Folgen derselben kön nen dem Staate eben so verderblich seyn, als der Familie.

Betrachtung.

Lasterhafte Neigungen müssen bey Zeiten unter drückt werden; denn wenn sie sich einmal in Fertig keiten verwandeln, so ist ihnen nicht mehr abzuhelfen. Es kommen mehr Leute an den Galgen, aus Man gel einer frühzeitigen Unterweisung, Zucht und Be strafung, als wegen der unheilbaren Bosheit ihres Herzens; und es ist gemeiniglich der Fehler der Aeltern, der Aufseher und Vormünder, daß so viel junge Leute verderben,<.> Sie lassen sie sich zu
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Kopfe wachsen, und wenn böse Neigungen einmal Wurzel gefaßt haben, so sind sie nicht mehr auszurotten.

LXXX. Fabel. Der zum Kaufmann gewordne Schäfer.

Ein Schäfer weidete einsmals, an einem sehr schönen Tage, an der Seeseite. Die ange nehme Stille des Wassers verführte ihn, seinen Schäferstand aufzugeben, und ein Kaufmann zu werden. Mit einmal schlug er seine Heerde los, kaufte eine Ladung Feigen, setzte sich über seine Furcht hinweg, und ging zur See. Allein es ent stand ein Sturm, und die Schiffer wurden genö thiget, ihre Ladung über Boord zu werfen, um sich selbst und das Schiff zu retten. Unser ver dorbner Kaufmann griff, nach mißgelungenem Versuche, wieder zu seinem ersten Gewerbe. Als er nun eines Tages an eben derselben Seeseite sei ne Schafe weidete, und abermals so schönes ver führerisches Wetter auf dem Wasser war, sprach er: Ja, ja; wer ein Thor wäre! Du bist wohl nach mehr Feigen begierig? Nicht wahr, liebe See?

Lehre.

Die Menschen können in allen Ständen glück lich seyn, wenn sie sich nur darein schicken wol len. Wo sie sich aber mit Geschäften abzuge
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ben anfangen, die sie nicht verstehen, und sie ih nen fehlschlagen, so können sie sich mit nichts mehr trösten, als mit der Hoffnung, daß viel leicht eine gütige Vorsicht, sie wieder auf den rechten Weg bringen werde.

Betrachtung.

Trübsal macht den Menschen klug und ver nünftig. Ein jeder hat seine schwache Seite; und niemand hat sich noch so wohl befunden, daß ihn nicht der Schuh irgendwo gedrückt, oder er sich wenigstens eingebildet hätte, daß er ihn drü cke. In dem Falle, in welchem unser Schäfer war, ist jeder Mensch, der etwas Gewisses für et was Ungewisses vertauscht, und ein ehrliches Ge werbe, zu welchem er gebohren war, für Geschäfte aufgiebt, wozu er keine Geschicklichkeit hat.

LXXXI. Fabel. Der vornehme Mann und der Löwe.

Einem vornehmen Manne träumte einsmals, daß sein einziger Sohn, welcher ohne Zweifel ein großer Liebhaber der Jagd war, von einem Lö wen umgebracht würde. In dieser Einbildung bestärkte sich der Vater so sehr, daß er seinem Soh ne ein besondres Haus bauen ließ, ihn dem ge drohten Unglücke aus dem Wege zu bringen. Er sparte weder Kunst noch Kosten, eine so viel mög lich angenehme Wohnung daraus zu machen; al
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lein der Jüngling sahe sie nicht anders als ein Gefängniß an, ob sie gleich der Vater, der ihn darinn einschloß, als einen heilsamen Schutz ort betrachtete. Unter den Gemählden, womit die ser kleine Pallast ausgeziert war, befand sich auch das Bild eines Löwen, welches der Jüngling eines Tages voller Unwillen, daß ihn ein wunderlicher Traum von so einer Bestie, zu einer Art von Ge fangenen gemacht habe, betrachtete. Aus kindi scher Hitze schlug er nach dem Gemählde; und was geschah? Er traf mit der Faust auf einen Nagel in der Wand; die Hand ward schlimm, der kalte Brand schlug dazu, und er starb. Also hatte der Vater mit aller seiner Vorsicht das Schick sal nicht abwenden können, das seinem Sohne be stimmt war; er sollte durch einen Löwen sterben; und er starb durch einen Löwen.

Lehre.

Abergläubische Leute werden oft damit ge straft, was sie am meisten fürchten. Und durch eben die Mittel, die wir dem gedrohten Uebel zu entgehen anwenden, eilen wir ihm oft selbst entgegen, wenn wir uns mehr auf unsre Stärke oder Klugheit, als auf die Vorsicht verlassen.

Betrachtung.

Es ist vergebens, wenn wir unserm Schicksale vorzukommen oder zu entgehen gedenken; besonders wenn man den Ausgang als eine Bestrafung des Aberglaubens ansehen muß; so wie es mit denen zu geschehen pflegt, die ihr Leben nach Ahndungen
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und Träumen regieren, und in beständiger Furcht und Angst deswegen leben. Die Geschichte ist voller Beyspiele, welche die Lehre dieser Fabel er läutern. Der Vater war zu tadeln, daß er sich so sehr an einen thörichten Traum kehrte, und der Sohn war nicht weniger zu tadeln, daß er sich über den Eindruck, den diese Einbildung bey seinem Vater gemacht hatee, so sehr entrüstete; sie wur den daher beyde, der eine wegen seines Aberglau bens, und der andre wegen seiner Hitze, mit Recht bestraft.

LXXXII. Fabel. Der Fuchs, der seinen Schwanz verlohren hatte.

Ein Fuchs war in einem Eisen gefangen wor den, und mußte zufrieden seyn, daß er sein Leben noch mit dem Verluste seines Schwanzes er kaufen konnte. Ein Fuchs aber ohne Schwanz war ein so seltsamer Anblick, daß ihm der bloße Gedanke dieses Unglücks, alle Lust zu leben benahm. Damit er aber gleichwohl dieses Aergerniß, so viel als möglich, verringern möge, bewog er die Ober meister und Vorsteher der Gesellschaft der Füchse, eine Versammlung zu berufen, in welcher er selbst erschien, und eine sehr gelehrte Rede von der Be schwerlichkeit, Unnützlichkeit und Unanständigkeit der Fuchsschwänze hielt. Kaum aber hatte er sei ne Rede geendiget, als einer von den verschlagen
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sten aufsprang, und zu wissen verlangte, ob sein würdiger Amtsbruder, der wider die Schwänze so aufgebracht war, diesen Rath zum Nutzen derer gegeben habe, die ihre Schwänze noch hätten, oder ob er blos damit das Unglück und die Schan de derer bemänteln wolle, die sie verlohren hät ten?

Lehre.

Es ist, der Lauf der Welt, daß die Men schen bey ihrem guten Rathe immer Nebenab sichten haben. Es ist aber auch etwas sehr schweres, eine Menge Volks zu überreden, sich selbst wehe zu thun, und in Schaden zu brin gen.

Betrachtung.

Wir können hieraus lernen, daß jeder, entweder von Natur oder durch Unglück, seine schwache Sei te hat, und es seine größte Sorge seyn läßt, sie so viel als möglich zu verbergen. Allen Falls ist es eine Art von Erleichterung, Mitgenossen bey seinen Unfällen zu haben. Es setzt einen Menschen in Verlegenheit, wenn er sieht, daß er der einzige von einem gewissen Schlage ist; und der Fuchs han delte daher sehr klüglich, daß er seine Brüder zu be reden suchte, die Mode mit zu machen. Wenn wir etwas so weit getrieben haben, als es gehen kann, und nichts mehr anschlagen will, so ist der philosophischste Kunstgriff dieser, daß wir gar nicht thun, als ob uns an dem viel gelegen wäre, was wir nicht bekommen können. Ein Mensch mag
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sich in Umständen befinden, in welchen er will; es läßt sich zum Behuf derselben immer etwas sagen. Sind sie schlecht, so kömmt es darauf an, daß man sie entweder geschickt zu verbessern, oder geduldig zu ertragen weiß; ohne die Einrichtungen, Rath schlüsse und Gesetze der Natur deswegen zu ta deln. Ein Mensch, der Ehre und Gewissen ver lohren hat, scheint dem Falle, in welchem sich un ser Fuchs ohne Schwanz befand, am nächsten zu kommen, und nicht selten giebt er sich auch eben so viel Mühe, seine Nebenmenschen zu überreden, daß sie seine Sitten annehmen und so verderbt seyn sollen, als er ist, damit auch der übrige Theil der Welt mit ihm unter einer Fahne diene.

LXXXIII. Fabel. Der Fuchs und der Brombeerstrauch.

Ein Fuchs ward hart verfolgt, und wollte sich über einen Zaun retten. Um nun keinen all zugefährlichen Sprung wagen zu dürfen, hielte er sich an einem Brombeerstrauche fest, dessen Dörner ihm häufig in den Füssen stecken blieben. Als er herab war, fing er seine Pfoten, unter gewal tigen Verwünschungen des Brombeerstrauchs, an zu lecken. Nicht so böse, Reinecke, sagte der Strauch; man hätte denken sollen, du, dessen Herz voll Bosheit ist, müßtest besser Bescheid wis sen, als daß du dich an jemand anhieltest, der selbst auf nichts als Unheil bedacht ist.
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Lehre.

Der Mensch ist übel daran, welcher sich erst selbst ins Unglück stürzt, und hernach gezwun gen ist, bey seinem Feinde Hülfe zu suchen.

Betrachtung.

Wer sich selbst zu einem allgemeinen Feinde des menschlichen Geschlechts macht, indem er Treu und Glauben bricht, den Frieden vorsetzlich stöhrt, und auf unschuldiges Blut lauret, der mag sich hinwenden, wo er hin will, er wird ganz gewiß überall einen offenbaren Feind antreffen. Ja, er findet seine Strafe, wo er seine Sicherheit zu fin den hoffte; denn die göttliche Gerechtigkeit trifft ihn, oder verfolgt ihn auf allen seinen Wegen. Der Fuchs legte dem Brombeerstrauche sein Un glück zur Last; und so verfahren auch alle böse Menschen, welche das Werkzeug anfeinden, ohne an die Vorsicht, die sich desselben wider sie bedient, zu denken.

LXXXIV. Fabel. Der Fuchs und die Jäger.

Ein Fuchs, hinter dem die Jäger drein waren, bat einen Bauer, ihm einen Platz, wo er sich verbergen könne, anzuweisen. Der Bauer wies ihn zu seiner Hütte, und kaum hatte er sich versteckt, da die Jäger herzukamen, und sich erkundigten, ob kein Fuchs vorbey gekommen wäre. Ich habe
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wirklich keinen gesehen, sagte der Bauer; zugleich aber wies er mit dem Finger auf den Ort, wo er sich verkrochen hatte. Die Jäger, wie es scheint, verstunden den Wink nicht; allein der Fuchs hat te ihn durch eine Spalte gar wohl bemerkt. Als nun jene wieder ihren Weg gegangen waren, kam der Fuchs hervor, und ging, ohne ein Wort zu sprechen, davon. Wie kömmt das? sprach der Bauer; hast du nicht so viel Lebensart, dich, ehe du gehst, bey mir zu bedanken? Ja, ja, antwor tete der Fuchs, wenn deine Finger so ehrlich gewe sen wären, als deine Zunge, so würde ich gewiß so nicht fortgehen, sondern deine Güte mit Dank erkennen.

Lehre.

Ein Mensch kann mit Zeichen sowohl, als mit Worten lügen; und in diesem Falle muß er für seine Finger eben so wohl, als für seine Reden stehen.

Betrachtung.

Hier kann man an einer Person sehen, was in Fällen des Gastrechts und der Treue, Ehre und Gewissen fordern. Die Gesetze des Gast rechts müssen uns, auf der einen Seite, eben so hei lig seyn, als uns, auf der andern, die Pflichten, die wir dem Vaterlande schuldig sind, seyn sollen. Sehen wir auf Treu und Glauben, so mußte der Bauer sein Wort halten; sehen wir aber auf den allgemeinen Feind, so durfte er ihn nicht verber gen. Er hatte dem Fuchse stillschweigend einen
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Zufluchtsort versprocheu<versprochen>; da er aber nicht ſ sui ju ris war, so versprach er mehr, als er, verantwort licher Weise, halten konnte, denn ein nachheriges Versprechen, den Fuchs zu verbergen, konnte ihn von seiner ersten Verbindlichkeit, den Fuchs, als ein Raubthier, zu vertilgen, nicht lossprechen. Es wäre zwar freylich großmüthiger gewesen, wenn er gleich Anfangs sich zu nichts verbunden hätte, da der Fuchs ohnedem um etwas bat, worauf er gar kein Recht hatte. Doch dem sey, wie ihm wolle; die Betrieglichkeit des Bauers ist nicht zu ent schuldigen; denn niemand sollte etwas versprechen, was er nicht gesonnen ist zu halten.

LXXXV. Fabel. Der Mann und der hölzerne Abgott.

Ein Mann, der ein hölzernes Götzenbild, das er in seinem Hause verwahrte, ungemein ver ehrte, fand, daß je mehr er es um Segen anflehte, desto schlechter sein Gewerbe von Statten ging. Hierüber ward er so wüthend, daß er es endlich mit dem Kopfe wider die Wand warf. Der Kopf zersprang, und siehe es fiel eine grosse Menge Gel des heraus. Was für ein sinnloser thörichter Götze! rief der Mann aus. Mißhandlungen ver mögen bey ihm mehr, als Anbetung.

Lehre.

Sehr viel Lente<Leute> richten sich mit ihrer Reli gion nach ihrem Vortheile, und halten diejeni
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XV. pag. 130.

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nige Kirche für die beste, bey welcher sie am meisten gewinnen können.

Betrachtung.

Alle Menschen, welche Gott aus Furcht, Ei gennutz, oder anderer Nebenabsicht verehren, trifft der Sinn dieses Gleichnisses mehr oder weniger. Es ist eine Art einer bedingenden Andacht, wenn man nicht länger fromm ist, als man seine Sicher heit und seinen Vortheil dabey findet. Kurz, wer Gott für Geld dient, wird auch dem Teufel, auf das erste das beste Uebergebot, dienen.

LXXXVI. Fabel. Der Vater und seine Kinder.

Ein Landmann, welcher von seiner Hände Ar beit in der Welt ganz artig gelebt hatte, woll te gern, daß sich seine Söhne, nach seinem Tode, auf eben diese Art ernähren sollten. Als er nun auf dem Sterbebette lag, sprach er: lieben Kin der, ich halte mich verbunden, euch, ehe ich abschei de, noch zu entdecken, daß irgendwo in meinem Weinberge ein ansehnlicher Schatz verscharrt liegt; grabt ihm also ja sorgfältig nach, und sucht ihn überall, sobald als ich todt bin. Der Vater starb, und sogleich fingen seine Söhne an, in den Weinber ge zu arbeiten. Sie kehrten ihn um und um, aber da war kein Pfennig Geldes zu finden. Endlich lösete der Reichthum der nächsten Weinlese, das Räthsel!
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Lehre.

Ein guter Rath ist das beste Vermächtniß, das ein Vater seinen Kindern hinterlassen kann; und dieser Rath wird desto wirksamer seyn, wenn er so eingekleidet ist, daß er Neugierde und Lust, ihm zu folgen, erwecken kann.

Betrachtung.

Kein Segen ist so groß, als der, welchen Gott auf die unverdroßne Arbeit unsrer Hände gelegt hat. Und hier werden wir zu einer ämßigen Le bensart, durch die Betrachtung des Vortheils, der Unschuld und Rühmlichkeit des Fleißes und der Anstrengung, aufgemuntert, welche außer der Hoff nung, zu mehrerem zu gelangen, schon vor sich selbst eine Art der Beruhigung und des Trostes sind. Es war ein rühmlicher Kunstgriff des Vaters, daß er seine Meinung auf eine Art zu verstecken wußte, welche Neugierde und ein ernstliches Verlangen, ihm zu folgen, in seinen Söhnen erweckte. Und diese hatten einen dreyfachen Vortheil dabey; denn mit der arbeitsamen Bewegung war Gesundheit, mit der Entdeckung Nutzen, und mit der Beobach tung der Pflichten ihres kindlichen Gehorsams, der Trost eines guten Gewissens verbunden.
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LXXXVII. Fabel. Der Fischer und seine Pfeiffe.

Ein Fischer, welcher sich auf die Pfeiffe besser, als auf das Netze verstand, saß an dem Ufer eines Flußes, und blies; kein einziger Fisch aber wollte auf sein Blasen herbeykommen. Hierauf legte er seine Pfeiffe bey Seite, warf sein Netze aus, und that einen sehr reichen Zug. Da er nun die Fische in dem Netze springen sahe, sprach er: sind das nicht Narren! Als ich pfiff, wollten sie nicht tanzen, und nun tanzen sie, ohne daß ich pfeiffe.

Lehre.

Wer nicht die gehörigen und erforderlichen Mittel anwendet, darf sich nicht versprechen, seine Absicht zu erreichen.

Betrachtung.

Jedes Ding hat seine Zeit, und nichts kann lächerlicher seyn, als wenn man etwas thut, ohne die Umstände der Person, der Zeit und des Orts, zu überlegen.

LXXXVIII. Fabel. Der endlich glückliche Fischer.

Ein Fischer hatte schon eine lange Weile gefischt, und nicht das geringste gefangen. Er ward endlich der vergebnen Arbeit überdrüßig, und woll
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te eben seine Netze wieder einziehen, und fortfah ren; als ein großer Fisch von selbst in das Bot sprang, und seiner Tagearbeit ein sehr glückliches Ende machte.

Lehre.

Geduld und Unverdrossenheit in unserm Ge werbe und unsern Pflichten, werden endlich ganz gewiß, auf eine oder die andre Weise, mit einem glücklichen Ausgange gekrönt.

Betrachtung.

Was wir gemeiniglich gutes Glück nennen, ist eigentlich Vorsehung. Und wenn unsre Unter nehmungen durch einen Zufall besser ausschlagen, als wir sie, mit aller unsrer Geschicklichkeit hätten ausführen können, so müssen wir es als einen be sondern Segen ansehen, den die göttliche Güte auf unsern Fleiß gelegt hat. Es ist jedes Men schen Pflicht, in seinem Beruffe unabläßig fort zu fahren, und sich durch keine widrigen Zufälle, die er unmöglich vorhersehen konnte, abschrecken zu las sen. Glaube, Hoffnung und Geduld überwinden alles, und der Tugend wird es am Ende niemals an Belohnung fehlen.

LXXXIX. Fabel. Der alte Mann und der Tod.

Ein alter Mann war, unter einer schweren Last von Reißigbündeln, einen ziemlichen Weg fortgeschlichen, endlich aber ward er so müde und
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verdrüßlich, daß er seine Last abwarf, und dem Tode rief, ihn von diesem elenden Leben zu befreyen. Der Tod erschien sogleich auf seinen Ruff, und fragte ihn, was er verlange? O, ich bitte, lieber Herr, sagte der Alte, der über die plötzliche Bereitwillig keit des Todes erschrack, thut mir die Liebe, und helft mir, meine Reißigbündel wieder auf den Rü cken nehmen.

Lehre.

Der Mensch, so ein elendes Leben er auch führen muß, will doch lieber dulden, als ster den. Wenn der Tod allezeit so bereit wäre, auf den Ruf einer unleidsamen Seele, zu erscheinen, so würde er gewiß das allerletzte seyn, was sich die Menschen wünschen.

Betrachtung.

Wir sind geneigt, uns über jede Kleinigkeit mit der Welt zu zanken. Das geringste Kreutz verleitet uns zu sagen, daß wir der Welt überdrüs sig sind; allein unsre Zungen stimmen gar bald einen andern Ton an, wenn es dazu kömmt, daß wir wirklich Abschied von ihr nehmen sollen. Als denn finden wir uns willig, alles zu ertragen, wenn wir nur Leib und Seele beysammen erhalten können. Alsdenn heißt es nicht: Tod, nimm mir meine Last ab; sondern: Tod, hilf mir mei ne Last aufnehmen. Und dieses heißt nun wohl ganz natürlich gesprochen, aber nicht eben allzu fromm; weil ein Sterbender sich damit trösten sollte, daß er nunmehr in den Ort der unaussprech lichen Freude und Herrlichkeit, wo alle Sorge und
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Trübsal ihr Ende hat, eingehen, und die Früchte seines guten Wandels genießen werde. Doch anstatt dessen spricht er: es ist schon wahr, der Himmel ist eine selige Wohnung; dem ohngeachtet aber, wenn Gott anders mein Gebet erhöret, wird er mich, noch einige Zeit, bey meinen lieben Freun den hier auf der Erde lassen.

LXXXX. Fabel. Der zum Könige erwehlte Affe.

Nach dem Tode des Löwen, entstand unter den Thieren ein Streit, wen sie, an seine Stelle, zum Könige wehlen sollten. Man brachte ver schiedne Thronfolger in Vorschlag; zuletzt aber traf einen Affen, der die Versammlung mit seinen Fratzengefichtern und Luftsprügen ergötzt hatte, die Wahl. Der Fuchs ward darüber unwillig, und gab vor, er habe einen Schatz gefunden, der ganz allein Sr. Majestät dem Könige zugehöre, welcher so wohl thun, und ihn in Besitz nehmen werde. Er zeigte ihm die Lockspeise in einer Gru be, und dieses war der Schatz; der Affe wollte sich desselben bemächtigen, das Fuchseisen sprang zu, und seine Finger blieben in der Klemme. Ha, du treuloser Verräther! schrie der Affe. Oder viel mehr, du einfältiger König! erwiederte der Fuchs. Du willst andere regieren, und hast nicht einmal Witz genug, deine eignen Finger in Acht zu neh men?
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Lehre.

Wenn die Gewaltigen des Landes Affen sind, so werden die Füchse gewiß nicht erman geln, sie zum besten zu haben.

Betrachtung.

Niemand sollte eine Würde über sich nehmen, der er nicht gewachsen ist. Singen, Tanzen und Gauckelpossen machen, sind keine Eigenschaften für einen Regenten. Diese Fabel zeigt nicht al lein den Neid und die Bosheit des Fuchses, son dern auch die Unverschämtheit der Wahlglieder, in Ernennung solcher Minister, Bevollmächtigten und Vorsteher, die von Geschäften nichts wissen. Sie stellt die Unglückseligkeit der Wahlreiche vor, wo Ränke, und Partheylichkeit nur allzusehr bey der Wahl die Hand im Spiele haben. Es ist auch kein Wunder, daß man Lustigmacher und Possenreisser zu ehrenvollen und einträglichen Posten erhöht sieht, wenn Unwissenheit und pöbelhafter Geschmack die Wahl lenken. Kurz, eine ansehn liche Würde auf den Schultern eines Mannes, welchem es an einer Seele fehlt, die ihren Werth zu schätzen und zu verdienen weis, ist weiter nichts, als ein aufgestecktes Merkzeichen, wornach je der Narr seine Bolzen abschiessen, und jeder Schalk seine Possen richten kann.
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LXLI. Fabel. Der ruhmredige Maulesel.

Ein wohlgepflegter Maulesel, der feist und stolz daher trat, prahlte, ohne Aufhören, von sei ner Familie und seinen Vorfahren. Mein Vater, sprach er, war ein edles Reitpferd, und ich kann ohne Ruhmredigkeit sagen, daß ich ihm nachschla ge. Kaum hatte er dieses gesagt, als ein alter Esel, der neben ihm stand, seine Stimme erhob, und ihn seines wahrhaften Ursprungs erinnerte. Nun erfuhr man, wessen Sohn der <Maulesel>Manlesel war; und die ganze Gegend trieb ihren Spott mit ihm.

Lehre.

Ein ruhmrediger Narr, der aus dem Stau be entsprossen, und ein vornehmer Mann ge worden ist, schämt sich seines eignen Vaters, und seiner armen Anverwandten.

Betrachtung.

In diesem Falle befinden sich die kleinen Auf schößlinge, die, wenn sie einmal vorgezogen wer den, ihre Abkunft vergessen, und gar nicht überle gen, daß sie das Glücke leicht wieder in den Staub zurückstoßen kann, aus welchem es sie erhob. Wenn sie nun endlich ihres wahren Ursprungs erinnert werden, so wird mancher stolze Narr über seine schimpfliche Abkunft empfindlich, da er sich doch im geringsten nicht schämt, ein schimpfliches Leben zu führen.
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XVI. pag. 138.

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Nichts konnte die Vermessenheit des Maul esels besser zu Schanden machen, als daß der Esel gleich zu schreyen anfing, da der Prahler auf sein Geschlechtsregister kam. Bursche, wollte der Esel gleichsam sagen, vergiß deinen Vater nicht! Wir haben eine große Menge ruhmredi ger Maulesel unter uns, die ihren langöhrichten Vater aus der Acht lassen; es geht aber auch die sen eingebildeten Narren sehr oft nicht besser, als es dem Maulesel in der Fabel ging. Man sehe sich also ja vorher wohl um, ehe man von seinem Geschlechte prahlet, ob nicht ein Esel irgendwo in der Familie ist.

LXLII. Fabel. Der Hund und der Wolf.

Ein Wolf überfiel einen Hund, der an der Thü re seines Herrn schlief, und wollte ihn eben zerreissen. Ach, sprach der Hund, ich bin ja jetzt nichts als Haut und Knochen; in zwey oder drey Tagen aber werden wir eine Hochzeit in unserm Hause haben, nach der ich weit besser bey Leibe seyn werde; wenn du dich also so lange gedulden willst, so will ich mich dir hernach selbst in den Rachen liefern. Der Wolf nahm das Verspre chen an, und ließ ihn laufen; als er aber, einige Tage darauf, wieder bey eben demselben Hause vor beyging, und den Hund in dem Vorhofe ge wahr ward, und ihn an sein gegebnes Wort erin
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nerte, sprach dieser: Höre guter Freund, wenn du mich wieder schlafend an der äußersten Thüre über fällst, so rathe ich dir, laß dich nicht noch einmal mit einer Hochzeit abweisen.

Lehre.

Es ist gut, wenn man gegen alle Unfälle, die einem schlafend oder wachend begegnen können, auf der Hut ist. Man kann nicht vorsichtig ge nug seyn; nur muß diese Vorsicht keine Feindinn unserer Gemüthsruhe werden.

Betrachtung.

Ueberstandene Gefahr macht uns aufs zukünf tige klüger. Der Hund, den der Wolf an der äussersten Thüre überfallen hatte, war nunmehr so klug, daß er sich in den Vorhof legte, womit er uns die Lehre giebt, daß sich ein weiser Mann nicht zweymal in eben derselben Schlinge fangen lasse. Das Versprechen, welches er dem Wolfe that, konnte er auch gar wohl nach seinem Hundegewis sen thun; und der Wolf war nicht gescheid, daß er sich auf etwas so unwahrscheinliches die geringste Rechnung machte.

LXLIII. Fabel. Der verliebte Löwe.

Ein Löwe hatte sich in ein Landmädchen ver liebt, und verlangte sie von ihrem Vater zur Ehe. Der Vater wollte sich nicht gern ein so furcht bares Thier zum Feinde machen, stellte sich also,
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als ob er darein willige, nur müsse sich der Löwe seine Zähne ausreissen, und seine Krallen abschnei den lassen; denn sonst, sagte er, würde sich das närrische Mädchen allzusehr fürchten. Der Löwe ließ die Operation an sich verrichten, und drang auf die Haltung des Versprechens. Da aber der Landmann sahe, daß der Löwe nunmehr entwaffnet war, faßte er ein Herz, und ergriff ei nen guten Knittel, durch dessen Vermittlung er die Heirath hintertrieb.

Lehre.

Eine ausschweifende Liebe schlägt Leben, Glück und Ansehen in die Schanze, und opfert den Entzückungen einer unüberlegten Leidenschaft alles auf, was nur immer einem vernünftigen und ehrliebenden Manne werth und theuer ist.

Betrachtung.

Diese Fabel hat einen sehr guten moralischen Verstand, so seltsam sie auch, als eine poetische Er dichtung, scheinen mag. Eine Bestie ist hier in eine Jungfrau verliebt: welches weiter nichts, als eine Abbildung der verkehrten Leidenschaften ist, die wir in der Welt wahrnehmen, da oft vernünftige Geschöpfe von beyden Geschlechtern, sich in Perso nen verlieben, die, ohne sehr figürlich zu reden, wenig besser als Bestien sind. Nichts ist so trotzig und wild, die Liebe kann es bändigen; nichts ist so edelmüthig, die Liebe kann es erniedrigen; nichts ist so scharfsichtig, dem die Liebe nicht einen Schleyer
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über die Augen ziehen könnte; mit einem Worte, wo diese Leidenschaft herrscht, da kann weder Ehre noch Tugend vor ihr bestehen. Seiner neuen Ge bietherinn eine Schmeicheley zu machen, entsagte der Löwe seinen Zähnen und Krallen: ist dieses aber etwas mehr, als was wir alle Tage sehen, wenn ein verliebter Thor übermäßige Leibgedinge macht, und seiner Schönen grosse Summen aus setzt, die keine andre Absicht hat, als ihn zu rupfen.

LXLIV. Fabel. Die Löwinn und der Fuchs.

Ein Fuchs warf einer Löwinn vor, daß sie nie mals mehr als ein Junges zur Welt brächte. Schon recht, erwiederte sie, aber dieses eine Junge ist ein Löwe.

Lehre.

Man muß die Dinge nicht nach ihrer Anzahl, sondern nach ihrem innern Werthe beurtheilen.

Betrachtung.

Man betrachte die Welt stückweise, und man wird immer tausend Narren gegen einen Weltweisen, und ganze Schwärme Fliegen gegen einen Adler finden. Kaum daß eine Jahrhundert einen Held, oder ein wirklich grosses Genie hervorbringt. Man betrachte die Familien, welche die meisten Kinder ha ben, und sehe, wie wenig der Gerathenen, gegen die Ungerathenen sind. Man findet keine ganze Brut junger Löwen.
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LXLV. Fabel. Die zwey kämpfenden Hähne.

Zwey Hähne stritten sich um die Herrschaft ei nes Misthaufens. Der eine, welcher bey dem Kampfe den kürzern zog, schlich sich weg, und verbarg sich in einen Winkel; der andere aber flog auf den Giebel des Hauses, schlug mit den Flü geln und krähte seinen Sieg aus. Mitten aber unter seinem Triumphgeschrey, schoß ein Adler auf ihn, und führte ihn mit sich fort; so daß der über wundene Hahn der einzige Besitzer des Misthau fens und der Weiber blieb.

Lehre.

Ein kluger und großmüthiger Feind wird sich seines Sieges bescheiden bedienen; denn das Glück ist veränderlich.

Betrachtung.

Dieser Kampf der zwey Hähne um einen Mist haufen, kann auf den Streit großer Fürsten um Reich und Herrschaft gedeutet werden, Denn was ist, auf der einen Seite, in Betrachtung des Anlasses zum Streite, die Welt anders als ein Misthaufen? Und ist, auf der andern Seite, nicht ei nerley Blutdurst bey den streitenden Partheyen? Auch finden wir auf beyden Theilen eben dasselbe veränderliche Kriegsglück; und es geht den Köni gen nicht besser, als es den Hähnen ging. Wer
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diesen Augenblick der Sieger ist, kann den Augen blick darauf der Gefangne seyn; und was ist die se Unbeständigkeit der menschlichen Dinge anders, als das Spiel oder das Strafgericht der Vorse hung, das sie über Vermessenheit und Unterdrückung ergehen läßt? Zugleich wird uns in dieser Fabel zu verstehen gegeben, daß man sich auf das verän derliche Glück eben so wenig stützen, als an demselben verzweifeln solle. Der triumphirende Hahn ward, mitten unter seinen Siegesleidern, dahin gerissen; und der besiegte blieb von allem, was die Gele genheit zum Streite gegeben hatte, Meister.

LXLVI. Fabel. Das Reh und der Hirsch.

Ein Reh wollte mit einem Hirsche über seine Furchtsamkeit vor den Hunden vernünfteln. Du bist, sprach es, größer und stärker als irgend einer von ihnen; du bist auch besser bewaffnet; ich kann mir also gar nicht einbilden, warum du eine Kuppel elender Hunde so sehr fürchten solltest. Ja, versetzte der Hirsch; es ist alles wahr, was du sagst; und ich rücke mir es oft selbst vor. Gleichwohl aber mag ich noch so einen guten Ent schluß fassen, ich gebe dennoch Fersengeld, so bald ich nur einen Hund hinter mir bellen höre.

Lehre.

Wissen, was wir thun sollten, und es aus üben, sind zwey Dinge. Wer von Natur eine
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Memme ist, den wird kein guter Rath tapfer machen.

Betrachtung.

Natürliche Schwachheiten, so wie es die Men schen gemeiniglich angreifen, sind schwerlich zu über winden. Man kann das Anstößige eines natür lichen Gebrechens gar wohl einsehen, man kann auch durch Ueberlegung, sich auf kurze Zeit mit ei nem Entschlusse darwider waffnen, und doch die Kraft nicht haben, ihn zur Ausführung zu brin gen. Und fast ist es mit der Beherrschung unsrer Leidenschaften und Lüste eben so beschaffen, als mit der Ueberwindung unsers Temperaments und un srer körperlichen Verfassung. Die Vorsehung hat uns mit Kräften und Fähigkeiten versehen, durch welche wir, sowohl unsre Feinde des Fleisches als des Geistes, zu überwinden vermögen. Unsrer Wahl ist Gutes und Böses vorgelegt; wir kön nen ergreifen und ausschlagen; wenn wir aber zur Ueberlegung kommen, so sind wir meistentheils selbst wider uns; und indem uns Urtheil und Ge wissen auf den einen Weg weisen, lassen wir uns von unsrer verderbten Natur auf den andern hin reissen. Kurz, der Hirsch ist ein wahres Ebenbild von dem Unvermögen des Menschen. Bey de sind ausgerüstet und geschickt gemacht, entwe der mit ihren Feinden zu kämpfen, oder ihnen zu entfliehen. Wir sehen die Folgen einer Versuchung oder einer Gefahr voraus; wir erwägen sie genau, und entschließen uns auch dann und wann, ihr zu trotzen, oder sie zu übersteigen: aber nur allzuoft
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erstarren wir bey der Probe; nur allzuoft überlas sen wir uns, anstatt unserm Kopfe, unsern Fersen, das ist, anstatt unsrer Vernunft, unserm Fleisch und Blute, anstatt unsrer Stärke, unsrer Schwachheit; und dann müssen, beydes wir und der Hirsch, un ter einerley Schicksal erliegen. Doch alles dieses sagt nur, wie es zugeht, nicht aber, wie es zuge hen sollte. Denn es ist noch immer ein sehr löb liches Unternehmen, eine natürliche Neigung oder Fertigkeit in etwas Bösem zu überwinden suchen; und je größer die Schwierigkeiten dabey sind, de sto größer ist der Sieg. Der Versuch ist eines Menschen und eines Christen würdig, und selten wird die göttliche Gnade ermangeln, einem auf richtigen und standhaftenGeiste in seinem Kam pfe beyzustehen.

LXLVII. Fabel. Jupiter und die Biene.

Eine Biene machte dem Jupiter mit etwas Ho nig ein Geschenke, welches so gnädig aufge nommen ward, daß er ihr freystellte, sich etwas von ihm zu erbitten, und er die Bitte, wenn sie anders vernünftig wäre, gewiß zu gewähren versprach. Die Biene verlangte, daß jede Wunde ihres Sta chels tödtlich seyn möge. Jupiter aber hielt es nicht für gut, das menschliche Geschlecht der Gnade eines so kleinen boshaften Insects Preis zu geben, und anstatt ihr noch mehr Macht zu ver
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XVII. pag. 146.

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willigen, schränkte er vielmehr die Anwendung der ihr schon ertheilten Macht mehr ein: denn, sagte er, nimm dich in Acht; wenn du jemand mit deinem Stachel anfällst, und er in der Wunde zurückbleibt, so sollst du ihn nicht lange überleben.

Lehre.

Ein feindseliges Gebet ziehet Fluch auf die Beter; und gemeiniglich fällt das Unheil, das sie andern drohen, auf ihre eigene Scheitel zu rück.

Betrachtung.

Grausamkeit und Rachsucht streiten gänzlich mit der Natur der göttlichen Güte, und die, wel che um Kraft, sie auszuüben, bitten, haben sich eher Strafe, als Gewährung ihrer Bitte von dem Himmel zu versprechen. Wir sollten es wohl über legen, warum wir bitten; wenn wir nicht, anstatt Segens, Fluch auf uns laden wollen.

LXLVIII. Fabel. Die Wespen im Honigtopfe.

Ein ganzer Schwarm Wespen war in einen Honigtopf gekrochen, wo sie so gierig zu zeh ren anfingen, daß sie endlich nicht wieder heraus kommen konnten. Als sie nun sahen, daß sie in die ser geliebten Süßigkeit umkommen müßten, erkann ten sie zu spät, wie theuer ihnen ihre Lust zu stehen komme.
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Lehre.

Wenn sinnliche Lüste einmal zu Angewohn heiten werden, so ist es schwer, sich von ihnen los zu wickeln; sondern wer ihnen unordentlich nachgehangen hat, wird selten dem Schicksale, das die Wespen in der Fabel traf, entgehen.

Betrachtung.

Wir haben hier ein Bild von den thörichten Wollüstlingen, welche Ruhe und Ehre und alle wirk lichen Güter des menschlichen Lebens, den Versu chungen einer sinnlichen Begierde aufopfern. Und wenn sie einmal an ihren Lüsten und Vergnügen gleichsam kleben, so können sie sich nicht leicht wieder losreissen, sondern fallen, wie die Wespen, die in dem Honigtopfe erstickten, immer tiefer her ein, bis das, woran sie ihre Lust fanden, zu ihrem Verderben, beydes an Leib und Seele, ausschlägt.

LXLIX. Fabel. Der verschwendrische Jüngling und die Schwalbe.

Ein junger Verschwender, der seinen Oberrock verkauft hatte, ward eine frühzeitige Schwal be gewahr; und weil er daraus schloß, der Som mer könne nun nicht mehr weit seyn, so verkaufte er die Weste dazu, und lief in dem bloßen Hemde. Doch bald darauf kam noch sehr strenge Kälte nach, und beydes der Vogel und der Verschwen
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der wären fast erfroren. Schwalbe, sprach die ser, was für eine unglückselige Närrinn bist du, dich und mich so ins Verderben zu stürzen!

Lehre.

Aus ungewöhnlichen Fällen muß man kei nen Schluß ziehen.

Betrachtung.

Aus dieser Fabel ist das Sprichwort entstan den, eine Schwalbe macht keinen Sommer, welches so viel sagen will, daß wir aus besondern Ausnahmen keine allgemeine Regeln machen sol len. Der junge Verschwender wollte lieber die Schwalbe, als sich selbst tadeln; und dieses ist die Thorheit der meisten Menschen, die die Ursachen ihres Unglücks immer von sich abwälzen; eine Thorheit, welche sich, die Wahrheit zu sagen, von von dem ersten Menschen herschreibt; das Weib, das du mir gabst, sagte Adam, hat mich verfüh ret, und ich aß. Was für eine unglückselige När rinn bist du, sagte der Jüngling, mich so anzufüh ren; er sagte nicht: was für ein unglückseliger Narr bin ich, daß ich mich von so einer nichtigen Vorbedeutung verführen lassen, wie er doch hätte sagen sollen. Kurz, jeder Mensch ist seines Glü ckes Schmid; und was kann das für eine Ent schuldigung seyn, wenn er sagen muß: Beyspiele oder Muthmaßungen haben mich verführt, ob ich gleich die Mittel gehabt habe, mich eines bessern vorher zu erkundigen.
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C. Fabel. Merkur und der Zimmermann.

Ein Zimmermann ließ seine Axt in den Fluß fallen, und wandte sich mit seinem Gebet an den Merkur, den Gott der Künstler, ihn wieder zu seiner verlohrnen Axt zu helfen. Merkur tauch te für ihn unter, und brachte eine goldene Axt her auf. Nein, das ist sie nicht, sagte der Mann. Der Gott tauchte zum zweytenmal unter, und brach te eine silberne mit. Auch das ist sie nicht, war abermals die Antwort. Merkur tauchte noch einmal unter, und nun kam eine Axt mit einem hölzernen Stiele herauf, welche der Zimmermann für die seinige erkannte. Gut, sagte Merkur, du bist so ein ehrlicher amer Mann, daß ich sie dir, zur Belohnung, alle drey geben will. Als diese Geschichte ruchtbar ward, fiel es einem Schalk ein, den nähmlichen Versuch anzustellen. Er begab sich an das Ufer eines Flusses, und fing an zu jam mern und zu winseln, weil er sein Axt ins Wasser habe fallen lassen. Merkur erschien, tauchte seiner Axt wegen unter, wie er es wegen der erstern ge than hatte, und brachte eine goldene mit herauf. Ist sie das? fragte er. Ja, ja, sprach der Be trieger, das ist sie. Du unverschämter Thor, rief Merkur, daß du den zu hintergehen denkst, der das Innerste deines Herzeus<Herzens> sieht! — — Und so schickte er ihn ohne Axt wieder heim.
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Lehre.

Der große Herzenskündiger kann nicht betro gen werden, und theilt, zu rechter Zeit, auf die ihm eigne Weise, Strafe und Belohnung aus.

Betrachtung.

Hier sieht man zwey Leute beten; der eine ist ein ehrlicher Mann, und der andere ein betriegeri scher Heuchler. Des einen Herz ist voller Ehrfurcht gegen die Macht, die er anruft; er ist weder mit Gold noch Silber zu bestechen. Er fürchtet sich, sein Gewissen zu verletzen, handelt, wie er redt, und erhält am Ende den Lohn seiner Redlichkeit. Des andern Anbetung beruht nur in den Augen, den Händen und der Stimme, und soll bloß den Betrug seines verderbten Hetzens bedecken. Er erkennt eine göttliche Macht, zugleich aber höhnt und verspottet er sie. Er weis, daß Gott alle die Geheimnisse seines Herzens kennt, und gleich wohl wagt er es, ihm eine Lügen unters Gesicht zu sagen. Kann sich aber so ein Mensch versprechen, in seinem gottlosen Anschlage, den Allmächtigen zu hintergehen, glücklich zu seyn? Nein, gewiß nicht! Und er hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn er, an statt neue Wohlthaten zu erhalten, auch deren be raubt wird, die er bereits hatte.
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CI. Fabel. Der Fuchs und die Traube.

Ein näschichter Fuchs stand unter einem Wein stocke, und ward eine vortrefliche Traube ge wahr, nach welcher ihm das Maul wässerte. Er that mehr als hundert Sprünge darnach, bis er endlich fand, daß alle seine Mühe vergebens sey. Hohl sie der Henker, sprach er, sie sind so sauer als Holzäpfel.

CII. Fabel. Der Wolf und der Löwe.

Ein Wolf und ein Löwe gingen mit einander auf Abentheuer aus. Horch! sprach der Wolf, hörst du die Schafe bläcken? Da muß ich hin! Bleib hier; ich will den Raub herbringen. Er geht fort, folgt dem Schalle nach, und kömmt an den Schafstall. Allein dieser war so wohl ver wahret, und die Hunde schliefen so nahe dabey, daß er wieder zu dem Löwen zurück schlich. Es sind wohl Schafe dort, sagte er zu ihm; aber sie sind knochendürre; ich dächte, wir ließen sie gehen, bis sie mehr Fleisch auf dem Buckel haben.

Lehre dieser zwey Fabeln.

Ueber die Entbehrung solcher Dinge, die man auf keine Weise bekommen kann, muß man sich nicht grämen.
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Betrachtung.

Das Betragen des Fuchses in dieser Fabel kann uns anstatt einer sehr lehrreichen Lebensregel dienen, wenn wir anders aus seiner Verstellung Ernst machen, wie es zum besten unsrer Ehre und unsrer Ruhe geschehen sollte. Kein Mensch wird unglücklich seyn, wenn er sich vor den Fallstricken der Hoffnung und Furcht in Acht nimt, und so wohl wider die Schmeicheleyen der einen, als wi der das Schrecken der andern auf seiner Hut ist. Es ist ein wichtiger Punkt, beydes in der christli chen, als bürgerlichen Klugheit, daß ein Mensch, noch ehe er nach dem, was er gerne haben möchte, strebt, zu sich selbst sagt: wenn ich es nicht bekom men kann, so ist es eben so gut; oder daß er we nigstens, wenn ihm sein Bemühen fehlgeschlagen ist, sich damit trösten lernet: wer weis, ob es so nicht besser ist. Ich kannte einsmals, sagt ein neuer Mora list, ein artiges Frauenzimmer, welches eine Per son von Stande, Einsicht und edler Gemüthsart war. Sie hatte manche Kränkung zu erdulden, gleichwohl aber sahe man sie niemals verdrüßlich oder zornig, man mochte ihr es auch noch so nahe legen; und die Ursache ihrer Gleichgültigkeit war diese: der Zorn würde mich verstellen. Es fehlt uns also nicht sowohl an Vermögen, unsre Leiden schaften zu bemeistern, als vielmehr an ernsthafter Entschließung, es zu versuchen, und den Versuch durchzusetzen. Nach Maßgebung unsrer Fabeln kömmt es nur noch darauf an; ob wir unsern
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eiteln Begierden entsagen, so wie der Fuchs den Trauben, weil er sie nicht bekommen konnte, oder so, wie der Wolf den Schafen, weil er sich nicht an sie wagen durfte. Es ist bey beyden Fällen Tugend und Segen; wir mögen unsre Leiden schaften, auf die eine oder die andre Weise, über winden, welches auch gewiß geschehen würde, wenn wir für unsre Seelen und Gewissen nur halb so be sorgt wären, als wir für unsre Körper und Glücks güter sind.

CIII. Fabel. Der Knabe und die Schlange.

Ein Knabe wollte nach Aalen greifen, und traf mit der Hand auf eine Schlange. Weil aber die Schlange fand, daß es bloße Einfalt und keine Bosheit wider sie sey, verwies sie ihm seinen Irrthum. Wenn dir deine Wohlfahrt lieb ist, sprach sie, so nimm dich in Acht; und gieb dich nicht mit mir ab, wo es dich nicht gereuen soll.

Lehre.

Die Weisheit sowohl als die Gerechtigkeit, will es, daß man unter vorsetzlichen und bloß ungefehren Handlungen einen Unterscheid ma chen soll.

Betrachtung.

Jedes Ding hat wenigstens zwey Seiten, und beyde müssen genau untersucht werden, ehe man
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XVIII. pag. 154.

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ein sicher Urtheil fällen, oder eine kluge Wahl tref fen kann. Der Fehler des Knaben ist weiter nichts, als was wir alle Tage, im gemeinen Leben sehen; und was die Schlange zum Knaben sagt, das sagt einem jeden seine eigne Vernunft. Eine Schlange für einen Aal halten, ist eben der Irrthum, den wir begehen, wenn wir das Laster für Tugend ansehen. Der Knabe that es unversehens; und auch wir thun es oft so. Er nahm das eine für das andre, weil die Aehnlichkeit zwischen ihnen so groß war, daß er sie auf den erstern Anblick nicht unterschei den konnte. Und ist nicht in vielen Fällen das Laster der Tugend so ähnlich, als ein Ey dem an dernn? Wie kann ein Mensch, aufs erstemal, Heu cheley und Frömmigkeit unterscheiden, oder wahre Milde von Prahlerey? Zeit und Prüfung kann freylich viel thun; aber der Knabe griff im Fin stern, und konnte sich also leicht irren. Die Schlan ge verwies ihm seinen Irrthum, und zeigte ihm die Gefahr desselben; dabey ließ sie es aber auch bewenden, weil er nichts Uebels im Sinne gehabt hatte. So verhält sich die Vernunft bey allen un sern Fehlern; sie tadelt uns wegen des Vergange nen, und heißt uns in Zukunft, gegen den falschen Schein, auf unsrer Hut seyn.
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CIV. Fabel. Der Vogelsteller und das Rebhuhn.

Ein gefangenes Rebhuhn erbot sich gegen den Vogelsteller, wenn er ihm Quartier geben wollte, ihm so viel Rebhühner dafür ins Garn zu locken, als es nur könnte. Nein, sprach er, nun sollst du um so viel mehr sterben, weil du so nie derträchtig bist, und um dich zu retten, deine Freun de verrathen willst.

Lehre.

Verrätherey wird niemals gebilliget, so nütz lich sie auch in manchen Fällen seyn kann; denn sie untergräbt alle Grundseulen des Staats.

Betrachtung.

Die Antwort des Vogelstellers auf den Vor schlag des Rebhuhns, war weise und großmüthig. Alle Arten der Verrätherey sind sowohl Gott als den Menschen ein Abscheu, und diese ganze Fabel geht dahin, sie alle zu verdammen. Das Reb huhn befand sich in einem sehr unglücklichen Falle, denn sein Leben stand auf dem Spiele, und seine Furcht war Ursache, daß es einen so niederträchti gen Vorschlag, sich zu retten, that. Gleichwohl entschuldiget diese Schwachheit die Verrätherey nicht, ob sie gleich gewissermaaßen das Verbrechen verringert, indem das arme Thier der Anreitzung da zu schwerlich widerstehen konnte. Der Vogelsteller strafte es daher mit Recht, andern zum schreckli
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chen Exempel. Wenn nun aber schon eine solche Verrätherey so unvergeblich ist, was muß man von denen sagen, die ihr Vaterland, ihre Seelen und ihre Religion für Geld verkaufen, und dem Heiligsten, was sie haben, einen Preis setzen? Von denen, die das Maaß ihrer Bosheit voll zu ma chen, das was sie aus Geitz anfangen, mit Ruch losigkeit enden?

CV. Fabel. Der Hase und die Schildkröte.

Was für ein faules, langsames Geschöpf ist diese Schildkröte; sagte ein Hase. Und gleichwohl versetzte die Schildkröte, will ich mit dir um die Wette laufen. Die Wette ward ge schlossen, und der Fuchs sollte Richter seyn. Sie machten sich zugleich auf, und die Schildkröte kroch immer ihren Weg fort, bis sie das vorgesteckte Ziel erreichte. Der Hase hingegen wollte zeigen, wie sehr er seinen Mitwerber verachte, und hüpfte bald da bald dort hin, bis er ganz ermüdet war, und sich ohngefähr auf der Helfte des Weges unbekümmert niederlegte, um ein wenig auszu schlafen; denn, dachte er, ich kann ja die Schild kröte einholen, so bald als ich will. Allein er ver schlief die rechte Zeit; denn als er aufwachte, und nun aus allen Kräften zu laufen anfing, war die Schildkröte schon an dem Ziele, und hatte die Wet te gewonnen.
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Lehre.

Auf und arbeite! ist ein erbaulicher Zuruf. Denn die Thätigkeit ist die Seele unsers Le bens, und wir dürfen uns nicht versprechen, bey Zeiten ans Ziel zu kommen, wenn wir uns unter Wegens ruhig aufs Ohr legen.

Betrachtung.

Diese Fabel zeigt, auf der einen Seite an dem Hasen die Thorheit der Vermessenheit. Wer hät te glauben sollen, daß eine Schildkröte mit einem Hasen um die Wette laufen, und die Wette gewin nen könne? Doch der thörichte Hase verließ sich allzusehr auf seine natürlichen Vorzüge, und da er seinen Gegner für so gering ansah, verlohr er die Wette durch hüpfenden Muthwillen und allzugros se Sicherheit. Auf der andern Seite wird an dem sich immer gleichen Schritte der Schildkröte, welche zuerst an das Ziel kam, der Nutzen der Ge duld, des Fleißes und der Beharrlichkeit gezeigt, welche, aller Ungleichheit und allem Anscheine zum Trotz, bey der Mitbewerbung, den Preis gewinnen und den Segen davon tragen müssen. Die Geschich te kann unzähliche Beyspiele von Schlachten auf weisen, die, wider alle Wahrscheinlichkeit, verloh ren gingen, weil der eine Theil, welcher sich auf Menge und Lage verlies, und den Feind verachtete, allzusicher war, und der andere das an Vorsicht und Klugheit ersetzte, was ihm an Kräften ge brach.
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CVI. Fabel. Die Aepfel und Pferdäpfel.

Nach einem starken Regenguße, führte das Was ser eine Menge Aepfel und einen Haufen Pferdäpfel mit weg. Sie schwammen eine ziem liche Weile als gute Brüder und Gesellen zusam men fort; und alle Augenblicke fingen die Pferd äpfel an zu rufen: Ey seht, wie Wir Aepfel schwimmen!

Lehre.

Die unwürdigsten Menschen sind oft die eitelsten, und maßen sich überall den größten Ruhm, an, ob sie gleich zu nichts in der Welt gut sind.

Betrachtung.

Stille! sagte die Brommbeere zu der<dem> Pfersich und dem Apfel, welche über den Vorzug mit ein ander stritten, Wir sind alle Freunde; was wol len Wir mit einander zanken? Eben so sagt die Fliege auf dem Wagenrade: Was ich für einen Staub errege! Und eben so sagt Lamb, der Zahnbrecher, zum D. Mead und D. Hollings: Wir Aerzte! Jeder nichtsbedeutende Kerl will sich ein Ansehen geben, und je unwürdiger er ist, desto eit ler ist er insgemein. Worauf läuft endlich diese eitle Einbildung hinaus? Er macht sich der Welt lä cherlich, welche ihn, wenn er nicht so vermessen
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wäre, mit Erbarmung vorbeygegangen wäre, an statt daß sie ihn nunmehr verachtet: unwillig aber wird ein weiser Mann eben so wenig über ihn werden, als der Löwe über das unverschämte Geschrey des Esels ward.

CVII. Fabel. Der Maulwurf und seine Mutter.

Mutter, sagte ein Maulwurf, das, dünkt mich, ist ein widerwärtiger Geruch! Bald dar auf sprach er: Das ist ein Maulbeerbaum, wie ich sehe. Und endlich: Was für ein Getöse von Hämmern höre ich! Sohn, sagte die Alte, du verräthst dich selbst. Ich glaubte, es fehle dir nur ein Sinn, aber ich finde, daß dir deren drey fehlen; du kannst eben so wenig hören und rie chen, als sehen.

Lehre.

Viel Menschen sind mit Unvollkommenhei ten behaftet, um die sich niemand bekümmern würde, wenn sie sich nicht selbst damit bloß gäben.

Betrachtung.

Man würde nicht halb so sehr nach den Män geln eines unwissenden Großsprechers, der mit Wis senschaft und Einsicht prahlen will, forschen, wenn sie nicht seine eigne Eitelkeit, und die allzugroße Sorg samkeit, sie zu verbergen, kund machte; denn seine Gebrechen oder Unwissenheit verstecken wollen, ohne daß einem Gelegenheit dazu gegeben wird, heißt, sie ans Licht ziehen.
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CVIII. Fabel. Die Bienen und die Rebhühner.

Ein Schwarm Bienen und ein Flug Rebhüh ner, nahmen, bey einer großen Dürre, ihre Zuflucht zu einem Pachter, und baten ihn um etwas Wasser, ihren Durst zu löschen. Die Rebhühner ver sprachen ihm dafür, in seinem Weinberge zu ackern, und die Bienen, ihn mit ihren Stacheln gegen Diebe zu beschützen. Ich habe Ochsen und Hun de, sagte der Pachter, die mir diese Dienste bereits, ohne Bedingung, thun. Gegen diese also will ich mich gütig finden lassen, und nicht gegen euch, die ich nicht brauche.

Lehre.

Die Barmherzigkeit fängt bey dem an, was ihr am nächsten ist. Doch muß die nothwen dige Schuldigkeit derselben an dem einem Orte, ihre christliche Ausübung an einem andern nicht aufheben.

Betrachtung.

Die Barmherzigkeit ist eben sowohl eine mensch liche, als christliche Tugend; sie muß aber allezeit gegen die zuerst ausgeübt werden, welche das größte Recht darauf haben. Einen guten Dienst Be dingungs Weise thun, ist zwar ganz etwas anders, als ihn umsonst thun, so daß der Hausherr den ihm gethanen Vorschlag freylich auf der rechten Seite betrachtete; gleichwohl aber war die Entschuldi
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gung, er sey bereits mit Knechten, welche seine Ar beit verrichteten, versehen, nicht zureichend, seine unglücklichen Nachbarn ohne Hülfe zu lassen, be sonders da sie ihm alle Erkenntlichkeit, die in ihrem Vermögen war, dafür versprachen.

CIX. Fabel. Der Mann, den eine Fliege gestochen.

Ein Mensch ward von einer Fliege gestochen, und bat den Herkules um Hülfe. Die Flie ge flog weg, und der Mensch fing sich heftig an zu beschweren. Ich sehe schon, Herkules, sprach er, da du dich meiner nicht einmal gegen eine elende Fliege annehmen willst, daß du mir auch, in der Zeit der Noth, gegen einen wichtigern Feind nicht beystehen wirst. Du verdienst es auch, versetzte der Gott, daß ich dir ganz und gar nicht beystehe, weil du mich bey einer so nichtigen Gele genheit um Hülfe anrufen kannst.

Lehre.

Wir müssen den Himmel nicht um jede Klei nigkeit, die uns zu fehlen scheint, oder um die Errettung von jeder geringen Unlust, mit un sern Bitten bestürmen. Noch weniger müssen wir es übel empfinden, wenn unser unverschäm tes Gebet nicht den Augenblick erhört wird.

Betrachtung.

Es ist eine böse Angewohnheit, Gebet und Wunsch elender Kleinigkeiten wegen zu verschleu
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XIX. pag. 162.

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dern, wenn uns um wichtigere Angelegenheiten, die Leben und Tod, Himmel und Hölle betreffen, zu thun ist. Wer sonst, als ein Rasender, kann die Befreyung von einem Fliegenstiche zu einem Sücke<Stücke> seiner Litaney machen, da er an so viele wichtige und nothwendige Pflichten des Christen thums zu denken hat? Es macht unsre Andacht lächerlich, wenn wir auf der einen Seite so unem pfindlich, und auf der andern so gar zu empfindlich und ängstlich sind.

CX. Fabel. Der Mann und seine zwey Weiber.

Ein Mann, der bereits über das mittlere Alter weg war, und schon viel graue Haare hatte, ließ sich einfallen, zwey Weiber zu heyrathen, da von eine in seinen Jahren, die andere aber weit jünger war. Sie pflegten ihn auf alle mögliche Weise, und so oft sie den guten Mann kämmten, riß ihm die betagte Frau alle braunen Haare, und die junge Frau alle grauen aus, so daß er, unter ihren Händen, gar bald zum Kahlkopf ward.

Lehre.

Bey Heyrathen muß die Ungleichheit der Jahre, vor allen Dingen vermieden werden.

Betrachtung.

Natur, Anständigkeit, Zuträglichkeit, und jeder Zweig der menschlichen Glückseligkeit, ist wider
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die Verheyrathung der muntern Jugend mit dem abgelebten Alter. In Ansehung der Gebrechlichkei ten des einen, und der Unbedachtsamkeiten des an dern, ist es so gut als unmöglich, daß sie zusammen ein erträgliches, vielweniger ein glückseliges Leben, führen können. Schmutziger Eigennutz und nie derträchtige Abhängigkeit kann zwar manchmal machen, daß der jüngere Theil einen Schein von Achtung gegen den ältern annimt; aber die Zunei gung wird doch immer fehlen, und die Hoffnung, durch den Tod von der ungleichen Verbindung, bald erlöset zu werden, ist es allein, die das Schick sal des einen erträglich machen kann, da sie ge gentheils bey dem andern sehr unangenehme Be trachtungen erweckt. Wie sehr sind die Aeltern zu tadeln, die ihre Kinder aus schändlichen Absich ten, zu so ungleichen Verbindungen zwingen! Und von was für niederträchtigem und ehrvergessenem Gemüthe müssen diejenigen jungen Personen bey derley Geschlechts seyn, die sich, ohne dringende Noth, schändlichen Wuchers oder weltlicher Größe wegen, mit einer Person zu leben verpflichten, die sie zu lieben und zu ehren geloben müssen, mit der sie gleichwohl nicht glücklich seyn können, und nach deren Tode sie sich folglich unaufhörlich sehnen! Die einzige Klugheit, welche die ältere Person, nach so einer ungleichen Verbindung, noch zeigen kann, besteht darinn, daß sie sich auf das schlimm ste, das daraus entstehen kann, gefaßt hält; die Frauensperson darauf, daß sie verachtet und hinten angesetzt wird; und die Mannsperson darauf, daß sie — — Ich brauche mich nicht weiter zu erklären.
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CXI. Fabel. Die an Wasser Mangel leidenden Frösche.

Als bey dürrer Sommerszeit einst eine See aus getrocknet war, sahen sich zwey Frösche ge nöthigt, anderwerts Wasser zu suchen, und kamen zu einem tiefen Brunnen. Was wollen wir wei ter suchen? sprach der eine zu dem andern; komm, laß uns hier herein springen. Ganz gut, versetzte der andere; wenn nun aber das Wasser auch hier austrocknet, wie wollen wir wieder herauskom men?

Lehre.

Hastige Entschließungen sind selten glücklich, und es ist ein nothwendiges Stück der Klugheit, daß ein Mensch, ehe er eine Sache unternimt, die Folgen, welche sie haben kann, überlegt.

Betrachtung.

Wenn jemanden etwas fehlt, so sey er bey Zei ten darum besorgt, und überlege vorher wohl, wo zu er es brauche, und unter was für Bedingun gen er es haben könne; denn es können wohl sol che Bedingungen dabey seyn, die niemand gern eingehen möchte, und wenn er auch sein Leben da durch retten könnte. Auch giebt es Fälle, wo ein Mensch, um etwas zu bekommen, weit mehr daran wenden muß, als es werth ist; oder wo er wohl gar, einem gegenwärtigen Mangel abzuhelfen, Ge
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fahr läuft, sich völlig unglücklich zu machen. Man muß daher niemals vergessen, Vortheile und Scha den auf beyden Seiten zu berechnen, ehe wir uns entschließen. Ich brauche Geld; aber ich will mich deswegen nicht zum Sklaven machen. Ich brau che einen Freund bey Hofe; aber ich mag ihn nicht mit Verscherzung meines Charakters eines ehrli chen Mannes und eines gewissenhaften Christen, erkaufen. Ich bin gefangen; aber ich will nichts niederträchtiges begehen, um mich in Freyheit zu setzen. Alles das sind Berathschlagungen, die man anstellen muß, ehe man sich in etwas einläßt. Bevor wir herabspringen, sprach der Frosch, laß sehen, ob wir wieder heraus kommen können.

CXII. Fabel. Der Hund, der Hahn und der Fuchs.

Ein Hund und ein Hahn thaten mit einander eine Reise. Als es Nacht ward, kroch der Hund in einen hohlen Baum, und der Hahn setzte sich auf die Aeste. Gegen Mitternacht fing der Hahn, seiner Gewohnheit nach, an zu krähen, worauf so gleich ein Fuchs, der in der Gegend da herum schlich, unter den Baum kam. Das Maul wäs serte ihm nach dem Hahne, und er wollte versu chen, ob er ihn durch gute Worte herablocken könn te. Er schwur, er habe, so lange er auf der Welt sey, noch nie eine so englische Stimme gehört; und was wollte er nicht darum geben, wenn er das
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liebe Geschöpf umarmen dürfte, das ihn mit einer so vortrefflichen Serenade erfreut hätte. Lieber Freund, sagte der Hahn, rede unten mit dem Pfört ner, daß er die Thüre aufmacht, so will ich zu dir herabkommen. Der Fuchs, der sich nichts weni ger als die so nahe Gegenwart des Hundes träu men ließ, that, wie ihm geheissen war, und sogleich sprang der Hund heraus, faßte und zerriß ihn.

Lehre.

Wenn ein Mensch einen Feind hat, der ihm zu listig oder zu mächtig ist, so thut er wohl daran, wenn er ihn mit einem zusammen zu brin gen sucht, der ihm gewachsen ist.

Betrachtung.

Erfahrung macht aus manchem Thoren einen weisen Mann, und Sicherheit aus manchem wei sen Manne einen Thoren. Das erste sehen wir hier an dem Hahne, welcher den Fuchs überlistete; und das andere an dem Fuchse, welcher so unvor sichtig und auf seinen Raub so erpicht war, daß er seine eigene Sicherheit darüber vergaß, und selbst in die Grube fiel, die er einem andern gegraben hatte. Eben so geht es in der Welt, wenn es der Vorsicht gefällig ist, den Uebermüthigen, den Fal schen, den Gewaltigen, den Blutdürstigen mit Läu sen und Fröschen zu strafen; das ist, wenn sie sich der verächtlichsten Werkzeuge, und zwar in eben dem Augenblicke, zu ihren Strafgerichten bedienet, da sie wegen des Fortganges ihrer bösen Anschläge am sichersten sind.
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CXIII. Fabel. Die Fledermaus, der Brombeer strauch und der Wasserrabe.

Eine Fledermaus, ein Brombeerstrauch und ein Wasserrabe traten mit einander in Gesellschaft. Das Verkehr der Fledermaus bestand in baa rem Gelde, welches sie auf Zinsen auslieh; der Brombeerstrauch handelte mit Kleidern, und der Wasserrabe mit Kupfern. Sie giengen mit ein ander zur See, und es geschah, daß das Schif, mit allen Gütern, verlohren ging; die drey Kaufleute aber retteten sich glücklich ans Land. Seit die ser mißgelungenen Fahrt nun, läßt sich die Fle dermaus, aus Furcht für ihren Gläubigern, nur bey Nacht sehen; der Brombeerstrauch häckelt sich an die Kleider an, in Hoffnung, das Seinige wie der zu bekommen; und der Wasserrabe hüpft be ständig an den Ufern der See herum, um zu sehen, ob sie nicht etwas von seinem Kupfer ausgeworf fen hat.

Lehre.

Der Eindruck, welchen ein außerordentlicher Unglücksfall auf den Menschen macht, wird ge meiniglich, so lange als er lebt, dauren.

Betrachtung.

Nach fürchterlichen und kümmerlichen Un glücksfällen, ist es mit den allermeisten Menschen
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nicht anders, als es mit unsern verunglückten Kaufleuten war. Wir sollten unsre Herzen nicht allzusehr an weltliche Dingen hängen; und der einzige Weg, glücklich und ruhig zu seyn, ist dieser, daß wir gegen alle Zufälle, und besonders gegen die, welche sich wahrscheinlicher Weise, bey dieser oder jenen Unternehmung, äußern werden, gleich gültig bleiben. Da es der Kaufmann, welcher sich aufs Wasser wagt, weis, daß Sturm und Schifbruch nicht seltne Ereugnungen sind, so muß er sich, ob er ihnen gleich zu entgehen hoft, den noch der Vorsicht überlassen, und sich zur Geduld gefaßt machen, wenn sie das Uebel über ihn ver hängen sollte.

CXIV. Fabel. Die Lerche und der Vogelsteller.

Eine arme Lerche, die ein Vogelsteller gefangen hatte, und jetzt eben umkommen sollte, be klagte sich bitterlich, daß sie wegen eines so gerin gen Verbrechens, wegen weniger Körner, die sie aus großem Hunger entwendet habe, ihr Leben las sen müßte. Schwatze was du willst, sagte der Vogelsteller, du hast Körner gestohlen, um deinen Hunger zu stillen, und ich habe dich gefangen, um den meinigen zu befriedigen.

Lehre.

Leidenschaft, Begierde und Partheylichkeit regieren die Welt.
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Betrachtung.

Es ist unter den Menschen nur allzu üblich, daß sie einander, ihres Nutzens wegen, hinterge hen und bevortheilen. Der geringe Werth des Entwandten war eine sehr schlechte Entschuldigung der bösen Denkungsart, welche die Lerche durch ihr Stehlen verrathen hatte. Die Absicht des Vogel stellers aber ist eben so wenig zu entschuldigen, denn er hatte die Lockspeise ausdrücklich der Lerche des wegen in den Weg gelegt, um sie in seiner Schlin ge zu fangen. Gelegenheit macht Diebe; und diese Gelegenheit erst vorsetzlich geben, und hernach zum Verderben des Verführten, und zum besondern Vortheile des Verführers, auf scharfe Bestrafung dringen, ist eine Niederträchtigkeit, die eine Seele verräth, welche zu allem fähig ist, wobey sie ihren Vortheil merkt.

CXV. Fabel. Der Geitzhals, welcher sein Gold ver graben hatte.

Ein elender Geitzhals machte alle seine Güter zu Golde, schmelzte das Gold zusammen, und vergrub es unter die Erde, vergaß aber nicht, es alle Morgen zu besuchen. Dieses merkte ein Dieb; in der ersten bequemen Nacht war der Klumpen gestohlen; und der Geitzhals wollte des Morgens darauf von Sinnen kommen. Was tobst
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XX. pag. 170.

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du nun so? sprach einer von seinen Nachbarn. Da du dich entschlossen hattest, dein Gold nicht zu brauchen, so war es ja so gut, als ob du es nicht hättest. Lege einen Stein anstatt des Goldklum pens hin; und bilde dir ein, dieser Stein sey dein Schatz, so bist du auf einmal wieder so reich, als zuvor.

Lehre.

Lieber gar kein Vermögen, als die damit verknüpften Sorgen und Plagen, ohne den Ge nuß desselben!

Betrachtung.

Der bloße Besitz, das bloße Eigenthum eines Dings macht uns nicht glücklicher; sondern der Gebrauch, die Anwendung ist es, welche ihm sei nen wahren Werth beylegt; wir müssen das Geld nicht blos haben, sondern müssen es auch zu den Bedürfnissen des Lebens, zu den Erquickungen des gesellschaftlichen Umgangs, anwenden können. Der Segen der Vorsicht, welchen alle Menschen genießen sollen, muß nicht ungebraucht liegen blei ben; und wer seine Pfunde, des Verstandes so wohl als des Glücks, vergräbt, macht sich der an vertrauten Güter unwürdig, und bevortheilet die, welche Mangel daran leiden. Allein wir haben, leider, eine Art nichtswürdiger Seeelen<Seelen> unter uns, welche ihr Silber und Gold lieber wieder in die Bergwerke, aus welchen es gezogen worden, wer fen, und es lieber für Diebe und Räuber hinle gen, als einer lebendigen Seelen in ihren Bedürf nissen damit beystehen wollen.
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CXVI. Fabel. Der einäugige Hirsch.

Ein einäugiger Hirsch, welcher sich vor den Jägern auf dem Lande furchte, glaubte, daß er von dieser Seite am meisten auf seiner Hut seyn müsse, und kehrte daher, wenn er auf der Weide ging, beständig das blinde Auge gegen einen Arm der See, von wannen er nichts zu besorgen zu haben vermeinte. Doch seine eingebildete Sicherheit schlug ihm fehl; er ward von einem Pfeile getroffen, den jemand aus einem Bote ab schoß, und endete unter folgender Klage, sein Le ben: Da werde ich nun, gleich von der Seite, um gebracht, auf welcher ich mich am sichersten glaub te; auf der hingegen, für die mir am meisten leid war, hat mich kein Unglück befallen. Ich muß mich damit trösten, daß ich mein bestes gethan habe.

Lehre.

Wir sind mancherley Zufällen unterworfen, welchen wir mit aller unserer Klugheit nicht entgehen können. Gleichwohl aber müssen wir ihnen, so viel als möglich, vorbauen, und das übrige der Vorsehung anheim stellen.

Betrachtung.

Wir werden nicht selten durch solche Zufälle oder Anschläge erhalten, oder zu Grunde gerichtet, welche, aller Wahrscheinlichheit nach, eine ganz
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andere Wirkung haben sollten. Aber dennoch liegt es uns ob, nach der Vernunft zu handeln, und uns der Führung des Himmels zu überlassen. Die Weisesten haben eine blinde Seite, und haben auch ihre Feinde, die sich ihre Schwachheiten zu Nutze machen. Es ist also ganz recht, daß wir auf unserer blinden Seite, als auf derjenigen, die dem Angriffe am meisten ausgesetzt ist, vornehm lich auf unserer Hut sind; obschon oft das Beste, was wir zu unserer Sicherheit erdenken, zu un serm Verderben gereichen kann. Kurz, die Wege und Rathschlüsse der Vorsehung sind unerforsch lich, und die menschliche Klugheit ist viel zu un vermögend, als daß sie allen Zufällen des mensch lichen Lebens vorbauen könnte.

CXVII. Fabel. Der Hirsch und der Löwe.

Ein Hirsch ward von einem Jäger verfolgt, und floh, sich zu retten, in die Höle eines Löwen. Als er nun eben unter den Klauen des Löwen da hin starb, sprach er noch: Ich unglückseliges Ge schöpf! um dem einen Feinde zu entgehen, mußte ich einem noch viel schlimmern in den Rachen rennen.

Lehre.

Aus dem Regen in die Traufe kommen; sagt das Sprichwort. Es hat sich mancher, um ei ner Gefahr zu entgehen, in eine weit größere gestürzt.
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Betrachtung.

Das Schicksal des Hirsches war sehr hart. Er ward von einer Gefahr verfolgt, die er für un vermeidlich hielt, und er mußte es daher Anfangs noch für ein Glück ansehen, daß er sich in die Höle retten konnte. Denn wenn er auch schon gewußt hätte, daß es die Höle eines Löwens sey, so hätte der Löwe doch leicht können abwesend seyn, oder hätte, da er nicht abwesend war, eben sowohl sei ne Verfolger, als ihn, anfallen können. Doch es haben viel Menschen eben dieses Unglück gehabt, indem sie zu solchen ihre Zuflucht genommen, die, anstatt Gönner und Beschützer zu seyn, sich als Mör der und Unterdrücker bewiesen, ohne auf die heiligsten Bande der Dankbarkeit und Menschlichkeit zu ach ten. So ging es unter andern, dem großen Pompejus , als er vor dem siegenden und groß müthigen Cäsar floh, und seinen Tod bey den feigherzigen, niederträchtigen Aegyptern fand, zu welchen er seine Zuflucht genommen hatte. Wie viel glücklicher und rühmlicher, würde es für ihn gewesen seyn, wenn er in der Schlacht, die er ver lohr, geblieben wäre!

CXVIII. Fabel. Die wilde Ziege und der Weinstock.

Eine wilde Ziege, die von den Jägern verfolgt ward, nahm ihre Zuflucht in einen Weinberg, und verkroch sich unter die breiten Blätter eines Weinstocks. Kaum aber glaubte sie, daß die Ge
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fahr vorüber sey, als sie sich über das Laub her machte und eben die Blätter abfraß, die ihre Hör ner so gut versteckt hatten. Dieses nun war Ur sache, daß sie einer von den Jägern entdeckte, der ohngefähr zurück geblieben war; er rief seine Ka meraden zu sich, und die Ziege ward erlegt. Sie erkannte es aber noch vor ihrem Tode, daß es nichts als eine gerechte Strafe sey, weil sie ihren Beschü tzer so mißgehandelt habe.

Lehre.

Oft werden die, welche Gutes mit Bösem vergelten, und auf den Untergang ihrer Wohl thäter bedacht sind, von einem plötzlichen und exemplarischen Strafgerichte verfolgt.

Betrachtung.

Diese Fabel zeigt die Niederträchtigkeit des schändlichsten unter allen Lastern, der Undankbar keit. Die Verbindlichkeiten des Gastrechts und der Beschützung sind so heilig, daß uns nichts in der Welt von ihnen lossprechen kann. Die Be strafung der Ziege war desto exemplarischer, da sie sogleich auf die Ausübung der Niederträchtigkeit folgte.
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CXIX. Fabel. Der Esel, der Löwe und der Hahn.

Als einsmals ein Hahn und ein Esel in einem Grunde zusammen weideten, kam ein Löwe mit offenem Rachen auf den Esel zu. Von unge fehr fing der Hahn eben an zu krähen, und der Esel fing aus Furcht an zu schreyen. Den Augen blick zog der Löwe aus, weil er, wie man sagt, das Krähen eines Hahns nicht leiden kann. Der al berne Esel bildete sich ein, er wäre es, der dem Löwen dieses Schrecken einjage, bemühte sich also, noch stärker zu schreyen, und beging sogar die Thor heit, den Löwen zu verfolgen. Doch kaum waren sie so weit gekommen, daß sie den Hahn nicht mehr hören konnten, als sich der Löwe auf einmal um kehrte und den Esel zerriß.

Lehre.

Es hat sich mancher Prahler durch die falsch verstandene Furcht seines Gegners, und die un gegründete Einbildung von seinem eignen Mu the, ins Verderben gestürzt.

Betrachtung.

Die Flucht des Löwen muß hier seinem natür lichen Abscheue, gegen das Krähen eines Hahns, zugeschrieben worden. Das ist die gemeine Sage; doch würde es auch nicht viel zu bedeuten haben, wenn sie ohne Grund wäre. Denn es giebt we
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nigstens sehr viel andere Fälle, bey welchen die Philosophie eine ähnlich wunderbare Wirkung er kennen muß, wenn sie auch schon bey diesem weg fiele. Wie manche unüberwindliche Ekel finden sich, bey Speise, Trank und Arzeney, gegen gewis se Pflanzen, Minerale und lebendige Geschöpfe. Gegen diese Antipathien nun ist eben so wenig ein zuwenden, als gegen die ersten unveränderlichen Kräfte und Gesetze der Natur; und so wenig man gegen sie einwenden kann, so wenig kann man ih nen auch widerstehen. Sie werden daher ver borgene Qualitäten genennt, mit welcher Benen nung man anzeigen will, daß man weder weiß, was sie sind, noch einsieht, wie sie wirken. Folg lich ist es auch einerley, ob man einer nothwendigen, antreibenden Gewalt, dieses oder jenes zu fliehen, nachgiebt, oder ob man einem natürlichen Gebre chen unterliegt; daß es also eben so wenig wider die Würde eines Löwen ist, zu fliehen, wenn ihn die Natur dazu zwingt, als es zum Ruhme des Esels gereichet, wenn er den Löwen aus Eitelkeit, Thorheit und unüberlegter Hitze verfolgt. Der Esel, wie wir sehen, ist in mehr, als einem irrigen Wahne, die sich alle um so viel besser zu sei nem Charakter schicken, je abgeschmackter sie sind. Und wie viel solche Esel giebt es nicht auch unter den Menschen, die auf eine eben so alberne Wei se, prahlen, sauer sehen, poltern, trotzen und toben! Und was ist gewöhnlicher, als daß ein läppisches Närrchen, welches nicht einen Funken von dem Geiste eines rechtschaffnen Mannes hat, die Rolle
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eines Helden nachäffen will. Manchmal aber läßt sich ein Löwe durch seine dumme Verwegen heit reitzen, und bestraft ihn wegen seines schreyen den Uebermuths.

CXX. Fabel. Der Gärtner und sein Hund.

Einem Gärtner war sein Hund in den Brunnen gefallen; er stieg also herab, und streckte die Hand nach ihm, um ihnihm heraus zu helfen. Der Hund glaubte, er wollte ihn nur tiefer hereinstoßen, und biß ihn in die Finger. Der Gärtner stieg also wieder herauf, und ließ ihn, wie er ihn gefunden hatte. Wahrhaftig, sprach er, es verlohnte sich wohl der Mühe, daß ich einen zu retten suchte, der die Wohlthat nicht zu erkennen weis.

Lehre.

Verbindlichkeiten nnd Wohlthaten werden an zweyerley Art von Leuten verschwendet; einmal an diejenigen, welche sie nicht erkennen, und zweytens an die, auf deren unempfindliches Herz sie keinen Eindruck machen.

Betrachtung.

Es ist vergebens, sich diejenigen durch Wohl thaten zu verbinden suchen, die nicht wissen, wenn ihnen wohlgeschieht, und aus ungegründetem Arg wohne wider gute Absichten, die wohlgemeinte Gü tigkeit von sich stoßen.
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XXI. pag. 179.

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CXXI. Fabel. Die Schlange und der Krebs.

Eine Schlange und ein Krebs waren vertraute Bekannte. Der Krebs war ein gutes auf richtiges Geschöpf, und hatte der Schlange mehr als einmal gerathen, von ihrer Falschheit und ih ren Ränken abzulassen, und treu und redlich zu han deln. Doch die Schlange ging ihren alten Weg; so daß der Krebs alle Bekanntschaft mit ihr auf hob. Kurze Zeit darauf fand er sie auch die Län ge lang ausgestreckt, und todt da liegen. Da ha ben wirs nun! sprach er. Das würde dir gewiß nicht begegnet seyn, meine alte leichtfertige Be kannte, wenn dein Wandel nur halb so gerade ge wesen wäre, als dich nun der Tod gemacht hat.

Lehre.

Nichts kann im Umgange angenehmer seyn, als das freye aufrichtige Betragen, und die Ein falt der Sitten.

Betrachtung.

Bey Leuten, deren bösartigesGemüth zur an dern Natur geworden, ist aller gute Rath ver lohren. Diese Fabel ist gleichsam das Sinnbild eines Sinnbildes, indem sie den geraden Körper der todten Schlange, dem gekrümmten Wandel der lebendigen Schlange entgegen setzt. Doch die Freyheit der Fabellehre, und der vortrefliche Sinn, wird diese etwas harte Figur leicht entschuldigen.
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CXXII. Fabel. Der Hirte und der junge Wolf.

Ein Schäfer nahm einer Wölfin ein Junges, und zog es mit seinen Hunden auf. Der junge Wolf fraß mit ihnen, und wuchs mit ihnen groß, und so oft sie auf die Wolfsjagd ausgingen, war er mit dabey. Es geschah manchmal, daß der Wolf, den sie verfolgten, entkam, und die Hunde ihn auf gaben; der Hauswolf aber jagte ihm dem ohnge achtet immer nach, bis er zu seinen rechten Brü dern gelangte, die Beute mit ihnen theilte, und so dann wieder zu seinem Herrn zurückkehrte. Wenn er nun mit den Wölfen lange nichts zu theilen ge habt hatte, nahm er sich wohl selbst die Freyheit, mit einem Schafe, das sich von der Heerde entfernt hatte, davon zu gehen. Er trieb diesen Handel auch eine ziemliche Zeit; endlich aber ward er auf der That ergriffen, und von seinem beleidigten Herrn erschlagen.

Lehre.

Leute, denen Falschheit und Verrätherey zur Natur geworden sind, lassen sich eben so wenig ändern, als Wölfe. Wohlthaten vermehren nur ihre Macht Unheil zu stiften, und selten werden sie unterlassen, sich derselben zum Nach theil ihrer Wohlthäter zu gebrauchen.

Betrachtung.

Ein bösartigesGemüth kann sich zwar eine Zeitlang verbergen, schwerlich aber wird sich die Na
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tur durch Rath oder Auferziehung ändern lassen. Aus Neugierde kann man den Versuch wohl anstellen, wie weit es mit bösen Menschen und andern Ge schöpfen, durch gutes Bezeigen und Anleitung, zu bringen ist; allein der Mutter Neigung und Grau samkeit in dem jungen Wolfe auszurotten, darauf darf man sich keine Rechnung machen. Und wenn du die Natur auch mit der Heugabel austriebst, sagt der Dichter, sie wird dennoch wiederkommen. Diese Fabel enthält das wahre Bild eines undankbaren und verrätherischen Ge müths, das, wie ein englisches Sprichwort sagt: es mit den Hasen hält und mit den Hunden läuft; das andere an Eifer zu übertreffen scheinet, so wie es der junge Wolf auf der Jagd den Hun den, in Aufsuchung und Verfolgung des gemeinen Feindes, vorzuthun schien; das aber zugleich den Raub mit ihm theilet, und wenn ihm die Gelegen heit dazu fehlt, wohl selbst diejenigen heimlich be stiehlt, die es vertheidigen zu wollen vorgiebt. Wir könnten manche dergleichen Exempel, aus der Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten so wohl, als aus dem Privatleben, anführen; wir wollen aber jetzt nur herzlich wünschen, daß sie nie mals, so oft sie sich ereignen, der verdienten Stra fe entgehen mögen.
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CXXIII. Fabel. Der Löwe, der Fuchs und der Wolf.

Als der König der Thiere alt und kränklich ge worden war, kamen alle seine Unterthanen, die Einwohner des Waldes, der einzige Fuchs ausge nommen, und machten ihm ihre Aufwartung. Der Wolf ergriff diese Gelegenheit, dem Fuchse einen gu ten Dienst zu erweisen. Ich kann Ihro Majestät ver sichern, sprach er, bloß aus Stolz und Uebermuth läßt sich der Fuchs nicht bey Hofe sehen. Das erfuhr der Fuchs; er stellte sich also sogleich bey dem Lö wen ein, und als er ihn außerordentlich aufge bracht fand, bat er um Geduld, ihn anzuhören, und betheuerte hoch, daß er sich bloß deswegen noch nicht sehen lassen, weil er in tiefes Nachden ken versenkt, und mit wichtigen Versuchen beschäf tigt gewesen wäre, um ein Mittel wider die Un bäßlichkeit Sr. Majestät zu erfinden. Und end lich, sprach er, bin ich auch so glücklich gewesen, ein ganz unfehlbares zu entdecken. Und was für eins? fragte der noch ganz verdrießliche Löwe. Wenn Ihro Majestät einem Wolfe die Haut über den Kopf ziehen, und ihren Körper sogleich in die noch warme Haut einhüllen ließen; so will ich mein Leben verwetten, die Cur muß anschlagen. Der Wolf sahe, daß der Löwe dem Rathe Gehör gab, und wollte sich also fort schleichen; allein der Fuchs fiel mit den königlichen Gerichtsdienern noch zur rechten Zeit über ihn her, und half ihm, mit spöt
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tischem Lächeln, das Fell über die Ohren ziehen. Da erkannte nun der arme Isegrimm, daß ihm schon recht geschehe, und er allen boshaften An schwärtzern, die den Fürsten wider ihre abwesende Mitbürger aufbringen, zur schrecklichen Warnung dienen könne.

Lehre.

Verleumder und Anschwärtzer sind die nie derträchtigsten Menschen, und es muß nothwen dig einen jeden vergnügen, wenn er sieht, daß sie entdeckt werden, und ihren verdienten Lohn bekommen.

Betrachtung.

Nichts ist in der Welt gemeiner, als derglei chen verleumderische Wölfe; man findet sie überall, vor Gerichte, am Hofe und in Familien, doch hal ten sie sich um die Großen herum häufiger auf, als sonst irgendwo. Wer bey seinem Fürsten in Abgunst zu kommen anfängt, wird der bestän dige Vorwurf ihres giftigen Geschwätzes seyn. Wenn daher listige Anschläge und Ränke noch bey einer Gelegenheit zu entschuldigen sind, so sind sie es bey der, wenn es darauf ankömmt, den boshaf ten Absichten eines niederträchtigen Anschwärtzers zu begegnen. Es wäre aber zu wünschen, daß nur unter Wölfen und Füchsen solche List und Ge genlist statt hätte, damit, wenn ein Schalk über den andern her wäre, ein ehrlicher Mann sich al lezeit freuen könnte, es möchte nun dieser oder jener dabey gewinnen. Allein das ist eben das Un
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glück, daß gemeiniglich der Unschuldige in der Schlinge gefangen, und durch die tückischen An schläge der Wölfe und Füchse in menschlicher Gestalt zu Grunde gerichtet wird.

CXXIV. Fabel. Der Trunkenbold und sein Weib.

Eine Frau, welche das Unglück hatte, einen versoffenen Mann zu haben, legte ihm eins mals, als er sich von allen Sinnen gesoffen hatte, in ein Beinhaus. Als sie glaubte, daß er nun wieder nüchtern seyn möchte, ging sie hin, und klopfte an die Thüre. Wer ist da? fragte der Säuffer. Jemand, antwortete die Frau mit ver stellter Stimme, der dem Todten zu essen bringt. Freund, erwiederte er, bringe mir lieber etwas zu trinken; ich begreife nicht, wie mir ein Mensch, der mich kennt, eines ohne das andere bringen kann. Ja, wenn das ist, sagte die Frau in einer erkennt lichern Stimme, so ist freylich Hopfen und Malz an dir verlohren. Ich muß dich deinem bösen Schicksale nur überlassen; denn das, was du so liebst, wird dich gewiß die Hälfte deiner Tage ko sten. Nur fürchte ich, daß du mich und dein Fa milie noch vorher an den Bettelstab bringen wirst.

Lehre.

Eingewurzelte böse Angewohnheiten werden uns zur Natur, und wenn sie sich unsrer einmal
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bemächtiget haben, so mag man uns auch gleich im Mörsel stampfen, wir werden doch nicht bes ser werden.

Betrachtung.

Die Absicht dieser Fabel geht dahin, daß wir uns bey Zeiten ändern sollen, weil man üble Ange wohnheiten sonst schwerlich wieder los wird; indem sie immer tiefere und tiefere Wurzeln schlagen, und endlich alle abhelfliche Maaß und Scham über schreiten. Oeftere Unmäßigkeit im Trinken, kann das Sauffen einem Menschen eben so nothwendig machen, als ihm die Luft ist, ob es gleich ganz ge wiß den Faden seines Lebens verkürzt, und ein früh zeitiges Alter über ihn bringt. Des Verfalls seiner Angelegenheiten und des Unglücks, in welches er sei ne Familie mittlerweile stürzt, will ich gar nicht ge denken; auch will ich von der Schande nichts sa gen, die er auf sich ladet, denn ein Trunkenbold ist, nach einem Heuchler und Undankbaren, ganz gewiß der häßlichste und verächtlichste Charakter im menschlichen Leben. Ja, im strengen Verstan de, kann man ihn auch gar wohl einen Undankba ren nennen; und zwar einen Undankbaren erst ge gen den Allmächtigen, welcher ihm vernünftige Fä higkeiten gegeben hat, die er beständig mißbraucht; und hernach gegen seine Familie, die er unaufhör lich vervortheilt. Und gleichwohl giebt es Leute, die nicht schlafen können, wenn sie ihre Ladung nicht haben; und nicht eher heiter werden, als bis sie ihre Sorgen in dem Weinglase ertränken. Fast eben so geht es auch mit andere sinnlichen Vergnü
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gungen, welchen der Mensch oft Leib und Seele aufopfert. Verzweifelter aber kann die Verderb niß eines solchen Sünders nicht seyn, als wenn er sich noch unaufhörlich in Gedanken mit den Lüsten beschäftiget, welchen sein Körper nicht länger nach zuhängen vermögend ist. Da ist alle Hoffnung zur Besserung verlohren, wenn es der Trunken bold so weit gebracht hat, daß er seiner Gesundheit wegen sauffen muß.

CXXV. Fabel. Der Rabe und der Schwan.

Ein Rabe bildete sich ein, der Schwan habe sei ne Schönheit vornehmlich von seinem öftern Waschen, und seiner Kost. Er verlies also seine alte Lebensart und sein gewöhnliches Futter und zog an die Lachen und Bäche. Allein das Was ser wollte seine Farbe nicht wegnehmen, und der Ver such kostete ihm endlich das Leben, weil er ganz und gar dazu nicht geschickt war, seine Nahrung aus dem Wasser zu holen.

Lehre.

Natürliche Neigungen können zwar durch guten Rath und Anweisung erweckt und gestärkt werden; gewisse Eigenschaften aber, die einer Gattung eigentlich zukommen, sind auf keine Weise zu verändern oder auszurotten.
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Betrachtung.

Was in den Knochen steckt, ist nicht aus dem Fleische zu bringen; sagt ein englisches Sprichwort. Die Farbe und andere körperliche Eigenschaften, die uns Gott einmal zugetheilet hat, ändern zu wollen, ist ein vergebnes Unternehmen. Einen Mohr weis waschen, heißt nach einem andern Sprichworte, unmögliche Dinge versu chen. Und was versucht der anders, als unmög liche Dinge, der irgend ein Werk der Natur ändern oder bessern will? Die Natur versieht nichts; denn was sie thut, thut Gott, dessen Rathschlüsse unver änderlich, und dessen Werke alle, in ihrer Art, voll kommen sind. Es ist daher ein großer Unsinn, sie gleichsam umschaffen zu wollen. Gleich nach der Gewalt der natürlichen Eindrücke aber, folgt die Gewalt der Gewohnheiten und Fertig keiten. Wenn man diese Fabel mehr nach dem Buch staben nehmen will, so kann sie denjenigen fanta stischen Personen zur Warnung dienen, welche plötz liche Veränderungen in ihrer Diät vornehmen, und auf einmal eine ganz andre Art zu leben, sich vor schreiben, um gewissen entfernten und vielleicht eingebildeten Krankheiten vorzubeugen. Auch trifft sie diejenigen Frauenzimmer und Stutzer, die al lerley Versuche mit sich anstellen, in Meinung, ih re Gesichtsfarbe oder Gestalt zu verbessern, und lieber schöner, als gesünder seyn wollen. Wenn sie denn an einer leidlichen Leibesbeschaffenheit so lange gekünstelt haben, bis sie sich wirkliche und
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langwierige Unbäßlichkeiten zugezogen, so wollten sie sich gern mit weit schlechtern Gesichtsfarben uud<und> Gestalten, und mit weit gleichgültigern Gesund heitsumständen, als sie zu bessern unternahmen, begnügen, wenn sie nur wieder in ihre alte Verfas sung kommen könnten.

CXXVI. Fabel. Die Schwalbe und die Krähe.

Eine Krähe stritt mit einer Schwalbe um den Preis der Schönheit, und sagte: Deines ist nur eine Frühlingsschönheit; meine aber dauert das ganze Jahr hindurch.

Lehre.

Ein dauerhaftes Gut ist einem vergänglichen unendlich vorzuziehen.

Betrachtung.

Was sind die sinnlichen Vergnügungen, wenn man sie mit einem guten Gewissen vergleicht? Was ist der Genuß dieses flüchtigen Lebens gegen die Ewigkeit? Was sind die Ergötzungen, die von Sättigkeit und Eckel begleitet werden, gegen die Freuden, die ewig frisch und blühend bleiben sollen? Kann einem weisen Manne die Wahl hier schwer fallen? Allein der größte Theil der Welt ist in den sinnlichen Lüsten so unselig ersoffen, daß sie unmög lich mit genugsamen Glauben vor sich hinausse hen können, um ihr Leben darnach einzurichten;
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sie ziehen das verschwindende Jetzt dem unaufhörli chen Hernach vor, und werden ihren Irrthum selten eher gewahr, als bis sie ihm nicht mehr ab helfen können. Die Betrachtungen auf dem Sterbebette bringen die wahre Gegenstände erst näher vors Gesicht, und machen die Thorheit des vergangenen Verhaltens klar; wenn wir aber sa gen, die Betrachtungen auf dem Sterbebette erst, was für ein Entsetzen muß dieses in einer nachdenkenden Seele erwecken!

CXXVII. Fabel. Die Nachtigall und die Fledermaus.

Als eine Nachtigall, in ihrem Käfige vor dem Fenster, um Mitternacht sang, fragte sie ei ne Fledermaus, warum sie nicht eben so wohl am Tage, als bey Nacht singe? Ich ward, versetzte die Nachtigall, am Tage, als ich eben sang, gefan gen, und habe mir dieses also zur Warnung dienen lassen. Aber, sagte die Fledermaus, daran hättest du denken sollen, ehe du gefangen wardst; denn nunmehr ist es einerley, ob du des Tages singest oder nicht, weil du doch zum zweytenmale nicht ge fangen werden kannst.

Lehre.

Nachwitz taugt selten viel.

Betrachtung.

Die Ursache der Nachtigall war nunmehr, da ihr nicht mehr zu helfen stand, sehr unzulänglich,
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und ward daher mit Recht von der Fledermaus verspottet. Was aber die Moral dieser Fabel überhaupt anbelangt, so ist es ganz gut, daß ein Mensch, welcher einen großen Fehler begangen hat, seinen ganzen Wandel überdenkt, und jeden Schritt untersucht, durch welchen er seinem Unglü cke näher gekommen. Der Spiegel des Lebens ist hinter uns, und wir müssen auf das Vergan gene sehen, wenn wir uns auf das Zukünftige vorbereiten wollen. Was geschehen ist, bleibt zwar geschehen; aber doch kann man durch die Betrachtung eines falschen Schritts, den andern vermeiden lernen. Nachdenklich seyn, ist daher ein wichtiges Stück der Klugheit, nur muß man nicht ängstlicher werden, als es die Sache verdient: Genug, wenn wir den rechten Gebrauch von un sern Betrachtungen machen, unsre Fehler bereuen, unsre Irrthümer ablegen, und in beyden Fällen, vorsichtiger zu seyn, uns vornehmen. Und das ist nichts mehr, als wozu uns Gewissen, Billigkeit und Vernunft verbinden. Bey dem allen aber muß man sich wohl in Acht nehmen, aus Mangel rich tiger Vergleichungen, nicht falsche Folgerungen zu ziehen, damit man der Welt keine blaue Dunst mache, wie es die Nachtigall in der Fabel that. Sie war unter dem Singen bey Tage gefangen worden; aber was für einen Einfluß konnte die ses auf ihren Entschluß haben, nunmehr, da sie im Käfig war, nicht anders als bey Nacht zu singen? Wir können uns hieraus noch eine andere Lehre merken; nehmlich diese: daß gewisse Menschen, wenn sie sich in ein großes Unglück gestürzt haben,
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lieber die erste die schlechteste, als die wahre Ursa che angeben werden, weil sie sich durch diese dem gerechten Tadel aussetzen, und alles Mitleiden ver lieren würden.

CXXVIII. Fabel. Die gebratnen Meerschnecken.

Es wurden von einigen Leuten Meerschnecken gebraten, und die armen Thiere zischten in dem Feuer. Hört doch, sprach einer, welcher sein Theil schon mit den Augen verzehrte, was das für lustige Geschöpfe sind! Das Haus brennt ihnen über dem Kopfe, und doch singen sie.

Lehre.

Mit anderer Unglücke ein Gespötte treiben, zeigt ein sehr niederträchtiges Gemüth an.

Betrachtung.

Nichts ist barbarischer und viehischer, nichts der Menschlichkeit und aller gesunden Vernunft mehr zuwider, als wenn man den Elenden ver höhnt.
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CXXIX. Fabel. Die zwey Reisenden und der Geld beutel.

Zwey Reisende gingen mit einander einen Weg; und plötzlich bückte sich der eine, und hob et was auf. Ey sieh, sprach er, da habe ich einen Geldbeutel gefunden. Nein, sprach der andere, wenn zwey Freunde mit einander wandern, so mußt du nicht sagen: ich habe ihn gefunden, sondern, wir haben ihn gefunden. Ich bitte um Verzei hung, erwiederte der erste; ich habe ihn gefunden, und will ihn auch behalten. Kaum hatte er es ausgesagt, als sie hinter sich ein Geschrey nach einer Bande Diebe, welche auf der Straße einen Beutel geraubt hatten, hörten. Ach, Bruder, sprach der Finder, nun sind wir verlohren! O pfuy! ver setzte der andere, du must nicht sagen, wir sind ver lohren, sondern, ich bin verlohren; denn da ich den Fund nicht mit dir getheilet habe, so bin ich auch nicht Willens, das Hängen mit dir zu thei len.

Lehre.

Die Menschen wollen wohl gern ihren Ver lust, aber nicht ihren Vortheil mit andern thei len; wo aber eine rechte Gemeinschaft seyn soll, da muß es, bey guten und bösen Vorfällen, ei nem wie dem andern gehen.
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Betrachtung.

Es fallen im gemeinen Leben tausend Dinge vor, auf welche sich diese Fabel anwenden läßt. Mancher findet den Beutel voll Gold bey seiner Geliebten, mancher bey der Flasche, mancher bey einer Bedienung, oder bey irgend einer andern Ei telkeit. Und was ist das Ende davon? Was sonst, als daß ihn, nach gesättigten Begierden und gestillter Lüsternheit, Verdruß und Ekel befallen. Sein Gewissen erhebt ein verfolgendes Geschrey wider ihn, und was er Anfangs für sein Glück hielt, schlägt am Ende zu seinem Unglücke aus.

CXXX. Fabel. Die benachbarten Frösche.

Es waren einsmals zwey Frösche, deren einer in einem Teiche und der andere nicht weit davon in einer seichten Pfütze, an der andern Seite der Landstraße, lebte. Der Teichfrosch merkte, daß das Wasser in der Pfütze abnahm, und wollte also seinen Freund zu sich in den Teich haben, wo er ohne Sorgen leben könne. Aber dieser, wie er sagte, war an seine Pfütze gewöhnt, und wollte nicht heraus. Was war aber also das Ende da von? Als die Pfütze endlich ganz ausgetrocknet war, kam er kurz darauf unter das Rad eines Wa gens, und ward zerquetscht.

Lehre.

Es giebt Leute, welche so träge und ver drossen sind, daß sie lieber stille liegen, und
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gleichsam in eine Pfütze sterben, als nur den Fuß rühren wollen, um sich aus ihren übeln Umständen zu helfen.

Betrachtung.

Gewohnheit ist die andere Natur, und hart näckige Faulheit ist schwerlich aus ihrer alten La ge, sie mag auch noch so nachtheilig und unbequem seyn, zu bringen. Der welcher gar nichts thut, ist viel strafbarer, als der, welcher aus menschlicher Schwachheit, etwas unrechtes thut; denn nichts kann Gott, der lauter Thätigkeit ist, mehr zuwider seyn, als wenn wir unser Leben verschlummern, und unsere Vernunft verträumen, die uns beyde zu ei nem bessern Gebrauche gegeben wurden. Ein le bendiges Bild eines solchen Menschen, ist der Frosch in der Pfütze; denn ein träges Leben ist kein Leben für ein vernünftiges Geschöpf. Der Faule ist Gott und Menschen ein Abscheu, der Welt un nütze, sich selbst zur Last, elend in allen Ständen, und gänzlich unfähig, irgend eine Glückseligkeit des Lebens zu schmecken und zu genießen. Ich bin an die Pfütze gewöhnt, sagte der Frosch; er blieb al so, ohne einen Fuß zu rühren, da liegen, bis ihm das Gedärme aus dem Leibe gequetscht ward.
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CXXXI. Fabel. Der Bienenherr.

Ein Dieb kam, in Abwesenheit des Herrn, in ei nen Bienengarten, und beraubte die Stöcke. Als der Eigenthümer wieder zurücke kam, ward er des Verlusts inne, blieb bestürzt stehen, und dachte nach, wie es wohl damit zugegangen sey. Unter dessen kamen die beladnen Bienen aus den Fluren zurück, und sobald sie ihren Honig vermißten, fielen ganze Schwärme von ihnen mit Ungestüm über den Herrn her. Wahrhaftig, sprach er, ihr seyd doch recht thörichte, undankbare Geschöpfe! Den Frem den, der euch beraubt hat, habt ihr ruhig gehen lassen; und nur gegen euren Herrn, der sich eben den Kopf zerbricht, wie er den Verlust wieder gut machen, und euch in Zukunft besser in Acht nehmen will, seyd ihr so wütend.

Lehre.

Oft halten die Menschen ihre Freunde für ihre Feinde, und begegnen ihnen auch so.

Betrachtung.

Einen Freund für einen Feind, und einen Feind für einen Freund ansehen, ist einer von den verderblichsten Irrthümern, in den ein hastiger Mensch fallen kann; denn Verstand, gutes Herz, Großmuth, Gerechtigkeit, Klugheit, alles wird da bey aufs Spiel gesetzt. Nichts kann auf der einen
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Seite, einen Freund mehr beleidigen, und nichts auf der andern, uns selbst nachtheiliger seyn. Und gleichwohl ist, sowohl im öffentlichen, als im Pri vatleben, nichts gemeiner, als daß der Pöbel seine Unterdrücker für seine Beschützer, und seine Beschü tzer für seine Unterdrücker ansieht; so wie hier die Bienen den Dieb verschonten, und über ihren Wär ter herfielen.

CXXXII. Fabel. Der Eisvogel.

Ein Eisvogel baute sein Nest an ein hohles Ufer, gegen die Wasserseite zu, damit er es den Vo gelstellern aus den Zähnen rücken möge. Als er aber einsmals ausgeflogen war, für seine Jungen Futter zu holen, schwemmte ein reissender Strom, Nest, Vogel und alles weg. Wie er nun wieder kam, und die Verwüstung sahe, brach er in diese Ausrufung aus: Ich unglückseliges Geschöpf! Aus bloßer Furcht für einen Feind, muß ich einem andern in den Rachen rennen.

Lehre.

Oft fürchten die Menschen da Gefahr, wo keine ist, und glauben da außer aller Gefahr zu seyn, wo sie der allermeisten ausgesetzt sind.

Betrachtung.

Kein Stand des Lebens ist so sicher, daß er nicht gewissen Beschwerlichkeiten und Gefahren
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XXIII. pag. 197.

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ausgesetzt sey; und der menschliche Witz ist viel zu unvermögend, sich gegen alle Zufälligkeiten vorzu sehen. Was kann, zum Exempel, wider Sturm winde, Erdbeben, Ueberschwemmungen, ansteckende Seuchen und dergleichen helfen? Unsre Schuldig keit also ist, das beste zu hoffen, und uns auf das schlimmste gefaßt zu machen. Denn was man nicht ändern kann, das muß man ertragen.

CXXXIII. Fabel. Das Fischen im trüben Wasser.

Ein Fischer hatte seine Netze ausgeworfen; da mit nun die Fische desto eher hineingehen möchten, schlug er hier und da mit einer Stange in das Wasser. Das sahen einige von seinen Nach barn, und sprachen: du thust sehr unrecht, das Wasser so zu trüben; das heißt uns unser Geträn ke verderben. Ja, erwiederte der Fischer, entwe der muß ich euch euer Getränke verderben, oder ich habe nichts zu essen.

Lehre.

Es ist ein unseliges Dilemma, wenn ein Mensch dahin gebracht ist, daß er seinen Un terhalt nicht, ohne eines andern Nachtheil, ha ben kann.

Betrachtung.

Wie glücklich ist der Mann, dessen Geschäfte und Neigungen dem gemeinen Besten ersprießlich sind; und der, indem er für sich und seine Familie
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sorgt, auch zugleich allen denen, mit welchen er zu thun hat, Mittel zu einem anständigen Unter halte zukommen läßt! Er ist ein Segen des gemei nen Wesens, und hat große Ursache der Vorsicht für so ein glückliches Loos zu danken.

CXXXIV. Fabel. Der Affe und der Delphin.

Auf einem Schiffe, welches im Sturme unter ging, befand sich auch ein Affe. Als nun die Menschen ihr Leben durch Schwimmen zu ret ten suchten, und der Affe aus Gesellschaft ein glei ches that, nahm ihn ein Delphin, der ihn für ei nen Menschen ansah, auf den Rücken, und schwamm mit ihm nach dem Lande zu. Als er ihn nun bis in eine sichre Anfurt, welche Pyräus hieß, gebracht hatte fragte er den Affen: ob er ein Athenienser sey? Ja wohl, sagte der Affe, und noch dazu aus einer sehr alten Familie. Also wirst du doch wohl den Pyräus kennen, fuhr der Delphin fort. O ganz genau, erwiederte jener, und bildete sich ein, es sey der Name eines Mannes. Pyräus ist ei ner von meinen vertrautesten Freunden. Ueber diese Unverschämtheit des abgeschmackten Affen ward der Delphin unwillig; er fuhr ihm auf ein mal unter den Beinen weg, und der vorgegebene Athenienser mußte ersauffen.

Lehre.

Verachtung, Gefahr und Schande sind das verdiente Loos eines entdeckten Betrügers.
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Betrachtung.

Ein großer Theil der Reisenden besitzt die thö richte Prahlerey, von Oertern, die sie niemals ge sehen, und von Personen, von welchen sie niemals etwas gehört haben, zu reden. Leute, Bücher, Wissenschaften, alles gilt ihnen gleich viel, darüber zu plaudern; obgleich dieses große Geräusch sich selten auf etwas mehr, als auf ihr reiches Kleid und einige gelernte Grimassen, gründet. Gleich wohl werden diese luftigen Erscheinungen oft für Menschen angesehen, und von dem guthertzigen, unwissenden Pöbel, wie hier von dem Delphin der Affe, empor getragen, bis ihnen endlich ihre Trä ger die Schüppe geben, sie wieder fallen und ver schwinden. Wie viel solche abgeschmackte Schwä tzer wollen sich uns täglich als Männer von Einsicht und Geschäften aufdringen, die doch, mit Balzacs Premierminister, ganzer acht und vierzig Stunden über einer Landkarte liegen und Aristokratie, und Demokratie, anstatt Kroatien und Dalmatien suchen, und also die Namen von Regierungsfor men für Namen von Ländern halten würden.

CXXXV. Fabel. Merkur und der Bildhauer.

Merkur wollte gern wissen, in welchem Anse hen er in der Welt stehe, nahm also die Ge stalt eines Menschen an, und kam in die Werk statt eines berühmten Bildhauers, bey welchem er
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einen Jupiter, und hernach eine Juno feilschte. Der Bildhauer sagte ihm von jedem Stücke den Preis, welcher noch ziemlich leidlich war; unter dessen aber ward er einen Merkur mit allen seinen Denkzeichen gewahr. Das bin ich, sprach er bey sich selbst, in der Gestalt des Boten des Jupiters, und des Schutzgottes der Künstler, mit allem mei nem Handwerkszeuge um mich herum. Ganz ge wiß wird der Bildhauer für dieses Stück funfzehn mal mehr fordern, als für die andern beyden! — Was soll dieser Merkur gelten? fragte er ihn also. O, sprach der Bildhauer, Sie scheinen mir ein ehrlicher Mann zu seyn, den man nicht über theuern muß. Wenn sie mir für die beyden er sten, was ich gefordert habe, geben, so sollen sie diesen oben drein haben!

Lehre.

Die Eitelkeit derjenigen, welche durch List hinter die gute Meinung, die andre von ihnen haben, kommen wollen, wird oft häßlich abge führt.

Betrachtung.

Alle eitle Menschen, die jedermann zu gefallen suchen, bilden sich gern ein, daß andere eben so gut von ihnen denken, als sie von sich selbst denken: nichts aber geht ihnen näher, als wenn sie anstatt des vermutheten Beyfalls und Ruhms, Verachtung antreffen.
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CXXXVI. Fabel. Der Jagdhund und der Haushund.

Ein Mann hatte zwey Hunde; einen zur Jagd, und den andern zur Bewahrung des Hauses; und was der Jagdhund auch immer heimbrachte, davon bekam allezeit der Haushund seinen Theil. Hierüber nun fing jener an zu murren, und be schwerte sich, daß er allein alle Mühe haben, und der andere gleichwohl die Früchte derselben mit genießen sollte. Du must aber auch bedenken, antwortete ihm der Haushund, daß wenn du, zum Vergnügen unsers Herrn, und zu deinem Nutzen so wohl als zu meinem, dir es auf der Jagd sauer werden lässest, ich unterdessen, zum Besten aller, das Haus bewache.

Lehre.

Im gemeinen Wesen, desgleichen auch in einer großen Familie, müssen verschiedne Perso nen, verschiedne Verrichtungen haben, und ob gleich einige vielleicht mehr arbeiten müssen, als die andern, so sind sie doch alle in einer weisen Oekonomie, so wohl dem Haupte, als einer dem andern, gleich nützlich.

Betrachtung.

Diese Fabel ist eine politische Lection so wohl für Fürsten und Regenten, als für Haus herren in Privatfamilien; und zeigt die Nothwen
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digkeit, und den gegenseitigen Nutzen der Arbeit samkeit und Beschützung, welcher zwischen den Regenten und Unterthanen, zur Erhaltung der ge meinen Wohlfahrt, und zwischen den verschiednen Graden von Dienern, zum Besten aller, obwalten muß. Die einen versehen uns mit dem, was uns fehlt, und die andern helfen uns in dem Be sitze der erworbenen Güter vertheidigen, so daß weder diese ohne jene, noch jene ohne diese beste hen können.

CXXXVII. Fabel. Der Wolf und das Zickel.

Ein Wolf verfolgte ein Zickel, das sich von der Heerde verlaufen hatte. Als nun das Zickel sahe, daß es nicht entkommen konnte, wandte es sich um, und sprach: Ich sehe wohl, ich soll und muß dein Frühstück werden, aber ich möchte doch gern so lustig sterben, als möglich. Sey also so gut, und singe mir noch ein Liedchen, ehe du mich verzehrest. Der Wolf ließ sich bereden, und fing so musikalisch an zu heulen, daß die Hunde auf dieses Heulen herbeykamen. Schon recht, sprach der Wolf, das kömmt davon, wenn man sich in fremde Handthierungen mischt. Meine Rolle war, den Metzger und nicht den Castraten zu spielen.

Lehre.

Es bleibe jeder in der ihm angewiesenen Sphäre, und handele so wie es seiner Person zukömmt.
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Betrachtung.

Niemand muß sich auf seine eigene Stärke, weder des Leibes noch der Seele, allzusehr verlas sen, sondern bedenken, daß der Himmel dem Unter drückten beysteht, und daß die größten Tyrannen einer höhern Macht von ihrem Betragen Rechen schaft geben wüssen<müssen>. Einem räuberischen, gefräßi gen Wolfe kann auch oft ein unschuldiges hülfloses Zickel zu schaffen machen; und ein böser Mensch kann oft eben, wenn er am sichersten zu seyn glaubt, in die größte Gefahr kommen und alles Unglück, das er andern drohte, auf sich einbrechen sehen.

CXXXVIII. Fabel. Der eingebildete Musicus.

Ein Mann, der eine sehr widrige Stimme, aber einen zur Musik sehr bequemen Saal hatte, ward gar nicht müde, sich in diesem Zimmer, we gen des vortrefflichen Wiederhalls, im Singen zu üben. Er bewunderte seine Geschicklichkeit dar inn auch so sehr, daß er nicht eher ruhte, als bis er sich auf öffentlicher Bühne zeigen durfte. Al lein diese öffentliche Probe schlug so übel aus, daß ihn die Zuschauer auszischten und endlich mit Stei nen von dem Theater warfen.

Lehre.

Die Menschen sind sehr geneigt, eine allzu gute Meinung von ihren Fähigkeiten zu ha=
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ben; wenn wir uns aber recht kennen wollen, so müssen wir uns mit fremden Augen besehen.

Betrachtung.

Es ist ein großer Unterscheid zwischen einem Redner in der Schule, und einem Manne von Ge schäften, der in der großen Welt seine Rolle spielt. Mancher würde so lächerlich nicht geworden seyn, wenn er sich nicht mit aller Gewalt dem Publico hätte zeigen wollen. Es giebt sowohl schmeicheln de Zimmer, als schmeichelnde Spiegel, jene helfen einer unangenehmen Stimme nach, nnd<und> diese ma chen ein schlechtes Gesicht erträglich, indem die er stern die Rauigkeit des Tons verschlingen und die andern die gelbe Farbe der Haut niederschlagen. Wer sich aber auf diese gekünstelten Verbesserun gen verlassen, und sich dem Publico für einen ita liänischen Castraten, oder für eine englische Schön heit aufdringen wollte, der würde sehr übel thun. Es muß sich vielmehr jeder nach seinem wahren Werthe untersuchen und schätzen, ehe er etwas un ternimt, wobey er Leben, Ehre oder Glück aufs Spiel setzen muß.

CXXXIX. Fabel. Die Diebe und der Hahn.

Eine Bande Diebe brach in ein Haus ein, fand aber nichts mit wegzunehmen, als einen ar men Hahn. Der Hahn sagte zu seinem Besten so viel, als ein Hahn sagen kann; besonders aber
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XXIV. pag. 204.

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bestand er darauf, daß er die Leute zu ihrer Arbeit zu wecken pflege. Bursche, sagte einer von den Dieben, den Punkt hättest du lieber verschweigen sollen; denn eben dadurch, daß du die Leute auf weckst, thust du unserm Gewerbe Schaden, und dein nichtwürdiges Krähen hat manchen von un sern ehrlichen Kammeraden an Galgen gebracht.

Lehre.

Gegen einen Dieb muß man sich ganz ande rer Gründe bedienen, als gegen einen ehrlichen Mann.

Betrachtung.

Ein Stockmeister oder Gefangenwärter, der sich in der Gewalt der Räuber befände, würde sich sehr schlecht vertheidigen, wenn er ihnen zeigen wollte, wie nützlich seine Profession dem ehrlichen Theile der Welt sey. Ueberhaupt hat sich ein jeder wohl in Acht zu nehmen, daß seinem Munde nichts ent fährt, was man zu seinem Nachtheile anwenden kann.

CXL. Fabel. Die Krähe und der Hund.

Als eine Krähe einsmals der Minerva opferte, sagte ein Hund zu ihr: du flehst die Göttinn umsonst an, denn sie hat einen solchen Abscheu vor dir, daß sie dich besonders und nahmentlich aus allen Auguriis ausgeschlossen hat. Und desto eher,
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versetzte die Krähe, will ich opfern, um zu versu chen, ob ich sie mir nicht zur Freundinn machen kann.

Lehre.

Oft sind die Menschen mehr aus Furcht und Eigennutz, als aus wahrer Frömmigkeit, an dächtig. So wie man von den armen blinden Indianern sagt, daß sie den Teufel anbeteten, damit er ihnen nicht schaden möge.

Betrachtung.

Diese heidnische Fabel leidet eine sehr christli che Auslegung; denn sie kann uns lehren, daß wir nicht gleich unwillig werden und verzagen sollen, wenn uns der Allmächtige irgend ein Kreutz auf legt. Die Gerichte Gottes sind allezeit gerecht, und wenn sie uns auch noch so schwer treffen, so leiden wir doch immer noch weniger, als wir ver dienen. Geduld und Ueberlassung in den Willen Gottes, sind das einzige, wozu ein Mensch in Trüb salen seine Zuflucht nehmen soll. Durch Sträu ben und Murren ist nichts auszurichten, sondern wir müssen versuchen, ob wir durch Glauben, Ge bet, und ein neues Leben, unsern beleidigten Herrn uns wieder zum Freunde machen können. Wenn wir es also genau betrachten, so sind die Trübsale nichts anders als Methoden, deren sich die barm herzige Vorsehung bedienet, uns mit Gewalt auf das einzige Mittel zu führen, durch welches wir, zwischen der göttlichen Gerechtigkeit und menschli chen Schwachheit, Richtigkeit treffen können.
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CXLI. Fabel. Der Rabe und die Schlange.

Eine Schlange hatte sich die Länge lang in die Sonne gestreckt und faullenzte. Ein Rabe kam, faßte sie auf, und flohe mit davon. Die Schlange biegte und drehte sich so lange, bis sie dem Raben einen tödtlichen Stich versetzte, und nunmehr erkannte der unglückliche Vogel, wie thö richt er gewesen sey, daß er sich an einen Raub ge wagt habe, der ihm das Leben koste.

Lehre.

Alles was wir zum Leben nöthig haben, hat uns die Natur leicht und sicher gemacht; wenn wir aber nach Dingen streben wollen, die wir weder verstehen, noch brauchen, so müssen wir es uns selbst zuschreiben, wenn unsre Bemühun gen ein böses Ende nehmen.

Betrachtung.

Nicht viel anders, als es dem Raben mit der Schlange ging, geht es uns mit den Gegenstän den unsrer sinnlichen Begierden. Bey wem diese stark sind, der sehnt sich nach allem, was ihm vor kömmt, obgleich nicht selten eine Schlange unter den Blumen liegt. Und was kann man auch den Leidenschaften, die sich nicht von der Vernunft re gieren lassen, für einen guten Ausgang versprechen? Unsere Sinne gehen auf nichts, als auf fleischliche
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Lüste; was dem Auge schön deucht, den Geschmack kützelt, dem Ohre schmeichelt, dem Geruche ange nehm ist, das reitzt uns, es mag sonst beschaffen seyn, wie es will. Am Ende aber merken wir mei stentheils unsern Irrthum, und erkennen es, daß wir nicht dem bloßen Schein hätten trauen sollen.

CXLII. Fabel. Der Wolf und das Schaf.

Ein Wolf, der von einem Hunde gebissen wor den, lag da, und leckte seine Wunden. Weil er sich nun sehr krank und kraftlos fühlte, so rief er einem Schafe zu, das eben vorbey gieng: Höre, guter Freund, wenn du doch so gut seyn, und mir zu einem Trunke Wasser, hier aus dem nächsten Bache, helfen wolltest! Woher ich alsdenn auch etwas zu essen nehmen werde, dafür will ich schon selbst sorgen. Das glaube ich dir ganz wohl, sagte das Schaf; denn wer dir zu trinken brächte, der müßte dir auch oben drein zu essen schaffen, oder du würdest mich ganz gewiß mit meiner Haut bezahlen lassen.

Lehre.

Einem undankbaren und grausamen Manne Höflichkeiten und Freundschaftsdienste erzeigen, ist gefährlich. Das Schaf, das dem Wolfe Bothschaft läuft, hat sich ein schlechtes Trank geld zu versprechen.
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Betrachtung.

Auf den Schein und die schönen Worte eines falschen und boshaften Feindes muß man sich nie verlassen; denn alle seine Freundlichkeiten sind nichts besser als Schlingen. Verräthrische Tücke ist bey de Gott und den Menschen ein Greuel, und hat die schlimme Wirkung, daß sie unsre Sitten ver dirbt, unsre Herzen verhärtet, alle Bande der Leut seligkeit und des gesellschaftlichen Lebens auflöset, und die Menschlichkeit selbst erstickt; denn alles dieses müssen wir, zu unserer eigenen Vertheidigung, geschehen lassen, wenn wir mit arglistigen und räu berischen Menschen zu thun haben.

CXLIII. Fabel. Die Hasen, die Füchse und die Adler.

Die Hasen sahen sich von den Adlern mit einem blutigen Kriege bedroht, und hätten gar zu gern die Füchse in ihr Bündniß gezogen. Allein diese gaben ihnen die unverstellte Antwort, daß sie ihnen von Grund des Herzens gern beystehen wür den, wenn sie nicht so wohl die Hasen selbst, als auch den Feind, mit welchem sie zu streiten hätten, allzuwohl kennten.

Lehre.

Man muß sich in kein Bündniß einlassen, ohne vorher die Treue und Macht eines jeden Theils wohl untersucht zu haben.
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Betrachtung.

Die Absicht der Bündnisse ist gemeinschaftliche Vertheidigung und Hülfe; wer sich nun mit einem Volke verbindet, das ihm nicht helfen kann, der hat so gut als gar kein Bündniß gemacht. Denn wo auf der einen Seite keine Hoffnung zur gegen seitigen Hülfe ist, da kann auf der andern keine Ver bindlichkeit Statt finden, weil die Absicht des Bündnisses wegfällt. Und dieses gilt eben so wohl bey Privatgeschäften, im Handel und Wandel, als bey Macht und Waffen.

CXLIV. Fabel. Der in eine Ameise verwandelte Mann.

Ein geitziger Haushalter, welcher beständig sei nem Nachbar Korn, und was ihm sonst zu wuchs, entwandte, und es auf seinen eigenen Boden schüttete, zog einen Fluch auf sich, und Jupiter verwandelte ihn, zur Strafe, in eine Ameise. Doch diese Veränderung der Gestalt verursachte nicht die geringste Veränderung in seiner Denkungsart und seinen Sitten, und wie er als Mensch gewe sen war, blieb er auch als Ameise.

Lehre.

Gewohnheit ist die zweyte Natur; und wenn böse Neigungen zu Fertigkeiten werden, so ist das Uebel unheilbar; denn die Natur wird sich
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XXV. pag. 211.

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unter allen Gestalten und Verkleidungen immer selbst gleich bleiben.

Betrachtung.

Die poetischen Erdichtungen von Menschen, die in Thiere oder Gewürme verwandelt worden, sollen uns lehren, daß sie sich wirklich selbst dazu machen, sobald sie von der Würde ihres Geschlechts ausarten; die Metamorphosis geschieht also mit ihren Sitten, und nicht mit ihrer Gestalt. Denn wenn sich eine vernünftigeSeele so weit herab läßt, daß sie, gleich Ameisen und Roßkäfern, im Unflathe wühlet, und den ganzen Menschen der Sinnlichkeit viehischer Lüste Preis giebt, so macht sie sich der Vorzüge ihres Charakters und ihrer Schöpfung verlustig, indem derjenige länger kein Mensch ist, der sich in allen Stücken als ein Vieh beträgt.

CXLV. Fabel. Die Leute und der vermeinte Schiff bruch.

Eine Gesellschaft von Leuten, die an dem Ufer der See spatzieren ging, sahe weit in der See etwas auf sie zugeschwommen kommen. Anfangs hielten sie es für ein großes Schiff, alsdenn für ein kleines, und da es näher kam, für ein bloßes Bot; endlich aber sahen sie ganz deutlich, daß es weiter nichts, als ein Schober Unkraut und Schilfgras war. Da haben wir, sprach hierauf einer von ihnen, so lange
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auf etwas ganz außerordentliches gewartet, und nun es da ist, sehen wir, daß es weniger als nichts ist.

Lehre.

Wir können leicht durch den entfernten Schein von Dingen hintergangen werden, deren Nichtigkeit wir, so bald sie uns näher kommen, erkennen.

Betrachtung.

Die Gefahr, die wir fürchten, und das Glück, auf das wir hoffen, scheinen beyde in der Entfer nung weit größer zu seyn, als sie wirklich sind, denn wir Menschen werden beständig durch unsre Furcht und Hoffnung <betrogen>botrogen. In der Nähe sehen wir die Dinge, wie sie sind, und in der Ferne, wie sie scheinen; und wenn unsre Einbildungskraft einmal erhitzt ist, so macht sie nicht selten aus Maulwurfshaufen Berge. Geduld und Ueberlegung aber müssen in dergleichen Fällen unser Urtheil zur Reiffe bringen. Diese Fabel gereichte ihrem Erfinder, dem Aesop, wie man in seinem Leben sehen kann, zum großen Nach theile. Er hatte sich bewegen lassen, nach Del phos zu reisen, weil er von dem dasigen Orakel sehr viel gehört, und zugleich eine große Meinung von den Bewohnern dieser Insel gefaßt hatte. Als er aber hinkam, sahe er sich in seiner Einbildung gänz lich betrogen, indem er anstatt eines weisen, gesit teten und großmüthigen Volks, ein Volk fand, das allen Lastern und Thorheiten ergeben, und beson ders so eitel, eingebildet und wollüstig war, daß er sich nicht enthalten konnte, ihnen in dieser Fabel seine fehlgeschlagene Erwartung zu verstehen zu geben.
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Sie ruhten daher auch nicht eher, als bis er aus dem Wege geräumt war, weil sie befürchteten, er möchte auch andern die üble Meinung beybrin gen, die er von ihnen zu hegen so gegründete Ur sache hatte.

CXLVI. Fabel. Der wilde Esel und der zahme.

Als ein zahmer Esel, der glatt und feist war, sich einsmals auf einer lustigen Wiese sommerte, kam ein wilder Esel aus dem nächsten Walde ge sprungen, und sagte im Vorbeyrennen die wenigen Worte: Bruder, ich beneide dein Glück! Kurze Zeit darauf geschahe es, daß eben dieser wilde Esel seinen zahmen Bruder unter einer unbarmherzigen Last ächzend daher kriechen, und einen Kerl hinter ihm auf ihn zuprügeln sah. Nein, rief er ihm nunmehr zu, deine Umstände sind so gut doch nicht, als sie mir Anfangs schienen; ich mag gern weder glatt noch feist seyn, wenn ich es auf keine andere, als diese Weise, seyn kann.

Lehre.

Der Neid macht uns gedoppelt elend, indem er uns mit der doppelten falschen Meinung, daß unsre Nachbarn zu viel, und wir selbst zu wenig haben, martert.

Betrachtung.

Alles Elend, alle Glückseligkeit in dieser Welt ist das nur Vergleichungs Weise, wosür wir es
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halten; und niemand ist so glücklich, der nicht in gewisser Betrachtung auch unglücklich wäre; des gleichen auch niemand so unglücklich, den man nicht auch in gewissen Absichten glücklich nennen könnte. Wir beneiden unsre Nachbarn bloß der jenigen Vorzüge wegen, die uns fehlen; den Se gen aber, der ihnen mangelt, und den wir genießen, vergessen wir mit Dankbarkeit zu erkennen. Wenn wir nun diese weise Mischung in der Austheilung der himmlischen Gaben gehörig betrachten, so wer den wir finden, daß sie uns gesellig und einen dem andern unentbehrlich zu machen, dienen soll, damit wir auf diese Weise desto geschickter zur Freund schaft und den bürgerlichen Verbindungen wür den. Kurz, alles, was ist, ist gut; theils für sich selbst, theils in der Verknüpfung, in welcher es mit andern Dingen steht. Der zahme Esel mußte für seinen glatten Wannst viel und harte Arbeit verrichten, und der wilde Esel mußte sich mit schlechtem Futter begnügen, um die Glückseligkeit seiner Freyheit genießen zu können.

CXLVII. Fabel. Die den Jupiter bittenden Esel.

Die Esel traten einsmals zusammen, und baten den Jupiter, sie von ihren schweren Bürden zu befreyen. Jupiter ertheilte ihnen diese Ant wort: Ohne daß Lasten von einem Orte zum an dern geschaft würden, könne die Ordnung in der
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Welt nicht bestehen. Weil sie aber mit ihrem Schicksale so unzufrieden wären, so sollten sie nur Anstalt machen, einen Fluß zusammen zu pissen, da mit die Lasten, welche jetzt zu Lande fortgeschafft werden müßten, zu Wasser gehen könnten, und als denn sollte ihren Beschwerden in diesem Stücke ge holfen seyn. Hierauf gingen die Esel sogleich zu Werke, und wie die Mythologisten sagen, so haben sie noch bis auf den heutigen Tag den Gebrauch, daß wenn ein Esel anfängt, auch die übrigen zur Gesellschaft mit pissen.

Lehre.

Jeder Mensch glaubt, ihm sey das schlechteste Loos zugefallen; allein es wäre uns anständi ger, wenn wir mit den Anordnungen der Vor sicht zufrieden wären, und uns mit dem Stande begnügten, in welchen es Gott, uns zu setzen, gefallen hat.

Betrachtung.

Die Esel beklagten sich hier über den Gebrauch und die Verrichtungen, zu welchen sie vornehmlich bestimmt waren; gleich als ob es Grausamkeit und Unterdrückung wäre, wenn man sich der Mit tel bedienet, die uns Gott und die Natur zur Er reichung nothwendiger Endzwecke gegeben hat. Wenn wir alle Stuffen aufheben, und das Hohe mit dem Niedrigen vermengen wollen, so wird die Welt wieder zum Chaos. Ist der Tagelöhner nicht eben so nothwendig, als der Baumeister? Sind die geringsten Handwerksleute nicht eben sowohl
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von der Vorsicht eingesetzt, als Räthe und Staats minister? Der Kopf kann eben so wenig ohne Kör per, als der Körper ohne Kopf seyn, so wie keines von beyden ohne Hände seyn kann, die sowohl den einen als den andern vertheidigen und versorgen müssen. Keine Regierung kann ohne Unterthanen seyn, und keine Menge kann ohne Regierung beste hen; die Pflicht zu gehorchen, ist zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung eben so nothwendig, als die Gewalt zu befehlen. Was würde aus diesem Ganzen werden, wenn es nicht eben so wohl Knechte, als Herren gäbe? Wenn nicht eben sowohl Lastthiere als Lasten; wenn nicht eben sowohl schwere Arbeiten, als Werkzeuge zu diesen schweren Arbeiten; wenn nicht eben sowohl Befehl annehmende, als Befehl gebende Personen, vorhanden wären? Aus Jupiters nachdrücklicher Antwort erhellet die Nothwendigkeit des Amts der Esel, und die Thorheit dieses Amt auf eine andre Weise verwal tet zu wissen. Es ist eben, als ob man sagen woll te: das Amt, das Werk der menschlichen Natur muß gethan werden; gehet also mit einander zu Rathe, und wenn ihr einen Weg ausfündig machen könnt, daß dieses Werk, ohne Rangordnung und Unterwürfigkeit, gethan werden kann, so sollt ihr eurer Bitte gewährt werden. Schließlich ist die ses gewiß: wer zum Arbeiten gebohren ist, der ist außer seiner Stelle und seinem Elemente, sobald er nichts thut.
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CXLVIII. Fabel. Der Esel und die Frösche.

Ein Esel war einsmals, mit einer Last Holz auf dem Buckel, in einen Morast unter eine Menge Frösche versunken; und da lag er nun und winselte und heulte, als ob es ihm das Herz ab stoßen wollte. Höre doch, guter Freund, sprach endlich einer von den Fröschen zu ihm, wenn du darüber, daß du eben itzt in den Morast versunken, ein so erbärmliches Geschrey erheben willst, was sollen wir nicht thun, da wir sehen, daß mehr als hundert unserer nächsten Anverwandten, von dei ner unbehülflichen Schwere zu Boden gedrückt werden? Schäme dich also, und liege nicht so da und winsele; sondern verdopple deine Kräfte, und suche dich und uns aus so mißlichen Umständen zu retten.

Lehre.

Geringere Uebel werden mit weniger Un geduld ertragen, wenn wir sehen, daß unsre Nach barn unter weit größern seufzen. Bey jedem Unglücke, welches uns befällt, sollen wir unsre besten Entschließungen, um uns aus demselben zu wickeln, anwenden, und nicht durch eitle und fruchtlose Klagen unser Uebel vergrößern.

Betrachtung.

Diese Fabel kann uns lehren, daß es ein wich tiger Punkt der Ehre und des Christenthums ist,
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unser Unglück mit Geduld und Entschlossenheit des Geistes zu ertragen, und daß die Standhaftigkeit sowohl ein Stück der Klugheit als des Muths ist, weil sie dem Menschen das Uebel erleichtert. Wie es dem Frosche in dem Moraste ging, fast eben so geht es einem, der ins Gefängniß gerathen ist. An fangs ist er finster und verdrüßlich; bald aber ver sammeln sich die andern Gefangenen um ihm her um; er fängt an seine Zufälle nach der Länge zu erzählen; einige spotten über ihn, andre beklagen ihn, und so vergehen die ersten, vier bis fünf Ta ge. Wenn sich denn nun der Verdruß und die Wallung gelegt haben, und er andre in eben so schlechten nnd<und> vielleicht noch schlechtern Umständen sieht, so kömmt er wieder zu sich selbst, macht sich mit seinen Kammeraden lustig, und weil er in sei ner eignen Wohnung nicht seyn kann, so thut er, als ob er in dem Gefängnisse zu Hause gehöre. So geht es auch mit dem Vogel im Käfige; wenn er sich nun müde geflattert hat, setzt er sich nieder und singt. Und das alles thut die Gewohnheit. Doch diese Fälle sind einigermaßen von dem Falle, in welchem sich der Esel befand, unterschieden; er konnte mit der Last auf seinem Buckel in dem Mo raste nicht leben; was mußte er also thun? Er mußte anstatt zu winseln und unnütze Klagen aus zustoßen, sich besser angreifen, und seine Kräfte verdoppeln, um sich aus dieser Verlegenheit zu reissen, und seine Reise weiter fortsetzen zu können.
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CXLIX. Fabel. Der wundgeriebene Esel und der Rabe.

Als ein Esel, dessen Buckel wund gerieben war, auf einer Wiese weidete, floh ein Rabe auf ihn herab, und fing an, in das wunde, rohe Fleisch zu hacken. Hierüber nun erhob der Esel ein so erbärmliches Geschrey, und machte so seltsame Sprünge, daß der Eseltreiber, welcher nicht weit davon stand und zusah, sich des Lachens nicht ent halten konnte. Da sehe man nun, wie ungerecht die Welt ist! sprach ein Wolf, der eben vorbey ging, und sich einbildete, daß der Rabe den Esel auffressen werde; wenn ein armer Wolf an des Raben Stelle wäre; so würde man ihn den Au genblick zu Tode hetzen; da es aber der Rabe ist, so lacht man darüber!

Lehre.

Partheylichkeit und Unwissenheit verleiten uns oft zu Irrthümern, und verursachen, daß wir ganz falsche Folgerungen und Schlüsse ma chen.

Betrachtung.

Das Lachen des Eseltreibers über die Sprün ge des Esels lehret uns, daß es mancherley Fälle giebt, wo Leute lachen, ohne ein Vergnügen dar über zu haben; wenn nehmlich ein seltsamer drol ligter Umstand ihre Phantasie überrascht. Ja ein
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Mensch kann sich auch oft da des Lachens nicht enthalten, wenn ihm das, worüber er lacht, herz lich leid thut; und alsdenn ist das Lachen nichts als eine mechanische Erschütterung, an der das Herz keinen Antheil nimt. Der Wolf irrete sch sehr, da er das Lachen des Eseltreibers für ein Lachen des Wohl gefallens hielt; und hätte vor allen Dingen beden ken sollen, was zwischen dem Zerreissen des Wolfs und dem Hacken des Rabens, das ist, zwischen einem gewissen Tode und einer überhin gehenden schmerzlichenEmpfindung, für ein gewaltiger Un terschied sey.

CL. Fabel. Der Löwe, der Esel und der Fuchs.

Ein Fuchs und ein Esel, die mit einander her umschweiften, hatten das Unglück, einem Lö wen zu begegnen. Dem Fuchse war außerordent lich bange, damit er nun aber bey einem so schlim men Spiele sein Bestes thun möge, nahete er sich sogleich dem Löwen und sprach: Ich komme, Ewr. Majestät in aller Unterthänigkeit einen kleinen Dienst zu leisten, und verlasse mich, wegen meiner eigenen Sicherheit, auf Dero Großmuth. Wenn Ewr. Majestät zu meinem Reisegefährten Lust haben, so dürfen Sie nur ein Wort sprechen, er soll den Augenblick der ihrige seyn. Gut, sagte der Löwe, ich bin es zufrieden. Der Fuchs führte also den Esel, unter einem listigen Vorwande, in eine Gru be, und als der Löwe sahe, daß ihm der Esel nun
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mehr gewiß wäre, so machte er sich zuerst über den Fuchs, und versparte den Esel zu seinem zweyten Gerichte. Ehe er aber wieder selbst aus der Grube kommen kommen konnte, ward er von einigen Jägern überrascht, und mit einem Pfeile durch das Herz geschossen.

Lehre.

Schlechte Regenten lieben die Verrätherey, und hassen den Verräther. Wer sich aber ein mal eine Verrätherey gefallen läßt, der übet und befördert zugleich eine andre, und legt den Grund zu einem Betragen, wodurch er am Ende selbst zu Grunde gerichtet wird.

Betrachtung.

Diese Fabel giebt einem jeden den Rath, sei ne Gesellschaft vorher ja wohl kennen zu lernen, ehe er sich mit ihr in wichtige Dinge einläßt; ob gleich der, welcher seinen Gefährten verräth, ge meiniglich das Schicksal hat, selbst verrathen zu werden. Der Esel war thöricht, daß er einem Fuchse traute, dessen arglistige Tücke ihm doch bekannt seyn mußten; und die Schelmerey des Fuchses war weiter nichts, als was man von der Natur eines Fuchses erwarten konnte. Gleichwohl aber ent schuldiget dieses den Löwen nicht, für den es wirk lich nicht allzurühmlich war, daß er den Fuchs zer riß. Diese Erdichtung nun, ist weiter nichts als das Sinnbild von Dingen, die alle Tage in der Welt vor unsern Augen geschehen. Der Löwe hätte gar
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wohl den Fuchs als ein verrätherisches Geschöpf verabscheuen können, allein, daß er ihn nunmehr selbst fraß, da er sich schon so weit mit ihm einge lassen hatte, das war ebenfalls nichts anders, als Verrätherey. Hätte er des Esels, wegen seiner Einfalt verschont, und den Fuchs wegen seiner Treulosigkeet<Treulosigkeit> bestraft, so würde sein Verfahren ei nigen Schein der Großmuth gehabt haben. Doch ein ehrliebendes Gemüth wird sich schämen, das verräherische<verrätherische> Werkzeug zu nutzen; das ist, es wird sich schämen, der Verrätherey beyzustimmen: und diese Lehre ist ohne Zweifel die stärkste, die man aus gegenwärtiger Fabel ziehen kann. Ueber haupt davon zu reden, so kam dem dummen Esel seine Leichtgläubigkeit und Thorheit sich zu böser Gesellschaft zu halten, theuer zu stehen; der Fuchs ward mit seiner eigenen Münze bezahlt, indem seine Treulosigkeit mit Treulosigkeit gestraft ward; und der Löwe endlich bekam gleichfalls seinen verdien ten Lohn dafür, daß er die Verrätherey des Fuch ses genehmgehalten, und ihn gleichwohl hernach, wi der Ehre und Versprechen, zerrissen hatte. Kurz, der Fuchs verdiente wegen seiner Verrätherey be straft zu werden; nur das hatte er nicht verdient, seine Strafe von den Klauen des Löwen zu bekom men. Die ganze Fabel ist nichts als die Abbil dung eines ruchlosen Regenten, welcher den An schlägen eines eben so ruchlosen Ministers folgt, den er selbst aufopfert, sobald er ihm seine Dienste ge leistet hat; und die Bestrafung des Löwen zeigt uns das verdiente Schicksal, welches nicht selten auf solche tyrannische Fürsten wartet, die, nach
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XXVI. pag. 223.

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dem sie ihrer Graufamkeit<Grausamkeit>, ihrem Eigennutze, ih rem Ehrgeitze, mehr als tausend Opfer gebracht, endlich, wenn sie es am wenigsten vermuthen, selbst umkommen, und bey ihrem Falle ganz gewiß von keinem Menschen auf der Welt bedauret werden.

CLI. Fabel. Die Henne und die Schwalbe.

EEine thörichte Henne saß und brütete über ei nem Neste Schlangeneyer. Eine Schwalbe, die dieses gewahr ward, stellte ihr die Gefahr vor, und sagte zu ihr, daß sie ihr eigen Verderben aus brüte. Doch die Henne wollte sich an die War nung nicht kehren, bestand auf ihrer Narrheit, und endlich machte der Ausgang die Prophezeyung der Schwalbe wahr.

Lehre.

Wie mancher gutherzige Mann zieht sich, aller Warnung zum Trotz, eine Krähe auf, die ihm die Augen aushacke.

Betrachtung.

So geht es nicht wenig Leuten in der Welt, die durch die guten Dienste, welche sie andern er weisen, sich selbst unglücklich machen. Da es ih nen so sehr an Vorsichtigkeit fehlt, so sollten sie guten Rath am willigsten annehmen. Wer sich harte, böse Leute durch freundschaftliche Zärtlich
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keit zu verbinden gedenkt, der wird am Ende der Rechnung finden, daß Zeit, Mühe und guter Wil le dabey verlohren gegangen; wo er sie nicht gar in Stand gesetzt hat, ihm selbst desto eher zu scha den. Unterdessen ist es gut, sich das Beste von jedermann zu versprechen, nur muß man sich zu gleich auf das schlimmste gefaßt gemacht haben. Der Irrthum liegt blos darinn, daß die Barmher tzigkeit bey andern anfängt, die doch bey sich selbst anfangen sollte. Wer das Ende einer Sache nicht absehen kann, der kann leicht ein falsches Ur theil davon fällen; und eine wohlgemeinte Gut thätigkeit gereicht manchem ehrlichen Manne zum Verderben, indem er anderer Leute böse Entwürfe, in voller Unschuld, und mit den patriotischsten Ge sinnungen, ausbrütet. Umsonst sagt man ihm, was seine Mühe für üble Folgen haben werde, und daß er anstatt Hühner, Schlangen ausbrüte; ein falscher Eifer macht ihn taub und blind, so daß er die wahre Beschaffenheit der Dinge weder sieht, noch sehen will; er sitzet seine Zeit aus, und was kann das Ende davon sonst seyn, als daß das, was er nun ausgebrütet, zu seinem und vieler an dern Verderben gereichet?
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CLII. Fabel. Die Taube und der Mahler.

Eine Taube, welche das künstliche Gemählde eines Glases mit Wasser sah, und das Wasser für wirkliches Wasser hielt, floh hastig und gierig darauf zu, in Hoffnung ihren Durst zu löschen. Allein sie stieß sich mit solcher Gewalt gegen den Rahmen des Bildes, daß sie betäubt zu Boden fiel, und von den Beystehenden ergriffen ward, die ihr sogleich den Hals umdrehten.

Lehre.

Hastige Leute thun vieles aus Uebereilung, was sie hernach bereuen.

Betrachtung.

Mäßigung ist ein wichtiges Stück der Weis heit, und Hastigkeit gegentheils ist immer gefähr lich; denn die Menschen lassen sich sehr leicht von dem äußerlichen Scheine verführen und nehmen das bloße Bild und den Schatten der Dinge, für das Wesen. Alle heftige Leidenschaften haben mehr oder weniger von der Verwegenheit dieser Taube; und wenn unsre hastige Uebereilung nicht in allen Fällen gleich verderblich ist, so haben wir es mehr der besondern Gnade einer alles regieren den Vorsicht, als unserm eignen Verhalten zuzu schreiben. Ein Mensch kann zwar mehr Gegen wart des Geistes, als ein anderer haben, und sich bey unvorhergesehenen Ueberraschungen vermit
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telst derselben einigermaßen sicher wissen; ein ge sundes Urtheil aber ist das Resultat einer zweyten Ueberlegung, die auf Zeit und Umstände sieht, un ter welchen ein glücklicher Ausgang wahrschein licher Weise zu erwarten ist. Wie viel Exempel sehen wir täglich, da sich Menschen, ohne die ge ringste Besorgniß und Ueberlegung, von Liebe, Haß, Neid, Ehrgeitz, Rache, zu ihrem eigenen Verder ben dahin reissen lassen, und dadurch der Taube gleich werden, die wider das Bild flog, und ihren Untergang fand, wo sie Erquickung zu finden hoffte.

CLIII. Fabel. Die Taube und die Krähe.

Eine Taube rühmte sich gegen eine Krähe, ih rer großen Fruchtbarkeit. O, sagte die Krä he, bilde dir doch ja auf diese Eitelkeit nichts ein; denn da du deine Jungen doch nur für den Topf, den Bratspieß und den Habicht erzeugst, so sollte ich denken, je mehr Kinder du hast, desto mehr Sor ge müßtest du haben.

Lehre.

Kinder heissen zwar ein Segen des Himmels, und sie heissen es auch mit Recht, wenn sie ge horsam und hoffnungsvoll sind, und ihr Glück in der Welt machen; aber außerdem sind sie das größte Hertzeleid, das zärtliche Aeltern haben können.
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Betrachtung.

Die Sorge, Angst und Gefahr, die man bey Erziehung der Kinder hat, halten dem Segen ziem lichermaßen das Gegengewicht, besonders wenn sie in einem Stande der Sklaverey gebohren sind, und ihre Wohlfahrt auf dem eigenmächtigen Gut befinden eines Tyrannen beruhet. Die Fabel kann auch noch in einem andern Verstande genommen werden, nehmlich so, daß sie uns zeige, es sey viel Gefahr dabey, eine große Anzahl Kinder zu haben, weil sie nothwendig, sie mögen nun leben bleiben oder sterben, den Aeltern mancherley Anlaß zu Angst und Bekümmerniß geben müssen. Ihr Verlust schmerzet uns; und wenn sie nicht gerathen, son dern in ein leichtfertiges Leben verfallen, so schmerzt uns dieses noch mehr; so daß uns eine einzige solche fehlgeschlagene Hoffnung, den Trost und die Freude, die wir an den übrigen haben, verbittern kann. Ja die bloße Möglichkeit, und noch mehr die Wahrscheinlichkeit, daß unter so vielen leicht einige aus der Art schlagen können, kann uns Kopf und Herz mit schmerzlichen Gedanken und Empfin dungen erfüllen, und uns alle Ruhe, bey Tag und Nacht, rauben.
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CLIV. Fabel. Jupiter und der Hirte.

Als ein Hirte, welcher ein Kalb von seinen Triften verlohren hatte, auf keine Weise er fahren konnte, wo es müßte hingekommen seyn, so wendete er sich endlich mit diesem Gebete an den Jupiter: Großer Jupiter, sprach er, zeige mir nur den Dieb, welcher mein Kalb gestohlen hat, ich will dir gern eine junge Ziege zum Opfer brin gen. Kaum war das Wrot<Wort> aus des Hirten Munde, als der Dieb da stand; und dieser Dieb war ein Löwe. Hierüber nun erschrack der Hirt so sehr, daß er sogleich wieder zu beten anfing: Ich habe mein Gelübde nicht vergessen, sprach er; da du aber nunmehr den Dieb vor mich gebracht hast, so will ich gern aus der Ziege einen Ochsen ma chen, wenn du mich nur wieder von ihm befreyen willst.

Lehre.

Bey Versprechungen und Gelübden können wir nicht sorgfältig und bedächtig genug seyn; denn die Gewährung unsers Gebets kann oft zu unserm gänzlichen Verderben gereichen.

Betrachtung.

Ehe ein Mensch etwas verspricht, und ehe er ein Gelübde thut, muß er es ja wohl überlegen, weil man ihn sonst bey seinem Worte fassen, und
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er es hernach bereuen möchte. Die Helfte unsrer Geschäfte besteht darinn, daß wir Dinge zu erhal ten streben, die wir, wenn wir sie kennen, und nun in dem Besitze derselben sind, gern für alles in der Welt wieder los seyn möchten. Wer also seine Begierden mäßiget, und sich bey allen Vorfällen dem Willen des Himmels überläßt, wird immer am besten fahren, die Sache mag sein Leben, oder sein Glück betreffen.

CLV. Fabel. Die Mücke und der Löwe.

Als ein Löwe in dem Walde herum tobte, floh eine kühne Mücke auf ihn los, und forderte ihn zum Zweykampfe heraus. Die Ausforderung ward angenommen, und die Mücke machte sich in die Nasenlöcher des Löwen, wo sie ihn so zerstach, daß er sich mit seinen eigenen Klauen zerfleischte, und endlich aus Ungeduld davon lief. Die Mücke war auf diesen Sieg nicht wenig stolz und flohe triumphirend davon; plötzlich aber blieb sie in ei nem Spinngewebe hängen, und ward einer arm seligen Spinne zum Raube. Dieses Unglück nun ging ihr ungemein nahe, daß sie unter einem sol chen Ungeziefer erliegen sollte, nachdem sie in dem Streite mit einem Löwen die Oberhand behalten hatte.

Lehre.

Es stehet in der Gewalt der Vorsehung, den Stolz des Mächtigen, auch durch die allerver=
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ächtlichsten Mittel zu erniedrigen. Es lasse sich also niemand, er mag noch so groß oder noch so geringe seyn, weder von dem Uebermuthe, noch von der Kleinmuth dahin reissen.

Betrachtung.

Nichts ist so groß, und nichts so klein, das nicht dem Wechsel des Glücks, ins bessere oder ins schlimmere, unterworfen wäre. Eine elende Mü cke war, wie wir sehen, hinlänglich, den Stolz des Löwen niederzuschlagen, und, die Mücke wegen ih rer hohnsprechenden Eitelkeit zu bestrafen, muß te sie den nächsten Augenblick darauf, in dem Ge webe einer Spinne hängen bleiben. Es ist sehr unvorsichtig, geringen Dingen nicht vorzubeugen; und lächerlich ist es, von ihnen zu Schanden ge macht zu werden. Das bloße Stechen der Mü cke brachte den Löwen eben so sehr auf, als ihn nur immer die tödtliche Wunde eines Pfeils aufge bracht haben würde. Die Lehre hieraus ist diese, daß sich niemand seiner Gewalt und Größe über heben soll, weil auch das allerarmseligste Geschöpf den Weg finden kann, ihn in Verlegenheit zu setzen. Doch muß auch dieser niedrige Feind auf seinen Sieg nicht übermüthig werden; denn die Mücke, welche die Oberhand über den Löwen behalten hatte, ward gleich darauf von einer Spinne gefan gen.
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CLVI. Fabel. Der Löwe und der Frosch.

Ein Löwe, der eben auf Beute ausging, ward auf einmal über ein seltsames Geräusch, das er hörte, stutzig. Als er nun um sich herum sahe, und nichts geringers als ein schreckliches Unge heuer gewahr zu werden, vermuthete; sahe er ei nen elenden Frosch von dem Rande des Teiches daher gehüpft kommen. Und das ist es alles? sagte der Löwe, und setzte sich unter Scham und Ver druß vor, niemals wieder einem Schrecken Raum zu geben, das weiter nichts, als eine schwache Ein bildung zum Grunde habe.

Lehre.

Den ersten Bewegungen kann man schwer lich widerstehen; ein weiser Mann aber waffnet sich gegen eingebildete Gefahren, und läßt sich nicht gern durch kleine Besorgnisse und Ueber raschungen beunruhigen.

Betrachtung.

Niemand in der Welt kann immerfort so viel Gegenwart des Geistes haben, daß er nicht bey gewissen Gelegenheiten und Vorfällen aus seiner gewöhnlichen Fassung gebracht werder sollte; wenn ihn nur seine Philosophie bald wieder zu einer deutlichen Erkenntniß der Dinge verhilft, und seine Entschließung ihn durch alle Schwierigkeiten durch
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führt. Der Löwe in der Fabel konnte sich nicht enthalten, plötzlich stutzig zu werden, obgleich das Schrecken nur von einem elenden Frosche herkam; und hieraus sehen wir, wie leicht auch oft die ge setztesten Gemüther durch den eiteln Wahn und den falschen Schein von Dingen außer sich gebracht werden, die, sobald sie gehörig erkannt sind, ein wirklich tapferer und weiser Mann nicht anders als verachten kann.

CLVII. Fabel. Der Pfau und die Elster.

Die Vögel hatten sich versammelt, einen König zu wählen, und hatten sich in das glänzende Gefieder eines aufgeblasenen Pfaus so sehr ver gafft, daß sie nicht übel Willens waren, ihn zu ernen nen. Die Elster ersuchte hierauf die Versamm lung, wohl zu bedenken, was sie thun wollte; denn wenn uns, sagte sie, der Adler, der Geyer, oder der Habicht anfallen sollte, was für einen Beystand können wir uns von einem Pfaue versprechen? Als dieses gehörig überlegt ward, änderten sie ih ren Sinn, und die Wahl traf einen andern.

Lehre.

Eine glänzende Aussenseite zeigt gemeiniglich eine leere Seele an, und niemals wird sich ein weiser Mann dadurch hintergehen lassen.

Betrachtung.

Bey einer Wahl sollte man alle diejenigen übergehen, die sich durch eitle Prahlereyen und durch
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XXVII. pag. 232.

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das bloße Aeußerliche zu empfehlen suchen. Der würdige Mann, der sich seiner Verdienste bewußt ist, ist blos darauf bedacht, die Fähigkeiten seines Geistes auszubreiten, um seinen Erwählern desto nützlicher zu werden; der Flatterhafte hingegen, der sich wie ein Pfau aufbläset, setzt sein ganzes Ver trauen auf seinen glänzenden Aufzug, und läß<läßt> die jenigen, die ihn erwählen, ihre Thorheit theuer be zahlen, weil er weder Gaben noch Fähigkeit hat, ihnen nützliche Dienste zu leisten, wenn es ihm auch schon am guten Willen nicht fehlt.

CLVIII. Fabel. Der Löwe, der Fuchs und der Esel, zusammen auf der Jagd.

Ein Löwe, ein Esel und ein Fuchs gingen mit einander auf die Jagd aus, und waren eins geworden, die Beute in gleiche Theile unter sich zu theilen. Als sie nun einen Hirsch erlegt hatten, verrichtete der Esel die Theilung, und ließ dem Lö wen in aller Unschuld die Wahl, sich von den drey Theilen eines auszusuchen. Der Löwe ergrimm te hierüber, zerriß den Esel, und befahl dem Fuch se, die Theilung vorzunehmen. Dieser nun schob alle drey Theile zusammen, und machte aus dem Ganzen nicht mehr als ein einziges, indem er für sich bloß etwas weniges von dem Eingeweide be hielt. Diese Theilung billigte der Löwe unge
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mein; aber sage mir doch, Reinecke, sprach er, wer hat dich so vortrefflich theilen gelehrt? Wer sonst, erwiederte der Fuchs, als der Esel?

Lehre.

Die Thorheiten des einen machen den an dern weise; so wie gemeiniglich der Reichthum des einen aus der Verarmung des andern er wächst.

Betrachtung.

Die Erfahrung ist dir Lehrmeisterinn sowohl der Schelme als Thoren. Wir sollten uns wohl vorsehen, ehe wir uns mit Leuten etwas zu schaf fen machen, die weit mächtiger sind, als wir. Es ist Thorheit mit überlegner Macht anzubinden, wenn sie sich einmal vorgesetzt hat, die Oberhand zu behalten. Ein gewisser Hofmann sagte eins mals zu einem seiner Klienten, der ihm bey seiner Erhebung sehr nützliche Dienste geleistet hatte: mein werther Freund, ich werde für ihre Freund schaft nie erkenntlich genug seyn können; aber denken Sie doch worauf, wobey ich Ihnen einige Gefälligkeit erweisen kann. Der ehrliche Mann sahe sich um, und richtete endlich seine Augen auf ein gewisses einträgliches Privilegium, welches er sich ausbat. Recht wohl, sagte der Hofmann: Sie sollen sehen, wie bereit ich seyn werde, Ihnen zu dienen. Er diente ihm auch wirklich, wie ein wahrer Hofmann; denn nach einem Aufschube über den andern, sagte er ihm endlich, daß dieses Privilegium, wie er nach genauer Untersuchung
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gefunden habe, eine zu wichtige Sache für ihn sey; er sollte sich also lieber etwas anders aussu chen: mittlerweile aber fand er Gelegenheit, die aus gebetene Freyheit seinem eignem Sohne auszuwir ken; welches gewisser Maaßen dem Verfahren des Löwen in der Fabel gleich war, der die ganze Beute für sich selbst behielt. Der einzige Unter schied war dieser: der Hofmann machte einen Esel, und der Löwe zerriß einen; in beyden Fällen aber behielt der Stärkste allen Vortheil für sich allein. Diese Fabel hat eine sehr große Aehnlichheit mit der 7ten; doch ist sie in besondern Umständen von ihr unterschieden, weswegen wir sie nicht gern haben übergehen wollen.

CLIX. Fabel. Der Wolf und das Zickel.

Ein Wolf ging bey einer armen Bauerhütte vorbey, und ward von einem Zickel, durch eine Spalte, die in der Thüre war, bemerkt. Als ihm nun dieses eine Menge Flüche nachschickte, sprach er: Bursche, hätte ich dich nur aus deiner Festung heraus, ich wollte dich bald eine beßre Sprache lehren.

Lehre.

Der Feigherzigste wird selbst einen Helden herausfordern, sobald er sich sicher und beschützt weis.
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Betrachtung.

Niemand hat mehr Herze, als ein Feigherzi ger, wenn er sich außer Gefahr sieht. Derglei chen lermende Großsprecherey ist ein so offenbares Zeichen eines weibischenGeistes, daß jeder, der sich ihrer schuldig macht, wenn er weis, daß er vor allen Ahndungen der beleidigten Person sicher ist, seinen nichtswürdigen Charakter nur allzudeutlich verräth.

CLX. Fabel. Jupiter und der Esel.

Der Efel<Esel> eines Gärtners, welcher für sehr we nig Futter, viel und schwere Arbeit verrich een<verrichten> mußte, bat um einen andern Herrn. Jupiter versetzte ihn zu einem Töpfer; bey welchem er fand, daß Thon und Kacheln eine weit schwerere Last sind, als Wurzeln und Kohl; er bat also um eine nochmalige Veränderung. Sein dritter Herr war ein Lohgerber, und hier fand er noch ungleich mehr Ursache zu klagen. Denn, sagte er, bey meinen vorigen Herrn, ward ich nur oft gestoßen und dann und wann geprügelt; bey diesem aber werde ich eben so oft gestoßen und geprügelt, und bekomme noch dazu so wenig zu fressen, daß ich weiter nichts, als Haut und Knochen bin.

Lehre.

Ein Mensch, der sich beständig verän dert, ist nicht sowohl seines Standes, als seiner
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selbst überdrüßig; und wer einmal von einem unruhigen Gemüthe gemartert wird, der kann an nichts Belieben finden.

Betrachtung.

Es ist ein wichtiger Punkt der Klugheit, daß ein jeder mit seinem Loose zufrieden ist. Denn man kann allezeit vierzig gegen eins wetten, daß der, welcher seinen Stand aus Ungeduld und Mißver gnügen ändert, sobald er in einen neuen getreten ist, sich den erstern wieder wünschen wird. Dieje nigen besonders, welche zu harter Arbeit bestimmt sind, können wohl ihre Herren, aber nicht ihren Stand ändern. Es schickt sich für keinen rechtschaffnen und weisen Mann, mit der Natur der Dinge zu hadern, und zu sagen: warum bin ich nicht der oder jener? warum bin ich nicht, sowohl als ein andrer, so oder so? Man muß vielmehr zu sich selbst sagen: bin ich nicht das Geschöpf der allmächtigen Hand? und hat nicht eben die Macht, welche die Welt ge schaffen und geordnet hat, auch mir Rang und Stelle angewiesen? Dieser Körper, diese Seele, dieses Alles, was ich bin, habe ich seyn müssen; und mit der unumgänglichen Nothwendigkeit läßt sich eben so wenig streiten, als mit der unbegreif lichen Weisheit zanken. Wenn ich durch erlaubte Mittel meine Umstände verbessern kann, so mag ich es gar wohl thun; denn dieses ist ein Vorrecht, das jedem vernünftigen Geschöpfe gegeben wor den; nur muß man beständig ein festes Augenmerk dabey haben, und keine unanständigen Wege gehen.
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Murren ist eben so unnütze als strafbar; und eine unruhige Gedanke erzeugt immer eine andere. Das was uns fehlt, macht uns bey weitem nicht so elend, als das, was andre haben; so daß der Neid für uns eine eben so große Plage, als die Leichtsin nigkeit ist. Um glücklich zu seyn, brauchen wir weiter nichts, als das, was wir haben, und nebst diesem Dankbarkeit und Unterwerfung. Die Kla gen des Esels gründeten sich nicht darauf, daß er es schlechter habe, als andre Esel, sondern darauf, daß er ein Esel sey; und er war nicht sowohl sei nes Herrn, als seines Werkes überdrüßig. Seine Glücksumstände waren für ein solches Thier gut genug, so lange er in seiner Sphäre und bey sei nen ersten Verrichtungen blieb. Wenn aber die Steine in der Mauer dem Baumeister Vorwürfe machen wollen, und wenn die Menschen unzufrie den seyn wollen, daß sie nicht größer sind, als sie die Natur zu seyn bestimmt hat; was kann an ders dabey zu erwarten seyn, als des Esels un glücklicher Kreislauf aus einer schlimmen Verän derung in die andere? Wenn sie sich endlich müde und lächerlich genug gemacht haben, müssen sie sich noch glücklich schätzen, daß sie dahin wieder zurückkehren können, von wannen sie ausgegangen waren.
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CLXI. Fabel. Die Frau und ihre Mägde.

Eine gute alte Hausmutter hatte die Gewohn heit, alle Morgen ihre Mägde, sobald als der Hahn krähte, zu wecken. Die Mägde wurden verdrießlich darüber, daß sie so zeitig aufstehen mußten, faßten also mit einander einen Anschlag, und machten den armen Hahn todt: denn, sagten sie, wenn er unsre Frau nicht weckte, so würde sie auch uns nicht wecken. Allein da nunmehr die gute Frau auf diese Weise um ihre Uhr gekommen war, so geschahe es nicht selten, daß sie sich in der Stunde irrte, und ihre Mägde wohl um Mitter nacht aufweckte, so daß diese, anstatt ihre Umstän de verbessert zu haben, sich viel schlechter dabey befanden, als vorher.

Lehre.

Ein Irrthum leitet zu dem andern. Erst beklagen wir uns über geringe Dinge, alsdenn suchen wir ihnen abzuhelfen, bis es uns endlich wie den Kesselflickern geht, die ein Loch zuflicken, und zehn andre machen.

Betrachtung.

Unzufriedne Leute pflegen nicht selten zu Hülfs mitteln ihre Zuflucht zu nehmen, die schlimmer als das Uebel sind; sie sollten es also wohl vorher über legen, ehe sie sich entschließen, und zu sich selbst
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sagen: Dieses leiden wir jetzt, und dieses oder jenes suchen wir durch die vorzunehmende Veränderung zu erhalten; was ist also nöthiger, als daß wir ei nes gegen das andre auf die Wage legen? Die Mägde glaubten, sie würden allzufrüh aufgeweckt, und setzten sich also, aus Furcht zu wenig zu schla fen, in die Gefahr, ganz und gar nicht zu schla fen.

CLXII. Fabel. Der Adler und die Eule.

Ein königlicher Adler hatte beschlossen, diejeni gen von seinen Unterthanen vorzuziehen, die das beste Ansehen und die meiste Geschicklichkeit hätten, und befahl also, daß jeder Vogel seine Jun gen nach Hofe bringen solle. Sie erschienen dem Befehle gemäß, und ein jeder lobte sein Geschlecht, bis endlich auch die Eule sagte: wenn eine schöne Mine und eine reitzende Gestalt jemanden von Ewr. Majestät Unterthanen einiges Vorzugs würdig machen, so glaube ich ganz gewiß, daß man auf meine Jungen vor allen andern sehen wird; denn sie sind mir alle so vollkommen ähnlich, als ob sie mir aus den Augen geschnitten wären.

Lehre.

Eigenliebe ist die Wurzel aller Eitelkeit, und eine so natürliche Schwachheit, daß sie uns eben sowohl in Ansehung derer, die von uns
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XXVIII. pag. 241.

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abstammen, als in Ansehung unsrer selbst, par theyisch macht.

Betrachtung.

Die gegenwärtige Lehre erstreckt sich sowohl auf die Geburthen unsers Gehirns, als unsers Kör pers; eben sowohl auf die Häßlichkeiten unsrer Seele, als unsrer Gestalt. Wir lernen hier vor nehmlich zwey Dinge: Erstlich, wie lächerlich es sey, sich in die unwürdigen Abkömmlinge unsers Ge hirns, oder unsrer Lenden zu vernarren; und zwey tens, wie geneigt wir sind, unsre eignen Irrthümer, Thorheiten und Vergehungen, in Gedanken, Wor ten und Werken, zu übersehen; so daß jeder, der nur ein wenig um sich sehen will, eine Menge le bendiger Beyspiele zu dieser Fabel finden wird.

CLXIII. Fabel. Die Eiche und die Weide.

In einem Streite, den eine Eiche mit einer Wei de hatte, warf die Eiche dieser vor, daß sie so schwach und wankend sey, und dem geringsten Winde nachgäbe; sie hingegen, die Eiche, verlache den heftigsten Sturmwind, und halte es sich für eine Schande, ihren Gipfel nur im geringsten vor ihm zu beugen. Kurze Zeit nach diesem Streite, entstand ein entsetzlicher Sturm; die Weide beug te sich so oft der Wind auf sie stieß, und richtete sich jedesmal unbeschädigt wieder auf; die Eiche aber wollte dem Wirbelwinde starr und unbe
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wegt Trotz bieten, und ward mit samt den Wur zeln aus dem Erdreiche gerissen.

Lehre.

Halsstarrigkeit ist vielmehr Eigensinn, als Entschlossenheit und fester Muth. Ein weiser Mann wird, in erlaubten Fällen, der Nothwen digkeit lieber nachgeben, und sich in die Zeit schicken, als sich und seine Familie dem unver meidlichen Verderben aussetzen.

Betrachtung.

Es giebt mancherley Fälle und mancherley Gelegenheiten, da die Menschen entweder biegen oder brechen müssen; vor allen Dingen aber müs sen Gewissen, Ehre und Anständigkeit dabey in Be trachtung gezogen werden. Wenn ein Baum von einem starken Winde bestürmt wird, können die Aeste gar wohl nachgeben, wenn nur die Wurzeln fest bleiben. Wir müssen uns aber von einer klu gen Ueberlegung leiten lassen, wenn und wo es er laubt ist, den Mantel nach dem Winde zu drehen, und wenn und wo es nicht erlaubt ist. Wenn man biegen oder brechen muß, und wenn dem Menschen nichts anders zu wählen übrig gelassen ist, als daß er entweder nachgeben, oder in sein Verderben stürzen muß; alsdenn ist es sehr schwer zu bestim men, wo, wenn, wie und in welchem Grade wir uns nach der dringenden Gelegenheit bequemen, und in die schwierigen Zeiten schicken müssen. Der vornehmste Punkt unterdessen, welcher allezeit hei lig beobachtet werden muß, und von welchem ein Mensch niemals abweichen darf, wenn er gleich
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sein Leben und seine Freyheit, die Ehre seines Volks und die Wohlfahrt seines Staats damit retten könn te, ist das Gewissen. Die Menschen haben eben so wohl ihre Prüfungen auszustehen, als die Bäu me: die Verderbniß der Zeitläufte, und die mißli chen Umstände sind für jene eben das, was für diese Stürme und Ueberschwemmungen sind. Nun aber ist es mehr Hartnäckigkeit, als Muth, wenn man da lieber brechen als biegen will, wo man mit gu tem Gewissen nachgeben kann; denn die Menschen können eben so wohl aus einem falschen Grunde steif und unbewegt bleiben, als aus nichtigen Ursa chen sich schmiegen und unterwerfen. Unser Kör per kann gezwungen werden, aber nicht unser Geist, daß also die menschliche Schwachheit keine sträfli che Unsittlichkeit zu entschuldigen vermag; denn wo uns die Gesetze Gottes und der Natur verbin den, da kann uns keine Anführung unsrer Gebrech lichkeit lossprechen. Zwischen biegen und un terliegen ist noch ein eben so großer Unterschied, als zwischen biegen und brechen. Man muß auf der einen Seite eben so wenig mit einer unüber windlichen Macht streiten, als auf der andern sich von unumgänglichen Pflichten entfernen; denn es schickt sich weder für einen Menschen noch für einen Christen, seinen Posten zu verlassen. Der wahre Mittelweg in solchen Fällen, liegt zwischen dem Stol ze und der Niederträchtigkeit der zwey äußersten Grenzen; so wie die Weide, zum Exempel, sich bieg te und wieder aufrichtete, da inzwischen die starre und unbewegliche Eiche, mit samt den Wurzeln aus dem Boden gerissen ward.
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CLXIV. Fabel. Die Ameise und die Feldheime.

Als die Ameisen einsmals im Winter ihren Vor rath lüfteten, bettelte eine hungrige Feld heime eine Gabe von ihnen. Die Ameisen sagten zu ihr, sie hätte im Sommer fein arbeiten sollen, wenn sie nicht im Winter darben wollte. Ganz gut, versetzte die Feldheime, ich bin aber auch nicht müßig gewesen, denn ich habe den ganzen Sommer hindurch gesungen. Nun wohl, sprach eine Ameise; so laß das ganze Jahr ein Jahr der Freude seyn, und tanze jetzt im Winter zu den Melodien, die du im Sommer gesungen hast.

Lehre.

Thätigkeit und Fleiß ist das Geschäfte eines weisen und rechtschaffnen Mannes, und nichts kann verächtlicher seyn, als Faulheit. Gehe hin zur Ameise du Fauler, sagt Salomo , siehe ihre Weise an, und lerne; in welchen wenigen Wor ten die ganze Moral dieser Fabel zusammenge faßt ist.

Betrachtung.

Es läßt sich schwer bestimmen, ob Faulheit und Ueppigkeit mehr schändliche, oder mehr gefähr liche Uebel sind. Die Seele des Faulen liegt schlummernd in seinem Körper, und der ganze Mensch ist der Sinnlichkeit Preis gegeben; der Nutzen hingegen und der Segen der Arbeitsam keit ist wirklich, gewiß und dauerhaft; Sicherheit
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und Fülle begleiten sie, und niemals ist sie außer der Zeit. Was war nun das ganze Vergnügen der Feldheime mehr, als ein Sommergesang? Konnte eine eitlere und nichtigere Ergötzlichkeit seyn? Man hüte sich aber ja, schändlichen Geitz unter dem Mantel der Wirthschaft und Sparsam keit zu verbergen, und alle Werke der Milde und Barmherzigkeit dadurch aufzuheben. Freylich müs sen wir vor allen Dingen unsre eignen Bedürfnisse in Erwegung ziehen; nachher aber müssen wir auch nothwendig bedenken, daß die Bedürfnisse unsers Nächsten, ein christliches Recht auf einen Theil un sers Ueberflusses haben. Der Grund dieser Lehre ruhet auf dem Vorzuge, den ein arbeitsames Leben vor der Trägheit hat; und die abgeschlagene Beysteuer auf der einen Seite, soll blos zur Bestrafung der verabsäumten Gelegenheit auf der andern dienen. Dem ohnge achtet wäre es der reichen Ameisen ihre Schuldig keit gewesen, der Feldheime in ihrem Elende mit etwas wenigem beyzuspringen, ob sie gleich durch ihren eignen Fehler darein gerathen war. Denn wenn eines Menschen Fehler einen andern Men schen von seiner Schuldigkeit lossprechen könnte, so würden sogleich alle Pflichten der bürgerlichenGe sellschaft wegfallen. Kurz, ein jeder von uns hat seine Fehler, und die Unvorsichtigkeit meines Näch stens muß mich nicht unmenschlich machen. Die Ameise that ganz wohl daran, daß sie der Feldhei me ihre Faulheit vorwarf, daran aber that sie sehr übel, daß sie ihr bey ihrem Mangel alle milde Hülfe verweigerte.
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CLXV. Fabel. Der Stier und die Ziege.

Ein Stier ward von einem Löwen verfolgt, und eilte, sich zu retten, auf einen Ziegenstall zu. Die Ziege stellte sich in die Thüre, und machte ihm mit aller Gewalt den Eingang streitig. Grausa mes Geschöpf, sagte der Stier, kannst du einem, der sich in solchen Nöthen befindet, die Zuflucht versagen? Ich weis gar wohl, was ich thue, er wiederte die Ziege; denn wäre es nicht die größte Unbedachtsamkeit, wenn ich dich einlassen, und mir auf diese Weise selbst den Löwen über den Hals bringen wollte?

Lehre.

Ob uns gleich die Pflichten der Menschlich keit verbinden, unserm Nächsten in seinem Elen de, so viel als möglich beyzustehen, so müssen wir doch die Klugheit dabey zu Rathe ziehen, damit wir uns und die unsrigen nicht selbst sei netwegen ins Verderben stürzen.

Betrachtung.

Die Erhaltung unsrer selbst ist das erste Grund gesetz unserer Natur; und die Ziege schließt ganz vernünftig, daß sie dem Stiere den Eingang strei tig machen müsse, weil sonst der Löwe, der hinter ihm drein war, sie selbst, als den schwächern Feind, anfallen möchte. Es ist menschlich, seinem Freunde
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im Elende beyzustehen, und wenn es ohne unserm großen Schaden geschehen kann, so sind wir, bey des als Menschen und als Christen, dazu verbun den. Wenn uns aber die Folgen der Zuflucht, die wir, zum Exempel, in Fällen des Hochverraths, verstatten, dem unvermeidlichen Verderben blosstel len, und der Unglückliche noch dazu nichts dabey gewinnt, so können wir gar wohl einer solchen Ge fahr ausweichen.

CLXVI. Fabel. Die Amme und das eigensinnige Kind.

Ein Wolf schlich nach einer guten Abendmahl zeit herum, und kam vor eine Thüre, wo ein kleines Kind schrie, und von der Amme ausgeschol ten ward. Höre auf, so unartig zu seyn, sagte die Amme, oder ich will dich dem Wolfe geben. Das hörte der Wolf, und wartete eine ziemliche Weile, in Hoffnung, die Frau werde ihr Wort halten. Doch das Kind war auf diese Drohung ruhiger ge worden, und nunmehr klang es aus einem andern Tone, denn der Wolf mußte, zu seinem großen Ver drusse, die Amme sagen hören: Nun das ist hübsch! Wenn der Wolf kömmt, und mein Kind hohlen will, so wollen wir uns über ihn hermachen, und ihn ohne Barmherzigkeit todtschlagen.

Lehre.

Ein wohlgeartetes Gemüth läßt sich durch gute Worte ziehen; ein unartiges Gemüth aber
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muß durch Drohungen zu seiner Pflicht getrie ben werden, wenn gelinde Mittel nicht anschla gen wollen.

Betrachtung.

Schrecken und Drohungen sind eben so noth wendig, böse Gemüther im Zaume zu halten, als Lob und Belohnungen unentbehrlich sind, folgsame Gemüther aufzumuntern. Dieser Satz aber ist vornehmlich bey erwachsenen Personen anzuwen den; denn in Ansehung der Kinder, kann leicht kein verderblicherer Irrthum seyn, als sie mit Ge spenstern, Poltergeistern, Popanzen und derglei chen, zu schrecken, welches gemeiniglich die Gewohn heit thörichter Wärterinnen ist, und wodurch sich oft in dem Gehirne des Kindes Eindrücke der Furcht und des Schreckens festsetzen, die der Mann, mit aller seiner Mühe, niemals wieder austilgen kann.

CLXVII. Fabel. Der Adler und die Schildkröte.

Eine Schildkröte bekam den seltsamen Einfall, bey einem Adler fliegen zu lernen. Der Ad ler sagte ihr, es sey dieses eine Sache, die wider alle Natur und Vernunft wäre; je mehr er Schwie rigkeiten machte, desto hartnäckiger bestand sie dar auf. Endlich nahm sie der Adler mit in die Luft, und als sie Thurmshoch gekommen waren, warf er sie herab, und zerschmetterte sie an einem Felsen.
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Lehre.

Es ist eine ganz unnatürliche Eitelkeit, wenn ein Geschöpf nach einem andern Stande strebt, als für welchen es gemacht worden. Mancher Thor wird gewarnet genug, es fehlt ihm aber an Verstande, die Warnung anzunehmen; da her sich denn meistentheils seine wilde Unbe dachtsamkeit in seinem Verderben endet.

Betrachtung.

Jedes Ding in der Natur hat seine angewie sene Stelle und seine eigenthümliche Beschaffenheit; und es ist mit Gewalt zu nichts zu bringen, was seiner Bestimmung zuwider ist. Die meisten von den lächerlichen Aufschößlingen, die sich in der Welt empor geschwungen haben, sind nichts anders als Schildkröten in der Luft; wenn sie nun eine Zeitlang in der Höhe herumgeflattert sind, fängt sich der, der sie mit heraufnahm, ihrer entweder an zu schämen, oder wird ihrer sonst überdrüßig, und läßt sie wieder fallen, so daß ihr Ende weit schimpflicher wird, als ihr Anfang gewesen war. Wir sehen tau send Beyspiele in der Welt, die eben so lächerlich sind, als das in der Fabel; da Menschen nach einem ganz andern Stande streben, als für den sie geschaffen worden. Die Erdichtung vom Phaeton auf dem Wagen der Sonne; vom Frosche, der sich bis zur Größe des Ochsen aufblasen will; von der Schild kröte, die gern auf den Flügeln der Winde daher fah ren möchte, zielen sämtlich dahin ab, daß sie unsern ausschweifenden Leidenschaften Maas und Grenzen setzen und uns zugleich zeigen sollen, was unnatürli che Unternehmungen gemeiniglich für einen Aus gang zu haben pflegen.
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CLXVIII. Fabel. Der alte Krebs und der junge.

Kind, sagte ein Mutterkrebs, zu einem von ih ren Jungen, du must fein gerade gehen, ohne so seitwerts zu kriechen und bey jedem Schritte zu wanken. Gut, Mutter, sagte der junge Krebs, aber seyd so gut, und geht mir mit eurem Exempel vor, so will ich euch nachfolgen.

Lehre.

Es ist sehr unverständig, wenn wir andere etwas thun heissen, was wir selbst weder thun, noch thun können.

Betrachtung.

Beyspiele können weit mehr ausrichten, als bloße Lehren; denn Worte ohne Ausübung sind leere Töne ohne Wirkung. Wenn wir selbst thun, was wir sagen, so bekräftigen wir die ertheilten Regeln; wenn aber unser Leben mit unsrer Lehre nicht übereinstimmt, so scheint es, als ob entweder die Lection für uns zu schwer sey, oder als ob wir selbst glaubten, daß es sich nicht der Mühe verloh ne, dem gegebnen guten Rathe zu folgen. Ehe wir uns unterfangen wollen, unsern Nächsten zu bessern, müssen wir vorher unsre eigene Aufführung bessern, und nicht andre einer Sache wegen ver dammen, die wir selbst thun. Diese Fabel kann daher als eine Lection für Aeltern angesehen wer
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XXIX. pag. 251.

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den, ihren Kindern kein böses Exempel zu geben; denn da alle Fähigkeit der Kinder blos in der Fä higkeit nachzuahmen besteht, so müssen die Beyspiele von Schwachheiten und Lastern, wenigstens einen eben so starken Eindruck auf ihr wächsernes Herz machen, als die Beyspiele von Tugenden. Und nicht allein im Hausstande, sondern auch in öffent lichen Regierungen haben die Worte und Hand lungen unsrer Vorgesetzten, die Kraft und den Nach druck einer Empfehlung. Das Sprichwort Re- gis ad exemplum &c. ist so wahr, daß es eine moralische Unmöglichkeit ist, ein vernünftiges Volk unter einer thörichten Regierung zu finden. Denn wenn man durch eine schändliche Aufführung sein Glück machen kann, so werden die Menschen so wohl aus Neigung, als ihres Vortheils wegen, la sterhaft seyn.

CLXIX. Fabel. Die Sonne und der Wind.

Es entstand ein Streit zwischen der Sonne und dem Winde, welcher von ihnen beyden der stärkste sey, und man ward einig, diesen Streit zum besten desjenigen zu entscheiden, welcher es dahin bringen könnte, daß ein Wandrer seinen Mantel ablegen müsse. Sogleich fing der Wind an zu stürmen, und ließ Regen und Hagel auf den armen Wandrer herabfallen. Doch dieser wickelte sich nur desto fester ein, und ließ sich von dem Wet
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ter im geringsten nicht abhalten, weiter fortzuge hen. Nunmehr fing also die Sonne ihren Ver such an, und ließ ihre Strahlen so kräftig auf den Wandrer sallen, daß er zuletzt die Wärme nicht mehr ausstehen konnte, sondern den Mantel ab warf, und sich zur Erfrischung in Schatten legte.

Lehre.

Güte und Zureden können ein wohlgeartetes Gemüth weit eher gewinnen, als das heftigste, stürmischste Betragen.

Betrachtung.

Der Streit zwischen der Sonne und dem Win de, und das Unvermögen des letztern, können uns lehren, was für Wirkungen die Verfolgung auf die menschlichen Gemüther habe, und wie sehr sie dieselben in ihren Grundsätzen, sie mögen nun gut oder böse seyn, bestärke und verstocke. An der Sonne hingegen erkennen wir die Gewalt einer milden und gütigen Natur, welche gemeiniglich die allerverhärtesten Gemüther erweichet und überwin det.

CLXX. Fabel. Der Esel in der Löwenhaut.

Ein Esel fand eine Löwenhaut, und bekam den Einfall, sich in dieselbe zu hüllen, und in die ser Verkleidung den Wald durchzustreichen. Eine kurze Zeit lang war der Wald sein eigen, denn wo
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er nur hinkam, da floh ein jeder vor ihm. End lich aber kam es ihm auch ein, das Brüllen des Löwen nachzumachen. Doch dieses Brüllen war das deutliche Geschrey eines Esels; die Einwoh ner des Waldes kehrten also wieder um, und ent deckten noch über dieses die langen Ohren. Nun fielen sie alle über ihn her, rissen ihm die geborgte Haut ab, und spielten ihm so übel mit, daß er Ur sache hatte, seinen thörichten Spaß zu bereuen.

Lehre.

Jeder Narr hat ein oder das andre Merk mal, woran er, Trotz aller Verkleidung, zu erken nen ist; und je mehr er auf sich nimt, desto ver ächtlicher und lächerlicher wird er, sobald er ent larvet ist.

Betrachtung.

Das gewöhnliche Merkmal eines Betriegers ist dieses, daß er sein Urbild übertreibt, so wie hier der Esel in der Löwenhaut funfzigmal mehr Lermen machte, als der wirkliche Löwe nur immer würde gemacht haben, und durch diese Verkleidung auch funfzigmal lächerlicher ward. Will man seine Gedanken von dieser Erdich tung aus dem Walde, auf die Wahrheit der tägli chen Erfahrung in der Welt richten, so wird man eine Menge Esel unter der Gestalt der Menschen wahrnehmen, die alle unendlich verächtlicher sind, als der Esel in der Löwenhaut war. Wie viel fürchterliche Esel haben wir in der Kleidung wack rer Männer gesehen! Wie viel abgeschmackte, un
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wissende Narren, die Leute von Einsicht und Ge lehrsamkeit seyn wollten! Mit einem Worte, die Deutung dieser Fabel trifft alle Arten vermeßner Prahler, und hat ihren Einfluß in alle Geschäfte des menschlichen Lebens. Denn aller Orten giebt es Quacksalber, Taschenspieler und Gauckler, die sich für Leute von Ansehen, Gewissen, Vernunft und Religion ausgeben. Da aber die Natur die Zun ge eines Weltweisen noch nie in den Mund eines Dummkopfs verlegt hat, so darf dieser nur zu spre chen anfangen, wenn man sogleich, aus dem Ge schrey und den Ohren, den ganzen verborgnen Esel entdecken soll; und alsdann wird er der sowohl ver dienten Verachtung gewiß nicht entgehen.

CLXXI. Fabel. Der zum Arzte gewordne Frosch.

Ein Frosch sprang auf das höchste Ufer eines Teiches, und machte gegen eine Menge Thie re, die um ihn her versammelt waren, ein gewalti ges Geschrey von seiner Geschicklichkeit in der Arz neykunst. Unter andern war auch ein Fuchs zu gegen, der den Betrieger sogleich erkannte, ihm ei nen verächtlichen Blick zuwarf nnd<und> sagte: Du bist doch ein allerliebster Kerl, daß du, Trotz deiner gelben Gesichtsfarbe und heischern Stimme, andre gesund zu machen unternehmen darst. Zeige deine Geschicklichkeit erst an dir selbst, und alsdenn wol len wir sehen, was von dir zu halten ist.
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Lehre.

Arzt, hilf dir selbst, ist ein bekanntes Sprich wort; und ein Doktor, der selbst die Schwind sucht und Wassersucht hat, muß bey denen schlechtes Zutrauen erwecken, die in eben den selben Krankheiten ihre Zuflucht zu ihm neh men.

Betrachtung.

Diese Fabel ist zugleich eine gute Bestrafung aller derjenigen, die der Fehler und Gebrechen, die sie an andern tadeln, selbst schuldig sind. Verge bens wird ein Trunkenbold wider die Völlerey, ein Wollüstling wider die Sinnlichkeit, ein hochmü thiger Mann wider den Stolz, oder ein Knicker wider den Geiz predigen. Dergleichen Lehren, so gut sie auch an und für sich selbst sind, müssen noth wendig viel von ihrem Nachdrucke verlieren, wenn sie von Personen ertheilt werden, die durch ihre Lebensart und Aufführung zeigen, daß sie selbst von der Kraft und Wahrheit derselben nicht überführt sind.

CLXXII. Fabel. Der böse Hund.

Ein gewisser Mann hatte einen guten Haushund, den er eben deswegen nicht gern wegthun wollte, ob er gleich sonst viel Unheil anrichtete, und selten einen Fremden ungebissen wegließ. Er band ihm also eine Schelle um den Hals, um die Leute
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dadurch zu warnen, ihm ja bey Zeiten aus dem Wege zu gehen. Der Hund aber hielt die Schelle für ein besondres Zeichen der Gunst seines Herrn, und war nicht wenig stolz darauf, bis ihn einer von seinen Bekannten seines Irrthums überwies. Du betriegst dich gewaltig, sprach er, daß du das für eine Zierde, und für ein Zeichen der Achtung hälst, was in der That nichts anders, als ein schimpfli ches Merkmahl ist, das du wegen deines bösarti gen Betragens bekommen hast.

Lehre.

Diese Fabel kann denjenigen zur Erinnerung dienen, die mit ihrer Schande groß thun.

Betrachtung.

Alsdenn sieht es sehr übel aus, wenn die Maß regeln des Guten und Bösen verkannt und vermengt werden, und man ein Brandmahl für ein Ehren zeichen gelten läßt. Die Einbildung dieses Hun des war dem abgeschmackten Eifer jener Franzö sinn nicht unähnlich, die sich der Ehre des königli chen Hauses annahm, weil sie, wie sie sagte, das königliche Wappen führe. Und dieses war ge wissermaßen wahr, indem ihr die drey Lilien auf den Rücken gebrannt waren, welches die gewöhn liche Strafe für gewisse Verbrechen in diesem Kö nigreiche zu seyn pflegt.
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CLXXIII. Fabel. Die zwey Freunde und der Bär.

Zwey Freunde, die zusammen reiseten, und un ter sich eins geworden waren, einander in allen Fällen, die sich nur immer ereignen dürften, beyzustehen, stießen unter Wegens auf einen Bär. Ihm zu entlauffen war nicht mehr möglich. Der eine kletterte daher auf einen Baum, und der an dre warf sich, mit dem flachen Gesichte gegen die Erde gekehrt, nieder, und hielt den Athem an sich. Der Bär kam grade auf den letztern zu, beroch und beschnauperte ihn, indem er die Nase an seinen Mund und seine Ohren hielt, und ließ ihn endlich, weil er ihn für nichts, als für einen todten Körper hielt, unverletzt da liegen. Kaum war der Bär weg, als sein Gefährte von dem Baume herab kam, und ihn mit einem höhnischen Lächeln frag te, was ihm denn der Bär gutes in die Ohren ge wispert habe? Er gab mir die Lehre, antwor tete dieser, mit Leuten keine Gemeinschaft zu ha ben, die ihre Freunde zur Zeit der Noth verlassen.

Lehre.

Wahre Freundschaft wird zur Zeit der An fechtung, gleich dem Golde im Feuer, geprü fet; und der, welcher uns alsdenn verläßt, ist nicht werth, daß wir ihn jemals wieder un sers Vertrauens würdigen.

Betrachtung.

Was ist das Leben ohne Freundschaft? Ohne Freundschaft findet in der Welt weder Gesellschaft
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noch Sicherheit Statt. Die einzige Probe dersel ben aber ist in der Widerwärtigkeit; und da fin den sich sehr wenige, die sie aushalten. So ein Mensch aber, der seinen Freund in der Noth ver lassen, und ihn, wie der Reisende auf dem Baume, noch dazu, wegen der kaum entgangnen Gefahr, verspotten kann, ist am wenigsten zu entschuldigen, und macht sich auch des allergeringsten Vertrauens unwürdig.

CLXXIV. Fabel. Der kahle Ritter.

Als die Perücken erst aufgekommen waren, und noch zu weiter nichts, als zur Bedeckung ei nes kahlen Kopfs gebraucht wurden, trug auch ein gewisser Ritter eine, die man für sein eigen Haar hielt. Als er aber einsmals in Gesellschaft ausritt, ward ihm von einem plötzlich entstande nen Winde, Perücke und Hut abgerissen, worüber die Gesellschaft, bey Erblickung seines kahlen Kopfs, herzlich zu lachen anfing. Der Ritter, seines Theils, ließ sich nichts anfechten, sondern lachte selbst mit und sprach: Wahrhaftig, meine Herren, das ist lustig genug; denn wie konnte ich immer hoffen, anderer Leute Haare zu behalten, da ich meine eignen nicht habe behalten können?

Lehre.

Man kann einer scharfen Spötterey nicht besser begegnen, als wenn man Gegenwart
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XXX. pag. 259.

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des Geistes genug hat, sie selbst auzufangen<anzufangen>, oder wenigstens mit einzustimmen.

Betrachtung.

Mit einem unverstellten, aufrichtigen Betragen kömmt man überall am besten weg; und wer all zusorgfältig ist, einen gewissen Fehler zu verber gen, der posaunet ihn eben dadurch nicht selten aus. Auch ist es in vielen Fällen, wenn sich ein Mensch dem Lachen ausgesetzt sieht, kein geringer Kunstgrif, die Spötterey andern vor dem Mun de wegzunehmen, und sich selbst zum Besten zu haben. Die Sinnschrift des Martials hingegen, auf ein gewisses Frauenzimmer, welches mit dem kah len Ritter einerley Fehler verbergen wollte, und sich deswegen falscher Haare bediente, war um so viel stachlichter, je sorgfältiger und ängstlicher sie war, diesen Betrug zu verbergen. (Lib. VI. Epigr. XII).

CLXXV. Fabel. Die zwey Töpfe.

Zwey Töpfe, deren einer von Thon, und der an dre von Kupfer war, wurden bey einer hef tigen Ueberschwemmung von dem Strome mit fort gerissen. Als nun der küpferne Topf sahe, daß ihm der irdene beständig auswich, rief er ihm zu, sich nicht zu fürchten, er wolle ihm nichts zu Leide thun. Vorsetzlich nicht, das will ich dir wohl
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glauben, antwortete der irdene Topf; allein wir sind von so verschiedener Beschaffenheit, daß wenn wir von ohngefehr gegen einander stoßen sollten, ich allein darunter leiden würde.

Lehre.

Ungleiche Gesellschaft ist gefährlich; nicht zwar, als ob der Große und der Geringe, der Reiche und der Arme, sich bey guter Laune, nicht zusammen vertragen könnten; weil sie aber alle Menschen sind, so kann es nicht fehlen, fie<sie> werden dann und wann an einander gerathen, und alsdenn muß der Schwächere allezeit zu kurz kommen.

Betrachtung.

Wahre Freundschaft kann nur zwischen Perso nen, die einander gleich sind, Statt finden. Der Reiche und der Arme, der Starke und der Schwa che, werden selten lange mit einander auskommen. Und dazu braucht es weder bösen Willen, noch aus drücklichen Vorsatz, Unheil zu stiften, sondern die Ungleichheit allein ist hinreichend. Eben dersel selbe Aufwand, der einem Reichen so wenig als nichts schadet, kann einen Armen zu Grunde rich ten. Die Menschen sollten sich daher fein zu ih res gleichen gesellen; denn ein Mann von gerin gem Vermögen, der mit einem Manne von gros sem Vermögen, wie mit seines gleichen, umgehen will, wird sich eben so gewiß durch ihn ins Ver derben bringen, als gewiß der küpferne Topf den irdenen zerbrechen muß, wenn sie wider einander stoßen.
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CLXXVI. Fabel. Das gute und böseGlück.

Ein Mann, der sich durch eine glückliche Han delschaft, aus sehr geringen Umständen em por geschwungen hatte, fing an zu prahlen, und sagte: O, wenn ein Mensch nur seine Sachen versteht! Alles was ich besitze, habe ich meiner eignen Geschicklichkeit zu danken. Der Geitz ist unersättlich, und also wollte auch dieser noch immer mehr haben, bis er endlich durch Bankerot te, Schiffbrüche und Seeräuber, in weit kürze rer Zeit, als er sich aufzuhelfen gebraucht hatte, wieder so herunter kam, daß er kaum das trockne Brod hatte. An diesem allen, sprach er, hat mein böses Glück Schuld! Von ungefehr mußte das Glück dazu kommen, und diese Beschuldigung mit anhören. O, sprach es zu ihm, du mußt wohl ein sehr unverschämter undankbarer Mensch seyn, daß du mir nur allein das Uebel, das dich betroffen hat, zuschreibst, und alles Gute auf deine eigne Rechnung setzest!

Lehre.

Wir sind sehr geneigt, jeden guten Fort gang uns selbst beyzumessen; und nur unsre Unglücksfälle schieben wir, voll Undanks, auf die Vorsehung, welche wir unter dem Worte Glück verstehen müssen.
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Betrachtung.

Wir hängen unsre Herzen so sehr an den Werth der Wohlthaten, die wir bekommen, daß wir sel ten an den Ertheiler derselben denken, und daher gemeiniglich unsern Dank der zweyten Hand ab statten, ohne im geringsten auf die wahre Quelle zu sehen. Wir fallen, durch unser eigen Verschul den, in Irrthümer und Unglück; so bald wir uns aber darinn verwickelt sehen, legen wir andern die Schuld bey. Dieses oder jenes, sagen wir, war freylich nicht wohl gethan; aber was konnten wir dafür? Wir thaten es gezwungen, auf Anrathen, auf ungestümes Nöthigen, dem Ansehen großer Beyspiele zu Folge, und dergleichen. Auf eben die Weise nun, wie wir unsre eigne Schwachheit und Bosheit bemänteln, pflegen wir uns auch die Verdienste anderer anzumaßen. Was wir also hierbey zu thun haben, besteht darinn, daß wir unsre Vermessenheit ablegen, Gott für die Wohl thaten, die wir aus seinen Händen empfangen, danken, und uns in denjenigen Umständen, die wir so leicht für unser Unglück ansehen, und die gleich wohl, wenn wir uns ihrer gehörig bedienen, sehr oft zu unserm Besten, wo nicht in dieser, doch in der zukünftigen Welt, ausschlagen, seiner allweisen Vor sicht überlassen sollen.
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CLXXVII. Fabel. Der Pfau und der Kranich.

Als einsmals ein Pfau und ein Kranich mit einander in Gesellschaft waren, breitete der Pfau seinen Schweif aus, und forderte den an dern auf, ihm ein eben so glänzendes Rad von Fe dern zu zeigen. Du prahlst mit deinen Federn, sagte der Kranich, die freylich für das Gesicht sehr schön sind, weiter aber auch zu nichts taugen, als die Augen der Kinder und Narren auf sich zu zie hen. Thue einmal, was ich thue, wenn du es kannst; und so gleich schwang er sich, mit einer anständigen Verachtung, hoch in die Luft, und lies den gaffenden Pfau unter sich, der ihm so lange starr nachsahe, bis ihm die Augen vergingen.

Lehre.

Nichts verräth einen schwachen Geist deut licher, als wenn sich ein Mensch auf sein schö nes Aeußerliche viel einbildet; es mag nun in der Schönheit der Person selbst, oder, welches noch eitler ist, in der Pracht der Kleider be stehen.

Betrachtung.

Ein Geist, der sich, gleich dem hochfliegenden Kraniche, durch die Tieffen der Wissenschaften schwingen, und die eingebildeten Pfaue der Welt, die seinem erhabnen Fluge zu folgen, ganz unge schickt sind, mit einer großmüthigen Verachtung hinter sich lassen kann, ist dem glänzenden Gefieder
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unendlich vorzuziehen, welches an der niedrigen Erde dahin schleicht, und völlig unvermögend ist, sich über die elenden Ergötzlichkeiten derselben, em por zu schwingen. So viel können wir, zu unserm Nutzen, aus die ser Fabel lernen. Wenn wir sie aber im engern Verstande nehmen wollen, so müssen wir bedenken, daß die Natur an der Abwechslung ihr größtes Vergnügen hat. Einige von ihren Werken sind dem menschlichen Geschlechte zur Zierde, andre zum Nutzen und zum Gebrauche. Alle aber haben ih re besondern Eigenschaften und Vorzüge; denn sie thut nichts umsonst. Der Pfau pranget mit der annehmlichen Pracht seines Schweifs; der Kra nich ist auf die Stärke seiner Schwingen stolz. Bey des sind zwey Vortreflichkeiten, die verschiednen Gattungen zukommen; und beyde sind, vor sich be trachtet, gleich vollkommen. Doch das Gute selbst hat seine Grade; und das, was das nützlichste und nothwendigste ist, muß auch vor andern den Vorzug haben.

CLXXVIII. Fabel. Der Tyger und der Fuchs.

Als ein Jäger auf der Jagd war, und alle Thie re vor ihm flohen, sprach ein Tyger: Laßt mich nur allein; ich will diesem Kriege bald ein Ende machen. Kaum hatte er es gesagt, als er sich von einem Pfeile verwundet fühlte. Da er ihn nun herauszuziehen bemüht war, fragte ihn ein
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Fuchs: welche verwegne Hand ihm diese Wunde beygebracht habe? Ich glaube, sagte der Tyger, es muß ein Mensch gewesen seyn, und ich sehe es nun zu spät ein, daß es sich nicht wohl mit einem Gegner streiten läßt, welcher von weitem, ohne daß ihn unsre Rache erreichen kann, zu verwun dern weis.

Lehre.

Mit Personen, die uns an Macht oder Ge schicklichkeit überlegen sind, zu streiten, muß man sorgfältig vermeiden.

Betrachtung.

Verstandnnd<und> List sind oft viel vermögender als Stärke; denn Unbedachtsamkeit und Verwegenheit setzt den Menschen meistentheils aus seinem Vor theile. Es ist ein wichtiges Stück der Weisheit, wenn sich ein Mensch so zu fassen weis, daß er wi der alle Zufälle auf seiner Hut ist; und in dieser Absicht muß er sich sorgfältig nach dem Charakter, der Stärke, den Bewegungen und den Absichten seines Feindes erkundigen. Der Mangel an der gleichen Vorsicht ist oft das Verderben der größten und schrecklichsten Kriegsheere gewesen, und hat dem verächtlichsten Feinde die Oberhand im Felde verschafft. Da sich der Tyger auf seine eigne Stär ke, und die Schärfe seiner Zähne und Klauen all zusehr verließ, und seinen Feind, dessen List und Ränke ihm unbekannt waren, verachtete, so war er selbst an seinem Untergange Schuld.
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CLXXIX. Fabel. Die Löwe und die Stiere.

Eine Anzahl Stiere machten ein Bündniß, be ständig mit einander zu weiden, und dem gemeinschaftlichen Feinde mit vereinten Kräften die Spitze zu bieten. So lange als dieses Bündniß dauerte, konnte ihnen niemand etwas anhaben; kaum aber waren sie unter einander uneinig ge worden, als der Löwe seinen Vortheil wahrnahm, und sie alle, einen nach dem andern, zerriß.

Lehre.

Innerliche Uneinigkeiten sind das Gift der gemeinen Wohlfahrt. Ein Haus oder ein Kö nigreich, wie die heilige Schrift anmerkt, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen.

Betrachtung.

Das vornehmste Band aller Gesellschaften ist die Einigkeit, durch welche die Stärke und der Verstand verschiedner, gleichsam in ein mächtiges Ganze zusammen fließt. So lange die Stiere un ter einander einig waren, lebten sie in vollkomme ner Sicherheit; kaum aber hatten sie sich getrennt, als sie sämtlich dem Löwen zur Beute wurden. Die alte und neue Geschichte ist mit Beyspielen von dieser Art angefüllt; da nehmlich verschiedene klei nere vereinigte Staaten einem gemeinschaftlichen mächtigen Feinde so lange glücklich die Spitze ge boten, bis es ihm endlich gelungen, sie zu tren
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nen, und er nach dieser Trennung, einen nach dem andern mit Gemächlichkeit aufreiben können.

CLXXX. Fabel. Die Tanne und der Brom beerstrauch.

Ich strecke mein Haupt, sagte eine prahlende Tanne zu einem demüthigen Brombeerstrau che, bis unter die Sterne; ich gebe Balken zu Pallästen und Masten zu Schiffen; mein Oel ist ein bewährtes Mittel wider Krankheit und Wunden; du hingegen, elender Brombeerstrauch, kriechst an der Erde herum, und bist in der Welt zu nichts gut, als Unheil zu stiften. Ich unterstehe mich nicht, sagte der Brombeerstrauch, dir diese Punk te, worauf du so stolz bist, streitig zu machen, oder mich mit dir zu vergleichen; ich will auch darauf nicht hestehen, daß der, der dich zu einer stolzen Tanne gemacht hat, dich eben so wohl zu einem niedrigen Strauche hätte machen können; sondern ich will dich nur fragen, ob du, wenn nunmehr der Zimmermann mit der Axt in den Wald kömmt, und dich zu fällen droht, nicht lieber ein Brom beerstrauch, als eine Tanne, seyn möchtest?

Lehre.

Armuth bewahret die Menschen vor man cherley Gefahren; da hingegen der Reiche und der Mächtige das Augenmerk der Bosheit und des ungünstigen Glücks ist; denn je höher in den Wolken, desto näher dem Donner.
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Betrachtung.

Die Antwort, die der demüthige Brombeer strauch der hochmüthigen Tanne gab, ist so pathe tisch, daß sie, schon vor sich allein, eine sehr gute Lehre zu dieser Fabel seyn kann. Keines von den Werken Gottes ist so gering, daß es deswegen ver achtet werden müßte; und keines so erhaben, das nicht erniedriget werden könnte; ja, je grösser die Staffel ist, worauf es steht, desto größer ist oft die Gefahr. Es ist daher ein unverzeihlicher Ueber muth, wenn ein Großer einen Geringen verachtet, da die Vorsicht doch so leicht den einen erhöhen, als den andern erniedrigen kann, ohne weder auf dieses noch jenes Würdigkeit oder Unwürdigkeit zn<zu> sehen. Die Geschichte bietet uns auch unzähliche Beyspiele an, wo die stolze Tanne, ob sie gleich ein erster Minister, oder ein großer Fürst gewesen, dennoch von dem Beile des Nachrichters gefällt worden, da inzwischen der bescheidene Brombeer strauch, oder der zufriedne arme Mann, in seiner niedrigen Dunkelheit, ein sichres und ungestörtes Leben genossen. Ferner können wir aus dieser Fabel lernen, daß jeder Stand des Lebens seine Vermischung vom Guten und Bösen hat. Wenn die Tanue<Tanne> auf den Gebrauch, den man von ihr macht, auf ihre Stärke und Gestalt stolz ist, so kann sie auf die Sicherheit des kriechenden Brombeer strauchs nicht stolz seyn; denn der einen Nutzbar keit reitzet die Axt des Zimmermanns, wegen der Armseligkeit des andern hingegen, hält es nie mand der Mühe werth, sich an ihn zu machen. Endlich können wir noch dieses hinzufügen: So
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XXXI. pag. 269.

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wie Stolz und Uebermuth ein Laster ist, das selten seiner Strafe entgeht; so ist Demuth Gegentheils eine Tugend, die selten ohne Segen bleibt.

CLXXXI. Fabel. Der Geitzhals und der Neidische.

Als ein Geitzhals und ein Neidischer, den Ju piter einsmals mit ihrem Gebete belästig ten, ward ihnen gesagt, daß was der eine bitten werde, der andre doppelt bekommen sollte. Der Geitzige bat also, seinem Charakter gemäß, um große Reichthümer; er bekam sie, und der Neidi sche zugleich erhielt sie doppelt. Gleichwohl war dieser noch nicht zufrieden, und es schmerzte ihn, daß der Geitzige auch nur halb so viel haben sollte, als er. Was that er also? Er bat den Jupiter, daß er ein Auge verlieren möge; blos damit der andre, ausgemachter Maaßen, beyde verlieren müßte.

Lehre.

Geitz und Neid sind die allerungeselligsten und teuflischsten Laster. Der Geitz wollte gern alles allein haben; und der Neid murrt über das geringste Gute, das sein Nächster be sitzet.

Betrachtung.

Der Geitzhals ist nach dieser Fabel in großer Verlegenheit. Denn da der Geitz niemals ganz
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ohne Neid ist, so mußte es einem Menschen, der gern alles selbst gehabt hätte, gewiß die größte Pein seyn, sich in der Nothwendigkeit zu sehen, ei nen andern, vermöge seiner eignen Wahl, zwey mal so reich zu machen, als er selbst zu seyn wünsch te. Es kann aber auch unmöglich der Neidische in einem stärkern Lichte gezeigt werden, als er hier erscheinet. Denn es verdrießt ihn nicht allein, daß der Geitzige halb so reich ist als er, ob er gleich sein doppeltes Vermögen einzig und allein dessel ben Gebete zu danken hat; sondern er entsagt auch allen Gütern, die er nun auch durch sein Gebet hätte erlangen können, blos weil sein Nächster noch einmal so viel bekommen müßte; und bittet so gar um einen Fluch, nehmlich, um den Verlust eines Auges, nur damit der andre seine beyden Au gen verlieren müsse, und auf diese Weise unfähig werde, seine erlangten Schätze mit Zufriedenheit zu genießen. Dieses merkwürdige Beyspiel des Neides und des Geitzes, erinnert uns, wider so böse Leidenschaften ja wohl auf unsrer Hut zu seyn, weil sie nicht allein denjenigen, die sich von ihnen regieren lassen, zur Marter gereichen, son dern sie auch zum Greul und Abscheu vor Gott und den Menschen machen.

CLXXXII. Fabel. Die Krähe und der Wasserkrug.

Eine durstige Krähe fand einen Wasserkrug, in welchem ein wenig Wasser war; nur stand es, zum Unglücke, so tief, daß sie nicht dazu kom
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men konnte. Erst versuchte sie den Krug zu zer brechen, und hernach, ihn umzustürzen; allein er war ihr beydes zu feste und zu schwer. Endlich fiel sie auf eine List, durch die sie zu ihrem Zweck gelangte; sie warf nehmlich eine große Menge klei ner Kieselsteine nach und nach in das Wasser, bis es immer höher und höher trat, und sie es endlich erreichen konnte.

Lehre.

Was wir nicht durch Kraft und Vermö gen zu erhalten im Stande sind, dazu können wir oft durch Kunst und Erfindung gelan gen.

Betrachtung.

Wenn wir nach etwas, das uns oder unsrer Fa milie nützlich seyn kann, streben, müssen wir uns durch keine anscheinende Unmöglichkeiten, in unsern löblichen Bemühungen, aufhalten lassen. Wir müssen vielmehr unsre möglichsten Kräfte, in so weit es vergönnt ist, anwenden, und unsern Fleiß ver doppeln, um alle die Schwierigkeiten zu überstei gen, die der Erreichung unserer Absichten, und der Beförderung unsrer Wohlfahrt in den Weg gelegt werden. Auf wie viele schöne Erfindungen und Künste haben uns nicht Bedürfniß und Nothwen digkeit gebracht, auf die man ohne sie gewiß nicht gefallen wäre!

CLXXXIII. Fabel. Der Löwe und der Mann.

Es entstand zwischen einem Löwen und einem Manne ein Streit, welcher von beyden das tapferste und stärkste Geschöpf sey. Siehe ein
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mal, sprach der Mann; ich berufe mich hier auf diese Bildsäule; und hiermit wies er auf einen aus Stein gehauenen Mann, der einen Löwen unter seinen Füssen hatte. Ja, ja, versetzte der Löwe; wenn wir Löwen eben so gut mahlen und aus hauen könnten, als ihr Menschen, so wollte ich dir, für einen Löwen, unter den Füßen eines Menschen, gewiß zwanzig Menschen unter den Klauen eines Löwen zeigen.

Lehre.

Es ist wider die Regeln der Billigkeit, daß ein Mensch in seiner eignen Sache Richter ist.

Betrachtung.

Die Phantasien der Dichter, Mahler und Bild hauer, können keine Beweise der Wahrheit abgeben; denn die Menschen sind in ihren eignen Sachen partheyisch, und niemand wird gern wider sich selbst reden. Es ist wider die gemeine Billigkeit, wenn ein Mensch beydes Richter und Parthey seyn will; und zwischen den Erdichtungen der Einbil dungskraft, und dem, was wirklich in der Natur geschieht, ist ein großer Unterschied. Ferner kann uns diese Fabel lehren, daß man in keiner Sache, nach der Aussage bloß eines einzigen Theils, rich ten müsse, und daß der Handel ein ganz ander An sehen bekomme, wenn man beyde Theile gegen ein ander abhöret.
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CLXXXIV. Fabel. Der Knabe und der Dieb.

Zu einem Knaben, der bey einem Brunnen stand, und sich stellte, als ob er recht herzlich wein te und jammerte, kam ein Dieb, und fragte, warum er sich so untröstlich bezeigte? Der Faden, sagte der Knabe, ist mir zerrissen, und ich habe einen silbernen Becher in den Brunnen fallen lassen. Sogleich klei dete sich der Dieb aus, und stieg in den Brunnen herab, um den Becher zu suchen. Eine Weile her nach, kam er wieder herauf, und alle seine Mühe war vergebens gewesen. Wie erschrack er aber vol lends nicht, als er fand, daß unterdessen der schel mische Knabe mit seinen Kleidern davon gelauffen war!

Lehre.

Ein Diamant kann nicht anders, als mit einem Diamante geschnitten werden; und ob gleich alles Stehlen sträflich ist, so glaube ich doch gewiß, daß derjenige am wenigsten schuldig ist, der an einem Diebe zum Diebe wird. Der Knabe bestrafte den Dieb; und die Gesetze, aller Wahrscheinlichkeit nach, ergriffen und bestraften endlich auch den Knaben, wo nicht wegen dieser, doch wegen andrer Schelme reyen; denn nach einem so frühen und glücklichen Anfange im Stehlen, wird er es gewiß bey die ser Probe nicht haben bewenden lassen.
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Betrachtung.

Daß der Knabe einen Dieb überlistete und be raubte, verringerte sein Verbrechen nur um ein sehr weniges; und ohne Zweifel wird er dem er sten, der ihm hernach in den Lauf gekommen, eben dieselbe Schlinge wieder gelegt haben, und dieser hat eben so wohl ein ehrlicher Mann, als ein Dieb seyn können. Er würde nicht einmal zu entschul digen gewesen seyn, wenn er es schon gewiß ge wußt hätte, daß auch dieser zweyte ein Dieb sey; denn die Ruchlosigkeit des einen, kann keine Ent schuldigung für die Bosheit des andern seyn. Nicht einmal das Böse, das uns andre zufügen, sollen wir mit Bösem vergelten; sondern blos und allein bodenken, ob das, was wir thun, vor sich betrachtet, gerecht oder ungerecht ist; denn es ist weit besser, Beleidigungen erdulden, als zufügen.

CLXXXV. Fabel. Der Mann und der Satyr.

Ein Mann und ein Satyr waren in eine sehr vertrauliche Bekanntschaft gerathen. Eins mals führte der Mann die hohle Hand gegen den Mund, und blies in dieselbe. Wozu das, fragte der Satyr? Es friert mich an die Hand, antworte te jener, und drum habe ich sie warm blasen wol len. Zu einer andern Zeit sahe der Satyr, daß der Mann seine Suppe blies. Und wozu denn nun das, sprach er? Meine Suppe ist zu heiß, versetzte der Mann, und drum blase ich sie kalt. Nein, sagte
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der Satyr, wenn du so bist, daß du aus einem Munde kalt und warm blasen kannst, so habe ich nichts mit dir zu thun.

Lehre.

Mit Leuten, die unter einer Kappe zwey Gesichter haben, ist nicht gut umgehen.

Betrachtung.

Diese Fabel, ohne auf die versteckte Moral zu sehen, zeigt die große Einfalt des Satyrs, der nicht einsehen konnte, wie zwey so verschiedene Wirkungen aus einerley Lippen kommen könnten. Unterdessen that er doch daran sehr wohl, daß er allen Umgang mit einem Menschen aufhob, den er für einen Zweyächsler hielt, welcher sich, wie er glaubte, in alle Zeiten und Gelegenheiten schicke, ohne im geringsten dabey auf Wahrheit und Ge rechtigkeit zu sehen.

CLXXXVI. Fabel. Herkules und der Fuhrmann.

Ein Fuhrmann, welcher mit seinem Wagen in einem tiefen Morastloche stecken geblieben war, stand da, sperrte das Maul auf, und bat den Herkules, ihm aus dem Schlamme zu helffen. Du fauler Schlingel, sprach Herkules, kannst du nicht selbst die Fäuste an das Rad legen? Denkst du, daß die Götter dich deiner Arbeit überheben müssen, und du dabey die Hände im Schooß legen darfst?
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Lehre.

Wir müssen unser möglichstes dabey thun, wenn wir in unsern Angelegenheiten glücklich seyn wollen, und nicht stille sitzen und auf Wun der lauren, die der Himmel zu unserm Besten thun soll.

Betrachtung.

Gebete ohne Werke, taugen weder für andere, noch für uns selbst. Es liegt uns bey Anwen dung derjenigen Kräfte, die uns die Vorsicht so wohl zu unserm, als zu unsers Nächstens Nutzen, mitge theilet hat, eine doppelte Pflicht ob. Ein kahles, Herr erbarm dich unser, ist nicht hinlänglich, den Wagen aus dem Moraste zu heben, oder unserm Nächsten aus der Grube zu helfen; sondern wir müssen selbst Hand an das Werk legen. Diese Fa bel von einer andern Seite zu betrachten, können wir fragen, wozu der Schall der Worte bey dem Beten diene, wenn keine rechte Andacht des Her zens und keine sorgfältige Anwendung der Mittel, die uns natürlicher Weise zum Zwecke bringen können, damit verbunden ist? Das will so viel sa gen: Leib und Seele müssen bey allen Verrichtun gen des christlichen Lebens so wohl, als des bür gerlichen, unzertrennlich seyn, bey welchen es an ders Statt findet, daß man dabey beyder Vermö genheiten anwenden kann. Kurz; der, welcher Seel und Leib geschaffen hat, will auch, daß wir ihm mit beyden dienen, und ihn mit beyden ver herrlichen sollen.
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XXXII. pag. 277.

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CLXXXVII. Fabel. Der Affe und seine zwey Junge.

Ein Affe hatte zwey Junge; in das eine war er ganz vernarrt, um das andre aber beküm merte er sich wenig, oder gar nicht. Einsmals überfiel ihn ein plötzlicher Schreck; schnell sprang er auf, und nahm sein Schooßkind unter den Arm, ohne auf das andre Acht zu haben, welches ihm in der Geschwindigkeit auf die Achsel hockte. In dieser Eilfertigkeit lief er fort, und stieß, ganz blind vor Furcht, mit dem Kopfe seines Lieblings wider einen Stein, daß das Gehirn heraussprang, da unterdessen das andre Junge, welches ihm auf dem Rücken saß, glücklich und unbeschädiget da von kam.

Lehre.

Verzärtelte Kinder werden gemeiniglich un glücklich; und die, auf welche man am wenig sten gehalten hat, werden meistentheils die be sten Lente<Leute> .

Betrachtung.

Wir sind zwar von unsrer Liebe und unserm Ab schen nicht Meister; dem ohngeachtet aber müssen wir uns von unsrer Zärtlichkeit, nicht über die Grenzen einer vernünftigen Neigung bringen las sen, noch von unsern Kindern das eine ungleich lie ber haben, als die andern. Kinder sind von Na tur mißgünstig und neidisch; und wenn man ih ren Muth so zeitig niederschlägt, so ist er in Gefahr
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ganz und gar erstickt zu werden. Ueber dieses ist wohl leicht kein größres Närrchen, als der junge Herr, welcher die Ehre hat, seiner Mutter lieber Affe zu seyn. Sie erfüllt ihn mit der unmäßigsten Eigenliebe, und da sie schon in dem sechzehnten Jah re einen Mann aus ihm machen will, so macht sie, daß er Zeit seines Lebens ein Knabe bleibt.

CLXXXVIII. Fabel. Der Fuchs und der Igel.

Ein Fuchs, welcher über einen Fluß schwim men wollte, ward von dem Strohme mit fortgerissen, und blieb endlich, unten an einem ho hen Ufer, liegen, wo er von einem Schwarme Flie gen zerstochen ward, die sich an seinem Blute satt saugten. Ein Wasserigel that ihm den Antrag, die Fliegen wegzubeissen. Nein, nein, sprach der Fuchs, laß sie nur seyn; denn die Fliegen, die jetzt auf mir sitzen, haben sich bereits so voll gesaugt, daß sie mir wenig mehr Schaden thun können, als sie mir schon gethan haben. Wenn du sie aber verjagst, so werden andre hungrige an ihre Stelle kommen, mit welchen ich alsdenn noch zehnmal schlimmer daran bin.

Lehre.

Es ist besser, ein gegenwärtiges Uebel, wenn es auch noch so schwer ist, erdulden, als durch die Bemühungen, es los zu werden, sich der Ge fahr eines weit grössern aussetzen.
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Betrachtung.

Dieser Fabel bediente sich Aesopus gegen die Sa mier, bey Gelegenheit eines innerlichen Aufruhrs, und er war so glücklich, seinen Zweck damit zu er reichen. Sie ist ungemein lehrreich, und bestraft das unzufriedne Murren über die gegenwärtigen, so wohl öffentlichen, als besondern Umstände; denn indem wir kleinern Uebeln abzuhelfen bemüht sind, fallen wie oft in weit grössere. Unter der Sonne ist nichts vollkommen; sondern jedes Gute ist mit etwas Bösem, und jedes Böse mit etwas Gutem vermengt; und diese natürliche Vermischung er streckt sich über alle und jede menschliche Angele genheiten. Ueber das also, was noch zu ertra gen ist, müssen wir die Geduld nicht verlieren, son dern vielmehr, ehe wir unsern Zustand zu verän dern suchen, alle Zufälle und Gefahren wohl über legen, die unser Unternehmen nach sich ziehen kann, damit wir uns nicht am Ende, die selbst vrrschuldete<verschuldete> Verschlimmerung unsrer Umstände zuzuschreiben haben.

CLXXXIX. Fabel. Der Landmann und der Habicht.

Ein Landmann war so glücklich, einen Habicht zu fangen, der eben einer Taube hitzig nach setzte. Der Habicht wollte sich vertheidigen, und wandte vor, daß er dem Landmanne nie etwas zu Leide gethan habe; und ich hoffe also, sprach er, daß du so billig seyn, und auch mir nichts zu Leide
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thun wirst. Recht gut, versetzte der Landmann; aber was hatte dir denn die Taube zuwider gethan? Wie du es mit dieser würdest gemacht haben, so bin ich auch befugt, es mit dir zu machen. Ach, fuhr der Habicht fort, ich sehe nun wohl, daß ich es verdient habe, einem Feinde in die Hände zu gera then, der mir eben so zu mächtig ist, als ich der Taube war. Aber was wird es der armen Taube helfen, daß sie mir jetzt entgangen ist? Es lauren zu viel Räuber auf sie, und sie wird gar bald einem andern in die Klauen gerathen.

Lehre.

Es ist dem Lauffe der Welt gemäß, daß der Stärkere den Schwächern unterdrückt; und es giebt gewisse Gewaltige, die durchaus nicht zulassen, daß jemand anders, als sie, ungerecht handeln darf.

Betrachtung.

Raubvögel sind ein Sinnbild räuberischer Ge richtsbedienten. Eine höhere Macht nimmt ihnen dasjenige mit Gewalt ab, was sie andern mit Ge walt abgenommen haben. Es geschieht aber nur allzuoft, daß man die Billigkeit der Wiedererstat tung, nach vollzogner Strafe, vergißt. Hier se hen wir einen Landmann, der einen Habicht über der Verfolgung einer Taube ertappt; der Habicht will seine Sache vertheidigen; der Landmann nimt sich der Taube wider ihn an, und nach einem schö nen Verhör, wird der Habicht aus seinem eignen Munde verdammt, und die Taube von ihrem Unter drücker erlöset. So ward folglich eine Gewalt
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thätigkeit durch die andre verhindert; die arme Un schuld wider einen mächtigen Feind beschützt, und an einem offenbaren Verfolger Gerechtigkeit aus geübt. Diesem glänzenden Anscheine von Groß muth und Zärtlichkeit aber ohngeachtet, scheint es doch, daß der Mann die Taube blos deswegen von dem Habichte befreyet habe, damit er sie selbst es sen möge; und wenn wir uns wohl umsehen, so werden wir finden, daß die meisten so genannte Vermittelungen, die im Namen der öffentlichen Gerechtigkeit unternommen werden, von dieser Art zu seyn pflegen.

CXC. Fabel. Die Schwalbe und die Spinne.

Eine Spinne hatte wahrgenommen, daß die Schwalbe Fliegen fange, und weil sie dieses als einen Eingriff in ihre Vorrechte ansahe, so be kam sie den Einfall ein Netz zu weben, in welchem sie Schwalben fangen wolle. Doch die Schwal be riß ohne die geringste Schwierigkeit durch das Gewebe durch, und flohe mit samt dem Netze da von. Gut, sagte die Spinne, ich sehe wohl das Vogel fangen meine Sache nicht ist; und hiermit kehrte sie wieder zu ihrer alten Handthierung zurück und fing Fliegen.

Lehre.

Ein weiser Mann wird ohne die gehörigen Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, nichts unternehmen.
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Betrachtung.

Ein jeder prüfe seine eigene Stärke, und zugleich die Stärke seines Feindes, ehe er mit ihm anbin det; denn derjenige muß nothwendig den Kürzern ziehen, der mit einem Gegner streitet, welcher ihm zu mächtig ist. Dieser gute Rath aber, sich mit keinem Stärkern einzulassen, muß da seinen Abfall leiden, wo es auf Rechtschaffenheit und Gerechtig keit ankömmt; denn der guten Sache muß man sich, aller Gewaltthätigkeit und Gefahr ohnge achtet, annehmen. Die Absicht dieser Fabel geht auf die richtige Erkennung und Beurtheilung uns zugefügter Beleidigungen. Es ist ein sehr un glücklicher Irrthum, Dinge für Beleidigungen auf zunehmen, die es nicht sind; und auch alsdenn, wenn die Beleidigung wirklich geschehen ist, ist es eine sehr kützliche Sache, das gehörige Verhältniß zwischen ihr und unsrer Ahndung zu treffen, und das Maaß unsrer Kräfte dabey nicht aus den Au gen zu setzen. Die Schwalbe war eben so wohl ein Fliegenfänger, als die Spinne, und that der Spinne nicht mehr und nicht weniger Abbruch, als diese ihr that, indem die Fliegen für die eine so wohl als für die andre waren. Wir sehen in der Welt eine Menge Staatsspin nen von dieser Art, welche die geringste Kleinigkeit oder Fliege, die aus dem gemeinen Schatze genom men wird, nicht anders betrachten, als ob ihr eigner Beutel dabey leide. Die Güte der Fürsten muß, wie die Güte Gottes, ohne Einschränkung seyn, und ihre Günstlinge müssen nicht jeden Bissen Brod, den ein ehrlicher Mann in den Mund steckt, für eine
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Verringerung ihrer Einkünfte halten. Ein jeder Mensch überlege also Erstlich, was er thun darf; Zweytens, was er thun kann; und Drittens setze er die Regeln der Tugend und Klugheit, nirgends aus den Augen.

CXCI. Fabel. Der Schwan und der Storch.

Ein Storch der den Gesang eines sterbenden Schwans mit anhörte, sagte ihm, daß es wider alle Natur sey, in solchem Umständen zu sin gen, und war begierig die Ursache davon zu wis sen. Da ich jetzt, antwortete der Schwan in ei nen Stand treten soll, in welchem ich weder dem Hunger, noch den Gefahren der Verfolgung länger ausgesetzt seyn werde, kann ich wohl anders, als mich über eine so glückliche Veränderung freuen?

Lehre.

Der Tod ist die gewisse Befreyung von allen Beschwerlichkeiten, Leiden und Gefahren des Lebens.

Betrachtung.

Es ist eine große Thorheit, das zu fürchten, was man unmöglich vermeiden kann; noch eine weit größre Thorheit aber ist es, die Befreyung von allem Uebel zu fürchten; denn der Tod erlö set uns von allen Krankheiten, und entladet uns aller Sorgen. Doch ist es auch eine eben so gros
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se Thorheit, uns auf ein unvermeidliches Schick sal nicht vorzubereiten. Wir müssen eben so ge wiß wieder aus der Welt, als gewiß wir herein gekommen sind; und nichts, als das Bewußtseyn eines guten Lebens, ist uns in den letzten Stunden zu trösten vermögend. Die Erdichtung von dem Sterbeliede des Schwans soll, nach ihrer versteck ten Bedeutung, nichts als eine Aufmunterung seyn, unser Ende so heiter und vergnügt seyn zu lassen, als es nur möglich ist, und dabey zu be denken, wenn der Tod, als eine Befreyung von den Sorgen, Beschwerlichkeiten und Gefah ren eines unruhigen Lebens, auch schon den Thie ren angenehm ist, für was für einen weit größern Segen ihn jeder Tugendhafte zu halten habe, wel cher nicht allein von allen Versuchungen, Fall stricken und Zerstreuungen einer bösen Welt da durch erlöset, sondern auch zugleich in den Besitz eines ewigen Friedens, und in den Genuß unver gänglicher Freuden, versetzt wird.

CXCII. Fabel. Der Igel und die Schlange.

Eine Schlange ließ sich in einem sehr kalten Winter erbitten, einen Igel mit in ihre Zel le zu nehmen; als er aber nun einmal drinnen war, ward der Raum so enge, daß die Stacheln des Igels der guten Schlange ungemein beschwer lich fielen. Sie sagte daher dem Igel, daß er
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zusehen müsse, wo er sonst wo unterkommen könne, weil ihre Höhle für sie beyde viel zu enge sey. Nun wohl, sagte der Igel, wem es nicht gefällt, der mag ausziehen; ich für meinen Theil befinde mich hier ganz wohl, und wenn du es besser haben willst, so suche es dir besser.

Lehre.

Es ist nicht wohl gethan, wenn man Frem den so viel einräumt, daß man zuletzt selbst ih rer Gnade leben muß.

Betrachtung.

Man muß bey allen Werken der christlichen Milde, und des gesellschaftlichen Umgangs, ja wohl auf die Gemüthsart und den Charakter derjenigen Personen, mit welchen wir uns zu thun machen, auf die Beschaffenheit und den Umfang der Dinge selbst, und auf alle die Folgen sehen, die sie, wenn sie übel ausschlagen sollten, nach sich ziehen kön nen. Wie viel Beyspiele von Menschen ließen sich nicht finden, die nach allen möglichen Wohltha ten, allen Verbindungen der Ehre, Gerechtigkeit und Gastfreyheit zum Trotz, ihren Herren, Gön nern, und Befördern nicht besser begegnet haben, als wir sehen, daß der Igel hier der Schlange be gegnet.
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CXCIII. Fabel. Die Mücke und die Biene.

Eine Mücke, die für Kälte und Hunger schon halb umgekommen war, kam einst des Mor gens zu einem Bienenstocke, um eine Gabe zu bit ten, und erbot sich zugleich die junge Familie der Bienen, für freye Wohnung und Kost, in der Musik zu unterrichten. Die Bienen baten aber ganz höflich, sie entschuldiget zu halten: denn, sagten sie, wir ziehen alle unsre Kinder zu unserm eigenem Gewerbe auf, damit sie durch ihren Fleiß ihren Unterhalt zu finden im Stande seyn mögen. Und daran, wie wir gewiß glauben, thun wir auch recht; denn sieh einmal, wozu die Musik, die du unsre Kinder lehren willst, dich selbst ge bracht hat!

Lehre.

Fleiß und Arbeitsamkeit kann den Gemü thern der Kinder, sie mögen von einem Stande seyn, von welchem sie wollen, nicht gnug einge prägt werden. Denn wer kann sich rühmen, so sicher zu stehen, daß ihn der Wechsel des unge wissen Lebens niemals treffen könne?

Betrachtung.

Die vielen unglücklichen Personen, die wir täg lich, zum Vergnügen andrer, selbst aber mit sehr schweren Herzen, singen hören, sollten allen denje
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XXXIII. pag. 286.

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nigen zur Warnung dienen, welchen die Aufer ziehung von Kindern anvertraut ist, und sie leh ren, wie nothwendig es sey, sie zum Fleiße und zur Arbeit anzuhalten, gesetzt auch, daß sie ei ne noch so hoffnungsvolle Aussicht vor sich hät ten. Denn wenn dieses geschieht, so werden sie im Stande seyn, bey unverhoften Unglücksfällen, sich ihrer eignen Hände Arbeit zu nähren, und einen an ständigen Unterhalt zu erwerben. Mit der Mücke in der Fabel, sind auch ferner eine Menge unbedachtsamer und sorgloser Personen zu vergleichen. Sie schwärmen in dem Som mer ihres Glücks lustig herum, und denken an nichts weiter, als an ihre gegenwärtigen Ergötz lichkeiten. Wenn nun aber der Winter der Wi derwärtigkeiten kömmt, so kriechen sie armselig her um, und ersuchen alle fleißige Bewohner eines jeden Bienenstocks, ihnen in der Bedürfniß beyzustehen, in die sie durch ihr eigen Verschulden gerathen sind; daher sie denn meisten Theils die abschlägliche Ant wort, und die Spötterey, mit welcher die Bienen in der Fabel die Mücke abwiesen, gar wohl verdie nen. Wir haben manches verzärtelte Kind gese hen, das in Singen und Tanzen unterwiesen, und in allen Ergötzlichkeiten der Welt erzogen worden, und gleichwohl den letzten Auftritt seines elenden Lebens, in Mangel und Elend beschließen mußte; welches ihm gewiß nicht würde begegnet seyn, wenn man es bey Zeiten von dem Werthe des Fleißes und der Unabhängigkeit unterrichtet, und ihm die Mittel, durch jenen zu dieser zu gelangen, bekannt gemacht hätte.
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CXCIV. Fabel. Der Löwe, der Esel, und der Hase.

Als einsmals zwischen den Vögeln und Thie ren ein Krieg entstand, und der Löwe alle sei ne Unterthanen aufgeboten hatte, daß sie, zu be stimmter Zeit und an bestimmtem Orte, insgesamt in Waffen erscheinen sollten, fanden sich auch eine große Menge Esel und Hasen ein. Verschiedene von den Anführern waren der Meinung, sie als zum Kriegsdienste gänzlich unbrauchbare Ge schöpfe, wieder fort zu schicken. Betriegt euch nicht, sagte der Löwe; die Esel werden sich sehr gut zu Trompetern schicken, und die Hasen werden vor trefliche Couriers abgeben können.

Lehre.

Gott hat nichts vergebens erschaffen. Kein Glied an dem politischenKörper ist so klein und unansehnlich, das nicht, an dieser oder einer an dern Stelle, im gemeinen Wesen nützlich seyn könnte.

Betrachtung.

Jedes besondere Wesen hat auch eine besondere Eigenschaft, durch die es an einem Orte das erse tzen kann, was ihm an einem andern abgeht. Blos die Unwissenheit der Natur der Dinge ist Schuld, daß wir die geringern Geschöpfe verachten. Alle Dinge sind, jedes nach seiner Art, gut, und tragen alle, obgleich nach verschiednen Graden, zu der
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Schönheit, der Ordnung, und der Wohlfahrt des Ganzen das ihrige bey. Und so wie es in der Na tur ist, so ist es auch in der bürgerlichenGesell schaft, wo der Geringste, eben so wohl als der Größte, seine angewiesene Stelle hat. Kurz, alle erschaffene Dinge, sind Werke der Vorsicht und der Natur, welche nichts vergebens gemacht haben.

CXCV. Fabel. Die Tauben und die Habichte.

Es entstand einsmals unter den Habichten ein bürgerlicherKrieg; und die unschuldigen Tauben, welche, so lange als diese Uneinigkeit dauerte, sicher waren, schickten aus bloßem Mit leiden und gutem Herzen, Abgeordnete und Unter händler ab, den Frieden unter ihnen wieder herzu stellen. Kaum aber war dieser Streit beygelegt, als die Habichte, ihrer alten Sitten eingedenk, das Geschlecht der Tauben aufs neue zu verfolgen an fingen, welche alsdenn ihren Irrthum, einen ge meinschaftlichen Feind zu ihrem eigenen Verderben vereinigt zu haben, allzuspät erkannten.

Lehre.

Es ist eine gefährliche Sache, bey den Strei tigkeiten böser und unruhiger Leute, einen Ver mittler abzugeben. Wenn die Lasterhaften un ter einander uneinig werden, so gereichen die Folgen ihrer Tennung, den Rechtschaffnen oft zum Vortheile.
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Betrachtung.

Der Segen, der über die Friedensstifter ausge sprochen worden, erstreckt sich so weit nicht, daß er auch auf diejenigen Fälle gehen sollte, wo die Wirkung des Friedens, zum Verderben der Aus söhner ausschlagen muß. Wenn zwey große Mächte über die Oberherrschaft mit einander strei ten, so ist es aller gesunden Staatsklugheit zuwi der, daß eine dritte und schwächre Macht, die sich vor beyde zu fürchten hat, sie zu vereinigen suchen sollte. Denn wenn herrschsüchtige und unruhige Monarchen ihre Streitigkeiten unter einander bey gelegt haben, so bekommen sie Muße, sich nach neuen Gelegenheiten zum Streite umzusehen, und verbinden ihre Kräfte wohl gar, um die Län der des dienstwilligen Schiedsrichters zu erobern und unter sich zu theilen. Man wird von derglei chen Beyspielen in der Geschichte mehr als eines finden.

CXCVI. Fabel. Der Tod und der alte Mann.

Der Tod forderte einen alten Mann auf, und befahl ihm, zu folgen. Der Alte entschul digte sich, wandte vor, die Reise nach jener Welt sey allzugroß, als daß er sie, ohne die geringste Warnung vorher erhalten zu haben, antreten kön ne, und bat daher um eine kurze Frist, blos um seinen letzten Willen noch zu machen. Ey, sprach
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der Tod, ich habe dich gewarnt genug, und ich soll te meinen, daß du längst bereit und fertig seyn könntest. Denn hast du nicht täglich Beyspiele der Sterblichkeit, an allen Arten von Menschen, an Alten und Jungen, an Vornehmen und Gerin gen, vor deinen Augen gehabt? Und sind diese öftern Beyspiele des Todes andrer Leute, nicht hin längliche Warnungen gewesen, an deinen eignen zu denken? Und was willst du von dem Fieber sa gen, das dich vor zehn Jahren befiel? Von dem Schwindel, der dir seit fünf Jahren öfters an wandelt? Von dem Schlage, der dich voriges Jahr getroffen? Weißt du nicht, daß jeder von diesen Zufällen ein vorausgeschickter Bothe war, der dir meine nahe Ankunft verkündigen sollte? Sperre dich also immer nicht länger, guter Freund; deine Zeit ist verstrichen; komm fort, sage ich dir!

Lehre.

Jeder Augenblick unsers Lebens, sollte als eine Zeit unsrer Vorbereitung zum Tode angese hen werden.

Betrachtung.

Es ist das seltsamste Gemische von Raserey und Thorheit, wenn Leute sagen, oder sich einbilden, daß irgend ein Mensch aus der Welt gerissen wer de, ohne Zeit gehabt zu haben, sich zu seinem To de zu bereiten. Allein der Aufschub dieser Zube reitung ist unser eigner Fehler; und so machen wir die Sünde selbst, zur Entschuldigung. Jedes Athemhohlen ist nicht nur ein Schritt zum Tode,
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sondern so gar ein Theil desselben. Der Tod ward mit uns gebohren, und wir tragen ihn mit uns herum. Er ist der einzige beständige Gefährte, den wir in dieser Welt haben, und gleichwohl den ken wir so wenig an ihn, als ob wir gar nichts mit ihm zu thun hätten. Der Ausspruch, wir sterben täglich, ist nach dem Buchstaben wahr, und gleichwohl fühlen wir es nicht. Jedes Ding unter der Sonne hält uns eine Lection über die Sterblichkeit. Unsre Nachbarn, unsre Freunde, unsre Verwandten, die um uns herum sterben, erinnern uns alle an unsre letzte Stunde. Und gleichwohl hören wir hier einen alten Mann, der vielleicht schon weit über die achtzig war, die plötz liche Ueberraschung seines Todes bejammern.

CXCVII. Fabel. Der Fleis und die Faulheit.

Ein fauler junger Mensch ward einst gefragt, woher es komme, daß er so lange im Bette liegen bleibe. Ich bin gezwungen, versetzte er, jeden Morgen Verhör zu halten; denn so oft, und so bald ich erwache, finde ich zwey Jungfrauen vor meinem Bette stehen. Die eine heißt Fleiß und die andre Faulheit; jene erinnert mich, aufzuste hen; diese räth mir, liegen zu bleiben; und so führt jede von ihnen zwanzig Ursachen an, warum ich aufstehen, und warum ich nicht aufstehen soll. Nun aber ist es die Schuldigkeit eines jeden billigen
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Richters, beyde Theile zu hören; und mittlerwei le ich dieses thue, kömmt meistentheils die Zeit zum Mittagsessen heran.

Lehre.

Wir bringen unsre Tage damit zu, daß wir überlegen, was wir thun sollen, und enden sie fast immer, ohne zu einem Entschlusse gekommen zu seyn.

Betrachtung.

Der Fall des Faullenzers in dieser Fabel, ist eben der Fall, in welchem sich das menschliche Ge schlecht bey allen Pflichten des Lebens befindet, wo Vernunft und Gewissen uns auf den einen Weg rufen, und unsre Lüste uns auf den andern dahin reissen. Alle unsre Tage bringen wir mit nichts würdigen Präliminarien zu, ohne in den wichtig sten Stücken unsrer Angelegenheiten, etwas gewis ses zu beschließen. Und gleichwohl wissen wir es gar wohl, was wir thun, und was wir nicht thun müssen, wenn wir nur das Licht einer vernünfti gen Natur zu unserm Führer nehmen, und den Rathgeber hören wollen, den jeder Mensch in seinem Busen hat. Allein die Menschen sind mei stentheils entweder zu faul, die Wahrheit zu su chen, oder für gewisse sinnliche Lüste zu partheyisch, auf die gefundene Wahrheit zu achten. Sie wol len lieber die Bequemlichkeit und das Vergnügen des Lebens genießen, als die Irrthümer und Laster desselben bessern. Sie halten, mit unserm Faul lenzer in der Fabel, Verhör; das ist, sie berathschla gen zwischen Leidenschaft und Gewissen; bis sie
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am Ende abgeruffen worden; es sey nun zur Mit tagsmahlzeit, oder zum Tode; das ist gleichviel; denn die Moral bleibt immer eben dieselbe.

CXCVIII. Fabel. Der Hahn und der Fuchs.

Ein Fuchs spürte einen Hahn aus, der sich, mit samt seinen Weibern, auf einen Baum zur Ruhe begeben hatte, und hätte ihn gar zu gern herunter gehabt. Hast du die Neuigkeit nicht ge hört? fragte er ihn. Was für eine Neuigkeit? sagte der Hahn. Die große Neuigkeit, versetzte der Fuchs, daß zwischen allen lebendigen Geschöpfen ein allgemeiner Friede geschlossen worden, und das keines, bey harter Strafe, dem andern, weder mittelbar noch unmittelbar, irgend eine Beleidi gung mehr zufügen darf. Das ist ja die glückse ligste Zeitung von der Welt! sagte der Hahn; und streckte zugleich seinen Hals aus, als ob er nach et was, weit in der Ferne, sähe. Wornach guckst du? fragte der Fuchs. O, nach nichts; sagte der Hahn; ich sehe nur eine Kuppel großer Hun de, die mit offnem Munde, so schnell als sie lauffen können, auf uns zu kommen. Wirklich? sprach Reinecke; es wird wohl also am besten seyn, daß ich mich fort mache. Und wie so? sagte der Hahn; der allgemeine Friede ist für dich ja wohl Sicher heits genug. Er sollte wohl, versetzte der Fuchs; wenn nun aber diese verzweifelten Hunde ihn nicht
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XXXIV. pag. 295.

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hätten proclamiren hören? Alsdenn würde ich schö ne ankommen — und hiermit zog er aus.

Lehre.

Treulosen Leuten muß man niemals Nach richten glauben, die zu ihrem eignen Besten er sonnen zu seyn scheinen.

Betrachtung.

Es ist eine schwere Sache, wenn ein falscher Mann und eine falsche Erzehlung mit einander be stehen sollen; und wenn sie zusammen gehalten werden, so wird die Erdichtung meistentheils auf den Kopf des Betriegers zurück fallen. Es gehört keine geringe Sorgfalt und Geschicklichkeit dazu, wenn ein Mensch, der einen arglistigen, schwarzen Anschlag wider einen andern hat, sich nicht durch seine eigne Aussage schlagen, und in keinem Stücke bloß geben will.

CXCIX. Fabel. Die Knaben und die Frösche.

Eine Gesellschaft muthwilliger Knaben lauerte, an dem Rande eines Teiches, auf die Frösche, und so oft als einer mit dem Kopfe hervor guckte, warffen sie ihn mit Steinen wieder unter das Was ser. Kinder, sagte einer von den Fröschen, ihr überlegt nicht, daß dieses, für euch, zwar ein Spiel, für uns aber der Tod ist.
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Lehre.

Härte und Grausamkeit sind unmenschliche Laster; und es ist barbarisch, seinen Scherz mit etwas treiben, das einem andern tödtlich oder schädlich seyn kann.

Betrachtung.

Das Mißhandeln und Martern kleiner Hunde, junger Katzen, der Vögel und Fliegen, das unter Kindern so gebräuchlich ist, ist eine sehr anstößige und gefährliche Freyheit, die auf keine Weise ge duldet werden sollte; denn Härte und Umbarmher zigkeit in Knaben, wird zur Grausamkeit und Tyran ney in Männern. Zärtlichkeit und Mitleid sind der Saame großmüthiger Menschlichkeit; nur müssen die Kinder auch bey Zeiten einen Unterschied zwischen Barmherzigkeit und Weichlichkeit machen lernen. Auf diese Weise wird ein Grund von würdigen Gedanken gelegt, welche zu ihrer Zeit in rühmliche Thaten und Fertigkeiten reiffen, und den Mann geschickt machen werden, seinem Vaterlande mit Nutzen und Ehren zu dienen. Diese Grundlage eines frommen und tugendhaften Mitleids, sage ich, wird ihn in der Folge geneigt machen, anstatt Trübsal mit Trübsalen zu häuffen, und den Schwa chen und Unschuldigen Thränen auszupressen, den Unterdrückten wider die mächtige Bosheit beyzu stehen.
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CC. Fabel. Die Frösche und die Stiere.

Bey einem verzweifelten Gefechte zwischen einer Heerde Stiere, sprach ein Frosch, der an dem Ufer einer Lache saß und zusah, zu den andern Fröschen: Was wird aus uns werden? Und war um das? erwiederte einer von ihnen. Was ha ben die Stiere mit den Fröschen, die Lachen mit den Wiesen zu thun? Sehr viel, antwortete jener; das versichre ich euch. Denn diejenigen von den Stieren, welche den Kürzern ziehen, werden ganz gewiß ihre Zuflucht zu den Morästen nehmen, und uns alsdenn zertreten; ich, für mein ThrilTheil, will mich also immer in voraus so weit von ihnen ent fernen, als möglich.

Lehre.

Wenn die Regenten uneins werden, leiden die Unterthanen, und der Kleine muß die Strei tigkeiten der Großen büßen. Ueble Folgen mögen noch so weit von uns entfernt seyn, es ist doch immer sehr gut, sich vorzusehen, und auf das Uebelste, welches erfolgen könnte, be reit zu seyn.

Betrachtung.

Indem die Absicht mancher Handlungen auf die eine Seite zu gehen scheint, äußern sich ihre Wirkungen auf einer ganz andern, daß man also auch nur wahrscheinlichen Unfällen, mit aller Sorg
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falt und Mühe vorbauen muß. Ein Weiser siehet weit vor sich hinaus, und läuft die ganze natürli che Reihe von Ursachen und Wirkungen in seinen Gedanken durch, um sich, auf diese Weise, gegen das Schlimmste, das ihm begegnen kann, gefaßt zu halten.

CCI. Fabel. Der Hase und der Sperling.

Ein Sperling saß eben auf einem nahen Strau che, als ein Adler auf einen Hasen herab schoß, der, so bald er sich in seinen Klauen fühlte, erbärmlich um Hülfe schrie. Schon recht, sprach der nasenweise Sperling; warum läufst du nicht davon? Ich sollte meinen, deine geschwinden Läuf te hätten dich schon retten können. In eben dem Augenblick flog ein Habicht herbey, und ergriff den Sperling, welches für den sterbenden Hasen kein geringer Trost war, indem er sahe, daß dieses un barmherzige Geschöpf, das mit andern kein Mit leiden hatte, auch keines für sich erlangen konn te, da es desselben eben am bedürftigsten war.

Lehre.

Es geht mit den Menschen und Staaten, wie es mit den Vögeln und Thieren geht. Der Schwächre ist allezeit die Beute des Stärkern, und dieses von oben an, die ganze Staffel der Schöpfung hinunter. Wir sollten daher mit
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andrer Unglücke Mitleiden haben, denn nie mand weis, wenn an ihn die Reihe kommen kann.

Betrachtung.

Hier sieht man die gerechte Strafe der Unbarm herzigkeit. Es spotte daher niemand mit dem Elenden, der selbst in Gefahr ist, elend zu werden, so wie es jeder werden kann; und in der That ver dient es auch jeder zu seyn, der keine Zärtlichkeit für seinen Nächsten empfindet. Es ist der größte Grad der Unmenschlichkeit, kein Mitleiden mit dem Unglücke seines Bruders zu haben; sich aber so gar über das Elend seines Nächsten zu freuen, und sein Gespötte damit zu treiben, ist nicht allein ein viehisches, sondern gar ein teuflisches Laster.

CCII. Fabel. Die zwey Menschen und der Strick.

Ein armer elender Mensch, welcher von al lem Gelde entblößt war, und weder Cre dit noch Freunde hatte, wollte sich erhängen, in welcher Absicht er sich auch schon mit einem Stricke und einem Nagel versehen hatte. Als er nun diesen in eine alte Wand einschlagen wollte, um den Strick daran zu befestigen, traf er auf ei nen lockern Stein; der Stein fiel heraus, und ein Topf voll Geld stürzte nach. Den Augenblick ließ der Mensch den Strick fallen, und ging mit dem Funde davon. Kaum aber war er weg, als sich derjenige, welcher das Geld verborgen hatte,
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sehen ließ, und bey seinem Topfe einen Besuch ab legen wollte. Er fand, daß die Vögel ausgeflo gen waren, und voller Verzweiflung über diesen Verlust, hob er den Strick auf und erhenkte sich selbst. Der einzige Trost, den er dabey hatte, war dieser, daß ihm das Glück, auf diese Weise, we nigstens die Unkosten, den Strick zu kauffen, erspart hatte.

Lehre.

Man kann wohl mit Recht sagen, das Geld sey die Wurzel alles Uebels; denn einige ver zweifeln, weil es ihnen fehlt; und andre wer den elend, weil sie es haben.

Betrachtung.

Armuth und Reichthum, wenn das letzte vom Geitze begleitet wird, sind näher mit einander ver wandt, als viele Leute glauben; denn der reiche unersättliche Geitzhals, welchen die Sorge nach mehrerm nie ruhen läßt, ist vollkommen eben so elend, als der, welcher gar nichts hat. Ist es nicht immer gleich viel, ob das Geld hier, oder dort in der Erde vergraben liegt? Ob der schmu tzige Knicker das gemünzte Geld hier in einem Topfe verscharrt; oder ob es erst, dort in den tie fen Bergwerken, zu künftigem Gebrauche reift? Es ist beydemal dem menschlichen Geschlechte gleich wenig nütze; nur daß das eine ein wenig tie fer liegt, als das andre. Wir können diese Be trachtung nicht besser, als mit Bemerkung der Thorheit derjenigen beschließen, die um andre reich
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zu machen, selbst vor Hunger sterben, und zum Vortheile Fremder und Räuber, das armseligste Leben führen.

CCIII. Fabel. Der Quacksalber und der Bär.

Ein Quacksalber stand auf einer Bühne aus, und pries der aufmerksamen Menge Volks, das ihn umringt hatte, seine Zettel und Arzeneyen an, bis ein Bär, mit einem Ringe in der Nase den Weg daher geschleppt ward, da ihn auf einmal alle Zuhörer verließen, und dem Bäre nachrenn ten. Hierauf wandte sich der Bär gegen den Hau fen und sagte: Hört nun, ihr lieben Freunde; es ist mir recht lieb, daß es für euch ein so lustiger An blick ist, mich an dem Ringe in der Nase herum geschleppt zu sehen; allein vergönnt, daß wir ei ner den andern auslachen dürfen; denn ihr wer det von diesem Quacksalber eben so bey den Ohren herumgeführt, als ich von meinem Führer bey der Nase.

Lehre.

Ein Bär mit einem Ringe in der Nase, ist wei ter nichts als ein Sinnbild von einem jeden un ter uns, wie der Bär in der Fabel ganz richtig anmerkt; denn wir werden eben so wohl, als er, theils bey den Ohren oder Augen, theils bey unsern Lüsten und Neigungen herum geführt.
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Betrachtung.

Eher sollte niemand etwas an einem andern verdammen, oder darüber spotten, als bis er un tersucht hätte, ob er nicht vielleicht eben dessel ben Fehlers, oder eben derselben Thorheit schuldig sey. Auf diese Weise wird der Bär, auf eine an dre werden die Menschen herum geführt; und der ganze Unterschied liegt vielleicht bloß darinn, daß der Bärführer in der Fabel nur ein dummes Vieh, der Betrüger oder Quacksalber aber deren tausend an dem Ringe herum schleppt. Kurz, unser gan zer Lebenslauf ist wenig besser, als eine Reihe von Fehlern und Irrungen, und ein beständiger Ueber gang von einer Schwachheit zu der andern.

CCIV. Fabel. Das scheue Pferd.

Ein scheues Pferd, das immer vor seinem eignen Schatten erschrack und wild ward, mußte einsmals eine sehr ernsthafte und pathetische Straf predigt von seinem Reiter hören: Was zum Hen ker fehlt dir denn? sprach er. Es ist ja nur ein bloßer Schatten, wovor du dich entsetzest, Und was ist ein Schatten mehr, als so und so viel Luft, zu welcher kein Licht dringen kann? Er hat weder Zähne noch Klauen; kurz, er hat gar nichts, wo mit er dir den geringsten Schaden zufügen könn te. Er kann dir weder die Knochen brechen, noch den Weg versperren; und was hast du denn also
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zu befürchten? Wahrhaftig, versetzte das Pferd, es läßt dir recht sehr wohl, mir diesen Vorwurf zu machen; dir, der du dich vor Geister, Gespenster und Kobolte, die weiter nichts als leere Erschei nungen und Geburten deines Gehirns sind, eben so sehr fürchtest, als ich mich vor meinem Schat ten.

Lehre.

Nichts ist gewöhnlicher, als das wir an an dern etwas tadeln, was wir selbst zu treiben pflegen.

Betrachtung.

Nach aller Gerechtigkeit, Klugheit und Men schenliebe, sollten wir die Fehler unsers Nächsten nicht anders, als einen Spiegel, brauchen, um unsre eigne Sitten in demselben zu erkennen und darnach zu bessern. Wenn wir sehen, daß ein Pferd über seinen eignen Schatten scheu wird, was können wir bessers thun, als die Thorheit und Ei telkeit unsrer eignen Uebereilungen und Irrthümer, in tausend ähnlichen Fällen, erwägen? Denn was sind alle die quälenden Entzückungen unsrer Hoff nung und Furcht, alle unsre auschweiffenden Wün sche und übeln Begierden anders, als Bilder von Dingen, die vollkommen eben so nichtig sind, als der Schatten in der Fabel?
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CCV. Fabel. Die unmöglich abzuschaffende Schmeicheley.

Schon lange hatte das niedrige und kriechende Laster der Schmeicheley ungestraft in der Welt geherrscht; als es endlich, einem scharfen Befehle aller einstimmenden Götter zu Folge, mit dem Tode bestraft werden sollte, und gewisse Aufseher ernennt wurden, über die Befolgung des neuen Gesetzes zu halten. Ein halbes Jahr ging vorbey, und die Schmeicheley war noch eben so kühn und geschäf tig, als vorher, und gleichwohl lief keine Klage wider sie ein. Hierauf wurden Spione und Kund schafter ausgeschickt, welche endlich einen Schrift steller den Richtern als einen Schuldigen vor stellten, weil er einem gewissen großen Hofmanne Eigenschaften beygelegt habe, von welchen er ganz und gar nichts wisse; zum Exempel Witz, Ehre, Tugend und dergleichen. Der Gefangne leugne te im geringsten nicht, seinem Gönner diese Tugen gen beygelegt zu haben, sondern berief sich auf ihn selbst, ob er ihm Unrecht gethan habe, oder nicht? Der Hofmann sprach den Schriftsteller nicht allein los, sondern nahm es auch ungemein übel, daß die Richter etwas für Schmeicheley halten wollten, was doch, wenn man es genau untersuche, nichts als Wahrheit und Gerechtigkeit sey. Man er ließ hierauf die Aufseher ihres Amts, weil man es für ganz unmöglich hielt, ein Laster zu bestrafen,
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XXXV. pag. 304.

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welches niemand erkennen, und worüber sich nie mand beklagen wollte.

Lehre.

Die bloße Selbstliebe ist es, welche die Schmeicheley auffordert und anreitzt; und die Geneigtheit des einen, sie anzunehmen, ermun tert den andern, sie zu ertheilen.

Betrachtung.

Es ist für die menschliche Weisheit eine wahre Unmöglichkeit, solche Gesetze zu machen, die allen Bosheiten des Gemüths steuern könnten. Wer kann, zum Exempel, das Schmeicheln, die Heuche ley, und andre solche Sünden des Herzens bestra fen, wenn kein Beweis wider sie vorhanden ist? Es kann jemand in den Augen der Gesetze ein sehr ehrlicher Mann seyn, der gleichwohl in den Augen Gottes und seines eignen Gewissens, der abscheu lichste Bösewicht ist. Unterdessen verlohnt sichs aber doch der Mühe, darauf zu sinnen, wie sich sonst diejenigen Uebel am besten hemmen und unterdrü cken lassen, über die sich die Macht der Gesetze nicht erstrecken kann. Und diese Absicht zu erreichen, muß man der Wirkung gleich in der Ursache vor bauen. Die Schmeicheley kann keinen Menschen verderben, der nicht erst sein eigner Schmeichler ist; denn bloß die gute Meinung, die wir von uns selbst haben, ist Ursache, daß wir von der guten Meinung, die andre von uns zu haben scheinen, hintergangen werden.
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CCVI. Fabel. Der Hund und sein Herr.

Ein wachsamer Hund ward einst von seinem Herrn ausgescholten, daß er des Nachts al le und jede, wenn sie ihm auch nicht zu nahe kä men, ohne Unterscheid, anbelle. Herr, sprach der Hund, es geschieht aus Eifer für eure Dienste; und ob ich gleich keinen unangebellt vorbey gehen lasse, so weis ich doch gewiß, wenn ich niemanden anders, als einen bösen Mann, anbellen soll, daß ich unter zehnmalen immer neunmal recht belle.

Lehre.

Die Geschichte der Betrieger und Schelme, wenn fie aufrichtig verfaßt werden sollte, würde nichts anders, als die Geschichte der menschlichen Natur seyn.

Betrachtung.

Es muß einem treuen Diener nahe gehen, wenn ihm, zum Lohne für seine äußersten Bemühungen, der ärgerliche Vorwurf einer überlästigen Dienst fertigkeit gemacht wird. Die Regel, die ein ge wisser Kardinal einem von seinen Bedienten gab, der um seinen Mantel gekommen war, schickt sich sehr wohl zu unserm gegenwärtigen Zwecke. Der Bediente sagte, man habe ihm Rom so oft das heilige Rom genennt, daß er geglaubt habe, es könne ganz und gar keine Diebe daselbst geben. Künftig aber, sagte der Kardinal, wenn du wieder
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in eine sremdefremde Stadt kömmst, so halte jeden Men chen, den du siehst, für einen Dieb; nur daß du kei nen so nennst. Diesen Weg schlug der Hund ein, und that daran sehr weislich; denn wer beständig auf seiner Hut ist, der kann nicht leicht betrogen werden.

CCVII. Fabel. Der Esel mit dem Götzenbilde.

Ein Esel trug, bey einer feyerlichen Procession, ein Götzenbild, und überall, wo er hinkam, fielen die Leute vor ihm auf die Knie. Das alberne Thier fing an seine Ohren zu spitzen, und sich auf alle mögliche Weise ein Ansehen zu geben, weil er sich einbildete, er sey es, den man anbete; bis ihn endlich einer von seinen Führern zurechte wies: Mein guter Langohr, sprach er, du bist, mit dieser Last auf deinem Rücken, noch immer eben derselbe Esel, der du vorher warest, ehe sie dir aufgelegt ward; das Bild, und nicht das Vieh ist es, vor welchem man sich beugt.

Lehre.

Es giebt Leute, welche die Ehrenbezeugun gen, die ihnen in Ansehung derer, welchen sie dienen, oder welche sie vorstellen, erwiesen wer den, für einen schuldigen Zoll halten, den man ihrem eignen Werthe abtrage.

Betrachtung.

Die alberne Eitelkeit dieses Esels zeigt die Thorheit derjenigen, in gewissen Aemtern und Wür
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den stehenden Personen, die sich, ohne Verdienst, die Achtung anmaßen, mit der ihnen bloß in Be trachtung dieser Würden begegnet wird. Man cher Geistliche (es thut uns leid, daß wir es sa gen müssen) hat seinem Charakter keinen geringen Theil von Geringschätzigkeit blos dadurch zugezo gen, daß er die Ehrerbietung, die man seinem heiligen Amte erwiesen, seiner eignen Person an gemaßt, er hat sie verdienen mögen, oder nicht. Indem er also nach mehrerm gestrebt, als ihm zu gekommen, ist ihm weniger, als ihm gebührte, zu Theil worden, und er ist in Verachtung gerathen, welche das gewöhnliche Loos des Stolzes und des Uebermuths zu seyn pflegt.

CCVIII. Fabel. Der Hund und die Katze.

Nie vertrugen sich zwey Thiere besser mit einan der, als ein Hund und eine Katze, die in eben demselben Hause jung geworden waren: sie wa ren beyde so freundlich, so munter und kurzweilig, daß die Familie tausend Vergnügen an ihren Luft springen, und verliebten Possen hatte. Nur einzig und allein bey der Mahlzeit merkte man, daß sie sich, so oft ein Brocken von der Tafel fiel, oder ih nen ein Bein zugeworfen ward, als die ärgsten Feinde unter dem Tische betrugen, und des Knur rens und Zähnefletschens kein Ende war.

Lehre.

Eigennutz ist das Bein, welches, auf die ei ne oder die andere Weise, die Menschen verlei
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tet, sich unter einander in die Haare zu gera then.

Betrachtung.

Hier haben wir ein vollkommnes Sinnbild von den gewöhnlichen Freundschaften der Welt. Wir machen kleine Bekanntschaften, lassen uns in einen angenehmen Umgang ein, und bringen unsre Zeit so lustig und vergnügt mit einander zu, daß man glauben sollte, nichts unter der Sonne könne das gute Vernehmen stören. Doch kaum stößt uns ein beträchtlicher Vortheil auf, kaum wird uns, mit der Fabel zu reden, ein Bein zugeworfen; oder kaum entsteht in uns der geringste eifersüchtige Ge danke; so fallen auf einmal alle vorige Verbin dungen weg, die geglaubte Freundschaft ist zu En de, und das Possenspiel schließt sich mit Schlägen und Auskratzen der Augen. Dieses gilt bey Für sten und Staaten, bey öffentlichen und Privatper sonen, bey Verheyratheten und Ledigen, kurz, bey Leuten von allen Profeßionen und Gesinnungen.

CCIX. Fabel. Der Hund und der Esel.

Ein großer starker Hund und ein Esel, der mit Brod beladen war, thaten eine weite Reise mit einander. Sie waren beyde sehr hungrig; und da inzwischen der Esel dann und wann aus der Straße auswich, und sich ein Maul voll Disteln hohlte, bat ihn der Hund um etwas von dem Bro
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de, das er auf dem Rücken trug. Der Esel ant wortete: was er trüge sey nicht seine, sondern ge höre einem andern zu, und er dürfe daher nicht da mit schalten, wie er gerne wolle. Indem dieses vorging, kam ein Wolf auf sie zu. Der Esel fing an zu zittern, und sagte zu dem Hunde; er hoffe, daß er ihm beystehen werde, wenn ihn der Wolf anfallen sollte. Nein, versetzte der Hund; wer allein essen will, der mag auch allein fechten; und hiermit überließ er seinen Reisegefährten der Barm herzigkeit des Wolfs.

Lehre.

Obgleich die Erhaltung unsrer selbst der vor nehmste Endzweck der Gesellschaft ist; dennoch dürfen wir unsre Sicherheit und Wohlfahrt nicht mit fremden Gütern, auf die wir kein Recht haben, erkaufen.

Betrachtung.

Der Hund spielet in dieser Fabel die Rolle eines eigennützigen Menschen, der ohne Bedenken jeden Esel begleiten wird, wenn er Hoffnung hat, an sei nem Vorrathe Theil zu nehmen. So bald er aber sieht, daß ihm seine filzigen Absichten fehlschla gen, macht er der vorgegebenen Freundschaft, mit der bittersten Verspottung, auf einmal ein En de. Der Esel bezeigte sich in diesem Vorfalle als ein ehrliches Geschöpf, dem die Ladung Brods an vertrauet war, und der sich, ob ihn gleich eben so sehr hungerte als den Hund, dennoch lieber mit Disteln begnügen ließ, als daß er fremdes Gut an greiffen sollte. Er wollte die Freundschaft des
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Hundes unter solchen Bedingungen durchaus nicht erkaufen; er sahe die Gefahr vor Augen, er sahe, daß der Hund im Begriffe war, ihn der Gnade des Wolfs zu überlassen, und dennoch hielt er fest bey seiner Redlichkeit, und konnte es nicht über das Herz bringen, den Hund, zu seinem Besten, mit et was, das ihm nicht gehörte, zu bestechen.

CCX. Fabel. Die Frau und der Tod.

Eine gute Ehegattinn fürchtete ihren Mann zu verlieren, und wollte darüber fast von Sin nen kommen. Er lag krank, und war von den Aerzten bereits aufgegeben worden. Durchaus wollte die Frau, daß der Tod sie an seiner Statt hohlen sollte; sie bat, sie weinte, sie schrie, bis der Tod endlich in einer schrecklichen Gestalt vor ihr erschien. Und den Augenblick war sie mit ihrem Complimente fertig: Ich bitte sehr, Herr Tod, sich nicht zu irren, sprach sie; die Person de renwegen sie kommen, liegt dort im Bette.

Lehre.

Es ist etwas sehr gewöhnliches, daß Leute, für ihre Freunde sterben zu wollen, vorgeben; wenn es aber zur Sache kömmt, so sieht man bald, daß ihre Versicherung in leeren Worten bestanden. Das Gefühl unsrer selbst, wird als denn so stark, daß man, ich weis nicht was, lieber aufopfern, als sein Wort halten würde.
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Betrachtung.

Die Liebe, sagt das Sprichwort, fängt von sich selbst an; und wenn man alles wohl über legt, so liebt niemand seinen Freund so sehr, daß er sich selbst nicht noch weit mehr lieben sollte. Nie mand entsetzt sich vor dem Tode mehr, als die, bey welchen es zur Gewohnheit worden ist, nach ihm zu seufzen. O daß mich doch der Tod erlösen wollte! spricht dieser. Daß er mich doch, anstatt meines lieben Mannes, nehmen möchte! sagt jene. So bald sich ihnen der Tod aber wirklich zeigt, und sie bey ihrem Worte halten will, so wird die treue Ehegattinn ihn mit den höflichsten Ausdrü cken abweisen und ihm sagen, daß die Person, de renwegen er komme, dort in dem Bette liege; eben so, wie der alte Mann, der seines Lebens überdrüs sig war, da der Tod auf sein Rufen erschien, von ihm weiter nichts verlangte, als daß er ihm seine Holzbündel wieder aufhelfen sollte. Kurz, im Scher ze dem Tode rufen, ist eitel und thöricht, und ihm im Ernste rufen, ist gottlos. Ueberhaupt aber ist dem Tode rufen, beydes lächerlich und unnöthig; denn der Tod wird ganz gewiß zu der bestimmten Zeit erscheinen, er mag gerufen seyn oder nicht; und wird meistentheils noch eher erscheinen, als er willkommen ist.
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XXXVI. pag. 313.

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CCXI. Fabel. Der Wolf und der kranke Esel.

Ein Wolf legte seinen Besuch bey einem Esel ab, der an einem heftigen Fieber krank darnieder lag, und griff ihm ganz sanfte an den Puls. Nun, sprach er, guter Freund, wo fühlt ihr denn eure größten Schmerzen? Wie leutselig! sagte der Esel; aber es schmerzt mich eben da am meisten, wo ihr eure Finger hinlegt.

Lehre.

Die mitleidigen Kranckenbesuche vieler Leute, sind nichts anders als Besuche der Raben bey einem sterbenden Schafe; sie wittern Luder.

Betrachtung.

Sterbende, die ein großes Vermögen hinter lassen, oder durch deren Tod ein einträgliches Amt offen wird, haben eine Menge solcher Besucher, die sich, so wie der Wolf in der Fabel, nach ihrer Gesundheit erkundigen, und sie können dergleichen Komplimente nicht anders, als für schmerzliche Verschlimmerungen ihrer Krankheit, mit dem ar men sterbenden Esel, halten; indem sie gar wohl wissen, daß ihre Genesung, diesen ihren gierigen Expectanten die unangenehmste Neuigkeit von der Welt seyn werde. Ihr natürliches Verlangen zu leben, muß daher durch die angenehme Hoffnung, solche wölfische Besucher in ihrer Erwartung zu betriegen, um ein großes vermehrt werden.
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CCXII. Fabel. Der unzufriedne Esel.

Ein Esel wünschte sich in einem harten Winter, anstatt der trocknen Bündel Stroh und des kalten Nachtlagers, ein wenig warmes Wetter, und nur einen Mundvoll frisches Gras, sich damit zu laben. Es währte nicht allzulange, so war das warme Wetter und auch das frische Gras da; zugleich aber brachten sie auch so viel Arbeit und Geschäfte mit, daß der Esel gar bald des Frühlings eben so überdrüßig ward, als er des Winters ge wesen war. Hierauf sehnte er sich nach dem Som mer; und da auch dieser gekommen war, und er seine Arbeit ungleich mehr vermehrt, als erleichtert fand, bildete er sich ein, er würde es nicht eher besser haben, als im Herbste. Doch auch im Herb ste hatte er so viel Aepfel, Trauben, Holz, Win tervorrath und dergleichen zu tragen, daß er weit übler daran war, als er jemals gewesen zu seyn glaubte. Da er nun also den Zirkel des Jahrs durch war, und niemals einige Erleichterung ge funden hatte, wünschte er sich endlich den Winter wieder, damit er da seine Ruhe finden möge, wo er seine unzufriednen Klagen angefangen hatte.

Lehre.

Das Leben eines unruhigen Menschen fließt in einer beständigen Folge eitler Wünsche und unnützer Begierden dahin. Ein unzufriednes
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Gemüth findet seine Beruhigung nie. Jede Zeit im Jahre hat ihre bestimmte Arbeit.

Betrachtung.

Für einen Unzufriednen kann man niemals das rechte Maaß finden; bald ist es ihm zu viel, bald zu wenig, bald zu zeitig, bald zu spät. Die ge ringste Liebe zur Neuigkeit erzeigt immer eine grös sere, und je öfter wir uns verändern, desto gefähr licher und unruhiger finden wir diese juckende Be gierde nach Abwechslung. Der Esel ward des Win ters überdrüßig, des Frühlings überdrüßiger, noch überdrüßiger des Sommers, und des Herbsts am allerüberdrüßigsten; bis er sich am Ende gezwun gen sah, seinen ersten Umständen den Vorzug zu ge ben, und das für sein leidlichstes Glück zu hälten, was er vorher für sein größtes Unglück angesehen hatte. Das kömmt heraus, wenn eckle und thörichte Menschen, an den weisen und gütigen Einrichtungen des Schöpfers der Welt künsteln und sie verbessern wollen. Sie wissen nicht, was sie sind, und wis sen auch nicht, was sie gern seyn möchten; sie wissen weiter nichts, als daß sie das nicht gern seyn möchten, was sie sind. Ihr gegenwärtiger Zustand in der Welt mag seyn wie er will, es wird sich immer eines oder das andre darinne finden, was ihn unerträglich macht; und sie vertragen sich da her mit sich selbst eben so schlecht, als sie sich mit ihren Freunden und Nachbarn vertragen; denn da muß kein Umstand in der Welt seyn, aus welchem sie nicht eine Gelegenheit zum Zanke zu nehmen wüß ten. Das Gegenwärtige ist weiter nichts als
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die allmählige und augenblickliche Annäherung des Zukünftigen. Wäre es also nicht besser, die Men schen blieben gleich Anfangs ruhig und zufrieden auf der Stelle sitzen, welche ihnen Gott angewie sen hat, und thäten ihre Schuldigkeit in demjeni gen Stande des Lebens, zu welchem er sie berufen hat, willig und freudig, als daß sie zuletzt, nach theuer erkaufter Erfahrung ihrer Thorheiten, sie zu thun, gezwungen werden? Dieses aber sagen wir nicht in der Absicht, einer anständigen Bemühung und einer vernünftigen Befleißigung solcher Mittel, die zur Verbesserung unsrer Glückumstände wirklich etwas beytragen können, den Weg zu versperren; man muß nur gleich Anfangs den Entschluß fassen, sich nicht un ter die Würde eines weisen Mannes zu erniedri gen, der Ausgang unsrer Bemühung mag sey, wie er will. Denn wer mit dem Gegenwärtigen nicht zufrieden ist, wird diese Schwachheit auch bey allen folgenden Veränderungen nicht ablegen; und wer einmal etwas, das er nicht hat, heftig verlangt, wer einmal gegen das, was er hat, ei nen eckeln Ueberdruß fühlet, der hat sein Gleichge wicht bereits verlohren. Wenn wir also glücklich seyn wollen, so müssen wir uns auf einen Grund stützen, der niemals triegen kann, das ist, wir müs sen nirgends die Grenzen der Mäßigung und Ge rechtigkeit überschreiten. Alles das übrige gehört zu dem Kreislauffe des Esels, aus einer grössern Quaal in die andre.
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CCXIII. Fabel. Der Eber und der Fuchs.

Als ein Eber einsmals seine Hauer gegen einen Baum wetzte, nahte sich ihm ein Fuchs und sprach: Aber sage mir, warum thust du das? Ich thue das, antworte der Eber, um gleich bereit zu seyn, wenn mich irgend ein Feind anfal len wollte. Allein, versetzte der Fuchs, das hast du ja jetzt nicht nöthig; denn ich sehe noch keinen Feind. Wohl habe ich es nöthig, erwiederte der Eber; denn wenn der Feind schon da ist, so wird es zu spät, alsdenn zu wetzen, wenn man fechten sollte.

CCXIV. Fabel. Der Wolf und das Stachel schwein.

Ein Wolf hatte Lust mit einem Stachelschwei ne anzubinden, wenn er es nur erst seiner Stacheln entwaffnen könnte, die es, wie Pfeile, auf seinen Feind abschnellen kann. Er sagte also zu dem Stachelschweine; es ließe ganz und gar nicht fein, zur Zeit des Friedens so bewaffnet zu gehen, als ob man um und um mit Krieg umge ben wäre. Lege doch also deine Stacheln ab; du kannst sie ja allezeit wieder anlegen, wenn du es für gut befindest. Sprichst du vom Kriege? ver setzte das Stachelschwein. Das ist ja eben der Fall, worinn ich mich jetzt befinde, und zugleich
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die Ursache, warum ich mich bewaffnet halten muß. Denn befinde ich mich nicht jetzt in der Gesellschaft eines Wolfs?

Lehre dieser zwey Fabeln.

Kein Mensch, kein Staat kann zur Friedens zeit sicher seyn, wenn er nicht beständig auf sei ner Hut und allezeit in Bereitschaft ist, einem plötzlich anfallenden Feinde entgegen zu ge hen.

Betrachtung.

Es ist das vornehmste Stück der Klugheit, bey allen Geschäften des menschlichen Lebens auf un srer Hut zu seyn, damit wir, besonders von den Wölfen und Füchsen der Welt, weder überrascht noch verrathen werden. Alle Pflichten des Regi ments und der Gesellschaft; ja alle, so wohl bür gerliche als geistliche Verrichtungen, wobey es auf Klugheit, Treue und Gewissen ankömmt, haben ihre eigne Zeit. Es ist zu spät, dem Unheile vor zubauen, wenn die Gelegenheit dazu einmal vor bey ist; und die Beobachtung der rechten Zeit ist daher einer von den vornehmsten Punkten bey Be schleinigung unsrer Angelegenheiten. Da ist kein sichrer und gewisser Friede, wo das Volk nicht be ständig zum Kriege bereit ist; denn die gemeine Wohlfahrt der Staaten, beruhet nicht so wohl auf der Treue der Menschen und der Regierungen, als vielmehr auf den zufälligen und anständigen Gele genheiten, den Frieden mit Nutzen zu brechen. Die öffentliche Gerechtigkeit allein, ohne Policey und Rathschläge, kann keinen Staat aufrecht erhalten.
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Die Menschen richten sich natürlicher Weise nach denjenigen Meynungen und Ueblichkeiten, die ih ren Ansprüchen und Forderungen gemäß sind: und es ist allzuviel, wenn man zu der Stärke der laster haften Neigung, Uebels zu thun, auch noch die mächtige Versuchung, es ohne Gefahr thun zu können, hinzufügt. Des Ebers Wetzen seiner Hauer, war weiter nichts als eine nöthige Vor sicht bey Besorgung des Schlimmsten; und das Stachelschwein handelte sehr weislich, daß es, in Gegenwart des Feindes, beständig auf seiner Hut blieb.

CCXV. Fabel. Der Ueberlästige und der Philosoph.

Ein gewisser närrischer, abgeschmackter Stutzer bekam den Einfall, einen Besuch bey einem Philosophen abzulegen. Er fand ihn in seiner Studierstube ganz allein, und konnte sich nicht ge nug wundern, wie er ein so einsames Leben führen könne. Mein Herr, sagte der Philosoph, Sie be triegen sich sehr; denn ich befand mich, ehe Sie kamen, in sehr angenehmer Gesellschaft.

Lehre.

Was der lermende und größte Theil der Men schen gute Gesellschaft nennt, ist einem weisen Manne gemeiniglich das verdrießlichste und ab geschmackteste Ding von der Welt; ein bloßer
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Zirkel von Nichtswürdigkeit und Thorheit, dem es an allem fehlt, was einem denkenden Geiste angenehm ist. Wie unendlich lieber muß ein solcher Mann, mit den gelehrten Todten, als mit den leeren und unerbaulichen Lebendigen um gehen!

Betrachtung.

Es ist eine von den empfindlichsten Peinigun gen, die einem geschäftigen Gelehrten wiederfahren kann, wenn er durch die Ueberlästigkeit eines ab geschmackten Besuchs, in seinen Gedanken gestört, und in der Reihe seiner Ueberlegungen unterbrochen wird; und ist es ein vornehmer Thor, der diesen Besuch bey ihm ablegt, so ist er um so viel schlim mer daran, weil der Stand dieses Menschen ihn zu allen gegenseitigen Bezeigungen der Höflichkeit und Hochachtung verbindet. Diese Fabel will uns lehren, daß gute Bücher und gute Gedanken die be ste Gesellschaft sind, und daß sich diejenigen sehr irren, die sich einbilden, ein weiser Mann könne jemals allein seyn. Auch lehrt sie, daß wir uns auf Unterbrechungen und Verhinderungen gefaßt machen, und so viel möglich den Plagen einer schlechten Gesellschaft, durch sorgfältige Vermei dung aller Gelegenheit dazu, ausweichen sollen. Einen Mann von Verstand und Tugend mit ei nem leichtsinnigen, abgeschmackten Thoren in Ge sellschaft bringen, heißt in gewissem Verstande eben das thun, was jener Tyrann that, welcher lebendi ge und todte Menschen zusammen band; und gleich wohl wollen die Unverständigen dieses für eine
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angenehme Unterbrechung der Einsamkeit, für gute Gesellschaft gehalten wissen.

CCXVI. Fabel. Der milzsüchtige Reisende.

Ein milzsüchtiger und ein lustiger Mann, reise ten mit einander einen Weg. Der erstere hatte den Kopf voller Kummer und Sorgen, ächze te beständig und rief einmal über das andre: Wie wird es mir noch gehen! Wo werde ich zu leben hernehmen! Der andre verfolgte seinen Weg unter Scherz und Lachen, und überließ sich und seine An gelegenheiten der Vorsicht und dem guten Glücke. Aber sage mir nur, Bruder, sprach der Milzsüch tige, wie du so fröhlich seyn kannst? Gott weis, das Herze im Leibe möchte mir zerspringen, wenn ich daran denke, daß ich vielleicht noch erhungern muß. Du bist nicht klug, erwiederte der Lusti ge; es gehe wie es gehe; mein Entschluß bleibt fest, und mein Gemüth ist völlig beruhiget. O, ver setzte jener wieder, ich habe Leute gekannt, die eben so unbekümmert dahin lebten, aber ihre Zufrieden heit kam ihnen am Ende theuer zu stehen. Hier auf bekam der arme Thor einen neuen Anfall von Angst und Verzweiflung, bis er endlich plötzlich auffuhr und ausrief: Himmel, wenn ich gar blind werden sollte! Und hiermit ging er mit geschloß nen Augen vor seinem Reisegefährten vorweg, um zu versuchen, wie es ungefehr seyn werde, wenn ihn
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das Unglück treffen sollte. Indem er aber diese närrische Probe machte, fand sein lustiger Gesell schafter, der hinter ihm her ging, einen Beutel mit Gelde auf der Straße, der sein Vertrauen auf die Vorsicht reichlich belohnte; da hingegen der andre dieses Funds, zur Strafe seines Mißtrauens, ver fehlte: denn der Beutel wäre, da er voran ging, gewiß seine gewesen, wenn er sich nicht außer Stand gesetzt hätte, ihn zu sehen.

Lehre.

Wer sich auf die Vorsicht verläßt, der kann gewiß glauben, daß er zur Zeit der Noth einen Freund finden wird; da hingegen das ängstli che Mißtrauen an der göttlichen Güte, den Men schen derselben immer unwürdiger, und durch die Furcht, elend zu werden, vor der Zeit elend macht.

Betrachtung.

Die zwey entgegengesetzten Gemüthsarten ei nes freudigen Vertrauens auf die Vorsicht, und ei ner argwöhnischen Verzweiflung an derselben, wer den uns in dieser Fabel, mit ihren gewöhnlichen Wirkungen und Folgen, zum Troste und Unterrich te, klar und deutlich vor Augen gestellt. Die gött liche Güte verläßt keinen, der auf sie bauet, wenn er nur anders, der Lehre, die Herkules dem Fuhr manne gab, zu Folge, die Hände selbst mit ans Werk legt. Die elendesten Leute unter der Sonne sind jene Vermuther, jene kurzsichtige Verkündiger des Aus gangs, jene überkluge Fallsetzer, die beständig bey
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XXXVII. pag. 323.

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sich ausrechnen: Wie, wenn sich dieser oder jener Unfall, diese oder jene Veränderung ereignen soll te! Und auf diese Weise dulden sie wirklich alle das Uebel, das sie befürchten; denn es ist ganz ge wiß, daß wir das, was wir fürchten, fühlen und daß die Einbildung uns eben so wohl elend ma chen, als die Blattern hervorbringen, kann. Man rede einem Fantasten nur viel von Gespenstern und Hexen vor, und er wird gar bald von seinem eignen Schatten erschrecken. Wider diese abergläubische und kleinmüthige Schwachheit ist kein sichrer Mit. tel, als daß wir erst alle unsre Vernuft, die uns Gott gegeben hat, zu Hülfe nehmen, und uns nur von ihr leiten lassen; und daß wir hernach, wenn wir unsre Schuldigkeit gethan haben, alles übrige dem Allweisen und Allgütigen mit freudigem Ver trauen anheim stellen. Warum sollte sich mich nicht eben so wohl mit der Hoffnung eines künfti gen Glücks trösten, als mit der Furcht eines be vorstehenden Unglücks martern dürfen? Wer sich auf Gottes Vorsorge nicht verlassen will, der macht sich dadurch seines Schutzes in der That ver lustig

CCXVII. Fabel.

Der ungehorsame junge Löwe.

Unter andern guten Lehren, die ein alter erfahr ner Löwe seinem Jungen gab, war auch diese, daß er sich niemals mit einem Menschen in Streit einlassen sollte; denn, sagte er, du magst es ma
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chen wie du willst, du wirst immer schlecht weg kommen. Der junge Löwe hörte seinen Vater an, behielt die Lehre in Gedanken, nahm sie aber nie mals zu Herzen. Als er nun nach und nach auf wuchs, und in der Blüthe seiner Jahre und Kräf te war, streifte er nach einem Menschen umher, mit dem er einen Kampf wagen könne. In seinem Herumschwärmen traf er auf ein Joch Ochsen, und hernach auf ein wohl gezäumtes und gesatteltes Pferd, und fragte jedes von ihnen, ob sie Men schen wären? Weil sie aber mit Nein antworte ten, so gieng er weiter, und kam zu einem, wel cher Holz spaltete. Höre doch, sprach der Löwe, du scheinst mir ein Mensch zu seyn. Und ich bin auch ein Mensch, antwortete der Mann. Das ist mir lieb, erwiederte der Löwe, unterstehst du dich wohl, mit mir zu kämpfen? Warum nicht? sprach der Mann. Diese Klötzer, siehst du, kann ich in Stücken schlagen. Willst du wohl deine Klauen hier zwischen diese Spalte, wo du das eiserne Ding siehst, stecken und einmal versuchen, was du vermögend bist? Der Löwe griff so gleich mit sei nen Klauen in die Spalte des Klotzes, und that ei nen frischen Ruck. Der Riß spaltete etwas weiter, aber der Keil fiel heraus, und so gleich schnellete das Holz wieder zusammen, und der Löwe war an sei nen geklemmten Pfoten gefangen. Hierauf mach te sich der Holzhacker fort, die nächste Dorfschaft aufzubringen, und der Löwe, der es nunmehr er kannte, wie übel er daran sey, wandte alle seine Kräfte an, die Füße aus der Klemme zu ziehen, und endlich gelang es ihm auch, nur daß er die Klauen
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im Stiche lassen mußte. Und so kehrte er zu sei nem Vater wieder zurück, ganz lahm und blutig, und konnte sich nicht enthalten dieses Geständniß zu thun: Ach, mein lieber Vater, dieses würde mir nimmermehr begegnet seyn, wenn ich deinem Rathe gefolgt hätte.

Lehre.

Dem vorsetzlichen Ungehorsame gegen Aeltern, folgt die Rache des Himmels, bald oder spät, aber doch gewiß auf dem Fuße nach.

Betrachtung.

Kinder sollten über den Gehorsam, den sie ihren Aeltern schuldig sind, nicht klügeln, wenn anders in ihren Gebothen nichts liegt, was offenbar übel ist; denn halsstarrige und ungehorsame Kin dern entgehen selten der besondern Strafe, die ih nen das Geständniß gegen ihre Aeltern auspreßt: Dieses würde mir nicht begegnet seyn, wenn ich eu rem Rathe gefolgt hätte!

CCXVIII. Fabel. Jupiter und der Pachter.

Ein Pachter bat den Jupiter, die Einrichtung der Luft und des Wetters auf seinem Grun de und Boden, seinem eignen Gutdünken zu über lassen. Jupiter, um ihn seines Uebermuths we gen zu strafen, gewährte ihn seiner Bitte; und er konnte nunmehr Kälte und Wärme, Wind und
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Stille, Nässe und Dürre haben, wenn und wie er sie wollte. Er machte aber, indem er sich des einen oder des andern bald zu wenig, bald zu sehr bedien te, seine Dinge so schlecht, daß durchaus nichts fortkommen wollte, und er eine zehnmal schlechtere Erndte hatte, als seine Nachbarn, ob er sich gleich zehnmal mehr Mühe gegeben hatte, als sie. Er ward daher gar bald der eignen Besorgung des Wetters, und der beständigen Unruhe, was diese oder jene von seinen Anstalten für Wirkung haben werde, so satt, daß er den Jupiter bat, ihn seiner Sorgen zu entlassen, und die Einrichtung der Jahrszeiten selbst wieder über sich zu nehmen.

Lehre.

Wir sollten Gott bitten, daß er so gnädig seyn wolle, unsere Bitten in vielen Fällen nicht zu erhören; denn sonst sind wir oft in Gefahr, durch unsre eigne Wünsche unglücklich zu wer den.

Betrachtung.

Der göttlichen WeisheitRegeln vorzuschreiben, sollten wir uns nie in den Sinn kommen lassen. Welche Verwirrung würde nicht in der Welt ent stehen, wenn einem jeden, der mit den Bewegun gen und Einflüssen der himmlischen Körper, mit dem Wechsel der Jahrszeiten, mit der Verände rung von Frost und Hitze, von Regen und Sonnen schein, nicht zu frieden wäre, diese Dinge nach eignem Gutdünken einzurichten, vergönnt würde! Unsre Wünsche und Begierden, dem Willen der Vorsehung gemäß einzuschränken, erfordert unsre
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Schuldigkeit; denn sie weis es doch am besten was uns nützlich ist, und würde uns sehr öfters strafen, wenn sie uns alles, warum wir bitten, ge währen wollte.

CCXIX. Fabel. Freude und Leid.

Freude und Leid, zwey Zwillingsschwestern, strit ten einsmals sehr heftig, wer von ihnen den Vorzug haben sollte; und da sie nicht einig werden konnten, übergaben sie die Sache dem Minos zur Entscheidung. Minos versuchte alle Mittel, sie zu vereinigen, und dahin zu vermögen, daß sie mit einander Hand in Hand, wie es zwey lieben Schwe stern zukomme, gehen möchten; weil er aber sahe, daß dieser Rath durchaus nicht anschlagen wollte, so verordnete er, daß sie beyde an eine Kette befesti get werden sollten, so daß die eine beständig der an dern auf dem Fuße nachfolge; und alsdenn, sag te er, wird wenig oder nichts daran gelegen seyn, welche von beyden vorangehet.

Lehre.

Niemand muß im Glücke übermüthig wer den, noch im Unglücke verzagen; denn Glück und Unglück wechseln eben so natürlich mit ein ander ab, als Tag und Nacht.

Betrachtung.

Es ist nun einmal das Loos der Menschen, daß sie bald glücklich, und bald unglücklich seyn sollen.
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Die allweise Vorsehung hat es so haben wollen, und es ist auch zu unserm Besten, daß es wirklich so ist. Lauter und unvermischt ist nichts unter dem Himmel; und wenn etwas in der That so wäre, so würde ein solches einfaches Ding uns weder Vortheil noch Nahrung bringen können. Ver mittelst dieser Vermischung, haben wir so wohl den Trost der Hoffnung, durch den wir im Unglücke aufrecht erhalten werden, als auch die Besorgniß der Veränderung, welche unserm Uebermuthe im Glücke heilsame Grenzen setzt; so daß wir durch diese Abwechslung des Guten und Bösen in un srer Philosophie und in unsrer Religion bestärkt werden. Denn dort werden wir an Gottes All macht und Gerechtigkeit, und hier an seine Güte und Barmherzigkeit erinnert; dort lernen wir, daß wir uns nicht auf unsre eigne Stärke verlassen sol len, und hier wird uns das Vertrauen auf die al les regierende Vorsicht, und die Uebergebung in den göttlichen Willen eingeschärft. Ist es nicht die Krankheit, durch die wir die Gesundheit recht schmecken lernen? Ist es nicht die Einschränkung, die uns die Freyheit desto werther macht? Und was lehrt uns den Werth des Ueberflusses besser schätzen, als der Mangel? Was wir Behäglichkeit nennen, ist weiter nichts, als Unempfindlichkeit, oder Befreyung von Schmerzen; und wir sind weder glücklich noch elend anders, als Verglei chungsweise. Es ist zwar wahr, daß Hoffnung und Furcht gewisser Maaßen die Fallstricke des Lebens sind; aber in einem andern Verstande sind sie auch die kräftigsten Erleichterungen desselben:
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denn durch ihren rechten Gebrauch kann nunmehr der Mensch aus eigner Macht, so wohl die Gefahr zu verzweifeln, als die Gefahr übermüthig zu wer den, vermeiden.

CCXX. Fabel. Der Landmann und der Esel.

Als ein Landmann, zur Zeit des Krieges, sei nen Esel einsmals auf einer Wiese weiden ließ, entstand ein plötzliches Geschrey, der Feind sey in der Nähe. So gleich rief der Landmann, voller Furcht, seinem Esel zu, und verlangte, daß er so geschwind, als möglich, mit ihm fortlauffen solle: denn sonst, sagte er, nehmen sie uns weg. Je nun, erwiederte der Esel, wenn sie uns auch wegnehmen? Ich mag hinkommen, wo ich hin will, ich werde überall nicht weniger und nicht mehr ein Sklave seyn, als ich hier bin. Mir kann es also gleich viel seyn, ob ich weggenom men werde oder nicht.

Lehre.

Wenn Menschen wegen einer ihnen bevor stehenden Gefahr in Furcht sind, so nehmen sie oft zu Personen ihre Zuflucht, um die sie sich doch niemals im geringsten verdient gemacht haben. Es ist daher der Klugheit gemäß, uns bey un serm Glücke so zu betragen, daß wir zur Zeit der Noth einen jeden als unsern Freund betrachten
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dürfen; denn von dem Wankelmuthe des Glücks ist niemand ausgenommen.

Betrachtung.

Diese Fabel kann uns lehren, wie wenig ein Volk, welches in dem Stande der Knechtschaft und Unterdrückung lebt, geneigt ist, zur Zeit der Noth seinen Unterdrückern beyzustehen, oder etwas zu ihrem Besten zu unternehmen. Man sollte da her glauben, daß alle Regenten, bloß in Betrach tung ihres eignen Nutzens, darauf bedacht seyn müßten, von ihren eignen Unterthanen mehr ge liebt, als gehaßt zu werden. Denn wenn ein Volk sich in so elenden Umständen sieht, daß sie schwer lich elender werden können, so kann es leicht dar auf fallen, wenigstens den Versuch zu machen, ob das Joch eines andern Beherrschers nicht etwa leichter, als das sey, welches seinen Nacken, so manche Jahre nach einander, wund gerieben hat. Und die Sache mag endlich ausfallen wie sie will, so kann ihm doch nichts schlimmers begegnen, als daß es vor wie nach in der Sklaverey bleibt, es mag dieser oder ein anderer sein Herr seyn.

CCXXI. Fabel. Das die Heiligen anrufende Schifsvolk.

Bey einem schrecklichen Sturme zur See, be merkte einer von den Schiffern, daß von sei nen übrigen Gefährten jeder einen besondern Hei
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ligen anruffe. Lieben Freunde, sprach er, bedenkt ja wohl was ihr thut; denn wie wenn wir ersauf fen müßten, ehe diese eure Mittelspersonen ihre Commißion ausrichten könnten? Wäre es also nicht besser, wir ruften ohne weitern Umschweif gleich den an, der uns, sonder Zuthun eines andern die nöthige Hülfe leisten kann?

Lehre.

Ein weiser Mann wird allezeit den nähsten und sichersten Weg, zu seinem Zwecke zu gelan gen, wählen, und nie eine Sache von Wichtig keit, die er selbst ausrichten kann, einem Anwalde anvertrauen.

Betrachtung.

Was hat man es nöthig, den Bedienten seine Aufwartung zu machen, wenn man freyen Zutritt zu dem Herrn haben kann? Und besonders, wenn der Herr eben so bereitwillig ist, zu geben, als der Supplicant fertig ist, zu bitten. In Ansehung weltlicher Angelegenheiten, wird uns eine artige Historie von einem Könige von England, Karl dem IIten, erzählet. Er hatte bemerkt, daß ein Landedelmann sehr oft mit seinem ersten Minister zu sprechen suchte; da er nun eins mals durch das Zimmer ging, wo sich der Edel mann gleich allein befand, fragte er ihn um sein Gewerbe. Er antwortete ihm, daß er, wie er schon oft gethan, seinem ersten Minister aufwar ten und ihn um ein gewisses Amt, das der König zu vergeben habe, ersuchen wolle. Der König fragte ihn weiter, was er dem Minister dafür ge
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ben wolle? Der Edelmann sagte 1000. Pfund. Gut, sagte der König mit lachendem Munde, ihr sollt es haben, und zwar für 500. Pfund; die andern 500. Pfund könnt ihr nur behalten. Und wenn noch sonst jemand von euren Freunden so ei nen Kauf thun will, so kann er sich nur unmittel bar an mich wenden; er soll allezeit ums halbe Geld von mir bedient werden.

CCXXII. Fabel. Das nicht Statt findende Bündniß.

Die Thiere machten mit den Fischen ein Bünd niß wider die Vögel. Der Krieg nahm sei nen Anfang; aber anstatt das die Fische ihre Hülfs völker hätten schicken sollen, liessen sie sich entschul digen, weil sie zu Lande nicht wohl marschiren könn ten.

Lehre.

Was hilft es, mit denen ein Bündniß zu ma chen, die uns in der Zeit der Noth unmöglich beystehen können? Dergleichen Contracte, die uns zu etwas, das wider unsre Natur ist, ver binden wollen, sind an und vor sich selbst nichtig.

Betrachtung.

Bey allen Verbindungen, es mögen öffentliche Bündnisse oder besondre Freundschaften seyn, muß auf die Hülfe und den Beystand, den ein Theil dem
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XXXVIII. pag. 333.

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andern zu leisten vermögend ist, gesehen werden; so daß man auf alle Umstände der Fähigkeit, der Lage, des Interesse et cetera wohl vorher Acht haben muß, ehe man sich weiter einläßt. Es ist nicht lange, da sich ein wirkliches Beyspiel von dieser Fabel ereigne te. Die Russen hatten sich anheischig gemacht, dem Kayser, gegen ihren gemeinschaftlichen Feind, die Türken, mit 20000. Mann beyzustehen. Das Königreich Pohlen, welches in diesem Kriege neu tral war, liegt zwischen den contrahirenden Mäch ten inne; die Pohlen versagten also den Russen den Durchmarsch durch ihr Gebiete, um zu den kayserlichen Völkern stoßen zu können. Hätte man dieses nicht vorher bedenken, und Anstal ten darwider vorkehren sollen, ehe sich der Kay ser, auf das Anstiften von Rußland in diesen Krieg einließ?

CCXXIII. Fabel. Das Alter muß man ehren.

Ein leichtsinniger unbedachtsamer Jüngling traf einen alten Mann an, dessen Körper durch Alter nnd<und> Schwachheit ziemlich die Gestalt eines Bogens bekommen hatte. Hört doch Vater, sprach er; wollt ihr wohl euren Bogen verkauffen? Spa re dein Geld, junger Laffe, antwortete der Alte; wenn du zu meinen Jahren gelangest, so wirst du so einen Bogen umsonst bekommen.
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Lehre.

Man kann schwerlich eine größre Thorheit und Unverschämtheit finden, als wenn junge Leute über die Schwachheiten des Alters spot ten, welchen sie doch nicht anders entgehen kön nen, als wenn sie jung sterben; ja, man kann sagen, daß dergleichen Leichtsinnige nicht einmal ein langes Leben verdienen.

Betrachtung.

Wir werden alle gebohren, um zu sterben; und es ist eben so unwidersprechlich gewiß, daß wir wieder aus der Welt müssen, als gewiß es ist, daß wir in die Welt gekommen sind. Unsre Kindheit ist ohnmächtig und hülfsbedürfig; unsre Jugend ist unbändig; unsre Stärke und Blüte ist an Dauer kaum einem schönen Morgen zu vergleichen; unsre Jahre kommen heran, unsre Schwachheiten eilen auf uns zu, und in unsern alten Tagen werden wir wieder so ohnmächtig, als wir in unsrer Kind heit waren. Womit können sich also auch die be sten unter uns rühmen? Die bloße Zeit, die bloße menschliche Gebrechlichkeit kann uns, auch ohne Zu thun eines Unfalls, zu unserm Ende bringen; so daß unsre Abnahme eben so wohl das Werk der Natur ist, als es unser Anfang, und unser Wachs thum war. Des Jünglings abgeschmackter Ein fall mit dem krummen Bogen, war daher für nichts bessers, als für eine unehrerbietige Verspottung der weisen Einrichtung des Schöpfers zu halten, und verrieth überdieses noch die unverzeihliche
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Thorheti<Thorheit>, über etwas zu lachen, was ihm am Ende selbst, und vielleicht noch unter schlimmern Umstän den, begegnen mußte.

CCXXIV. Fabel. Der Bär und die Bienen.

Ein Bär ward von einer Biene gestochen, und gerieth darüber so in Wuth, daß er wie un sinnig in den Bienengarten rennte, und alle Bie nenstöcke aus Rache übern Hauffen warf. Durch diese Gewaltthätigkeit aber zog er sich ganze Schwärme Bienen auf den Hals, und als er nun fast zu Tode gestochen war, sahe er es endlich ein, daß es weit besser gewesen wäre, wenn er eine Beleidigung übersehen hätte, als daß er sich durch eine ungestüme Leidenschaft tausend neuen aus setzte.

Lehre.

Man muß die Beleidigung eines Nichtswür digen lieber übersehen, als sich eine ganze Rotte von Buden auf den Hals ziehen.

Betrachtung.

Diese Fabel lehrt uns die Thorheit eines un vermögenden und unbedachtsamen Zorns, und daß kein Geschöpf so verächtlich ist, welches nicht durch Hülfe der Erbitterung und Menge, wider sei nen Feind etwas ausrichten könne. Die Hitze und der Durst nach Rache, stürzt die Menschen
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immer aus geringern Uebeln in größre; so wie ein unüberlegtes Wort gemeiniglich tausend andre nach sich zieht. Dem Storme einer unbändigen Menge widersetzt man sich nur vergebens; denn Rache und Verzweiflung, machen auch das aller unansehnlichste und furchtsamste Geschöpf tapfer. Wäre es nicht weit besser gewesen, der Bär hätte den Stich einer einzigen elenden Biene geruhig verschmerzt, als daß er noch tausend andre, ihre Stacheln wider ihn zu brauchen, reitzte.

CCXXV. Fabel. Der Jäger und der Gerber.

Ein Jäger sagte zu einem Gerber, er werde ehe ster Tage ausgehen, und einen Bär erlegen, dessen Fell er ihm verkauffen wolle. Der Gerber ward mit ihm wegen des Preises einig, ging auch wirklich, des Tages darauf, mit dem Jäger auf die Jagd, und stieg auf einen Baum, von da er die Hetze mit ansehen wollte. Der Jäger ging dem Bär muthig zu Leibe, und ließ zugleich seine Hun de gegen ihn los. Allein der Bär machte sich gar bald wieder frey, und rennte den Jäger, der seinen Streich verfehlt hatte, zu Boden. Indem dieser nun fiel, hielt er geschwind seinen Athem an sich, und lag stock stille, als ob er todt wäre. Der Bär beroch ihn, und ließ ihn endlich, weil er kein Le ben in ihm zu merken glaubte, als einen todten Körper liegen. Als nun der Bär wieder fort, und
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die Gefahr vorbey war, kam der Gerber von dem Baume herab, und hieß den Jäger aufstehen. Aber höre doch, sprach er, der Bär wisperte dir ja etwas ins Ohr; was war es denn? O nichts, versetzte der Jäger, er rieth mir nur, ich sollte mich ein ander mal zuvor des Bärs versichern, ehe ich seine Haut verkaufte.

Lehre.

Niemand unternehme etwas, was seine Kräf te übersteigt. Auf ungewisse Dinge muß man sich nicht verlassen, noch auf etwas gewisse Rech nung machen, was erst morgen geschehen soll.

Betrachtung.

Von dieser scherzhaften Fabel eine ernsthafte Anwendung <zu>zn machen, müssen wir anmerken, daß wir elende Sterbliche mehr als einen solchen lächer lichen Handel schließen. Wir geben oft unsre Zeit, Mühe und Freyheit, und alles was wir kostbares haben, für ungewisse, ja wohl für solche Dinge hin, die wir ganz und gar nicht erlangen können; so daß uns am Ende weiter nichts, als die grausa me Betrachtung zu machen, übrig bleibt; daß wir unsre Hoffnung und Erwartung auf einen sichrern und dauerhaftern Grund hätten bauen sollen.

CCXXVI. Fabel. Man kann nicht allen gefallen.

Ein alter Mann und ein kleiner Knabe trieben einen Esel, den sie auf dem nächsten Markte verkaufen wollten, vor sich her. Aber sagt mir
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nur, wie ihr so albern seyn könnt? sprach einer von den Vorbeygehenden zu dem alten Manne; ihr und euer Sohn lauft zu Fuße, und der unbeladene Esel geht ganz gemächlich voran. Der Alte setzte also seinen Knaben auf den Esel, und ging allein zu Fuße. O, über den Jungen! rief bald darauf ein andrer; mußt du, fauler Schlingel, sagte er zu dem Knaben, reiten, und deinen alten Vater zu Fus se gehen lassen? Der Alte nahm hierauf den Knaben herab, und setzte sich selbst auf den Esel. Kaum waren sie ein wenig weiter gekommen, so sprach ein Dritter: Seht mir doch den faulen alten Dieb! Er selber reitet, und das kleine Kind muß neben ihm her kriechen; fast kann es nicht mehr fort. Der Vater nahm hierauf auch den Sohn auf den Esel, und setzte ihn hinter sich. Der erste, der ihnen nun begegnete, fragte den Alten, ob der Esel sein eigen sey? Ja, antwortete dieser. Das hätte ich wirk lich nicht vermuthet; versetzte jener wieder. Sein eignes armes Vieh so zu überladen! Aber gewiß, sprach der alte Mann nunmehr zu sich selbst, bald werde ich nicht mehr wissen, was ich thun soll: Die Leute lachen mich aus, ich mag den Esel leer ge hen lassen, oder nicht; es mag sich einer von uns, oder wir mögen uns alle beyde darauf setzen. Und hiermit banden sie dem Esel die Beine mit einem Stricke zusammen, steckten eine Stange durch, und trugen ihn so auf ihren Schultern zu Markte. Wa ren sie noch nicht ausgelacht worden, so geschah es jetzt; ein jeder, der ihnen begegnete, hielt sich aufs höhnischste darüber auf, bis der alte Mann endlich so aufgebracht ward, daß er den Esel in den
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nächsten Fluß warf, und voller Verdruß wieder nach Hause ging. Der arme Mann wollte es gern allen recht machen, und hatte das Unglück es kei nem recht zu machen, und den Esel noch oben drein zu verlieren.

Lehre.

Wer sich nicht eher zu Bette legen will, als bis er es allen recht gemacht hat, der wird lange wachen müssen.

Betrachtung.

Es kann kein Mensch weder glücklich noch sicher seyn, der sich in allen Stücken nach den Meinungen und Grillen andrer richten will. Allen zu gefal len, ist eine gänzliche Unmöglichkeit; und nur einem Wahnwitzigen kann es einkommen, sich darnach zu bestreben. Was kann also ein weiser Mann in die sem Falle mehr thun, als daß er was recht und thulich ist unterscheidet, und alsdenn nach den Vor schriften eines guten Gewissens verfährt, ohne sich an das, was die Welt von ihm und seinen Hand lungen urtheilet, viel zu kehren? Es ist zwar wahr, daß ein kluger Mann, in so fern es sich mit Ehren thun läßt, jedermanns Wohlwollen zu erwerben, bedacht seyn, und sich vorsetzlicher Weise keine Feinde machen, oder dem geschäftigen Tadel andrer gegrün dete Ursache geben muß: Doch da es bey dem allen unmöglich ist, einem jeden zu gefallen, so muß er über sich selbst Richter seyn; denn nur seinen eignen Handlungen und den Urtheilen seines eignen Gewis sens zu Folge, wird er verurtheilet oder losgesprochen werden.
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CCXXVII. Fabel. Jupiters zwey Säcke.

Im Anfange, als Jupiter den Menschen er schaffen hatte, gab er ihm zwey Säcke; den ei nen zu den Fehlern seines Nächsten, welchen er hinter sich auf dem Rücken tragen sollte, und den andern zu seinen eignen Fehlern, welchen er ihm vor sich, auf der Brust zu tragen befahl. Allein der neuerschaff ne Mensch verkehrte diese Einrichtung; seinen Sack warf er hinter sich auf den Rücken, und der Sack seines Nächsten kam vor die Brust zu hängen; daher er denn auch so blind gegen seine Fehler, und so scharfsichtig gegen die Fehler seines Nächsten ge worden ist.

Lehre.

Jeder Mensch ist in seiner eignen Sache par theyisch, und zugleich besitzt jeder die Schwach heit, daß er die Fehler seines Nächsten beständig vor Augen hat, die eignen Fehler aber, um sie nicht sehen zu dürfen, hinter sich auf den Rücken wirft.

Betrachtung.

Wir werden hier eines doppelten Fehlers wegen gewarnt; der eine ist der Mangel der Billigkeit und Nachsicht gegen unsern Nächsten, und der andre der Mangel der christlichen Prüfung und Erkenntniß unsrer selbst, aus welchen beyden Mängeln theils die Sünde der Verkleinerung, da wir andre schlim
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mer machen, als sie sind, und theils die Sünde des Stolzes und der Heucheley, durch die wir uns für weit besser halten, entstehet. Wir leben wie Verschwender, die es wissen, daß sie bis über die Ohren in Schulden stecken, und ihre Rechnungen daher nicht gern durchsehen wollen. Ja die meisten von uns machen es vielleicht noch weit schlimmer, indem sie ganz und gar kein Rech nungsbuch führen, oder es wenigstens nicht zu fin den wissen. Eigenliebe ist beständig mit Verach tung andrer, und mit gänzlicher Verkennung so wohl unsrer als fremder Handlungen verbunden; denn wir halten zwar wohl ein Register von den Fehlern unsers Nächsten, aber keines von seinen guten Tha ten, und noch weniger eines von dem, was wir selbst verschulden. Das „ich bin nicht, wie dieser Zöll ner, ist der Gipfel unsrer Gerechtigkeit. So geht es in der Welt, und es ist gewiß ein sehr schändlicher Irrthum, wenn sich ein Mensch um so viel besser dünkt, jemehr er Fehler an andern wahrnehmen kann. Das schlimmste aber bey dem allen ist dieses, daß wir uns so lange für völlig si cher halten, als wir unsre Ubelthaten<Übelthaten> vor den Men schen verbergen und uns selbst aus den Augen und dem Gedächtnisse bringen können, ohne weder an die Gerechtigkeit, die niemals schläft, noch an das allsehende Auge, dem keine von unsern Mißhand lungen unbekannt bleiben kann, zu denken.
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CCXXVIII. Fabel. Der Kaufmann und der Schiffer.

Ein Kaufmann fragte einen Schiffer, was für einen Tod sein Vater gestorben sey? Der Schiffer antwortete, sein Vater, sein Großvater und sein Großgroßvater wären alle ertrunken. Fürchtest du dich nicht also, fuhr der Kaufmann fort, gleichfalls zu ertrinken? Aber sage mir doch, versetzte der Schiffer, wie ist denn dein Vater, Großvater und Großgroßvater gestorben? Sie sind alle, antwortete der Kaufmann, auf ihrem Bette gestorben. Siehst du, sagte der Schiffer; warum sollte ich mich also mehr fürchten, zur See zu ge hen, als du dich, zu Bette zu gehen fürchtest?

Lehre.

Wer sich mit fürchterlichen Folgen von blos sen Zufälligkeiten den Kopf warm machen will, der wird niemals ruhig werden. Ferner lehrt uns diese Fabel, daß wir in unserm Berufe den Tod nicht fürchten sollen.

Betrachtung.

Es steht großen Theils bey uns, wie wir leben wollen; aber wenn und wie wir sterben wollen, das steht ganz und gar nicht bey uns. Wir müssen uns daher gänzlich der Vorsicht überlassen, und den Tod willkommen heißen, wenn, wo und wie es Gott gefällig ist, ihn uns zuzuschicken. Der Grund und die Lehre dieser Fabel ist klar, stark und erbau
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lich: Wir müssen den Tod entweder ganz und gar nicht fürchten, oder wir müssen ihn alle Augenblicke des Lebens und unter allen Gestalten, in welchen er jemals erschienen ist, fürchten, welches uns nothwen dig so verwirren würde, daß wir aus bloßer Furcht zu sterben, nicht leben könnten. Wir dürfen weder essen noch trinken, weder Athemholen noch schlafen, wenn wir uns einmal über die Beyspiele ängstigen, da der oder jener unter eben den Umständen gestor ben, unter welchen wir uns jetzt befinden. Kurz, jeder Augenblick des Lebens kann unser letzter seyn, weil wir nicht nur täglich in der Gefahr des Todes, sondern so gar in der beständigen Gewißheit dessel ben leben; daß es also gar nicht darauf ankömmt, wie oder woran der oder jener gestorben, gnug daß es das unvermeidliche Schicksal so gewollt hat. Der eine stirbt auf seinem Bette, der andre auf der See, der dritte im Felde; der an dieser Krankheit, und der an einer andern: Was sind aber das an ders, als so viel verschiedene Wege zu einem und eben demselben vorgesteckten Ziele? Es giebt kein gewisser Gegengift wider die Furcht vor dem Tode, als das Bewußtseyn eines tugendhaften Lebens; und wenn uns der Tod leicht werden soll, so müssen wir mit der Gedanke von ihm vertraut zu werden suchen.
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CCXXIX. Fabel. Der Adler, die Katze, und die Sau.

Ein Adler, eine Katze und eine Sau lebten zu sammen in einem Walde. Der Adler nistete auf den Wipfel einer hohen Eiche, die Katze heckte in dem hohlen Stamme derselben, und unten an den Wurzeln hatte die Sau ihre Ferkel geworffen. Die Katze war ein tückisches böses Geschöpf, und wen dete sich folgender Gestalt gegen den Adler: Ew. Majestät mögen ja wohl auf ihrer Hut seyn; es ist ganz gewiß etwas wider Dieselben, und vielleicht auch wider mich armes Thier, im Werke; denn da unten liegt eine Sau, die den ganzen Tag an den Wurzeln dieses Baums wühlt; sie wird gewiß nicht eher nachlassen, als bis der Baum umstürzt, und alsdenn mag der Himmel so wohl ihren, als meinen Jungen gnädig seyn. Kaum war es ihr auf diese Weise gelungen, den Adler mißtrauisch zu machen, als sie sich zu der Sau verfügte: Du bil dest dir es wohl schwerlich ein, sprach sie, in was für Gefahr du bist; da oben auf dem Wipfel die ses Baums lauert ein Adler, der deine Ferkel gar zu gern erbeuten möchte; und so bald du dich ein mal entfernen wirst, wird er er ganz gewiß sein Vorhaben ausführen. Hierauf begab sich die Ka tze wieder zu ihren Jungen, that als ob sie voller Furcht beständig auf ihrer Hut wäre, und ging nicht eher als des Nachts aus, sich und ihre Jungen zu versorgen. Mit einem Worte, der Adler durfte sich
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XXXIX. pag. 343.

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aus Furcht vor der Sau nicht ausmachen, und die Sau durfte aus Furcht vor dem Adler nicht aus der Stelle gehen; so daß sie beyde so lange auf ihrer Hut waren, bis sie beyde verhungerten, und die Versorgung ihrer Kinder der Katze und ihren Kätzchen überlassen mußten.

Lehre.

In einem Staate oder in einer Familie, wo Ohrenbläser und Zeitungsträger geduldet wer den, wird nimmermehr Friede seyn.

Betrachtung.

Die geschäftigen Klätscher und Aufhetzer sind die gefährlichste Art von Leuten, mit der man zu thun haben kann; denn da ist kein Unheil, welches die tückische List eines Zweyächslers, wenn er leicht gläubige Thoren vor sich findet, nicht anrichten könnte. Und schwerlich wird man eine größre Pest der Regierung, des Umgangs, des gesellschaft lichen Friedens, der Verwandtschaften und Fami lien finden, als die dienstfertigen Zeitungsträger und Ohrenbläser. Sie allein sind vermögend die Menschen gegen einander aufzubringen; sie le ben von Verleumden und Lästern, indem sie sich unter der Larve der FreundschaftFrenndschaft und der Ver traulichkeit verbergen; sie sind es, die, wie ein englischesengliches Sprichwort sagt, ihrer Nachbarn Häu ser in Brand stecken, um ihre Eyer dabey sieden zu können. Die Sünde der Verleumdung ist ein teuflisches Laster; und wenn sie listig gnug ange sponnen wird, so ist sie vermögend, die ganze Welt in Flammen zu setzen, ohne das ein Mensch sagen
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kann, wie und wo diese Flammen zuerst ausge brochen sind. Dieses Uebel kann dadurch beför dert werden, wenn man seines Nächsten Gedan ken, Worte oder Werke unrecht versteht, unrecht auslegt, oder unrecht vorträgt; und keine Wunde ist so tödtlich, als wo das Gift unter dem Scheine der Wohlgewogenheit wirken kann; ja es giebt Empfehlungen, Versicherungen der Freundschaft und Hochachtung, die einen Menschen eben so gewiß tödten, als ihn eine Kugel tödten kann. Ein sol ches Verfahren erstickt überall Treu und Glaube, und man spürt es eben so häufig bey Hofe und bey Staatshändeln, als bey den allergewöhnlichsten Zufällen des Lebens. Es ist vermögend, allen rühmlichen Unternehmungen den Weg zu versper ren, alle großmüthige und patriotische Gesinnun gen zu unterdrücken, und alle löbliche Neigungen gleich in der Geburt zu ersticken. Nächst diesem schändlichen Gewerbe aber, ist für einen ehrlichen Mann kein größer Unglück, als wenn er der Barm herzigkeit derjenigen, die es treiben, oder zu befördern pflegen, überlassen ist.

CCXXX. Fabel. Der Bauerjunge und der Fluß.

Ein dummer Bauerjunge, der von seiner guten alten Mutter mit Käse und Butter zu Markte geschickt ward, sahe sich auf seinem Wege von einem Flusse aufgehalten, und legte sich also, in Erwartung,
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daß er bald ablauffen werde, auf das Ufer desselben nieder. Gegen Mitternacht endlich kam er mit seinem ganzen Krame zu seiner Mutter wieder heim. Nun Sohn, sprach sie, wie soll ich das verstehen? Ja Mut ter, antwortete der Junge, dort ist ein verzweifelter Fluß, der den ganzen Tag nicht aufgehört hat zu fließen; ich habe lange genug gewartet, und dachte, er würde endlich einmal ablauffen, aber er läuft noch.

Lehre.

Wir müssen uns nicht einbilden, daß die Na tur uns zu gefallen, oder zur Befriedigung irgend einer unsrer thörichten Grillen, ihren Lauf än dern werde.

Betrachtung.

Hieraus erkennen wir die Thorheit und Gefahr der Verzögerung. Der Träge und Unentschlossene läßt sich die besten Gelegenheiten aus den Händen geben, indem er eben darauf harret. Es giebt Leute, die auf eine so unsinnige Art verdrossen sind, daß sie es eher der Natur zumuthen, ihren ge wöhnlichen Lauf aus Gefälligkeit für sie, zu ändern, als daß sie sich selbst die Mühe geben wollen, in ih ren eignen Angelegenheiten einen einzigen Schritt aus dem Wege zu thun. Sie werden lieber war ten, bis der Fluß abläuft oder vertrocknet, als sich nach einer Brücke oder einem Fuhrte umsehen wol len. Sie überlegen nicht, daß die Natur in bestän diger Bewegung ist, und daß der Kreislauf ihrer Wirkungen ohne die geringste Unterbrechung oder Ruhe fortgeht. Warum sollte nicht eben so wohl
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die Sonne an dem Firmamente schlafen, oder stille stehen, so wie es unsre Geschäfte erfordern, als die Flüsse ihren Lauf hemmen, um uns in unserm Wege nicht aufzuhalten?

CCXXXI. Fabel. Der eigenmächtige Adler.

Es entstand einsmals unter den Vögeln die Fra ge, welcher von ihnen der allerschönste sey. Der Adler ertheilte seine Stimme sich selbst, und trug den Preis davon. Ja, ja, sprach ein hintenan gesetzter Pfau mit leiser Stimme, du bist wirklich ein sehr schöner Vogel! Aber danke es deinem Schna bel und deinen Klauen, daß dir kein andrer Vogel den Vorzug streitig machen darf.

Lehre.

Die Ehrerbietung, mit der man gemeiniglich großen und mächtigen Personen begegnet, wenn sie nicht zugleich gute und rechtschaffne Leute sind, ist bloß äußerlich, und hat nicht so wohl Liebe, als Furcht und Schmeicheley zum Grun de.

Betrachtung.

Die ganze Welt wird durch Schmeicheley, Furcht oder Eigennutz regieret. Kurz, der Mächtige ist schön, ist witzig, ist tapfer, und hat alle mögliche gute Eigenschaften, wenn Sklaven und Schmarotzer seine Richter sind.
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CCXXXII. Fabel. Der unbedachtsame junge Erbe.

Ein thörichter Erbe, der eben nicht lange in den Besitz der Güter eines weisen Mannes ge treten war, ließ alle grüne Zäune und Hecken, die um seinen Weinberg her waren, ausrotten, weil sie ihm, wie er sagte, keine Trauben brächten. Durch diese Ausrottung aber, ward sein Grund und Boden Menschen und Thieren offen, und der Wein berg war auf einmal so gut als verheeret. End lich sahe es der alberne junge Herr ein, wie thö richt er gewesen sey, da er die Schutzwehr um sei nen Weinberg wegnehmen lassen, und Trauben von Dornen und Disteln verlangt habe.

Lehre.

Man braucht eben so viel Fleiß und Sorg falt, seine Güter zu behalten, als man sie zu er langen gebraucht hat; und zur gemeinen Sicher heit ist der, welcher Wache steht, eben so nöthig als der, welcher in der Schlacht ficht.

Betrachtung.

Diese Fabel von dem Zaune und dem Weinber ge, kann gar füglich auf die Gesetze, welche die Si cherheit des gemeinen Wesen zur Absicht haben, an gewendet werden. So lange als die Schranken die ser Gesetze beybehalten und behauptet werden, wird weder der Friede noch die Ordnung des Staats
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Gefahr lauffen; so bald man sie aber entweder aus Nachläßigkeit eingehen läßt, oder zugiebt, daß Gewalt und Frechheit sie niederreissen, werden die wilden Thiere des Waldes einbrechen, und den Weinberg zur Wüste machen. Eben so muß auch in andern Fällen, die äußerliche Ehrerbietung ge gen Anverwandte, Vormünder und Lehrmeister, als ein Zaun betrachtet werden, den man durchaus nicht niederreissen lassen darf; denn wenn einmal eine unanständige Vertraulichkeit die nothwendi ge Achtung, welche die Untergebnen gegen ihre Vorgesetzten haben müssen, unterdrückt, so muß nothwendig Geringschätzigkeit und Verachtung dar aus entstehen, und alle gute Ordnung und Anstän digkeit wird ein Ende haben.

CCXXXIII. Fabel. Der Stier und die Mücke.

Eine Mücke, die sich auf das Horn eines Stiers gesetzt hatte, bat mit vieler Höflichkeit den Stier wegen der genommenen Freyheit um Ver zeihung; doch, sprach sie, ehe dir meine Last gar zu schwer wird, will ich mich lieber wieder fortma chen. O mache dir deswegen keine Gedanken, ant wortete der Stier; so wenig ich dich merkte, als du dich auf mich setztest, eben so wenig werde ich dich vermissen, wenn du wieder wegfliehst.
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Lehre.

Die Eitelkeit dieser Fliege kömmt auf eine Thorheit heraus, die wie täglich an hundert ge ringschätzigen, nichtigen Leuten wahrnehmen, welche sich beständig unendlich wichtiger machen, als sie wirklich sind.

Betrachtung.

Diese Fabel kann auf alle die überlästigen Beob achtungen einer übertriebnen Höflichkeit gezogen werden, die einer scharfen Ahndung gar wohl werth sind. Denn für einen vernünftigen Mann, der in Geschäften sitzt, ist es gewiß die verdrießlichste Peinigung unter der Sonne, wenn er mit einem gezwungnen Complimentieraffen zu thun haben muß, der, um artig zu seyn, beständig nach der strengsten Etiquette verfährt; besonders wenn die ser von einem Stande ist, nach welchem er äus serliche Achtung und Ehrerbietigkeit verlangen kann.

CCXXXIV. Fabel. Der Reisende und die Feldheime.

Ein muthwilliger Reisender, der an einem schwühlen Tage seinen Weg zu Pferde fort setzte, ward von dem schwirrenden Getöse, das die Feldheime in seinen Ohren verursachten, so aufge bracht, daß er in voller Hitze abstieg, und sie alle
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umbringen wollte. Einige zertrat er mit den Füßen, nach andern schlug er mit der Peit sche, und dieses trieb er den ganzen Tag, bis er endlich so müde war, daß er sein Pferd an ei nen Baum binden, und sich mitten unter das noch immer schwirrende Ungeziefer, dessen Ge töse ihn so beleidigt hatte, niederlegen mußte.

Lehre.

Eigenwillige und mürrische Leute werden durch die geringste Kleinigkeit aufgebracht; so wie hier der wunderlichr Reisende so gar über den günstigen Einfluß der Sommerson ne, die das ganze Pflanzenreich belebte, und Thiere, Vögel und Ungeziefer, bis auf die Feldheime, zur Freude erweckte, erbittert ward.

Betrachtung.

Um diese Fabel in einer allgemeinen und ernst haftern Bedeutung zu nehmen, so können wir die verschiedenen Auftritte des menschlichen Lebens gar wohl als eine beständige Reise zur Ewigkeit betrachten, auf welcher wir uns nur allzuoft durch nichtswürdige Kleinigkeiten von unsern Pflichten abziehen lassen. Jeder geringe Zufall bringt uns von dem großen Werke ab, welches unsre Gedan ken allein beschäftigen sollte; so daß wir, anstatt die Pflichten eines vernünftigen Wesens zu erfüllen, von unsern ungestümen Leidenschaften dahin geris
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XXXX. pag. 353.

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sen, und den jungen Jagdhunden gleich werden, die lieber Dohlen und Krähen, als dem Wilde, auf welches sie gehetzt werden, nachjagen.

CCXXXV. Fabel. Der Adler und die Kaninchen.

Ein Adler kam über ein Nest Kaninchen, und nahm sie für seine Jungen mit fort. Das alte Kaninchen beschwor ihn bey allen den Mäch ten, die sich der Unschuldigen und Unterdrückten annehmen, Mitleiden mit ihren armen Kindern zu haben. Allein der Adler, voller Stolz und Un willen, zerriß sie vor ihren Augen. Hierauf mach ten alle Kaninchen gemeinschaftliche Sache, und fingen den Baum an zu untergraben, auf welchem der Adler sein Nest hatte, so daß er bey dem ersten heftigen Sturme umstürzen mußte, und die jun gen Adler mit samt dem Neste herabfielen. Eini ge davon wurden durch den Fall zerschmettert, und die übrigen, im Angesichte des beleidigten Mutter kaninchens, von Raubvögeln und wilden Thieren gefressen.

Lehre.

Es ist, auch von den größten und mächtig sten Personen, höchst unklüglich gehandelt, einen geringern unnöthiger Weise zu erbittern, da selbst der Stolz eines Pharao, durch elende Frö sche und Läuse gedemüthiget ward.
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Betrachtung.

Das allerverächtlichste Geschöpf kann, zu einer oder der andern Zeit, durch diese oder jene Mittel, im Stande seyn, sich auch an dem allergrößten zu rächen; und dieses zwar nicht so wohl durch seine eigne Kräfte, als vermöge der Mitwirkung der göttlichen Gerechtigkeit, welche nie eine Unterdrü ckung ungestraft lassen wird. Im Falle einer ge waltsamen Ungerechtigkeit, müssen die Größten nicht übermüthig werden, und die Kleinsten nicht verzweifeln. Hier triumphirt die Gewalt über die Schwach heit; eine strafbare Grausamkeit über die hülflose Unschuld, und zwar eine unerbittliche Grausam keit, die gegen die Thränen und Bitten einer zärt lichen Mutter, zum Behuf ihrer Kinder, taub und unempfindlich war. Diesen unbarmherzigen Stolz des Adlers nun zu erniedrigen, bediente sich die Vorsicht der allerverächtlichsten Mittel und Ge schöpfe, durch die sie die Rache an ihm vollzog; woraus wir denn erkennen, daß sich der Himmel der Sache des Schwächern und Unschuldigen be sonders annimt, und daß seine Strafgerichte dem Unterdrücker auf dem Fuße nachfolgen.
|| [0355.01]

CCXXXVI. Fabel. Die Rebhüner und der Hüner hund.

Ein Flug Rebhüner machte, aus Furcht gefan gen zu werden, mit einem Hünerhunde den Vertrag, alle übrigen Hunde von seiner Art dahin zu vermögen, daß sie ihnen keinen Schaden zufüg ten. Der Hund setzte seine Ehre zum Pfande, daß sie in Zukunft von keinem seiner Art etwas zu be fürchten haben sollten; denn, sagte er, wir sind entschlossen, so bald wir einen von euch spüren, uns so gleich platt auf die Erde zu werffen, und auf eine andere Seite hin zu sehen, ohne den geringsten Schritt weiter zu thun. Wenig Tage darauf, wurden die Rebhüner ebendenselben Hund mit sei nem Herrn auf der Jagd gewahr. Auf einmal blieb der Hund zurück und that wie er versprochen hatte, so daß die armen Vögel, für Freuden über die treue Befolgung seines Versprechens, ganz aus ser sich waren; allein sie wußten nicht, daß er eben so wohl mit dem Jäger, als mit ihnen, dieses Zei chens wegen einig geworden war, welcher denn auch wirklich das Netze über sie zuzog, und den ganzen Flug gefangen bekam.

Lehre.

Das ist der Lauf der Welt, und so wird bey den meisten Angelegenheiten verfahren. Die
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Schelme betriegen die Narren, und die Schwä chern werden den Stärkern zum Raube.

Betrachtung.

Ehrliche Leute, weil sie selbst von keinem Betruge wissen, argwohnen auch keinen, und werden daher sehr oft von arglistigen und heimtückischen Schel men in die Schlinge gelockt. Klug wie die Schlange, und ohne Falsch wie die Taube, sind zwey Eigenschaften, die man nur selten beysammen antrifft; und es sollte eine allgemeine Regel für jeden ehrlichen Mann seyn, weniger zu trauen und mehr zu argwohnen, als er gemeiniglich zu thun pflegt; wenigstens sollte er nicht gleich auf jeden Scheinfreund, den er noch nie auf die Probe stellen können, so viel Vertrauen setzen, daß seine Person oder sein Glück, unglücklicher Weise dabey Gefahr lauffen könnte. Dem ohngeachtet aber muß ein billiger Mann von jedem das Beste hoffen; allein er muß es nur hoffen, und nicht ganz gewiß er warten, damit der Schade, wenn er sich endlich betrogen sieht, nicht unersetzlich wird. Leute aber, welche ohne Unterschied an andrer Ehrlichkeit zwei feln und von Natur argwöhnisch sind, sind gemeinig lich selbst nicht die besten; denn da sie wissen, wie verderbt sie selbst sind, so halten sie jeden für ihres gleichen. Doch muß man auch auf der andern Sei te nicht verabsäumen, eine kluge Behutsamkeit an zuwenden, und ein Mann, der überall Versiche rungen der Dienstbeflissenheit und Liebe antrifft,
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kann gar wohl zu sich selbst sagen: Ich habe keine Ursache an den Betheuerungen meines Freundes zu zweifeln, und ich will hoffen, daß er alles, was er sagt, aufrichtig meinet; da aber, weit klügere, als ich bin, von Leuten hinter das Licht geführt und betrogen werden, von welchen sie es am wenig sten vermuthet, so will ich mein Glück nicht ganz in seine Hände setzen und alle kluge Vorsicht aufge ben; sondern eher auf das sehen, was mögli cher Weise geschehen kann, als auf das, was nach meiner Vermuthung wahrscheinlicher Weise geschehen sollte; und durch diese Mittel hoffe ich nicht allein mich selbst, sondern auch meinen Freund zu erhalten. So wird ein weiser Mann denken, und so wird er, doch ohne Nachtheil seines guten Herzens, handeln.
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CCXXXVII. Fabel. Der Lahme und der Blinde.

Ein Blinder und ein Lahmer, welche nahe Nachbarn waren, mußten beyde, Geschäfte halber, an einen Ort reisen, der einige Meilen von ihren Wohnungen abgelegen war. Damit sie nun ihren gemeinschaftlichen Zweck erreichen möchten, wurden sie einig, daß der Blinde, dem es an ge sunden Knochen nicht fehlte, den Lahmen auf seine starken Schultern nehmen, und der Lahme, der ein gutes Gesicht hatte, dem Blinden den Weg, den er gehen müsse, bemerken sollte. Auf diese Weise half einer des andern Fehlern ab, so daß sie zu sammen ihre Reise glücklich hin und wieder zurück thun konnten, welches keiner vor sich allein vermö gend gewesen wäre.

Lehre.

Die Vorsehung hat alles in der Welt so weis lich eingerichtet, daß wir einer des andern alle Au genblicke bedürfen.

Betrachtung.

Alle und jede Menschen sind als so viel Glieder an eben demselben Körper anzusehen; und wenn wir zu dem Besten unsers Nächsten etwas beytra
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gen, so sind wir nicht allein dem Ganzen nützlich, sondern befördern zugleich auch unsre Wohlfahrt. Jeder Mensch hat seine Unvollkommenheiten und Fehler, so wie der Blinde und Lahme in der Fabel; daß es folglich eine eben so ersprießliche als tu gendhafte That ist, wenn einer dem andern beyspringt und unter die Arme greift. Was dem einen man gelt, das kann der andre ersetzen; und eines jeden eigne Bedürfnisse sind das Band der menschlichen Gesellschaft. Ohne diese Bedürfnisse würde weder Freundschaft noch Umgang Statt finden; und da die Vorsehung unsere Mängel in eine Quelle des Segens zu verwandeln gewußt hat, so ist es un ser eigner Nutzen, gutthätig und gesellschaftlich zu seyn.

CCXXXVIII. Fabel. Die drey vermeinten Bußfertigen.

Ein Wolf, ein Fuchs und ein Esel bekamen eins mals einen starken Anfall von Reue über alles das Böse, das sie begangen hatten, und waren ent schlossen, ihre Sünden einander zu beichten. Ich bekenne, sagte der Wolf, daß ich einst in der Hitze eine schöne fette Sau umgebracht ha be. Zwar verdiente sie es wirklich; denn das gäßliche<gräßliche> unbarmherzige Thier hatte zwey Fer kel, die sie in dem Stalle fast für Hunger sterben ließ, da sie unterdessen in dem nächsten Walde ih ren Wanst mit Eicheln füllte. Da nun die Mut
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ter also todt war, so hielt ich es für ein verdienst volles Werk der Barmherzigkeit, auch die armen Ferkel von ihrer Marter zu befreyen; und bloß und allein aus diesem Grunde, schaffte ich sie gleichfalls aus der Welt. Dieses, setzte der Wolf mit thränen den Augen hinzu, dieses vermehrt meinen Schmerz — Beruhige dein zärtliches Herz, ehrlicher Isegrim, sagte der Fuchs; denn du hattest die beste Absicht von der Welt, als du die Sau, wegen der Verlas sung ihrer Jungen, bestraftest, und hernach dem Elende der armen mutterlosen Ferkel ein Ende machtest. Ich für mein Theil, fuhr der Fuchs fort, bin ein sehr böser Sünder gewesen; denn unter an dern Räubereyen habe ich mich auch eines stattli chen Hahns, als er eben mitten unter seinen Wei bern krähte, bemächtiget, und ihm den Kopf abge rissen. Es ist wahr, durch seinen unerträglichen Uebermuth und durch sein beständiges Lermen, zwang er mich gleichsam dazu; denn das Strozen und Krähen hatte bey ihm kein Aufhören, so daß niemand in der ganzen Nachbarschaft vor ihm schla fen konnte. Doch was meine Uebelthat, wenn es anders eine Uebelthat zu nennen ist, noch ver größerte, war dieses, daß die närrischen Hühner darüber so zu schreyen und zu toben anfingen, daß ich zu meiner eignen Vertheidigung — — Ju piter mag mir es vergeben! — genöthiget ward, ihnen eben so, wie dem Hahne, mit zu spielen. Und hiermit erhub der Fuchs gleichfalls ein erbärmli ches Geheule über seine Missethaten. Stille, stil le doch, mein guter Reinicke, sagte der Wolf; ich
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sehe nicht, daß du in Ansehung des ruchlosen Hahns etwas anders gethan hast, als was die strenge Ge rechtigkeit von dir forderte; und was die Hühner anbelangt, so sagst du ja selbst, daß du es zu deiner eignen Vertheidigung thun müssen, und ich kann nicht begreiffen, wie du es, als ein ehrlicher Fuchs, hättest anders machen sollen. Auf diese Weise sprachen der Wolf und der Fuchs, als wahre Wölfe und Füchse, einander von ihren Sünden los. Und nunmehr kam die Reihe zu beichten an den Esel. Ich fraß einsmals, sprach er, ein wenig Stroh von der Streu meines Herrn, welches der Stallknecht war, und darauf ge schah es, daß sich der gute Mann erkältete: allein ich ward von dem äußersten Hunger dazu getrieben; und bitte also, laßt Gnade für Recht ergehen. Du willst von Gnade reden, schrie der Wolf? Siehst du nicht, du Bösewicht, daß es deinem Herrn das Leben hätte kosten können? Ja ganz gewiß, sprach der Fuchs; ich habe in meinem Leben von keiner abscheulichern Bosheit gehört! — Und hiermit fielen sie beyde über ihn her, und zerrissen den ar men Esel in Stücken.

Lehre.

Wenn Diebe und Straßenräuber einander richten, so kan man schwerlich ein ander Urtheil er warten, als der Wolf und der Fuchs einer über des andern Verbrechen fällte; da hingegen der Esel, der ihnen in die Klauen gerathen war, seiner tau=
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sendmal größern Unschuld ungeachtet, ein Opfer ihrer vorher abgeredten Bosheit werden muß te.

Betrachtung.

Die vorgegebene unnatürliche Lieblosigkeit der Sau in Verlassung ihrer Jungen, ob sie gleich nur deswegen ihrer Nahrung nachging, damit sie, zur Erhaltung derselben, ihre Milch vermehren möge; des Wolfs darauf folgende Zerreissung der Ferkel, unter dem Vorwande sie von ihrer Marter zu befreyen; des Fuchses Ermordung des Hahns, weil er die Nachbarn in ihrer Ruhe störe, und hier auf auch der Hühner, unter dem Scheine der Selbstvertheidigung, waren die nichtswürdig sten Entschuldigungen und Bemäntelungen, mit welchen sich ein Wolf nur bey einem Fuchse, und ein Fuchs nur bey einem Wolfe, vertheidigen konn te; sie mußten aber nothwendig die Bosheit und Heucheley der Verbrecher, vor dem allsehenden Au ge, dessen Scharfsichtigkeit durch keinen solchen elenden Vorwand zu täuschen ist, unendlich ver mehren. Ueberhaupt ist diese Fabel eine ernsthaf te Betrachtung über die Ruchlosigkeit der meisten Menschen, die, so lebhaft sie auch von ihren Sün den überzeugt sind, sie gleichwohl, nach Art des Wolfs nnd<und> des Fuchses, auf alle Weise zu verklei stern und zu verringern suchen. Ich brachte, sag te der Wolf, die Sau um; aber es geschah in der Hitze: und eben so sagt der Sünder, es ist wahr, ich habe mich dieser oder jener sinnlichen Lust schul dig gemacht, aber es geschah in der Hitze der Ju
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gend, da die Leidenschaft die Oberhand haben, und alle Menschen mehr oder weniger mit sich fortreissen. Und so wie der Fuchs und der Wolf einander gar leicht, der abscheulichsten Verbrechen wegen, lossprachen und ohne Barmherzigkeit über den Esel herfielen, und ihn wegen eines geringen Fehlers, zu welchen ihn die äußerste Noth verführt hatte, zerrissen: so gehen auch nicht wenig Men schen über ihre eignen erschrecklichen Laster hin, und verlästern ohne Nachsicht einen armen Näch sten, der nicht halb so böse ist, als sie; oder ver folgen, in andern Fällen, einen von der Noth ge drungnen Uebelthäter mit der strengsten Rache, des sen Fehler mit ihren Sünden ganz und gar in keine Vergleichung kommen. Solche Ungeheuer aber, die keine Vergebung ertheilen wollen, ob sie gleich selbst Vergebung zu erhalten hoffen, können an je nem Tage nichts anders als der schrecklichsten Ver geltung gewärtig seyn; denn da werden alle ihre partheyischen Entschuldigungen, vor dem gerech ten und untrüglichen Richterstuhle wegfallen, und mit dem Maaße, womit sie andern gemessen haben, wird ihnen wieder gemessen werden.
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CCXXXIX. Fabel. Die sich in ihrer Rechnung betrie gende Milchmagd.

Ein Bauermädchen, das eine Gelte mit Milch auf ihrem Kopfe zu Markte trug, rechnete den ganzen Weg über aus, wie viel sie in kurzer Zeit durch ihre Milch und vermittelst einer guten Wirth schaft, könne gewonnen haben. Für diese Milch, sprach sie, werde ich so und so viel baares Geld be kommen. Für das Geld will ich mir so und so viel Eyer kauffen. Aus diesen Eyern bekomme ich Federvieh; für das Federvieh schaffe ich mir, mit Erlaubniß des Fuchses, ein junges Schweinchen; das Schweinchen wird zu einem fetten Schweine, und für das Schwein fällt alsdenn ein guter Pfennig in meinen Beutel. Und wer wehrt mir, daß ich mir nunmehr eine Kuh und ein Kalb kauf fe, und habe ich nur erst die, so weis ich schon, der Liebste wird auch nicht außenbleiben. Dieser Gedanke brachte sie für Freuden ausser sich, und ehe sie sichs versah, da lag die Gelte mit Milch! Dieser Zufall nun machte ihrer ganzen Historie von den Eyern, dem Federvieh, dem Ferkel, dem Schwei ne, der Kuh, und dem Kalbe und allen ihren übri gen süßen Grillen, auf einmal ein Ende.

Lehre.

Auf die jungen Hühner, die erst ausgebrütet werden sollen, müssen wir uns keine Rechnung
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machen; das ist, wir müssen unsre Glückseligkeit auf keinen so schlüpfrigen Grund bauen, derglei chen weit entfernte Zufälligkeiten sind.

Betrachtung.

In dem Falle, in welchem sich die Milchmagd befand, befinden sich nur allzuviel Menschen. Wir gehen von einem Anschlage zu dem andern, und lassen uns von einer Hoffnung zu der andern ver leiten, nicht anders als ob wir ewig leben wür den. Der eine nimt sich das vor, und der andre jenes; und o wie glücklich hoft jeder zu seyn, wenn er seine Absicht wird erreicht haben! Doch kaum scheinen sie dem Zwecke aller ihrer Hoffnungen und Wünsche nahe gekommen zu seyn, so erscheinet der Tod, eine ganz andre Art von Liebsten, als wo mit sich das arme Mädchen schmeichelte; die schau michte Milch ihrer ungegründeten Erwartungen läuft auf den Boden, und alles was ihnen auf ihrem Krankenbette übrig bleibt, ist die kränkende Betrach tung über die Eitelkeit aller ihrer Hoffnungen; bis sich endlich ihre ganze Geschichte mit einem trau rigen Memento für andre beschließt, ihre Glück seligkeit nicht auf die überhingehenden Vergnügen eines ungewissen Lebens zu gründen.
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CCXL. Fabel. Die gefährliche Verzögerung von ei nem Tage zum andern.

Ein Mensch, welcher ein sehr ruchloses Leben geführt hatte, ward endlich durch die lebhaf ten Vorstellungen eines vernünftigen Freundes und durch Hülfe eines fieberhaften Anfalls, so weit ge bracht, daß er auf seine Besserung ernstlich bedacht zu seyn versprach, und morgen damit den Anfang machen wollte. Doch das besorgte Fieber blieb außen, und da der morgende Tag erschien, so setz te er seine Bekehrung auf den andern Morgen fest, doch auch dieser und noch viele andre verflossen, ohne daß er sein böses Leben im geringsten änder te. Als dieses sein Freund gewahr ward, sagte er zu ihm: Es ist mir sehr leid, daß mein unei gennütziger Rath bey dir so wenig gefruchtet hat. Ich muß dir aber sagen, daß es mit deiner bestän digen Verzögerung von einem Tage auf den an dern, ganz das Ansehen hat, als ob dir an deiner Bekehrung überhaupt wenig gelegen sey. Soll ich dir also noch ferner glauben, so mußt du in die sem Augenblicke deine Buße und Besserung anfan gen; denn ohne dir deine so oft gebrochene Ge lübde vorzurücken, bitte ich dich nur dieses zu über legen, daß die Zeit, welche einmal vorbey ist, nicht wieder kömmt; daß der morgende Tag nicht in unsrer Gewalt steht, und daß der gegenwärtige Au
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genblick der einzige ist, dessen wir uns rühmen kön nen.

Lehre.

Diejenige Reue unsers Herzens kann un möglich aufrichtig seyn, die ihre Wirkungen nicht den Augenblick äußert, sondern von einem Ta ge zu dem andern damit verzögert. Die richti ge Anmerkung des Freundes in der Fabel, ist eine so gute Moral, daß es unnöthig ist, noch mehr hinzuzufügen.

Betrachtung.

Wer diese Fabel gehörig betrachtet, wird fin den, daß sie sehr wohl auf ihn paßt. Wir ver sprechen, und verschieben beständig die Erfüllung unsers Versprechens; wir sündigen und hören nie auf zu sündigen, und so oft unser Gewissen auf wacht, suchen wir es durch eitle Anschläge und hal be Entschließungen, ins künftige ein neues und bessers Leben zu führen, wieder einzuschläfern. Und so setzen wir, mit dem jungen Menschen in der Fabel, unsre Wollüste von Zeit zu Zeit fort; Morgen, heißt es, wollen wir uns bessern, aber der Tod erscheinet immer eher, als dieser Morgen. Das ist die Art des Faulen, des Wollüstlings, des Geitzigen; kurz eines jeden Menschen. Wenn wir aber nur die Eitelkeit und Beschwerlichkeit ei nes lüderlichen Lebens; die Gottlosigkeit, Ge lübde zu thun, die wir niemals Willens sind zu halten, und die wir sogleich brechen; die Thorheit,
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sich auf etwas zu stützen, was keines Weges in unsrer Gewalt steht; die Nothwendigkeit, jeden Augenblick unsers Lebens wohl anzuwenden, und die unaussprechliche Gefahr der versäumten Gele genheit betrachten wollten: so würden wir Leib und Seele nicht auf die Ungewißheit einer späten Buße wagen, und die unumgänglichen Pflichten eines Menschen und Christen nicht so hinten an se tzen. Denn der morgende Tag steht nicht bey uns, und der gegenwärtige Augenblick ist das ein zige, was wir unser nennen können.
|| [0369.01]

Register.

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