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Leben des Jakob Thomson
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II. Leben des Herrn Jacob Thomson.

Thomson ist auch in Deutschland als ein großer Dichter nicht unbekannt. Seine Jahrszeiten sind von denen, welche ihn in seiner Sprache nicht lesen können, in der Uebersetzung des Herrn Brockes bewundert worden, so viel sie auch von ihrer Schönheit darinne verlohren haben. Vor einiger Zeit ha ben wir auch eine Uebersetzung seines Aga memnons erhalten, deren ich weiter unten mit mehrern gedenken werde. Es wäre schlecht, wenn beydes seine Leser nicht sollte be gierig gemacht haben, nähere Umstände von dem Verfasser zu wissen. Man erlaube mir also, daß ich mir schmeicheln darf, ihnen durch die Mittheilung derselben einen Gefallen zu erzeigen. Es wird nöthig seyn vor allen Dingen meine Quelle anzuzeigen. Diese sind die Lebensbe schreibungen der Dichter Großbritan niens und Irrlands, * welche im vorigen 1
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Jahre in fünf Duodezbänden zu London her auskamen. Es haben verschiedene daran gearbeitet, der vornehmste Verfasser aber, der auf dem Titel genennt wird, ist Herr Cib ber , welcher auch die Leben der berühmtesten Schauspieler und Schauspielerinnen Englands heraus gegeben hat. * Aus diesem Werke al so, welches Lobsprüche genug erhalten hat, will ich dasjenige ziehen, was den Herrn Thomson angehet, und zwar vornehmlich von der Seite eines theatralischen Dichters betrachtet. Jacob Thomson war der Sohn eines Geistlichen der Schottischen Kirche, in dem Presbyteriate von Jedburgh. Er ward an eben dem Orte gebohren, wo sein Vater Prediger war, und zwar im Anfan ge des jetzigen Jahrhunderts. Seine erste Er ziehung genoß er in einer Privatschule der dasi gen Gegend. In seinen ersten Jahren zeigte er so wenig ein besonders Genie, daß ihn viel mehr sein Lehrmeister, und alle die mit seiner Erziehung zu thun hatten, kaum die gewöhn lichsten und schlechtesten Gaben zutrauten. Als er auf gedachter Schule die lateinische und griechische Sprache lernte, besuchte er oft einen Geistlichen, dessen Kirchspiel mit dem Kirchspiele seines Vaters in eben demselben 2
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Presbyteriate lag. Es war dieses der Herr Rickerton , ein Mann von so besondern Eigen schaften, daß sehr viel Leute von Einsicht, und Herr Thomson selbst, welcher mit ihm um umging, erstaunten, so große Verdienste an ei nem dunkeln Orte auf dem Lande vergraben zu sehen, wo er weder Gelegenheit hatte sich zu zeigen, noch sonst mit Gelehrten umzugehen, außer etwa bey den periodischen Zusammenkünf ten der Geistlichen. Ob nun schon der Lehrmeister unsers Thom sons seinen Schüler kaum mit einem sehr ge ringen Verstande begabt zu seyn glaubte, so konn te sich doch den Augen des Hrn. Rickerton des sen Genie nicht entziehen. Er bemerkte gar bald eine frühzeitige Neigung zur Poesie bey ihm, wie er denn auch nach der Zeit noch ver schiedne von den ersten Versuchen, die Hr. Thomson in dieser Provinz gemacht hatte, aufhob. Ohne Zweifel nahm unser junge Dichter, durch den fernern Umgang mit dem Hrn. Ri ckerton sehr zu, welcher ihm die Liebe zu den Wissenschaften einflößte. Und die Einsicht in die natürliche und sittliche Philosophie, welche er hernach in seinen Werken zeigte, hatte er viel leicht nur den Eindrücken dieses Gelehrten zu danken. So wenig nun aber Hr. Rickerton den jungen Thomson für einen Menschen ohne alle
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Gabe hielt, sondern vielmehr ein sehr feines Ge nie an ihm wahrnahm: so hätte er sich doch, wie er oft selbst gestanden, niemals eingebildet, daß er es so weit bringen und auf eine so erhabne Staffel unter den Dichtern gelangen sollte. Als er daher zuerst Thomsons Winter zu sehen be kam, welches in einem Buchladen zu Edin burgh geschah, erstaunete er ganz, und ließ, nachdem er die ersten Zeilen desselben, welche nicht erhabener seyn könnten, gelesen hatte, das Buch vor Verwundrung und Entzücken aus den Händen fallen. Nachdem Hr. Thomson die gewöhnliche Zeit mit Erlernung der todten Sprachen anf der Schule zugebracht, ward er auf die Universität nach Edinburg geschickt, wo er seine Stu dien enden und sich zu dem geistlichen Amte tüch tig machen sollte. Hier machte er eben so we nig als auf der Schule eine grosse Figur; seine Mitschüler dachten sehr verächtlich von ihm, und die Lehrer selbst, unter welchen er studirte, hat ten keinen bessern Begrif von seiner Fähigkeit, als ihre Untergebenen. Nachdem er endlich die philosophischen Klassen durchgegangen war, ward er als ein Candidat des h. Predigtamts, in das theologische Collegium aufgenommen, in wel chem die Studierenden sechs Jahr verziehen müs sen, ehe sie ihre Probe ablegen dürfen. Er war zwey Jahr in diesem theologischen Collegio, dessen Professor damals Hr. Wil
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liam Hamilton war, als ihm von diesem ei ne Rede über die Macht des höchsten Wesens auszuarbeiten, aufgetragen ward. Als es seine Mitschüler erfuhren, hielten sie sich nicht wenig über die schlechte Beurtheilungskraft des Pro fessors anf, eine so fruchtbare Materie einem jun gen Menschen aufzugeben, von dem man sich ganz und gar nichts versprechen konnte. Doch als Herr Thomson seine Rede ablegte, fanden sie Ursache, sich ihre eigene schlechte Beurthei lungskraft vorzuwerfen, daß sie einen Menschen verachtet hatten, der dem größten Genie unter ihnen überlegen war. Diese Rede war se er haben, daß sowohl der Professor als die Studie renden, welche sie halten hörten, darüber er staunten. Sie war in reimlosen Versen abge faßt, welches aber Hr. Hamilton daran aus setzte, weil es sich zu dieser Materie nicht schicke. Verschiedne von den Mitgliedern des Collegii, welche ihm den durch diese Rede erlangten Ruhm nicht gönnten, glaubten, er müßte einen gelehr ten Diebstahl begangen haben, und gaben sich daher alle Mühe, ihn zu entdecken. Doch ihr Nachforschen war vergebens, und Hr. Thom son blieb in dem unverkürzten Besitze seiner Ehre, so lange er sich auf der Universität auf hielt. Man weis eigentlich nicht, warum Herr Thomson den Vorsatz, in das heilige Pre digtamt zu treten fahren ließ. Vielleicht glaub
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te er, dieser Stand sey zu strenge, als daß er sich mit der Freyheit seiner Neigung vertragen könne; vielleicht fühlte er sich auch selbst und glaubte, daß er sich, in Ansehung seiner Gaben, auf etwas grössers Rechnung machen könnte, als ein Presbyterianischer Geistlicher zu werden: denn selten pflegt sich ein grosses Genie mit ei ner dunkeln Lebensart, und mit einer jährlichen Einkunft von sechzig Pfund in dem entfernten Winkel einer schlechten Provinz, zu begnügen, welches doch gewiß das Schicksal des Herrn Thomson gewesen wäre, wenn sich seine Ab sichten nicht über die Sphäre eines Predigers der schottischen Kirche erstreckt hätten. Nachdem er also alle Gedanken auf den geist lichen Stand aufgegeben hatte, so war er mit mehr Sorgfalt darauf bedacht, sich zu zeigen und sich Gönner zu erwerben, die ihm zu einer vor theilhaften Lebensart behülflich seyn könnten. Weil aber der Theil der Welt, wo er sich jetzo befand, ihm ganz und gar keine Hofnung hier zu machen konnte, so fing er an, sein Augen merk auf die Hauptstadt zu richten. Das erste Gedicht des Hrn. Thomsons , welches ihm einiges Ansehen bey dem Publico erwarb, war sein Winter, dessen schon ge dacht worden; doch hatte er auch schon wegen verschiedner andern Stücke, noch ehe er sein Va terland verließ, den Beyfall deren, welchen sie zu Gesichte gekommen waren, erhalten. Er
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machte eine Paraphrasin über den 104ten Psal men, welche er seinen Freunden abzuschreiben er laubte, nachdem sie vorher von dem Hrn. Ri ckerton war gebilliget worden. Diese Para phrasis kam endlich durch verschiedne Wege in die Hände des Hrn. Auditor Benson , wel cher seine Verwunderung darüber entdeckte, und zugleich sagte, wenn der Verfasser in London wäre, so würde es ihm schwerlich an einer seiner Verdienste würdigen Aufmunterung mangeln. Diese Anmerkung ward dem Hrn. Thomson durch einen Brief mitgetheilt, und machte einen so starken Eindruck bey ihm, daß er seinen Auf enthalt in der Hauptstadt zu nehmen, beschlei nigte. Er machte sich alsobald nach Newca stle, wo er zu Schiffe ging, und in Billins gate anlandete. Als er angekommen war, ließ er seine unmittelbare Sorge sey, den Herrn Mallet, seinen ehemaligen Schulkameraden zu besuchen, welcher jetzo in Hannover-Squa re lebte, und zwar als Hofmeister bey dem Her zoge von Montrose und seinem verstorbnen Bruder dem Lord Graham. Ehe er aber in Hannover-Square anlangte, begegnete ihm ein Zufall, der ein wenig lächerlich ist. Er hatte von einem vornehmen Manne in Schott land Empfehlungsschreiben an verschiedne Stan despersonen in London mitbekommen, die er sehr sorgfältig in sein Schnupftuch eingewickelt hatte. Als er nun durch die Gassen schlenderte,
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konnte er die Grösse, den Reichthum und die verschiednen Gegenstände, die ihm alle Augenbli cke in dieser berühmten Hauptstadt vorkamen, nicht genug bewundern. Er blieb oft stehen, und sein Geist war mit diesen Scenen so erfüllt, daß er auf das beschäftigte Gedrenge um sich herum wenig Achtung gab. Als er nun endlich den Weg nach Hannover-Square, in einer zehnmahl längern Zeit, als er ordentlich nöthig gehabt hätte, zurück gelegt hatte, und daselbst ankam, fand er, daß er seine Neugierde habe bezahlen müssen; man hatte ihm nehmlich das Schnupftuch aus dem Schupsacke gezogen, in welches die Briefe eingewickelt waren. Dieser Zufall würde einem, der weniger philosophisch gewesen wäre, als Hr. Thomsom , sehr em pfindlich gewesen seyn; doch er lächelte darüber, und brachte hernach oft selbst seine Freude durch die Erzehlung desselben zum lachen. Es ist natürlich, daß Hr. Thomson , nach seiner Ankunft in die Stadt, verschiednen von seinen Bekannten das Gedichte auf den Win ter zeigte. Es bestand Anfangs aus abgerisse nen Stücken und gelegentlichen Beschreibun gen, die er auf des Hrn. Mallets Rath her nach in ein Ganzes zusammenbrachte. So vie len Beyfall es nun auch etwa fand, so wollte es ihm doch zu keiner hinlänglichen Empfehlung bey seinem Eintritte in die Welt dienen. Er hatte den Verdruß, es verschiednen Buchhändlern
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vergebens anzubiethen, welche die Schönheit desselben ohne Zweifel nicht zu beurtheilen ver mochten, noch sich eines unbekannten Fremdlings wegen, dessen Name keine Anpreisung seyn konn te, in Unkosten setzen wollten. Endlich both es Hr. Mallet dem Hrn. Millan , jetzi gem Buchhändler in Charing-croß an, der es auch ohne Umstände übernahm, und drucken ließ. Eine Zeitlang glaubte Hr. Millan sehr schlecht gefahren zu seyn; es blieb liegen und nur sehr wenige Exemplare wurden davon verkauft, bis endlich die Vortreflichkeit desselben durch ei nen Zufall entdeckt ward. Ein gewisser Herr Whatley , ein Mann von einigem Geschmacke in den Wissenschaften, der aber die Bewunde rung alles dessen, was ihm gefiel, bis zum En thusiasmus übertrieb, warf ungefehr die Augen darauf; und weil er verschiednes fand, was ihn vergnügte, so las er es ganz durch und erstaunte nicht wenig, daß ein solches Gedicht eben so un bekannt, als sein Verfasser sey. Er erfuhr von dem Buchhändler die jezt gedachten Umstände, und in der Entzückung ging er von einem Kaf fehause auf das andre, posaunte die Schönhei ten seines Dichters aus, und both alle Leute von Geschmack auf, eines von den größten Genies, die jemals erschienen wären, aus seiner Dunkel heit zu retten. Dieses Verfahren hatte eine sehr glückliche Wirkung; die ganze Auflage ward in kurzer Zeit verkauft, und alle, die das Gedichte
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lasen, glaubten den Hrn. Whatley keiner Ue bertreibung beschuldigen zu dürfen, weil sie es selbst so vortreflich fanden, daß sie sich glücklich schätzten, einem Manne von solchen Verdienste Gerechtigkeit wiederfahren zulassen. Das Gedicht auf den Winter ist ohne Zwei fel das am meisten vollendete und zugleich das mahlerischste von seinen Jahrszeiten. Es ist voll grosser und lebhafter Scenen. Die Schöpfung scheinet in dieser Jahrszeit in Trauer zu seyn, und die ganze Natur nimmt eine melancholische Bildung an. Eine so poetische Einbildungs kraft, als des Thomsons seine war, konnte also keine andre, als die grausesten und schreck lichsten Bilder darbiethen, welche die Seele mit einem feyerlichen Schauer über die Dünste, Stürme und Wolken, die er so schön schil dert, erfüllen. Die Beschreibung ist die eigene Gabe des Thomsons ; wir zittern bey seinem Donner im Sommer; wir frühren bey der Käl te seines Winters; wir werden erquickt, wenn sich die Natur bey ihm erneuert, und der Früh ling seinen angenehmen Einfluß empfinden läßt. Eine kleine Anekdote ist hier mitzunehmen. Sobald der Winter gedruckt war, schickte Hr. Thomson seinem Landsmanne und Bruder in Apollo, dem Hrn. Joseph Mitchel ein Exem plar zum Geschenke. Dieser fand sehr wenig darin
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ne, was nach seinen Gedanken zu billigen wäre, und schickte ihm folgende Zeilen zu:
Beauties and faults so thick lie scatter'd
here,
Those i could read, if these were not so
near. d. i. Schönheiten und Fehler liegen hier sehr dicke unter einander. Ich könnte jene gelesen haben, wenn diese ihnen nicht so nahe wären. Hr. Thom son antwortete hierauf aus dem Stegreife:
Why all not faults, injurious Mitchell;
why
Appears one beauty to thy blasted eye;
Damnation worse than thine, if worse can
be,
Is all i ask, and all i want from thee. d. i. Warum siehest du nicht überall Fehler, ehrenrühriger Mitchell? War um entdeckt sich deinem verdorbenen Auge auch einige Schönheit? Noch eine ungerechtere Verdammung, wenn es eine ungerechtere giebt, ist alles, was ich von dir verlange, und alles was ich von dir erwarte. Auf die Vorstellung, die ein Freund dem Hrn. Thomson that, daß man den Ausdruck blasted eye (verdorbenes
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Auge) für eine persönliche Anzüglichkeit an nehmen könnte, weil Herr Mitchell wirklich dieses Unglück hatte, änderte er das Beywort blasted in blasting. (verderbend.) Weil der Winter einen so allgemeinen Bey fall fand, so ward Herr Thomson , besonders auf das Anrathen des Herrn Mallet bewogen, auch die andern drey Jahrszeiten auszuarbeiten, mit welchen es ihm eben so wohl glückte. Die, welche davon zuerst ans Licht trat, war der Herbst; hierauf folgte der Frühling und endlich der Sommer. Von jedem dieser vier Stücke, als ein be sonders Gedicht betrachtet, hat man geurtheilet, daß es in Ansehung des Plans fehlerhaft sey Nirgends zeigt sich ein besonderer Zweck; die Theile sind einer den andern nicht untergeordnet; man bemerkt unter ihnen weder Folge noch Ver bindung: doch dieses ist vielleicht ein Fehler der von einer so abwechselnden Materie untrennbar war. Genug, daß er sich keiner Unfüglichkeit schuldig gemacht, sondern durchgängig lauter solche Scenen geschildert hat, die jeder Jahrs zeit besonders zukommen. Was den poetischen Ausdruck in den Jahrs zeiten anbelangt, so ist dieser dem Herrn Thom son gänzlich eigen: er hat eine Menge zusam mengesetzter Worte eingeführt, Nennwörter in Zeitwörter verwandelt, und kurz, eine Art einer neuen Sprache geschaffen. Man hat seine
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Schreibart als sonderbar und steif getadelt, und wenn man dieses auch schon nicht gänzlich leug nen kann, so muß man doch zugestehen, daß sie sich zu den Beschreibungen vortreflich wohl schicket. Der Gegenstand, den er mahlet, ste het ganz vor uns, und wir bewundern ihn in allem seinen Lichte; wer wollte aber eine natür liche Seltenheit nicht lieber durch ein Vergrös serungsglas, welches alle kleine Schönheiten desselben zu entdecken fähig ist, betrachten, ob es gleich noch so schlecht gefaßt ist, als durch ein anders, welches zu dieser Absicht nichts taugt, aber sonst mit vielen Zierathen versehen ist? Thomson ist in seiner Manier ein wenig steif; aber seine Manier ist neu; und es ist niemals ein vorzügliches Genie aufgestanden, welches nicht seine eigene Weise gehabt hätte. So viel ist wahr, daß sich die Schreibart des Herrn Thomsons zu den zärtlichen Leidenschaften nicht allzuwohl schickt, welches man näher ein sehen wird, wenn wir ihn bald als einen dra matischen Dichter betrachten werden; eine Sphä re, in welcher er zwar sehr, aber doch nicht so sehr, als in andern Gattungen der Dichtkunst geglänzet hat. Die Vortreflichkeit dieser Gedichte hatte un serm Verfasser die Bekanntschaft verschiedner Personen erworben, die theils wegen ihres vor nehmen Standes, theils wegen ihrer erhabnen Talente berühmt waren. Unter den letztern be
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fand sich der Dr. Rundle , nachheriger Bischof von Derry, welchem der Geist der Andacht, der überall in den Jahrszeiten hervorstrahlet, so wohl gefallen hatte, daß er ihn der Freundschaft des verstorbenen Kanzlers Talbot empfahl, der ihm die Aufsicht über seinen ältesten Sohn an vertraute, welcher sich eben zu seiner Reise nach Franckreich und Italien fertig machte. Mit diesem jungen Edelmanne hielt er sich drey Jahr lang in fremden Ländern auf, wo er ohne Zweifel seinen Geist durch die vortrefflichen Denkmähler des Alterthums, und durch den Um gang mit gelehrten Ausländern bereicherte. Die Vergleichung die er zwischen dem neuen Italien und dem Begriffe anstellte, den er von den alten Römern hatte, brachte ihn ohne Zweifel auf den Einfall seine Freyheit, in drey Theilen zu schreiben. Der erste Theil enthält die Vergleichung des alten und neuen Italiens; der zweyte Griechenland, und der dritte Bri tannien. Das ganze Werk ist an den älte sten Sohne des Lord Talbots gerichtet, wel cher im Jahre 1734. auf seinen Reisen starb. Unter den Gedichten des Herrn Thomsons findet sich auch eines zum Andenken des Isaac Newtons, von welchem wir nichts mehr sagen wollen, als dieses, daß er durch dieses Stück allein, wenn er auch sonst nichts mehr geschrie ben hätte, eine vorzüglichen Stelle unter den Dichtern würde verdient haben.
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Um das Jahr 1728. schrieb Herr Thomson ein Gedicht, welches er Britannia nennte. Sein Vorsatz war darinne, die Nation zu Er greifung der Waffen aufzumuntern, und in den Gemüthern des Volks eine edle Neigung an zuflammen, das von den Spaniern erlittene Unrecht zu rächen. Dieses Gedicht ist bey wei ten nicht eines von seinen besten. Auf den Tod seines großmüthigen Beförde rers des Lord Talbots , welchen die ganze Na tion mit dem Herrn Thomson zugleich aufrichtig betauerte, schrieb er eine Elegie, welche ihrem Verfassers, und dem Andenken des großen Mannes, den er darinne ge priesen hatte, Ehre machte. Er genoß, bey Lebzeiten des Kanzler Talbots , eine sehr einträg liche Stelle, die ihm dieser würdige Patriot als eine Belohnung für die Mühe, den Geist seines Sohnes gebildet zu haben, zugetheilt hatte. Nach seinem Tode behielt der Nachfolger dessel ben diese Stelle dem Hrn. Thomson vor, und wartete nur darauf, bis dieser zu ihm kommen, und durch Beobachtungen einiger kleinen For malitäten, sie in Besitz nehmen würde. Doch dieses versäumte der Dichter durch eine unver antwortliche Nachläßigkeit, so daß zuletzt seine Stelle, die er ohne viele Mühe länger hätte be halten können, einem andern zufiel Unter die letzten Werke des Hrn. Thom sons gehöret seine Burg der Trägheit,
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(Castle of Indolence) ein allegorisches Gedicht von so ausserordentlichen Schönheiten, daß man nicht zu weit geht, wenn man behauptet, dieses einzige Stück zeige mehr Genie und poe tische Beurtheilungskraft, als alle seine andern Werke. Es ist in dem Stile des Spencers geschrieben, welchen die Engländer in den alle gorischen Gedichten eben so nachahmen, als die Franzosen den Stil des Morots in den Er zehlungen und Sinnschriften. Es ist nunmehr Zeit den Hrn. Thomson auf derjenigen Seite zu betrachten, welche mit unsrer Absicht eine nähere Verwandtschaft hat; nehmlich auf der Seite eines dramatischen Dich ters. Im Jahre 1730, ungefehr in dem sech sten Jahre seines Aufenthalts in London, brach te er seine erste Tragödie, unter dem Titel So phonisbe, auf die Bühne, die sich auf die Kar thaginensische Geschichte dieser Prinzeßin gründet, welche der bekannte Nathaneel Lee gleich falls in ein Trauerspiel gebracht hat. Dieses Stück ward von dem Publico sehr wohl aufge nommen. Die Mad. Oldfield [] that sich in dem Character der Sophonisbe ungemein hervor, welches Hr. ThomsomThomson selbst in seiner Vorrede gestehet. Ehe ich schliesse, sagte er, muß ich noch bekennen, wie sehr ich denjeni gen, welche mein Trauerspiel vorgestellt ha ben, verbunden bin. Sie haben in der That mir mehr als Gerechtigkeit wiederfahren las
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sen. Was ich dem Masinissa nur liebens würdiges und einnehmendes gegeben hatte, al les dieses hat Hr. Wilk vollkommen ausge drückt. Auch die Mad. Oldfield [] hat ihre Sophonisbe unverbesserlich gespielt; schöner als es der zärtlichste Eigensinn eines Verfassers verlangen, oder sich einbilden kann. Der Reitz, die Würde und die glückliche Abwechslung aller ihrer Stellungen und Bewegungen hat den durchgängisten Beyfall erhalten, und ihn auch mehr als zu wohl verdient.
Bey der ersten Vorstellung dieses Trauer spiels fiel eine kleine lächerliche Begebenheit vor. Hr. Thomson läßt eine von seinen Per sonen gegen die Sophonisbe folgende Zeile sagen: O Sophonisbe, Sophonisbe O! Diese Worte waren kaum ausgesprochen, als ein Spötter aus dem Parterre laut schrie: O Jacob Thomson, Jacob Thom son O! So ungesittet es nun auch war, die Vorstellung durch einen so lächerlichen Einfall zu unterbre chen, so kann man doch das falsch Pathetische dieser getadelten Zeile nicht leugnen, und ein tra gischer Dichter muß es sich zur Warnung die nen lassen, ja wohl auf sich Acht zu haben, daß er nicht schwülstig wird, wenn er erhaben seyn will - - Hr. Thomson mußte nothwendig an
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dem ersten Tage seines Trauerspiels alle die Be wegungen und Besorgnisse eines jungen Schrift stellers empfinden; er hatte sich daher an einen dunkeln und abgelegenen Ort auf der obersten Gallerie gemacht, wo er die Vorstellung unge hindert abwarten könnte, ohne für den Dichter erkannt zu werden. Doch die Natur war viel zu stark bey ihm, als daß er sich hätte enthalten können, die Rollen den Schauspielern nachzu sagen, und manchmal bey sich zu murmeln: nun muß die Scene kommen; nun muß das geschehen. Und hierdurch ward er gar bald von einem Manne von Stande, welcher wegen des grossen Gedrengs keinen Platz, als auf der Gal lerie, hatte finden können, als der Verfasser entdeckt. Nach einem Zwischenraume von vier Jahren brachte Thomson seine zweyte Tragödie, den Agamemnon, zum Vorscheine. Hr. Pope gab bey dieser Gelegenheit einen sehr merklichen Beweis seiner grossen Gewogenheit gegen den Hrn. Thomson ; er schrieb seinetwegen zwey Briefe an die Entrepreneurs der Bühne, und beehrte die erste Vorstellung mit seiner Gegen wart. Weil er seit langer Zeit in kein Schau spiel gekommen war, so wurde dieses für ein Zeichen einer ganz besondern Hochachtung auf genommen. Ob man nun schon an dem Hrn. Thomson aussetzte, daß er in diesem Trauer spiele die Handlung allzusehr verkürzt habe; daß
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verschiedne Theile desselben zu lang, und andre ganz und gar überflüßig wären, weil nicht die Person, sondern der Dichter darinne rede; und obschon die Aufführung selbst erst in dem Mo nate April vor sich ging, so ward sie doch zu verschiednenmalen mit Beyfall wiederhohlt. Einige Kunstrichter haben angemerkt daß die Charaktere in seinen Tragödien mehr durch Be schreibungen, als durch thätige Leidenschaften aus gedrückt werden; daß sie aber alle einen Ueber fluß an den seltensten Schönheiten, an Feuer, an tiefen Gedanken, und an edeln Empfindun gen haben, und in einem nervenreichen Aus drucke geschrieben sind. Seine Reden sind oft zu lang, besonders für ein englisches Audito rium, dem sie manchmal ganz übernatürlich ge dehnt vorkommen. Es ist überhaupt angeneh mer für das Ohr, wenn die Unteredung öftrer gebrochen wird; doch wird die angestrengtre Auf merksamkeit desselben wohl in keinem Stücke des Thomsons besser belohnt, als in dem Agamem non, und besonders in der beweglichen Erzeh lung, welche Melisander von seiner Aussetzung auf die wüste Insel macht.
- - - Als ich im Schoos der Schatten,
Von Furcht und Argwohn frey, in stillem
Schlummer lag,
Brach ein vermummter Schwarm, von des
Aegisthus Bande
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Schnell in mein Zimmer ein: vermuthlich
weil er mich
Für eine Hinderniß der Absicht angesehen,
Die ich errathen kann, und die vielleicht My
cenen,
Jetzt besser weis als ich. Man riß mich zu
der See.
In meinem Sinn war ich schon die bestimm
te Speise
Der Fische, als das Schiff vom Ufer stieß:
die Fluth,
Die brausend klatschete, entdeckte mir mein
Schicksal.
Es schien, der Tod war selbst ein allzumilder
Lohn
Für meine Redlichkeit: ein unbewohnter
Fels,
An dessen rauhen Fuß die stärkste Brandung
zürnte,
War mir bestimmt, daß ich von Freund und
Feind entfernt
Und hülflos, alle Pein des Todes fühlen
möchte.
Oft muß das Unrecht selbst sein eigner Rä
cher seyn:
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Stumm klagt sichs an, und schreit um die ver
diente Strafe!
Du öfnest ihm den Mund, unwandelbarer
Rath
Der Götter = = Dieser Schwarm setzt mich die
nächste Nacht
(Die mir noch schrecklich ist) an das betrübte
Ufer
Der wildsten Insel: nie hat ausser mir ein
Mensch
Auf sie den Fuß gesetzt. Allein die Men
schenliebe
(Das glaube) ist so tief in unsre Brust ge
pflanzt
Und unser menschlich Herz ist so mit ihr durch
wachsen,
Daß ich im Leben nichts erschrecklichers gehört,
Als den betrübten Schall, da mich ihr Bot
verließ.
Ich seufzte ihnen nach! - - Die fürchterlich
ste Stille
Umschloß mich nun, die bloß das brausende
Geräusch
Der nimmer müden Fluth mit einem Laut
durchbrach.
|| [0107.01]

Bisweilen bließ ein Wind durch den betrüb
ten Wald,
Und seufzte fast wie ich. Hier setzt ich mich
im Schatten,
Mit einem Kummer hin, den ich noch nicht
gefühlt,
Und klagte mir den Gram. Die Muse die
die Wälder
Bewohnt, und (ich weis nicht ob fast aus glei
chem Triebe
Als wir?) die Menschen sucht, sang über mei
nem Haupte
Ihr unvergleichlichs Lied; ihr klagend schö
ner Ton
Betrog mich fast, als ob sie meine Noth be
sänge,
Ich hört ihr traurig zu, und dichtete ein Lied
Zu ihrem Ton, bis daß der Schatten sein
Geschenk,
Das er dem ärmsten giebt, den angenehmen
Schlummer
Mir gönnete. Sobald das frühe Morgen
roth
Der Vögel Dank empfing, so weckt mich ihr
Lied;
|| [0108.01]

Das Auge schloß sich auf; vermissend such
te es
Den alten Gegenstand, und fand doch nichts
als Wellen
Darauf der Himmel lag, und hinter mir
den Fels
Und einen grausen Wald. In einem Au
genblick,
Indem ich mich vergaß, entzückte mich das
Schrecken;
Ich schien mir nicht mehr Ich. Doch eben
so geschwind
War dieser Traum vorbey, mein nagendes
Gedächtniß
Erneurte meine Noth - - Ich habe mich nicht enthalten können, diese Stelle abzuschreiben; und zwar nach der obge dachten Uebersetzung, Sie ist in Göttingen im Jahr 1750 auf 7 Bogen in Octav ans Licht ge treten. Ihren Urheber weis ich nicht zu nennen; zwar könnte ich mit einem vielleicht angezogen kommen; doch dieses vielleicht könnte sehr leicht falsch seyn. Wie man wird gemerkt ha ben, so ist sie, gleich dem englischen Originale, in reimlosen Versen abgefaßt. Nur bey der Rolle der Cassandra ist eine Ausnahme beob achtet worden; als eine Prophetin redet diese
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in Reimen, um sich von den übrigen Personen zu unterscheiden. Der Einfall ist sehr glücklich; und er würde gewiß die beste Wirkung von der Welt thun, wann wir uns nur Hofnung ma chen dürften, diese Uebersetzuug auf einer deutschen Bühne auf geführt zu sehen. Sie ist, überhaupt betrachtet, treu, fliessend und stark. Ihr Ver fasser aber gestehet, daß er die zweyte Hand nicht daran habe legen können, sondern daß er den ersten Entwurf dem Drucker ohne Abschrift ha be ausliefern müssen. Diesem Umstande also müssen wir nothwendig einige kleine Versehen zuschreiben, die ich vielleicht schwerlich würde ge merkt haben, wenn ich nicht ehmals selbst an einer Verdolmetschung dieses Trauerspiels gear beitet hätte. Zum Exempel; in der ersten Sce ne des ersten Aufzuges werden die Worte given to the Beasts a Prey, or wilder famine über setzt: dich gab ich den Thieren Preis: ihr wilder Hunger hat längst meinen Freund verdauet. Ich will hier nicht erin nern, daß zwar Aegisthus aber nicht Kly temnestra den Melisander auf die wüste Insel setzen lassen; auch nicht daß der Ausdruck, der wilde Hunger der Thiere hat ihn schon längst verdaut, der schönste nicht sey: sondern nur dieses muß ich anmerken, daß wil der famine gar nicht auf Beasts gehet, und daß der Dichter die Klytemnestra eigentlich sagen läßt: entweder die Thiere haben ihn um
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gebracht, oder er hat verhungern müs sen. Auch gewisse kleine Zusätze würde der Verfasser hoffentlich ausgestrichen, und einige undeutsche, wenigstens nicht allen verständliche Worte mit gewöhnlichern vertauscht haben, wenn ihm eine Uebersehung seiner Arbeit wäre vergönnt gewesen. Zum Exempel, am Ende des zwey ten Auftritts im ersten Aufzuge, giebt er die Worte: and as a Greeck rejoic'd me sehr gut und poetisch durch: es schwoll mein treu und griechisch Herz; allein der Anhang, den er dazu macht, und drohete dem über wundnen Troja, taugt gar nichts. Der Engländer schildert seine Person, als einen Mann, der sich über die Siege seines Vaterland erfreut; der Uebersetzer aber bildet ihn durch den beyge fügten Zug als einen Poltron. Denn was kann das für eine Tapferkeit seyn, einer überwundne Stadt zu drohen? - Zur Probe der undeutlichen Worte berufe ich mich auf das Wort Brandung in der angeführten Stelle. - - Doch ich bekenne es nochmals, alles dieses sind Kleinigkeiten, die ich vielleicht gar nicht einmal hätte anführen sollen. Wo das meiste glänzt, da ward auch Horaz durch wenige Flecken nicht beleidiget. Wollen wir eckeler seyn als Horaz ? Ich komme wieder zu unserm Dichter selbst. Im Jahr 1736. both Herr Thomson der Bühne ein Trauerspiel an, unter dem Titel Ed ward und Eleonora, dessen Vorstellung aber,
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aus politischen Ursachen, welche nicht bekannt geworden, untersagt wurde. Im Jahr 1744 ward sein Tancred und Sigismunda aufgeführt; welches Stück glück licher ausfiel, als alle andre Stücke des Thom sons , und noch jezt gespielet wird. Die Anlage dazu ist von einer Begebenheit in dem bekann ten Roman des Gil Blas geborgt. Die Fa bel ist ungemein anmuthig; der Charaktere sind wenige, aber sie werden alle sehr wirksam vorge stellt. Nur den Charakter des Seffredi hat man mit Recht als mit sich selbst streutend, als gezwungen und unnatürlich getadelt. Auf Befehl Sr. Königl. Hoheit des Prinzen von Wallis verfertigte Herr Thomson , ge meinschaftlich mit dem Herrn Mallet , die Maske des Alfred, welche zweymal in dem Garten Sr. Hoheit zu Cliffden aufgeführet ward. Nach dem Tode des Herrn Thom sons ward dieses Stück von dem Herrn Mallet ganz neu umgearbeitet, und 1751. wieder auf die Bühne gebracht. Die letzte Tragödie des Herrn Thomsons ist sein Coriolanus, welcher erst nach seinem Tode aufgeführet ward. Die dem Verfasser davon zukommenden Einkünfte wurden seinen Schwestern in Schottland gegeben, davon eine mit einem Geistlichen daselbst, und die an dre mit einem Manne von geringem Stande in Edinburgh verheyrathet ist. Dieses Trauer
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spiel, welches unter allen Trauerspielen des Thomsons, ohne Zweifel, das am wenigsten vollkommne ist, ward zuerst dem Herrn Gar rik angebothen, der es aber anzunehmen nicht für gut befand. Der Prologus war von dem Herrn George Lyttleton , verfertiget wor den, und von dem Herrn Quin wurde er ge halten, welches einen sehr glücklichen Eindruck auf die Zuhörer machte. Herr Quin war ein besonder Freund des Herrn Thomson gewesen, und als er folgende Zeilen, die an und für sich selbst sehr zärtlich sind, aussprach, stellten sich seiner Einbildungskraft auf einmal alle Annehmlich keiten des mit ihm lange gepflogenen Umganges dar, und wahrhafte Thränen flossen über seine Wangen.
He lov'd his friends (forgive this gushing
tear:
Alas! I feel i am no actor here)
He lov'd his friends with such a warmth
of heart,
So clear of int'rest, so devoid of art,
Such generous freedom, such unshaken
zeal,
No words can speak it, but our tears may
tell.
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D. i. Er liebte seine Freunde - - verzeiht den herabrollenden Thränen: Ach! ich fühle es, hier bin ich kein Schauspieler mehr - - Er liebte seine Freunde mit einer solchen Inbrunst des Herzens, so rein von allem Eigennutze, so fern von aller Kunst, mit einer so großmüthigen Freyheit, mit einem so standhaften Ei fer, daß es mit Worrten nicht auszu drücken ist. Unsre Thränen mögen da von sprechen! Die schöne Abbrechung in die sen Worten fiel ungemein glücklich aus. Herr Quin übertraf sich selbst, und er schien niemals ein größerer Schauspieler, als in dem Augen blicke, da er von sich gestand, daß er keiner sey. Die Pause, der tiefe Seufzer, den er damit ver band, die Einlenkung, und alles das übrige war so voller Rührung, daß es unmöglich ein bloßes Werk der Kunst seyn konnte; die Natur mußte dabey das beste thun. Auch der Epilogus, welcher von dem Herrn Weffington mit außerordentlicher Laune ge halten ward, gefiel ungemein. Diese Umstände nun, nebst der Ueberlegung, daß der Verfasser nunmehr dahin sey, verschaften diesem Trauer spiele eine neunmalige Vorstellung, die es an und vor sich selbst schwerlich würde gefunden haben. Denn, wie gesagt, es ist bey weitem nicht, irgend einem von den Thomsonschen Werken, an Güte gleich. Er hatte als ein dramatischer
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Dichter den Fehler, daß er niemals wußte, wenn er aufhören müsse; er läßt jeden Charakter reden, so lange noch etwas zu sagen ist; die Handlung steht also, während dieser gedehnten Unterredungen, still, und die Geschichte wird matt. Nur sein Tancred und Sigismun de muß von diesem allgemeinen Tadel ausge nommen werden; dafür aber sind auch die Cha raktere darinne nicht genug unterschieden, welche sich fast durchgängig auf einerley Art ausdrü cken. Kurz, Thomson war ein gebohrner mahlerischer Dichter, welcher die Bühne nur aus einem Bewegungsgrunde bestieg, der allzu bekannt ist, und dem man allzuschwerlich wider steht. Er ist in der That der Aeltstgebohrne des Spenceres , und er hat es selbst oft bekannt, daß er das beste, was er gemacht habe, der Be geisterung verdanken müsse, in die er schon in seinen jüngsten Jahren durch die Lesung dieses alten Dichters sey gesetzt worden. Im August 1748 verlohr die Welt diese Zier de der poetischen Sphäre durch ein heftiges Fie ber, welches ihn im 48ten Jahre seines Alters dahin riß. Vor seinem Tode ward ihm von dem Herrn George Lyttelton die einträg liche Stelle eines Controlleurs von Ame rica verschaft, deren wirklichen Genuß er aber kaum erlebte. Herr Thomson ward von al len, die ihn kannten sehr geliebt. Er war von einer offnen und edelen Gemüthsart; hing aber
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dann und wann den gesellschaftlichen Ergötzun gen allzu sehr nach; ein Fehler, von welchem sel ten ein Mann von Genie frey zu seyn pfleget. Sein äußerliches Ansehen war nicht sehr einneh mend, es ward aber immer angenehmer und angenehmer, je länger man mit ihm umging. Er hatte ein dankbares Herz, welches für die geringste erhaltene Gefälligkeit erkenntlich zu seyn bereit war; er vergaß, der langen Abwe senheit, der neuen Bekanntschaft und des Zu wachses eigner Verdiensie ungeachtet, seine al ten Wohlthäter niemals, welches er bey ver schiednen Gelegenheiten gezeigt hat. Es ist ei ne richtige Anmerkung, daß ein Herz, dem die Dankbarkeit mangelt, überhaupt der allergröß ten Niederträchtigkeit fähig ist; wie ihm Ge gentheils, wenn diese großmüthige Tugend in der Seele vorwirkt, gewiß nicht die andern lie benswürdigen Eigenschaften fehlen werden, wel che eine gute Gemüthsart ausmachen. Und so war das Herz unsers vortrefflichen Dichters be schaffen, dessen Leben eben so untadelhaft als lehrreich seine Muse war: denn von allen engli schen Dichtern ist er derjenige, welcher sich von allem, was unanständig war, am meisten ent fernte, welches Zeugniß ihm unter andern auch Herr Lyttleton in dem angeführten Prologo ertheilt hat.
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— His chaste Muse employ'd her heav'n-
taught lyre
None but the noblest passions to inspire,
Not one immoral, one corrupted thought,
One line, which, dying, he could wish to
blot. d. i. Seine keusche Muse brauchte ihre himmlische Leyer zu nichts, als zu Ein flössung der edelsten Gesinnungen. Kein einziger unsittlicher, verderbter Gedanke, keine einzige Linie, die er sterbend ausstreichen zu können, hätte wünschen dürfen. Zum Schlusse muß ich noch erinnern, daß sein Bildniß, welches man vor diesem Stücke findet, nach demjenigen getreulich gestochen ist, welches vor seinen sämtlichen Werken stehet, deren wir hoffentlich noch einmal gedenken werden.

1 * The Lives of the Poets of Great Britain and Ireland, by Mr. Cibber and other hands.
2 * The Lives aud Characters of the most eminent Actors and Actresses of Great Britain, aud Ireland, from Shakespear to the present Time &c.

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