Text

Der natürliche Sohn
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Das Theater des Herrn Diderot.

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Aus dem Französischen übersezt

von Gotthold Ephraim Lessing.

Erster Theil. ------------------------------ Zweyte, verbesserte Ausgabe.

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1781.

bey Christian Friedrich Voß und Sohn.

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Vorrede des Uebersetzers, zur ersten Ausgabe von 1760. ----------

Dieses Theater des Herrn Diderot, eines von den vornehmsten Verfassern der berufenenEncyklopädie, bestehet aus zwey Stücken, die er als Beyspiele einer neuen Gattung ausgearbeitet, und mit seinen Ge danken sowohl über diese neue Gattung, als über andere wichtige Punkte der dramatischen Poesie, und aller ihr untergeordneten Künste,
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der Declamation, der Pantomime, des Tan zes, begleitet hat. Kenner werden in jenen weder Genie noch Geschmack vermissen; und in diesen überall den denkenden Kopf spüren, der die alten Wege weiter bahnet, und neue Pfade durch unbekannte Gegenden zeichnet. Ich möchte wohl sagen, daß sich, nach demAristoteles, kein philosophischerer Geist mit dem Theater abgegeben hat, als Er. Daher sieht er auch die Bühne seiner Na tion bey weitem auf der Stufe der Vollkom menheit nicht, auf welcher sie unter uns die schaalen Köpfe erblicken, an deren Spitze derProf. Gottsched ist. Er gestehet, daß
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ihre Dichter und Schauspieler noch weit von der Natur und Wahrheit entfernet sind; daß beider ihre Talente, guten Theils, auf klei ne Anständigkeiten, auf handwerksmäßigen Zwang, auf kalte Etiquette hinauslaufenet cetera Selten genesen wir eher von der verächt lichen Nachahmung gewisser französischen Muster, als bis der Franzose selbst diese Muster zu verwerfen anfängt. Aber oft auch dann noch nicht. Es wird also darauf ankommen, ob der Mann, dem nichts angelegener ist, als das Genie in seine alte Rechte wieder einzusetzen, aus welchen es die mißverstandene Kunst ver drenget; ob der Mann, der es zugestehet,
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daß das Theater weit stärkerer Eindrücke fähig ist, als man von den berühmtesten Meister stücken einesCorneille undRacine rühmen kann; ob dieser Mann bey uns mehr Gehör findet, als er bey seinen Landsleuten gefun den hat. Wenigstens muß es geschehen, wenn auch wir einst zu den gesitteten Völkern gehören wollen, deren jedes seine Bühne hatte. Und ich will nicht bergen, daß ich mich einzig in solcher Hofnung der Uebersetzung dieses Werks unterzogen habe. ----------
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Vorrede des Uebersetzers, zu dieser zweyten Ausgabe. ----------

Ich bin ersucht worden, dieser Uebersezung öffentlich meinen Namen zu geben. Da es nun vorlängst unbekannt zu seyn aufgehöret hat, daß ich wirklich der Verfas ser derselben bin; da ich mich des Fleißes, den ich darauf gewandt habe, und des Nutzens, den ich daraus gezogen, noch im mer mit Vergnügen erinnere: so sehe ich nicht, warum ich mich einer Anfoderung weigern sollte, die mir Gelegenheit giebt, meine
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Dankbarkeit einem Mann zu bezeugen, der an der Bildung meines Geschmacks so großen Antheil hat. Denn es mag mit diesem auch beschaffen seyn, wie es will: so bin ich mir doch zuwohl bewußt, daß er, ohneDiderots Muster und Lehren, eine ganz andere Richtung wür de bekommen haben. Vielleicht eine eigenere: aber doch schwerlich eine, mit der am Ende mein Verstand zufriedener gewesen wäre. Diderot scheint überhaupt auf das deut sche Theater weit mehr Einfluß gehabt zu haben, als auf das Theater seines eigenen Volks. Auch war die Veränderung, die er auf diesem hervorbringen wollte, in der That weit schwerer zu bewirken, als das Gute, welches er jenem nebenher verschafte. Die Französischen Stücke, welche auf unserm Theater gespielt wurden, stellten doch nur lauter fremde Sitten vor: und fremde Sit ten, in welchen wir weder die allgemeine
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menschliche Natur, noch unsere besondere Volksnatur erkennen, sind bald verdrengt. Aber je mehr die Franzosen in ihren Stücken wirklich finden, was wir uns nur zu finden einbilden: desto hartnäckiger muß der Wi derstand seyn, den ihre alten Eindrücke jeder, wie sie dafür halten, unnöthigen Bemühung, sie zu verwischen oder zu überstempeln, ent gegensetzen. Wir hingegen hatten es längst satt, nichts als einen alten Laffen im kurzen Mantel, und einen jungen Geck in bebänderten Hosen, unter ein Halbduzend alltäglichen Personen, auf der Bühne herumtoben zu sehen; wir sehnten uns längst nach etwas bessern, ohne zu wissen, wo dieses Bessere herkommen soll te: als derHausvater erschien. In ihm erkannte sogleich der rechtschafne Mann, was ihm das Theater noch eins so theuer machen müsse. Sey immerhin wahr, daß es seit dem von dem Geräusche eines nichts bedeu tenden Gelächters weniger ertönte! Das
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wahre Lächerliche ist nicht, was am lautesten lachen macht; und Ungereimtheiten sollen nicht blos unsere Lunge in Bewegung setzen. Selbst unsere Schauspieler fingen an dem Hausvater zuerst an, sich selbst zu über treffen. Denn derHausvater war weder Französisch, noch deutsch: er war blos mensch lich. Er hatte nichts auszudrücken, als was jeder ausdrücken konnte, der es verstand und fühlte. Und daß jeder seine Rolle verstand und fühlte, dafür hatte nun freylich Diderot vor nemlich gesorgt. Wenn ich aber doch gleich wohl auch meiner Uebersezung ein kleines Ver dienst in diesem Punkte zuschreibe: so habe ich, wenigstens bis itzt, von den Kunstrich tern noch keinen besondern Widerspruch zu erfahren gehabt. Nicht als ob ich meine Uebersetzung frey von allen Mängeln halten wollte; nicht als
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ob ich mir schmeichelte, überall, auch da den wahren Sinn des Verfassers getroffen zu ha ben, wo er selbst in seiner Sprache sich nicht bestimmt genug ausgedrückt hat! Ein Freund zeigt mir nur erst izt eine dergleichen Stelle; und ich bedaure, daß ich in dem Texte von diesem Winke nicht Gebrauch machen können. Sie ist in demnatürlichen Sohne in dem dritten Auftritte des ersten Aufzuges, wo Theresia ihrer Sorgfalt um Rosaliens Erzie hung gedenkt. „Ich ließ mir es angelegen seyn, sagt sie, den Geist und besonders den Charakter dieses Kindes zu bilden, von wel chem einst das Schicksal meines Bruders abhangen sollte. Es war unbesonnen, ich machte es bedächtig. Es war heftig, ich suchte dem Sanften seiner Natur aufzuhel fen.“ Das es ist in allen vier Stellen im Französischen durch il ausgedruckt, welches eben sowohl auf das vorhergehendeenfant, auf Rosalien, als auf den Bruder gehen kann. Ich habe es jedesmal auf Rosalien gezogen: aber es kann leicht seyn, daß es
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die beiden erstenmale auf den Bruder gehen, und sonach heißen soll. „Er war unbeson nen, ich machte sie bedächtig. Er war heftig, ich suchte dem Sanften ihrer Natur aufzuhelfen. Ja dieser Sinn ist unstreitig der feinere. Es kann jemand keinen einzigen solchen Fehler sich zu Schulden kommen lassen, und doch noch eine sehr mittelmässige Uebersetzung gemacht haben! ----------
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Der natürliche Sohn, oder die Proben der Tugend. ---------------

Ein Schauspiel in fünf Aufzügen. ---------- Nebst der wahren Geschichte des Stücks. ----------

Interdum speciosa locis, morataque recte Fabula, nullius veneris, sine pondere & arte, Valdius oblectat populum, meliusque moratur, Quam versus inopes rerum nugæque canoræ. Horatius de Arte Poet.

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Der sechste Band der Encyclopädie war ans Licht getreten, und ich hatte mich auf das Land begeben, Ruhe und Gesundheit da zu suchen; als eine Begebenheit, von eben so merkwürdigen Umständen, als merkwürdig die Personen derselben waren, die Verwunderung und das Gespräch der ganzen Gegend ward. Man unterhielt sich von nichts, als von dem seltnen Manne, der das Glück, sein Leben für seinen Freund zu wagen, und den Muth, ihm seine Neigung, seine Freyheit und sein Vermögen aufzuopfern, an Einem Tage gehabt habe. Ich wollte diesen Mann kennen lernen. Ich lernte ihn kennen, und fand ihn so, wie man mir ihn abgemalet hatte, finster und melancholisch. Ver druß und Schmerz hatten aus einer Seele, in wel cher sie allzulange gewohnet, nicht anders als mit Zurücklassung der Traurigkeit, scheiden können. Er war, sowohl in seinen Unterredungen, als in
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seinem äusserlichen Betragen, traurig; ausgenommen, wenn er von der Tugend sprach, oder die Entzückun gen fühlte, die sie in ihren eifrigsten Verehrern her vorbringt. Alsdann war er, wie ganz verwandelt. Die Heiterkeit entwickelte sich auf seinem Gesichte. Seine Augen bekamen Glanz und Freundlichkeit. Seine Rede ward pathetisch. Es war eine Kette von strengen Ideen und rührendenBildern, wodurch die Aufmerksamkeit in einem beständigen Feuer er halten, und die Seele außer sich selbst gesetzet ward. Aber so wie an einem neblichten und umzogenen Herbsttage, die Stralen der Sonne aus einer Wol ke hervorbrechen, einen Augenblick glänzen, und sich wieder in den dunkeln Himmel verlieren: so ver lor sich auch gar bald seine Munterkeit wieder, und plötzlich fiel er in sein melancholisches Stillschweigen zurück. So war Dorval. Es sey nun, daß man ihn für mich eingenommen hatte, oder daß es wirklich, wie man sagt, Menschen giebt, die dazu gemacht sind, einander, sobald sie sich erblicken, zu lieben: gnug, er empfing mich mit einer so offenen Art, die sonst jedermann, nur mich nicht befremdete; und
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sobald ich ihn zum zweytenmale sahe, glaubte ich mit ihm, ohne Unbescheidenheit, von seiner Familie, und von dem, was sich kürzlich darinn zugetragen hatte, sprechen zu dürfen. Er that meinen Fragen ein Gnüge. Er erzehlte mir seine Geschichte. Ich zitterte mit ihm wegen der Proben, auf die ein ehr licher Mann oft gestellet wird; und sagte zu ihm, daß ein Schauspiel, zu dessen Inhalte man diese Proben wählte, auf alle, die Empfindlichkeit und Tugend und irgend einen Begriff von der mensch lichen Schwachheit haben, einen grossen Eindruck machen müßte. Ach! antwortete er mir seufzend; mein Vater hat mit Ihnen einerley Gedanken gehabt. Einige Zeit nach seiner Ankunft, als eine ruhigere und sanftere Freude auf unsere Entzückungen zu folgen anfing, und wir das Vergnügen, einer an des an dern Seite zu sitzen, genossen, sagte er zu mir: Dorval, täglich spreche ich mit dem Himmel von Rosalien und von dir. Ich danke ihm, daß er euch bis zu meiner Zurückkunft erhalten hat; aber vornehmlich, daß er euch unschuldig erhalten hat. Ach, mein Sohn, ich werfe nie meinen Blick
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auf Rosalien, ohne mich über die Gefahr, die du gelauffen bist, zu entsetzen. Je mehr ich sie sehe, je rechtschaffner und schöner ich sie finde; desto grösser erscheinet mir diese Gefahr. Aber der Himmel, der heut über uns wacht, kann uns mor gen verlassen. Keiner von uns kennet sein Schick sal. Alles, was wir wissen, ist dieses; daß wir den Nachstellungen des Lasters immer mehr und mehr entkommen, je weiter das Leben fortrückt. Diese Betrachtungen mache ich, so oft ich mich deiner Geschichte erinnere. Sie trösten mich wegen der wenigen Zeit, die ich noch zu leben habe; und wenn du wolltest, so könnten sie die Moral eines Stückes seyn, dessen Inhalt ein Theil unseres Le bens wäre, und das wir unter uns aufführen wollten.
Ein Stück, mein Vater! -- -- Ja, mein Sohn. Wir brauchten dazu keine Bühne aufzubauen; wir wollten bloß das Anden ken einer uns rührenden Begebenheit erhalten, und sie so vorstellen, wie sie sich wirklich zugetragen hat. -- -- Wir wollten sie jährlich, in diesem Hause, in diesem Saale erneuern. Was wir da
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mals gesagt haben, wollten wir wieder sagen. Deine Kinder thäten ein gleiches, und deiner Kinder Kinder, und deren Nachkommen. Auf die se Weise überlebte ich mich selbst, und könnte des Umgangs meiner Enkel von einem Alter zum an dern geniessen. -- Glaubtest du nicht,Dorval, daß ein Werk, welches ihnen unsere eigenen Ideen, unsere wahren Empfindungen, die eigentlichen Re den überlieferte, die wir bey einem von den aller wichtigsten Umständen unsers Lebens gehalten ha ben, daß so ein Werk nicht besser und nützlicher wäre, als alle Familiengemälde, die nur eine au genblickliche Verfassung unseres Antlitzes zeigen?
Und also verlangten Sie von mir, Ihre Seele, meine Seele, die Seele der Theresia, des Clairville, und der Rosalia zu schildern? Ach, mein Vater, Sie verlangen etwas, das mei ne Kräfte übersteiget, und Sie wissen es wohl! Höre! Ich möchte meine Rolle noch gern selbst einmal, ehe ich sterbe, spielen; und in dieser Ab sicht habe ich Arnolden gesagt, er soll die Klei der, die wir aus dem Gefängnisse gebracht haben, in einen Koffer schliessen.
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Mein Vater -- Noch habe ich von meinen Kindern nie eine ab schlägliche Antwort erhalten; sie werden so spät nicht anfangen wollen -- Bey dieser Stelle verwandte Dorval sein Ge sicht, um seine Thränen zu verbergen, und sagte zu mir, in dem Tone eines Menschen, der sich sei nen Schmerz nicht will merken lassen: -- Das Stück ist gemacht. -- Aber Er, der es bestellte, Er ist dahin! Nach einem kurzen Stillschweigen setzte er hinzu: Ich hatte es liegen lassen, das Stück, und hatte es beynahe vergessen; aber man gab mir es so oft zu hören, ich lebte hierinn dem Willen meines Vaters nicht nach, daß ich mich end lich überreden ließ. Künftigen Sonntag werden wir uns das erstemal unserer Schuldigkeit -- denn als eine Schuldigkeit betrachten wir es einmüthig, -- damit entladen. Ach, Dorval, rief ich, wenn ich dürfte -- -- Ich verstehe Sie; war seine Antwort. Aber glau ben Sie, daß man Theresien, Clairvillen, Ro salten so einen Antrag thun dürffe? Der Inhalt des Stücks ist Ihnen bekannt; und Sie können sich
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leicht einbilden, daß verschiedne Auftritte darinn vorkommen, bey welchen die Gegenwart eines Frem den in Verlegenheit setzen könnte. Unterdessen, da man die Anstalten im Saale mir überlassen hat; -- ich verspreche Ihnen nichts; ich schlage es Ihnen auch nicht ab: ich will sehen. Hierauf gingen wir von einander. Es war Montag. Er ließ mir die ganze Woche nichts sa gen. Aber des Sonntags früh, schrieb er mir: Heut, mit dem Schlage drey, an der Garten thüre -- Ich fand mich ein. Ich stieg durch das Fenster in den Saal, und Dorval, der jedermann auf die Seite geschaft hatte, stellte mich in einen Winkel, wo ich, ohne gesehen zu werden, das, was nun folget, sehen und hören konnte. Den ein zigen letzten Auftritt konnte ich nicht hören, und warum ich diesen nicht hören konnte, werde ich an seinem Orte sagen. ----------
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Namen der wirklichen Personen des Stücks und derjenigen Schauspieler, die ihre Stelle (auf der französischen Bühne zu Paris) bekleiden könnten.

Lysimond
,
Vater des Dorval und der Rosakia
= = = = Hr.Sarrazin.
Dorval
,
des Lysimond natürlicher Sohn und Freund des Clairville
= Hr.Grandvall.
Rosalia
,
Tochter des Lysimond
= Madem.Gaussin.
Justine
,
der Rosalia Mädchen
Madem.Dangeville.
Arnold
,
in Diensten des Lysimond
Hr. leGrand.
Carl
,
Bedienter des Dorval
= Hr.Armand
Clairville
,
Dorvals Freund und Liebhaber der Rosalia
= = = Hr.Lequis.
Theresia
,
eine junge Wittwe, des Clarville Schwester
= = = Madem.Clairon.
Sylvester
,
Bedienter des Clairville
= = =
Einige andere Bediente aus dem Hause des Clairville.

Die Szene ist zu Saint-Germain en Laye. Die Handlung fängt sich mit dem Tage an, und ge hen in einem Saale, in dem Hause des Clairville, vor.

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Der natürliche Sohn, oder die Proben der Tugend. Ein Schauspiel. --------------------

Erster Aufzug. ------------------------------

Erster Auftritt.

Die Bühne ist ein Saal, in welchem ein Clavier, Stüh le, Spieltische, auf einem von diesen Tischen ein Damenbret, auf einem andern einige geheftete Bücher, auf der Seite ein Nehrahm, und zu hinterst ein Canapee zu sehen sind.

Dorval

(allein.)

(Er sitzt in einem Landanzuge, mit unordentlichen Haa ren, in einem Lehnstuhle, neben dem Tische, auf welchem geheftete Bücher liegen. Er scheinet unruhig. Nach ei nigen heftigen Bewegungen, stützt er sich auf die eine Leh ne seines Stuhls, als ob er schlafen wolle. Er setzt sich bald wieder anders. Er ziehet seine Uhr heraus und sagt:)

Es ist kaum sechs Uhr.

(Er wirft sich auf die andere Lehne seines Stuhls, richtet sich aber sogleich wieder auf, und sagt:)

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Ich kann nicht schlafen.

(Er nimt ein Buch, schlägt es auf und macht es fast in eben dem Augenblicke wieder zu, und sagt:)

Ich lese ohne Verstand.

(Er steht auf, gehet hin und her, und sagt:)

Ich kann mir nicht entfliehen. -- Ich muß fort von hier. -- Von hier fort! Und ich bin hier angefesselt! Ich liebe! -- -- (als ob er erschrecke) Und wen liebe ich? -- Ich darf es mir gestehen, ich Unglücklicher, und bleibe hier? -- (Er ruft hef tig) Carl! Carl!

Zweyter Auftritt.

(Dieser Auftritt geht geschwind)

Dorval.Carl.

(Carl glaubt, daß sein Herr Hut und Degen verlanget; er bringt beides, legt es auf einen Stuhl, und sagt:)

Carl.

Befehlen sie sonst nichts, mein Herr?

Dorval.

Meinen Wagen! Laß anspannen!

Carl.

Wie? Reisen wir fort?

Dorval.

Diesen Augenblick!

(Er sitzt in dem Lehnstuhle, und raft, unter dem Reden, Bücher und Schriften und alles auf dem Tische zusammen, als ob er einpacken wolle.)

Carl.

Mein Herr, das ganze Haus schläft noch.

Dorval.

Ich will auch niemand sehen.
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Carl.

Ist es möglich?

Dorval.

Nicht anders.

Carl.

Mein Herr --

Dorval.

(sich gegen Carlen, mit einem traurigen und niedergeschlagenen Wesen wendend)

Nun, Carl!

Carl.

In diesem Hause so wohl aufgenommen zu seyn, von allen darinn geliebt zu werden, alle mögliche Gefälligkeiten genossen zu haben, und fort zureisen, ohne jemanden ein Wort zu sagen: erlau ben Sie mir, mein Herr, das --

Dorval.

Ich verstehe dich gar wohl. Du hast Recht. Aber, ich reise --

Carl.

Was wird ihr Freund, Clairville, dazu sagen? Und seine Schwester Theresia, die es sich so angelegen seyn lassen, Ihnen diesen Aufenthalt an genehm zu machen? -- (in einem leisern Tone) Und Rosalia? -- Sie wollen keinen von ihnen se hen?

Dorval

(seufzet tief, läßt seinen Kopf auf seine Hände sinken, und Carl fährt fort.)

Carl.

Clairville und Rosalia schmeichelten sich, daß Sie ein Zeuge ihrer Verbindung seyn würden. Rosalia freute sich, Sie ihrem Vater vorzustellen. Sie hätten sie alle zum Altar begleiten sollen.

Dorval

(seufzet, ist in Bewegunget cetera)
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Carl.

Der alte Vater kömmt, und Sie reisen fort. Hören Sie, liebster Herr, ich bin so frey es Ihnen zu sagen, eine seltsame Aufführung ist selten vernünftig. -- Clairville! Theresia! Rosalia!

Dorval

(anfahrend, indem er aufspringt) Meinen Wagen! Laß anspannen; sag ich.

Carl.

Itzt, da Rosaliens Vater von einer Rei se von mehr als tausend Meilen anlangt! Den Tag vor der Vermählung Ihres Freundes!

Dorval

(zornig, zu Carlen.) Unglücklicher! --

(zu sich selbst, indem er sich in die Lippe beisset und vor die Brust schlägt.)

Ich bin der Unglückliche! -- -- Du verlierest die Zeit, und ich verweile --

Carl.

Ich gehe.

Dorval.

Mach geschwind!

Dritter Auftritt.

Dorval (allein.)

Fortzureisen ohne Abschied zu nehmen! Er hat Recht; das würde so seltsam, so ungereimt las sen! -- -- Ungereimt! lassen! Nichtsbedeutende Worte! Kömmt es itzt darauf an, was andere da von denken werden, oder darauf, was Ehre und Rechtschaffenheit von mir verlangen? -- Aber bey dem allen; warum sollte ich Clairvillen, warum sollte ich seine Schwester nicht sprechen? Kann ich

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sie nicht verlassen, und ihnen die Ursache, warum ich sie verlasse, verschweigen? -- Und Rosalia? Sie soll ich nicht sehen? -- Nein -- Liebe und Freundschaft gebiethen hier nicht einerley; besonders eine unsinnige Liebe, die noch unbekannt ist, und die ich ersticken muß. -- Aber was wird sie sagen? Was wird sie denken? O Liebe, gefährlicher Sophist, ich verstehe dich.

(Theresia tritt in einer Morgenkleidung herein; sie wird von einer Leidenschaft gefoltert, die ihr keine Ruhe gönnet. Einen Augenblick darauf kommen Bediente, wel che den Saal aufräumen, und die Sachen, welche Dorvaln gehören, zusammennehmen. Carl, der nach Pferden auf die Post geschickt hat, kömmt gleichfalls wieder.)

Vierter Auftritt.

Dorval.Theresia Bediente.

Dorval.

Wie, Madame, so früh?

Theresia.

Ich habe allen Schlaf verloren. -- Aber Sie selbst, warum schon angekleidet?

Dorval.

(geschwind) Den Augenblick bekom me ich Briefe. Eine dringende Angelegenheit ruft mich nach Paris. Sie erfordert meine Gegenwart daselbst. Ich trinke nur noch Thee. Carl, Thee! Ich umarme alsdann Clairvillen. Ich danke ihnen beyden für die Güte, die Sie gegen mich gehabt ha ben. Ich werfe mich in meinen Wagen, und rei se ab.
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Theresia.

Sie reisen! Ist es möglich?

Dorval.

Leider ist nichts nothwendiger.

(Die Bedienten, welche den Saal aufgeräumet und Dorvals Sachen zusammengesucht haben, entfernen sich. Carl läßt den Thee auf einem von den Tischen. Dorval trinkt)

(Theresia stützet einen Ellebogen auf den Tisch, läßt den Kopf auf die Hand sinken, und bleibet in dieser gedan kenvollen Stellung.)

Dorval.

Sie sind in tiefen Gedanken, Theresia.

Theresia.

(bewegt oder vielmehr mit einem etwas gezwungenen kalten Blute)

Ja, ich bin in Gedanken -- Aber ich habe Unrecht -- Die einförmige Lebensart, die wir hier führen, wird Ihnen zur Last. Sie haben Langeweile. -- Ich mache diese Anmerkung heute nicht zum erstenmale.

Dorval.

Zur Last! Langeweile! Nein, Ma dame, das ist es nicht.

Theresia.

Was fehlt Ihnen sonst? -- Ein so finstres Wesen, das ich an Ihnen wahrnehme --

Dorval.

Unglücksfälle lassen Eindrücke zu rück. -- Sie wissen -- Madame -- Ich schwöre es Ihnen, die Vergnügen, die ich hier genossen, sind die einzigen, deren ich mich seit langer Zeit erinnern kann.

Theresia.

Wenn das ist, so kommen Sie ohne Zweifel wieder.
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Dorval.

Ich weis nicht. -- Habe ich jemals gewußt, wie es mit mir werden wird?

Theresia.

(nachdem sie einen Augenblick auf und abgegangen) Dieser Augenblick ist mit also einzig und allein übrig. Ich muß reden. (Eine Pause)

Dorval.

hören Sie mich. Sie haben mich hier, vor sechs Monaten, ruhig und glücklich an getroffen. Ich hatte alles Unglück einer übel ge troffenen Verbindung erfahren. Nachdem ich von dieser Verbindung wieder frey geworden, hatte ich mir eine ewige Unabhängigkeit versprochen, und hatte mein Glück auf den Abscheu vor allem und jedem Bande, und auf die Sicherheit eines eingezo genen Lebens gegründet. Nach langen Verdrießlichkeiten, ist die Einsam keit so reitzend! Man athmet in ihr freyer. Ich genoß meiner selbst. Ich genoß meines vergangnen Elendes. Es schien mir meinen Verstand geläutert zu haben. Lesen, spatzieren, mit meinem Bruder mich unterhalten, das waren die Beschäftigungen meiner immer unschuldigen und manchmal recht süssen Tage. Clairville sprach mit mir ohne Unter laß von seinem strengen und erhabnen Freunde. Mit welchem Vergnügen hörte ich ihm zu! Wie begierig ward ich, einen Mann kennen zu lernen, den mein Bruder liebte, den er so viel Ursache zu verehren
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hatte, und der in seinem Herzen die ersten Keime der Tugend entwickeln helfen! Ich muß Ihnen noch mehr sagen. Fern von Ihnen, trat ich bereits in ihre Fußtapfen; und die se junge Rosalia, die sie hier gefunden, war der Gegenstand aller meiner Sorge, so wie Clairville der Gegenstand der Ihrigen gewesen war.

Dorval

(bewegt und erweicht) Rosalia!

Theresia.

Ich bemerkte, daß Clairville anfing, Geschmack an ihr zu finden, und ließ mir es ange legen seyn, den Geist und besonders den Charakter dieses Kindes zu bilden, von welchem einst das Schick sal meines Bruders abhangen sollte. Es war un besonnen, ich machte es bedächtig. Es war heftig, ich suchte dem Sanften seiner Natur aufzuhelfen. Ich unterhielt mich mit der schmeichelhaften Gedan ke, daß ich, mit Ihnen zugleich, den Grund zu der glücklichsten Verbindung legte, die vielleicht jemals auf der Welt gewesen. Indem kamen Sie hier an. Ach! --

(Theresens Stimme wird gefühlvoller, aber schwächer.)

Ihre Gegenwart, die mich erleuchten und auf muntern sollte, hatte diese gehoften Wirkungen nicht. Nach und nach zog sich meine Sorge von Rosalien ab. Ich unterrichtete sie nicht mehr, wie man ge fallen müsse; -- und die Ursache hiervon blieb mir nicht lange verborgen.
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Dorval, ich wußte die völlige Herrschaft, welche die Tugend über Sie hat, und es schien mir, als liebte ich die Tugend darum noch mehr. Ich nahm mir vor, durch sie in Ihre Seele einzudringen, und glaubte, niemals einen Anschlag gefaßt zu haben, der so sehr nach meinem Sinne gewesen wäre. Wie glücklich ist ein Frauenzimmer, sagte ich bey mir selbst, wenn sie denjenigen, dem sie den Vorzug ertheilet hat, durch kein ander Mittel an sich ziehen kann, als dadurch, daß sie in der Achtung, die sie sich selbst schuldig ist, immer weiter und weiter ge het, und sich in ihren eigenen Augen ohne Unterlaß erhöhet! Ein anderes Mittel habe ich nicht angewandt. Daß ich die Wirkung davon aber nicht abwarte, daß ich mich itzt erkläre; daran hat der Mangel der Zeit, nicht der Mangel meiner Zuversicht Schuld. Ich habe nie daran gezweifelt, daß die Tugend nicht die Liebe erzeugen sollte, wenn der Augenblick nur erst gekommen ist.

(Eine kleine Pause; das Folgende muß einem Frauenzimmer, wie Thelesia, nicht leicht fallen, zu sagen.)

Soll ich Ihnen gestehen, was mir das meiste gekostet hat? Dieses: jene zärtlichen und so wenig willkührlichen Bewegungen vor Ihnen zu verbergen, die fast immer ein Frauenzimmer, welches liebet, verrathen. Die Vernunft läßt sich dann und wann hören. Das ungestüme Herz spricht ohne Unterlaß.
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Hundertmal, Dorval, hat das meinem Anschlage so nachtheilige Wort, auf meiner Zunge geschwebt. Sogar ist es mir einigemal entfahren; aber Sie haben es nicht gehöret, worüber ich allezeit sehr froh gewesen bin. So ist Theresia. Wenn Sie sie fliehen, so hat sie wenigstens keine Ursache, sich ihrer selbst zu schä men. Von Ihnen entfernt, wird sie sich in dem Schoosse der Tugend wiederfinden. Und anstatt daß so manches Frauenzimmer den Augenblick ver wünschen muß, in welchem der Gegenstand einer strafbaren Zärtlichkeit ihrem Herze den ersten Seuf zer entriß, wird sich Theresia Dorvals niemals erin nern, ohne sich des Glückes, ihn gekannt zu haben, zu freuen. Wenn sich ja einige Bitterkeit in ih re Erinnerung mischen sollte: so wird sie doch im mer, selbst in den Empfindungen, die er in ihr er weckt hat, einen sanften und wirksamen Trost finden.

Fünfter Auftritt.

Dorval.Theresia.Clairville.

Dorval.

. Madame, ihr Bruder --

Theresia

(sagt niedergeschlagen:) Mein Bru der, Dorval verläßt uns. (und gehet ab)

Clairville.

Eben habe ich es erfahren.
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Sechster Auftritt.

Dorval.Clairville.

Dorval

(zerstreut, verwirrt, und thut einige Schritte hin und her.)

Briefe von Paris -- -- Eine dringende Angelegenheit -- Ein Wechsler, der auf der Küppe steht.

Clairville.

Liebster Freund, Sie dürfen nicht fortreisen, ohne mir noch eine kurze Unterredung zu verstatten. Ich bin Ihres Beystandes nie benö thigter gewesen.

Dorval.

Sie haben zu befehlen; aber wenn Sie mir Gerechtigkeit wollen wiederfahren lassen; so werden Sie im geringsten nicht zweifeln, daß ich nicht die allerstärksten Gründe haben sollte --

Clairville.

(betrübt) Ich hatte einen Freund, und dieser Freund verläßt mich. Ich ward von Rosalien geliebt, und nun liebt mich Rosalia nicht mehr. Ich bin voll Verzweiflung -- Dorval, wol len Sie mich verlassen?

Dorval.

Was kann ich für Sie thun?

Clairville.

Sie wissen, ob ich Rosalien lie be! -- Doch nein, Sie wissen hiervon nichts. Gegen andere ist die Liebe meine erste Tugend; vor Ihnen erröthe ich fast darüber. -- Nun gut, Dor val, ich will erröthen, wenn ich muß; aber ich be te sie an. -- Wenn ich Ihnen alles sagen könnte,
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was ich erlitten habe! Mit welcher Behutsamkeit, mit welcher zärtlichen Gewissenhaftigkeit ich der al lerstärksten Leidenschaft Stillschweigen auferlegt ha be! -- Rosalia lebte hier in der Nähe, eingezogen, in der Gesellschaft einer Muhme. Es war eine sehr betagte Amerikanerin, eine Freundin von Theresen. Ich sahe Rosalien alle Tage, und alle Tage sahe ich ihre Reitze sich vermehren; mit ihnen vermehrte sich zugleich meine Unruhe. Ihre Muhme stirbt. In ihren letzten Augenblicken ruft sie meine Schwe ster, strecket ihre schwache Hand gegen sie aus, wei set auf Rosalien, die neben ihrem Bette trostlos jammert, und siehet sie starr an, ohne ein Wort zu reden; darauf heftet sie ihre Augen auf Theresen; Thränen stürzen aus ihren Augen; sie seufzet; und meine Schwester verstehet alles. Rosalia ward ihre Gespielin, ihr Mündel, ihre Schülerin; und ich, ich ward der glücklichste unter allen Menschen. The resa bemerkte meine Leidenschaft; Rosalia schien da von gerührt zu seyn, und meinem Glücke war wei ter nichts im Wege, als der Wille einer bekümmer ten Mutter, die ihre Tochter wiederforderte. Schon machte ich mich gefaßt, in die entfernte Gegend zu ziehen, wo Rosalia das Licht erblicket: aber ihre Mutter stirbt; und ihr Vater fasset, seines hohen Alters ungeachtet, den Entschluß, zu uns zurück zu kehren. Ich erwartete ihn, diesen Vater, um mein
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Glück zu vollenden; er kömmt; und er wird mich untröstlich flnden.

Dorval.

Noch sehe ich die Ursache nicht, wa rum Sie es seyn könnten.

Clairville.

Diese habe ich Ihnen gleich Anfangs entdeckt. Rosalia liebt mich nicht mehr. Je weni ger der Hindernissen wurden, die sich meinem Glücke widersetzten, desto zurückhaltender, kälter, gleich gültiger ward sie selbst. Jene zärtlichenEmpfindun gen, die ihrem Munde mit einer so reitzenden, so entzückenden Einfalt entfuhren, haben einer Höflich keit Platz gemacht, die mich noch tödten wird. Al les ist ihr unschmackhaft. Nichts beschäftiget sie. Nichts vergnügt sie. Sieht sie mich; sogleich ist ihre erste Bewegung, sich zu entfernen. Ihr Va ter langt an; und man sollte sagen, daß diese so gewünschte, so lange erwartete Ankunft, sie im ge ringsten nicht mehr rühre. Sie hat weiter nichts mehr, als einen finstern Geschmack an der Einsam keit. Theresen wird nicht besser von ihr begegnet, als mir. Und wenn uns Rosalia ja noch sucht, so geschieht es blos, um, vermittelst des einen von uns, den andern zu vermeiden. Endlich, was mein Unglück vollkommen macht -- selbst meine Schwe ster scheinet sich meiner nicht mehr anzunehmen.

Dorval.

Ich erkenne Clairvillen! Er beun ruhiget sich, er grämet sich, und ist dem Augen blicke seines Glückes am nächsten.
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Clairville.

Ach, liebster Dorval, Sie glau ben es nicht. Sehen Sie nur --

Dorval.

Ich sehe in Rosaliens ganzer Auf führung weiter nichts, als etwas von dem unglei chen Wesen, welchem die wohlerzogensten Frauen zimmer am meisten unterworfen sind, und das, wenn wir es ihnen zu vergeben haben, für uns selbst oft eine Quelle des BergnügensVergnügens wird. Es hat ein so auserlesenes Gefühl []; seine Seele ist so empfind lich; seine sinnlichen Werkzeuge sind so fein, daß ein Verdacht, ein Wort, ein Gedanke im Stande ist, es zu beunruhigen. Ihre Seelen, liebster Freund, gleichen dem Kristalle eines reinen und durch sichtigen Wassers, in welchem sich die ruhige Scene der Natur mahlet. Nur eiuein Blatt darf fallen, und die Fläche noch so leicht bewegen, so gleich schwan ken alle Gegenstände.

Clairville.

(betrübt) Sie trösten mich: Dor val -- ich bin verloren! Ich fühle es nur allzu sehr, -- daß ich ohne Rosalien nicht leben kann; aber was für ein Schicksal auch immer auf mich warten mag, ich muß, noch vor Ankunft ihres Vaters, wissen, woran ich bin.

Dorval.

Worinn kann ich Ihnen dienen?

Clairville.

Sie müssen mit Rosalien sprechen.

Dorval.

Ich mit ihr sprechen!

Clairville.

Ja, liebster Freund. Sie sind der einzige auf der Welt, der sie mir wieder zuführen
|| [0039]
kann. Die Hochachtung, welche sie für Sie hegt, läßt mich alles hoffen.

Dorval.

Clairville, was verlangen Sie von mir? Rosalia kennt mich kaum, und ich bin der gleichen Dinge auszumachen, so wenig geschickt --

Clairville.

Sie vermögen alles, und Sie müs sen mir es nicht abschlagen. Rosalia verehret sie. Ihre Gegenwart erfüllet sie mit Ehrerbietung; das hat sie selbst gestanden. Sie wird es nimmermehr wagen, vor Ihren Augen ungerecht, unbeständig, undankbar zu seyn. Das ist das grosse Vorrecht der Tugend: sie herrschet über alles, was sich ihr nahet. Dorval, zeigen Sie sich Rosalien, und sie wird bald wieder das für mich seyn, was sie seyn soll, was sie war.

Dorval

(indem er Clairvillen die Hand auf die Schulter legt)

Ach, Unglücklicher!

Clairville.

Liebster Freund, wenn ich es bin!

Dorval.

Sie fordern --

Clairville.

Ich fordere --

Dorval.

Sie sollen befriediget werden.

Siebender Auftritt.

Dorval (allein.)

Welche neue Verwirrung! -- Der Bru der -- -- die Schwester -- -- Grausamer Freund,

|| [0040]
blinder Liebhaber, was verlangest du von mir! -- Zeigen Sie sich Rosalien! Ich, ich mich Rosa lien zeigen? und ich wollte, daß ich mich vor mir selbst verbergen könnte. -- Wie dann, wenn mich Rosalia erräth? und wie werde ich meinen Augen, meiner Stimme, meinem Herzen gebieten können? -- Wer steht mir für mich? -- Die Tugend? -- Ha be ich noch Tugend? --

Ende des ersten Anfzuge. ----------
|| [0041]

Zweyter Aufzug.

Erster Auftritt.

Rosalia.Justine.

Rosalia.

Justine, gieb mir meine Arbeit!

(Justine rückt den Nehrahmen zu ihr. Rosalia stützet sich traurig auf den Rahmen. Justine sitzet auf der andern Seite. Sie arbeiten. Rosalia unterbricht ihre Arbeit, um sich die Thränen, die ihr aus den Augen fallen, abzu trocknen. Alsdenn arbeitet sie weiter. Das Stillschwei gen dauert einen AugendlickAugenblick, indem läßt Justine ihre Arbeit sinken und betrachtet ihr Fräulein.)

Justine.

Ist das die Freude, mit welcher Sie ihren Herrn Vater erwarten? Sind das die Entzü ckungen, die Sie ihm bereiten? Seit einiger Zeit weis ich mich in ihre Seele gar nicht zu finden Es muß etwas Unrechtes darinn vorgehen: denn Sie verbergen mir es, und Sie thun sehr wohl daran.

Rosalia

(antwortet mit nichts, als mit Seufzern und Thränen.)

Justine.

Verläßt Sie denn ganz ihr Verstand, Mademoiselle? Itzt, da wir alle Augenblicke einem Vater entgegen sehen! Itzt, den Tag vor ihrer Vermählung! Ich wiederhohle es: verläßt Sie denn ganz ihr Verstand?

Rosalia.

Nein, Justine.

Justine.

(nach einer Pause) Ist etwa ihrem Herrn Vater ein Unglück begegnet?
|| [0042]

Rosalia.

Nein, Justine.

(Zwischen allen diesen Fragen verstreichet eine kurze Zeit, in der Justine ihre Ar beit sinken läßt und wieder vornimmt.)

Justine.

(nach einer etwas längern Pause)

Sollte wohl gar -- lieben Sie vielleicht gar Clairvillen nicht mehr?

Rosalia.

Nein, Justine.

Justine

(bleibet ein wenig erstaunt und sagt hierauf)

Ist das also die Ursache dieser Seufzer, dieses Still schweigens, dieser Thränen? -- O nunmehr, nun mehr mögen die Mannspersonen nur immer sagen, daß wir nicht wohl gescheut sind; daß wir uns heut in einen Gegenstand vernarren, den wir morgen tausend Meilen von uns zu seyn wünscheuwünschen. Mö gen sie doch nun von uns sagen, was sie wollen; ich will des Todes seyn, wenn ich ein Wort darwi der einwende. -- Sie haben doch wohl nicht gehoft, Mademoiselle, daß ich diesen Eigensinn billigen würde? -- Clairville liebt sie außer Maassen; über alles. Sie haben keine Ursache, sich über ihn zu beklagen. Hat sich jemals ein Frauenzimmer schmei cheln können, eines zärtlichen, getreuen, rechtschaff nen Liebhabers gewiß zu seyn; sich einem Manne von Verstande, von Bildung, von Sitten ergeben zu haben: so sind Sie es. Einem Manne von Sit ten, Mademoiselle, von Sitten! -- Es hat mir nie in den Kopf gewollt, daß man aufhören könne zu lieben; noch weniger, daß man ohne Ursache
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aufhören könne. Dahinter muß etwas stecken, was über meine Begriffe geht.

(Justine hält einen Augenblick inne. Rosalia fähret fort zu arbeiten und zu weinen. Justine fängt in einem heuchlerischen und besänftigtern Tone wieder an, arbeitet aber dabey, und sagt, ohne die Augen von ihrer Arbeit aufzuschlagen:)

Bey dem allen; wenn Sie Clairvillen nicht mehr lieben, freylich ist es ärgerlich. -- -- Aber deswegen doch auch so untröstlich zu seyn, als Sie -- Wie? Ausser ihm wäre in der Welt keine Person zu finden, die Sie lieben könnten?

Rosalia.

Nein, Justine.

Justine.

Ha, der! Dessen waren wir uns nicht vermuthend.

(Dorval tritt herein; Justine geht ab. Rosalia steht von ihrem Rahmen auf, sucht sich geschwind die Augen ab zutrocknen und ein ruhiges Gesicht anzunehmen. Vorher hat sie gesagt:)

Rosalia.

Himmel! Es ist Dorval.

Zweyter Auftritt.

Rosalia.Dorval.

Dorval.

(Sein Ton verräth einigermaassen seine innere Bewegung.)

Erlauben Sie, Mademoisell, daß ich vor meiner Abreise

(Rosalia scheinet bey diesen Wor ten bestürzt)

noch einem Freunde gehorche, und ihm
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bey Ihnen einen Dienst zu leisten suche, den er für sehr wichtig hält. Niemand in der Welt kann an Ihrem Glücke und an dem seinigen, mehr Antheil nehmen, als ich; Sie wissen es. Vergönnen Sie mir also zu fragen, worinn Ihnen Clairville hat mißfallen können, und warum Sie ihm, wie er sagt, so außerordentlich kaltsinnig begegnen?

Rosalia.

Darum, -- weil ich ihn nicht mehr liebe.

Dorval.

Sie lieben ihn nicht mehr?

Rosalia.

Nein, Dorval.

Dorval.

Und wodurch hat er sich dieses schreck liche Unglück zugezogen?

Rosalia.

Durch nichts. Ich liebte ihn. Ich habe aufgehört. Ich war ohne Zweifel leichtsinnig, ohne daß ich es gedacht hätte.

Dorval.

Haben Sie es vergessen, daß Clair ville der Liebhaber ist, den ihr Herz gewählet hat? -- Bedenken Sie auch, daß seine Tage höchst unglück lich seyn würden, wenn ihm die Hofnung, Ihre Zärtlichkeit wieder zu erlangen benommen wür de? -- -- Glauben Sie, Mademoiselle, daß es einem rechtschaffenen Frauenzimmer erlaubt ist, mit dem Glücke eines rechtschaffnen Mannes ihren Scherz zu treiben? --

Rosalia.

Ich weis alles, was man mir hier über sagen kann. Ich überhäuffe mich ohne Unter
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laß mit Vorwürfen. Ich bin untröstlich. Ich woll te lieber todt seyn!

Dorval.

Sie sind nicht ungerecht.

Rosalia.

Ich weis nicht mehr, was ich bin. Ich achte meiner nicht mehr.

Dorval.

Aber warum lieben Sie Clairvillen nicht mehr? Es muß doch alles seine Ursache haben.

Rosalia.

Weil ich einen andern liebe.

Dorval.

Rosalia! Sie!

(in einem mit Vorwür fen vermischten Erstaunen.)

Rosalia.

Ja, Dorval. -- Clairville wird satt sam gerochen werden.

Dorval.

Rosalia! -- Wenn es das Unglück wollte -- daß ihr überraschtes Herz -- von einer Neigung hingerissen wäre, -- die Ihnen Ihre Vernunft als ein Verbrechen anrechnen müßte -- Ich habe diesen grausamen Zustand kennen lernen! -- Wie würde ich Sie betauern.

Rosalia.

Betauern Sie mich also.

Dorval

(antwortet ihr blos mit einer mitleidigen Gebehrde.)

Rosalia.

Ich liebte Clairvillen. Ich bildete mir nicht ein, daß ich einen andern lieben könnte, als ich auf die Klippe stieß, an welcher meine Be ständigkeit und unser Glücke scheiterte -- Die Zü
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ge, der Geist, der Blick, der Ton der Stimme, alles schien mir in diesem angenehmen und schreck lichen Gegenstande, ich weis selbst nicht welchem Bil de zu entsprechen, das die Natur in mein Herz ge präget hat. Ich sah ihn. Ich glaubte in ihm die Wirklichkeit aller der Einbildungen, die ich mir von der Vollkommenheit gemacht hatte, zu erblicken, und sogleich erhielt er mein Vertrauen -- Wenn ich es hätte vorhersehen können, daß ich mich gegen Clairvillen ändern würde! -- Aber ach! ich schöpfte deswegen noch kaum den ersten Verdacht, als es mir schon ganz zur Gewohnheit geworden war, seinen Nebenbuhler zu lieben. -- -- Und wie wä re es möglich gewesen, ihn nicht zu lieben? -- Alles was er sagte, war so, wie ich es dachte. Er verwarf unfehlbar alles, was mir mißfiel. Ich lobte nicht selten im voraus, was er im Begriff war, zu billigen. Wenn er eine Empfindung ausdrückte, so glaubte ich, er habe die meinige errathen. -- Kurz, was soll ich Ihnen sagen? In andern er blickte ich kaum einige Aehnlichkeiten von mir:

(sie schlägt die Augen nieder, und setzt mit einer leisern Simme hinzu)

in ihm fand ich mich ohne Unterlaß ganz und gar.

Dorval.

Und weis dieser selige Sterbliche sein Glück?

Rosalia.

Wenn es ein Glück ist, so muß er es wissen.
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Dorval.

Wenn Sie lieben, so werden Sie ohne Zweifel wieder geliebt?

Rosalia.

Dorval, das wissen Sie!

Dorval

(lebhaft) Ja, ich weis es und mein Herz fühlt es -- Was habe ich gehört? -- Was habe ich gesagt? -- Wer wird mich vor mir selber retten? --

(Dorval und Rosalia sehen einander einen Augenblick stillschweigend an. Rosalia weinet bitterlich. Clairville wird angemeldet.)

Sylvester

(zu Dorval) Mein Herr, Clairville verlangt Sie zu sprechen.

Dorval.

Rosalia! -- -- Aber er kömmt -- Bedenken Sie doch! -- Es ist Clairville. Es ist mein Freund. Es ist ihr Liebhaber.

Rosalia.

Leben Sie wohl, Dorval.

(Sie reichet ihm die Hand. Dorval nimmt sie, und läßt seinen Mund traurig auf die Hand fallen, und Rosalia setzt hinzu)

Leben Sie wohl! -- Welch ein Wort!

Dritter Auftritt.

Dorval (allein)

Wie schön schien sie mir in ihrem Schmerze! Wie rührend waren ihre Reitze! Ich hätte mein Leben darum gegeben, wenn ich eine von den Thrä nen, die aus ihren Augen flossen, hätte aufsammeln können. -- Dorval, das wissen Sie. -- Die

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se Worte ertönen noch in dem Innersten meines Herzens. -- -- Sie werden mir sobald nicht aus dem Gedächtnisse kommen.

Vierter Auftritt.

Dorval.Clairville.

Clairville.

Verzeihen Sie meiner Ungeduld. Nun, Dorval! --

Dorval

(verräth Unruhe. Er will sich fassen; es gelingt ihm aber übel. Clairville, der in seinen Augen zu lesen sucht, bemerkt es; allein er irret sich damit, und sagt:)

Clairville.

Sie sind in Verwirrung! Sie sa gen mir nichts! Ihre Augen schwimmen in Thränen! Ich verstehe Sie, ich bin verloren!

(Indem Clairville dieses sagt, wirft er sich seinem Freunde in die Arme. Er verbleibt darinn einen Augenblick, ohne zu reden. Dorval vergießt einige Thränen über ihm, und Clairville, ohne sich aus seiner Stellung zu bewegen, sagt mit schwacher und stammelnder Stimme:)

Was hat sie gesagt? Worinn besteht mein Verbrechen? Ich flehe, liebster Freund, machen Sie mir mein Ende!

Dorval.

Ich ihm sein Ende machen!

Clairville.

Sie stößt mir den Dolch in die Brust; und Sie, der Einzige, der ihn vielleicht heraus reissen könnte, Sie entfernen sich! Sie überlassen mich meiner Verzweiflung! Von meiner
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Geliebten verrathen! Von meinem Freunde verlassen! Was soll aus mir werden! Dorval, Sie sagen mir nichts?

Dorval.

Was soll ich Ihnen sagen? -- -- Ich fürchte mich, zu reden.

Clairville.

Ich fürchte mich weit mehr, Sie zu hören. Dem ohngeachtet reden Sie; wenigstens wird meine Marter mit einer audernandern abwechslen. -- Ihr Stillschweigen dünket mich, in diesem Augen blicke, die grausamste von allen.

Dorval

(sich besinnend) Rosalia --

Clairville

(in eben dem Tone) Rosalia --

Dorval.

Sie haben mir es wohl gesagt -- scheinet wenig mehr von der zärtlichen Ungeduld zu haben, die Ihnen ein so nahes Glück versprach.

Clairville.

Sie hat sich geändert! -- Was wirft sie mir vor?

Dorval.

Sie hat sich nicht geändert, wenn Sie es so nehmen wollen -- Sie wirft Ihnen nichts vor, -- aber ihr Vater --

Clairville.

Hat ihr Vater seine Einwilligung wiederruffen?

Dorval.

Nein. Aber sie erwartet seine Zu rückkunft. Sie fürchtet -- Sie wissen es ja besser
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als ich, daß ein wohlerzogenes Frauenzimmer nie ohne Furcht ist.

Clairville.

Was für Furcht kann hier noch Statt finden? Alle Hindernisse sind gehoben. Es war ja einzig ihre Mutter, die sich unsern Wün schen widersetzte; sie ist nicht mehr, und ihr Va ter langet bloß darum an, unsere Verbindung zu vollziehen, sich unter uns niederzulassen, und seine Tage in seinem Vaterlande, in dem Schoosse sei ner Familie, mitten unter seinen Freunden, ruhig zu beschliessen. Nach seinen Briefen zu urtheilen, wird sich der alte, verehrungswürdige Mann nicht viel weniger kränken, als ich. Bedenken sie nur, Dorval; nichts hat ihn aufhalten können; er hat seine liegenden Gründe verkauft; er hat sich in ei nem Alter von -- achtzig Jahren, glaube ich -- mit allen Habseligkeiten eingeschift, obgleich die Meere von feindlichen Schiffen bedeckt sind.

Dorval.

Clairville, Sie müssen ihn erwarten. Sie können sich von der Gütigkeit des Vaters, von der rechtschaffnen Denkungsart der Tochter, von ihrer Liebe, von meiner Freundschaft, alles versprechen. Der Himmel wird es nicht zugeben, daß Wesen, die er zum Trost und zur Aufmunte rung der Tugend ausdrücklich gebildet zu haben scheinet, alle insgesamt, ohne ihr Verschulden, unglücklich seyn sollen.
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Clairville.

Sie wollen also, ich soll noch leben?

Dorval.

Ob ich es will! -- Wenn Clair ville in dem Innersten meiner Seele lesen könn te! -- -- Allein ich habe Ihrem Verlangen ein Gnüge geleistet.

Clairville.

Wie ungern höre ich das! Reisen Sie nur, liebster Freund! Da Sie mich in den traurigen Umständen, in welchen ich mich befinde, verlassen können, so müssen die Ursachen, welche Ihre Abreise verlangen, wohl sehr wichtig seyn. Nur um einen einzigen Augenblick muß ich Sie noch bit ten. Meine Schwester ist, auf verschiedene nach theilige Gerüchte, die sich von Rosaliens Glücks umständen, und von der Zurückkunft ihres Vaters verbreitet haben, wider ihren Willen ausgegangen. Ich habe ihr versprechen müssen, Sie so lange auf zuhalten, bis sie wieder nach Hause gekommen. Sie werden mir die Gefälligkeit erzeigen, und sie erwarten.

Dorval.

Was ist in der Welt, das Theresia nicht von mir erhalten könnte!

Clairville.

Theresia! Ach! ich schmeichelte mir zuweilen -- Aber lassen Sie uns diese Anschlä ge auf eine glücklichere Zeit versparen! -- Ich weis, wo sie ist; ich will ihre Rückkunft beschleunigen.
|| [0052]

Fünfter Auftritt.

Dorval allein.

Bin ich wohl der Unglückselige! -- Ich flösse der Schwester meines Freundes eine geheime Leiden schaft ein -- Ich lasse mich von einer sinnlosen Lei denschaft gegen seine Geliebte überraschen; sie des gleichen gegen mich -- Was thue ich noch in einem Hause, das ich mit Verwirrungen erfülle? Wo ist die Rechtschaffenheit? Ist eine Spur von ihr in meinem Betragen? (Er ruft, wie rasend) Carl! Carl! -- Es kömmt niemand. -- Alles verläßt mich.

(Er wirft sich in einen Lehnstuhl. Er vertieft sich in Ge danken. Er bricht von Zeit zu Zeit in folgende Worte aus.)

-- Wenn das noch die Ersten wären, an deren Unglü cke ich Schuld bin! -- Aber nein, ich schleppe überall das Unglück nach mir -- Traurige Sterb liche, bejammernswürdiges Spiel des Zufalles! -- -- Trotzet nur recht auf euer Glück, auf eure Tugend! -- Ich komme hierher, ich bringe ein reines Herz mit-- ja; denn es ist noch rein. -- Ich finde drey vom Himmel beglückte Wesen; eine tugendhafte und ruhige Frau; einen feurigen und beglückten Liebha ber; eine junge vernünftige und empfindliche Ge liebte. -- Die tugendhafte Frau hat ihre Ruhe verloren. Sie nähret eine Leidenschaft in ihrem Herzen, die sie peiniget. Der Liebhaber ist voller Verzweiflung. Seine Geliebte wird unbeständig, und wird dadurch nur unglücklicher. -- Hätte
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ein Bösewicht mehr Unheil stiften können! -- O du, der du alles lenkest, der du mich hierher ge führet, wirst du geruhen, deine Wege zu rechtfer tigen? -- Ich weis nicht wo ich bin. (Er schreiet nochmals) Carl! Carl!

Sechster Auftritt.

Dorval.Carl.Sylvester.

Carl.

Mein Herr, es ist angespannt. Es ist alles fertig.

(Hiermit geht er gleich wieder ab)

Sylvester.

(tritt herein) Madame ist eben wieder nach Hause gekommen. Sie wird gleich herunter kommen.

Dorval.

Theresia?

Sylvester.

Ja, mein Herr. (Hiemit geht er ab)

Carl

(kömmt wieder herein und sagt zu seinem Herrn, der ihn, mit übereinander geschlagenen Armen, anhört und betrachtet.)

Mein Herr, --

(indem er in seinen Taschen sucht)

ich werde über ihre Ungeduld selbst ganz ver wirrt. -- Es scheinet, die gesunde Vernunft hat dieses Haus ganz und gar verlassen. -- Gott gebe, daß wir sie unterwegens wieder finden. -- Ich dachte gar nicht mehr daran, daß ich einen Brief habe; und nun, da ich wieder daran denke, kann ich ihn nicht finden.

(Nach vielem Suchen findet er endlich den Brief und giebt ihn Dorvaln)

Dorval.

So gieb doch!

(Carl tritt ab)

|| [0054]

Siebender Auftritt.

Dorval allein. (Er lieset)

Scham und Gewissensbisse verfolgen mich. -- Dorval, Sie kennen die Gesetze der Unschuld. -- -- Bin ich strafbar? -- Retten Sie mich! -- Ach, ist hierzu noch Zeit? Wie beklage ich meinen Va ter! -- meinen Vater! -- Und Clairville? ich wollte mein Leben für ihn lassen -- Leben Sie wohl, Dorval; für Sie wollte ich tausend Leben lassen -- -- Leben Sie wohl! -- Sie fliehen, und ich werde für Schmerz sterben.

(Nachdem er dieses mit einer oft unterbrochnen Stim me und in der äussersten Unruhe gelesen, wirft er sich in den LehnstublLehnstuhl. Er schweigt einen Augenblick still. Hier auf blickt er mit verkehrten und zerstreuten Augen auf den Brief, den er mit zitternder Hand hält, wiederhohlt ver schiedene Worte daraus, und sagt:)

Scham und Gewissensbisse verfolgen mich -- Ich, ich sollte erröthen; mich, mich sollten sie na gen. -- Sie kennen die Gesetze der Unschuld -- Sonst kannte ich sie! -- Bin ich strafbar? -- Nein, ich, ich bin es. -- Sie fliehen, und ich werde sterben -- O Himmel! das ist mehr als ich ertragen kann! (Indem er aufspringt) Fort, den Augenblick fort von hier! -- Ich will -- ich kann nicht -- Es wird finster in meinem Verstan de -- Welche Nacht ist um mich her! -- O Ro salia! o Tugend! o Marter!
|| [0055]

(Nachdem er einen Augenblick geschwiegen, richtet er sich, nicht ohne Mühe, auf. Er nähert sich langsam dem Tische. Er schreibet mit Noth einige Zeilen; mitten unter seinem Schreiben aber stürzet Carl herein und schreiet:)

Achter Auftritt.

Dorval.Carl.

Carl.

Mein Herr, zu Hülfe! -- Mörder! -- Clairville!

(Dorval springt von dem Tische, an welchem er ge schrieben, auf, läßt seinen Brief halb fertig liegen, rennet nach seinem Degen, den er auf einem Lehnstuhl findet, und eilet seinem Freunde zu Hülfe. Unter diesen Bewe gungen kömmt Theresia dazu, und ist nicht wenig betroffen, da sie sich sowohl von dem Herrn, als von dem Bedienten allein gelassen siehet.)

Neunter Auftritt.

Theresia, (allein.)

Was soll diese Flucht bedeuten? -- Er hat mich sollen erwarten. Ich komme; er verschwindet. -- Dorval, Sie kennen mich schlecht. -- Ich kann von der Schwachheit genesen --

(Sie nähert sich dem Tische und wird den halbfertigen Brief gewahr)

Ein Brief!

(Sie nimmt ihn und lieset)

Ich liebe Sie, und ich fliehe -- ach, viel zu spät! -- Ich bin Clairvillens Freund. -- Die
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Pflichten der Freundschaft, die heiligen Gesetze der Gastfreyheit
-- Himmel! wie groß ist mein Glück! -- Er liebt mich! -- Dorval, Sie lieben mich --

(Sie gehet in ei ner freudigen. Unruhe auf und ab)

Nein, Sie dürfen nicht abreisen. -- Ihre Furcht ist eine eitele Furcht; -- Ihre Gewissenhaftigkeit ist nichtig. -- Sie haben meine ganze Zärtlichkeit. -- Sie kennen weder The resien, noch ihren Freund! -- Nein, Sie kennen ihn nicht -- Aber vielleicht entfernt er sich schon, vielleicht flieht er den Augenblick, da ich hier rede --

(Sie verläßt die Scene nicht ohne Eilfertigkeit)

Ende des zweyten Aufzugs. ----------
|| [0057]

Dritter Aufzug.

Erster Auftritt.

(Sie treten mit dem Hute auf dem Kopfe herein. Dor val legt seinen Hut und Degen wieder auf den Lehnstuhl.)

Clairville.

Glauben Sie mir, was ich gethan habe, würde jeder andrer an meiner Stelle gethan haben.

Dorval.

Ich glaube es. Aber ich kenne Clair villen. Er ist hitzig.

Clairville.

Ich war allzubetrübt, als daß ich leicht zu beleidigen gewesen wäre. -- Aber was denken Sie von dem Gerüchte, das Theresien aus zugehen veranlaßte.

Dorval.

Hiervon ist itzt nicht die Rede.

Clairville.

Verzeihen Sie mir. Die Namen kommen überein; man spricht von einem weggenom menen Schiffe, von einem Alten, Namens Merian--

Dorval.

Ich bitte Sie, lassen Sie uns einen Augenblick dieses Schifs, dieses Alten vergessen, um zu Ihrer Sache zu kommen. Warum wollen Sie mir etwas verschweigen, wovon bereits jeder mann spricht, und das ich also doch erfahren muß?

Clairville.

Ich wollte lieber, daß es Ihnen ein andrer sagte.
|| [0058]

Dorval.

Aber ich will keinem andern glauben, als Ihnen.

Clairville.

Weil Sie mich denn durchaus zu reden nöthigen; es betraf Sie.

Dorval.

Mich?

Clairville.

Sie. Es sind zwey der boshafte sten und feigsten Seelen, gegen welche Sie mir zu Hülfe kamen. Dem einen hat Theresia, wegen der schändlichsten Streiche, das Haus verbieten müssen; und der andere hatte eine Zeit lang Absichten auf Rosalien. Ich finde sie bey der Freundin, von wel cher sich meine Schwester eben wieder wegbegeben hatte. Sie sprachen von ihrer Abreise; denn hier weis man alles. Sie zweifelten, ob Sie mir dazu Glück wünschen, oder mich deswegen beklagen soll ten. Sie waren beyde gleich erstaunt.

Dorval.

Warum erstaunt?

Clairville.

Weil, wie der eine sagte, meine Schwester in Sie verliebt wäre.

Dorval.

Viel Ehre für mich!

Clairville.

Und der andere, weil Sie es selbst in die Geliebte Ihres Freundes wären.

Dorval.

Ich?

Clairville.

Sie.

Dorval.

In Rosalien?
|| [0059]

Clairville.

In Rosalien.

Dorval.

Clairville, Sie sollten denken --

Clairville.

Ich denke, daß Sie keiner Verrä therey fähig sind.

(Dorval verräth Unruhe)

Noch nie hat sich in Dorvals Seele eine niederträchtige Ge sinnung, noch in Clairvills Seele ein schimpflicher Verdacht geschlichen.

Dorval.

Verschonen Sie mich, Clairville.

Clairville.

Ich lasse Ihnen Gerechtigkeit wie derfahren. -- Dafür warf ich auch Blicke des Un muths und der Verachtung auf sie.

(Clairville be trachtet Dorvaln mit solchen Blicken, und Dorval kann sie nicht aushalten. Er wendet den Kopf weg, und bedeckt sich das Gesicht mit den Händen.)

Ich gab ihnen zu verste hen, daß man den Samen der Niederträchtigkeit in sich selber hägen müße, derenwegen man einen andern so leicht in Verdacht haben könne; daß ich von meiner Geliebten, von meiner Schwester, von meinem Freunde, überall wo ich mich befände, nicht anders als mit Achtung wollte gesprochen wis sen -- Sie billigen doch wohl mein Betragen?

Dorval.

Ich kann es nicht mißbilligen -- Nein -- Aber --

Clairville.

Ein Wort gab hierauf das andere. Sie gehen fort. Ich folge. Sie fallen mich an --

Dorval.

Und es wäre um Sie geschehen gewe sen, wenn ich nicht zu Hülfe gekommen wäre! --
|| [0060]

Clairville.

Gewiß, ich habe Ihnen mein Le ben zu danken.

Dorval.

Das will so viel sagen: einen Au genblick später, so wäre ich selbst Ihr Mörder geworden.

Clairville.

Wie können Sie so reden? Sie hätten ihren Freund verlohren, aber Sie wären doch geblieben, wer Sie sind. Konnten Sie selbst einem so unwürdigen Verdachte vorbeugen?

Dorval.

Vielleicht.

Clairville.

So schimpfliche Nachreden ver hinderen?

Dorval.

Vielleicht.

Clairville.

Wie ungerecht sind Sie gegen sich selbst!

Dorval.

Wie groß sind Unschuld und Tu gend, und wie dunkel und klein ist dargegen das Laster!

Zweyter Auftritt.

Dorval.Clairville.Theresia.

Theresia.

Dorval -- mein Bruder -- in welche Unruhe stürzen Sie uns. -- Ich zittere noch über und über, und Rosalia ist halb todt.

Dorval undClairville.

Rosalia!

(Dorval hält plötzlich wieder an sich)

|| [0061]

Clairville.

Ich gehe, ich fliehe --

Theresia

(die ihn bey dem Arme zurückhält)

Justi ne ist bey ihr. Ich habe sie gesehen. Ich komme eben von ihr. Sey unbesorgt!

Clairville.

Ich bin um sie -- ich bin um Dorvaln äusserst besorgt. -- Er ist so finster, so unbegreiflich finster! -- In dem Augenblicke, da er seinem Freunde das Leben rettet! -- Liebster Freund, wenn sie irgend einen Kummer haben, warum wollen Sie ihn nicht in den Schooß eines Menschen ausschütten, der alle Empfindungen mit Ihnen theilet; der, wenn er glücklich wäre, nur für seinen Dorval, nur für Rosalien leben wollte.

Theresia

(indem sie einen Brief aus dem Busen zie het, und ihn ihrem Bruder giebt)

Da, mein Bruder, lies feinsein Geheimniß, lies das meinige, und allem Ansehen nach, die Ursache seiner Melancholie.

(Clairville nimmt den Brief und lieset ihn. Dorval siehet, daß es der Brief ist, den er an Rosalien geschrieben hat, und ruft:)

Dorval.

Gerechter Himmel! Es ist mein Brief!

Theresia.

Ja, Dorval. Sie dürfen nicht abreisen. Ich weis alles. Es ist alles besorgt -- Welche Bedenklichkeiten machten Sie zu einem Feinde unsers Glückes? -- Sie liebten mich! -- Sie schrieben es mir! -- Sie fliehen!
|| [0062]

(Bey jedem dieser Worte erschüttert und quälet sich Dorval)

Dorval.

Das mußte ich. Das muß ich noch. Ein grausames Schicksal verfolgt mich. Madame, dieser Brief -- (leise) Himmel, was wollte ich sagen!

Clairville.

Was habe ich gelesen? Mein Freund, mein Erretter wird mein Bruder! Wie sehr wird dadurch mein Glück, wie sehr meine Erkenntlichkeit wachsen!

Theresia.

O so erkennen Sie doch aus diesen seinen freudigen Entzückungen, die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen und die Ungerechtigkeit Ihrer Besorgniß! Aber welche geheime Ursache vermag noch, Ihre Freude zurück zu halten? Dorval, wenn ich Ihre Zärtlichkeit besitze, warum besitze ich nicht auch Ihr Vertrauen?

Dorval

(in einem traurigen Tone und mit nieder geschlagenen Gebehrden)

Clairville.

Clairville.

Liebster Freund, Sie sind traurig.

Dorval.

Das bin ich.

Theresia.

Reden Sie, zwingen Sie sich nicht länger! -- Dorval, setzen Sie doch einiges Ver trauen auf Ihren Freund.

(Dorval schweigt noch im mer und Theresia fügt hinzu:)

Aber ich sehe, daß Ih nen meine Gegenwart zur Last ist. Ich lasse Sie mit ihm allein.
|| [0063]

Dritter Auftritt.

Dorval.Clairville.

Clairville.

Dorval, wir sind allein. -- Ha ben Sie einen Augenblick zweifeln können, ob ich ihre Verbindung mit Theresien billigen würde? -- Warum haben Sie mir ein Geheimniß aus Ihrer Neigung gemacht? Theresien halte ich es zu gute; sie ist ein Frauenzimmer -- aber Sie! -- Sie antworten mir nicht.

(Dorval höret mit niederhangendem Haupte und über einander geschlagenen Armen zu)

Sollten Sie wohl befürchtet haben, daß meine Schwester, wenn sie die Umstände Ihrer Geburt erführe --

Dorval.

(ohne sich aus seiner Stellung zu rüh ren, den Kopf blos gegen Clairvillen gekehret)

Clairville, Sie beleidigen mich. Ich habe einen zu stolzen Geist, dergleichen Besorgnissen Raum zu ge ben. Wenn Theresia dieses Vorurtheils fähig wä re, so würde sie, ich unterstehe mich es zu sagen, -- meiner nicht würdig seyn.

Clairville.

Verzeihen Sie mir, liebster Dor val; die hartnäckige Traurigkeit, in die ich Sie ver senkt sehe, da alles Ihre Wünsche zu begünstigen scheinet --

Dorval.

(leise und mit Bitterkeit) Ja, ja, es gelingt mir alles ausnehmend schön.
|| [0064]

Clairville.

Diese Traurigkeit beunruhiget, verwirret mich, und macht, daß ich mit meinen Gedanken auf allerley Dinge verfalle. Ihrer Seits ein wenig mehr Vertrauen, würde mir eine Men ge falsche Vermuthungen ersparen. -- Liebster Freund, Sie haben sich mir nie eröffnet -- Dor val weis von den süssen Ausschüttungen des Her zens nichts; -- seine in sich verschlossene Seele -- Aber sollte ich Ihre Meinung endlich errathen ha ben? Sollten Sie wohl befürchtet haben, daß, wenn mich Theresens zweyte Heyrath der Hälfte eines Vermögens beraubte, das in der That gar nicht an sehnlich ist, das mir aber nicht entgehen zu können schien, -- daß ich alsdenn nicht reich genug seyn möchte, Rosalien zu heyrathen?

Dorval

(traurig) Da kömmt sie, diese Rosa lia! -- Clairville, bemühen Sie sich den Eindruck zu unterhalten, den die Gefahr, in der Sie sich be funden, bey ihr machen müssen.

Vierter Auftritt.

Dorval.Clairville.Rosalia.Justine.

Clairville.

(indem er Rosalien entgegen zu gehen eilet)

Ist es wirklich wahr, daß mich Rosalia zu verlie ren befürchtet hat? Daß sie für mein Leben gezittert hat? Wie theuer würde mir der Augenblick, welcher meinen Untergang drohte, wie theuer würde er mir
|| [0065]
seyn, wenn er den geringsten Funken der Zuneigung in ihr wieder angefacht hätte!

Rosalia.

Es ist wahr, Ihre Unvorsichtigkeit hat mich in die schrecklichste AugstAngst gesetzet.

Clairville.

Wie glücklich bin ich!

(Er will Ro salien die Hand küssen, die sie zurück zieht.)

Rosalia.

Halten Sie, mein Herr. Ich sehe es ein, wie sehr wir Dorvaln verbunden sind. Aber ich weis auch, daß dergleichen Vorfälle, sie mögen sich auf Seiten der ManuspersonenMannspersonen endigen wie sie wollen, für ein Frauenzimmer doch immer verdrieß liche Folgen haben.

Dorval.

Mademoiselle, wir haben den Han del nicht gesucht, wir sind so dazu gekommen, und die Ehre hat ihre Gesetze.

Clairville.

Ich bin voll Verzweiflung, Rosa lia, daß ich Ihnen mißfallen habe. Aber schlagen sie den ergebensten, den zärtlichsten Liebhaber nicht ganz nieder. Oder wenn Sie es beschlossen haben, so betrüben Sie wenigstens einen Freund nicht län ger, der ohne Ihre Ungerechtigkeit glücklich seyn würde. Dorval liebt Theresien. Er wird wieder geliebt. Er wollte abreisen. Ein aufgegriffener Brief hat alles entdeckt. -- Sprechen Sie ein Wort, Rosalia; und sogleich vereinet uns alle ein ewiges Band, Dorvaln mit Theresien, Clairvillen mit Ro salien; ein einziges Wort, und der Himmel wird mit Seegen auf diesen Tag herabsehen.
|| [0066]

Rosalia.

(indem sie in den Lehnstuhl zurückfällt.) Ich vergehe!

Dorval und Clairville.

O Himmel! sie stirbt!

Clairville.

(fällt Rosalien zu Füssen)

Dorval

(ruft die Bedienten) Carl! Sylvester! Justine!

Justine.

(um ihr Fräulein beschäftiget) Da se hen Sie es nun, Mademoiselle -- Sie wollten sich durchaus nicht inne halten -- Ich habe es wohl vorher gesagt --

Rosalia

(kömmt wieder zu sich, stehet auf und sagt:) Komm, Justine!

Clairville

(will ihr den Arm reichen und sie führen) Rosalia!

Rosalia.

Lassen Sie mich -- Sie sind mir verhaßt -- Lassen Sie mich, sage ich.

Fünfter Auftritt.

Dorval.Clairville.

(Clairville läßt Rosalien gehen. Er ist wie unsinnig. Er geht, er kömmt, er bleibt stehen. Er seufzet vor Schmerz und Wuth. Er stützet sich mit dem Ellebogen auf die Rück lehne eines Stuhls, die Hände so vor dem Gesichte, daß die Ballen in den Augen liegen. Er schweigt einen Augen blick. Endlich bricht er aus:)

|| [0067]

Clairville.

Ist das so genug? -- Das war also der Dank für meine Bekümmerniß? Das war der Lohn meiner Zärtlichkeit? Lassen Sie mich! Sie sind mir verhaßt! Ach!

(Er bricht in unarticu lirte Töne der Verzweiflung aus; er geht in äusserster Be wegung auf und nieder, und wiederhohlt mit verschiedenen, aber allezeit heftigen Veränderungen der Declamation, die Worte:)

Lassen Sie mich! Sie sind mir ver haßt!

(Er wirft sich in einen Lehnstuhl. Er bleibt darinn einen Augenblick ohne zu reden, worauf er in einem hohlen und leisen Tone sagt:)

Sie haßt mich. Und warum hasset sie mich? Was habe ich verbrochen? Ich habe sie zu sehr geliebt.

(Er schweigt abermals ei nen Augenblick. Er steht auf. Er gehet hin und wieder. Er scheinet sich ein wenig beruhiget zu haben, und sagt:)

Ja; ich bin ihr verhaßt. Ich sehe es. Ich fühl es. Dorval, Sie sind mein Freund. Soll ich mich ih rer entschlagen -- und sterben? Reden Sie. Ent scheiden Sie mein Schicksal.

(Carl kommt herein. Clair ville geht auf und ab)

Sechster Auftritt.

Dorval.Clairville.Carl.

Carl

(zitternd zu Clairvillen, den er in solcher Bewe gung erblickt.)

Mein Herr --

Clairville

(sieht ihn über die Achsel an.) Was giebts?

Carl.

Es ist unten im Hause ein Unbekannter, der mit jemand zu sprechen verlangt.
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Clairville.

(anfahrend) Laß ihn warten!

Carl.

(noch immer zitternd und sagt)

Es ist ein Unglücklicher, und er hat schon lange gewartet.

Clairville.

(ungeduldig) Laß ihn hereinkommen!

Siebender Auftritt.

Dorval.Clairville.Justine.Sylvester. Arnold.

und andere Bediente aus dem Hause, die aus Neugierde dazu kommen und auf der Bühne verschiedentlich zerstreut sind. Justine kömmt etwas später als die andern.

Clairville.

(ein wenig anfahrend) Wer seyd ihr? was wollt ihr?

Arnold.

Mein Herr, ich heisse Arnold. Ich diene bey einem rechtschaffnen alten Manne. Ich bin der Mitgenosse seines Unglücks gewesen, und ich komme seiner Tochter seine Zurückkunft zu melden.

Clairville.

Rosalien?

Arnold.

Ja, mein Herr.

Clairville.

Neues Unglück! Wo ist euer Herr? Wo habt ihr ihn gelassen?

Arnold.

Beruhigen Sie sich, mein Herr. Er lebt. Er wird bald hier seyn. Ich will Ihnen al les erzehlen, wenn ich anders so viel Kräfte habe, und Sie mir gütigst zuhören wollen.

Clairville.

Redet.
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Arnold.

Wir gingen, mein Herr und ich, auf dem Schiffe l'Apparent, von der Rhede vor Fort royal, den sechsten des Monats Julius, ah. Nie war mein Herr gesünder gewesen; nie habe ich ihn freudiger gesehen. Bald wandte er seine Augen nach der Gegend, der uns die Winde zuzuführen schienen, hob seine Hände gen Himmel und bat um eine geschwinde Reise. Bald sahe er mich mit hof nungsvollen Augen an, und sagte: Noch vierzehn Tage, Arnold, so sehe ich meine Kinder wieder, so umarme ich sie wieder, und bin wenigstens einmal glücklich, ehe ich sterbe.

Clairville.

(gerührt gegen Dorvaln) Hören Sie? Er gab mir bereits den süssen Namen: Sohn. -- Nun weiter, Arnold?

Arnold.

Was soll ich Ihnen sagen, mein Herr? Wir hatten die glücklichste Fahrt von der Welt. Schon hatten wir die Küsten von Frankreich im Ge sichte. Den Gefahren des Meeres so glücklich ent gangen, begrüßten wir das feste Land mit tausend freudigen Ausruffungen, und umarmten uns alle unter einander, Befehlshaber, Officiere, Reisende, Matrosen und wer wir alle waren: als uns plötzlich verschiedene Schiffe, unter dem beständigen Zuruf fe: Freunde! Freunde! näher kamen, sich un serer, unter Begünstigung dieses Geschreys, bemäch tigten und uns gefangen nahmen.
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Dorval und Clairville.

(indem sie ihre Bestür zung und ihren Schmerz, jeder durch die seinem Charakter zukommende Gebehrden zu erkennen geben)

Gefangen!

Arnold.

Wie ward es nun mit meinem Herrn! Thränen flossen ihm aus den Augen. Er brach in tieffe Seufzer aus. Er wandte seine Augen gegen das Ufer, von welchem man uns nun entfernte, er streckte seine Arme darnach aus, und seine ganze Seele schien ihren Flug dahin nehmen zu wollen. Kaum aber hatten wir es aus dem Gesichte verlo ren, als seine Augen wieder trocken wurden. Sein Herz verschloß sich. Sein Blick heftete sich auf die Fläche des Wassers, und er verfiel in eine finstere Traurigkeit, bey der ich für sein Leben zitterte. Ich reichte ihm verschiednemal Brod und Wasser, aber er wollte nichts annehmen.

(Arnold hält hier einen Angenblick inne, um zu weinen)

Unterdessen langten wir in dem feindlichen Hafen an. -- Schenken Sie mir die übrige Erzehlung. -- Nein, es ist mir nicht möglich.

Clairville.

O fahret fort --

Arnold.

Man ziehet mich aus. Man legt mei nen Herrn in Fesseln. Nun konnte ich mich des Schreyens nicht länger enthalten. Ich rufte ihn zu verschiednenmalen: Mein Herr, mein liebster Herr. Er hörte mich, er blickte mich an, er ließ seine Ar me traurig sinken, er wandte sich um, er folgte den Leuten, die ihn umringten, ohne ein Wort zu
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reden. -- Unterdessen wirft man mich halb nacket in den allertiefsten Raum eines Schiffes, wo ich, unter einer Menge von Unglücklichen, ohne Barm herzigkeit, allen Martern des Hungers und des Durstes und der Krankheiten, Preis gegeben wurde. Und Ihnen mit einem Worte alle Schrecken dieses Orts zu schildern, muß ich Ihnen sagen, daß ich in einem einzigen Augenblicke alle Töne des Schmer zes, alle Stimmen der Verzweiflung auf einmal hörte, und daß ich auf allen Seiten, wo ich meine Augen nur hinwarf, Raube des jämmerlichsten To des erblickte.

Clairville.

Das ist nun das Volk, dessen Weisheit man uns so rühmet, das man uns ohne Unterlaß zum Muster vorstellet! So geht man bey ihm mit Menschen um!

Dorval.

Wie sehr hat sich der Geist dieser großmüthigen Nation geändert!

Arnold.

Drey Tage war ich in diesem Ge dränge von Todten und Sterbenden, lauter Landes leuten, lauter Opfern der Verrätherey, als ich her ausgezogen ward. Man bedeckte mich mit zerrisse nen Lumpen und führte mich, nebst noch einigen von meinen unglücklichen Gefährten, in die Stadt, mitten durch den ausgelassensten Pöbel, der die Strassen erfüllte und uns mit Schimpfworten und Verwünschungen überhäufte, da unterdessen eine ganz andere Art von Menschen, welche der Lerm
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an die Fenster gelocket hatte, Geld und Hülfe gleich sam auf uns regnen ließ.

Dorval.

Welche unglaubliche Vermischung von Menschlichkeit, Milde und Barbarey!

Arnold.

Ich wußte nicht, ob man uns unse rer Freyheit entgegen führte, oder uns zu unsrer Hinrichtung schleppte.

Clairville.

Und euer Herr, Arnold?

Arnold.

Ich ward zu ihm geführt; es war dieses der erste Dienst eines alten Correspondenten, dem er unser Unglück hatte wissen lassen. Ich lang te bey einem von den Gefängnissen der Stadt an. Man öffnete die Thüren eines dunkeln Kerkers, und ich stieg herab. Ohne zu wissen, wohin ich mich wenden sollte, blieb ich in dieser Finsterniß unbe weglich stehen, als ich von einer sterbenden Stim me durchdrungen ward, die noch kaum die Worte hervorbringen konnte: Bist du es, Arnold? Ich warte schon lange auf dich. Ich lief auf diese Stim me zu, und traf auf nackte Arme, die in der Dun kelheit herumtappten. Ich ergriff sie. Ich küßte sie. Ich benetzte sie mit Thränen. Es waren die Arme meines Herrn. (Eine kleine Pause) Er war nacket. Er lag auf der feuchten Erde ausgestreckt -- Die Unglücklichen, die hier um mich sind, sagte er mit leiser Stimme, haben mein
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Alter und meine Schwachheit gemißbraucht, mir das Brod aus der Hand zu reissen, und mein Stroh mir wegzunehmen.

(Hier brechen alle Bediente in verschiedne Laute des Schmerzes aus. Clairville ist seines Schmerzes nicht länger Meister. Dorval giebt Arnolden ein Zeichen, einen Augen blick inne zu halten. Hierauf fährt er schluchzend fort)

Unterdessen ziehe ich meine Lumpen ab, und lege sie meinem Herrn unter, der mit sterbender Stim me die Güte des Himmels pries --

Dorval.

(leise, seitab, und mit Bitterkeit)

Der ihn in dem Innersten eines Kerkers, auf den Lum pen seines Bedienten sterben ließ!

Arnold.

Ich erinnerte mich zu rechter Zeit des Allmosens, das ich bekommen hatte. Ich rief um Hülfe, und ich brachte meinen alten, ehrwür digen Herrn wieder zu sich. Als er ein wenig zu Kräften gekommen war, sagte er: Arnold, sey gutes Muths! Du wirst hier nicht bleiben. Ich aber, ich merke es an meiner Schwachheit, werde wohl hier sterben müssen. Hier schlang er seine Arme um meinen Hals, sein Gesicht näherte sich dem meinigen, und seine Thränen flossen auf meine Wangen herab. Freund, (sprach er, und diesen Namen gab er mir sehr oft) bald werde ich dir meine letzten Seufzer vertrauen, und dir meine letzten Worte überliefern, die du meinen Kindern
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„wieder sagen sollst. Ach, sie hätten sie von mir selbst hören sollen!

Clairville.

(gegen Dorvaln, weinend)

Seinen Kindern!

Arnold.

Er hatte mir auf der Reise entdeckt, daß er ein gebohrner Franzose sey, daß er nicht Merian heisse; daß er, als er sein Vaterland ver lassen, seinen Geschlechtsnamen, gewisser Ursache wegen, die ich einmal erfahren würde, vertauscht habe. Ach, er glaubte nicht, daß dieses Einmal so nahe sey! Er seufzte und wollte mir eben mehr sagen, als wir den Kerker sich öffnen hörten. Man rufte uns; es war der alte Correspondent, der uns wieder zusammengebracht und nun in Freyheit gesetzt hatte. Wie groß war sein Schmerz, als er seine Blicke auf einen alten Mann warf, der ihm weiter nichts als ein athmend Cadaver zu seyn schien. Die Thränen stürzten ihm aus den Augen. Er riß sich seine Kleider ab. Er bedeckte ihn damit und nahm uns mit sich in sein Haus, wo uns alle mögliche Liebe und Gefälligkeit erwiesen ward. Man hätte sagen sollen, daß diese rechtschaffene Familie sich heimlich der Grausamkeit und Ungerechtigkeit ihres Volkes schämte.

Dorval.

Nichts also erniedriget so sehr, als die Ungerechtigkeit.
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Arnold

(trocknet sich die Augen und nimmt wieder eine ruhigere Mine an.)

Es währte nicht lange, so kam mein Herr wieder zu Gesundheit und Kräften. Man bot ihm Hülfe an, und ich vermuthe, daß er sie angenommen hat; denn als wir den Kerker ver liessen, hatten wir nicht so viel, uns ein Stück Brodt zu kauffen. Es war zu unsrer Reise schon alles fertig und wir wollten eben abfahren, als mich mein Herr bey Seite nahm, -- nein, ich werde es Zeit mei nes Lebens nicht vergessen! -- und zu mir sagte: Arnold, hast du nichts mehr hier zu thun? Nein, mein Herr; antwortete ich ihm -- Und an unsere Landesleute, die wir in dem Elende aus welchem uns der Himmel gerissen, zurückge lassen haben, an diese denkest du nicht mehr? Da nimm das, und geh und nimm von ihnen Ab schied! -- Ich lief! Ach! von so viel Unglückli chen, war nur noch eine kleine Anzahl übrig, die so ausgemergelt, ihrem Ende so nahe waren, daß die meisten kaum noch ihre Hand nach der Gabe ausstrecken konnten. Das, mein Herr, ist die umständliche Erzäh lung von unsrer unglücklichen Reise.

(Man beobachtet hier ein etwas längeres Stillschweigen, worauf Arnold noch folgendes hinzusetzt. Dorval gehet un terdessen, zu hinterst in dem Saale, in Gedanken auf und ab.)

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Ich habe meinen Herrn zu Paris gelassen, um ein wenig auszuruhen. Er hatte gehoft, einen Freund daselbst wieder zu finden:

(Hier wendet sich Dorval gegen Arnolden, und ist aufmerksam.)

Allein dieser Freund ist seit verschiedenen Mona ten abwesend; und mein Herr wöllte mir daher so gleich nachfolgen.

(Dorval gehet noch in Gedanken auf und nieder.)

Clairville.

Habt ihr Rosalien gesehen?

Arnold.

Nein, mein Herr; ich bringe ihr nichts als Leid, und habe es nicht wagen wollen, vor ihr zu erscheinen.

Clairville.

Gehet und ruhet aus, Arnold. Sylvester, ich empfehle dir ihn -- Laß es ihm an nichts fehlen.

(Die Bedienten alle sind um Arnolden her, und füh ren ihn ab.)

Achter Auftritt.

Dorval.Clairville.

(Nach einigem Stillschweigen, während welchem Dor val, mit gesenktem Haupte, mit tiefsinniger Mine, und mit übereinandergeschlagenen Armen, welches bey nahe sei ne gewöhnliche Stellung ist, unbeweglich da gestanden, und Clairville unruhig auf und niedergegangen, sagt Clairville:)

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Clairville.

Wie nun, liebster Freund? Ist dieser Tag nun so der Redlichkeit fatal genug? Glauben Sie wohl, daß itzt, in dem Augenblicke, da ich mit Ihnen rede, ein einziger ehrlicher Mann auf der ganzen Welt glücklich ist?

Dorval.

Sie wollen sagen: ein einziger Bö sewicht. Aber, Clairville, lassen Sie uns die Mo ral bey Seite setzen. Man urtheilet in Dingen, die sie betreffen, ganz verkehrt, wenn man Ursache zu haben glaubt, sich über die Vorsicht zu beschwe ren. -- Was ist nunmehr Ihr Entschluß?

Clairville.

Sie sehen den ganzen Umfang mei nes Unglücks. Ich habe Rosaliens Herz verloren. Ach! es ist das einzige Gut, dessen Verlust ich betaure! Ich kann sie unmöglich in dem Verdachte haben, daß meine mittelmäßigen Glücksumstände die heim liche Ursache ihrer Unbeständigkeit sind. Wenn sie es aber sind, wie vielweniger kann ich itzt auf sie rechnen, itzt, da sich ihre eigenen Glücksumstände so sehr verringert haben? Wird sie sich wohl für einen Mann, den sie nicht mehr liebt, allen den Folgen eines nur kümmerlichen Auskommens unter werfen wollen? Ich selbst, werde ich sie darum an sprechen können, und dürfen? Ihr Vater wird ihr zu einer beschwerlichen Ueberlast werden. Es ist un gewiß, ob er mir seine Tochter noch geben wird. Es ist fast augenscheinlich, wenn ich sie annähme,
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daß ich sie vollends zu Grunde richten würde. Ue berlegen Sie nun, und entscheiden Sie!

Dorval.

Dieser Arnold hat meine Seele in die äusserste Verwirrung gesetzt. Wenn Sie wüßten, was für Gedanken mir bey seiner Erzehlung einge fallen sind! -- Dieser Alte -- diese seine Reden -- sein Charakter -- diese Vertauschung seines Na mens -- Aber lassen Sie mich einen Argwohn, der mir nicht aus dem Kopfe will, zerstreuen, und über ihre Angelegenheit nachdenkeunachdenken.

Clairville.

Bedenken Sie, Dorval, daß Clairvills Schicksal in Ihren HändeuHänden ist.

Neunter Auftritt.

Dorval allein.

Welch ein Tag der Unruhe und der Trübsal! Welch eine Mannichfaltigkeit von Martern! Es scheinet, als ob dichte Finsternisse sich rund um mich zusammenzögen, und dieses mit tausend schmerzli chen Empfindungen überhäufte Herz bedeckten! -- Himmel! so soll ich nie eines ruhigen Augenblicks geniessen! -- Lügen und Verstellung sind mir ein Abscheu; und doch hintergehe ich, in einem und ebendemselben Nu, meinen Freund, seine Schwe ster, und Rosalien. -- Was wird sie von mir den

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ken? -- Was soll ich ihres Liebhabers wegen be schliessen? -- Wie soll ich mich gegen Theresien be zeigen? -- Dorval, willst du aufhören, oder willst du fortfahren, ein ehrlicher Mann zu seyn? -- Ein unvermutheter Zufall hat Rosalien zu Grunde gerichtet. Sie ist arm. Ich bin reich. Ich liebe sie. Ich werde von ihr wieder geliebt. Clairville kann sie nicht erhalten -- Fort aus meiner Seele, entfernet euch aus meinem Herzen, schimpfliche Vor stellungen! Ich kann der allerunglücklichste unter den Menschen seyn; aber nie will ich mich zu dem nie derträchtigsten machen. -- Tugend, süsse und grau same Idee! Theuere und barbarische Pflichten! Und du, Freundschaft, die mich fesselt und mich zer fleischt, euch soll allen gnug geschehen! Was wä rest du, o Tugend, wenn du kein Opfer begehrtest? Du bist nichts, als ein eitler Schall, o Freund schaft, wann du uns keinen Gesetzen unter wirfst! -- -- Clairville muß Rosalien, er muß sie haben!

(Er fällt, wie ohne Empfindung, in einen Lehnstuhl, richtet sich bald wieder auf, und sagt:)

Nein, ich will meinem Freunde seine Geliebte nicht rauben. So tief will ich mich nicht erniedrigen. Mein Herz stehet mir dafür. Wehe dem, der der Stimme sei nes Herzens nicht gehorcht! -- Aber Clairville hat kein Vermögen. Rosalien fehlt es gleichfalls. -- Diese Hindernisse müssen aus dem Wege geräumet
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werden. Ich kann es. Ich will es. -- Was kann uns so schwer, so schmerzlich fallen, wofür uns das Vergnügen einer großmüthigen Handlung nicht schadlos hielte? Ach, ich erhohle mich wieder! -- -- Wozu brauche ich Vermögen, wenn ich Rosali en nicht heyrathe? Wie kann ich es würdiger ge brauchen, als wenn ich es zum Besten zweyer We sen, die mir so werth sind, verwende? Ach, wenn ich es recht bedenke, dieses seltene Opfer ist nichts. -- Clairville wird mir sein Glück zu danken haben! Rosalia wird mir ihr Glück zu danken haben! Ro saliens Vater wird mir sein Glück zu danken haben! -- Und Theresia? -- Sie soll die Wahrheit von mir hören. Sie soll mich ganz kennen lernen. Sie soll für das Frauenzimmer zittern, die es wagen dürfte, ihr Schicksal mit dem meinigen zu verbinden. -- Indem ich so allem, was mich umgiebt, die Ruhe wieder schenke, so wird auch mich hoffentlich die Ruhe nicht länger fliehen. -- (Er seufzet) Dorval, was peiniget dich also noch? Warum wird mein Innerstes noch zerrissen? O Tugend, habe ich noch nicht genug für dich gethan! Aber Rosalia wird sich weigern, ihr Glück von meiner Hand anzunehmen. Sie kennet den Werth dieser Gütigkeit zu wohl, als daß sie einen Mann, den sie hassen, den sie verachten muß, derselben fä hig machen sollte. -- Ich muß sie also betriegen! -- Und wenn ich mich dazu entschliesse, wie muß ich
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es anfangen? -- Der Ankunft ihres Vaters zuvor kommen? -- Durch die öffentlichen Blätter verbreiten lassen, daß das Schif, auf welchem sie ihre Reich thümer gehabt, assecurirt gewesen? -- Ihr durch einen Unbekannten so viel wieder zustellen lassen, als sie verloren hat? Warum nicht? -- Dieses Mittel ist das natürlichste. Es gefällt mir. Nur wird Beschleunigung dazu nöthig seyn. (Er ruft Carln) Carl! (Er setzet sich an den Tisch und schreibt)

Zehnter Auftritt.

Dorval.Carl.

Dorval

(giebt ihm einen Zettel und sagt:) Nach Paris, zu meinem Banquier.

Ende des dritten Aufzugs. ----------
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Vierter Aufzug.

Erster Auftritt.

Rosalia.Justine.

Justine.

Nun, Mademoisell? Sie haben Ar nolden sehen wollen. Sie haben ihn gesehen. Ihr Herr Vater langt an. Aber wie steht es um Ihr Vermögen?

Rosalia.

(mit einem Schnupftuche in der Hand.)

Was vermag ich wider das Schicksal? Mein Vater lebt noch. Wenn der Verlust seines Vermögens nur seiner Gesundheit nicht nachtheilig gewesen, so ist das übrige nichts.

Justine.

Wie, das übrige ist nichts?

Rosalia.

Nein, Justine. Ich werde den Man gel kennen lernen. Aber es giebt noch weit grössere Uebel.

Justine.

Betriegen Sie sich nicht selbst, Ma demoiselle. Keines, als der Mangel, wird uns ge schwinder unerträglich.

Rosalia.

Würde ich bey dem größten Reich thume weniger zu beklagen seyn? -- Die Glück seligkeit wohnet nur in einer unschuldigen und ruhi gen, Seele; und diese, Justine, diese hatte ich!
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Justine.

Als Clairville noch darinn herrschte.

Rosalia.

(sitzend und weinend) Geliebter, der mir damals so theuer war! Clairville, den ich hoch schätze und zur Verzweiflung bringe! O du, dem ein viel minder Würdiger alle meine Zärtlichkeit ge raubet hat, wie wohl bist du gerochen! Ich weine, und man lacht über meine Thränen. Justine, was denkst du von diesem Dorval? -- Diesem so zärtlichen Freunde, diesem so aufrichtigen Manne, diesem so tugendhaften Sterblichen? Er ist nichts besser als andere; er ist ein Nichtswürdi ger, der des Allerheiligsten, der Liebe, der Freund schaft, der Tugend, der Wahrheit spottet! -- Wie sehr beklage ich Theresien! Er hat mich betrogen. Er kann sie leicht auch betriegen. -- (Indem sie aufspringt) Aber ich höre jemanden. -- Justine, wenn er es wäre.

Justine.

Mademoiselle, es ist niemand.

Rosalia

(setzet sich wieder nieder und sagt:)

Wie boshaft sind diese Mannsbilder! und wie einfältig sind wir! -- Sieh nur, Justine, wie nahe in ih ren Herzen die Wahrheit mit dem Meineide grän zet; das Erhabene mit dem Niederträchtigen! -- Dieser Dorval, der sein Leben für seinen Freund wagt, ist eben derselbe, der ihn betriegt, der seine Schwester betriegt, und gegen mich Zärtlichkeit hä gen darf. Aber warum werfe ich ihm Zärtlichkeit
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vor? Zärtlichkeit ist mein Verbrechen. Seine Zärt lichkeit war eine Falschheit, die nie ihres gleichen gehabt hat.

Zweyter Auftritt.

Rosalia.Theresia.

Rosalia

(gehet Theresen entgegen.) Ach, Ma dame, in welchem Zustande überraschen Sie mich!

Theresia.

Ich komme, an Ihrem Schmerze meinen Antheil zu nehmen.

Rosalia.

Der Himmel lasse Sie immer glück lich seyn!

Theresia

(setzet sich nieder, läßt Rosalien neben sich niedersetzen, und faßt sie bey beyden Händen.)

Rosalia, ich verlange weiter nichts, als die Freyheit, mich mit Ihnen betrüben zu dürfen. Ich habe die Un beständigkeit der Dinge dieses Lebens viele Jahre lang erfahren, und Sie wissen, ob ich Sie liebe.

Rosalia.

Alles hat sich verändert. Alles hat ein Augenblick vernichtet.

Theresia.

Theresia bleibt Ihnen -- und Clairville.

Rosalia.

Ich kann mich nicht geschwind genug von einem Aufenthalte entfernen, wo meine Be trübniß überlästig seyn muß.
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Theresia.

Mein Kind, bedenken Sie sich wohl! Das Unglück macht sie ungerecht und grausam. Doch Ihnen, Ihnen muß ich diesen Vorwurf nicht machen. Ich vergaß im Schoosse des Glücks, Sie auf Unfälle vorzubereiten. Ich Glückliche hatte das Unglück ganz aus den Augen verloren. Ich bin da für gestraft; Sie müssen mir Vorwürfe deswegen machen -- Aber ihr Vater?

Rosalia.

Ich habe ihm schon manche Thrä ne gekostet! -- Madame, wenn Sie einst Mutter werden -- Wie sehr beklage ich Sie!

Theresia.

Rosalia erinnern Sie sich des Wil lens ihrer Muhme. Ihre letzten Worte vertrauten mir die Sorge für Rosaliens Wohl. -- Doch ich will itzt nicht von meinem Rechte sprechen; ich er warte einen Beweis, ob Sie mich werth halten: urtheilen Sie also, wie sehr mich eine abschlägliche Antwort beleidigen würde. -- Rosalia, o trennen Sie ja nicht ihr Schicksal von dem meinigen! Sie kennen Dorvaln. Er liebt Sie. Ich will mir Ro salien von ihm ausbitten. Ich werde sie erhalten, und dieses Pfand wird das erste und süsseste Pfand seiner Zärtlichkeit seyn.

Rosalia

(windet nicht ohne Gewalt ihre Hände aus Theresens Händen los, stehet mit einer Art von Unwillen auf, und sagt:)

Dorval!

Theresia.

Sie haben seine völlige Hochachtung.
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Rosalia.

Ein Fremder! -- Ein Unbekann ter! -- Ein Mensch, der sich kaum einige Au genblicke unter uns gezeiget hat! -- Dessen Ael tern man nie zu nennen gewußt hat! -- Dessen Tugend vielleicht Verstellung ist! -- Verzeihen Sie, Madame -- Ich vergaß -- Sie kennen ihn ohne Zweifel besser? --

Theresia.

Ich muß es Ihnen vergeben. Um Sie ist Nacht. Aber erlauben Sie, daß ich Ihnen einen Strahl von Hoffnung darf leuchten lassen.

Rosalia.

Ich habe gehoft. Ich bin betrogen worden. Ich will nicht mehr hoffen.

Theresia

(lächelt traurig.)

Rosalia.

Ja, wenn Theresia allein geblieben wäre, in der ehemaligen Eingezogenheit; vielleicht -- Und auch das ist weiter nichts als ein eitler Gedan ke, der uns beyde würde betrogen haben. Unsre Freundin wird unglücklich. Man fürchtet zu wenig für sie zu thun. Die erste Hitze der Grosmuth be meistert sich unsrer. Aber die Zeit! die Zeit! -- -- Madame, die Unglücklichen sind stolz, überläftigüberlästig, argwöhnisch. Nach und nach gewöhnet man sich an den Anblick ihrer Betrübniß. Bald drauf wird man ihrer überdrüßig. Wir wollen uns lieber der Ge fahr nicht aussetzen, gegen einander ungerecht zu werden. Ich habe alles verloren; lassen Sie uns wenigstens unsere Freundschaft von dem Schifbruche
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retten. -- Es scheinet, als ob ich dem Unglücke schon etwas zu danken hätte. -- Noch hat Rosa lia, von Theresiens Rathe nur immer unterstützt, nichts gethan, worauf sie in ihren eigenen Augen stolz seyn könnte. Es ist Zeit, daß sie es erfahre, wessen sie Therestens und des Unglücks Lehren fähig gemacht haben. Wollen Sie ihr das einzige Glück, das ihr noch übrig ist, das Glück sich selbst kennen zu lernen, beneiden?

Theresia.

Rosalia, Sie sind in einem Stande von Entzückung; trauen Sie diesem Stande nicht zu viel. Die erste Wirkung des Unglücks ist diese, daß es die Seele verhärtet; und die letzte, daß es sie bricht. -- Sie, die Sie für sich und für mich, alles von der Zeit besorgen, besorgen Sie denn nichts von derselben für sich allein? -- Bedenken Sie, Rosalia, daß das Unglück Sie heiliget. Wenn es mir jemals begegnen sollte, daß ich der schuldi gen Achtung gegen das Unglück, vergässe: so erin nern Sie mich meiner selbst, reden Sie, machen Sie, daß ich mich meiner zum erstenmale schä me. -- Mein Kind, ich habe gelebt. Ich habe ausgestanden. Ich glaube das Recht erlangt zu ha ben, mir etwas zutrauen zu dürfen; gleichwohl er suche ich Sie nur, sich auf meine Freundschaft eben so sehr, als auf ihren Muth zu verlassen. -- Wenn Sie sich alles von sich selbst versprechen, und wenn Sie nichts von Theresien erwarten, sind Sie als
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denn nicht ungerecht? -- Oder sollten Sie wohl vor den Begriffen von Wohlthat und Dankbarkeit erschrecken? Schenken Sie meinem Bruder ihre Zärtlichkeit wieder, und Sie werden mir nichts, ich werde Ihnen alles zu danken haben.

Rosalia.

Madame, hier ist Dorval -- Er lauben Sie, daß ich mich entferne. -- Ich würde seinen Triumph nur um ein sehr weniges verherr lichen können. (Dorval tritt herein)

Dritter Auftritt.

Theresia.Dorval.

Dorval.

Wir wollen ihr immer, Madame, das traurige Vergnügen lassen, ihrer Betrübniß ohne Zeugen nachhängen zu können.

Theresia.

Sie werden Rosaliens Schicksal än dern können. Dorval, der Tag meines Glücks, kann der Anfang ihrer Ruhe werden.

Dorval.

Erlauben Sie, Madame, daß ich frey mit Ihnen reden darf. Dorval will Ihnen sei ne geheimsten Gedanken anvertrauen, um sich da durch, wo möglich, dessen, was Sie für ihn gethan haben, werth zu machen, oder wenigstens von Ih nen beklagt und betauert zu werden.
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Theresia.

Wie, Dorval? Aber reden Sie.

Dorval.

Ich will reden. Ich bin es Ihnen schuldig. Ich bin es Ihrem Bruder schuldig. Ich bin es mir selbst schuldig. -- Sie wollen Dorvals Glück; aber kennen Sie ihn denn auch recht, diesen Dorval? -- Geringe Dienste, deren Werth ein junger wohlerzogener Mensch übertrieben hat; seine Entzückungen bey dem Anscheine einiger Tugenden; seine Empfindlichkeit für einige von meinen Unglücks fällen; alles dieses hat in Ihnen gewisse Vorurtheile veranlasset, welche mir die Wahrheit zu vernichten gebietet. Clairvillens Geist ist noch sehr jung; Theresia muß ein reiferes Urtheil von mir fällen.

(Eine Pause.)

Ich habe von dem Himmel ein aufrichtiges Herz erhalten; der einzige Vorzug, den es ihm gefallen hat, mir zu ertheilen. -- Aber dieses Herz ist ent staltet, und ich bin, wie Sie sehen -- finster und melancholisch. Ich habe -- Tugend, aber es ist eine verdrießliche Tugend; ich habe Sitten, aber nur gute rohe Sitten; -- eine zärtliche Seele, die aber durch anhaltende Unglücksfälle erbittert wor den. Ich kann noch Thränen vergiessen, aber sie sind selten und es sind grausame Thränen. -- Nein, ein Mann von diesem Charakter ist kein Gemahl für Theresien.
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Theresia.

Dorval, beruhigen Sie sich. Als mein Herz den Eindrücken ihrer Tugenden nachgab, sahe ich Sie nicht anders, als Sie sich selbst mahlen. Ich erkannte das Unglück und seine schrecklichen Wirkungen. Ich betauerte Sie, und mit eben die ser Empfindung fing vielleicht meine Zärtlichkeit an.

Dorval.

Das Unglück hat aufgehöret, Sie zu verfolgen; aber mich drückt es immer schwerer und schwerer. -- Wie unglücklich bin ich, und wie lange bin ich es! Gleich nach meiner Geburt ward ich an einen Ort verschleidert, der die Grenze zwi schen Einöde und Gesellschaft heissen kann; und als ich die Augen aufthat, mich nach den Banden umzusehen, die mich mit den Menschen verknüpften, konnte ich kaum einige Trümmer davon erblicken. Dreyßig Jahre lang, Madame, irrete ich unter ih nen einsam, unbekannt und verabsäumet umher, ohne die Zärtlichkeit irgend eines Menschen empfun den, noch irgend einen Menschen angetroffen zu haben, der die meinige gesucht hätte; als das Glück mir ihren Bruder zuführte. Meine Seele erwarte te die seinige. In seinen Schooß goß ich nun end lich einen Strom von Empfindungen aus, der schon so lange sich auszubreiten gesucht hatte; und ich bildete mir nicht ein, daß ich in meinem ganzen Leben einen süssern Augenblick haben könnte, als diesen, da ich mich des langen Verdrusses, allein zu existiren, entladete. -- Wie theuer ist mir die
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ser glückliche Augenblick zu stehen gekommen! -- Wenn Sie wüßten --

Theresia.

Sie sind unglücklich gewesen; aber alles hat sein Ziel; und ich darf glauben, daß Sie dem Augenblicke einer glücklichen und dauerhaften Veränderung nahe sind.

Dorval.

Wir haben einander so ziemlich auf die Probe gestellt, das Schicksal und ich. Von Glückseligkeit ist gar nicht mehr die Frage. -- Ich hasse den Umgang mit Menschen, und fühle es, daß mich die Ruhe fern von ihnen, und fern sogar von denjenigen, die mir so werth sind, erwartet. -- Wollte doch der Himmel, auf Sie, Madame, alle den Seegen legen, den er mir verweigert, und The resien zu der glücklichsten ihres Geschlechts machen! -- (ein wenig gerührt) Vielleicht höre ich es einst in meiner Einsamkeit, und freue mich darüber.

Theresia.

Dorval, Sie irren sich. Um ruhig zu seyn, muß man den Beyfall seines Herzens und vielleicht auch den Beyfall der Menschen haben. Diesen werden Sie nicht erhalten, und jenen wer den Sie schwerlich mit wegbringen, wenn Sie den Posten, der Ihnen angewiesen ist, verlassen. Sie haben die allerseltensten Talente erhalten, und Sie sind der Gesellschaft dafür Rechenschaft schuldig. Mag sich doch jene Menge unnützer Wesen, die ohne Endzweck in ihr herumirren, und die ihr nur hin
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derlich sind, daraus entfernen, wenn sie will. Aber Sie, und das getraue ich mir zu be haupten, Sie können es ohne Verbrechen nicht thun. Einer Frau, die Sie liebet, kömmt es zu, Sie unter den Menschen zurück zu halten. There sien kömmt es zu, der unterdrückten Tugend eine Stütze; dem übermüthigen Laster eine Geissel; allen Rechtschaffnen einen Bruder; so viel Unglücklichen einen Vater, den sie in Ihnen erwarten; dem mensch lichen Geschlechte seinen Freund; und tausend rühm lichen, nützlichen und grossen Unternehmungen, diesen von Vorurtheilen freyen Geist und diese starke Seele zu erhalten, die dazu nöthig ist und die Sie besitzen. -- Sie, Sie sollten die Gesellschaft ver lassen! Ich berufe mich auf Ihr eigenes Herz; fra gen Sie es, und es wird Ihnen sagen, daß der rechtschaffne Mann in der Gesellschaft lebt, und daß nur der Bösewicht sich ihr zu entziehen sucht.

Dorval.

Aber das Unglück verfolgt mich, und verbreitet sich auf alles, was um mir ist. Wenn der Himmel schon will, daß ich in Unmuth leben soll, will er darum auch, daß ich andere darein stürzen soll? Vor meiner Ankunft war man hier glücklich.

Theresia.

Der Himmel verdunkelt sich dann und wann; und wenn wir unter der Wolke sind, so kann sie ein Augenblick eben sowohl wieder zer streuen, als sie ein Augenblick zusammengezogen
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hat. Es komme aber wie es will, der Weise blei bet allezeit auf seiner Stelle, und auf dieser er wartet er das Ende seines Ungemachs.

Dorval.

Aber muß er nicht befürchten, dieses Ende zu entfernen, wenn er die Gegenstände seiner Zuneigung vermehret? -- Theresia, der so allge meine und so süsse Hang, der alle Wesen mit sich fortreißt, und sie zur Verewigung ihres Geschlechts untreibet, ist mir nicht fremd. Ich habe es in mei nem Herzen wohl empfunden, daß ohne eine Ge hülfin, die Glück und Unglück mit mir theile, diese ganze Welt für mich nichts als eine weite Einöde seyn würde. -- In meinen Anfällen der Melan cholie habe ich sie oft gerufen, diese Gehülfin --

Theresia.

Und der Himmel sendet sie Ihnen.

Dorval.

Zu meinem Unglücke, viel zu spät. Er hat die gute einfältige Seele, die sich bey seinen geringsten Gunstbezeugungen würde glücklich geschätzt haben, scheu und wild gemacht. Er hat sie mit Furcht und Schauder und einem geheimen Schre cken erfüllet. -- Dorval sollte es wagen, sich noch mit dem Schicksale einer Gattin zu beladen! -- Vater zu werden! -- Kinder zu bekommen! -- Kinder! -- Wenn ich bedenke, in welches Chaos von Vorurtheilen, von Ausschweifungen, von Laster und Elend, wir gleich mit unsrer Geburt versenkt werden, so macht mir der blosse Gedanke davon Entsetzen.
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Theresia.

Sie sind von Gespenstern umringet, und ich bin darüber gar nicht erstaunt Die Ge schichte des Lebens ist so wenig bekannt; die Ge schichte des Todes ist so dunkel; und der Anschein des Uebels in der Welt ist so klar -- Dorval, Ihre Kinder sind nicht dazu bestimmt, in das Chaos, welches Sie für sie fürchten, zu versinken. Sie werden die ersten Jahre ihres Lebens unter Ihren Augen leben, und das kann Ihnen für die folgen den hinlängliche Gewähr leisten. Sie werden von Ihnen lernen denken, und denken wie Sie. Ihres Vaters Neigungen, Leidenschaften und Vorstellun gen werden in sie übergehen. Von ihm werden sie die richtigen Begriffe bekommen, die er von der wahren Grösse und Niedrigkeit, von dem wahren Glücke und dem anscheinenden Elende hat. Es wird nur auf ihn ankommen, daß sie vollkommen eben dasselbe Gewissen haben, als Er. Ihn werden sie handeln sehen. Mich werden Sie dann und wann reden hören. --

(Mit einem anständigen Lächeln setzet sie hinzu:)

Dorval ihre Töchter werden tugendhaft und sittsam seyn. Ihre Söhne werden edel und groß seyn. Ihre Kinder insgesamt werden liebens werth seyn.

Dorval

(nimmt Theresien bey der Hand, die er zwi schen seinen beyden Händen drücket, lächelt sie mit einer ge rührten Mine an, und sagt:)

Wenn, zum Unglücke, sich Theresia betröge -- Wenn ich Kinder hätte,
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dergleichen ich so viele sehe, elende, lasterhafte Kin der. Ich kenne mich. Ich würde für Schmerz sterben.

Theresia

(in einem pathetischen Tone, ganz durch drungen.)

Aber würden sie diese Furcht haben, wenn Sie bedächten, daß die Wirkung der Tugend auf unsere Seele nicht minder nothwendig und mächtig ist, als die Wirkung der Schönheit auf unsere Sin ne? Wenn Sie bedächten, daß sich in dem mensch lichen Herze ein Geschmack an Ordnung findet, der weit älter als alle Ueberlegung ist; daß wir durch diesen Geschmack zur Scham empfindlich werden, zur Scham, die uns die Verachtung sogar jenseit des Todes zu fürchten gewöhnet; daß die Nachah mung uns angebohren ist, und daß unter allen Bey spielen das Beyspiel der Tugend am stärksten fesselt, weit stärker als selbst das Beyspiel des Lasters? -- Ach Dorval, wie viele Mittel hat man nicht, die Menschen gut zu machen!

Dorval.

Ja, wenn wir sie zu brauchen wüß ten! -- Und gesetzt auch, daß wir bey glücklichen Naturellen, durch unsere unabläßliche Sorgfalt, sie wirklich vor dem Laster bewahren können, wer den sie darum vielweniger zu beklagen seyn? Wie wollen Sie das Schrecken und die Vorurtheile von ihnen abhalten, die gleich bey dem Eintritte in die Welt auf sie warten, und ihnen bis in das Grab
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folgen? Die Thorheit und das Elend des Menschen, machen mir Grauen. Welche Menge ungeheurer Meinungen, deren Urheber und Opfer er wechsels weise ist! Ach Theresia! wer sollte nicht zittern, die Zahl der Unglücklichen zu vermehren, die man mit Uebelthäter verglichen hat*, welche in ihrem traurigen Kerker, anstatt einander beyzuspringen, gegen einander ergrimmen und mit den Ketten um sich schlagen, die sie gefesselt halten.

Theresia.

Ich weis wohl, wie viel Unglück der Fanatismus gestiftet hat, und wie sehr er noch zu fürchten ist. -- Aber wenn itzt -- unter uns -- ein Ungeheuer aufstünde, dergleichen die Zeiten der Finsterniß hervorbrachten, da durch seine Wuth und durch seine Verblendung dieses Land mit Blut getränket ward, -- wenn man dieses Ungeheuer auf das allergrößte Verbrechen, unter Anrufung des Beystandes vom Himmel, los eilen sähe, -- wie es in der einen Hand das Gesetz seines Gottes, und in der andern den Dolch hielte, den Völkern eine lange schreckliche Reue zu bereiten: -- glau ben Sie mir, Dorval, es würde eben so viel Er staunen als Abscheu erwecken. -- Es giebt freylich wohl noch Barbaren, und wenn wird es derglei chen nicht mehr geben? Aber die Zeiten der Bar barey sind vorbey. Das Jahrhundert hat sich auf geklärt. Die Vernunft hat sich geläutert. Die 1
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Werke der Nation sind voll von ihren Gebothen; und diejenigen Werke, in welchen man den Men schen die allgemeine Liebe einzuflössen sucht, sind fast die einzigen, welche gelesen werden. Diese all gemeine Liebe betreffen die Lehren, von welchen un sere Bühnen ertönen, und von welchen sie nicht oft genug ertönen können. Der Weltweise selbst, dessen Vergleichung sie erwähnet haben, danket den erhaltenen Beyfall vornehmlich den menschlichen Gesinnungen, die in seinen Schriften herrschen, und der Gewalt, die sie auf unsere Seelen haben. Nein, Dorval, ein Volk, das täglich hingehet, sich durch die unglückliche Tugend rühren zu lassen, kann weder boshaft noch wild seyn. Sie, Sie sind es; Männer von ihrer Art, welche die Nation eh ret, und welche die Regierung itzt mehr als jemals schützen sollte, diese Männer sind es, die unsere Kinder von den schrecklichen Ketten befreyen können, mit welchen Ihre Melancholie ihre unschuldigen Hände gefesselt siehet. Und was wird meine Pflicht, was wird Ihre Pflicht anders seyn, als sie in dem Urheber aller Dinge selbst, nur diejenigen Eigenschaften bewun dern zu lehren, die sie in Uns lieben werden? Wir wollen ihnen ohne Unterlaß vorstellen, daß die Ge setze der Menschlichkeit unveränderlich sind, daß uns nichts von ihnen lossprechen kann; und so werden wir in ihren Seelen jene Empfindung des allgemei
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nen Wohlwollens, das sich auf die ganze Natur erstrecket, aufkeimen sehen. -- Sie haben mir hun dertmal gesagt, daß eine zärtliche Seele sich das grosse System der empfindlichen Wesen nicht vor stellen könne, ohne das Glück derselben eifrigst zu wollen, ohne daran Theil zu nehmen; und ich fürch te nicht, daß unter meinem Herzen und von Ihrem Blute eine grausame Seele gebildet werden könnte.

Dorval.

Theresia, eine Familie verlangt be trächtliche Glücksgüter, und ich darf Ihnen nicht bergen, daß mein Vermögen seit kurzem bis auf die Hälfte geschmolzen ist.

Theresia.

Die wirklichen Bedürfnisse haben ihre Grenzen; die eingebildeten sind unendlich. Sie mögen noch so ein grosses Vermögen zusam menbringen, Dorval; Ihre Kinder werden doch immer arm seyn, wenn ihnen die Tugend fehlt.

Dorval.

Die Tugend? Man spricht viel davon.

Theresia.

Die Tugend ist das, was auf der ganzen Welt am besten gekannt und am meisten verehret wird. Aber Dorval, sie wird uns durch die Opfer, die wir ihr bringen, weit werther, als durch alle die Reitze, die wir an ihr zu finden glau ben. Und wehe dem, der ihr nicht genug aufge opfert hat, sie allem andern vorzuziehen, nur für sie zu leben und zu athmen, ihrer Süßigkeiten voll zu
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werden, und in dieser Trunkenheit das Ende sei ner Tage zu finden.

Dorval.

Welch eine Frau!

(Er ist erstaunt. Er schweigt einen Augenblick still und sagt hierauf:)

Anbetungswürdige und grausame Frau, wozu bringen Sie mich! Sie entreissen mir das Geheim niß meiner Geburt. Wissen Sie dann, daß ich kaum meine Mutter gekannt habe. Eine junge unglück liche; allzuzärtliche, allzuempfindliche Person gab mir das Leben, und starb kurz darauf. Ihre er bitterten und mächtigen Freunde hatten meinen Vater gezwungen, nach Amerika zu fliehen. Da sebst erfuhr er den Tod meiner Mutter, eben da er sich nun schmeicheln durfte, ihr Gemahl werden zu können. Dieser Hofnung also beraubt, ließ er sich in Amerika nieder; doch vergaß er des Kindes nicht, das er von einer so theuren Gattin hatte. There sia, ich bin dieses Kind. -- Mein Vater hat ver schiedene Reisen nach Frankreich gethan. Ich habe ihn gesehen. Ich hoffte ihn noch einst zu sehen, aber ich hoffe es nicht mehr. Sie sehen; meine Geburt ist in den Augen der Menschen verworfen, und mein Glück ist dahin.

Theresia.

Die Geburt wird uns gegeben; aber unsere Tugenden sind unser eigen. Und was die immer beschwerlichen und oft schädlichen Reichthü mer anbelangt, so hat der Himmel, indem er sie auf die Fläche der Erde verstreuet, und sie ohne Unter
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schied sowohl dem Guten als dem Bösen zufallen lassen, das Urtheil, welches wir von ihnen fällen sollen, uns vorgesprochen. Geburt, Würden, Ho heit, Reichthümer, alles kann der Lasterhafte ha ben, nur die Gnade des Himmels nicht. Dieses, Dorval, hatte mich ein wenig Vernunft lange Zeit vorher gelehret, ehe man mir Ihr Ge heimniß vertraute; und es war mir weiter nichts übrig zu erfahren, als den Tag meines Glücks und meiner Ehre.

Dorval.

Rosalia ist unglücklich. Clairville ist voller Verzweiflung.

Theresia.

Dieser Vorwurf macht mich errö then. Dorval, sprechen Sie meinen Bruder. Ich will Rosalien sprechen; uns kömmt es zu, diese zwey Wesen, die es so sehr verdienen, vereiniget zu werden, einander wieder näher zu bringen. Wenn es uns damit gelingt, so hoffe ich, wird der Er füllung unsrer Wünsche weiter nichts fehlen.

Vierter Auftritt.

Dorval allein.

Das ist die Frau, von der Rosalia erzogen wor den! Das sind die Grundsätze, die sie ihr bey gebracht hat!

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Fünfter Auftritt.

Dorval.Clairville.

Clairville.

Dorval, was soll aus mir wer den? Was haben sie mit mir beschlossen?

Dorval.

Daß Sie sich Rosalien mehr als je mals ergeben sollen.

Clairville.

Das rathen Sie mir?

Dorval.

Das rathe ich Ihnen.

Clairville

(der ihm um den Hals fällt.) Ach, liebster Freund, Sie schenken mir das Leben. Ich habe es Ihnen zweymal in einem Tage zu danken, Ich kam zitternd her, mein Schicksal zu hören. Wie viel habe ich ausgestanden, seit ich Sie verlas sen! Nie habe ich es stärker empfunden, daß ich be stimmt bin, Rosalien zu lieben, so ungerecht sie auch immer ist. In dem Augenblicke der Ver zweiflung, faßt man einen gewaltsamen Vorsatz; aber der Augenblick gehet vorüber, der Vorsatz ver fliegt, und die Leidenschaft bleibt.

Dorval.

(lächelnd) Ich wüßte das alles. Aber ihr weniges Vermögen? und Rosaliens mäßige Um stände?

Clairville.

Der elendeste Zustand ist in mei nen Augen der, ohne Rosalien zu leben. Ich habe
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es bedacht, und mein Entschluß ist gefaßt. Wenn es jemanden erlaubt ist, den Mangel ungern zu er tragen, so ist es den Verliebten, den Hausvätern und allen wohlthätigen Menschen erlaubt; auch giebt es immer Mittel, sich daraus zu reissen.

Dorval.

Was wollen sie in dieser Absicht thun?

Clairville.

Ich will handeln.

Dorval.

Ohngeachtet ihres Namens? Hätten Sie wohl den Muth?

Clairville.

Was nennen Sie Muth? Ich finde nicht, daß dazu Muth gehöret. Bey der stolzen Seele, bey dem unbiegsamen Charakter, den ich habe, ist es sehr ungewiß, ob ich von der Gnade des Hofes das Glück erhalten dürfte, das ich nöthig ha be. Das Glück, das man durch Ränke macht, ist geschwind, aber schimpflich; das man durch die Waf fen macht, rühmlich, aber langsam; das man durch seine Talente macht, allezeit schwer und mittelmäßig. Es giebt andere Stände, welche geschwind zu Reich thümern führen; die Handelschaft aber ist fast der einzige, wo die grossen Glücksgüter der Arbeit, der Emsigkeit und den Gefahren gleichkommen, die uns den Besitz derselben rühmlich machen. Ich will han deln, sage ich Ihnen; es fehlet mir blos an Ein sicht und Anschlägen, und diese hoffe ich in Ihnen zu finden.
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Dorval.

Sie denken richtig. Ich sehe, die Liebe ist ohne Vorurtheile. Aber denken Sie nur darauf, Rosalien zu bewegen, und Sie sollen Ih ren Stand nicht ändern dürfen. Wenn das Schiff, auf welchem ihr Vermögen war, auch schon dem Feinde in die Hände gefallen ist, so war es doch as securirt, und der Verlust will nichts sagen. Die Nachricht davon stehet in den öffentlichen Blättern, und ich rathe Ihnen, sie Rosalien zu hinterbringen.

Clairville.

Ich fliehe.

Sechster Auftritt.

Dorval.Carl noch gestiefelt.

Dorval.

(geht auf und ab) Er wird sie nicht bewegen. -- Nein. -- Wenn ich aber doch woll te? -- EiuEin Beyspiel der Rechtschaffenheit, des Muths -- die Anwendung meiner äussersten Gewalt über mich selbst -- über sie --

Carl

(tritt herein und bleibt, ohne ein Wort zu fagen, stehen, bis ihn sein Herr gewahr wird. Alsdenn sagt er:)

Mein Herr, ich habe das Rosalien einhändigen lassen, --

Dorval.

Ich verstehe wohl.

Carl.

Hier ist der Schein darüber.

(Er giebt seinem Herrn Rosaliens Quittung.)

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Dorval.

Gut, gut.

(Carl geht ab. Dorval geht noch auf und nieder, und nach einer kurzen Pause sagt er:)

Siebender Auftritt.

Dorval allein

So hätte ich denn alles aufgeopfert? Mein Ver mögen?

(er wiederhohlt mit Verachtung das Wort)

Vermögen! Meine Liebe! Meine Freyheit! -- Aber diese Aufopferung meiner Freyheit, ist denn diese schon beschlossen? -- O Vernunft, wer kann dir widerstehen, wenn du die bezaubernde Stimme des reitzenden Weibes annimst! -- Kleiner und kurzsichtiger Mensch, der du einfältig gnug bist, dir einzubilden, daß deine Irrthümer und dein Unglück in dem Ganzen von einiger Wichtigkeit sind; daß eine Verbindung unendlicher Zufälle, dir dein Un glück von Ewigkeit her zubereitet hat; daß deine Verknüpfung mit einem andern Wesen die Ketten seines Schicksals lenket: komm, höre Theresien, und erkenne die Eitelkeit deiner Gedanken! -- Ach, wenn ich diese Gewalt der Vernunft, diese Ueber legenheit an Einsichten, mit welcher sich diese Frau meiner ganzen Seele bemeisterte und sie beherrschte, auch in mir finden könnte: so wollte ich Rosalien sprechen, sie sollte mich hören, und Clairville wür de glücklich seyn. -- Aber warum sollte ich über diese zärtliche und biegsame Seele, nicht eben die
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Macht gewinnen können, welche Theresia über mich zu gewinnen wußte? Seit wenn hat die Tugend ihre Herrschaft verloren? -- So will ich sie denn sehen, und sprechen, und alles von ihrer aufrichti gen Gemüthsart, und von den Empfindungen, die mich beleben, hoffen. Ich bin es, der ihre un schuldigen Schritte irre geführet hat; ich bin es, der sie in Schmerz und Traurigkeit gestürzet; mir also kömmt es zu, ihr die Hand zu reichen, und sie wieder auf die Pfade des Glücks zu führen.

Ende des vierten Aufzuges. ----------
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Fünfter Aufzug.

Erster Auftritt.

Rosalia.Justine.

(Rosalia ist niedergeschlagen, und gehet hin und her, oder bleibt unbeweglich stehen, ohne auf Justinens Reden Acht zu geben.)

Justine.

Ihr Vater entgehet tausend Gefah ren! Ihr Glück ist wieder hergestellt! Sie werden aufs neue Meister Ihres Schicksals! Und nichts rühret Sie. Wahrhaftig, Mademoiselle, sie ver dienen so viel Gutes nicht, als Ihnen begegnet.

Rosalia

-- Ein ewiges Band wird sie vereini gen! -- Justine, ist Arnold unterrichtet? Ist er fort? Kömmt er bald wieder?

Justine.

Mademoiselle, was wollen Sie thun?

Rosalia.

Meinen Willen. -- Nein, mein Vater soll in dieses unglückliche Haus nicht kom men! -- Ich will der Zeuge ihrer Freude nicht seyn. -- Wenigstens entgehe ich ihren mich töd tenden Freundschaftsbezeugungen.

Zweyter Auftritt.

Rosalia.Justine.Clairville.

Clairville

(tritt eilig herein, und wirft sich Rosa lien sogleich, als er ihr näher kömmt, zu Füssen, und sagt:)

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Nun wohl, Grausame, so nehmen Sie mir nur das Leben! Ich weis alles. Arnold hat mir alles gesagt. Sie wollen Ihren Vater von hier entfer nen. Und von wem wollen Sie ihn entfernen? Von einem Manne, der Sie anbetet, der ohne Reue sein Vaterland, seine Familie, seine Freun de verließ, sich dem Meere anvertraute, um sich ihren unerbittlichen Aeltern zu Füssen zu werfen, und da entweder zu sterben, oder Sie zu erhalten. -- Damals nahm die zärtliche, empfindliche, treue Rosalia, an allem meinem Kummer Theil; itzt, ist sie es allein, die ihn verursacht.

Rosalia

(bewegt und ein wenig betroffen.)

Die ser Arnold hat nicht die geringste Ueberlegung. Sie sollten meinen Anschlag nicht wissen.

Clairville.

Sie wollten mich also hintergehen!

Rosalia.

(lebhaft) Ich habe noch niemanden hintergangen.

Clairville.

So sagen Sie mir denn, warum Sie mich nicht mehr lieben? Mir Ihr Herz entzie hen, heißt, mich zum Tode verurtheilen. Sie wollen meinen Tod. Sie wollen ihn. Ich sehe es.

Rosalia.

Nein, Clairville. Ich wollte Sie sehr gern glücklich wissen.

Clairville.

Und Sie verlassen mich!
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Rosalia.

Aber könnten Sie denn nicht ohne mich glücklich seyn?

Clairville.

Sie durchbohren mir das Herz.

(Er liegt noch immer Rosalien zu Füssen, und indem er die letzten Worte sagt, sinkt er mit dem Kopf auf ihren Schooß, und schweigt einen Augenblick still.)

Sie hätten sich nie ändern müssen! Sie schworen es mir! -- Ich Sinnloser, ich glaubte Ihnen. Ach, Rosalia, wo ist sie hin, diese jeden neuen Morgen mit neuen Entzückungen gegebene und empfangene Treue? Wo sind sie hin, Ihre Eidschwüre? -- Mein Herz, das dazu erschaffen ward, den Eindruck Ihrer Tu genden und Ihrer Reitze ewig zu bewahren, hat von seinen Empfindungen nichts verloren; von den Ihrigen ist keine Spur mehr vorhanden -- Was habe ich verbrochen, daß sie so ganz erloschen?

Rosalia.

Nichts.

Clairville.

Und doch sind sie erloschen; und doch sind die süssen Augenblicke nicht mehr, da ich mei ne Empfindungen in Ihren Augen las; da diese Hände (er ergreift eine) meine Thränen abzutrock nen würdigten, meine bald bittern bald süssen Thrä nen, die mir Furcht und Zärtlichkeit wechselsweise auspreßten. -- Rosalia, bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung -- Haben Sie Mitleiden mit sich selbst. Sie kennen Ihr Herz nicht. Nein, Sie kennen es nicht. Sie wissen es nicht, wie viel Gram Sie sich selbst zubereiten.
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Rosalia.

Ich habe des Grams schon zu viel gehabt.

Clairville.

Ich werde in dem Innersten Ihrer Seele ein schreckliches Bild hinterlassen, das alle Ruhe und Freude daraus verbannen wird. Ihre Ungerechtigkeit wird Sie verfolgen.

Rosalia.

Clairville, erschrecken Sie mich nicht!

(indem sie ihn steif ansieht)

Was wollen Sie von mir?

Clairville.

Sie erweichen, oder sterben.

Rosalia.

(nach einer Pause) Ist Dorval ihr Freund?

Clairville.

Er weis meinen Schmerz. Er nimmt Theil daran.

Rosalia.

Er betriegt Sie.

Clairville.

Ihre Grausamkeit hätte mir das Leben gekostet. Sein Rath hat mich erhalten. Ohne Dorvaln wäre ich nicht mehr.

Rosalia.

Er betriegt Sie, sage ich. Es ist ein Nichtswürdiger!

Clairville.

Dorval, ein Nichtswürdiger? Ro salia, bedenken Sie es auch? Es sind zwey Wesen in der Welt, die ich in dem Innersten meines Her zens trage; Dorvaln, und Rosalien. In diesem geheiligten Schutzorte sie angreifen, heißt, mir den
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tödtlichsten Schmerz verursachen. Dorval ein Nichts würdiger! Und das sagt Rosalia! Sie! -- Was war ihr auch sonst noch übrig, um mich ganz zu Boden zu schlagen, als diese Beschuldigung meines Freundes! (Dorval tritt herein)

Dritter Auftritt.

Rosalia.Justine.Clairville.Dorval.

Clairville.

Kommen Sie, liebster Freund, kommen Sie. Diese Rosalia, diese sonst so fühlen de, itzt so grausame Rosalia, verklagt Sie ohne Grund, und verdammet mich zu einer ewigen Ver zweiflung; mich, der ich lieber sterben, als ihr den allergeringsten Verdruß verursachen wollte.

(Nachdem er das gesagt, verbirgt er seine Thränen; er entfernt sich und wirft sich auf das Canapee, das zu hinterst in dem Saale stehet, in der Stellung eines völlig niedergeschlagenen Menschen.)

Dorval

(weiset ihr Clairvillen und sagt:)

Betrach ten Sie da, Mademoiselle, Ihr Werk, und das meinige! Ist das das Schicksal, das er von uns zu erwarten hatte? Eine schreckliche Verzweiflung ist also die bittere Frucht meiner Freundschaft, und Ihrer Zärtlichkeit? Und so wollen wir ihn umkom men lassen?
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(Clairville springt auf, und gehet als ein verrückter Mensch ab. Rosalia sieht ihm nach, und Dorval, nach dem er ein wenig nachgedacht, fähret in einem leisen Tone fort, ohne Rosalien anzusehen.)

Wenn er sich betrübet, so kann er es doch we nigstens ohne Zwang thun. Seine rechtschaffene Seele kann allen ihren Schmerz zeigen. -- Aber wir, die wir uns unserer Empfindungen schämen müssen, dürfen sie keiner lebendigen Seele vertrau en; wir verbergen sie vor uns selber. -- Vielleicht ist es Dorvaln und Rosalien geuuggenug, dem Verdach te entgangen zu seyn; vielleicht sind sie klein genug, sich heimlich darüber zu freuen. --

(Hier wendet er sich plötzlich gegen Rosalien)

Ah, Mademoiselle, sind wir dazu gemacht, uns so weit zu erniedrigen? Wol len wir ein so verworfenes Leben länger zu führen begehren? Ich für mein Theil könnte unmöglich mich unter den Menschen dulden, wenn auf der ganzen Fläche, die sie bewohnen, ein einziger Ort wäre, wo ich mich verachtungswürdig gemacht hätte. Ich bin der Gefahr entronnen und komme Ih nen nun zu Hülfe. Ich muß Sie wieder auf die Stuffe erheben, auf welcher ich Sie gefunden ha be, oder für Reue sterben.

(Er hält ein wenig inne, und sagt hierauf:)

Antworten Sie mir, Rosalia. Hat die Tugend bey Ihnen einigen Werth? Lieben Sie die Tugend noch?
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Rosalia.

Sie ist mir werther, als das Leben.

Dorval.

Ich will mich also über das einzige Mittel erklären, wie sich Rosalia mit sich selbst versöhnen, und der Gesellschaft, darinn sie lebt, würdig werden kann; wie sie würdig werden kann, Theresiens Schülerin und Freundin zu heissen, und der Gegenstand aller Verehrung und Zärtlichkeit ihres Clairville zu seyn.

Rosalia.

Reden Sie. Ich höre.

(Rosalin stützet sich auf die Rücklehne eines Stuhls, und läßt den Kopf auf die eine Hand sinken. Dorval fährt fort:)

Dorval.

Bedenken Sie, Mademoiselle, daß eine einzige verdrießliche Idee, die uns verfolgt, unser ganzes Glück zu vernichten vermögend ist; und daß das Bewußtseyn einer bösen Handlung die allerverdrießlichste von allen Ideen ist.

(lebhaft und sehr geschwind)

Das Böse, wenn wir es einmal begangen haben, verläßt uns nie wieder; es setzt sich in dem Innersten unserer Seele zugleich mit der Scham und der Reue fest; wir tragen es mit uns herum, und es peiniget uns unaufhörlich. Wenn Sie einer unbilligen Neigung nachhän gen wollen, so müssen wir uns gewissen Augen auf ewig entziehen; den Augen derjenigen zwey Perso nen, die wir auf Erden am meisten verehren. Wir
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müssen uns entfernen, vor ihnen fliehen, und mit hän gendem Haupte in der Welt umherschleichen.

(Rosalia seufzet.)

Und wenn wir uns von Clairvillen und von The resien entfernen müßten, wohin wollten wir uns wenden? Was sollte aus uns werden? Welchen Umgang würden wir haben? -- Wer böse ist, ver dammet sich, mit den Bösen zu leben, und es sich mit ihnen gefallen zu lassen; muß Willens seyn, sich unter einer Menge von Wesen ohne Grundsätze, ohne Sitten, ohne Charakter zu verlieren; in einer ununterbrochenen Lügen ein ungewisses und unru higes Leben zu leben; die Tugend, die er verlassen hat, nicht ohne Erröthen loben zu können; aus anderer Munde seine Handlungen tadeln zu hören; die Ruhe in Lehrgebäuden zu suchen, die der recht schaffene Mann mit einem einzigen Hauche umstür zet; sich auf ewig die Quelle aller wahren Freuden, nehmlich aller ehrbaren, strengen und erhabenen Freuden, zu verschliessen; und um sich selber zu entfliehen sich dem Ueberdrusse aller der nichtigen Zeitverkürzungen zu überlassen, unter welchen ein Tag nach dem andern, in der Vergessenheit seiner selbst, verstreicht und das Leben verschwindet. -- Ich übertreibe nichts, Rosalia. Wenn der Faden des Labyrinths reisset, so ist man seines Schicksals nicht mehr Meister; man weis nicht, wie weit und tief man sich verirren kann.
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Sie sind bestürzt, und sie kennen nur kaum ein Theil Ihrer Gefahr. Rosalia, Sie sind auf dem Punkte gewesen, das allergrößte Gut, das ein Frauenzimmer auf Erden besitzen kann, ein Gut zu verlieren, das es ohne Unterlaß von dem Himmel, der sehr sparsam damit ist, erbitten sollte; einen tugendhaften Gat ten! Sie waren in Gefahr, den feyerlichsten Tag Ihres Lebens mit einer Ungerechtigkeit zu bemerken, so daß Sie in Zukunft an den Augenblick nie ohne Erröthen hätten dencken können, dessen man sich nicht anders als mit der süssesten Empfindung erinnern sollte. -- Bedenken Sie, daß Sie bis an den Fuß des Altars, an welchem Sie meinen Schwur wür den übernommen und ich den Ihrigen würde gefor dert haben, daß Sie bis dahin die Idee des verra thenen und in Verzweiflung gestürzten Clairville würde verfolgt haben. Sie würden gesehen haben, welchen ernsten Blick Theresia auf Sie geheftet hätte. Dieses würden die schrecklichen Zeugen unsrer Ver einigung gewesen seyn! -- Und dieses Wort, das so süß auszusprechen und so süß zu vernehmen ist, wenn es das Glück zweyer Wesen versichert und vollendet, die durch Unschuld und Tugend ihre Begierden heiligen; dieses fatale Wort hätte auf immer unsere Ungerechtigkeit und unser Unglück versiegelt -- Ja, Mademoiselle, auf immer. Die Trunkenheit gehet vorüber. Man erblickt sich, wie
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man ist. Man verachtet sich. Man verklaget sich sel ber, und das Elend fängt an.

(Hier entschiessen Rosalien einige Thränen, die sie unbemerkt abzutrock nen sucht.)

Und in der That, wie kann man sich auf ein Frauenzimmer verlassen, das ihren Liebhaber ver rathen können? Wie auf einen Mann, der seinen Freund hintergehen können? -- Mademoiselle, wer es wagen darf, sich mit unauflöslichen Banden binden zu lassen, der muß in seiner Gattin die größ te von allen Weibern zu erkennen glauben; und in mir würde Rosalia, wider ihren Willen, den niedrigsten von allen Mannspersonen erkennen müs sen -- Das kann so nicht seyn. -- Ich würde die Mutter meiner Kinder nicht gnug verehren können; und ich müßte von ihr nicht gnug geachtet wer den können. Sie erröthen. Sie schlagen die Augen nieder. -- Wie? Sollten Sie sich dadurch beleidiget glauben, daß in der Natur für mich noch etwas heiligeres sey, als Sie? Würden Sie mich wohl noch in den erniedrigenden und grausamen Augenblicken sehen wollen, wenn Sie mich ohne Zweifel verachteten, wenn ich mich haßte, wenn ich Sie anzutreffen fürchtete, wenn Sie mich zu hören zitterten, und unsere zwischen dem Laster und der Tugendschwim meudeschwimmendeSeelen zerrissen würden? --
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Wie unglücklich sind wir gewesen, Mademoi selle! Aber mein Unglück hörte auf, sobald ich ge recht zu seyn anfing. Ich habe den allerschwersten, aber auch den allervollkommensten Sieg über mich davon getragen. Ich habe meinen Charakter wie der angenommen. Rosalia ist mir nicht mehr fürch terlich; und ich könnte ihr ohne Bedenken den wil den Tumult bekennen, den sie in meiner Seele er regte, als ich in der äussersten Verwirrung aller meiner Empfindungen und Begriffe, ihr antworte te -- -- Aber ein unerwarteter Zufall, Theresiens Irrthum, Rosaliens Irrthum, meine äusserste An strengung haben mich wieder in Freyheit gesetzt. -- Ich bin frey --

(Bey diesem Worte scheinet Rosalia gänzlich niederge schlagen. Dorval wird es gewahr, wendet sich gegen sie, betrachtet sie mit einem sanftern Blicke und fähret fort.)

Aber was habe ich gethan, das Rosalia nicht noch tausendmal leichter thun könnte! Ihr Herz ist zum empfinden, ihr Geist ist zum denken erschaffen; und ihr Mund, alles, was rechtschaffen und edel ist, auszudrücken Wenn ich noch einen Augenblick verweilet hätte, so würde ich von Rosalien alles das gehört haben, was sie itzt von mir höret. Ich wür de sie vernommen haben. Ich würde sie als eine wohlthätige Gottheit betrachtet haben, die mir die Hand reiche meine wankenden Schritte zu leiten.
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Auf ihre Stimme hätte sich die Tugend in meinem Herzen wieder entflammet. --

Rosalia.

(mit zitternder Stimme)

Dorval --

Dorval.

(freundlich) Rosalia --

Rosalia.

Was muß ich thun?

Dorval.

Wir haben der Hochachtung unsrer selbst einen theuern Preis gesetzet.

Rosalia.

Wollen Sie, daß ich verzweifle?

Dorval.

Nein. Aber es giebt Gelegenheiten, wo wir uns einzig und allein durch eine tapfre That wieder aufrichten können.

Rosalia.

Ich verstehe Sie. Sie sind mein Freund -- Ja, ich werde das Herz haben -- Ich brenne, Theresien zu sprechen -- Ich weis es end lich, wo das Glück meiner wartet.

Dorval.

Ah, Rosalia, nun erkenne ich Sie. Sie sind es, aber weit schöner, weit rührender in meinen Augen, als jemals! Nun sind sie There siens Freundschaft, Clairvillens Zärtlichkeit, und aller meiner Hochachtung würdig; denn nun darf ich es wagen, mich zu nennen.
|| [0118]

Vierter Auftritt.

Rosalia.Justine.Dorval.Theresia.

Rosalia.

(läuft Theresen entgegen)

Kommen Sie, Theresia. Kommen Sie, von der Hand ihres Mün dels den einzigen Sterblichen zu empfangen, der ihrer würdig ist.

Theresia.

Und Sie, Mademoiselle, eilen Sie, ihren Vater zu empfangen. Da ist er.

Fünfter und letzter Auftritt.

Rosalia.Justine.Dorval.Theresia. Der alteLysimond, von Clairvillen undArnolden bey den Armen geführet.CarlSylvester und das ganze Haus.

Rosalia.

Mein Vater!

Dorval.

Himmel, wen sehe ich! Es ist Ly simond! Es ist mein Vater!

Lysimond.

Ja, mein Sohn. Ja, ich bin es.

(zu Dorvaln und zu Rosalien)

Kommt, meine Kinder, kommt in meine Arme! -- Ach, meine Tochter! Ach, mein Sohn! -- (Er betrachtet sie) Wenig stens habe ich sie gesehen. --

(Dorval und Rosalia sind erstaunt. Lysimond merkt es.)

Mein Sohn, das
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ist deine Schwester. -- Meine Tochter, das ist dein Bruder. --

Rosalia.

Diese Worte wer den mit aller Ge schwindigkeit des Erstaunens ge sagt, und beynahe zugleich in einem Augenblicke ge horet.

Mein Bruder!

Dorval.

Meine Schwester!

Rosalia.

Dorval!

Dorval.

Rosalia!

Lysimond.

(sie setzen ihn nieder) Ja, meine Kinder, ihr sollt alles erfahren. -- Kommt, las set euch noch einmal umarmen. --

(Er hebet seine Hände gen Himmel)

Der Himmel, der mich euch wie derschenkt, der euch mir wiederschenkt, der Himmel seegne euch -- seegne euch alle! -- (zu Clairvillen) Clairville, (zu Theresien) Madame, verzeihen Sie einem Vater, der seine Kinder wiederfindet. Ich glaubte sie für mich verloren. -- Ich habe hun dertmal zu mir selbst gesagt: Nein, ich werde sie niemals wiedersehen. Sie werden mich niemals wiedersehen. Und ach! vielleicht werden sie einan der niemals kennen lernen! -- Als ich abreisete, meine liebe Rosalia, war meine süsseste Hoffnung diese, dir einen Sohn, der meiner würdig ist, dir einen Bruder zu zeigen, der aller deiner Zärtlich keit würdig ist, der dir zur Stütze diene, wenn ich nun nicht mehr seyn werde -- und mein Kind, die Zeit wird bald da seyn. -- Aber, meine Kin der, warum erblicke ich auf euern Gesichtern die Entzückungen noch nicht, die ich mir versprochen
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hatte? -- Mein Alter, meine Schwachheit, mein naher Tod betrübet euch. -- Ach, meine Kinder, ich habe so viel gearbeitet, so viel erlitten! -- Dorval, Rosalia --

(Mit diesen Worten strecket der Alte seine Hände gegen seine Kinder aus, die er eines um das andere ansiehet, und einander zu erkennen aufmuntern will.)

(Dorval und Rosalia sehen sich an, fallen einander in die Arme, und werfen sich beyde zugleich ihrem Vater zu Füssen, mit den Worten.)

Dorval und Rosalia.

Ach, mein Vater!

Lysimond

(legt seine Hände auf sie und sagt mit gen Himmel gewandten Augen:)

O Himmel! ich danke dir! Meine Kinder haben sich gesehen; sie werden sich lieben, hoffe ich, und ich werde vergnügt ster ben. -- Clairville, Sie hielten Rosalien werth. -- Rosalia, du liebtest Clairvillen. Du liebst ihn noch immer. Tretet näher, ich will euch vereinigen.

(Clairville will es nicht wagen, näher zu treten, son dern strecket bloß gegen Rosalien, mit aller Bewegung des Verlangens und der Liebe, die Arme aus. Er wartet. Ro salia detrachtetbetrachtet ihn einen Augenblick, und tritt naher. Clair ville wirft sich nieder, und Lysimond vereiniget sie.)

Rosalia.

(in einem fragenden Tone) Mein Vater? --

Lysimond.

Mein Kind?

Rosalia.

Theresia -- Dorval -- sie sind ei ner des andern so würdig.
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Lysimond

(zu Theresien und Dorvaln) Ich verstehe dich. Kommt, meine geliebten Kinder. Kommt. Ihr verdoppelt mein Glück.

(Theresia und Dorval nahen sich gesetzt dem Lysimond. Der gute Alte nimmt Theresiens Hand, küßt sie, und rei chet ihr die Hand seines Sohnes, die sie annimmt.)

Lysimond

(sagt weinend, mit der Hand sich die ThräuenThränen abtrocknend)

Das sind Thränen der Freude, und es werden die letzten seyn. -- Ich lasse euch große Glücksgüter. Geniesset ihrer, wie ich sie er worben habe. Mein Reichthum hat meiner Red lichkeit nie das geringste gekostet. Meine Kinder, ihr könnt ihn ohne Gewissensbisse besitzen. -- Ro salia, du betrachtest deinen Bruder, und nun wen dest du deine nassen Augen wieder auf mich. -- Mein Kind, du sollst alles erfahren; ich habe dir schon gesagt -- Aber erspare immer dieses Ge ständniß deinem Vater, erspare es einem zärtlichen und empfindlichen Bruder. -- Der Himmel, der mein ganzes Leben mit Bitterkeiten vermischte, hat mir allein den reinen Genuß dieser letzten Augen blicke aufbehalten. Liebstes Kind, gönne mir ihn. -- Ich habe alles zwischen euch zur Richtigkeit gebracht. -- Hier, meine Tochter, ist das Ver zeichniß meines Vermögens --

Rosalia.

Mein Vater --

Lysimond.

Nimm, mein Kind. Ich habe gelebt. Es ist Zeit, daß ihr auch lebt; wie es Zeit
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ist, daß ich zu leben aufhöre; morgen, wenn es der Himmel will, ohne Murren -- Da nimm, mein Sohn; es ist der Inhalt meines letzten Willens. Du wirst ihn befolgen. Besonders vergeßt Arnol den nicht. Ihm muß ich es danken, daß ich mit ten unter euch sterben kann. Rosalia, ich werde mich Arnolds noch erinnern, wenn du mir die Au gen zudrücken wirst. -- Ihr werdet sehen, meine Kinder, daß ich blos meine Zärtlichkeit zu Rathe gezogen habe, und daß ich euch beyde gleich stark liebte. Der Verlust, den ich erlitten habe, will wenig sagen. Ihr mögt ihn gemeinschaftlich tragen.

Rosalia.

Was höre ich, mein Vater? -- Dieses hat man mir gleichwohl eingehändiget --

(Sie überreicht ihrem Vater die Brieftasche, die ihr Dor val geschickt.)

Lysimond.

Dir eingehändiget? Laß sehen. --

(Er öffnet die Brieftasche und untersucht die darinn befind lichen Papiere)

-- Dorval, du allein kannst dieses Geheimniß aufklären. Diese Verschreibungen und Zettel haben dir zugehöret. Rede doch, sage uns doch, wie sie in die Hände deiner Schwester kommen?

Clairville.

(lebhaft) Ich begreiffe alles. Er wagte sein Leben für mich; er opferte mir sein Glück auf.

Rosalia.

Diese Wor te werden sehr geschwind ge sagt, und fast zu gleicher Zeit gehört.

Und seine Liebe!

(zu Clairvillen)

Theresia.

Und seine Freyheit!

(zu Clairvillen)

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Clairville.

Ach, mein Freund -- (Er um armet ihn)

Rosalia.

(Die sich ihrem Bruder in die Arme wirft, und die Augen niederschlägt)

Mein Bruder! --

Dorval.

(lächelnd) Ich war nicht bey Sin nen. Und du warest ein Kind.

Lysimond.

Was wollen sie von dir, mein Sohn? Du mußt ihnen irgend einen großen Anlaß zur Bewunderung und Freude gegeben haben, wo von ich nichts begreiffe, und woran dein Vater nicht Theil nehmen kann.

Dorval.

Mein Vater, die Freude Sie wieder zu sehen, hat uns alle ausser uns gebracht.

Lysimond.

Wolle doch der Himmel, der die Kinder durch die Aeltern, und die Aeltern durch die Kinder seegnet, euch Kinder schenken, die euch ähn lich sind, und die eure Zärtlichkeit gegen mich mit gleicher Zärtlichkeit belohnen!

Ende des fünften Aufzugs und des Stücks. ----------
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* * *

Ich habe die Ursache zu sagen versprochen, warum ich den letzten Auftritt nicht hören können; sie war diese: Lysimond war nicht mehr. Man hatte einen von seinen Freunden, der ohngefehr von seinem Al ter war, und der seine Gestalt, seine Stimme und seine weissen Haare hatte, seine Stelle in dem Stü cke zu vertreten, vermocht. Dieser Alte trat in den Saal, so wie Lysimond das erstemal hineingetreten war, von Clairvillen und Arnolden bey den Armen geführet, und in den Kleidern, die sein Freund mit aus dem Gefängnisse gebracht hatte. Aber kaum erschien er, kaum brach te dieser Schritt der Handlung der ganzen Familie einen Mann wieder vor die Augen, den sie erst kürz lich verloren hatte, und der ihr so theuer und ver ehrungswürdig gewesen war, als sich kein einziger von ihnen der Thränen enthalten konnte. Dorval weinte. Theresia und Clairville weinten. Rosalia erstickte ihr Schluchzen, und wandte ihre Augen weg. Der Alte, der den Lysimond vorstellte, ward aus seiner Fassung gebracht, und fing auch an zu weinen. Der Schmerz verbreitete sich von den Her ren auf die Bedienten und ward allgemein, und das Stück kam nicht zu Ende.
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Als sie nun alle wieder aus dem Saale waren, kam ich aus meinem Winkel hervor, und ging den Weg wieder heim, den ich gekommen war. Unter wegens trocknete ich mir die Augen, und sagte zu mir selbst, um mich zu trösten, denn meine ganze Seele war traurig: „Ich muß wohl sehr gutherzig seyn, daß ich mich so betrüben kann. Es war ja weiter nichts, als eine Komödie. Dorval hat den Inhalt aus seinem Kopfe genommen. Er hat ihn nach seiner Phantasie in Gespräche gebracht, und heute machte man sich das Vergnügen, es auf zuführen. Gleichwohl setzten mich einige Umstände in Ver legenheit. Die Geschichte des Dorvals war in dem Lande bekannt. Man hatte alles mit so vieler Wahrheit vorgestellt, daß ich bey verschiednen Stel len es fast vergessen hätte, wie ich weiter nichts als ein Zuschauer, und noch dazu ein unbewußter Zu schauer sey, und beynahe im Begriffe gewesen war, meinen Platz zu verlassen, und die Bühne mit einer wirklichen Person durch mich zu vermehren. Und wie sollte ich den letzten Zufall mit meinen Gedan ken vergleichen? Wenn dieses Stück weiter nichts als eine Komödie war, warum konnten sie die Schlußscene nicht spielen? Woher entstand die tiefe Betrübniß, von der sie, bey Erblickung des Alten, der den Lysimond vorstellte, sämtlich durch drungen wurden?
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Einige Tage darauf kam ich zu Dorvaln, ihm für den süssen und grausamen Abend, den mir sei ne Gefälligkeit verschaft hatte, zu danken. Sie sind also damit zufrieden gewesen? Ich sage gern die Wahrheit. Dieser Mann hört sie gern sagen, und ich antwortete ihm, daß mich das Spiel der Acteurs so eingenommen gehabt, daß ich von dem Uebrigen unmöglich urtheilen können; übrigens wüßte ich auch nichts von der Auflösung, weil ich die letzte Szene nicht hören können; wenn er mir aber sein Werk geschrieben mittheilen wollte, so wollte ich ihm meine Meinung davon sagen. Ihre Meinung! Weis ich denn nicht schon so viel davon, als ich wissen will? Ein Schauspiel ist nicht sowohl gemacht, gelesen, als vielmehr vor gestellt zu werden; und die Vorstellung von diesem hat Ihnen gefallen. Mehr brauche ich nicht. Un terdessen hier ist es. Lesen Sie es, und wir wol len davon sprechen. Ich nahm das Werk. Ich las es mit ruhigen Gedanken; und den Tag darauf, und die zwey fol genden Tage unterhielten wir uns davon. Hier sind unsere Unterredungen. Aber wel cher Unterschied zwischen dem, was mir Dor
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val sagte, und dem, was ich schreibe! -- Es sind vielleicht noch eben dieselben Gedanken, aber das Genie des Mannes ist nicht mehr darinn. -- Vergebens suche ich in mir selbst den Eindruck wieder, den der Anblick der Natur und Dorvals Gegenwart auf mich machten. Ich finde ihn nicht. Ich sehe Dorvaln nicht mehr. Ich höre ihn nicht mehr. Ich bin allein, unter staubigten Büchern, in einem düstern Studierzimmer. -- Was ich schrei be, ist schwach, traurig und kalt. ----------
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Dorval und Ich. Erste Unterredung.

Dorval hatte an diesem Tage vergebens versucht, einen Rechtshandel gütlich beyzulegen, der schon lange zwey benachbarte Familien trennte, und gar leicht beyde zu Grunde richten konnte. Er war darüber verdrießlich, und ich sahe, daß die Ver fassung seiner Seele einen dunkeln Schatten über unsere Unterredung verbreiten würde. Demohnge achtet sagte ich zu ihm: Ich habe Sie gelesen. Allein ich irre mich sehr, oder Sie haben es sich eben nicht angelegen seyn las sen, den Absichten ihres Herrn Vaters allzu ge wissenhaft zu folgen. Er hatte ihnen, so viel ich mich erinnere, empfohlen, alles so vorzustellen, wie es sich wirklich zugetragen habe; und gleich wohl habe ich verschiednes bemerkt, was das Zei chen der Erdichtung an der Stirne trägt, und das uns nur auf der Bühne zu täuschen vermag, wo es, wie man sagen könnte, eine gewisse Täuschung, und einen gewissen Beyfall giebt, über die man vorher einig geworden ist. Vors erste, haben Sie sich dem Gesetze der Einheiten unterworfen. Gleichwohl ist es unglaub lich, daß sich so viele Begebenheiten an Einem
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Orte zugetragen; daß sie nur einen Zeitraum von vier und zwanzig Stunden eingenommen; und daß sie in ihrer Geschichte so auf einander gefolgt, wie sie in ihrem Werke mit einander verbunden sind.
Sie haben Recht. Aber wenn die Geschichte vierzehn Tage gedauert hat, glauben Sie, daß man auch der Vorstellung diese Dauer geben müßte? Daß wenn die Begebenheiten durch andere Begebenhei ten getrennet werden, man auch diese Verwirrung mit Nutzen beybehalten könne? Und daß, wenn sie sich an verschiednen Orten des Hauses zugetragen haben, ich sie auch wieder an diese verschiedene Or te hätte verstreuen sollen? Die Gesetze der Einheiten sind schwer zu beob achten, aber sie sind vernünftig. In dem menschlichen Leben ist die Dauer einer Begebenheit mit einer Menge kleiner Zwischenfälle durchwebt, die zwar einen Roman wahrscheinlich machen, die aber einem dramatischen Werke alles Unterhaltende nehmen würden. Dort theilet sich unsere Aufmerksamkeit unter unendlich viel verschie dene Gegenstände; auf dem Theater hingegen, wo man nur besondere Augenblicke des wirklichen Le bens vorstellet, muß uns nur eine einzige Sache ganz beschäftigen.
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Ich will lieber ein einfaches als ein mit Zwischen fällen überhäuftes Stück. Unterdessen sehe ich doch mehr auf ihre Verbindung, als auf ihre Vielheit. Ich bin weniger geneigt, zwey Begebenheiten zu glauben, die sich durch einen blossen Zufall neben einander oder auf einander zutragen, als eine gan ze Menge von Begebenheiten, die aber, wenn man sie mit der täglichen Erfahrung, der unwandelbaren Regel aller dramatischen Wahrscheinlichkeiten, ver gleicht, so genau mit einander verknüpft sind, daß es scheinet, die eine habe die andere nothwendig veranlassen müssen. Die Kunst zu verwickeln bestehet darinn, daß man die Begebenheiten so mit einander verbindet, daß ein vernünftiger Zuschauer beständig einen Grund dabey gewahr wird, der ihn befriedigen kann. Die ser Grund muß um so viel stärker seyn, je sonder barer die Begebenheiten sind. Man muß ihn aber nicht bloß in Absicht auf sich beurtheilen. Die han delnde Person und die zuschauende, sind zwey ganz verschiedene Wesen. Es sollte mir sehr leid seyn, wenn ich mir eini ge Freyheiten genommen hätte, die mit diesen all gemeinen Grundsätzen von der Einheit der Zeit, und der Einheit der Handlung stritten. Und in Ansehung der Einheit des Orts, glaube ich, kann man nicht strenge gnug seyn. Ohne diese Einheit, ist der Verfolg des Stücks fast immer verwirrt und
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zweydeutig. Ja, wenn wir Bühnen hätten, wo sich die Verzierung eben so oft änderte, als sich der Ort der Scene verändern soll! „Und was für grosse Vortheile würden da bey seyn? Der Zuschauer würde die ganze Bewegung eines Stücks ohne Mühe verfolgen können. Die Vor stellung würde dadurch weit mannichfaltiger, weit einnehmender, und weit deutlicher werden. Die Verzierung kann sich nicht verändern, ohne daß die Scene leer bleibt. Die Scene aber darf nur bey dem Schlusse eines Aufzuges leer bleiben. So oft also zwey Zwischenfälle eine andere Verzierung er forderten, würden sie in zwey verschiednen Aufzügen vorgehen. Man würde keine Versammlung des Senats, eine Versammlung von Verschwornen ab lösen sehen; die Scene müßte deundenn groß gnug seyn, um ganz verschiedene Orte darauf unterscheiden zu können. Was soll aber bey kleinen Theatern, so wie die unsrigen sind, ein vernünftiger Mensch den ken, wenn er Hofleute, die es doch so wohl wissen, daß die Mauern Ohren haben, an eben demselben Orte sich wider ihren Monarchen verschwören höret, wo dieser sich den Augenblick zuvor mit ihnen über eine seht wichtige Sache, über die Niederlegung seines Regiments, berathschlaget hat? Weil die Personen nicht weggehen, so muß er, allem Anse hen nach, annehmen, daß der Ort weggehet.
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Was ich übrigens von allen diesen angenomme nen theatralischen Regeln halte, läuft dahin aus. Wer die poetische Ursache davon nicht weis, wer also den Grund der Regel nicht weis, der wird sie weder zur rechten Zeit zu befolgen noch zu verlassen wissen. Er wird entweder zu viel Ergebenheit, oder zu viel Verachtung gegen sie haben; zwey einander entgegengesetzte Klippen, die aber beyde gleich gefähr lich sind. Der eine setzet die Bemerkungen und die Erfahrung aller vergangenen Jahrhunderte auf nichts herab, und führet die Kunst zu ihrer Kind heit zurück. Der andere hält sie auf der Stuffe, auf welcher sie sich befindet, schlechterdings auf, und verhindert sie, sich weiter zu erheben. Es war in Rosaliens Zimmer, wo ich mich mit ihr unterhielt, als ich die ungerechte Neigung, die sie gegen mich gefaßt hatte, in ihrem Herzen zerstör te, und ihre Zärtlichkeit gegen Clairvillen wieder erweckte. Ich ging mit Theresien in der grossen Allee, unter den alten Maulbeerbäumen, die Sie dort sehen, spatzieren, als ich mich überzeugen ließ, daß sie in der ganzen Welt die einzige Frau für mich sey. Für mich! der ich mir zu eben der Zeit vorgenommen hatte, ihr zu beweisen, daß ich kein Gatte für sie sey. Auf die erste Nachricht von der Ankunft meines Vaters kamen wir alle herunter, liefen wir alle herzu, und der letzte Auftritt ging an eben so viel verschiednen Orten vor, als Pau
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sen dieser ehrliche Alte, von der Hausthüre an bis in den Saal machte. Ich sehe sie noch diese ver schiednen Orte! -- -- Wenn ich die Handlung in einem einzigen Ort eingeschlossen habe, so that ich es deswegen, weil es, ohne dem Verlaufe des Stücks Gewalt anzuthun, und ohne den Begebenheiten ihre Wahrscheinlichkeit zu nehmen, geschehen konnte. Das ist alles recht gut. Aber wenn Sie auch schon die Zeit, den Ort, und die Folge der Bege benheiten nach den dramatischen Bedürfnissen be handelt hätten, so hätten Sie doch wenigstens zu den letztern nichts hinzudichten sollen, was weder mit unsern Sitten, noch mit ihrem Charakter übereinkömmt. Ich glaube das auch nicht gethan zu haben. Sie wollten mich wohl also bereden, daß Sie die zweyte Scene des ersten Aufzuges mit ihrem Bedienten wirklich gehabt hätten? Wie? er wäre nicht gleich gegangen, als Sie ihm sagten: Mei nen Wagen! Laß anspannen! Er hätte Ihnen nicht gehorcht? Er hätte Ihnen Vorstellungen ge macht, die Sie ruhig angehöret? Der ernste Dor val, dieser selbst gegen seinen Freund Clairville so zurückhaltende Mann, hätte sich gegen seinen Bedienten Carl so weit herabgelassen? Das ist weder wahrscheinlich noch wahr.
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Ich muß es zugestehen. Ich sagte mir das ohn gefehr selbst, was ich Carlen in den Mund gelegt habe. Aber dieser Carl ist ein guter Mensch, der mir sehr ergeben ist. Er würde im Fall der Noth oben das für mich thun, was Arnold für meinen Vater gethan hat. Er hatte es doch einmal mit angesehen. Uebrigens konnte es ja nichts schaden, ihn einen Augenblick in dem Stücke mit einzufüh ren; und er hat so viel Freude darüber gehabt! -- Weil sie unsere Bediente sind, sind sie deswegen kei ne Menschen mehr? -- Sie dienen uns, und wir dienen einem andern. Allein, wenn Sie für das Theater arbeiteten-- So würde ich meine Moral bey Seite setzen, und mich wohl in Acht nehmen, Wesen auf der Bühne wichtig zu machen, die im gemeinen Leben für nichts geachtet werden. Die Davi waren die Stützen der alten Komödis, weil sie wirklich die Triebräder aller häußlichen Unruhen waren. Soll man die Sitten, die man vor zwey tausend Jahren hatte, oder soll man unsre Sitten nachahmen? Un sere Bediente in der Komödie sind allezeit lustig; ein deutlicher Beweis, daß sie frostig sind. Wenn sie der Dichter in dem Vorzimmer läßt, wohin sie ge hören, so wird die Handlung, indem sie nunmehr nur unter den Hauptpersonen vorgehet, desto inter essanter und stärker seyn. Moliere, der sie so wohl zu nutzen wußte, hat sie aus seinem Tartüffe und
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aus seinem Menschenfeinde ausgeschlossen. Die Intriguen der Bedienten und Mädchen, mit welchen man die Haupthandlung unterbricht, sind das sich erste Mittel, das Interesse des Stücks zu schwächen. Die theatralische Handlung muß nirgends stille ste hen; und zwey Intriguen mit einander vermengen, heißt beyde wechselsweise aufhalten. Wenn ich dürfte, würde ich für die Mädchen um Gnade bitten. Es scheinet, als könnten junge Frauenzimmer, bey dem Zwange, dem sie in ihrer Aufführung und in ihren Reden unterworfen sind, ihr Herz nur gegen diese Personen ausschütten, und nur ihnen die Empfindungen vertrauen, die sie aus Gewohnheit, aus Anständigkeit, aus Furcht, aus Vorurtheilen, in ihrer Seele verschlossen hal ten müssen. Sie mögen also so lange auf der Bühne bleiben, bis unsere Erziehung besser wird, und die Väter und Mütter die Vertrauten ihrer Kinder werden. -- Was haben Sie sonst noch angemerkt? Theresiens Erklärung?-- Nun? Die Frauenzimmer thun dergleichen selten -- Ich leugne es nicht. Aber setzen Sie, daß ein Frauenzimmer Theresiens Seele, Erhabenheit und Charakter hat, daß es sich einen rechtschaffenen Mann zu wählen gewußt, und Sie werden sehen, daß
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Sie ihre Empfindungen ohne Bedenken bekennen wird. Theresia setzte mich in Verlegenheit; -- und das recht sehr. Ich betauerte Sie, und ver ehrte Sie um so vielmehr.Das ist nicht wenig zu bewundern! Sie wa ren auf einer andern Seite eingenommen -- Und war kein eitler Geck; setzen Sie hinzu. „Man wird in dieser Erklärung verschiedene Stellen finden, die nicht behutsam genug behandelt worden. -- Die Frauenzimmer werden es sich angelegen seyn lassen, diesen Charakter lächer lich zu machen --“ Was für Frauenzimmer, wenn ich bitten darf? Die ehrlosen, die eine schändliche Neigung gestehen, so oft sie sagen: ich liebe Sie. Aber hier haben wir Theresien vor uns; und die menschliche Gesell schaft würde sehr zu beklagen seyn, wenn Theresia die einzige ihrer Art wäre. Aber dieser Ton ist auf der Bühne sehr außer ordentlich! -- Lassen Sie doch die Bühne. Kommen Sie wie der in den Saal, und bekennen Sie, daß Ihnen Theresiens Rede nicht anstößig gewesen, als Sie sie da hörten. Nein.
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Das ist gnug. Ich muß Ihnen aber doch alles sagen. Als das Werk fertig war, gab ich es allen theilhabenden Personen zu lesen, damit jede zu ih rer Rolle, was sie nöthig glaubte, entweder hin zusetzen, oder daraus weglassen könne, um sich noch mehr nach dem Leben zu schildern. Allein es er äugnete sich etwas, worauf ich nicht gedacht hatte, und was gleichwohl sehr natürlich war. Sie sahen nehmlich mehr auf ihren gegenwärtigen Zustand, als auf ihre vergangene Stellung. Hier machten sie den Ausdruck sanfter; da bemäntelten sie eine Empfindung; dort bereiteten sie einen Zwischenfall mehr vor. Rosalia wollte in Clairvillens Augen weniger sträflich erscheinen. Clairville wollte sich vor Rosalien noch verliebter zeigen. Theresia woll te einem Manne, der itzt ihr Gemahl ist, ein we nig mehr Zärtlichkeit merken lassen; und die Wahr heit der Charaktere hat dadurch an verschiednen Stellen gelitten. Theresiens Erklärung ist eine von diesen Stellen. Ich sehe wohl, die übrigen werden Ihrem feinen Geschmack auch nicht entgehen. Diese Worte des Dorval waren mir um so viel schmeichelhafter, je weniger es sonst seine Sache ist, zu loben. Um etwas darauf zu versetzen, mutzte ich eine Kleinigkeit auf, die ich sonst würde übergangen haben. "Und der Thee in eben diesem Auftritte?" sagte ich zu ihm.
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Ich verstehe Sie. Das ist hier zu Lande nicht üblich. Ich räume es ein. Aber ich habe mich lan ge Zeit in Holland aufgehalten. Ich bin viel mit Fremden umgegangen. Ich habe diesen Gebrauch von ihnen angenommen; und ich habe mich selbst schildern wollen. Aber auf dem Theater! Nicht auf dem Theater, in dem Saale müssen Sie mein Stück beurtheilen. -- Uebergehen Sie unterdessen keine einzige von den Stellen, wo Sie glauben, daß ich wider den Gebrauch des Theaters gesündiget habe. -- Ich möchte doch gern sehen, ob Ich Unrecht habe oder der Gebrauch. Indem Dorval dieses sagte, suchte ich die Stri che, die ich an dem Rande seines Manuscripts mit dem Bleystifte überall gemacht hatte, wo mir etwas anstößig vorgekommen war. Ich ward eines von diesen Zeichen, zu Anfange des zweyten Auftritts im zweyten Aufzuge, gewahr, und sagte zu ihm: Als Sie Rosalien sprachen, so wie Sie es ih rem Freunde versprochen hatten, so wußte Sie es entweder, daß Sie abreisen wollten, oder Sie wußte es nicht. Wußte sie es, warum sagt sie ge gen Justinen nichts davon? Ist es natürlich, daß ihr nicht das geringste Wort über einen Zufall ent fähret, der ihr nichts weniger als gleichgültig seyn konnte? Sie weinet; aber sie weinet über sich selbst.
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Ihre Betrübniß ist die Betrübniß einer zärtlichen Seele über gewisse Empfindungen, die wider ihren Willen entstanden sind, und die sie auf keine Wei se billigen kann. Nein; werden Sie sagen; Sie wußte von meiner Abreise nichts. Sie schien darüber bestürzt. Ich habe es geschrieben, und Sie müssen es gelesen haben. Das ist wahr. Aber wie konnte ihr etwas unbekannt ge blieben seyn, das man in dem ganzen Hause wußte?
Es war früh. Ich glaubte einen Aufenthalt, den ich mit Unruhe erfüllte, nicht eilig genug ver lassen, und mich nicht geschwind genug des allerun erwartetsten und grausamsten Auftrags entladen zu können. Ich ging also zu Rosalien, sobald es bey ihr Tag war. Der Auftritt hat den Ort verändert, aber ohne etwas von seiner Wahrheit zu verlieren. Rosalia lebte eingezogen. Sie glaubte ihre geheimen Gedanken vor Theresiens durchdringendem Blicke und vor Clairvillens Liebe nicht anders verbergen zu können, als durch beyder Vermeidung. Sie kam nur erst aus ihrem Zimmer herunter, und hatte noch niemanden gesprochen, als sie in den Saal hin eintrat. Aber warum meldet man, während ihrer Un terredung mit Rosalien, Clairvillen an? Es ist nicht Brauch, sich in seinem Hause anmelden zu lassen; und dieses Anmelden siehet einem vorberei teten Theaterstreiche vollkommen gleich.
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Nein, es ist wirklich so geschehen; und es konn te nicht anders geschehen. Wenn Sie einen Thea terstreich darinn wahrnehmen; meinetwegen. Er ist von sich selber gekommen. Clairville weis, daß ich mit seiner Gebieterin spreche. Es ist nicht natürlich, daß er so gerad zu eine Unterredung unterbricht, die er selbst verlangt hat. Gleichwohl kann er seiner Ungeduld, das Re sultat derselben zu erfahren, nicht widerstehen. Er läßt mich ruffen. Würden Sie es anders gemacht haben? Hier hielt Dorval einen Augenblick inne; und fuhr darauf fort: Ich wollte weit lieber Gemälde auf der Bühne wissen, wo es so wenig Gemälde giebt, und wo sie doch eine so angenehme und so sichere Wirkung haben würden, als diese Theater streiche, die man auf eine so gezwungene Art vor bereitet, und die sich auf so viel sonderbare Voraus setzungen gründen, daß für eine von diesen Ver knüpfungen zufälliger Begebenheiten, die glücklich und natürlich ist, sich immer tausend finden, die ei nem Manne von Geschmack mißfallen müssen. Aber welchen Unterschied machen Sie zwischen einem Theaterstreiche und einem Gemälde? Ich werde Ihnen geschwinder Beyspiele, als Erklärungen davon geben können. Der zweyte Auf
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zug öffnet sich mit einem Gemälde, und schließt mit einem Theaterstreiche. Ich verstehe Sie. Ein unvermutheter Zufall, der sich durch Handlung äußert, und die Umstän de der Personen plötzlich verändert, ist ein Thea terstreich. Eine Stellung dieser Personen auf der Bühne, die so natürlich und so wahr ist, daß sie mir in einer getreuen Nachahmung des Malers, auf der Leinwand gefallen würde, ist ein Gemälde. Ohngefehr. Ich wollte fast wetten, daß in dem vierten Auftritte des zweyten Aufzuges, kein Wort ist, das nicht wahr wäre. Sie hat mich in dem Saa le aufs äußerste gerührt, und ich habe sie mit un endlichem Vergnügen gelesen. Welch ein schönes Gemälde! Denn ein Gemälde ist es doch wohl, wenn der unglückliche Clairville in den Armen sei nes Freundes, als dem einzigen Schutzorte liegt, der ihm noch übrig ist. Sie denken wohl an seinen Schmerz; aber Sie vergessen den meinigen. Wie grausam war dieser Augenblick für mich! Ich weis es. Ich weis es. Ich erinnere mich gar wohl, daß sie unter seinen traurigen Klagen Thränen über ihn vergoßen. Das sind keine Um stände, die sich leicht vergessen lassen.
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Gestehen Sie nur, daß dieses Gemälde auf der Bühne nicht würde Statt gefunden haben; daß es die zwey Freunde nicht würden haben wagen dürffen, einander ins Gesicht zu sehen, dem Zuschauer den Rücken zu kehren, sich zu gruppiren, sich zu trennen, und sich wieder zu vereinigen; daß ihre ganze Action sehr abgemessen, sehr zierlich und sehr frostig wür de gewesen seyn. Ich glaube es. Wird man es denn nicht einmal empfinden, daß das Unglück die Menschen einander näher bringt, und daß es besonders in den tumultuösen Augen blicken, wenn die Leidenschaften aufs höchste gestie gen sind, und die Action am heftigsten wird, lächer lich ist, sich in einem halben Zirkel zu halten, und in einer gewissen Entfernung, nach einer symme trischen Ordnung von einander ab zu stehen. Die theatralische Action muß noch sehr unvoll kommen seyn, weil man auf der Bühne fast keine einzige Stellung siehet, aus welcher sich eine erträg liche Composition für die Malerey machen ließe. Ist denn die Wahrheit hier weniger unentbehrlich, als auf der Leinewand? Sollte es ein Grundsatz seyn, daß man sich von der Sache selbst um so viel weiter ent fernen müsse, je näher ihr die Kunst ist, und daß man in einen lebenden Auftritt, wo man wirkliche Men
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schen handeln siehet, weniger Wahrscheinlichkeit le gen müsse, als in einen gemalten Auftritt, wo man so zu reden, nur die Schatten von ihnen erblickt? Ich meines Theils glaube, die Bühne müßte dem Zuschauer, wenn ein dramatisches Werk gut gemacht und gut aufgeführet würde, eben so viel wirkliche Gemälde darstellen, als brauchbare Augen blicke für den Maler in der Handlung vorkommen. Aber die Wohlanständigkeit! Die Wohlan ständigkeit! Ich höre nur immer dieses Wort wiederhohlen. Barnevelts Geliebte kömmt, mit zerstreuten Haa ren, in das Gefängniß ihres Geliebten. Die zwey Freunde umarmen sich und werfen sich zur Erde. Philoktet wälzte sich ehemals vor dem Eingange seiner Höhle. Sein Schmerz brach in ein unarticulirtes Geschrey aus. Dieses Geschrey machte einen eben nicht wohlklingenden Vers. Aber die Zuschauer fühlten ihr Innerstes zerrissen. Haben wir mehr Feinheit, haben wir mehr Genie als die Athenien ser? -- Wie? die Action einer Mutter, deren Tochter man opfern will, sollte heftig gnug seyn können? Sie lauffe immer auf der Bühne als ein verrücktes und rasendes Weib umher; sie lasse den Pallast von ihrem Geschrey ertönen; sogar in ihrer Kleidung zeige sich ihre Verwirrung: das alles kömmt der Verzweiflung zu. Iphigeniens Mutter dürfte
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sich nur einen Augenblick als Königin von Argos, als Gemahlin des obersten Anführers der Griechen zeigen, und sie würde mich das allernichtswürdigste Geschöpf dünken. Die wahre Würde, die mich ein zig und allein rühret, die mich niederschlägt, ist das Gemälde der mütterlichen Liebe in aller ihrer Wahrheit. Ich blätterte in dem Manuscripte und fand ei nen kleinen Strich mit dem Bleystifte, den ich übergangen hatte. Er war an der Stelle des zwey ten Auftritts in dem zweyten Aufzuge, wo Rosalia, von dem Gegenstande, der sie verführet, sagt: sie habe in ihm die Wirklichkeit aller der Ein bildungen, die sie sich von der Vollkommen heit gemacht, erblickt. Diese Betrachtung war mir für ein Kind ein wenig zu stark vorgekommen, und diese Einbildungen von Vollkommenheit hatten mir mit ihrer ungekünstelten Sprache zu strei ten geschienen. Ich theilte Dorvaln meine Anmer kung mit. Statt aller Antwort verwies er mich auf das Manuscript. Ich betrachtete es genauer, ich fand, daß diese Worte erst nachher von Rosaliens eigner Hand dazu gesetzt worden, und wendete mich zu andern Dingen. Sie sind kein Liebhaber von Theaterstreichen? fragte ich ihn. Nein. Hier ist gleichwohl einer, und einer von den ausgesuchtesten.
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Ich weis es; und ich habe seiner schon ge gen Sie gedacht. Es ist der Grund von ihrer ganzen Verwicklung. Ich räume es ein. Und ist das schlecht? -- Ohne Zweifel. Warum haben Sie es gleichwohl gebraucht? Weil es keine Erdichtung, sondern eine wahre Begebenheit ist. Es wäre freylich zum Besten des Stücks zu wünschen, daß sich die Sache anders zugetragen hätte. Rosalia entdeckt Ihnen ihre Liebe. Sie erfährt, daß sie geliebt wird. Sie hoffet nicht mehr; sie wagt es nicht, Sie noch einmal zu sehen; sie schreibt Ihnen -- Das ist ganz natürlich. Sie antworten ihr Ich mußte ja wohl. Clairville hat seiner Schwester versprochen, Sie vor derselben Zurückkunft nicht abreisen zu lassen. Theresia liebte Sie. Sie hat es Ihnen gestanden. Sie kennen ihre Gesinnungen. Sie muß begierig seyn, die meinigen genauer zu kennen.
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Ihr Bruder geht, sie bey einer Freundin ab zuhohlen, zu der sie auf die nachtheiligen Gerüch te, die sich von Rosaliens Glücksumständen und von der Zurückkunft ihres Vaters ausgebreitet hatten, gegangen war. Man wußte daselbst ihre Abreise. Man ist darüber erstaunt. Man giebt Ihnen Schuld, seiner Schwester ZärilichkeitZärtlichkeit ein geflößt zu haben, und dergleichen selbst gegen seine Geliebte zu empfinden. Die Sache ist wahr. Aber Clairville glaubt nichts davon. Er ver theidiget Sie lebhaft. Er ziehet sich einen Handel zu. Man ruft Sie ihm zu Hülfe, indem sie eben begriffen sind, auf Rosaliens Brief zu antworten. Sie lassen ihre Antwort auf dem Tische liegen -- Sie würden es nicht anders gemacht haben, glaube ich. Sie eilen ihrem Freunde zu Hülfe. Theresia kömmt dazu. Sie glaubt, daß sie von Ihnen er wartet werde. Sie sieht sich allein gelassen. Die se Aufführung ist ihr unbegreiflich. Sie wird den Brief gewahr, den Sie an Rosalien zu schreiben angefangen. Sie lieset ihn, und deutet ihn auf sich selbst. Es würde jede andere eben so gut betrogen haben.
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Ohne Zweifel. Sie hat nicht den geringsten Argwohn wegen Ihrer Liebe gegen Rosalien, noch wegen Rosaliens Liebe gegen Sie; der Brief be antwortet eine Erklärung, und sie hatte derglei chen gethan. Setzen Sie noch hinzu, daß Theresia von ihrem Bruder das Geheimniß meiner Geburt erfahren hatte, und daß der Brief in der Denkungsart eines Mannes geschrieben ist, der Clairvillen zu beleidigen glaubt, wenn er nach dem Besitze des geliebten Ge genstandes trachte. Theresia glaubte es also, und muß es glauben, daß sie geliebt werde; und daher entstehen denn nothwendig alle die Verwirrungen, in welchen Sie mich gesehen haben. Was finden Sie denn also hieran auszusetzen? Es ist gar nichts falsch -- Aber auch nichts wahrscheinlich genug. Sehen Sie denn nicht, wie viel Zeit man braucht, eine solche Menge von Umständen zu verbinden? Die Künstler mögen sich wegen ihrer Gabe, dergleichen Zufälle zu bereiten, immerhin glücklich schätzen. Ich werde ihnen Erfindung zugestehen, aber keinen wah ren Geschmack. Je einfacher der Verlauf eines Stücks ist, desto schöner ist es. Ein Dichter, der diesen Theaterstreich und die Stellung in dem fünf ten Aufzuge erdacht hätte, wo ich zu Rosalien trete, und ihr Clairvillen zu hinterst in dem Saale, auf
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einem Canapee, in der Fassung eines verzweifeln den Menschen zeige, würde wenig Verstand bewei sen, wenn er den Theaterstreich dem Gemälde vor zöge. Jenes ist beynahe ein Kinderspiel. Dieses ist ein Zug des Genies. Ich rede ohne Parthey lichkeit davon. Ich habe beydes nicht erfunden. Der Theaterstreich ist eine wahre Begebenheit. Das Gemälde ist ein glücklicher Umstand, der sich von ohngefehr eräugnete, und den ich zu nutzen wußte. „Da Sie aber Theresiens Mißverständniß wuß ten, warum liessen Sie Rosalien nichts davon wissen? Das Mittel war natürlich, und es half allem ab. Ja, wenn Sie so fragen wollen! Wie weit ver lieren Sie auf einmal das Theater aus den Augen! Sie untersuchen mein Werk mit einer Strenge, die, so viel ich weis, kein Stück in der Welt aus halten kann. Ich will es Ihnen danken, wenn Sie ein einziges anführen können, das bis auf den drit ten Aufzug kommen würde, wenn ein jeder darinn dasjenige thäte, was er nach der Schärfe thun soll te. Aber diese Antwort, die für einen Künstler hin länglich gut wäre, taugt für mich nichts. Es ist hier die Rede von einer Begebenheit, und nicht von einer Erdichtung. Sie wollen nicht von einem Verfasser die Ursache eines Zwischenfalls wissen, sondern Sie wollen hören, wie Dorval sein Betra gen rechtfertigen kann.
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Ich entdeckte Rosalien darum weder Theresiens noch ihren eigenen Irrthum, weil dieser Irrthum meinen Absichten bequem war. Da ich den Ent schluß gefaßt hatte, der Rechtschaffenheit alles auf zuopfern, so betrachtete ich dieses Mißverständniß, das mich von Rosalien trennte, als eine Begeben heit, die mich von der Gefahr entfernte. Ich woll te freylich nicht gern, daß sich Rosalia eine falsche Vorstellung von meinem Charakter machte; aber da ran mußte mir noch weit mehr gelegen seyn, daß ich dem, was ich mir selbst und was ich meinem Freunde schuldig war, nachzukommen suchte. Es ging mir nahe, daß ich sie betriegen mußte, daß ich Theresien betriegen mußte; aber ich mußte. Ich fühle es. An wen hätten Sie sonst ge schrieben, wenn Sie nicht an Theresien geschrie ben hätten? Uebrigens verstrich, zwischen diesem Augenblicke und der Ankunft meines Vaters, eine so kurze Zeit, und Rosalia lebte so eingeschlossen. Ihr zu schrei ben war gar nicht Rath. Es ist sehr ungewiß, ob sie meinen Brief hätte annehmen wollen; und es ist ganz gewiß, daß ein Brief, der sie von meiner Unschuld überzeugt hätte, ohne ihr wegen der Un billigkeit unserer Empfindungen die Augen zu öff nen, das Uebel nur würde vergrössert haben.
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Unterdessen mußten Sie, aus Clairvillens Mun de, tausend marternde Reden hören. Theresia giebt ihm ihren Brief. Nicht genug, daß Sie ihre wirkliche Neigung verbergen müssen; Sie müs sen sich stellen, eine ganz andere zu haben. Man bringt ihre Verbindung mit Theresien zur Rich tigkeit, ohne daß Sie sich widersetzen können. Man hinterbringt Rosalien diese angenehme Neuig keit, ohne daß Sie sie läugnen dürfen. Sie will vor ihren Augen vergehen. Und ihr Liebhaber, den sie mit der unglaublichsten Härte mißhandelt, fällt in einen Zustand, der der Verzweiflung sehr nahe ist. Alles das ist wahr; aber was konnte ich machen? Gut, daß wir auf diese Verzweiflungsscene kommen. Sie ist sonderbar. Sie rührte mich in dem Saale ungemein. Nun denken Sie, wie betroffen ich bey dem Lesen war, als ich weiter nichts als Gebehrden und keine Reden darinn fand. Lassen Sie sich hiebey eine Anekdote erzehlen, die ich Ihnen gewiß nicht erzehlen würde, wenn ich diesem meinen Werke einigen Werth beylegte, oder mir sehr viel darauf einbildete, es gemacht zu haben. Als ich nehmlich auf diese Stelle unserer Geschich te und des Stücks kam, und in mir weiter nichts als einen tieffen Eindruck, ohne der geringsten Idee von den dabey geführten Reden, fand, so besann
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ich mich auf verschiedene Reden in dieser und jener Komödie, nach welchen ich aus Clairvillen einen sehr beredten Verzweifelten machte. Indem Er aber seine Rolle flüchtig durchlief, sagte er zu mir: Das, Bruder, taugt gar nichts. In dieser gan zen Rhetorik ist kein einziges wahroswahres Wort. Ich weis wohl. Aber sehen Sie, ob Sie es bes ser machen können. Das wird nicht schwer seyn. Ich muß mich nur wieder in die Stel lung setzen, und mir selber zuhören. Dieses muß er ohne Zweifel gethan haben. Den Tag darauf brachte er mir die bewußte Scene, so wie sie ist, Wort vor Wort. Ich las sie, und las sie mehr als einmal. Ich erkannte den Ton der Na tur darinn; und wenn Sie wollen, so will ich Ih nen morgen verschiedne Anmerkungen mittheilen, die sie über die Leidenschaften, über den Accent, über die Declamation, über die Pantomime bey mir veranlaßt hat. Ich will Sie diesen Abend bis an den Fuß des Hügels begleiten, der zwischen un sern Wohnungen mitten inne liegt, und wir wol len den Ort ausmachen, wo wir uns wieder tref fen wollen. Unterwegens bemerkte Dorval die natürlichen Erscheinungen, die auf den Untergang der Sonne folgen, und sagte: Sehen Sie doch, wie die be sondern Schatten immer schwächer werden, so wie der allgemeine Schatten stärker und stärker wird. --
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Diese breiten Striche von Purpur, versprechen uns einen schönen Morgen. -- Sehen Sie, welch Violet sich über den Himmel, der untergehenden Sonne gegen über, verbreitet. -- Man höret in dem Gebüsche nur noch einige Vögel, deren spater Gesang die Dämmerung belebet. -- Das Geräu sche der fliessenden Wasser, sondert sich allmälig aus dem allgemeinen Geräusche, und verkündiget uns, daß man an den meisten Orten mit der Ar beit aufgehöret habe, und daß es spät ist. Indem gelangten wir an den Fuß des Hügels. Wir machten den Ort aus, wo wir uns treffen wollten, und begaben uns von einander. ----------
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Zweyte Unterredung.

Des Tages darauf fand ich mich an dem Fuße des Hügels ein. Der Ort war einsam und wild. Vor sich sahe man einige Dörfer, die in der Ebene zerstreut lagen; hinter ihnen eine Kette von ungleichen und zerrissenen Bergen, welche den Ho rizont zum Theil umschlossen. Hohe Eichen warfen ihre Schatten umher; und von einem unterirdischen Wasser, welches in der umliegenden Gegend floß, vernahm man das dumpfe Geräusch. Es war die Jahreszeit, da die Erde mit den Gütern bedeckt ist, die sie der Arbeit und dem Schweisse der Menschen gewähret. Dorval war schon hier. Ich nahte mich ihm, ohne von ihm wahrgenommen zu werden. Er hatte sich dem Anschauen der Natur ganz überlassen. Seine Brust flog hoch. Er athemete mit Macht. Seine aufmerksamen Augen gingen alle Gegenstände durch. Ich folgte auf seinem Gesichte den verschied nen Eindrücken, die sie auf ihn machten, und ich fing an, an seiner Entzückung Theil zu nehmen, als ich, fast wider Willen, ausrief: Er ist be zaubert! Er hörte mich, und antwortete mir mit einer heisern Stimme: Es ist wahr. Hier, hier läßt sich die Natur sehen. Hier ist der heilige Aufenthalt der Begeisterung. Hat ein Mensch Genie erhalten: so verläßt er die Stadt und ihre Einwohner. Ihn
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freuet, so wie sein Herz ihn reitzet, bald seine Thrä nen mit dem Krystalle einer Quelle zu mischen; bald Blumen auf ein Grab zu tragen; bald mit leichten Füssen das zarte Gras der Wiesen nieder zutreten; bald mit langsamen Schritten fruchtbare Felder durchzuwandern; bald die Arbeit des Land mannes mit anzusehen; bald in das Innerste der Wäl der zu fliehen. Er liebt ihre geheime Schauder. Er irret umher. Er sucht eine Höhle, die ihn be geistre. Wer sonst als er, läßt seine Stimme zu dem Rauschen des Stromes, der von dem Berge stürzet, ertönen? Wer sonst als er, empfindet das Erhabene eines einsamen Ortes? Wer sonst als er, höret sich in der Stille der Einöde? Niemand als er. Unser Dichter wohnet auan dem Ufer einer See. Er wirft seine Blicke über die Fläche der Wasser, und sein Genie erweitert sich. Hier ist es, wo er von dem bald ruhigen bald heftigen Geiste ergriffen wird, der seine Seele nach Willkühr itzt empöret, itzt beruhiget. -- O Natur, alles was gut ist, ist in deinem Schooße verschlossen! Du bist die reiche Quelle aller Wahrheiten. -- Nichts als Tugend und Wahrheit ist in diesem Augenblicke würdig, mich zu beschäftigen. -- Die Begeisterung entsprin get aus einem Gegenstande der Natur. Hat ihn die Seele von mehrern und von den hellesten Sei ten gesehen, so bemeistert er sich ihrer, und setzt sie in Bewegung und Aufruhr. Die Einbildungskraft wird hitziger. Die Leidenschaften werden rege.
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Man ist, eines ums andere, erstaunt, gerührt, geärgert, erzürnt. Ohne die Begeisterung findet sich der wahre Gedanke entweder gar nicht ein; oder wenigstens, wenn man ihn ja von ohngefehr trift, kann man ihn doch nicht verfolgen. -- Der Dichter empfindet den Augenblick der Begeisterung. Er folget auf sein Nachdenken. Er kündiget sich bey ihm durch eine Erschütterung an, die in seiner Brust den Anfang nimmt, und sich, auf die süsseste und schnelleste Weise, bis in die äussersten Theile des Körpers fortpflanzet. Bald aber ist es keine Erschütterung mehr. Es ist eine starke und anhal tende Hitze, die ihn entzündet, die ihn verzehret, die ihn tödtet; die aber allem, womit er sich abgiebt, Seele und Leben ertheilet. Wenn diese Hitze noch steiget, so werden auch der Erscheinungen vor ihm mehr. Seine Leidenschaft würde bis zur Staffel der Wuth steigen. Er würde von keiner andern Erleichterung wissen, als einen Strom von Ideen, die sich drengen, sich stossen und sich jagen, auszuschütten. Dorval befand sich diesen Augenblick selbst in dem Zustande, den er schilderte. Ich antwortete ihm nicht. Es entstand unter uns eine Stille, wäh rend welcher er sich, wie ich sage, beruhigte. Bald darauf fragte er mich, wie ein Mensch, der aus einem tiefen Schlafe erwacht: was habe ich gesagt? Was hat te ich Ihnen zu sagen? Ich habe es ganz vergessen.
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Einige Gedanken, die die Scene des verzwei felnden Clairvills bey Ihnen über die Leidenschaften, über den Accent, über die Declamation, über die Pantomime veranlaßt hatte. Der erste ist dieser: daß man seinen Personen keinen Witz geben, sondern sie in solche Umstände zu setzen wissen muß, die ihnen welchen geben. -- Dorval merkte aus der Geschwindigkeit, mit welcher er diese Worte vorbrachte, daß sich der Auf ruhr in seiner Seele noch nicht ganz gelegt habe; er hielt inne; und um sich Zeit zu lassen, wieder ruhig zu werden, oder vielmehr um seiner Unruhe eine noch heftigere aber geschwinder überhin gehen de Bewegung entgegenzusetzen, erzehlte er mir folgendes: Eine Bäuerin aus dem Flecken, den Sie da zwischen den beyden Bergen liegen sehen, und des sen Häuser ihre Giebel über die Bäume erheben, schickte ihren Mann zu ihren Aeltern, die in einem benachbarten Dorfe wohnen. Und da ward dieser Unglückliche von einem seiner Schwäger erschlagen. Des Tages darauf ging ich in das Haus, wo sich der Fall zugetragen hatte. Ich erblickte ein Bild, und hörte eine Rede, die ich noch nicht vergessen habe. Der Todte lag auf einem Bette. Die nack ten Beine hingen aus dem Bette heraus. Seine Frau lag, mit zerstreuten Haaren, auf der Erde.
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Sie hielt die Füsse ihres Mannes, und sagte unter Vergiessung von Thränen, und mit einer Action, die allen Anwesenden Thränen auspreßte: Ach, als ich dich hieher schickte, hätte ich wohl geglaubt, daß diese Füsse dich zum Tode trügen? -- Glauben Sie, daß sich eine Frau von anderm Stande wür de pathetischer ausgedrückt haben? Nein. Einerley Umstände würden ihr einerley Rede einflössen. Ih re Seele würde ganz von dem Augenblicke abgehan gen haben; und was der Künstler finden muß, ist eben das, was alle Welt in dergleichem Falle sagen würde; was niemand anhören würde, ohne es sogleich in sich selbst wahrzunehmen. Grosse Anliegen: grosse Leidenschaften. Das ist die Quelle aller großen und aller wahren Reden. Fast alle Menschen reden, wenn sie nun sterben sol len, gut. Was mir an Clairvillens Scene vornehmlich ge fällt, ist dieses, daß sie durchaus weiter nichts ent hält, als das, was die Leidenschaft, wenn sie aufs äusserste gestiegen ist, eingiebt. Die Leidenschaft heftet sich an eine Hauptidee. Sie schweigt; und sie kömmt auf diese Hauptidee, fast immer durch Ausrufungen, wieder zurück. Die Pantomime, die von uns so vernachläßiget wird, ist in dieser Scene angebracht; und wie glück lich, das haben Sie selbst erfahren!
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Wir reden in unsern Schauspielen zu viel, und folglich spielen unsere Acteurs nicht genug. Wir haben die Kunst, welche die Alten so vortreflich zu nutzen wußten, ganz verloren. Der Pantomime spielte ehemals alle Stände, Könige, Helden, Rei che, Arme, Städter und Landleute; und wählte aus jedem Stande das, was ihm eigenthumlich war, und aus jeder Action das, was am meisten in die Augen fiel. Der Philosoph Timocrates, der diesem Schauspiele, von welchem ihn sein strenger Charak ker sonst entfernt hatte, endlich einmal mit bey wohnte, sagte:Quali spectaculo me philosophiae verecundia privavit.Timocrates schämte sich ganz zur Unzeit. Und seine unzeitige Scham, hat den Philosophen eines grossen Vergnügens beraubt. Der Cyniker Demetrius schrieb alle Wirkung davon den Instrumenten, den Stimmen, der Verzierung, in Gegenwart eines Pantomimen, zu, der ihm aber antwortete: Sieh mich erst ganz allein spielen, und alsdenn sage von meiner Kunst, was du willst. Die Flöten schweigen. Der Pantomime spielt, und der entzückte Philosoph ruft aus: Ich sehe dich nicht blos. Ich höre dich. Du sprichst mir mit den Händen. Welche Wirkung müßte diese Kunst vollends ha ben, wenn sie mit der Rede verbunden würde? Warum haben wir Dinge getrennt, welche die Na tur verbunden hatte? Begleitet nicht die Gebehrde
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die Rede alle Augenblicke? Ich habe es nie so deut lich empfunden, als bey Verfertigung dieses Werks. Ich suchte das, was ich gesagt hatte, das, was man mir geantwortet hatte, und weil ich nichts als Bewegungen fand, so schrieb ich die Namen der Personen hin, und ihre Action darunter. Ich sag te zu Rosalien: (im zweyten Auftritte des zweyten Aufzuges) Wenn es das Unglück wollte -- daß Ihr überraschtes Herz -- von einer Nei gung hingerissen wäre -- die Ihnen Ihre Vernunft als ein Verbrechen anrechnen müß te -- Ich habe diesen grausamen Zustand kennen lernen! -- Wie sehr würde ich Sie betauern. -- Sie antwortet mir: -- Be tauern Sie mich also. -- Ich betauerte sie, aber blos mit einer mitleidigen Gebehrde; und ich glaube nicht, daß ein Mensch von Empfindung es anders würde gemacht haben. -- Und wie viel an dere Umstände giebt es, wo das Stillschweigen un vermeidlich ist? Es fragt Sie jemand um ihren Rath, und ihr Rath ist von der Beschaffenheit, daß der, dem er ertheilet wird, wenn er ihm folget, das Leben, und wenn er ihm nicht folget, die Ehre zu verlieren waget. Sie sind weder grausam noch niederträchtig. Sie geben ihre Verlegenheit durch eine Gebehrde zu verstehen, und lassen ihren Mann greiffen, wozu er will.
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Was ich bey dieser Scene sonst noch anmerkte, war dieses, daß es Stellen giebt, die man fast ganz und gar dem Schauspieler überlassen sollte. Ihm käme es zu, sich die geschriebene Scene bequem zu machen, gewisse Worte zu wiederhohlen, auf gewis se Ideen wieder zurückzukommen, einige wegzulas sen, und andere hinzuzusetzen. In der Singstim me, lässet der Musikus einem grossen Sänger die freye Anwendung seines Geschmacks und seiner Fähigkeit. Er begnügt sich, ihm die vornehmsten Intervalle ei nes schönen Gesanges vorgeschrieben zu haben. Der Dichter sollte es eben so machen, wenn er seinen Schauspieler hinlänglich kennet. Was rührt uns bey dem Anblicke eines Menschen, der von gewalti gen Leidenschaften bestürmet wird, am meisten? Sind es seine Reden? Zuweilen. Aber das, was allezeit rühret, sind Schreye, unarticulirte Töne, abgebrochene Worte, einzelne Sylben, die ihm dann und wann entfahren, und ich weis selbst nicht, was für ein Murmeln in der Kehle und zwischen den Zähnen. Indem die Heftigkeit der Empfindung das Athemholen unterbricht, und den Geist in Aufruhr setzet, trennen sich die Sylben der Wörter, und der Mensch fällt von einer Idee auf die andere. Er fängt eine Menge Reden an. Er endiget keine; und ausser einigen Empfindungen, die er bey dem ersten Anfalle ausläßt, und auf die er ohne Unterlaß wie der zurückkömmt, ist alles Uebrige weiter nichts als ein schwaches und verwirrtes Getöse, eine Folge
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sterbender Töne und erstickter Accente, welche der Schauspieler besser versteht, als der Dichter. Die Stimme, der Ton, die Gebehrde, die Action, alles das gehört dem Schauspieler zu; und das ist es eben, was uns an heftigen Leidenschaften am meisten rühret. Der Schauspieler allein kann der Rede allen ihren Nachdruck ertheilen. Denn Er macht dem Gehöre die Stärke und die Wahrheit des Accents empfindlich. Ich habe oft gedacht, daß die Reden feuriger Liebhaber nicht sowohl Dinge zum lesen, als Dinge zum hören sind. Denn, sagte ich bey mir selbst, nicht der Ausdruck. Ich liebe Sie ist es, was über die Strenge einer Spröden, über die Anschläge einer Buhlerin, über die Tugend eines empfindlichen Frauenzimmers triumphirt. Es ist vielmehr das Zittern der Stimme, mit welchem es ausgesprochen ward, es sind die Thränen, es sind die Blicke, womit es begleitet ward. Diese Idee kömmt auf die Ihrige heraus. Es ist eben dieselbe. Ein Strom von schallenden Worten, der diesen wahren Tönen der Leidenschaft ganz entgegengesetzt ist, sind unsere sogenannten Tira den. Nichts erhält mehr Beyfall, und nichts ver räth einen schlechtern Geschmack. Bey einer dra matischen Vorstellung muß man sich eben so wenig um den Zuschauer bekummern, als ob ganz und gar keiner da wäre. Richtet sich das geringste an
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ihn: so hat der Verfasser seinen Vorwurf verlassen, so ist der Schauspieler aus seiner Rolle gesetzt, und sie steigen beyde von der Bühne herab. Ich sehe sie im Parterre; und so lange die Tirade dauert, ist die Handlung für mich unterbrochen und die Büh ne bleibt leer. Es giebt bey Verfertigung eines dramatischen Stücks eine Einheit der Rede, welche einer Einheit des Accents in der Declamation entspricht. Beyder Systeme ändern sich nicht blos von Komödie zu Tragödie, sondern von einer Komödie und von einer Tragödie zu der andern. Verhielte es sich anders, so müßte entweder in dem Gedichte, oder in der Vorstellung ein Fehler liegen. Die Personen müß ten die gehörige Verbindung unter einander nicht haben; es müßte ihnen die Uebereinstimmung feh len, die sie, auch sogar in den Contrasten, haben sollen. In der Declamation würde man die wider lichsten Dissonanzen bemerken. Man würde in dem Gedichte ein Wesen wahrnehmen, das für die Ge sellschaft, in die man es einführen wollen, ganz und gar nicht gemacht sey. Diese Einheit des Accents zu empfinden, ist des Schauspielers Werk. Das ist die Arbeit seines gan zen Lebens. Fehlt ihm dieses Gefühl, so wird sein Spiel bald schwach, bald übertrieben, selten richtig, stellenweise gut, und im Ganzen zusammen schlecht seyn.
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Wenn sich die Sucht, beklatscht zu werden, ei nes Schauspielers bemeistert, so übertreibt er. Das Fehlerhafte seiner Action, stecket die Action der an dern an. Es ist keine Einheit mehr in der Decla mation seiner Rolle. Es ist keine mehr in der De clamation des Stücks. Und bald erblicke ich auf der Scene weiter nichts als eine lermende Versamm lung, in der jeder den Ton hält, der ihm beliebt; ich fange an, Langeweile zu haben; meine Hände fassen von selbst nach den Ohren, und ich mache mich davon. Ich wollte Ihnen gern etwas von dem Accente sagen, der jeder Leidenschaft eigenthümlich zukömmt. Aber dieser Accent ändert sich auf so verschiedene Weise ab; es ist ein so feiner und flüchtiger Gegen stand, daß ich keinen einzigen wüßte, bey welchem sich der Mangel aller itzigen und aller ehemals vor handenen Sprachen deutlicher spüren liesse. Von der Sache hat man den richtigsten Begrif; sie ist dem Gedächtnisse gegenwärtig. Aber sucht man den Ausdruck, so findet man ihn nicht. Man verbindet die Worte: hoch und tief; geschwind und langsam; sanft und stark. Allein das Netze ist zu weit, und es bleibt nichts hangen. Wer ist im Stande die De clamation dieser zwey Verse zu beschreiben? Hat man sie oft vertraulich sprechen? oft sich suchen? Sich oft ins Innerste des Hains verlieren sehen?
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Es ist eine Vermischung von Neugierde, von Un ruhe, von Schmerz, von Liebe, und von Scham, die mir das allerschlechteste Gemälde weit besser schil dern würde, als die ausgesuchteste Rede. Wir haben also um so viel mehr Ursache, die Pantomime zu schreiben. Unstreitig. Der Ton und die Gebehrde bestim men einander wechselsweise. Aber der Ton läßt sich nicht in Noten setzen, und die Gebehrden kann man so leicht aufschreiben. Dorval machte bey dieser Stelle eine Pause. Hierauf sagte er: Zum Glück wird eine Schauspielerin, wenn auch ihre Beurtheilungskraft ganz eingeschränkt, und ihre Einsicht ganz gemein ist, wenn sie nur eine grosse Empfindlichkeit besitzt, gar leicht die Stellung einer Seele fassen, und ohne daran zu denken, den Accent finden, der den verschiednen Empfindungen gemäß ist, welche hier zusammen treffen und die Stellung eben ausmachen, die der Philosoph mit aller seiner Scharfsinnigkeit wohl unzergliedert lassen muß. Die Dichter, die Schauspieler, die Musiker, die Mahler, die Sänger von der ersten Classe, die grossen Tänzer, die zärtlichen Liebhaber, die
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wahren Andächtigen, alles dieses feurige und enthu stastische Volk, empfindet sehr lebhaft und über legt sehr wenig. Sie werden nicht durch Regeln, sondern durch etwas ganz anders, das weit unmittelbare, weit inniger, weit dunkler und weit gewisser ist, gefüh ret und erleuchtet. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viel ich aus einem grossen Schauspieler, aus einer grossen Schauspielerinn mache! Wie stolz ich auf dieses Talent seyn würde, wenn ich es besässe. Als ich vor diesem auf der ganzen Welt noch nie manden etwas anging, Herr von meinem Geschicke und frey von allen Vorurtheilen war, wollte ich einst Komödiant werden; und man gebe mir nur die Versicherung, daß ich es so weit damit bringe als Quinault Dufresne, und ich werde es noch morgen. Nur das Mittelmäßige vereckelt uns das Theater; und nur die schlechten Sitten sind es, die uns in diesem so wie in jedem andern Stande, Schan de bringen. Gleich unter Racinen, und unter Corneillen stehet bey mir ein Baron, eine Desma res, eine de Seine; und gleich unter Regnard und Molieren, der ältere Quinault und seine Schwester. Ich ward ärgerlich, so oft ich in den Schauplatz ging und die Nützlichkeit des Theaters gegen die wenige Sorgfalt hielt, die man auf die Einrichtung der Schauspielergesellschaften wendet. Und da rief ich denn: Ach, meine Freunde, wenn wir je
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mals nach Lampedouse* ziehen, und da, fern von dem festen Lande, mitten in den Wellen des Meeres, ein kleines glückliches Volk stiften, so sollen das unsere Prediger seyn, und wir 2
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wollen sie gewiß, der Wichtigkeit ihres Am tes gemäß, aussuchen! Alle Völker haben ihre Sabbate, und wir würden dergleichen auch haben, An diesen feyerlichen Tagen wollten wir ein gutes Trauerspiel vorstellen lassen, woraus die Menschen sich vor den Leidenschaften hüten lernten; ein gutes Lust spiel, das sie in ihren Pflichten unterrichtete, und ihnen Geschmack daran einflößte. Wird es Ihnen da auch gleich viel seyn, Dor val, daß die Rolle der Schönheit von der Häß lichkeit gespielet wird? Ich glaube nicht. Denn giebt es in einem dra matischen Werke nicht schon sonderbare Voraussetzun gen gnug, nach welchen ich mich bequemen muß? Soll die Illusion auch durch Voraussetzungen, die meinen Sinnen widersprechen und ihnen unange nehm fallen, noch mehr verhindert werden? Ihnen die Wahrheit zu gestehen, ich habe es manchmal bedauert, daß die Masken der Alten nicht mehr im Gebrauche sind; und es würde mir, glaube ich, weit erträglicher gewesen seyn, eine schöne Maske, als ein häßliches Gesicht lo ben zu hören. Und der Widerspruch zwischen den Sitten des Stücks und den Sitten der wirklichen Person, ist der Ihnen weniger anstößig gewesen?
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Nicht selten hat sich der Zuschauer des Lachens dabey unmöglich enthalten können; und die Schau spielerin selbst ist darüber roth geworden. Nein, ich wüßte keinen Stand, der ausgesuchte re Gestalten und ehrbarere Sitten verlangte, als das Theater. Unsere thörigten Vorurtheile aber verhindern es allein, daß wir nicht ernstlicher darauf dringen können. Doch wir sind sehr weit von meinem Stücke abgekommen. Wo waren wir? Bey dem Auftritte mit Arnolden. Ich bitte für diesen Auftritt um Gnade. Denn ich liebe ihn, weil die alleraufrichtigste und zugleich die allergrausamste Unpartheylichkeit darinn herrschet. Allein er unterbricht den Fortgang des Stücks, und schwächt das Interesse. Ich werde ihn nie ohne Vergnügen lesen. Möch ten ihn doch unsre Feinde zu sehen bekommen, und schätzen lernen! Möchten sie ihn doch nie ohne Scham lesen können! Wie glücklich wäre ich, wenn ich bey der Gelegenheit, einen unglücklichen Be dienten zu schildern, zugleich die Schmähungen ei nes eifersüchtigen Volks auf eine Art hätte ablehnen können, an der sich meine Nation erkenne, und
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die der feindlichen Nation auch nicht einmal die Freyheit ließe, darüber ungehalten zu werden. Die Scene ist pathetisch, aber lang. Sie würde noch pathetischer und noch länger ge worden seyn, wenn ich hätte Arnolden folgen wol len. Mein Herr, sagte er zu mir, als er sie ge lesen hatte, das ist alles recht gut; aber nur ist ein kleiner Fehler darinn; dieser nehmlich, daß nicht alles der Wahrheit vollkommen ge mäß ist. Sie sagen, zum Exempel, als wir in dem feindlichen Hafen angekommen wä ren, und man mich von meinem Herrn ge trennt hätte, habe ich ihm zu verschiednen malen zugerufen, mein Herr, mein liebster Herr; er habe mich steif angesehen, seine Arme sin ken lassen, und sich umgekehret; und sey den Leuten, die ihn umringet gehabt, ohne ein Wort zu reden, nachgefolgt. So war es nicht ganz. Sie hätten sagen sollen, als ich ihm zugerufen, mein Herr, mein liebster Herr, habe er mich vernommen, sich umgekehret und mich steif angesehen; sei ne Hände hätten von selbst in die Taschen ge griffen; und als er nichts darinn gefunden, (denn der gierige Engländer hatte sie ihm rein ausgeleeret) habe er seine Arme traurig sin ken lassen; habe mir mit einem Kopfnicken
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ein kaltes Mitleid zu verstehen gegeben; ha be sich wieder umgewandt, und sey denen, die ihn umringt gehalten, ohne ein Wort zu reden, nachgefolgt. Denn sehen Sie, so war es eigentlich. Nächst dem übergehen Sie etwas, was von dem guten Herze ihres verstorbenen Herrn Vaters am meisten zeiget. Und daran haben Sie sehr übel gethan. Als er in dem Gefängnisse seine nackten Arme von meinen Thränen benetzt fühlte, sagte er zu mir: Du weinest, Arnold! Verzeihe, mein Freund. Ich bin es, der dich hierher gebracht hat. Ich weis wohl. Das Unglück hat dich betroffen, weil du Mir zuge hörest. -- Da sehen Sie, Sie weinen seibst. Das hätten Sie also doch setzen sollen. An einer andern Stelle machen Sie es noch schlimmer. Als er zu mir gesagt hatte: Sey gutes Muths, mein Sohn; du wirst hier nicht bleiben. Ich aber, ich merke es an meiner Schwachheit, werde wohl hier sterben müssen: überließ ich mich ganz meinem Schmerze, daß das Gefängniß von meinem Geschrey wieder hallte. Und da sagte ihr Vater zu mir: Ar nold, höre auf zu klagen. Verehre den Willen des Himmels, und das Unglück derer, die um und ne ben uns sind, und in der Stille leiden. -- Wo haben Sie denn das gelassen?
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Und die Stelle mit dem Corresponden ten? Sie haben sie so vortreflich verwirrt, daß ich gar nichts mehr davon verstehe. Ihr Vater sagte mir, -- und das haben Sie zwar angebracht, -- daß dieser Mann sich seiner angenommen habe, und daß meine Gegen wart ohne Zweifel die erste Wirkung seines Diensteifers sey. Aber er setzte noch hinzu: O mein Sohn, wenn mir auch Gott nur diesen ein zigen Trost gewähret hätte, dich in diesen grausamen Augenblicken um mich zu haben, wie sehr würde ich ihm nicht schon zu danken schuldig seyn! -- Da von finde ich in Ihrem Papiere auch nichts. Mein Herr, ist es etwa verboten, den Na men Gottes auf der Bühne auszusprechen; diesen heiligen Namen, den ihr Vater so oft im Munde führte? -- Ich glaube nicht, Ar nold. -- -- Oder wollen Sie es etwa nicht gern wissen lassen, daß ihr Vater ein guter Christ gewesen ist? -- Nichts weniger, Arnold. Die christliche Moral ist so schön! Aber wozu diese Frage? -- Unter uns, man sagt -- Nun? -- Sie wären -- ein wenig -- ein Freygeist; und nach den Stellen zu urtheilen, die Sie weggelassen haben, könnte wohl was daran seyn. -- Arnold, wenn das wäre, so würde ich verbunden seyn, mich als einen desto bessern Bür ger und desto rechtschafnern Mann zu zeigen. -- Mein Herr, Sie sind gut; bilden Sie sich
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aber ja nicht ein, daß Sie so gut sind, als Ihr Herr Vater war. Es wird vielleicht mit der Zeit werden -- Arnold, ist das alles? -- Ich hätte wohl noch ein Wort zu erinnern, aber ich darf michs nicht wohl unterstehen. -- Redet immer, Arnold. -- Weil Sie mir es denn erlauben, so muß ich Ihnen sagen, daß sie bey den guten Diensten des Engländers, der uns zu Hülfe kam, ein wenig gar zu kurz sind. Mein Herr, es giebt überall ehrliche Leute. -- Aber Sie müssen sich sehr geändert haben; wenn es anders wahr ist, was man sonst noch von Ihnen sagt. -- -- Und was sagt man noch sonsten von mir? -- Daß Sie ehe mals in das Volk vernarrt gewesen; -- Ar nold! -- daß Sie sein Land als den Schutz ort der Freyheit, als das Vaterland der Tu gend, der Erfindung, der Ursprünglichkeit be trachtet -- -- Arnold! -- Itzt wollen Sie nichts mehr davon hören. Nun gut, wir wollen auch nicht mehr davon reden. Sie haben gesagt, der Correspondent, als er ih ren Herrn Vater ganz nacket gesehen, habe sich ausgezogen, und ihn mit seinen Kleidern bedeckt. Das ist recht gut. Aber Sie hätten nicht vergessen sollen, daß einer von seinen Leuten für mich ein gleiches that. Dieses Stillschweigen, mein Herr, dürfte man mir zur Last legen: man sollte mich wohl gar
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einer Undankbarkeit beschuldigen; und das will ich nicht, durchaus nicht. Sie sehen, daß Arnold nicht völlig Ihrer Mei nung war. Er wollte die Scene so haben, wie sie wirklich vorgefallen war. Und Sie wollen sie so, wie sie sich in das Werk schickt. Ich allein habe also Unrecht, weil ich es Ihnen beyden nicht recht gemacht habe. „ Der ihn in dem Innersten eines Kerkers, auf den Lumpen seines Bedienten sterben ließ! Das ist hart. Wie die Laune sich ausdrückt! Es entfährt ei nem Schwermüthigen, der Zeit seines Lebens die Tugend ausgeübet, der noch keinen einzigen glück lichen Augenblick gehabt, und dem man die Unglücks fälle eines rechtschaffnen Mannes erzehlt. „Setzen Sie noch hinzu, daß dieser rechtschaffne Mann vielleicht sein Vater ist, und daß diese Un glücksfälle die Hofnung seines Freundes vernichten, seine Geliebte ins Elend stürzen, und ihm selbst zu einem neuen bittern Verdrusse gereichen. Das wird alles wahr seyn. Aber ihre Feinde?“ Wenn sie jemals mein Werk zu sehen bekommen, so wird das Publicum zwischen ihnen und mir Rich ter seyn. Man wird ihnen hundert Stellen aus dem Corneille, dem Racine, dem Voltaire, dem
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Crebillon anführen, die dem Charakter und der Stellung zu Folge noch weit härtere Dinge enthal ten, und doch niemanden geärgert haben. Sie werden hierauf nichts zu antworten wissen, und man wird es deutlich sehen, was sie selbst so wenig zu verbergen suchen, daß sie nicht von der Liebe des Besten belebt, sondern von dem Hasse gegen die Person verzehret werden. Aber wer ist denn dieser Arnold? Ich finde, daß er für einen Bedienten allzugut spricht; und ich muß Ihnen gestehen, daß in seiner Erzehlung Stellen sind, die Ihrer nicht unwürdig wären. Ich habe es Ihnen schon gesagt. Nichts macht so beredt, als das Unglück. Arnold ist ein Mensch, der Erziehung gehabt hat, der aber in seiner Ju gend, wie ich glaube, ein wenig locker mag gewe sen seyn. Man schickte ihn nach Amerika, wo ihn mein Vater, der sich auf Menschen verstand, zu sich nahm, ihn seinen Angelegenheiten vorsetzte, und recht gut mit ihm fuhr. Aber lassen Sie uns in unseren Anmerkungen fortfahren. Ich glaube bey der Monologe, welche den Aufzug beschließt, ei nen kleinen Strich wahrzunehmen. Sie haben Recht. Was bedeutet er? Das die Monologe schön, aber unaussteh lich lang ist.
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Gut, wir wollen sie kürzer machen. Lassen Sie sehen. Was wollen Sie daraus weglassen? Ich wüßte nicht, was. Gleichwohl ist sie zu lang. Setzen Sie mich, einer Antwort wegen, so sehr in Verlegenheit, als Sie wollen. Sie wer den mir mein Gefühl doch nicht ausreden. Vielleicht. Es sollte mir sehr lieb seyn. Ich will Sie bloß fragen, wie Ihnen die Mo nologe in dem Saale vorgekommen ist? Gut. Aber nun will auch ich Sie etwas fra gen. Wie kömmt es, daß mir das, was mir bey der Vorstellung kurz geschienen hat, bey dem Lesen lang vorkömmt? Dieses kömmt daher, weil ich die Pantomime nicht dazu geschrieben habe, und sie Ihnen nicht wieder beygefallen ist. Wir wissen es noch gar nicht, wie viel Einfluß die Pantomime auf die Ver fertigung und auf die Vorstellung eines dramati schen Werks haben kann. Das kann wohl seyn.
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Und dazu wollte ich wohl wetten, daß Sie mich abermal in Gedanken auf der französischen Bühne, auf dem Theater sehen. Sie glauben also, daß Ihr Werk auf dem Thea ter nicht zum besten ausfallen würde? Schwerlich. Man müßte entweder das Gespräch an verschiednen Stellen lichter machen, oder die theatralische Handlung und die Bühne verändern. Was nennen Sie, die Bühne verändern? Alles wegschaffen, was einen ohnedem schon en gen Ort, noch enger macht. Verzierungen anbrin gen. Im Stande seyn, andere Gemälde auszu führen, als die man seit hundert Jahren gewohnt ist; mit einem Worte Clairvillens ganzen Saal, so wie er ist, auf das Theater zu bringen. Es ist also wohl sehr wichtig, eine eigentliche Bühne zu haben? Ohne Zweifel. Ueberlegen Sie nur, daß das Schauspiel eben so vieler Verzierungen fähig ist, als die Lyrische Bühne; und daß es noch weit an genehmere an die Hand geben würde, weil die be zauberte Welt zwar Kinder vergnügen, der Vernunft aber nur die wirkliche Welt gefallen kann. -- So lange uns noch eine Bühne fehlt, werden wir nichts neues erfinden. Leuten von Genie wird dafür eckeln; und mittelmäßige Verfasser werden, durch eine
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knechtische Nachahmung, Beyfall erhalten. Man wird sich je mehr und mehr an kleine Anständig keiten binden, und der Nationalgeschmack wird vertrocknen. -- -- Haben Sie den Saal zu Lyon gesehen? Man stifte nur ein ähnliches Denkmahl in der Hauptstadt, und es werden eine Menge Ge dichte ans Licht kommen, unter welchen sich leicht auch einige neue Gattungen finden dürften. Ich verstehe Sie nicht. Sie werden mir den Gefallen erweisen, sich näher zu erklären. Das will ich. Schade, daß ich nicht alles, was mir Dorval sagte, und daß ich es nicht so, wie er mir es sagte, werde wieder vorbringen können! Er fing gesetzt an. Er ward nach und nach feurig. Seine Ge danken drengten sich; und endlich ging er mit sol cher Schnelligkeit immer weiter und weiter, daß ich ihm kaum folgen konnte. Folgendes habe ich behalten. Ich möchte gar zu gern (sagte er gleich anfangs) diese furchtsamen Geister, die sich außer dem, was sie wirklich vor sich haben, nichts einbilden können, überreden, daß wenn die Sachen ganz anders wä ren, sie doch nichts weniger damit zufrieden seyn würden; daß sie alsdenn, da das Ansehen der Ver nunft bey ihnen nichts gilt, dasjenige billigen würden, was sie itzt tadeln, so wie sie oft gnug das
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getadelt haben, was sie vorher billigten. -- In den schönen Künsten richtig zu urtheilen, muß man verschiedne seltene Eigenschaften verbinden -- Ein grosser Geschmack setzet einen grossen Verstand vor aus, eine lange Erfahrung, eine rechtschaffne und empfindliche Seele, einen erhabnenGeist, ein et was melancholisches Temperament, und feine sinn liche Werkzeuge. -- Nach einem kurzen Stillschweigen setzte er hinzu. Der dramatischen Dichtungsart eine neue Gestalt zu geben, brauchte ich blos ein recht grosses Thea ter, auf dem man, wenn es der Inhalt des Stücks erforderte, einen grossen Platz mit den anliegenden Gebäuden, als dem Vorhofe eines Pallasts, der Halle eines Tempels, und verschiedene Orte zeigen könnte, die so vertheilt wären, daß zwar der Zu schauer die ganze Handlung sehen könnte, vor den spielenden Personen aber ein Theil davon verborgen bliebe. So war, oder so konnte ehemals die Scene der Eumeniden des Aeschylus seyn. Auf der einen Sei te war ein Platz, wo die wüthenden Furien den Orest suchten, der sich ihren Verfolgungen, wäh rend daß sie geschlummert, entzogen hatte. Auf der andern Seite sahe man den Schuldigen, mit um bundener Stirne, die Füsse einer Bildsäule der Mi nerva umfassen, und sie um Hülfe anflehen. Hier
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wendet sich Orest mit seinen Klagen an die Göttin. Dort toben die Furien; sie gehen, sie kommen, sie laufen. Endlich ruft eine von ihnen: Hier, hier ist die Spur des Blutes, daß der Mörder in seinen Fußtapfen gelassen! -- Ich spür es. -- Ich spür es. -- Sie gehet. Ihre unerbittlichen Schwestern folgen ihr. Sie gelangen von dem Platze, auf wel chem sie sich befanden, in den Schutzort des Orest. Sie umringen ihn, und schreyen, und knirschen vor Wuth, und schütteln ihre Fackeln. Welcher Augen blick des Schreckens und Mitleids, die Bitten und das Winseln des Unglückseligen zugleich mit dem Geschrey und dem fürchterlichsten Toben grausamer Wesen, die ihn aufsuchen, zu vernehmen! Wenn werden wir jemals auf unsern Theatern so etwas ausführen können? Wir können niemals mehr als eine Handlung darauf zeigen, da es in der Natur doch fast beständig begleitende Handlungen giebt, die, wenn sie neben einander vorgestellet würden, einander wechselsweise unterstützen könnten, und so die schrecklichsten Wirkungen hervorbringen müßten. Alsdann würde man in den Schauplatz zu gehen zittern, und doch gleichwohl so schwer daraus weg bleiben können; alsdenn würde der Dichter, statt der kleinen überhin gehenden Rührungen, statt der frostigen Beyfallsbezeugungen, und den wenigen und seltenen Thränen, womit er sich itzt begnügen muß, die Seelen ganz erschüttern, und mit Aufruhr und Schrecken erfüllen können; alsdenn würden
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wir jene Erscheinungen der alten Tragödie, die so sehr möglich sind, und doch so wenig geglaubt wer den, sich wieder eräugnen sehen. Sie erwarten hier zu blos einen Mann von Genie, der die Pantomime mit der Rede zu verbinden, eine redende Scene mit einer stummen abzuwechseln, und aus der Verbin dung dieser beyden Scenen, besonders aber aus der schrecklichen oder komischen Annäherung, die vor diese Verbindung beständig vorher gehen würde, den rechten Nutzen zu ziehen weis. Nachdem die Eumeniden auf der Scene herumgewüthet, gelan gen sie in das Heiligthum, wohin der Schuldige seine Zuflucht genommen, und nun machen beyde Scenen nur eine. Zwey wechselsweise redende und stumme Sce nen. Ich verstehe Sie. Aber die Verwirrung-- Eine stumme Scene ist ein Gemälde, eine beleb te Verzierung. Streitet denn auf dem lyrischen Theater das Vergnügen zu sehen, mit dem Vergnü gen zu hören? Nein -- Aber meinen Sie, daß es so zu ver stehen sey, was man uns von jenen alten Schau spielen erzehlet, wo die Musik, die Declamation, die Pantomime bald verbunden, und bald getrennt waren? Zuweilen. Allein diese Untersuchung würde uns zu weit abführen. Wir wollen bey unserer
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Sache bleiben. Lassen Sie einmal sehen, was noch itzt möglich wäre, und lassen Sie uns ein häußliches und gemeines Exempel dazu wählen. Ein Vater hat seinen Sohn in einem Zwey kampfe verloren. Es ist Nacht. Ein Bedienter, der diesen Zweykampf mit angesehen hat, langt mit dieser Nachricht an. Er tritt in das Zimmer des unglücklichen Vaters; und dieser schläft. Er gehet hin und her. Das Geräusche eines gehenden Men schen, weckt den Vater auf. Er fragt: wer ist da? -- Ich bin es, mein Herr; antwortet ihm der Bediente, mit einer heisern Stimme. -- Nun, was giebt es? -- Nichts. -- Wie, nichts? -- Nein, mein Herr. -- Das kann nicht seyn. Du zitterst. Du wendest das Gesicht weg. Du suchst meinen Blick zu vermeiden. Sage, was giebt es? Ich will es wissen. Rede. Ich befehle es dir. -- Ich sage es Ihnen ja, mein Herr, daß es nichts ist; antwortet ihm der Bediente nochmals, und vergießt Thränen. -- Ach, Unglückseliger! ruft der Vater, und springt von seinem Bette auf. Du betriegst mich. Es muß sich ein grosses Unglück er äugnet haben. -- Ist meine Frau todt? -- Nein, mein Herr. -- Meine Tochter? -- Nein, mein Herr. -- So ist es mein Sohn? -- Der Bedien te schweigt. Der Vater versteht sein Schweigen, und wirft sich zur Erde. Sein Schmerz und sein Geschrey erfüllen das Zimmer. Er thut, er sagt
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alles, was die Verzweiflung einem Vater eingiebt, der seinen Sohn, die einzige Hofnung seines Hauses verlieret. Der nehmliche Bediente läuft zur Mutter. Sie schlief auch. Er reißt die Vorhänge mit Gewalt auf, und sie erwacht. Was ists? fragt sie. -- Madame, das allergrößte Unglück. Itzt wird es sich zeigen, ob Sie eine wahre Christin sind. Ihr Sohn ist dahin! -- Ach Gott! ruft die gebeugte Mutter. Sie faßt ein Crucifix, das neben ihrem Kopfküssen stand, und drückt es an ihre Brust. Sie heftet ihren Mund darauf. Ihre Augen ergies sen sich. Und ihre Thränen benetzen ihren ge kreutzigten Heiland. Das ist das Gemälde der frommen Frau. Bald wollen wir auch das Gemälde der zärtlichen Gattin, und der jammernden Mutter sehen. Eine Seele, in welcher die Religion die Regungen der Natur beherrscht, bedarf einer stärkeren Erschütterung, um ihr die wahre Stimme auszupressen. Unterdessen hatte man den Leichnam des Soh nes in das Zimmer des Vaters gebracht, wobey ei ne Scene der Verzweiflung vorgefallen war, indem bey der Mutter eine Pantomime von Gottesfurcht vorging. Sie sehen, wie die Pantomime und die Decla mation wechselsweise den Ort verändern. Und das
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ist es, was man anstatt unserer Seitab einführen sollte. Doch der Augenblick der Vereinigung bey der Scenen erscheinet. Die Mutter, von dem Be dienten geführet, nahet sich dem Zimmer ihres Ge mahls. -- Ich frage Sie, wie wird es während dieser Annäherung mit dem Zuschauer aussehen? -- Es ist ihr Gemahl, es ist der Vater, der auf dem Leichnam seines Sohnes liegt, der der Mutter auf einmal in die Augen fallen wird! -- Nun hat sie den Raum, der beyde Scenen trennet, zurückgelegt. Ein klägliches Geschrey ist in ihren Ohren erschollen. Sie hat gesehen. Sie wirft sich zurück. Die Kraft verläßt sie, und sie fällt ohne Empfindung ihrem Begleiter in die Arme. Bald wird ihr Mund sich mit Aechzen und Schluchzen erfüllen.Tum ve rae voces. Es fallen bey dieser Handlung wenig Reden vor; ein Mann von Genie aber, der die leeren Zwischen räume ausfüllen sollte, würde blos einige Mono syllaba einstreuen. Hier wird er eine Ausrufung, und da eine angefangene Redensart hinwerfen. Sel ten wird er sich eine zusammenhangende Rede er lauben, wenn sie auch noch so kurz wäre. Das heißt Tragödie! Allein zu dieser Gattung gehören Verfasser, gehören Schauspieler, gehöret ein Theater, und vielleicht auch ein Volk. Wie? Sie wollten in einer Tragödie ein Ru hebette haben; einen schlafenden Vater, eine schla
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fende Mutter; ein Crucifix: einen Leichnam; zwey abwechselnd stumme und redende Scenen! Und die Wohlanständigkeit!
-- Ah, grausame Wohlanständigkeit, wie geziemend machst du unsere dramatische Werke, und wie klein! -- Aber, setzte Dorval mit einem kalten Blute hinzu, das mich ganz stutzig machte, so läßt sich das, was ich vorschlage, itzt nicht mehr thun? Ich glaube nicht, daß wir es jemals dahin bringen werden. Nun wohl, so ist alles verloren! Corneille, Raci ne, Crebillon, Voltaire haben den allerhöchsten Beyfall erhalten, auf welchen ein Mann von Genie Anspruch machen kann; und die Tragödie ist unter uns zu den höchsten Stuffen der Vollkommen heit gelangt. Indem Dorval dieses sagte, machte ich eine sehr sonderbare Anmerkung; darüber nehmlich, daß er, bey Gelegenheit eines häußlichen Zufalls, den er in eine Komödie verwandelt, zwar Regeln festgesetzet, die allen dramatischen Gattungen gemein sind, von seiner Melancholie aber dahingerissen, sie blos auf das Trauerspiel angewendet habe. Nachdem er einen Augenblick inne gehalten, fuhr er weiter fort: Eine Hoffnung ist unterdessen noch übrig. Viel leicht nehmlich, daß ein Mann von Genie ein
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mal die Unmöglichkeit fühlet, seine Vorgänger auf dem gebahnten Wege zu übertreffen, und aus Ver druß darüber einen andern Weg einschlägt. Das ist der einzige Zufall, der uns von verschiedenen Vorurtheilen befreyen könnte, welche die Philoso phie vergebens bestritten hat. Wir brauchen keine Gründe mehr; wir brauchen ein Muster. Wir haben eines. Und das wäre? -- Sylvia, ein prosaisches Trauerspiel in ei nem Aufzuge. Ich kenne es. Es ist der Eifersüchtige, tragisch bearbeitet. Es ist das Werk eines Mannes, wel cher denkt und empfindet. „Die Scene öfnet sich mit einem vortreflichen Gemälde. Es ist das Innerste eines Zimmers, von welchem man weiter nichts, als die Mauern sieht. Zu hinterst des Zimmers stehet auf einem Tische ein Licht, ein Krug mit Wasser, und ein Brod. Das ist der Aufenthalt, das ist die Nah rung, die ein eifersüchtiger Ehemann seiner un schuldigen Frau, deren Tugend er in Verdacht hat, auf ihre ganze übrige Lebenszeit bestimmet. Nun stellen Sie sich diese Frau in Thränen, vor diesem Tische vor -- Stellen Sie sich Made moiselle Gaussin vor --
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Und Sie, schliessen Sie nun von diesem Ge mälde, auf die Wirkung der Gemälde überhaupt. Das Stück hat noch andere dergleichen Züge, die mir gefallen haben. Es ist hinreichend, einen Men schen von Genie zu erwecken; allein das Volk zu bekehren, dazu bedürfte es noch eines andern Werks. Bey dieser Stelle rief Dorval aus: O du, der du noch alle Hitze des Genies in einem Alter be sitzest, in welchem andern kaum eine frostige Ver nunft mehr übrig ist, warum kann ich nicht an dei ner Seiten, warum kann ich nicht deine Eumenide seyn? Ich wollte dir ohne Unterlaß zusetzen; du müßtest dieses Werk machen: ich wollte dich an die Thränen erinnern, die uns die Scene des ver schwendrischen Sohnes mit seinem Bedienten aus gepreßt hat; und wenn du uns dann verliessest, so würdest du uns wenigstens nicht das ungestillte Ver langen noch einer Gattung hinterlassen, dessen Ur heber du seyn könntest. Und diese Gattung, wie würde sie heissen? Das häusliche oder bürgerliche Trauerspiel. Die Engländer haben den Kaufmann von London und den Spieler, beydes prosaische Trauerspiele. Die Tragödien des Shakespear sind halb in Versen, halb in Prosa. Der erste Dichter, der uns in Pro sa zu lachen machte, führte die Prosa in der Komö
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die ein. Der erste Dichter, der uns in Prosa wird zu weinen machen, wird die Prosa in die Tragö die einführen. In der Kunst aber hängt alles, so wie in der Natur, zusammen; so bald man sich dem Wahren auf einer Seite nähert, nähert man sich ihm zugleich auf verschiednen andern. Alsdenn werden wir auf der Scene eine Menge natürlicher Stellungen er blicken, welche die Wohlanständigkeit, diese Feindin des Genies und aller grossen Wirkungen, davon verbannt hat. Ich will unsern Franzosen unabläs sig zurufen: die Wahrheit! die Natur! die Alten! Sophokles! Philoktet! Der Dichter hat ihn vor dem Eingange seiner Höhle liegend, und mit zerris senen Lumpen bedeckt, auf der Bühne gezeigt. Er läßt ihn sich herumwälzen. Er läßt ihn einen An fall seiner Schmerzen bekommen. Er läßt ihn schrey en. Er läßt ihn unarticulirte Töne von sich geben. Die Verzierung war wild; keine von den artigen Ausstaffirungen, in dem ganzen Stücke. Wahre Kleider; wahre Reden; eine einfache und natürliche Verwicklung. Unser Geschmack müßte sehr verderbt seyn, wenn uns dieser Anblick nicht weit mehr rühr te, als der Anblick einer reichgekleideten, ausge schmückten Person -- Die nur eben von ihrem Putztische zu kom men scheinet --
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Und mit gemessenen Schritten auf der Bühne hin und her spatzieret, und mit nichts, als was Horazampullas & sesquipedalia verba nennet, mit nichts als Sentenzen, Blasen und ellenlangen Wor ten um sich wirft. Wir haben es an nichts fehlen lassen, das Dra ma aus dem Grunde zu verderben. Wir haben von den Alten die volle prächtige Versification bey behalten, die sich doch nur für Sprachen von sehr abgemessenen Quantitäten, und sehr merklichen Accenten, nur für weitläuffige Bühnen, nur für eine in Noten gesetzte und mit Instrumenten beglei tete Declamation so wohl schicket; ihre Einfalt aber in der Verwicklung und dem Gespräche, und die Wahrheit ihrer Gemälde haben wir fahren lassen. Die grossen Socken, die hohen Halbstiefel, die riesenmäßigen Kleider, die Masken, die Sprach röhre will ich zwar nicht wieder auf die Bühne brin gen, obgleich alle diese Dinge nichts als nothwen dige Theile eines gewissen theatralischen Systems waren. Aber sollte denn dieses System keine andere schätzbare Seiten haben? Und hielten Sie es wohl für dienlich, daß man einem Genie itzt noch Fesseln anlegte, da ihm ohnedem schon eine von den größ en Aufmunterungen fehlet? Was für eine Aufmunterung? Der Zulauf von unzähligen Zuschauern.
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Eigentlich zu reden, haben wir ganz und gar keine öffentlichen Schauspiele mehr. Welche Ver gleichung zwischen unsern Versammlungen in dem Schauplatze, auch wenn sie am allzahlreichsten sind, und den Versammlungen des Volks zu Athen und zu Rom? Die alten Theater faßten an die vier und zwanzig tausend Bürger. Die Bühne des Scaurus war mit drey hundert und sechzig Säulen, und mit drey tausend Statuen ausgezieret. Man brachte bey Aufführung dieser Gebäude alle mögliche Hülfsmittel an, daß sich die Instrumente und die Stimmen mehr ausnehmen sollten. Man hatte die Idee dazu von einem grossen Instrumen te genommen.Uti enim organa aeneis laminis aut corneis &c. ad chordarum, sonituum claritatem perficiuntur. Sic theatrorum per harmonicen, ad augendam vocem, ratiocinationes ab antiquis sunt constitutæ. Hier unterbrach ich Dorvaln, und sagte zu ihm: ich hätte Ihnen ein kleines Abentheuer, unsere Schauplätze betreffend, zu erzehlen. Ich will Sie daran erinnern, antwortete er mir und fuhr fort. Schliessen Sie die Gewalt einer grossen Menge Zuschauer aus dem, was Sie von der wechselseiti gen Wirkung eines Menschen auf den andern, und von der Mittheilung der Leidenschaften bey einem
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Aufruhre des Pöbels, von selbst wissen werden. Vierzig bis funfzig tausend Menschen halten sich nicht aus Anständigkeit in Schranken. Und wenn es geschähe, daß einer von den größten Männern des Staats eine Thräne fallen liesse, was meinen Sie wohl, welche Wirkung sein Schmerz auf die übrigen Zuschauer haben würde? Kann in der Welt etwas pathetischeres seyn, als der Schmerz eines ehrwürdigen Mannes? Der Mensch, dessen Empfindung durch die gros se Anzahl derjenigen, die daran Theil nehmen, nicht steiget, muß irgend ein heimliches Laster ha ben; es findet sich in seinem Charakter etwas, ich weis selbst nicht, wie ich es nennen soll, etwas ein siedlerisches, das mir nicht gefällt. Wenn aber der Zulauf einer grossen Menge Men schen schon die Rührung des Zuschauers vermehret, welchen Einfluß sollte er nicht vollends auf die Verfas ser, auf die Schauspieler haben? Welcher Unter schied, zwischen heut oder morgen einmal, ein Paar Stunden, einige hundert Personen, an einem fin stern Orte zu unterhalten; und die Aufmerksamkeit eines ganzen Volks, an seinen feyerlichsten Tagen, zu beschäftigen, in Besitz seiner prächtigsten Gebäude zu seyn, und diese Gebäude mit einer unzählbaren Menge umringt und erfüllt zu sehen, deren Ver gnügen oder Langeweile von unsern Talenten ab hangen soll?
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Sie schreiben blossen Umständen des Orts sehr viel Wirkung zu. Nicht mehr, als sie auf Mich haben würden; und ich glaube, meine Empfindung ist richtig. Ihre Reden aber sollten einen fast auf die Ge danken bringen, diesen Umständen eben müsse man es zuschreiben, daß sich die Poesie und das Em phatische auf dem Theater erhalten haben, wo sie ihnen nicht gar ihre Einführung auf demselben schuldig sind. Ich verlange nicht, daß man diese Muthmassung einräumen soll. Ich wollte nur, daß man sie un tersuchte. Ist es nicht wahrscheinlich, daß die gros se Menge Zuschauer, die alle hören sollten, ohnge achtet des verwirrten Getöses, das sie beständig, auch wenn sie am aufmerksamsten sind, machen, daß dieses, sage ich, vornehmlich Anlaß gegeben, die Stimmen zu erheben, die Sylben abzusetzen, die Aussprache zu unterstützen, und die Nützlichkeit der Versification zu merken? Horaz sagt von dem dramatischen Verse:Vincentem strepitus & natum rebus agendis. Er schickt sich sehr wohl zur Hitze der Handlung, und man kann ihn, trotz allem Ge räusche, deutlich hören. Mußte sich aber die Ueber treibung nicht nothwendig zu gleicher Zeit, und aus der nehmlichen Ursache, auf den Gang, auf die Ge behrden und auf die übrigen Theile der Handlung
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erstrecken? Und daher entstand denn die Kunst, die man Declamation hieß. Dem sey nun wie ihm wolle; die Poesie mag die theatralische Declamation veranlaßt haben; oder die Nothwendigkeit dieser Declamation mag die Poesie und das Emphatische auf der Bühne eingeführet haben; oder das ganze System mag nach und nach entstanden seyn, und sich durch die Ersprießlichkeit seiner Theile erhalten haben: so ist doch so viel gewiß, daß alles, was die dramatische Action ungeheueres hat, zugleich mit einander entstehet, und zugleich mit einander verschwindet. Der Schauspieler muß auf der Scene entweder nichts, oder muß alles übertreiben. Es giebt eine Art von Einheit, die man suchet, ohne es selbst zu wissen, und bey der man fest hält, wenn man sie einmal gefunden hat. Diese Einheit beobachtet man in der Kleidung, in dem Tone, in den Gebehrden, in dem ganzen Betragen, von der Kanzel an bis auf die Gaucklerbuden. Betrachten Sie einmal einen Zahnarzt auf dem Dauphinen platze; er hat alle mögliche Farben um und an sich; seine Finger strotzen von Ringen; eine grosse rothe Feder wallet um seinen Hut; er führet einen Affen oder einen Bär mit sich herum; er stehet in seinen Steigbügeln; er schreiet aus vollem Halse; er ge sticulirt auf die allerübertriebenste Art: und das alles ist dem Orte, dem Redner, und seinen Zu hörern angemessen. Ich habe das dramatische Sy
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stem der Alten ein wenig studieret. Ich denke Sie einmal davon zu unterhalten; Ihnen ohne Parthey lichkeit sein Wesen, seine Mängel und seine Vor theile vor Augen zu legen; und Ihnen zu zeigen, daß seine Bestreiter es nicht hinlänglich genug er wogen haben. -- Aber das Abentheuer, das Sie mir, unsere Schauplätze betreffend, erzehlen wollten? Es war dieses. Ich hatte einen Freund, der ein wenig ein Wildfang war. Er zog sich in der Provinz einen ernstlichen Handel zu; er mußte sich vor den Folgen, die er nach sich ziehen konnte, in Acht nehmen, und nahm seine Zuflucht in die Hauptstadt, wo er sich bey mir aufhielt. Eines Tages, da gespielet ward, schlug ich meinem Ge fangenen, um ihn ein wenig aufzuheitern, vor, den Schauplatz zu besuchen. Ich weis nicht mehr, welchen von den dreyen. Es thut zu meiner Ge schichte nichts. Mein Freund ließ sich den Vorschlag gefallen. Ich führe ihn. Wir langen an: bey Er blickung aber der hin und wieder gestellten Wachen, der kleinen dunkeln Pförtchen, die statt des Ein ganges dienen, und des mit einem eisernen Gat ter verwahrten Loches, aus welchem die Billets gegeben werden, bildete sich der junge Mensch ein, er sey bey einem Zuchthause und man habe den Befehl, ihn da einschliessen zu lassen, ausge wirkt. Da es ihm nicht an Herz fehlt, so blieb er festen Fusses stehen; grif mit der Hand nach
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seinem Degen; warf einen zornigen Blick auf mich, und rief mit einem Tone, der Wuth und Verach tung verrieth: Ah, mein Freund! Ich verstand ihn. Ich besänftigte ihn wieder; und Sie müs sen bekennen, daß sein Irrthum nicht übel ange bracht war. --
Aber wie weit sind wir in unserer Untersuchung? Da Sie mich beständig abbringen, so werden Sie mich hoffentlich auch wieder ins Gleis lenken. Wir sind in dem vierten Aufzuge, bey Ihrer Scene mit Theresien. -- Ich erblicke nur einen einzigen Strich mit dem Bleystifte; er geht aber von Anfange bis zu Ende. -- Was hat Ihnen daran mißfallen? Vors erste, der Ton. Er scheinet mir für ein Frauenzimmer zu hoch. Für ein gemeines Frauenzimmer; ich glaube es. Aber Sie werden Theresien kennen lernen, und vielleicht werden Sie die nehmliche Scene als denn noch unter ihr finden. Es kommen Ausdrücke und Gedanken darinn vor; die sich mehr von Ihnen, als von ihr herschreiben. Das kann nicht anders seyn. Wir entlehnen unsere Ausdrücke, unsere Ideen, von denjenigen Personen, mit welchen wir umgehen und leben.
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Nach dem wir sie mehr oder weniger hochachten (Theresiens Hochachtung aber besaß ich ganz), nimmt unsere Seele auch mehr oder weniger von der ihrigen an. Mein Charakter hat sich freylich in ihrem Charakter spiegeln müssen; so wie ihrer sich in Rosaliens. Und die Länge? Mit einmal sind Sie wieder auf der Bühne! Das ist Ihnen lange nicht begegnet. Sie sehen uns, mich und Theresien, in Gedanken auf dem hölzern Gerüste, wo wir sein gerade neben einander stehen, uns von der Seite anschielen, und Frage und Antwort wechselsweise hersagen. Ging es denn aber so in dem Saale zu? Bald sassen wir; bald standen wir. Manchmal gingen wir auch herum. Nicht selten hielten wir inne, und eilten mit einem Auftritte, der uns beyde gleich sehr interessirte, nichts weniger als zu Ende. Was sagte sie mir nicht al les? Was antwortete ich ihr nicht alles? Wenn Sie wüßten, was sie alles für Wendungen genom men, diese widerspänstige Seele, die sich vor der Vernunft verschloß, zu überreden und zu beruhigen! Dorval, Ihre Töchter werden tugendhaft und sittsam seyn. Ihre Kinder insgesamt werden lie benswerth seyn. -- Ich kann es Ihnen unmög lich beschreiben, welche Zauberkraft in diesen Wor ten und in diesem damit verknüpften Lächeln lag, das so voller Zärtlichkeit, so voller Würde war!
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„Ich verstehe Sie. Ich höre diese Worte aus dem Munde der Mademoiselle Clairon; ich sehe sie. Nein, niemand als das Frauenzimmer besitzet diese geheime Kunst. Wir sind nichts als harte und trockene Vernünftler. Ist es nicht besser, sagte Sie unter andern, Undank zu veranlassen, als gar nicht wohl zu thun? Manche Aeltern tragen zu ihren Kindern eine unruhige und kleinmüthige Liebe, durch die sie verdorben werden. Es giebt aber ei ne andere aufmerksame und ruhige Liebe, die sie zu rechtschaffnen Leuten macht; und das ist die wahre väterliche Liebe. Der Eckel an allem, woran die Menge ihr Vergnügen findet, ist eine Folge des wirk lichen Geschmacks an der Tugend. Es giebt ein moralisches Gefühl [] [], das sich auf alles erstreckt, und das der Laster hafte nicht hat. Der glücklichste Mensch ist derjenige, der die mehresten glücklich macht. Ich wollte, daß ich todt wäre: ist ein gewöhnlicher Wunsch, der es wenigstens manchmal beweiset, es müsse sich noch etwas kostbarers, als das Leben, finden.
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Ein ehrlicher Mann, wird selbst von de nen, die es nicht sind, verehret, und wenn er schon in einem andern Planeten wäre. Die Leidenschaften zernichten mehr Vor urtheile als die Weltweisheit. Und wie könn te ihnen die Unwahrheit auch widerstehen? Sie erschüttern ja wohl manchmal die Wahr heit selbst. Sie sagte mir noch einen andern Gedanken, der in der That zwar ganz simpel, meiner gegen wärtigen Verfassung aber so angemessen war, daß ich darüber erschrack. Daß es nehmlich keinen Menschen in der Welt gäbe, er möge so rechtschaffen seyn, als er wolle, der, bey dem gewaltsamen An falle einer Leidenschaft, nicht in dem Inner sten seines Herzens, die Ehre der Tugend und die Vortheile des Lasters begehre. Ich erinnerte mich dieser Gedanken sehr wohl; allein auf ihre Verbindung konnte ich mich nicht besinnen, und so mußte ich sie aus dem Auftritte weglassen. Was sich unterdessen noch darinn fin det, und was ich Ihnen itzt davon gesagt habe, wird hoffentlich gnugsam zeigen können, daß The resia zu denken gewohnt ist. Sie fesselte mich auch ganz; indem ihre Vernunft alles, was ich ihr in meiner Laune entgegensetzte, wie Staub zerstreute.
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Ich sehe in dieser Scene eine Stelle, die ich unterstrichen habe; ich weis aber nicht mehr weswegen. Lesen Sie doch die Stelle. Ich las: Unter allen Beyspielen fesselt das Beyspiel der Tugend am stärksten, weit stärker, als das Beyspiel des Lasters. Ich merke wohl. Die Maxime hat Ihnen falsch geschienen. So ist es. Ich übe die Tugend nur wenig aus, sagte mir Dorval, aber niemand wird sich leicht eine höhere Vorstellung davon machen. Ich betrachte die Wahr heit und die Tugend, als zwey grosse auf der Fläche der Erden errichtete Bildsäulen, die, mitten unter den Verwüstungen und den Trümmern aller Dinge um sie her, unerschüttert stehen geblieben. Diese grossen Figuren sind oft in Wolken verhüllet. Und dann tappen die Menschen in der Finsterniß herum. Es sind dieses die Zeiten der Unwissenheit, des Lasters, des Fanatismus und der Eroberungen. Al lein der Augenblick kömmt, da sich das Gewölke zertheilet, und dann fallen die Menschen nieder, erkennen die Wahrheit und beten die Tugend an. Alles vergehet; nur Tugend und Wahrheit bleiben.
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Ich erkläre die Tugend durch den Geschmack an Ordnung in sittlichen Dingen. Der Geschmack an Ordnung überhaupt, beherrschet uns von unse rer zartesten Kindheit an. Er ist weit älter in un serer Seele, sagte Theresia zu mir, als alle Ueber legung: und so setzte sie mich mir selbst entgegen. Er wirket in uns, ohne daß wir es merken. Er ist der Keim der Rechtschaffenheit, und des guten Geschmacks. Er führet uns zum Guten an, so lan ge ihn keine Leidenschaft im Zwange hält. Er folgt uns bis in unsere Ausschweifungen nach; denn auch da richtet er die Mittel nach ihrem Zwecke ein, nur daß dieser Zweck ein Uebel ist. Wenn er jemals erstickt werden könnte, so würde es Menschen geben, welchen die Tugend Gewissensbisse machte, derglei chen bey andern das Laster verursachet. So oft ich einen Bösewicht sehe, der einer heroischen That fä hig ist, so oft werde ich aufs neue überzeugt, daß die Bösen bey weitem nicht wirklich so böse sind, als die Guten wirklich gut sind; daß die Güte un zertrennlicher mit uns verbunden ist, als die Bos heit; und daß, überhaupt zu reden, mehr Güte in der Seele eines Bösewichts, als Bosheit in der Seele eines Guten, übrig bleibt. Uebrigens merke ich wohl, daß man die Mo ral eines Frauenzimmers nicht so untersuchen muß, als die Maximen eines Philosophen. -- Ah, wenn Theresia das hörte!
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Aber ist diese Moral für die dramatische Dich tungsart nicht ein wenig zu stark? Horaz verlangte, ein Poet solle seine WissenschaftWissen chaft aus den Werken des Sokrates schöpfen:Rem tibi Socraticæ poterunt ostendere chartæ. Nun glaube ich, daß man in jedem Werke, es mag von einer Art seyn von welcher es will, den Geist des Jahrhunderts müsse wahrnehmen können. Wenn die Moral sich reiniget; wenn die Vorurtheile ab nehmen; wenn die Geister einen Hang zum allge meinen Wohlwollen bekommen; wenn der Geschmack an nützlichen Dingen sich ausbreitet; wenn das Volk sich um die Angelegenheiten des Staats be kümmert: so muß man Spuren davon, auch sogar in einer Komödie, finden. Dem allen, was Sie mir hier sagen, ohnge achtet, bestehe ich auf meinem Sinne. Ich finde den Auftritt sehr schön, und sehr lang. Ich ver ehre Theresien darum nichts weniger. Ich bin ent zückt, daß es in der Welt eine Frau giebt, wie sie, und daß diese Frau die Ihrige ist. -- „Die Striche mit dem Bleystifte verschwinden nach und nach. Hier sehe ich gleichwohl noch einen. Clairville hat sein Schicksal in Ihre Hände ge geben. Er hat Ihren Entschluß nunmehr erfah ren. Die Aufopferung Ihrer Leidenschaft ist ge schehen. Die Aufopferung Ihres Vermögens ist
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beschlossen. Clairville und Rosalin werden durch Ihre Großmuth wieder reich. Verhehlen Sie die sen Umstand vor ihrem Freunde, ich bin es zufrie den; aber warum peinigen Sie ihn noch durch ih re Vorstellung von Hindernissen, die keine Hin dernisse mehr sind? Ich weis wohl, das bringt Sie auf das Lob der Handelschaft. Dieses Lob ist sehr vernünftig. Es erweitert den Unterricht und die Nützlichkeit des Werks. Allein es verlängert auch, und ich würde es daher unterdrücken.Am bitiosa recidet ornamenta.
Ich sehe, antwortete mir Dorval, daß Sie sehr glücklich geboren sind. Es giebt nach einer heftigen Anstrengung eine Art von Erhohlung, die man sich unmöglich verweigern kann, und die auch Ihnen gewiß nicht unbekannt seyn würde, wenn Ihnen die Ausübung der Tugend jemals schwer geworden wä re. Sie haben niemals nöthig gehabt, wieder zu Athem zu kommen. -- Ich genoß meines Sieges. Ich lockte aus dem Herzen meines Freundes die al lerrechtschaffensten Gesinnungen hervor. Er erschien mir dessen, was ich für ihn gethan hatte, immer würdiger. Und gleichwohl kömmt Ihnen mein Be tragen dabey nicht natürlich vor? Erkennen Sie an diesen Merkmahlen vielmehr den Unterschied zwischen einer erdichteten, und einer wirklich geschehenen Begebenheit.
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Sie können Recht haben. Aber sagen Sie mir, sollte Rosalia diese Stelle in dem ersten Auf tritte des vierten Aufzuges, nicht erst nach der Hand hinzugesetzt haben? Geliebter, der mir ehemals so theuer war! Clairville, den ich noch immer hochschätzeet cetera Sie haben es errathen. Fast ist mir nun nichts mehr übrig, als Ihr Lob. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie zu frieden ich mit der dritten Scene des fünften Auf zuges bin. Ehe ich sie las, sagte ich zu mir selbst: Er nimmt sich vor, Rosalien anderes Sinnes zu machen. Der Vorsatz könnte nicht toller seyn; aber er ist ihm mit Theresien nicht gelungen, und wird ihm mit der andern noch weniger gelingen. Was kann er ihr sagen, wodurch ihre Hochachtung und ihre Zärtlichkeit nicht noch zunehmen müßte? Ich will unterdessen doch sehen. Ich las; und ich blieb überzeugt, daß jedes andere Frauenzimmer, in der noch einige Spuren der Rechtschaffenheit übrig gewesen wären, eben so gut als Rosalia, ihren Sinn hätte ändern und ihren ersten Gelieb ten wieder annehmen müssen. Und so begriff ich, daß man das menschliche Herz, durch Wahrheit, durch Rechtschaffenheit, und durch Beredsamkeit zu allem in der Welt bringen könne.
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Aber wie kömmt es, da der Inhalt Ihres Stückes nicht erdichtet ist, daß gleichwohl die aller kleinsten Zufälle darinn vorbereitet sind? Die dramatische Dichtkunst bereitet die Zufälle blos vor, um sie mit einander zu verbinden; und sie verbindet sie blos darum in ihren Werken, weil sie in der Natur verbunden sind. Die Kunst erstreckt sich mit ihrer Nachahmung sogar bis auf die Fein heit, mit welcher die Natur die Verbindung ihrer Wirkungen vor unsern Augen verbirgt. Die Pantomime, wie mich dünkt, würde manchmal auf eine sehr natürliche und ungezwun gene Weise vorbereiten. Ohne Zweifel; und es findet sich ein Beyspiel hiervon in dem Stücke. Indem uns Arnold die Un glücksfälle seines Herrn erzehlte, fiel mir mehr als hundertmal der Gedanke ein, er müsse von meinem Vater reden; und ich verrieth diese Unruhe durch Bewegungen, aus welchen ein aufmerksamer Zu schauer leicht den nehmlichen Verdacht hätte schö pfen können. Dorval, ich muß Ihnen nichts verschweigen. Ich habe von Zeit zu Zeit Ausdrücke bemerkt, die auf dem Theater nicht gebräuchlich sind. Die sich aber niemand aufzumutzen unterstehen würde, wenn sie ein angesehener Schriftsteller ge braucht hätte.
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Andere führet zwar die ganze Welt im Munde, sie kommen in den Werken unsrer besten Verfasser vor, und würden sich unmöglich verändern lassen, ohne den Gedanken zu verderben; aber Sie wissen wohl, daß die Sprache des Schauspiels sich immer mehr und mehr reiniget, je mehr sich die Sitten eines Volks verschlimmern; und daß sich das La ster eine eigene Mundart macht, die sich nach und nach ausbreitet, und die man wissen muss, weil man die Ausdrücke,deren es sich einmal bemäch tiget hat, nicht ohne Gefahr gebrauchen kann. Was Sie da sagen; ist sehr wohl angemerkt. Nur möchte ich noch gern wissen, wie weit sich die se Gefälligkeit gegen das Laster erstrecken soll. Wenn die Sprache der Tugend immer ärmer wird, je wei ter sich die Sprache des Lasters ausbreitet, so wird man bald kein Wort mehr reden können, ohne et was anstössiges zu sagen. Ich, meines Theils glaube, daß es tausend Gelegenheiten giebt, bey welchen die Verachtung dieser Art von Eingriffen, deren sich das Laster unterfängt, dem Geschmacke, und den Sitten eines Mannes Ehren machen würde. Ich merke schon in dem gemeinen Leben, daß wenn es sich jemand einkommen lässt, ein gar zu zärtliches Ohr zu zeigen, man statt seiner roth wird. Soll die französische Bühne diesem Exempel nicht eher folgen, als bis ihr Wörterbuch eben so einge schränkt ist, als das Wörterbuch des lyrischen Thea
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ters, und die Anzahl der anständigen Ausdrücke eben so klein geworden ist, als die Anzahl der musi kalischen? Und das sind die Anmerkungen alle, die ich Ihnen über die stückweise Ausführung Ihres Wer kes zu machen hatte. In Ansehung des Planes aber, finde ich einen Fehler. Vielleicht ist er von dem Inhalte nicht zu trennen. Sie mögen darüber urtheilen. Es herrschet ein doppeltes, ganz ver schiedenes Interesse darinn. Vom ersten Aufzuge bis zu Ende des dritten, herrschet das Interesse der unglücklichen Tugend; und in den beyden letz ten, das Interesse der siegenden Tugend. Von Rechts wegen, wie es sich denn auch ganz leicht würde haben thun lassen, hätte der Tumult un terhalten und die Probe und das Ungemach der Tugend verlängert werden müssen. Zum Exempel. Vom Anfange des Stücks bis zum vierten Auftritte des dritten Aufzuges, bliebe alles, wie es ist. Itzt erfährt Rosalia, daß Sie Theresien heyrathen; sie fällt für Schrecken in Ohnmacht, und sagt in ihrem Verdrusse zu Clair villen: Lassen Sie mich -- Sie sind mir ver haßt -- Und nun müßte Clairville Verdacht schöpfen; Sie müßten gegen einen ungestümen Freund, der Ihnen, ohne es zu wissen, das Herz durchbohret, unwillig werden; und so müßte sich der dritte Aufzug schliessen.
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Hören Sie nunmehr, wie ich den vierten Auf zug einrichten würde. Den ersten Auftritt lasse ich ohngefehr, so wie er ist. Nur hinterbringt Justi ne Rosalien, daß ein Bothe von ihrem Vater an gekommen sey, der mit Theresien insgeheim gespro chen habe, und daß er allem Ansehen nach, schlim me Nachrichten bringen müsse. Nach diesem Auf tritte schalte ich den zweyten Auftritt des dritten Aufzuges ein, wo sich Clairville Rosalien zu Füs sen wirft, und sie zu erweichen sucht. Theresia kömmt dazu. Sie bringt Arnolden mit. Man fragt ihn. Rosalia erfährt das ihrem Vater zuge stossene Unglück. Sie sehen leicht, wie das Uebri ge ohngefehr lauffen würde. Indem Clairvillens und Rosaliens Leidenschaft immer mehr und mehr gereitzet und aufgebracht würde, würden auch Sie immer in größere und größere Verwirrungen ge rathen. Sie würden von Zeit zu Zeit versucht werden, alles zu gestehen. Und vielleicht hätten Sie es auch endlich gestanden. Ich verstehe Sie. Aber das ist unsere Geschich te nicht mehr. Und was würde mein Vater dazu gesagt haben? Sind Sie es denn übrigens auch ganz gewiß überzeugt, daß das Stück dadurch ge wonnen hätte? Indem Sie mich so zu den schreck lichsten Extremitäten gebracht hätten, würden Sie aus einer ganz einfachen Begebenheit ein sehr ver wickeltes Stück gemacht haben. Ich würde theatra lischer geworden seyn --
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Und mehr nach dem gemeinen Schlage; es ist wahr. Aber das Stück würde sich einen gewis sen Beyfall haben versprechen können -- Von so einem kleinen Geschmacke es auch gezeigt hätte; ich glaube wohl. Es wäre ganz gewiß viel leichter gewesen, hätte aber auch, wie ich glaube, weniger Wahrheit und wirkliche Schönheit gehabt, die Verwirrung fortzusetzen, als sich in der Ruhe zu erhalten. Bedenken Sie, daß alsdenn erst die Opfer der Tugend anfangen, und eines das andere nach sich ziehet. Betrachten Sie, wie gut die er habenen Reden und die starken Scenen, auf die pathetischen Stellungen folgen. Unterdessen bleibet, mitten in dieser Ruhe, Theresiens, Clairvillens, Rosaliens Schicksal, und mein Schicksal noch im mer ungewiß. Man weiß, was ich mir vornehme. Es hat aber gar nicht das Ansehen, daß es mir gelingen werde. Mit Theresien gelingt es mir auch wirklich nicht; und es ist noch weit unwahrschein licher, daß ich mit Rosalien glücklicher seyn sollte. Welche wichtige Begebenheit würde in dem Plane, den Sie mir vorschlagen, diese zwey Scenen ersetzt haben? Ich wüßte keine. Noch eine einzige Frage habe ich an Ihnen zu thun. Sie betrift die Gattung, unter welche ihr Stück gehöret. Es ist keine Tragödie. Es ist keine Komödie. Was ist es denn also? Und was für einen Namen soll man ihm beylegen?
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Was Sie für einen wollen. Doch, wenn es Ihnen nicht zuwider ist, so können wir es morgen untersuchen, welcher sich dazu am besten schi cken würde. Und warum nicht heute? Ich muß Sie verlassen. Ich habe zwey Pächter aus der Nachbarschaft rufen lassen, die vielleicht schon seit einer Stunde auf mich zu Hause warten. Giebt es wieder einen Proceß beyzulegen? Nein. Es betrift dasmal etwas anders. Der eine von diesen Pächtern hat eine Tochter. Der andere hat einen Sohn. Diese Kinder lieben sich. Allein das Mädchen ist reich; und der junge Mensch hat nichts. Und Sie? Sie wollen die Aeltern vergleichen und die Kinder zufrieden stellen? Leben Sie wohl, Dorval. Morgen, an dem nehmlichen Orte.
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Dritte Unterredung.

Des Tages drauf umzog sich der Himmel. Ei ne Wolke, die das Wetter heranführte, und den Donner in ihrem Schoosse trug, blieb über dem Hügel stehen, und deckte ihn mit Dunkel. Aus dem Gesichtspunkte, in welchem ich mich befand, schienen die Blitze in diesem Dunkel zu entstehen, und sich wieder darein zu verlieren. Die Wipfel der Eichen waren in Bewegung. Das Getöse der Win de mischte sich in das Geräusche der Wasser. Der zürnende Donner wandelte zwischen den Bäumen. Meine Einbildungskraft, die durch geheime Aehn lichkeiten gelenket ward, zeigte mir, mitten in die ser dunkeln Scene, Dorvaln, so wie ich ihn, den Abend vorher, in den Entzückungen seines Enthu siasmus gesehen hatte; und ich glaubte seine har monische Stimme sich über Winde und Donner erheben zu hören. Unterdessen verzog sich das Ungewitter. Die Luft ward um so viel reiner, der Himmel um so viel heiterer; und ich würde Dorvaln unter den Eichen aufgesucht haben, wenn ich nicht bedacht hätte, daß die Erde daselbst allzuweich und der Ra sen allzufeucht seyn müßte. Der Regen hatte zwar nicht angehalten, aber er war stark gewesen. Ich begab mich nach seinem Hause. Er erwartete mich;
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denn es war ihm seiner Seits gleichfalls beygefallen, daß ich mich wohl schwerlich nach dem Orte, wo wir des Abends vorher beysammen gewesen waren, verfügen würde. Es war also in seinem Garten, auf dem sandigten Ufer eines breiten Kanals, an welchem er zu spatzieren gewohnt war, wo er mir vollends seine Gedanken entwickelte. Nach einigen allgemeinen Betrachtungen über die Handlungen des Lebens, und über die Art, wie man sie auf dem Theaternachahmet, erklärte er sich folgender Gestalt: Man unterscheidet, in jedem sittlichen Gegen stande, ein Mittel und die zwey äussersten Enden. Es scheinet daher, da jede dramatischeHandlung ein sittlicher Gegenstand ist, daß es auch hier eine mittlere und zwey äussere Gattungen geben müsse. Die beyden letztern haben wir; das Lustspiel nehm lich und das Trauerspiel. Der Mensch aber ist nicht immer betrübt, oder immer fröhlich. Es muß also eine Grenze geben, welche die komische Gattung von der tragischen scheidet. Terenz hat ein Stück gemacht, dessen Inhalt dieser ist. Ein junger Mensch verheyrathet sich. Kaum ist er verheyrathet, so rufen ihn Angelegen heiten in die Ferne. Er ist abwesend. Er kömmt wieder heim. Er glaubet an seiner Gattin die ge wissesten Merkmahle der Untreue zu bemerken. Er geräth darüber in Verzweiflung. Er will sie zu ih
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ren Aeltern zurück schicken. Man urtheile, in wel cher Verfassung sich Vater und Mutter und Tochter befinden müssen. Unterdessen ist doch ein Davus da bey, eine schon für sich selbst lustige Person. Was macht der Dichter damit? Er entfernt ihn während den vier ersten Aufzügen von der Bühne, und ruft ihn nur am Ende wieder zurück, um die Aufwickelung ein wenig munterer zu machen. Nun frage ich: von welcher Gattung ist dieses Stück? Von der komischen Gattung? Es giebt nichts zu lachen darinn. Von der tragischen Gattung? Schrecken und Mitleid und die übrigen grossen Lei denschaften, bleiben darinn unerweckt. Gleichwohl fehlt es ihm nicht an Interesse; und es wird über haupt keinem dramatischen Stücke, wenn es gleich nichts Lächerliches, nichts Schreckliches enthält, daran fehlen, wenn nur sonst der Inhalt wichtig ist; wenn nur der Dichter den Ton zu treffen weis, den wir bey ernsthaften Angelegenheiten halten; wenn nur die Handlung durch neue Verwicklungen und Verwirrungen immer wächst. Da nun, wie mich dünkt, dergleichen Handlungen am allerhäuf figsten in dem gemeinen Leben vorkommen, so müß te die Gattung, deren Gegenstand sie wäre, auch wohl die nützlichste und weitläuftigste seyn. Ich will diese Gattung, die ernsthafte Gattung nennen. Und wenn diese Gattung festgesetzt ist, so wird sich weiter kein Stand in der menschlichen Gesell
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schaft, keine wichtige Handlung in dem menschlichen Leben finden, die man nicht zu irgend einem Theile des dramatischen Systems rechnen könnte. Wollen Sie diesem Systeme allen möglichen Um fang geben, wollen Sie Wahrheit und Chimäre, die eingebildete und wirkliche Welt mit einschliessen: so fügen Sie noch das Burleske und das Wunder bare hinzu; jenes unter die komische, und dieses über die tragische Gattung. Ich verstehe Sie. Das Burleske -- die komische Gattung -- die ernsthafte Gat tung -- die tragische Gattung -- das Wunderbare. Ein Stück bleibt niemals, aufs strengste, in den Grenzen einer einzigen Gattung. Es giebt kein ein ziges Werk in den komischen und tragischen Gat tungen, in dem man nicht Stellen finden sollte, die sich vollkommen für die ernsthafte Gattung schickten; und wiederum wird es in dieser an andern Stellen nicht fehlen, die in einer von den beyden andern Gattungen stehen könnten. Und das ist eben der Vortheil bey der ernsthaften Gattung, daß, da sie zwischen den beyden andern inne liegt, es ihr an Zufluß nicht fehlen kann, sie mag sich erheben, oder herablassen wollen. In der komischen und tragischen Gattung ist es so nicht. Alle Abänderungen des Komischen sind in dieser
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und der ernsthaften Gattung enthalten, so wie alle Abänderungen des Tragischen in der ernsthaften Gattung und der Tragödie. Das Burleske und das Wunderbare sind beyde gleich ausser der Natur, und es läßt sich nichts gesundes daraus entlehnen. Die Mahler und die Dichter haben das Recht, al les wagen zu dürfen; allein dieses Recht erstreckt sich nicht bis auf die Freyheit, verschiedene Arten in ein und eben dasselbe Individuum zu schmelzen. Ein Mann von Geschmacke findet es gleich unge reimt, ob Castor unter die Götter versetzt, oder der bürgerliche Edelmann zum Mamamouchi gemacht wird. Die komische und die tragische Gattung sind die wirklichen Grenzen des Drama. Wenn aber die komische Gattung unmöglich das Burleske zu Hülfe nehmen kann, ohne sich zu erniedrigen; und wenn die tragische Gattung unmöglich auf die Stelzen des Wunderbaren steigen kann, ohne von ihrer Wahr heit zu verlieren; so folgt daraus, daß diese beyden Gattungen, die auf den beyden äussersten Grenzen stehen, am meisten in die Augen fallen, zugleich aber die schwersten seyn müssen. Die ernsthafte Gattung ist es, in welcher sich je der Gelehrter, der sich einiges Talents für die Büh ne bewußt zu seyn glaubt, vorher üben muß. Ei nen jungen Menschen, den man zur Mahlerey auf ziehen will, lehret man vor allen Dingen, das
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Nackte zeichnen. Hat er es in dieser Grundlage der Kunst zu einer Fertigkeit gebracht, so kann er sich einen Gegenstand aussuchen. Er kann ihn aus den gemeinen Ständen, oder aus einer höhern Ordnung nehmen. Er kann seine Figuren kleiden wie er will, nur daß man das Nackte niemals unter dem Ge wande ganz verliere. So mag auch der, der den Menschen in den Uebungen der ernsthaften Gattung lange genug studiret hat, nach seinem Genie, ent weder den Kothurn oder die Sokken anlegen; er mag seinen Personen einen königlichen Mantel, oder den Rock einer Gerichtsperson umwerfen: nur daß der Mensch niemals unter der Kleidung ver schwindet! Wenn die ernsthafte Gattung die leichteste von allen ist, so ist sie auch dafür den Veränderungen der Zeit und des Orts am wenigsten unterworfen. Man bringe das Nackte an einen Ort der Welt, an welchen man will; es wird überall die Aufmerk samkeit an sich ziehen, wenn es gut gezeichnet ist. Wer in der ernsthaften Gattung vortreflich ist, der wird zu allen Zeiten und bey allen Völkern gefallen. Die kleinen Schattirungen, die er aus einer von den benachbarten Gattungen entlehnet, werden viel zu schwach seyn, ihn zu verstellen. Es sind blosse Zipfel von einem Gewande, die nur einige Oerter bedecken und die grösseren Theile nacket lassen.
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Sie sehen, daß die Tragikomödie nothwendig eine schlechte Gattung seyn muß, weil man zwey entfernte und durch einen, von der Natur selbst festgesetzten, Rain getrennte Gattungen, darinn vermengt. Man gehet da nicht durch unmerkliche Schattirungen fort. Man verfällt bey jedem Schrit te in Contraste, und die Einheit verschwindet. Auch sehen Sie, daß diese Gattung des Drama, wo die allerlustigsten Züge der komischen Gattung neben den allerrührendsten Zügen der ernsthaften Gattung stehen, und wo man wechselsweise aus ei ner Gattung in die andere springt, in den Augen eines strengen Kunstrichters nicht ohne Fehl seyn kann. Wollen Sie aber vollkommen überzeugt seyn, wie gefährlich es ist, die Grenzscheidung, welche die Natur zwischen den Gattungen gemacht hat, zu überschreiten: so treiben Sie nur die Sache so weit als möglich, und bringen zwey ganz entfernte Gattungen zusammen, als etwa die Tragödie und das Burleske; und bald werden Sie einen ernsthaf ten Senator zu den Füssen einer Buhlerin die Rol le des lüderlichsten Wollüstlings spielen, bald Ver schworene auf den Untergang einer Republik den ken sehen.* 3
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Das Possenspiel, die Parade, und die Parodie sind keine Gattungen, sondern Arten des Komischen und des Burlesken, die ihre besondere Gegen stände haben. Die Dichtkunst der komischen und der tragischen Gattung ist mehr als hundertmal vorgetragen wor den. Die ernsthafte Gattung hat auch ihre Dicht kunst, die gleichfalls ziemlich weitläuftig seyn wür de. Ich will Ihnen aber itzt nur so viel davon sa gen, als mir während der Zeit, da ich an meinem Stücke arbeitete, eingefallen ist. Da es dieser Gattung an der lebhaften Colorite der beyden äussern Gattungen, zwischen welchen sie inne liegt, fehlet, so muß man es an nichts man geln lassen, wodurch sie mehr und mehr Stärke erhalten kann. Der Inhalt muß wichtig, und die Verwicklung muß einfach und häuslich seyn, und dem gemeinen Leben so nahe als möglich kommen. Ich will keine Bediente darinn haben. Denn ehrbare Leute halten ihre Angelegenheiten vor ihnen verborgen, und wenn alle Auftritte nur unter der Herrschaft vorgehen, so werden sie um so viel inter essanter seyn. Spricht ein Bedienter auf der Büh ne so, wie er wirklich im gemeinen Leben spricht, so ist er plump; spricht er anders, so ist er falsch.
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Sind die aus der komischen Gattung entlehnte Schattirungen allzustark: so wird das Stück zu la chen und zu weinen machen; es wird weder Ein heit des Interesse, noch Einheit des Colorits haben. Die ernsthafte Gattung erlaubet die Monologen. Und daher schliesse ich, daß sie mehr den Hang nach der Tragödie, als nach der Komödie hat; in wel cher letztern Gattung sie sehr selten und kurz sind. Es würde gefährlich seyn, in eben demselben Stücke sowohl Schattirungen aus der komischen als aus der tragischen Gattung zu entlehnen. Man muß wissen, wohin der Inhalt und die Charaktere des Stücks ihren Hang haben, und diesem muß man folgen. Die Moral muß allgemein und stark seyn. Keine episodische Person! Oder wenn die Ver wicklung ja eine erfordert, so sey ihr Charakter son derbar, damit sie sich dadurch hebe. Der Pantomime befleißige man sich mit Ernst. Mit den Theaterstreichen gebe man sich nicht ab, denn ihre Wirkung dauert nur einen Augenblick; sondern dafür denke man auf Gemälde. Je mehr man ein schönes Gemälde betrachtet, je mehr ge fällt es.
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Die Bewegung ist der Würde fast immer nach theilig. Die vornehmste Person sey also selten die Triebfeder des Stücks. Und vor allen Dingen vergesse man nicht, daß es keinen allgemeinen Grundsatz giebt. Von allen den Grundsätzen, die ich jetzt angeführt habe, wüß te ich keinen einzigen, den ein Mann von Genie nicht glücklich übertreten könnte. Sie sind meinem Einwurffe zuvorgekommen. Die komische Gattung hat Arten, und die tra gische hat Individua. Ich will mich erklären. Der Held einer Tragödie ist der und der Mensch. Es ist Regulus, oder Brutus, oder Cato, und sonst kein anderer. Die vornehmste Person einer Komö die hingegen muß eine grosse Anzahl von Menschen vorstellen. Gäbe man ihr von ohngefehr eine so eigene Physiognomie, daß ihr nur ein einziges In dividuum in der Welt ähnlich wäre, so würde die Komödie wieder in ihre Kindheit zurücktreten und in Satyre ausarten. Terenz scheinet mir einmal in diesen Fehler ge fallen zu seyn. SeinHeavtontimorumenos ist ein Vater, der sich über den gewaltsamen Entschluß grämet, zu welchem er seinen Sohn durch übermäs sige Strenge gebracht hat, und der sich deswegen nun selbst bestraft, indem er sich in Kleidung und Speise kümmerlich hält, allen Umgang fliehet, sein
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Gesinde abschaft, und das Feld mit eigenen Händen bauet. Man kann gar wohl sagen, daß es so einen Vater nicht giebt. Die größte Stadt würde kaum in einem ganzen Jahrhunderte Ein Beyspiel einer so seltsamen Betrübniß aufzuweisen haben. „Horaz, der einen ganz besonders zärtlichenGe schmack hatte, scheinet mir diesen Fehler eingese hen, und im Vorbeygehen, aber fast unmerklich, getadelt zu haben. Ich kann mich auf die Stelle nicht besinnen. Sie ist in der ersten oder zweyten Satyre des ersten Buchs, wo er zeigen will, daß die Narren aus einer Uebertreibung in die andere entgegenge setzte zu fallen pflegen. Fufidius, sagt er, fürch tet für einen Verschwender gehalten zu werden. Wißt ihr, was er thut? Er leihet monatlich für fünf Procent, und macht sich im voraus bezahlt. Je nöthiger der andre das Geld braucht, desto mehr fordert er. Er weis die Namen aller jungen Leute auswendig, die von gutem Hause sind, und itzt in die Welt treten, dabey aber über harte Vä ter zu klagen haben. Vielleicht glaubt ihr, daß dieser Mensch wieder einen Aufwand mache, der seinen Einkünften gemäß ist. Weit gefehlt. Er ist sein grausamster Feind, und der Vater in der Komödie, der sich wegen der Entweichung seines Sohnes bestraft, kann sich nicht schlechter quälen: non je pejus cruciaverit.
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Ja. Es ist dem Charakter dieses Dichters voll kommen gemäß, einen doppelten Sinn mit diesem schlechter zu verbinden, so daß es einmal auf den Terenz, und einmal auf den Fusidius gehet. In der ernsthaften Gattung werden die Charak tere oft eben so allgemein seyn, als in der komischen Gattung; sie werden aber allezeit weniger indivi duell seyn, als in der tragischen. Man sagt manchmal, es hat sich bey Hofe ein sehr lustiges Abentheuer, es hat sich in der Stadt eine sehr tragische Begebenheit eräugnet. Hieraus folgt also, daß die Komödie und Tragödie für alle Stände gehöret; nur mit diesem Unterschiede, daß Schmerz und Thränen weit öfter unter den Dächern der Unterthanen, als Munterkeit und Freude in den Pallästen der Könige wohnen. Was ein Stück komisch, ernsthaft oder tragisch macht, ist nicht so wohl der Inhalt, als der Ton, als die Leidenschaf ten, die Charaktere, das Interesse. Die Wirkun gen der Liebe, der Eifersucht, des Spiels, des un ordentlichen Lebens, des Ehrgeitzes, des Hasses, des Neides, können eben sowohl Lachen, als Nach denken, als Erschrecken verursachen. Ein Eifer süchtiger, der Maaßregeln nimmt, wie er sich am besten von seiner Schande überzeugen kann, ist lä cherlich; ein rechtschaffner Mann, der sie argwoh net und dabey doch liebt, ist niedergeschlagen; ein
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Rasender, der davon überzeugt ist, wird leicht ein Verbrechen begehen. Der eine Spieler wird das Bildniß seiner Geliebten bey einem Wuchrer ver setzen; der andere wird sich um sein Vermögen brin gen, wird sein Weib und seine Kinder ins Elend stürzen, und wird verzweifeln. Was soll ich hier von viel sagen? Das Stück, über welches wir re den, ist beynahe nach allen drey Gattungen bear beitet worden. Wie das? Ja. Das wäre besonders. Clairville ist von einem rechtschaffnen, aber un gestümen und leichtsinnigen Charakter. Kaum hat te er seine Wünsche erreicht, und war in dem ru higen Besitze seiner Geliebten: so dachte er an sei ne vergangene Trübsale nicht mehr. Er sahe in unserer Geschichte weiter nichts, als eine ganz ge meine Begebenheit. Er scherzte darüber. Er ging gar so weit, daß er den dritten Aufzug des Stücks parodierte. Sein Werk war vortrefflich. Er hatte meine Verwirrung in ein sehr komisches Licht ge setzt. Ich lachte darüber; heimlich aber verdroß es mich doch, daß Clairville eine von den wichtig sten Handlungen unsers Lebens lächerlich gemacht hatte; denn wie viel fehlte, so hätte es ihm sein Glück und seine Geliebte, so hätte es Rosalien ihre
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Unschuld und ihre Aufrichtigkeit, so hätte es There sien ihre Ruhe, so hätte es mir meine Redlichkeit, und vielleicht mein Leben gekostet. Ich rächte mich also an Clairvillen, und verwandelte die drey letz ten Aufzüge des Stücks in Tragödie; und ich ver sichere Ihnen, daß ich ihn länger zu weinen machte, als er mich zu lachen gemacht hatte. Und könnte ich es wohl zu sehen bekommen? Nein. Es ist keine blosse Verweigerung; sondern Clairville hat seinen Aufzug verbrannt, und von meinem habe ich nur blos noch den Entwurf. Und dieser Entwurf? Sie sollen ihn zu sehen bekommen, wenn Sie es verlangen. Aber bedenken Sie sich. Sie ha ben eine zärtlicheSeele. Sie lieben mich; was Sie lesen würden, könnte Eindrücke in Ihnen zu rück lassen, die Sie so leicht nicht wieder los wer den dürften. Geben Sie mir ihn nur, den tragischen Ent wurf; Dorval, geben Sie mir ihn nur. Dorval zog einige fliegende Blätter aus der Ta sche, die er mir mit abgewandtem Gesichte, als ob er die Augen nicht darauf werffen dürfte, über reichte. Sie enthielten folgendes. Nachdem Rosalia im dritten Aufzuge Dorvals und Theresiens Heyrath erfahren hat, und ganz ge
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wiß glaubt, daß Dorval ein treuloser Freund, ein Mann ohne Glauben ist: so greift sie zu einem ge waltsamen Entschlusse. Nehmlich, alles zu entde cken. Sie spricht Dorvaln, und begegnet ihm mit der äussersten Verachtung.
Dorval. Ich bin kein treuloser Freund, kein Mann ohne Glauben. Ich bin Dorval. Ich bin ein Unglücklicher. Rosalia. Sage, ein Nichtswürdiger. -- Ließ er mich nicht glauben, er liebe mich? Dorval. Ich liebte Sie, und ich liebe Sie noch. Rosalia. Er liebte mich! Er liebt mich noch! Er heyrathet Theresien! Er hat ihrem Bruder sein Wort gegeben! Und diese Verbindung wird heute vollzogen! -- Gehen Sie, verkehrte Seele! Weg von mir! Bestehen Sie nicht länger darauf, die Unschuld aus diesen Wohnungen zu verbannen. Ruhe und Tugend werden wieder einziehen, sobald Sie weg sind. Fliehen Sie. Scham und Gewis sensbisse, die das gewisse Theil des Boshaften sind, erwarten Sie an der Thüre. Dorval. Man drückt mich zu Boden! Man jagt mich fort! Ich bin ein Bösewicht! O Tugend! Ist das deine letzte Belohnung! Rosalia. Er hatte ohne Zweifel geglaubt, ich würde schweigen. -- Nein, nein. -- Man soll
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alles erfahren. -- Theresia wird mit meiner Un erfahrenheit, mit meiner Jugend Mitleiden ha ben. -- In ihrem eigenen Herze wird sie meine Entschuldigung und meine Verzeihung finden. -- O Clairville! wie sehr werde ich Sie lieben müssen, meine Ungerechtigkeit und die Pein, die ich Ihnen verursache, wieder gut machen! -- Aber bald, bald soll man den Nichtswürdigen kennen. Dorval. Halten Sie, junge Unvorsichtige; oder Sie werden sich des einzigen Verbrechens schul dig machen, das ich in meinem Leben begangen habe; wenn es anders ein Verbrechen ist, eine unerträgliche Last von sich abzuwerffen. -- Noch ein Wort, und ich glaube, daß die Tugend weiter nichts als ein Schatten ist; daß das Leben wei ter nichts ist, als ein unseliges Geschenk des Schick sals; daß die Zufriedenheit nirgends zu finden ist; daß die Ruhe jenseits dem Grabe wohnet; und ich habe gelebt. Rosalia ist fortgegangen. Sie hört ihn nicht mehr. Dorval sieht sich von dem einzigen Frauen zimmer verachtet, das er liebet und jemals geliebt hat; er sieht sich Theresiens Hasse, und Clairvil lens Erbitterung ausgesetzt; er sieht sich auf dem Punkte, die einzigen Wesen, die ihn mit der Welt verknüpfen, zu verlieren, und wieder in seine alte Einsamkeit zu versinken. Wohin soll er gehen? -- An wen soll er sich wenden? -- Wen soll er lie
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ben? -- Von wem soll er geliebt werden? -- Die Verzweiflung bemeistert sich seiner Seele. Das Le ben wird ihm zuwider. Er bekömmt Neigung zum Tode. Und das ist der Inhalt einer Monologue, welche den dritten Aufzug schließt. Von dem Ende dieses Aufzuges an, redet er mit seinen Bedienten nicht weiter. Er befiehlt ihnen mit der Hand, und sie gehorchen. Rosalia vollziehet, zu Anfange des vierten Auf zuges, ihren Vorsatz. Wie sehr erstaunen There sia und ihr Bruder! Sie wagen es nicht, Dorvaln zu sehen; Dorval wagt es nicht, einen von ihnen zu sehen. Alle vermeiden, alle fliehen einander; und Dorval befindet sich auf einmal, ganz natürli cher Weise, in der allgemeinen Verlassenheit, die er so sehr fürchtete. Sein Schicksal eilet zu Ende. Er merkt es, und entschließt sich plötzlich, dem To de entgegen zu gehen. Sein Bedienter Carl, ist das einzige Wesen in der ganzen Welt, das ihm übrig bleibt. Carl erräth den erschrecklichen Entschluß sei nes Herrn. Er verbreitet seine Bestürzung durch das ganze Haus. Er läuft zu Clairvillen, zu The resien, zu Rosalien. Er redet. Sie erschrecken. Sogleich verlieret jeder sein besonderes Interesse aus den Augen. Man sucht sich Dorvaln wieder zu nähern. Aber es ist zu spät. Dorval liebt niemand mehr, und haßt niemand mehr; er spricht nicht, er sieht nicht, er hört nicht. Seine betäubte Seele ist
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keiner einzigen Empfindung mehr fähig. Er kämpfet zwar noch ein wenig mit dieser traurigen Verfas sung, aber ganz schwach, und nur durch kurze Rucke, ohne Nachdruck und Wirkung. Und so ist er zu An fange des fünften Aufzuges. Diesen Aufzug eröfnet Dorval. Er ist allein, und gehet auf und nieder, ohne ein Wort zu reden. Der Vorsatz das Leben zu verlassen, zeigt sich in sei ner Kleidung, in seinen Gebehrden, in seinem Stillschweigen. Clairville tritt herein; er beschwört ihn, zu leben; er wirft sich ihm zu Füssen; er um faßt sie; er setzt ihm mit den besten und zärtlichsten Gründen zu, Rosalien anzunehmen. Dorval wird immer grausamer, und diese Scene bringt ihn sei nem Schicksale näher. Clairville kann nichts als einzelne Sylben aus ihm bringen. Dorvals übrige Action ist stumm. Theresia kömmt dazu. Sie vereiniget sich mit ihrem Bruder. Sie sagt Dorvaln alles, was ihr von der Ergebung in sein Schicksal, von der Macht des höchsten Wesens, der sich entziehen zu wollen, das größte Verbrechen ist, von Clairvillens Aner bieten u. s. w. nur pathetisches einfallen will. In dem Theresia spricht, hat sie einen von Dorvals Armen in den ihrigen; und sein Freund hat ihn mitten um den Leib gefaßt, als ob er fürchte, er möchte ihm entwischen. Doch Dorval, ganz in sich versenkt, fühlt seinen Freund nicht, der ihn umfaßt
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hält, hört Theresien nicht, die mit ihm spricht. Dann und wann nur neigt er sich über sie, um zu weinen. Aber die Thränen versagen sich ihm. Nun geht er zurück; seufzet tief; macht verschiedene lang same und schreckliche Gestus; auf seinen Lippen zeigt sich die Bewegung eines flüchtigen Lachens, das weit schrecklicher, als seine Seufzer und seine Ge behrden ist. Rosalia kömmt. Theresia und Clairville treten ab. In dieser Scene herrschen Furchtsamkeit, Nai vität, Thränen, Schmerz, Reu. Rosalia siehet nun alle das Uebel, das sie angerichtet hat. Sie ist untrösilich. Bey der Liebe, die sie empfindet, bey dem Mitleiden, das sie mit Dorvaln hat, bey der Hochachtung, die sie Theresien schuldig ist, bey der Zuneigung, die sie Clairvillen nicht verweigern kann: wie viel rührendes hat sie nicht zu sagen! Dorval scheinet sie Anfangs weder zu sehen, noch zu hören. Rosalia schreyet, ergreift seine Hände, hält ihn; und endlich kömmt ein Augenblick, da Dorval seine starren Augen auf sie heftet. Seine Blicke sind die Blicke eines Menschen, der aus ei nem Todtenschlafe erwacht. Diese Anstrengung ko stet ihm den Rest seiner Kräfte. Er fällt, als vom Blitze gerühret, in den Lehnstuhl. Rosalia geht ab, ächzet laut, ist untröstlich, reisset sich die Haare aus. In diesem Stande des Todes bleibt Dorval ei nige Augenblicke. Carl stehet vor ihm, ohne ein
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Wort zu sagen. -- Seine Augen sind halb geschlos sen. Seine langen Haare hängen zu hinterst über den Stuhl. Der Mund stehet offen; er hohlet tief Athem; die Brust fliegt. Nach und nach gehet die ser Todeskampf vorüber. Er kömmt mit einem langen und schmerzlichen Seufzer, mit einer klägli chen Stimme wieder zu sich. Er stützet den Kopf auf die Hände, und die Ellbogen auf die Kniee. Er hat Mühe aufzustehen. Er irret mit langsamen Schritten umher. Er stößt auf Carlen. Er ergreift ihn bey dem Arme, betrachtet ihn einen Augenblick, zieht seinen Beutel und seine Uhr heraus, giebt sie ihm nebst einem versiegelten Papiere ohne Aufschrift, und giebt ihm mit einem Zeichen zu verstehen, daß er fortgehen soll. Carl wirft sich ihm zu Füssen, und liegt mit dem Gesichte auf den Boden. Dorval läßt ihn liegen, und irret noch immer umher. In dem trift er mit seinen Füssen auf Carln, der noch nicht aufgestanden ist. Er wendet sich weg. -- Und nun springt Carl plötzlich auf, läßt Beutel und Uhr auf der Erde liegen, und läuft Hülfe zu ruffen. Dorval folgt ihm langsam. -- Er lehnet sich ohne Absicht gegen die Thüre. -- Er wird einen Riegel gewahr. Er betrachtet ihn; -- er stößt ihn zu; -- zieht seinen Degen; -- setzet den Knopf gegen die Erde; -- richtet die Spitze gegen seine Brust; -- neiget sich seitwärts mit dem Körper darüber; -- richtet die Augen gen Himmel; -- schlägt sie wie
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der auf sich selbst nieder; -- bleibt einige Augenblicke so; -- er seufzet tief, und -- stürzt. Carl kömmt. Er findet die Thüre verschlossen. Er ruft. Man kömmt dazu. Man bricht die Thü re auf. Man findet Dorvaln in seinem Blute und todt. Carl tritt unter dem schmerzlichsten Geschrey herein. Die übrigen Bedienten bleiben um den Leichnam stehen. Theresia kömmt. Dieser Anblick rühret sie, gleich einem Blitze; sie schreyet; sie läuft wild auf der Bühne umher, ohne recht zu wissen, was sie sagt, was sie thut, wohin sie will. Man hebt Dorvals Leichnam auf. Theresia, die sich ge gen den blutigen Ort der Scene gekehrt hat, sitzet ohne Bewegung in einem Lehnstuhle, und hat ihr Gesicht mit den Händen bedeckt. Clairville und Rosalia kommen. Sie finden Theresien in dieser Stellung. Sie fragen sie. Sie schweigt. Sie fragen sie aufs neue. Statt aller Antwort, nimmt sie die Hände vom Gesichte, wen det den Kopf weg und zeiget ihnen mit der Hand die mit Dorvals Blut befleckte Stelle. Sie schreyen und weinen; sie schweigen und schreyen wieder. Carl giebt Theresien das versiegelte Papier. Es ist Dorvals Leben und letzter Wille. Kaum aber hat sie die ersten Zeilen gelesen, so läuft Clairville als rasend ab; Theresia folgt ihm. Justine und die
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Bedienten tragen Rosalien weg, die sich nicht wohl befindet, und das Stück schließt. Ah, rief ich aus, das, das ist Tragödie, oder ich verstehe gar nichts davon. Es ist in der That zwar nicht mehr die Probe der Tugend, sondern ihre Verzweiflung. Vielleicht ist es sogar gefähr lich, den ehrlichen Mann zu diesem schrecklichen Entschlusse gebracht zu zeigen; deswegen aber merkt man doch gar wohl die Stärke der Pantomime, sowohl allein, als mit der Rede verbünden. Und das sind die Schönheiten, deren wir aus Mangel einer Bühne, und aus Mangel der Kühnheit ent behren müssen, indem wir nur immer unsere Vor gänger knechtisch nachahmen, und Natur und Wahrheit bey Seite setzen. -- Aber Dorval spricht nicht? -- Aber wo kann eine Rede so stark rüh ren, als seine Action und sein Stillschweigen rüh ren? -- Man lasse ihn dann und wann ein Wort sagen. Das geht gar wohl an. Nur muß man nicht vergessen, daß sich ein Mensch, der viel spricht, selten ermordet. Ich stand auf. Ich ging zu Dorvaln. Er irrte unter den Bäumen und schien mir in seine Gedan ken ganz vertieft. Ich hielt für gut, sein Papier zu behalten, und er forderte mir es auch nicht ab. Wenn Sie also überzeugt sind, sagte er zu mir, daß das Tragödie ist, und daß es eine Mittelgattung
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zwischen der Komödie und der Tragödie giebt: so haben wir zwey Aeste der dramatischen Dichtkunst, die ganz und gar nicht bearbeitet sind, und nur Köpfe erwarten. Machen Sie Lustspiele in der ernsthaften Gattung. Machen Sie bürgerliche Tra gödien, und seyn Sie versichert, daß es einen Bey fall und eine Ewigkeit giebt, die Ihnen vorbehalten sind. Vor allen Dingen geben Sie sich mit den Theaterstreichen nicht ab. Suchen Sie Gemälde. Nähern Sie sich dem wirklichen Leben, und wählen Sie gleich Anfangs ein Feld, wo sich die Pantomi me in ihrem ganzen Umfange zeigen kann. -- Man sagt, es gebe keine grosse tragische Leidenschaften mehr zu erregen; man könne die erhabenen Gesin nungen unmöglich auf eine neue und rührende Art vortragen. Das kann in der Tragödie wahr seyn, so wie sie die Griechen, die Römer, die Franzosen, die Italiäner, die Engländer und alle Völker auf der Welt gemacht haben. Die bürgerliche Tragödie aber wird eine andere Handlung, einen andern Ton, und ein Erhabenes haben, das ihr eigenthümlich zugehöret. Ich empfinde es, dieses Erhabene. Es findet sich in den Worten eines Vaters, der zu sei nem Sohne, welcher ihn im Alter ernährte, sagte: Mein Sohn, wir rechnen ab. Ich habe dir das Leben gegeben; und du giebst mir es wieder. Es findet sich in der Rede eines andern Vaters, der gleichfalls zu seinem Sohne sagte: Rede allezeit die Wahrheit. Versprich nichts,
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was du nicht halten wolltest. Ich beschwöre dich bey diesen Füssen, die ich mit meinen Händen erwärmte, als du noch in der Wiege lagest. Aber wird uns diese Tragödie interessiren? Das frage ich Sie. Sie ist uns näher; sie ist das Gemälde der Unglücksfälle, die uns umgeben. Wie? Sie begreiffen nicht, wie stark eine wirkliche Scene, wie stark wahre Kleidungen, einfache Hand lungen, und diesen Handlungen angemessene Reden, wie stark Gefahren auf Sie wirken würden, ob wel chen Sie nothwendig zittern müßten, wenn Ihre Anverwandte, Ihre Freunde, oder Sie selbst ihnen ausgesetzt wären? Eine gänzliche Glücksveränderung, die Furcht vor der Schande, die Folgen des Elends, eine Leidenschaft, die den Menschen ins Verderben, von dem Verderben zur Verzweiflung, von der Verzweiflung zu einem gewaltsamen Tode bringt, sind keine seltene Begebenheiten: und doch glauben Sie, daß Sie weniger dabey fühlen würden, als bey dem fabelhaften Tode eines Tyrannen, bey der Opferung eines Kindes? -- Aber Sie sind zer streut. -- Sie sind in Gedanken. -- Sie hören mich nicht. -- Ihr tragischer Entwurf will mir nicht aus dem Sinne. -- Ich sehe Sie auf der Bühne umher irren, -- Ihren Fuß von Ihrem auf dem Boden liegenden Bedienten zurückziehen, den Riegel zu
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schieben, -- Ihren Degen blössen. -- Die Idee dieser Pantomime erweckt mir Schauder. -- Ich glaube nimmermehr, daß man den Anblick aus halten könnte; und diese ganze Handlung gehöret vielleicht zu denen, die man erzehlen muß. Se hen Sie!
Ein unwahrscheinliches Factum, glaube ich, muß man dem Zuschauer weder erzehlen noch zei gen; und unter den wahrscheinlichen Handlungen lassen sich diejenigen leicht unterscheiden, die man den Augen vorstellen, und die man hinter die Sce ne verweisen muß. Ich muß meine Gedanken auf die bekannte Tragödie anwenden; denn wie kann ich meine Exempel aus einer Gattung nehmen, die un ter uns noch nicht vorhanden ist? Wenn eine Handlung einfach ist, so muß man sie, glaube ich, lieber vorstellen, als erzehlen. Der Anblick des Mahomets, der den Dolch auf Irenen gezogen hat, ungewiß, ob er dem Ehrgeitze, der ihm den Stoß befiehlt, oder der Liebe gehorchen soll, die seinen Arm zurückhält, ist ein rührendes Gemälde. Das Mitleid, das uns allezeit an die Stelle des Unglücklichen, und nie an die Stelle des Bösewichts setzt, wird meine ganze Seele erschüt tern. Nicht gegen Irenens, sondern gegen meine eigene Brust werde ich den drohenden Stahl ausge streckt glauben. -- Diese Handlung ist allzueinfach,
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als daß sie übel nachgeahmet werden könnte. Wenn sich aber die Handlung verwickelt, wenn der Zwi schenfälle zu viel werden: so kann es gar leicht eini ge darunter geben, die mich daran erinnern, daß ich im Parterr bin, daß alle diese Personen Komö dianten sind, und daß es keine sich wirklich eräug nende Begebenheit ist. Die Erzehlung hingegen bringt mich aus dem Schauplatze heraus. Ich ver folge alle Umstände. Meine Einbildung bringt jeden, so wie ich ihn in der Natur gesehen habe, zur Wirk lichkeit. Nichts verräth sich. Sagt der Dichter: „Indem nahet sich Kalchas, Die Miene finster, wild der Blick, das Haar gethürmt, Voll Wuth, voll von dem Gott, der ihm im Busen stürmt. Oder -- -- -- -- an allen Dornen klebt Sein blutig Haupthaar -- -- Wo ist der Schauspieler, der mir den Kalchas so zeigen kann, wie er in diesen Versen ist? Grandval tritt mit einem edeln und stolzen Schritte einher. Seine Miene ist finster; sein Blick vielleicht auch wild. Sein Betragen, seine Gestus zeugen von der innern Gegenwart des Gottes, der ihn begei stert. Aber er sey noch so schrecklich, so wird sich doch nicht das Haar auf seinem Kopfe thürmen. So weit kann die dramatische Nachahmung nicht gehen.
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Eben so ist es mit den meisten übrigen Bildern, welche diese Erzehlung beleben. Ein von Pfeilen verdunkelter Himmel. Ein Kriegesheer im Aufruhr. Die Erde mit Blut getränkt. Eine junge Prin zessin, den Stahl in der Brust. Die entfesselten Winde. Der hoch in den Wolken brüllende Don ner. Der von Blitzen erleuchtete Himmel. Das schäumende und brausende Meer. Alle diese Dinge hat der Dichter gemahlt. Die Einbildungskraft sieht sie. Aber die Kunst vermag sie nicht nach zuahmen. Und noch mehr: der herrschende Geschmack an der Ordnung, von welchem ich Sie bereits unter halten habe, zwingt uns, Verhältnisse unter den Wesen anzunehmen. Wird ein Umstand gegeben, der über die gewöhnliche Natur ist, so vergrössert er in unsern Gedanken alle übrige. Der Dichter hat von der Statur des Kalchas nichts gesagt. Aber ich sehe sie. Ich denke mir sie seiner Action gemäß. Die Uebertreibung seiner geistigen Eigen schaften greift weiter um sich, und verbreitet sich auf alles, was diesen Gegenstand angehet. Die wirkliche Scene würde klein, schwach, armselig, falsch, verfehlt gewesen seyn. In der Erzehlung wird sie groß, stark, wahr, und sogar ungeheuer. Auf der Bühne würde sie weit unter der Natur gewesen seyn; so aber denke ich mir sie noch über die Natur. Auf gleiche Weise werden in der Epo
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pee die poetischen Menschen immer etwas grösser, als die wirklichen sind. Das wären die Grundsätze. Nun wenden Sie sie auf die Handlung meines tragischen Entwurfs an. Ist die Handlung nicht einfach? Das ist sie. Findet sich ein einziger Umstand dabey, den man auf der Bühne nicht nachahmen könnte? Kein einziger. Wird die Wirkung nicht schrecklich seyn? Vielleicht nur allzuschrecklich. Wer weis, ob man in dem Schauplatze dergleichen starke Ein drücke lieben würde? Man will gerührt, bewegt, in Schrecken gesetzt seyn; aber nur bis auf einen gewissen Grad. Um richtig urtheilen zu können, müssen wir uns näher erklären. Was ist die Absicht eines dra matischen Stücks? Den Menschen, glaube ich, Liebe zur Tugend und Abscheu vor dem Laster einzuflössen -- Folglich sagen, daß man sie nur bis auf einen gewissen Grad rühren müsse, heißt verlangen, daß sie aus einem Schauspiele nicht allzueingenommen für die Tugend, nicht allzuaufgebracht gegen das Laster, kommen sollen. Für ein Volk, das so klein
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müthig wäre, würde es ganz und gar keine Dicht kunst geben. Was würde der Geschmack seyn? Was würde aus der Kunst werden, wenn man ihrer Ener gie ausweichen, wenn man ihren Wirkungen will kührliche Schranken setzen wollte? Ich hätte Ihnen noch einige Fragen über das Wesen des häuslichen und bürgerlichen Tragischen, wie Sie es nennen, zu thun; aber ich sehe Ihre Antwort voraus. Wenn ich Sie z. E. fragte, warum sich in dem Beyspiele, das Sie mir davon gegeben haben, keine wechselsweise stumme und redende Scenen befinden: so würden Sie mir oh ne Zweifel antworten, daß nicht alle Stoffe dieser Art von Schönheiten fähig sind. Das ist wahr. „Welches aber werden die Stoffe zu dem ernst haften Komischen seyn, das sie für einen neuen Zweig der dramatischen Gattung hatten? Es giebt in der menschlichen Natur aufs höchste nur ein Dutzend wirklich komische Charaktere, die grosse Züge haben. Das denke ich. Die kleinen Verschiedenheiten, die man unter den menschlichen Charakteren wahrnimmt, können so glücklich nicht bearbeitet werden, als die reinen unvermischten Charaktere.
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Das denke ich. Aber wissen Sie, was daraus folgt? -- Daß man, eigentlich zu reden, nicht mehr die Charaktere, sondern die Stände auf die Bühne bringen muß. Bisher ist in der Komödie der Charakter das Hauptwerk gewesen; und der Stand war nur etwas Zufälliges: nun aber muß der Stand das Hauptwerk, und der Charakter das Zufällige werden. Aus dem Charakter zog man die ganze Intrigue. Man suchte durchgängig die Umstände, in welchen er sich am besten äussert, und verband diese Umstände unter einander. Künftig muß der Stand, müssen die Pflichten, die Vor theile, die Unbequemlichkeiten desselben, zur Grund lage des Werks dienen. Diese Quelle scheinet mir weit ergiebiger, von weit grösserm Umfange, von weit grösserm Nutzen, als die Quelle der Charak tere. War der Charakter nur ein wenig übertrie ben, so konnte der Zuschauer zu sich selbst sagen: das bin ich nicht. Das aber kann er unmöglich leugnen, daß der Stand, den man spielt, sein Stand ist; seine Pflichten kann er unmöglich ver kennen. Er muß das, was er hört, nothwendig auf sich anwenden. „Mich dünkt, man hat schon verschiedene von diesen Stoffen bearbeitet. Nicht doch. Sie irren sich. „Haben wir keine Rentmeister in unsern Stücken?
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Ohne Zweifel haben wir welche. Und doch ist der Rentmeister noch nicht gemacht. „Schwerlich wird man ein Stück anführen können, in welchem nicht ein Hausvater wäre. Ich gebe es zu; und doch ist der Hausvater noch nicht gemacht. Mit einem Worte; sagen Sie mir, sind die Pflichten der Stände, ihre Vortheile, ih re Unbequemlichkeiten, ihre Gefahren, auf die Bühne gebracht worden? Ist das die Grundlage zu der Intrigue, zu der Moral unserer Stücke? Oder zeigen uns vielleicht diese Pflichten, diese Vortheile, diese Unbequemlichkeiten, diese Gefahren, die Men schen nicht täglich in den größten Verlegenheiten? Sie wollten also, daß man den Gelehrten, den Philosophen, den Kaufmann, den Richter, den Sachwalter, den Staatsmann, den Bürger, den grossen Herren, den Statthalter spiele? Setzen Sie hierzu noch alle Verwandtschaften; den Hausvater, den Ehemann, die Schwester, die Brüder. Den Hausvater! Welch ein Stoff zu un sern itzigen Zeiten, wo man kaum die geringste Idee mehr hat, was ein Hausvater ist! Bedenken Sie, daß täglich neue Stände entste hen. Bedenken Sie, daß uns vielleicht nichts un bekannter ist, als die Stände, und daß nichts stär ker interessiren sollte, als sie. Jeder hat seinen
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gewissen Stand in der bürgerlichen Gesellschaft; jeder hat mit Menschen aus allerley Ständen zu thun. Die Stände! Wie viel wichtige Ausführungen, wie viel öffentliche und häußliche Verrichtungen, wie viel unbekannte Wahrheiten, wie viel neue Situationen sind aus dieser Quelle zu schöpfen. Und giebt es unter den Ständen nicht eben sowohl einen Contrast, als unter den Charakteren? Kann sie der Dichter einander nicht eben sowohl entge gen setzen? Aber diese Stoffe gehören der ernsthaften Gattung nicht einzig und allein. Sie können komisch oder tragisch werden, nach dem das Genie ist, das sich damit abgiebt. Uebrigens ist die Abwechselung der Lächerlichkei ten und Laster so groß, daß man, glaube ich, alle funfzig Jahre einen neuen Misanthropen machen könnte. Und ist es mit viel andern Charaktern anders? Diese Gedanken mißfallen mir gar nicht. Ich bin bereit, die erste Komödie in der ernsthaften Gat tung, oder die erste bürgerliche Tragödie, die man aufführen wird, mit anzuhören. Ich sehe es gern, daß man die Sphäre unsers Vergnügens erweitert. Ich lasse mir die neuen Quellen, die Sie uns an weisen, gefallen; nur nehmen Sie uns die nicht
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gar, die wir bereits haben. Ich gestehe Ihnen, daß mir die wunderbare Gattung am Herzen liegt. Es geht mir nahe, sie mit der burlesken Gattung vermischt, und aus dem Systeme der Natur und des Drama verwiesen zu sehen. Den Quinault mit dem Scarron und Dassouci in eine Reihe stel len; ah Dorval, den Quinault! --
Niemand kann den Quinault mit mehr Vergnü gen lesen, als ich. Es ist der Poet der Grazien, der immer leicht und zärtlich, und oft erhaben ist. Ich hoffe Ihnen ein andermal zu zeigen, wie wohl ich die Talente dieses einzigen Mannes kenne, und wie hoch ich sie schätze, und welchen Gebrauch man von seinen Tragödien, so wie sie sind, hätte machen können. Allein hier ist die Frage von seiner Gat tung, und diese finde ich schlecht. Sie überlassen mir willig die burleske Welt; und ist Ihnen denn die bezauberte Welt besser bekannt? Womit verglei chen Sie die Gemälde aus derselben, wenn sie kein festes Muster in der Natur haben? Die burleske Gattung und die wunderbare Gat tung haben keine Dichtkunst, und können keine ha ben. Wenn man auf der lyrischen Bühne etwas neues wagt, so ist es eine Ungereimtheit, die sich nur durch mehr oder weniger entfernte Verbindun gen mit einer alten Ungereimtheit behaupten kann. Der Name und die Talente des Verfassers thun
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dabey auch etwas. Moliere zündet Lichter rings um den Kopf des bürgerlichen Edelmanns an; es ist der lautere Unsinn; man giebt es zu, und doch lacht man darüber. Ein andrer erdichtet Menschen, die immer kleiner werden, nachdem sie mehr und mehr Thorheiten begehen; es liegt in dieser Erdich tung eine vernünftige Allegorie; und doch wird er ausgepfiffen. Angelica macht sich vor ihrem Lieb haber unsichtbar, Kraft eines Ringes, der sie vor keinem einzigen Zuschauer verbirgt, und niemanden ist diese lächerliche Maschine anstößig. Man gebe einem Boshaften einen Dolch in die Hand, mit dem er nach seinen Feinden stößt, allezeit aber nur sich selbst damit verwundet, so wie es der Bosheit ge meiniglich ergeht; und nichts ist ungewisser, als daß dieser wunderbare Dolch Beyfall finden wird. Alle diese dramatische Erfindungen kommen mir wie die Mährchen vor, mit welchen man die Kinder einwieget. Können diese wohl so verschönert werden, daß sie Wahrscheinlichkeit gnug erhalten, vernünfti gen Leuten zu gefallen? Die Heldin des Blaubarts stehet oben auf dem Turme. Unten am Turme ver nimmt sie die schreckliche Stimme ihres Tyrannen. Es ist um sie geschehen, wenn ihr Befreyer nicht bald kömmt. Neben ihr stehet ihre Schwester. Ihre Blicke suchen diesen Befreyer von weiten. Ist diese Situation nicht eben so schön, als nur eine auf der lyrischen Bühne seyn kann? Und ist
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die Frage: Liebe Schwester, siehst du noch nichts kommen, nicht pathetisch? Warum rührt sie gleichwohl keinen vernünftigen Menschen, so wie sie kleinen Kindern Thränen auspreßt? Das macht, weil ein Blaubart dabey ist, der ihre Wirkung vereitelt. Und Sie meinen, es gäbe kein einziges Werk, weder in der burlesken noch in der wunderbaren Gattung, worinn sich nicht einige Haare von die sem Blaubarte fänden? Das meine ich; aber ihr Ausdruck mißfällt mir. Er ist burlesk, und das Burleske kann ich nir gends leiden. Ich will diesen Fehler durch eine ernsthafte An merkung gut zu machen suchen. Sind die Götter der lyrischen Bühne nicht eben die Götter, die in der Epopee vorkommen? Warum sollte sich Venus nicht auf der Bühne über den Tod des Adonis be trüben dürffen? Darf sie doch in der Iliade über den kleinen Ritz, den ihr die Lanze des Diomedes beygebracht hat, jammern, und bey Erblickung des Flecks in ihrer schönen weissen Hand, wo die verwundete Haut schwarz zu werden anfängt, seuf zen. Ist es in dem Gedichte des Homers nicht ein sehr reizendes Gemälde; diese weinende Göttin, an dem Busen ihrer Mutter Dione? Warum soll te dieses Gemälde in einem lyrischen Werke weni ger gefallen?
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Wer strenger wäre als ich, würde Ihnen ant worten, daß die Auszierungen der Epopee, wie sie sich für die Griechen, für die Römer, für die Itali äner des funfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts schickten, heut zu Tage völlig verbannt sind; daß die Götter der Fabel, die Orakel, die unverwund baren Helden, die romanenhaften Abentheuer, ganz aus der Mode sind. Ich aber will blos anmerken, daß es ein grosser Unterschied ist, meiner Einbildung etwas vorschil dern, und es vor meinen Augen zur Wirklichkeit bringen. Meine Einbildungskraft läßt sich alles, was man will, gefallen; man darf sie nur einzu nehmen wissen. Mit meinen Sinnen hingegen, ist es ganz anders. Erinnern Sie sich nur dessen, was ich den Augenblick, so gar von den wahrscheinlichen Dingen sagte, die man bald zeigen, bald den Augen des Zuschauers entziehen müsse. Der nehmliche Un terschied, den ich da machte, läßt sich noch weit strenger auf die wunderbare Gattung anwenden. Mit einem Worte, wenn diesem System die Wahr heit fehlt, die der Epopee zukömmt, wie kann es uns auf der Scene interessiren? Die erhabenen Stände pathetisch zu machen, muß man den Situationen so viel Stärke als mög lich geben. Nur durch dieses Mittel kann man die sen kalten und gezwungenen Seelen, die Stimme
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der Natur auspressen, ohne die sich keine grosse Wirkungen hervorbringen lassen. Diese Stimme wird immer schwächer, je höher diese Stände sind. Man höre nur den Agamemnon: Wie glücklich, wenn mein Stand mir diesen Trost vergönnte, Daß ich bey meinem Gram in Freyheit weinen könnte! Wir armen Könige! Des falschen Glückes Ball Und Sklaven des Gerüchts! belagert überall Mit Zeugen! sind wir nicht, wenn wir am meisten leiden, Gezwungen, auch sogar die Thränen zu ver meiden? Müssen die Götter auf ihre Würde weniger achten, als die Könige? Wenn Agamemnon, dessen Tochter geopfert werden soll, seinem Range etwas unan ständiges zu begehen, sich scheuet; wie stark wird die Situation seyn müssen, die den Jupiter zwin gen kann, seiner Würde das geringste zu ver geben? Aber die alte Tragödie ist gleichwohl voller Götter; und Herkules ist es, der die Auflösung in der berühmten Tragödie Philoktet macht, in der, wie Sie sagen, kein Wort weder zu viel noch zu wenig ist. Die ersten, die sich dem Studio der menschli chen Natur widmeten, bemühten sich vor allen Din
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gen, die Leidenschaften zu unterscheiden, zu kennen, und zu charakterisieren. Der eine machte sich ab stracte Begriffe davon, und das war der Philosoph. Ein anderer gab seiner Idee Körper und Bewegung, und das war der Dichter. Ein dritter hauete einen Marmor aus, bis er dieser Idee ähnlich ward, und das war der Bildhauer. Ein vierter machte, daß der Bildhauer vor sein Werk niederkniete, und das war der Priester. Die Götter des Heidenthums sind nach dem Bilde des Menschen gemacht. Was sind die Götter des Homers, des Aeschylus, des Euripi des, des Sophokles? Laster und Tugenden der Men schen, grosse Erscheinungen der Natur, in Perso nen verwandelt. Das ist die wahre Theogonie. Das ist der Gesichtspunkt, aus welchem man den Saturnus, Jupiter, Mars, Apollo, die Venus, die Parzen, den Amor und die Furien betrachten muß. Wenn ein Heide Gewissensbisse fühlte, so glaub te er wirklich, daß eine Furie ihn innerlich peinige; und welches Schrecken mußte ihn nicht überfallen, wenn er dieses Phantom, mit einer Fackel in der Hand, und mit Schlangenhaaren, auf der Bühne hin und her rennen, und den Augen des Schuldi gen mit Blut befleckte Hände vorhalten sahe! Aber wir, die wir von der Eitelkeit dieses Aber glaubens überzeugt sind; wir!
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Nun wohl, so dürfen wir nur unsere Teufel an die Stelle der Eumeniden setzen. Der Glaube ist auf der Welt gar zu selten -- Und übrigens haben unsere Teufel eine so gothische Figur, -- sind von so schlechtem Geschmacke -- Ist es zu verwundern, daß Herkules in dem Phi loktet des Sophokles die Auflösung macht? Die ganze Verwicklung des Stücks beruhet auf seinen Pfeilen: und dieser Herkules hatte Bildsäulen in seinen Tem peln, vor welchen das Volk täglich niederfiel. Wissen Sie aber, was aus dieser Vereinigung des Nationalaberglaubens mit der Poesie folgte? Der Dichter konnte seinen Helden keinen reinen, unvermischten Charakter beylegen. Denn so würde er die Wesen verdoppelt haben. Er würde einerley Leidenschaft unter der Gestalt eines Gottes, und unter der Gestalt eines Menschen gezeigt haben. Und das ist die Ursache, warum die Helden des Homers fast nichts, als historische Personen sind. Als aber die christliche Religion den Glauben an die heidnischen Götter aus den Gemüthern der Men schen vertrieb, und den Künstler zwang, andere Quellen der Illusion zu suchen, so änderte sich das poetische System. Die Menschen traten an die Stel le der Götter, und man gab ihnen einen entschied nen Charakter.
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Aber ist die Einheit des Charakters, wenn man sie ein wenig strenge nimmt, nicht eine Grille? Ohne Zweifel. Man weicht also von der Wahrheit ab? Ganz und gar nicht. Bedenken Sie nur, daß es auf der Bühne nur eine einzige Handlung betrift; nur einen einzigen Umstand des Lebens; nur eine sehr kurze Zeit, während der ein Mensch gar wohl seinen Charakter behaupten kann. Und in der Epopee, die einen grossen Theil des Lebens, eine wunderbare Menge verschiedner Be gebenheiten, Situationen von allerley Art enthält, wie wird man da die Menschen mahlen müssen? Mich dünkt, es ist immer vortheilhaft, die Menschen so zu schildern, wie sie sind. Das, was sie seyn sollten, ist ein allzusystematisches, ein allzu schwankendes Ding, als daß es einer nachahmenden Kunst zum Grunde dienen könne. Nichts ist selte ner, als ein vollkommen boshafter Mensch, es wä re denn ein vollkommen guter. Als Thetis ihren Sohn in den Styx tauchte, so kam er doch dem Thersites an dem Knöchel ähnlich wieder heraus. Thetis ist das Bild der Natur. Hier hielt Dorval inne. Hernach fuhr er fort. Es giebt keine dauerhafte Schönheiten, als die sich auf Verhältnisse mit den Wesen der Natur gründen.
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Wenn man sich die Wesen in einer beständigen schnellen Abwechselung dächte, und jedes Gemälde nur einen flüchtigen Augenblick vorstellte, so würde alle Nachahmung überflüßig seyn. Die Schönhei ten haben in den Künsten den nehmlichen Grund, den die Wahrheiten in der Philosophie haben. Was ist die Wahrheit? Die Uebereinstimmung un serer Urtheile mit den Dingen. Was ist die Schön heit der Nachahmung? Die Uebereinstimmung des Bildes mit der Sache. Ich fürchte, daß bisher weder die Dichter, noch die Tonkünstler, noch die Verzierer, noch die Tän zer einen richtigen Begriff von ihrem gemeinschaft lichen Theater gehabt haben. Ist die lyrische Gat tung schlecht, so ist sie die schlechteste von allen Gattungen. Ist sie gut, so ist sie die beste von al len. Aber wie kann sie gut seyn, wenn man sich nicht die Nachahmung der Natur, und zwar der allerstärksten Natur, darinn vorsetzt? Wozu dient es, etwas in Poesie zu bringen, das nicht werth war, gedacht zu werden? Etwas singbar zu machen, was nicht werth war, in Mund genommen zu wer den? Je mehr man Unkosten auf etwas verwendet, desto besser muß es nothwendig seyn. Heißt das nicht die Philosophie, die Poesie, die Musik, die Mahlerey, die Tanzkunst schänden, wenn man sie mit einer Ungereimtheit beschäftiget? Jede von die sen Künsten insbesondere, hat die Nachahmung
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der Natur zur Absicht; und wenn man sich ihrer vereinten Zauberkräfte bedienen will, so wählt man eine Fabel! Ist die Illusion etwa noch nicht entfernt genug? Was hat die allgemeine Ordnung der Din ge, auf die sich die poetischen Erdichtungen grün den müssen, mit der Verwandlung, mit der Hexe rey zu thun? Männer von Genie haben in unsern Tagen die Philosophie aus der geistigen Welt in die wirkliche Welt herüber gehohlt. Will sich niemand finden, der der lyrischen Poesie den nehmlichen Dienst erzeige, und sie aus den bezauberten Gegen den auf die Erde, die wir bewohnen, herab bringe? Alsdenn wird man von einem lyrischen Gedichte nicht mehr sagen, daß es ein eckles, sinnloses Werk sey; in Ansehung seines Stoffs, der ausser der Natur ist; in Ansehung seiner vornehmsten Perso nen, die eingebildete Wesen sind; in Ansehung sei nes Verlaufs, der öfters weder Einheit der Zeit, noch Einheit des Orts, noch Einheit der Handlung beobachtet, und wobey alle Künste der Nachahmung nur deswegen verbunden zu seyn scheinen, damit der Ausdruck der einen durch den Ausdruck der an dern geschwächt werde. Der Weise war ehedem Philosoph, Poet und Musikus. Diese Talente sind nach ihrer Trennung aus der Art geschlagen. Die Sphäre der Philoso phie ist enger geworden. Der Poesie haben Gedan
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ken gefehlt. Dem Gesange haben Stärke und Nach druck gemangelt; und die Weisheit, die dieser ihrer Organen beraubt ward, konnte sich den Völkern nicht mehr so reitzend hören lassen. Ein grosser Musikus und ein grosser lyrischer Dichter, könnten diesem Uebel abhelfen. Und das wäre wieder eine neue Bahn. Er er scheine nur dieser Mann von Genie, der die wahre Tragödie, die wahre Komödie auf das lyrische Thea ter bringen soll; er ruffe nur, wie der Prophet des hebräischen Volks in seiner Begeisterung rief, Adducite mihi psaltem, man gebe mir einen Ton künstler: und er wird ihn erwecken, diesen Ton künstler. Die lyrische Gattung unserer Nachbaren hat ohne Zweifel Mängel, aber weit wenigere, als man denkt. Wenn sich der Sänger das Gesetz machte, in den Arien, wo Gefühl [] [] herrscht, nur den un articulirten Accent des Affects, und in den Arien, die Gemälde enthalten, nur die vornehmsten Er scheinungen der Natur auszudrücken; und der Dich ter wüßte nur, daß seine Arie die Schlußrede seiner Scene seyn soll: so würde es mit der Verbesserung schon weit gekommen seyn. Und was würde aus unsern Tänzen werden? Der Tanz? Auch der Tanz erwartet noch einen Mann von Genie. Er taugt überall nichts, weil
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man es sich kaum träumen läßt, daß er eine Art der Nachahmung sey. Der Tanz verhält sich zur Pantomime, wie die Poesie zur Prosa, oder viel mehr wie die natürliche Declamation zum Gesange. Er ist eine abgemessene Pantomime. Ich möchte wohl wissen, was alle die Tänze sa gen sollten, wobey man nur immer einerley Linien hält, als die Menuet, das Passepied, der Rigau don, die Allemande, die Sarabande. Dieser Mensch braucht seine Glieder mit unendlicher Anmuth. Er macht keine einzige Bewegung, die nicht leicht, und sanft und edel wäre; aber was ahmt er denn nach? Das heißt nicht singen, das heißt trillern. Ein Tanz ist ein Gedicht. Dieses Gedicht sollte also seine besondere Vorstellung haben. Es ist eine Nachahmung durch Bewegungen, welche die verei nigte Hülfe des Dichters, des Mahlers, des Mu sikus und des Pantomimen erfordert. Es hat seinen Stoff. Dieser Stoff kann in Aufzüge und Auftritte eingetheilet werden. Der Auftritt hat sein Recita tiv, sein Arioso, und seine Arie. Ich muß Ihnen bekennen, daß ich Sie nur halb verstehe, und daß ich Sie vielleicht gar nicht verstehen würde, wenn ich nicht zum Glücke ein fliegendes Blatt gelesen hätte, das vor einigen Jahren herauskam. Der Verfasser war mit dem Ballette, das eine gewisse komische Oper beschloß, unzufrieden, und schlug ein anderes vor. Ich
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müßte mich sehr irren, wenn seine Gedanken von Ihren sehr unterschieden wären.
Das kann wohl seyn. Ein Beyspiel würde mir die Sache vollends ins Licht setzen. Ein Beyspiel? Ja. Man kann eines erfinden und ich will darauf denken. Wir gingen die Allee einigemal stillschweigend auf und nieder. Dorval sann auf ein Beyspiel des Tanzes, und ich wiederhohlte in Gedanken einige von seinen Ideen. Das Beyspiel, das er mir gab, war ohngefehr dieses. Es ist ganz gemein, sagte er; aber es lassen sich meine Gedanken eben sowohl darauf anwenden, als wenn es ausgesuchter und neuer wäre. Entwurf. Ein junger Bauer und eine junge Bäuerin kom men gegen Abend vom Felde. Sie treffen einan der in einem Busche, der nicht weit von ihrem Dor fe ist; und nehmen sich vor, einen Tanz zu probie ren, den sie künftigen Sonntag, unter der grossen Ulme, mit einander tanzen sollen. Erster Aufzug. Erster Auftritt. Ihre erste Bewegung ist eine angenehme Ueberraschung. Sie bezeigen einander
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diese angenehme Ueberraschung durch eine Pan tomime. Sie kommen näher. Sie grüssen sich. Der junge Bauer schlägt der jungen Bäuerin vor, ihre Lection zu probieren. Sie antwortet ihm, daß es schon spät ist, daß sie ausgeschelten zu werden fürch tet. Er dringt in sie. Sie williget ein. Sie le gen die Werkzeuge ihrer Arbeit auf die Erde. Das wäre das Recitativ. Die gegangenen Schritte, und die unabgemessene Pantomime sind das Reci tativ des Tanzes. Sie probieren den Tanz. Sie besinnen sich auf die Bewegung und auf die Schrit te; sie tadeln sich; sie fangen von vorne an; es geht besser; sie loben sich; sie kommen heraus; sie werden verdrüßlich darüber. Das wäre ein Reci tativ, das mit einer Arie voll Unwillen unterbro chen werden könnte; was dabey zu reden wäre, müßte das Orchester reden; dieses müßte das Ge spräch führen, und die Handlungnachahmen. Der Dichter hat dem Orchester dictiert, was es sagen soll; der Musikus hat es aufgeschrieben; der Mah ler hat die Gemälde erfunden; und der Pantomim muß die Schritte und Bewegungen dazu machen. Hieraus können Sie leicht einsehen, daß wenn der Tanz nicht wie ein Gedicht niedergeschrieben ist; wenn der Dichter die Reden übel abgefaßt hat; wenn er keine angenehme Gemälde finden können; wenn der Tänzer nicht das Spiel versteht; wenn das Or
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chester nicht zu reden weis: daß alsdenn alles verloren ist. Zweyter Auftritt. Indem sie sich so üben, läßt sich ein Geräusch vernehmen. Unsere Kinder erschrecken darüber. Sie halten inne. Sie horchen. Das Geräusch ist vorüber. Sie fassen sich wieder. Sie fahren fort. Plötzlich werden sie durch das nehmliche Geräusch aufs neue unterbrochen und er schreckt. Das ist ein Recitativ, das mit ein wenig Gesang vermischt ist. Darauf folgt eine Panto mime von der jungen Bäuerin, die davon lauffen will, und von dem jungen Bauer, der sie zurück hält. Er sagt ihr seine Gründe. Sie will ihn nicht hören, und es fällt unter ihnen ein sehr lebhaftes Duett vor. Vor diesem Duette ging ein Stückchen Recita tiv her, das aus kleinen Gesichtszügen, aus kleinen Bewegungen der Körper und Hände dieser Kinder bestand, womit sie sich einander den Ort wiesen, wo das Geräusch hergekommen war. Die junge Bäuerin hat sich endlich überreden lassen, und sie sind mit dem Versuche ihres Tanzes. aufs neue beschäftiget, indem zwey ältere Bauern, auf eine seltsame und schreckliche Weise verkleidet, mit langsamen Schritten ihnen näher kommen.
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Dritter Auftritt. Diese verkleidete Bauern machen, unter dem Schalle einer gedämpften Sym phonie, alle mögliche Bewegungen und Grimassen, die die Kinder erschrecken können. Ihre Annähe rung ist ein Recitativ. Ihr Gespräch ist ein Duett. Die Kinder fürchten sich. Sie zittern an allen ih ren Gliedern. Je näher die Gespenster kommen, je grösser wird ihre Angst. Endlich wollen sie aus allen Kräften davon fliehen. Aber sie werden ver folgt und zurückgehalten, und die verkleideten Bau ern und die erschrockenen Kinder machen ein sehr lebhaftes Quatuor zusammen, das sich mit der Flucht der Kinder schließt. Vierter Auftritt. Nunmehr nehmen die Ge spenster ihre Masken ab. Sie fangen an zu lachen. Sie machen alle die Pantomime, die sich für scha denfrohe Bösewichter schickt, wünschen sich zu ihrem so wohlgelungenen Streich in einem Duette Glück, und gehen ab. Zweyter Aufzug. Erster Auftritt. Der junge Bauer und die junge Bäuerin hatten ihre Taschen und Stäbe auf der Bühne gelassen; sie kommen und wollen sie hoh len. Der junge Bauer zuerst. Anfangs steckt er nur kaum die Nase hervor. Dann einen Schritt weiter. Und diesen geschwind wieder zurück. Er
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horcht. Er sieht sich um. Er kömmt näher. Er kehrt wieder um. Endlich wird er nach und nach kühner. Er geht zur Rechten, zur Linken. Seine Furcht ist vorüber. Dieser Monolog ist ein Arioso. Zweyter Auftritt. Die junge Bäuerin kömmt dazu; sie bleibt aber von weitem stehen. Vergebens winkt ihr der Kleine; sie will sich nicht näher wagen. Er wirft sich ihr zu Füssen. Er will ihr die Hand küssen.Und die Gespenster? fragt sie ihn. Sind fort. -- Sind fort. Auch das ist ein Recitativ. Es folgt aber ein Duett darauf, wo rinn ihr der junge Bauer sein Verlangen auf die feurigste Art zu verstehen giebt. Nach und nach läßt sich die junge Bäuerin überreden, und kömmt wieder vor auf die Bühne, um ihren Tanz aufs neue vorzunehmen. Dieses Duett wird durch schreck hafte Bewegungen unterbrochen. In der That zwar hören sie kein Geräusch, aber sie glauben es zu hö ren. Sie halten inne. Sie horchen. Sie beruhi gen sich wieder, und setzen ihr Duett fort. Aber diesmal ist es kein blinder Schrecken. Der fürchterliche Lerm hat wieder angefangen; die jun ge Bäuerin ist nach ihrer Tasche und nach ihrem Stabe gelauffen; der junge Bauer desgleichen. Sie wollen fliehen.
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Dritter Auftritt. Allein ein Schwarm Ge spenster umringt sie, und schneidet ihnen überall den Weg ab. Sie laufen unter diesen Gespenstern hin und her. Sie suchen ein Schlupfloch. Sie finden keines. Und das, wie Sie sich leicht vor stellen können, macht ein Chor. Endlich, nachdem ihre Bestürzung aufs höchste gekommen ist, nehmen die Gespenster ihre Larven ab, und lassen den jungen Leuten lauter bekannte und freundschaftliche Gesichter sehen. Die Naivi tät ihres Erstaunens, macht ein sehr angenehmes Gemälde. Jedes von ihnen nimmt eine Larve. Sie betrachten sie. Sie vergleichen sie mit dem Ge sichte. Die junge Bäuerin hat eine häßliche Manns larve, und der junge Bauer eine häßliche Weibs larve. Sie machen sich diese Larven vor. Sie be sehen sich darinn. Sie machen sich einander Gri massen, und auf dieses Recitativ folgt ein allgemei nesChor. Der junge Bauer und die junge Bäu erin erweisen sich unter diesem Chore tausend kleine Neckereyen, und das ganze Stück schließt mit die sem Chore. Ich habe von einem dergleichen Schauspiele re den hören, das so vollkommen seyn soll, als man es sich nur immer vorstellen kann. Sie meinen gewiß die Bande des Nicolini? Eben die.
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Ich habe sie nicht gesehen. Und nun? Mei nen Sie noch, daß das Alterthum unsern Zeiten nichts weiter zu thun übrig gelassen habe? Die häusliche und bürgerliche Tragödie, zu schaffen. Die ernsthafte Gattung, mehr zu bearbeiten. Die Stände der Menschen an die Stelle ihrer Charaktere zu setzen, und dieses vielleicht in allen Gattungen. Die Pantomime mit der dramatischen Handlung genauer zu verknüpfen. Die Scene zu verändern, und die Gemälde an statt der Theaterstreiche einzuführen; als welches ei ne neue Quelle der Erfindung für den Dichter, und Gelegenheit zu einer ernstlichern Befleißigung für den Schauspieler seyn würde. Denn nur vergebens wird der Dichter Gemälde erfinden, wenn der Schauspieler nur immer bey seinen symmetrischen Vertheilungen, bey seiner abgemessenen Action bleiben will. Ferner, die wirkliche Tragödie auf das lyrische Theater zu bringen.
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Endlich, dem Tanze die Form eines wirklichen Gedichts zu geben, ihn nieder zu schreiben, und von allen übrigen Künsten der Nachahmung ab zusondern. Aber welche Tragödie wollten Sie auf der ly rischen Bühne einführen? Die alte. Und warum nicht die bürgerliche? Weil die Tragödie, und überhaupt jedes für die lyrische Scene bestimmte Werk, abgemessen seyn muß; das bürgerliche Trauerspiel aber, wie mich dünkt, die Versification nicht vertragen will. Glauben Sie aber auch, daß diese Gattung für die Tonkunst fruchtbar genug ist? Jede Kunst hat ihre Vortheile. Es scheinet, es ist mit ihnen, wie mit den Sinnen. Die Sinne alle, sind nur ein Gefühl []; die Künste alle, sind nur eine Nachah mung. Aber jeder Sinn hat seine besondere Art des Gefühls; jede Kunst ihre besondere Art der Nachahmung. Es giebt in der Musik zweyerley Style; den simpeln, und den figürlichen. Was würden Sie sa gen, wenn ich Ihnen in unsern tragischen Dichtern Stellen zeigte, bey welchen der Musikus, nach sei nem Gutbefinden, entweder alle die Energie des ei nen, oder allen den Reichthum des andern, anbrin
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gen kann? Wenn ich sage der Musikus, so ver stehe ich einen Mann, der das Genie seiner Kunst hat; einen ganz andern Mann als den, der weiter nichts als Modulationen einfädeln und Noten zu sammen setzen kann. Eine von diesen Stellen, Dorval, wenn ich bitten dürfte? Sehr gern. Man sagt, Lulli selbst habe die, die ich Ihnen anführen will, bemerkt. Und daraus würde sich vielleicht schliessen lassen, daß es diesem Künstler nur an Gedichten von einer andern Gat tung gefehlt, und er sich ein Genie zugetrauet hat, das zu weit grösseren Dingen fähig gewesen. Man hat der Klytemnestra ihre Tochter entrissen; sie soll geopfert werden; schon glaubt die Mutter, das heilige Messer in ihrer Brust zu sehen, ihr Blut fliessen zu sehen, den Priester zu sehen, der den Willen der Götter in ihrem schlagenden Herzen zu lesen sucht. In dieser kläglichen Verwirrung, ruft sie: -- -- -- -- Ich Unglückselige! Wie? meine Tochter, als ein Opfer ausge schmücket, Beut ihre Brust dem Stal, den selbst ihr Va ter zücket? Der Priester eilt, ihr Blut -- Laßt ab, Bar baren! Wißt, Daß es das reinste Blut des Donnergottes ist!
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Hört, wie sein Donner rollt! Wie Meer und Erde zittern! Ein, Gott der Rache zürnt aus diesen Unge wittern! Ich wüßte keine lyrischen Verse, keine Situation, die zur musikalischen Nachahmung so geschickt wä ren, weder bey dem Quinault, noch bey sonsten ei nem Dichter zu finden. Der Umstand, in welchem sich Klytemnestra befindet, muß ihr die wahre Stim me der Natur aus ihrem Innersten auspressen; und der Musikus hat überflüßige Gelegenheit, mir sie nach allen ihren Abänderungen vernehmlich zu machen. Componiert er diese Stelle in dem simpeln Sty le, so wird er sich von dem Schmerze und der Ver zweiflung der Klytemnestra ganz zu erfüllen suchen, und wird nicht eher anfangen zu arbeiten, als bis ihn die schrecklichen Bilder, welche die Klytemnestra belagerten, gleichsam dazu zwingen. Wie vortref lich schicken sich die ersten Zeilen zu einem Arioso! Wie wohl lassen sich die verschiednen Glieder der selben durch ein klägliches Ritournell unterbrechen. -- Himmel, ah! Ich Unglückselige! -- erster Ab schnitt für das Ritournell. -- Wie? meine Toch ter, als ein Opfer ausgeschmücket, -- zwey ter Abschnitt -- Beut ihre Brust dem Stal, den selbst ihr Vater zücket? -- dritter Ab schnitt --Selbst ihr Vater! vierter Abschnitt. -- Der Priester eilt, ihr Blut -- fünfter Abschnitt. Welcher Charaktere wäre diese Symphonie nicht fä
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hig? -- Mich dünkt, ich höre sie. -- Sie mah let mir den Jammer, -- den Schmerz, -- den Schreck, -- das Entsetzen, -- die Wuth. -- Die Arie fängt an mit, Laßt ab, Barbaren! Dieses Barbaren, dieses laßt ab, declamiere mir der Musikus auf so vielerley Weise, als er nur will; er muß erstaunlich unfruchtbar seyn, wenn diese Worte für ihn nicht eine unerschöpfliche Quelle von Melodieen sind. Lebhaft: Laßt ab! Laßt ab! Barbaren! Barbaren! -- Wißt, daß es das reinste Blut des Donnergottes ist! -- Es ist das Blut -- es ist das reinste Blut des Donnergottes! Der Gott hört euch -- hört euch; -- er droht euch, Barbaren -- Laßt ab! -- Hört, wie sein Donner rollt! -- Wie Meer und Erde zittern! -- Laßt ab! -- Ein Gott, ein Gott der Rache zürnt aus diesen Ungewittern. -- Laßt ab, Barbaren! Sie lassen nicht ab! -- Ah, meine Tochter! -- Ich unglückselige Mutter! -- Ah, Barbaren! -- Welche man nichfaltige Empfindungen und Gemälde! Man gebe diese Zeilen der Mademoisell Dume nil; und das wird, wenn ich mich nicht sehr irre, die feurige Unordnung seyn, die sie hineinlegt; so werden die Empfindungen in ihrer Seele auf ein ander folgen. Das wird sie ihr eigenes Genie leh
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ren; und diese ihre Declamation darf der Musikus sich nur denken, und zu Papiere bringen. Man mache nur die Erfahrung, und man wird sicherlich sehen, daß die Natur diese Schauspielerin und den Musikus auf einerley Gedanken bringt. Wählt aber der Musikus den figürlichen Styl: so entstehet eine andere Declamation; so kommen andere Ideen; eine andere Melodie. Er wird das durch die Stimme ausführen lassen, was der ande re für die Instrumente bestimmt hatte. Er wird den Donner rollen lassen. Er wird die Blitze schmetterend umher schleidern. Er wird mir die Mutter zeigen, wie sie die Mörder ihrer Tochter mit dem Bilde des Gottes schrekt, dessen Blut sie vergiessen wollen. Und dieses Bild wird er meiner Einbildungskraft, die durch das Pathetische der Poesie und Situation ohnedem schon erschüttert worden, mit aller Wahrheit und Stärke, der er nur immer fähig ist, einprägen. Jener hatte sich gänzlich mit den Tönen der Klytemnestra beschäfti get; dieser beschäftiget sich mehr mit ihrem Aus drucke. Es ist nicht mehr Iphigeniens Mutter, die ich höre; es ist der rollende Donner; es ist die zit ternde Erde; der weit ertönende Himmel. Ein dritter wird vielleicht die Vortheile beyder Style zu verbinden suchen. Er wird die gewaltsa
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me, unarticulirte Stimme der Natur zu treffen suchen, und diese zur Grundlage seiner Melodie machen. Auf den Seiten dieser Melodie wird er den Donner brüllen, den Blitz schiessen lassen. Viel leicht wagt er es, den rächenden Gott selbst zu zei gen; doch wird er mitten durch die verschiedenen Züge dieses Gemäldes, das Geschrey einer jammern den Mutter dringen lassen. Wenn dieser Künstler aber auch ein noch so wun derbares Genie hätte, so würde er doch nie den ei nen dieser Zwecke erreichen können, ohne sich von dem andern zu entfernen. So viel er auf die Ge mälde verwendet, so viel wird dem Pathetischen ab gehen. Das Ganze wird stärker auf das Gehör, aber schwächer auf die Seele wirken. Diesen Com ponisten werden mehr die Künstler, als Leute von Geschmack bewundern. Und glauben Sie ja nicht, daß es die Lieblings wörter des lyrischen Styls, rollen -- zittern, -- zürnen, -- sind, die das Pathetische dieser Stelle ausmachen. Der Affect ist es, der sie belebt. Und wenn der Musikus die Stimme des Affects verab säumte, und seine Töne bloß nach Maaßgebung die ser Wörter combinirte; so würde ihn der Dichter eine grausame Schlinge gelegt haben. Wird die wahre Declamation mehr Nachdruck auf die Wörter,
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rollen, zittern, zürnen, oder auf die Wörter, Barbaren -- laßt ab -- es ist das Blut -- das reinste Blut des Gottes -- des Donner gottes,legen? Aber hier ist noch eine andere Stelle, an welcher es der Musikus nicht weniger zeigen kann, ob er Genie hat; und worinn weder rollen, noch zür nen,noch Donner, noch sonst ein einziges von den Lieblingswörtern vorkömmt, die ewig die Mar ter des Dichters seyn werden, so lange sie die ein zige, armselige Hülfe des Musikus sind. Arioso. Ein Priester, rund umringt von einem Henkerschwarm, Legt an mein theures Kind den Vatermör derarm? Zerfleischet ihre Brust? forscht, was die Götter sagen? Und läßt ihr blutend Herz in seinen Händen schlagen? Und ich, die ich mit ihr, als im Trium phe kam, Ich kehre jetzt zurück verlassen und voll Gram?
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Und seh die Blumen noch, der Thäler junge Beute, Mit welchen vor ihr her das Volk den Weg bestreute? Arie. Nein, nein, ich führte sie nicht her zum Mordaltar! Du bringst den Griechen sonst ein doppelt Opfer dar. Nicht Menschen halten mich, nicht Götter! Du mußt wissen, Sie wird aus diesem Arm nicht ohne Blut gerissen. Barbar und nicht Gemahl! nicht Vater, Tiegerthier! Komm, wag es, wenn du darfst, nimm meine Tochter mir! Nein, ich führte sie nicht her zum Mordal tar. -- Nein, nein -- Barbar und nicht Ge mahl! -- Nicht Vater, Tiegerthier! -- Nein, nein! -- Komm, wag es, nimm meine Toch ter mir! meine Tochter mir! -- Komm, wag es, wenn du darfst! -- wenn du darfst, nimm meine Tochter mir! -- Das sind die vor nehmsten Ideen, mit welchen die Seele der Kly temnestra ganz erfüllt war; mit welchen der Musikus ganz erfüllt seyn muß.
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Und so hätte ich Ihnen meine Gedanken willig mitgetheilt. Sind sie nicht nützlich, so können sie doch auch nicht schädlich seyn, wenn es wahr ist, was einer von den größten Männern unsrer Na tion behauptet, daß fast alle Gattungen der Litte ratur erschöpft sind, und auch einem Manne von Genie nichts Grosses mehr auszuführen übrig ge lassen ist. Es mögen andere urtheilen, ob diese Art von Dichtkunst, die Sie mir gleichsam entrissen haben, viel gründliches enthält, oder ob es nichts als Gril len sind. Ich wollte mich willig der Meinung des Herrn von Voltaire unterwerfen, aber mit dem Bedinge, daß er sein Urtheil mit einigen Gründen unterstüzte, welche die Sache in ein besseres Licht sezten. Wenn ich jemanden auf der Welt in der gleichen Dingen für unfehlbar hielte, so würde Er es seyn. „Wenn Sie wollen, so kann man ihm ihre Ge danken mittheilen. Ich bin es zufrieden. Das Lob eines geschickten und aufrichtigen Mannes, ist mir schmeichelhaft; nie aber wird mich sein Tadel, so bitter er auch ausfällt, kränken. Ich habe schon längst angefan gen, meine Glückseligkeit in gründlichern Dingen
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zu suchen, die mehr in meiner Gewalt stehen, als der gelehrte Ruhm. Dorval wird sehr zufrieden sterben, wenn er hoffen kann, nach seinem Tode den Lob spruch zu verdienen: So ein rechtschafner Mann auch sein Vater war, so war er doch nicht rechtschafner als Er. Wenn Sie aber die gute oder schlechte Aufnah me eines Werks mit so gleichgültigen Augen betrach ten, welche Bedenklichkeit können Sie noch haben, es ans Licht treten zu lassen? Keine. Es ist auch schon so manche Abschrift davon gemacht worden. Theresia verweigert sie nie manden. Doch wollte ich nicht, daß man mein Stück den Komödianten anböte. Warum nicht? Es ist ungewiß, ob sie es annehmen würden. Es ist noch ungewisser, ob es Beyfall finden würde. Man lieset nicht gern ein Stück, das auf der Büh ne gescheitert hat. Und so könnte es leicht kommen, daß dieses Stück ganz ohne Nutzen bliebe, weil man seinen Nutzen gar zu groß hätte machen wollen. Was denken Sie gleichwohl -- Wir haben ei nen Prinzen*, der die Wichtigkeit der dramatischen 4
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Poesie einsiehet, und sich die Beförderung des Nationalgeschmacks angelegen seyn läßt -- Wie wenn man diesen ersuchte, und von diesem erhielte --
Ich glaube wohl, aber lassen Sie uns lieber sei nen Schutz auf den Hausvater versparen. Er wird ihn uns nicht weigern; Er, der es so frey gewagt hat -- -- Dieser Stoff liegt mir beständig in Ge danken; ich werde mich schon, über lang oder über kurz, dieser Grille entledigen müssen; denn eine Grille ist es, so wie alle Menschen in der Einsam keit ihre Grillen haben. -- Welch ein vortreflicher Stoff, der Hausvater! -- Es ist der allgemeine Beruf der Menschen. -- Unsere Kinder sind die Quelle unserer größten Freude, unsers größten Kum mers. -- Ich werde bey diesem Stoffe beständig meinen Vater vor Augen haben können. -- Mei nen Vater! -- Ich werde ihn vollends schildern, den guten Lysimond. -- Ich werde dabey manche Lehre für mich selbst finden. -- Und wenn ich ein mal Kinder bekomme, so kann es nicht schaden, wenn man siehet, wozu ich mich in voraus anheischig ge macht habe. Und von welcher Gattung wird der Hausva ter seyn?
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Ich habe es überlegt; und mich dünkt, daß die ser Stoff mit dem natürlichen Sohne nicht völlig nach einer Seite hängt. Der natürliche Sohn hat tragische Schattierungen; der Hausvater dürfte vielleicht komische bekommen. „Sind Sie schon so weit, daß Sie das wissen können?“ Ja. Kehren Sie nur wieder nach Paris. -- Stellen Sie den siebenten Band der Eneyklopädie ans Licht. -- Kommen Sie als denn wieder, und ruhen hier aus. -- Und seyn Sie versichert, der Hausvater wird entweder gar nicht gemacht, oder er ist fertig, ehe ihre Ferien zu Ende gehen. -- Aber, habe ich recht gehört? Sie wollen bald fort? Uebermorgen. Wie? Uebermorgen? Ja. Das kömmt ein wenig sehr geschwind. -- Ma chen Sie es unterdessen, wie Sie wollen, -- noth wendig müssen Sie doch noch vorher Theresien, Clairvillen und Rosalien kennen lernen. -- Hätten Sie wohl Lust, sich heute Abend bey Clairvillen zu Gaste zu bieten?
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Dorval sahe, daß ich es zufrieden war, und sogleich machten wir uns auf den Weg nach seinem Hause. Konnte ein Mensch, den Dorval einführte, anders als sehr wohl aufgenommen werden? Es war den Augenblick, als ob ich in die Familie gehörte. Man sprach vor und nach dem Abendessen von Neuig keiten, von Staatssachen, von Religion, von schö nen Wissenschaften, von Philosophie; es mochte aber die Rede seyn, wovon es wollte, so erkannte ich immer den Charakter, den Dorval jeder von seinen Personen beygelegt hatte. Er hatte den Ton der Melancholie; Theresia den Ton der Vernunft; Rosalia den Ton der Freymüthigkeit; Clairville den Ton des Affects, und ich den Ton des guten ehrlichen Mannes. Ende des ersten Theils.
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1 *Voltaire.
2 ~* Lampedouse ist eine kleine wüste Insel auf dem Afri canischen Meere, von der Küste von Tunis und der Insel Maltha ohngefehr gleich weit ab. Der Fisch fang daselbst ist vortreflich. Sie ist mit wilden Oel bäumen bedeckt. Der Boden würde sehr fruchtbar seyn. Korn und Wein würden da ungemein gerathen. Und gleichwohl ist sie noch von niemanden bewohnet worden, als von einem Marabon, und von einem elenden Priester. Der Marabon hatte die Tochter des Bay von Algier entführet, und war mit seiner Gelieb ten dahin geflüchtes, an dem gemeinschaftlichen Werk ihres Heils zu arbeiten. Der Priester, mit Namen Bruder Clement, hat zehn Jahr auf Lampedouse zuge bracht, und er war vor kurzer Zeit noch am Leben. Er hatte Vieh. Er baute das Land. Er verbarg seinen Vorrath in einen Keller unter der Erde, und den Rest verkaufte er auf den nächsten Küsten, wo er sich so lange lustig machte, als sein Geld währte. Auf der Insel ist eine in zwey Kapellen getheilte Kirche, welche die Mahometaner als den Begräbnißort des heiligen Marabon und seiner Geliebten verehren. Bruder Cle ment hatte die eine Kapelle dem Mahomet, und die andere der heiligen Mutter Gottes geweihet. Sahe er ein christliches Schif kommen, so steckte er die Lam pe der heiligen Mutter Gottes an. War es aber ein mahometanisches Schif, geschwind blies er die Lam pe der heil. Mutter Gottes aus, und steckte für den Mahomet an.
3 ~* Man sehe Otways befreytes Venedig; Shakespears Hamlet, und die meisten dramatischen Stücke der Engländer.
4 ~* Der Herzog von Orleans,

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