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Römische Historie von Erbauung Der Stadt Rom, Bis auf die Schlacht bey Aetium, oder das Ende der Republik:

aus dem Französischen Des Herrn Rollins ins Deutsche übersetzt.

Vierter Theil.

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Mit Kön. Poln. u. Churfl. Sächs. allergn. Privil.

Leipzig, bey Johann Heinrich Rüdiger,

1749.

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Vorbericht Des Autors.

In der Geschichte, wel che in dem Ausgan ge des vorhergehen den Bandes, und in dem Anfange des gegenwärtigen ent halten ist, habe ich den Titus Livius nicht zum Wegweiser gehabt. Ich habe Ursache zu fürchten, daß man dieses nur allzusehr wahrnehme wird. Wir haben die andere Dekade von diesem Geschichtschreiber verlohren,
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welcher den Krieg wider die Taren tiner und den Pyrrhus, das Ende des Samnitischen Krieges, den er sten Punischen Krieg, und die Bege benheiten, die sich in dem Zeit-Raume bis zu dem andern zugetragen, in sich faßte. Wir haben zwar wohl die Ergänzungen des Freinsheim, der mit einer unbeschreiblichen Arbeit und einer wunderbaren Richtigkeit im Urtheilen eine unendliche Anzahl Stellen gesammlet hat, die hie und da in den alten Schriftstellern zer streut sind, um die Lücken und leeren Räume des Livius auszufüllen, und eine vollständige Geschichte daraus zu machen. Ein so nützliches oder viel mehr so nothwendiges Werk, das mit so vieler Richtigkeit, ja selbst mit so vieler Schönheit ausgearbeitet ist, kann man nicht hoch genug schätzen. Aber es ist kein Livius. Nichts ist über die Verdienste dieses fürtrefli chen Geschichtschreibers zu setzen. Er hat durch die Schönheit und die Ho heit seiner Schreibart die Grösse und den Ruhm des Volks erreicht, dessen
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Geschichte er beschreibt. Er ist über all deutlich, verständlich, angenehm. Aber wenn er auf Sachen von Wich tigkeit kommt, so erhebt er sich in gewisser Masen über sich selbst, um sie mit einer eignen Sorgfalt, und einer Art von Gefälligkeit abzuhandeln. Er macht die Handlung, die er be schreibt, gegenwärtig, er legt sie uns vor Augen, er erzehlt sie nicht, sondern er zeiget sie. Er macht den Geist und den Charakter der Per sonen, die er auf der Scene erschei nen läßt, nach der Natur, und legt ihnen solche Worte in den Mund, die allezeit ihrer Art zu denken und ihren verschiedenen Umständen gemäß sind. Insonderheit hat er die wun derbare Kunst, den Leser durch die Mannichfaltigkeit der Begebenhei ten dergestalt in der Ungewißheit zu lassen, und seine Neugierde auf eine so lebhafte Art zu reitzen, daß er die Erzehlung einer Geschichte nicht eher verlassen kann, biß sie gäntzlich geen diget ist.
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Es war zu bedauern, daß man in unsrer Sprache keine vernünfftige Ubersetzung von einem so fürtrefli chen Geschichtschreiber hatte, und man wünschte seit langer Zeit, daß eine geschickte Hand daran arbeiten möchte. Herr Gverin, alter Pro fessor der Rethorik auf dem Collegio von Beauvais hat diese Wünsche er füllt, indem er sich vorgenommen, uns nicht nur alles, was von dem Li vius übrig ist, sondern auch alle Er gänzungen des Freinsheim auf Frantzösisch zu liefern, und hat schon verschiedene Theile davon ans Licht treten lassen. Es ist eine grosse Ar beit, die ein vollständiges Werk von der Römischen Geschichte ausmacht, ich meyne nehmlich die von der Re publik. Es geziemet mir nicht hier eine grosse Lobeserhebung davon zu machen, denn diese könnte verdächtig scheinen, indem dieses Werk einen meiner Schüler zum Urheber hat. Ich will weiter nichts sagen, als daß dasienige hier nicht erscheint, was nach meinem Begriffe das vollkommene
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Lob einer Ubersetzung ausmacht. Man wird vielleicht einige Nachlässig keiten darinne finden, die sich bey einer andern Ausgabe leichtlich verlieren werden. Es ist nicht zu verwun dern, daß sich dergleichen in einem weitläuftigen Wercke einschleichen, das einen so anhaltenden Fleiß er fordert. Opere in longo fas est obrepere somnum. Ich habe grosse Ursache zu wün schen, daß man sich dieser Nachsicht in Ansehung meiner bediene. Hanc veniam petimusque damus que vicissim. Ich gestehe es mit einer aufrichti gen Erkenntlichkeit, daß die Welt mir gütiger begegnet, als ich zu verdie nen glaube. Ubrigens muß ich mir selbst Glück wünschen, daß ich Schü ler gebildet habe, die meine Lehrer geworden sind, der eine durch seine neue Ausgabe des Titus Livius mit(Herr Crevier.) Anmerkungen, die vieles zum Ver
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stande und zur Erläuterung desselben beytragen, der andre durch die Uber setzung eben dieses Autors, die er noch gegenwärtig unter den Hän den hat.

Zweyter Vorbericht des Autors.

Als dieser vierte Theil der Rö mischen Geschichte gantz fertig war ans Licht zu treten, und schon in den Händen der Buch binder war, ist mir ein Buch zu Ge sichte gekommen, das in Holland ge druckt ist und den Titel führt: æVer such einer Critik: I.Uber die Schrif ten des Herrn Rollin; II.Uber die Ubersetzungen des Herodotus: III. Uber das Geographische und Cri tische Wörterbuch des Herrn Bru zen la Martiniere.“ Der Autor nennet sich nicht, aber er ist nicht unbekannt. Ich habe dieses Buch
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nicht länger als vier und zwanzig Stunden behalten können. Ich ha be nichts davon gelesen als die Vor rede und den ersten von den 3. Brie fen, die mich angehen, mit der Uber schrifft: Brief über eine Stelle des Livius, in welcher eine Auslegung zwey neuer Schriftsteller wiederlegt wird. Consules in sedem processere suam(L. II. 5.) missique lictores ad sumendum sup plicium nudatos virgis caedunt, cum inter omne tempus pater vultusque et os ejus spectaculo esset, eminente animo patrio inter publicæ pœnæ mi nisterium. Die Schwürigkeit besteht in der andern Hälfte. Die Worte, mit welchen ich diese Sache in dem ersten Theile der Römischen Geschichte er zehlt, sind folgende: Die Consuls erschienen als denn auf ihren Richter- Stühlen, und indem die beyden Mis sethäter hingerichtet wurden, so ver wandte niemand aus dem ganzen
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Volke sein Gesichte von dem Vater, und iedermann beobachtete seine Be wegungen, seine Stellung und seine Mine, welche seiner Standhaftig keit ungeachtet die Empfindung sei ner Natur zu erkennen gaben, die er den Pflichten seines Amtes aufopferte, die er aber dennoch nicht ersticken konnte. (Erster Theil.) In dem Buche von der Er lernung der freyen Künste habe ich angemerkt, daß man diesen Worten animo patrio, auf welchen allein die Schwürigkeit beruht, zwey gantz ent gegen gesetzte Bedeutungen giebt. Wie einige vorgeben, so bedeuten sie, daß bey dieser Gelegenheit sein Amt als Consul, über das Amt des Va ters gesiegt, und daß die Liebe des Vaterlandes in dem Brutus alle Em pfindungen der Zärtlichkeit gegen sei nen Sohn erstickt habe. Andere hin gegen behaupten, daß diese Worte dieses andeuten, daß mitten unter dieser Verrichtung, welche die Wür de eines Consuls dem Brutus auf
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erlegt, so viel er sich auch Gewalt an gethan, seinen Schmerz zu unter drücken, doch die Zärtlichkeit eines Vaters wider seinen Willen auf sei nem Gesichte hervorgebrochen wäre. An eben diesem Orte setzte ich hinzu, die letztere Meynung scheine mir die vernünftigste, und am meisten in der Natur gegründet zu seyn. Ich denke noch auf eben diese Art, ohne diejenigen zu verdammen, welche an ders denken. Es gilt besonders von dergleichen Sachen, daß es einem je den erlaubt ist, eineFülle von sei(d'abonder dans son sens,) nen Gedanken zu haben.Aber um die seinigen zu behaupten, und den unsrigen eine Art von lächerli chen beyzulegen, hätte der Urheber der Critik nicht, wie er es an mehr als einem Orte gethan hat, voraus setzen sollen,Herr Crevier und ich(pag. 29.) liessen den Livius sagen, daß Bru tus Thränen vergossen haben, oder wie er sich an einem andern Orte aus drückt, daß wir ihm wie einen verzag ten Weichhertzigen weinen liessen.
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Keiner von uns beyden hat von Thrä nen geredet, oder geglaubt, daß Li vius den Brutus habe weinen lassen. Der folgende Brief hat zum Ti tel: (u. das ist alles, was ich davon kenne) Andrer Brief über einige Irrthümer des Herrn Rollin in seiner alten Ge schichte. Diese Irrthümer beruhen auf einigen Stellen aus Griechischen Büchern, und man beschuldigt mich, daß ich den Sinn derselben unrecht ausgedruckt hätte. Der Autor läßt in seiner Vorrede gnug blicken, daß er mir eine grobe Unwissenheit in der Griechischen Sprache zumuthet. Ich gestehe frey, daß ich mich eines solchen Vorwurfs nicht versehen hätte, da ich von meiner ersten Jugend an bis ietzo einen unausgesetzten Fleiß auf diese Sprache gewendet, wovon ich viele Zeugen anführen könnte. Ich setze noch hinzu, nicht sowohl um meine eig ne Ehre zu retten, als um der Gesellschaf ten willen, deren Mitglied ich zu seyn die Ehre habe, daß ein solcher Ver dacht bey denen, die mich genauer ken
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nen, nicht gleich Glauben finden wird, und daß mein Tadler selbst hätte wahr nehmen können, wie übel gegründet sein Argwohn ist, da ich in meinem Werke eine ziemliche grosse Anzahl Fehler in den lateinischen und franzö sichen Ubersetzungen der Griechischen Schrifftsteller verbessert habe, ohne es iedoch allzeit anzumercken. Ich läugne indessen nicht, daß ich mich nicht vielleicht öfters in dem Sin ne der Griechischen Schriftsteller, de rer ich mich bedient, geirret haben soll te. Ich habe nicht die Zeit gehabt, die Anmerkungen meines Tadlers zu un tersuchen, ja nicht einmahl sie zu lesen, und es fällt mir nicht schwer, mich zu überreden, daß sie gegründet sind. Nur wünschte ich, daß sie nicht mit einer Lebhaftigkeit und Bitterkeit begleitet wären, die ein ausdrückliches Vorha ben zu zeigen scheinen, den Autor, den man critisirt, verwerflich zu machen. Unter Schriftstellern, die ins gesammt eine Art von Gesellschaft und von ge meinem Wesen unter einander aus
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machen, gehörte es sich, daß man sich wechselsweise Beystand leistete, und zu unterstützen suchte, vor allen Din gen aber, daß diejenigen, die sich mehr Fähigkeit zutrauen, als andre, meh rere Nach sicht gegen dieselben brauch ten. Es würde in dieser Art zu han deln eine Mäßigung und eine Hoheit seyn, die einen erhabnen Vorzug zu erkennen geben, und die gewißlich den Verwandten der freyen Künste, und den Künsten selbst eine allgemeine Hochachtung zuwege bringen würden. Ob man gleich eine solche Aufmerk samkeit in Ansehung meiner nicht be obachtet, so glaube ich doch nicht be rechtiget zu seyn, mich zu beklagen, weil ich aus Unachtsamkeit und Nach läßigkeit in Fehler gefallen seyn kann, die einen Tadel verdienet haben wer den. Ich schäme mich nicht es zu ge stehen, und dadurch, daß ich mich ver bessere, begehre ich mich zu rächen. Ich habe es nicht zu verhehlen ge sucht, so ich die Arbeit andrer sehr viel gebraucht habe, und ich habe mir ei ne Ehre daraus gemacht. Ich habe
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mich niemahls für gelehrt gehalten, und ich suche nicht es zu scheinen. Ich habe mich selbst einige mahle erklärt, daß ich nach dem Nahmen eines Autors nicht ehrgeitzig bin. Mein Ehrgeitz ist, mich der Welt nützlich zu machen, wenn ich kann. Daher suche ich von allen Seiten her Nutzen zu ziehen, und ich borge alles von andern Orten, was zur Vollkommenheit meines Werks etwas beytragen kann. Die se Freyheit, die ich mir angemaßt habe, und wofür, wie es scheint, daß ich mich des gemeinen Ausdrucks bediene, man mir keinen schlechten Dank gewußt hat, setzt mich in den Stand, viel weiter in meiner Arbeit zu kommen, als ich ohne dieß würde thun können. Ist es dem Leser nicht einerley, ob das, was ich ihm vorlege, von mir oder einem andern ist, wenn es ihm nur gut scheint, und er damit zufrieden ist. Aber diese Ehrerbietung und diese Er kenntlichkeit bin ich ihm schuldig, daß ich ihn nicht betrüge, indem ich ihn aus Mangel der Aufmerksamkeit Dinge für wahr ausgebe, die es nicht sind.
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Ubrigens glaube ich nicht, daß unter den Fehlern, auf die der andere Brief gerichtet ist, viele von dieser Art seyn werden. Noch we niger wird man dergleichen in dem dritten Briefe finden, dereinige neue Ausdrücke der alten Geschichte des Herrn Rollin zum Zwecke hat. Ich werde sie sorgfältig untersuchen, wenn das Buch bekannt werden wird, und die Anmerkungen mir so zu Nuze machen, wie ich soll, daß ich nehmlich in den neuen Ausgaben diejenigen Stellen verbes sere, die mir werden eine Aenderung zu ver dienen scheinen. Das ist alles, was der Autor von mir zu fordern Recht hat. Ich aber bin ihm von meiner Seite eine Danksa gung für die Mühe schuldig, die er sich ge geben hat, meine Fehler anzuzeigen, wodurch er mich in den Stand gesetzt hat, mein Werck weniger mangelhaft zu machen. Ich bin ihm noch mehr für den wichtigen Dienst verbunden, den er mir durch seine Critik leistet, die sehr vermögend ist, die Eigenliebe zu demüthigen, und wider das Lob und den Beyfall zum Gegengewichte zu dienen, die für mich weit mehr zu fürchten, u. weit ge fährlicher sind, als die aller anzüg lichsten Critiken.
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Fortsetzung Der Römischen Historie. Einleitung.

Diese Einleitung wird zween Paragraphen ent halten. In dem ersten werde ich versuchen, von der Regierung, dem Charakter, und den Sitten der Carthaginenser eine Abbildung zu machen, welche in der Geschichte, die ich anfange, lange Zeit auf der Bühne bleiben und eine grosse Rolle spielen wer den. In dem andern Abschnitte werde ich die Verträ ge anführen, die vor den Punischen Kriegen zwischen den Carthaginensern und Römern geschlossen wor den sind.
§. 1. Der Ursprung, der Wachsthum, die Macht, der Charakter, die Sitten und die Fehler der Carthagi nenser. Ehe ich mich in die Kriege der Römer wider Carthago einlasse, so glaube ich, daß ich vorher den Ursprung dieser Stadt, die Grösse ihrer Macht, den Charakter und die Sitten der Carthaginenser in wenig Worten beschreiben muß. Ich habe im ersten Theile der alten Geschichte einen sehr umständlichen Plan davon gemacht, den ich hier nur ins kurze bringen werde
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(Ursprung und Grund legung von Carthago durch Dido) Carthago in Africa, (*) war eine Colonie von Ty rus, der berühmtesten Handelsstadt in der Welt. Ty rus hatte schon lange Zeit vorher eine ander Colonie in eben dieses Land geschickt, welche daselbst die Stadt Uti ea baute, die durch den Todt des andern Cato berühmt wurde, der deswegen den Nahmen Cato von Utica erhielt. (Iustin. XVIII. 46. Appian. de bello Punic, pg. 1.) Die Schriftsteller sind wegen der Zeit, wo Carthago erbaut worden, nicht einig. Man kann ihre Stiftung in das 3121. Jahr der Welt setzen, als Athalia über Juda regierte, dreyzehn Jahre vor der Erbauung der Stadt Rom, 883. Jahre vor Christi Geburt. Die Epochen, die ich in der alten Historie angemerckt habe, und unterschieden; Ich nehme unterdessen diese an. Die Stiftung der Stadt Carthago wird der Elissa einer tyrischen Prinzessin zugeschrieben, welche unter den Nahmen der Dido bekannter ist. Ihr Bruder Pyg malion regierte in Tyrus. Dieser hatte den Sicharbas sonst Sicheus genannt, den Gemahl der Dido umbrin gen lassen, in der Absicht sich seiner grossen Güter zu bemächtigen; Sie hintergieng aber den grausamen Geitz ihres Bruders, indem sie sich mit allen Schätzen des Sicheus heimlich wegbegeben hatte. Nachdem sie an verschiedenen Orten herum geschweift war, landete sie endlich an den Küsten des Meerbusens von Utica, in dem Lande, welches das eigentliche Africa hieß, sechs Meilen von Tunis, einer Stadt die heutzutage wegen ihrer Seeräubereyen sehr berühmt ist, sie ließ sich daselbst mit ihrem kleinen Haufen nieder, indem sie von den Einwohnern des Landes ein Stück Landes ge kauft hatte. Verschiedene von denen, die in der Nachbarschaft wohnten, wurden durch die Hoffnung zu gewinnen an gelockt; sie begaben sich haufenweise dahin, den neuen Ankömmlingen die nothwendigen Lebensmittel zu ver kaufen, und liessen sich nachher selbst in kurzer Zeit 1
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daselbst nieder. Aus diesen von verschiedenen Gegen den versammleten Einwohnern entstund eine sehr zahl reiche Menge. Die von Utica, welche sie als ihre Lands leute ansahen, schickten ihnen Abgesandte mit grossen Ge schencken, und ermahnten sie, eine Stadt an eben dem Orte zu bauen, wo sie sich gleich anfangs niedergelassen hatten. Die gebohrnen Einwohner des Landes thaten aus Hochachtung, die man gemeiniglich gegen Frem de hat, ein gleiches. So schickte sich alles zu den Ab sichten der Dido; Sie bantenbauten ihre Stadt, die den Afri canern einen jährlichen Tribut wegen des Stückes Lan des, das man von ihnen gekauft hatte, geben mußte, und Charthada,(*) Carthago, genannt wurde. Carthago nahm nach und nach in dem Lande selbst(Grösse des Gebietes von Carth go.) zu. Aber ihre Herrschaft blieb nicht lange in Africa eingeschlossen. Diese hochmüthige Stadt machte aus serhalb Africa Eroberungen, nahm Sardinien weg, be mächtigte sich eines grossen Theils von Sicilien, und unterwarf beynahe ganz Spanien seiner Macht, und nachdem es auf allen Seiten mächtige Colonien ausgeschikt hatte, so blieb es beynahe sechshundert Jahre nach ein ander Meister zur See, und wurde ein Staat; der mit den größten Reichen der Welt wegen seines Reich thums, seines Handels, seiner zahlreichen Armeen, sei ner furchtbaren Flotten, und vornehmlich wegen des Muthes und der Verdienste seiner Feldherren um den Vorzug streiten konnte. Er war auf dem höchsten Gip fel seiner Ehre, als ihm die Römer den Krieg an kündigten. Die Regierung von Carthago gründete sich auf Grundsätze der tiefsten Weisheit, und Aristoteles setzt(Regirungs form von Carthago.) diese Republik nicht ohne Ursache unter die Zahl der jenigen, welche in dem Alterthum am meisten be trachtet wurden, und andern zu einem Muster dienen(Aristot. de Repu blica II. 2) konnte. Er gründet gleich anfangs diese Meynung auf eine Anmerckung, die Carthago viel Ehre bringt, daß es nämlich bis auf seine Zeiten, seit mehr denm fünfhun dert Jahren keinen merkwürdigen Aufruhr, der die 2
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öffentliche Ruhe unterbrochen höttehätte, noch einen Tyrannen darinnen gegeben habe, von welchen die Freyheit unter drückt worden wäre. Das ist in der That eine dop pelte Unbeqvemlichkeit von den vermischten Regierun gen, als die Regierung zu Carthago war, wo die Macht zwischen dem Volke und den Grossen getheilt ist, sie arten gemeiniglich durch die Empörung des Vol kes in eine ungezähmte Freyheit desselben aus, wie sol ches in Athen, und in andern Griechischen Republiken et was gewöhnliches war, oder die Grossen wredenwerden Tyran nen u. unterdrücken die öffentliche Freyheit, wie solches zu Athen, zu Syrakusa, zu Corinth, zu Theben und zu Rom in den Zeiten des Sylla und des Cäsar ge (Die Suffe ten. Liv. XXXIII. 46. & 47.) schehen ist. Die Regierung zu Carthago bestund wie die zu Spar ta und zu Rom aus einer dreyfachen öffentlichen Gewalt, welche einer der andern das Gleichgewicht hielt, und ein ander wechsels Weise beystunden; Die Gewalt der bey den höchsten obrigkeitlichen Personen, der Suffeten,(*) aus der Macht des Senats, und der Gewalt des Vol kes. Man setzte in der Folge noch das Gericht der hun dert Männer hinzu, welche in der Republik viel Ansehen hatten. Die Gewalt der Suffeten dauerte nicht länger, als ein Jahr. Sie waren zu Carthago beynahe eben das, was die Consuln zu Rom waren. Es war ein ansehnli ches Amt, indem ausser dem Vorsitze in den Gerichten auch noch das Recht damit verknüpft war, neue Gesetze in Vorschlag zu bringen und zu geben, und diejenigen, wel che die öffentlichen Einkünfte unter ihrer Aufsicht hatten, zur Rechenschaft zu fordern. (Der Rath. Aristot. l. c. Polyb. XV. 706.) Die Versammlung des Raths war der geheime Rath des Staats und gleichsam die Seele aller öffentlichen Be rathschlagungen, beynahe wie der Rath zu Rom. Wenn die Meynungen einmüthig waren und alle Stimmen mit einander übereinkamen, so war der Ausspruch des Raths der einzige endliche und unumschränkte. Wenn aber die Meynungen getheilt waren und man sich nicht ver 3
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gleichen konnte, so wurden die Angelegenheiten dem Vol ke vorgetragen, und in diesem Falle gelangte an dasselbe das Recht einen endlichen Ausspruch zu thun. Es ist leicht wahrzunehmen, wie grosse Weisheit in dieser An ordnung war, und wie sehr sie diente, den Partheyen Einhalt zu thun, die Gemüther zu vereinigen, und die guten Anschläge zu unterstützen, und empor zu bringen. Denn eine Versammlung, wie diese, mußte ausseror dentlich eyfersüchtig auf ihr Ansehen seyn, und ließ es nicht leicht geschehen, daß die Sachen, die sie zu ihrer Herr schafft gezogen hatte, einer gantz andern Gewalt in die Hände fielen. Polybius merkt an, so lange der Rath die öffentlichen Angelegenheiten in seiner Gewalt gehabt, sey der Staat mit vieler Weisheit regieret worden, und alle Unternehmungen hätten einen grossen Erfolg gehabt. Man sieht aus dem, was man in dem Aristoteles ließt,(Das Volk.) daß das Volk mit gutem Willen dem Rathe die Sorge für die öffentlichen Angelegenheiten anvertrantanvertraut, und ihm die vornehmste Verwaltung derselben überlassen habe, und dieses ist die Ursache, warum die Republik so mäch tig ward. Es war nicht eben so in den folgenden Zeiten. Das Volk ward durch seine Eroberungen übermüthig, und ohne zu bedenken, daß es dieselben der klugen Anfüh rung des Raths zu danken hatte, wollte sich gleichfalls in die Regierung mischen, und maßte sich fast alle Gewalt an. Alsdenn geschahe alles durch Ränke und Parthey en, welches einer der vornehmsten Ursachen von dem Un tergange des Staats war. Das Gerichte der hundert Männer war eine Ver(Das Gerich te der hun dert Mänmer Arist.) sammlung von hundert und vier Personen. Es vertrat zu Carthago die Stelle von demjenigen, was zu Sparta die Ephorn waren. Man sieht hieraus, daß es in der Absicht errichtet war, um der Macht der Grossen die Wage zu halten. Es war aber der Unterschied, daß nicht mehr, als fünf Ephorn waren, die ihr Amt nur 4
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ein Jahr behielten, anstatt daß diese beständig verblieben, und noch mehr als hundert in der Anzahl waren. Man wollte hierdurch der Gewalt der Heerführer einen Zügel anlegen, die, so lange dieselbe die Soldaten com mandirten souverain und fast ohne Gränzen war. Und man suchte sie dem Joch der Gesetze zu unterwerfen, in dem man sie nöthigte diesen Richtern bey ihrer Wiederkunft aus ihren Feldzügen Rechenschaft zu geben. Die weise sten und heilsamsten Einrichtungen arten allmählich aus, und machen endlich der Unordnung und der Freyheit Platz, die überall eindringt und sich ausbreitet. Diese Richter, welche das Schrecken des Lasters, und die Stüze der Gerechtigkeit seyn sollten, mißbrauchten ihre fast unumschränkte Gewalt, und wurden eben so viel kleine (Liv. XXXIII 46.) Tyrannen. Annibal, der nach seiner Rückkunft nach Afri ca das Obrigkeitliche Amt (*) führte, verwandelte die Gewalt dieser Richter, die zuvor beständig gewesen war, in eine jährige ungefähr zweyhundert Jahre nach dem ersten Ursprunge dieses Gerichts der hundert Männer. (Zwey Fehler der Regierung von Cartha go. Arist. l. c.) Aristoteles bemerkt unter verschiedenen andern Erin nerungen, die er über die Regierungs Form von Cartha go macht, zwey grosse Fehler derselben, die nach seiner Meynung den Absichten eines guten Gesetzgebers und den Regeln einer guten und heilsamen Staatskunst sehr zuwider sind. Der erste von diesen Fehlern bestehet darinn, daß man (Einer einzi gen Person viele Aem ter beyzule gen.) einem einzigen Menschen viele Ehrenstellen auftrug, welches man zu Carthago für ein Kennzeichen seltner Ver dienste ansahe. Aristoteles hielt diese Gewohnheit dem gemeinen Besten für sehr nachtheilig Denn, sagt er, wenn ein Mensch nur ein einziges Amt auf sich nimt, so ist er weit mehr im Stande es wohl zu verwalten. Die Geschäfte desselben werden alsdenn sorgfältiger über legt, und geschwinder ausgeführet. Unter den Solda ten, fähret er fort, und bey dem Seewesen pfleget man ganz anders zu handeln. Ein einziger Officier com 5
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mandirt nicht zwey verschiedene Corps, ein einziger Steuermann führet nicht zwey Schiffe. Ausserdem er fordert das Wohl des Senats, daß die Ehrenstellen u. Vortheile getheilt sind, um Leute von Verdiensten zur Nacheiferung zu erweken, da sie hingegen, wenn sie auf einen einzigen zusammen gehäuft werden, ihn selbst durch einen so merklichen Vorzug in gewisser maassen blenden, und in den andern Neid, Mißvergnügen und Murren verursachen. Der andre Fehler, den Aristoteles in der Carthagi(Niemand als reiche Leute zu Eh ren stellen zu ziehen.) nensischen Regierungsform findet, ist daß man, um zu den obersten Ehrenstellen zu gelangen,[,] ausser den Ver diensten und einer hohen Ankunft, auch gewisse gesetzte Einkünffte haben mußte, und daß also die Armuth die rechtschaffensten Leute ausschliessen konnte, welches er für ein grosses Ubel in einem Staate ansieht. Denn alsdenn, sagt er wird die Tugend für nichts, und das Geld für alles geachtet, weil es zu allem hilft. Die Bewunderung und der Durst gegen die Reichthümer nimmt in einer ganzen Stadt überhand und verderbt sie. Uberdieses scheinen die Obrigkeiten und die Richter, die mit grossen Unkosten zu ihren Aemtern gelangt sind, be rechtiget zu seyn, sich hernachmahls selbst mit ihren eig nen Händen ihren Schaden zu ersetzen. Man findet, wie ich gläube, in dem Alterthume kei(Verkauf fung der Aemter ist bey den Al ten unbe kannt.) ne Spur, aus der man schliessen könnte, daß sowohl die Würden des Staats, als die richterlichen Aemter iemahls wären käuflich gewesen. Und was hier Aristoteles von dem Aufwande gesagt, den man zu Car thago nöthig gehabt, um darzu zu gelangen, das zielt sonder Zweifel auf die Geschenke, durch welche man die Wahlstimmen derjenigen erkaufte, die die öffentli chen Aemter zu besetzen hatten, welches, wie auch Polybius anmerkt, unter den Carthaginensern sehr ge(Polyb. VI. 497.) wöhnlich war, die sich keinen Gewinst für eine Schan de achteten. Es ist daher nicht zu verwundern, daß Aristoteles einen Gebrauch verwirft, der, wie man leicht voraus sieht, sehr unglückliche Folgen haben kann. Wenn er aber der Meynung wäre, daß man die
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Armen und Reichen gleich durch zu den höchsten Wür den erheben sollte, wie er dem Ansehen nach zu erken nen giebt, so würde seine Meynung durch den allgemei nen Gebrauch der weisesten Republiken wiederlegt wer den die ohne die Armuth gering zu schätzen oder zu veruneh ren, geglaubet haben, daß sie in diesem Stücke den Reich thümern den Vorzug geben müßten, weil man Grund hat voraus zu setzen, daß Leute von Vermögen eine beßere Erziehung empfangen haben, edler denken, der Versuchung weniger ausgesetzt sind sich bestechen zu las sen und Niederträchtigkeiten zu begehen, und weil selbst die Beschaffenheit ihrer Umstände mehrere Liebe zum Staate in ihnen erweckt, und sie geneigter macht den Frieden und die gute Ordnung in demselben zu unter halten, und ihr eigner Vortheil es erfordert allen Auf ruhr und alle Unruhe aus demselben zu entfernen. (Die Hand lung eine Qvelle des Reich thums und der Macht von Car thago.) Die Handlung, war eigentlich zu reden, die Beschäf tigung von Carthago, das sonderbahre Augenmerk sei nes Fleisses, und sein festgesetzter und herrschender Ge schmack. Sie war seine größte Stärke und vornehmste Stütze, da es in der Mitte des mittelländischen Meeres gelegen war, und die eine Hand gegen Morgen und die andere gegen Abend ausstreckte, so umfaßte es durch die Weitläuftigkeit seiner Handlung alle bekannte Länder. Die Carthaginenser waren dadurch, daß sie sich zu den Faktors und Unterhändlern aller Völker gemacht hat ten, die Herrn des Meers, das Band des Mor gens, des Abends und Mittags, und ein Canal gewor den, der zu ihrer Gemeinschafft unentbehrlich war. Die ansehnlichsten Leute in der Stadt achteten es sich nicht zu geringe, die Handlung zu treiben. Sie be fleißigten sich darauf mit eben so viel Sorgfalt als die ge ringsten Bürger, und ihre grossen Reichthümer erweck ten ihnen niemahls einen Ekel vor dem Fleisse, der Ge dult und der Arbeit, welche zur Vermehrung desselben er fordert werden. Dieses ist eben dasjenige, was ihnen die Herrschaft über das Meer zuwege gebracht, was ih re Republik so blühend gemacht, und sie in den Stand gesetzt hat, Rom selbst den Vorzug streitig zu machen, und wodurch ihre Macht auf einen so hohen Grad ge
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stiegen ist, daß die Römer mehr als vierzig Jahre auf einen zwiefachen Versuch in einem blutigen und zwei felhaften Kriege nöthig gehabt haben, ehe sie diese stolze Nebenbuhlerin bändigen können. Denn nach dem an dern Kriege kann man sie schon für bezwungen achten. In dem dritten stieß sie gleichsam nur auf eine neue Art die letzten Seufzer aus. Ubrigens ist es nicht zu ver wundern, daß Carthago, welches aus der höchsten Schule von der Welt in Ansehung der Handlung, ich will sagen aus Tyrus, hervorgekommen, einen so ge schwinden und so beständigen Fortgang darinne ge habt hat. Diodorus merkt mit Rechte an, daß die Gold und(Spanische Bergwerke eine andere Qvelle der Macht und des Reich thums von Carthago. Diodor. IV 312.) Silber - Bergwerke, welche die Carthaginenser in Spa nien fanden, ihnen eine unerschöpfliche Qvelle von Reichthümern gewesen, welche sie in den Stand gesetzt so lange Kriege wider die Römer auszuhalten. Den einheimischen Einwohnern des Landes waren diese in dem Schoose der Erden verborgene Schätze unbekannt gewesen, oder sie wußten zum wenigsten nicht viel von dem Werthe und dem Gebrauche derselben. Die Phönicier machten die erste Entdeckung davon, und dadurch, daß sie dieses kostbare Metall gegen einige Waaren von geringem Werthe vertauschten, erwarben sie unermäßliche Reichthümer. Die Carthaginenser wußten sich ihr Beyspiel wohl zu Nutze zu machen als sie sich des Landes bemeistert hatten, und hernach mahls die Römer, als sie es diesen letztern abgenommen hatten. Polybius sagt an einem Orte, den Strabo(Strabo. III. 147.) aus ihm anführt, daß zu seiner Zeit vierzigtausend Men schen in den Bergwerken, die um Carthagona her um gelegen, wären gebraucht worden, und daß sie dem Römischen Volke täglich fünf und zwanzigtausend Drachmen, das ist zwölftausend fünfhundert Livres einbrächten. Carthago muß als eine Republik betrachtet werden, die zu gleicher Zeit kaufmännisch und kriegerisch gewe(Vortheile und Unbe qvemlich keiten der Regierung) sen. Ihrer Neigung und ihrer Verfassung nach war sie kaufmännisch. Sie wurde kriegerisch im Anfange durch die Nothwendigkeit sich wider die benachbarten
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(von Cartha go in Ab sicht auf den Krig.) Völker zu vertheidigen, und hernach durch die Begier de ihre Handlung auszubreiten und ihre Herrschaft zu vergrössern. Dieser doppelte Begriff verhilft uns zu dem wahren Plane und dem wahren Charakter von der Carthaginensischen Republik. Die Kriegsmacht von Carthago bestund in den Köni gen, seinen Bundsgenossen, in den zinßbaren Völkern, von denen es Soldaten und Geld erhielt, in einigen Truppen, die aus seinen eignen Bürgern genommen waren, und in den Miethsoldaten, welche es von den benachbarten Staaten kaufte, ohne daß es sie weder werben noch zu dem Kriegs - Ubungen gewöhnen durfte, weil es dieselben schon völlig geübt und abgehärtet fand, indem es in jedem Lande nur die besten und berühmtesten aussuchte. Es erhielt aus Numidien eine leichte, küh ne, hitzige und unermüdete Reuterey, welche die vor nehmste Stärke seiner Heere ausmachte; Aus den Bale rischen Inseln die geübtesten Schleuderer von der Welt; Aus Spanien und Africa ein standhaftes und unüber windliches Fußvolk, von den Genuesischen und Galli schen Küsten Truppen von einer bekannten Tapferkeit, und aus Griechenland selbst Soldaten, die zu allen Ver richtungen des Kriegs gleich gut waren, geschickt im Felde oder in den Städten zu dienen, Belagerungen vorzunehmen oder auszuhalten. Es brachte also in einem Augenblicke eine mächtige Armee auf die Beine, die aus dem Kerne der Solda ten von verschiedenen Völkern bestund, ohne seine Fel der oder Städte durch neue Werbungen zu entblösen, ohne die Manufacturen aufzuheben oder die Arbeit der Künstler zu stöhren, ohne seine Handlung zu unterbre chen, ohne seine Seemacht zu schwächen. Durch ein feiles Blut setzte es sich in den Besitz der Provinzen und Königreiche, und bediente sich der andern Natio nen zu Werkzeugen seiner Grösse und Herrlichkeit, ohne etwas von dem Seinigen dabey aufzuwenden, als Geld, welches ihm gleichfalls die fremden Völker vermittelst der Handlung darreichten. Wenn es in einem Kriege, einen Stoß erlitt, so
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war ein solcher Verlust wie ein fremdes Unglück, das nur äusserlich etwas von dem Cörper des Staats hin wegnahm, ohne in die Eingeweyde oder das Hertz der Republik selbst tiefe Wunden zu schlagen. Dieser Ver lust war bald durch die Summe Geldes ersetzt, die ih nen eine blühende Handlung verschaffte, als eine be ständige Spannader des Kriegs, und als eine Arzeney, die den Staat immer vom neuen auflebt, denn durch die se erhandelten sie Truppen, die beständig bereit waren sich zu verkaufen. Und wegen des unermeßlichen Um fangs der Küsten, über die sie zu gebieten hatten, war es ih nen leicht in kurzer Zeit so viel Schiffer und Ruderknech te aufzubringen, als zu den Handarbeiten und dem Dienste ihrer Flotte erfordert wurden, und geschickte Steuermänner und erfahrne Capitaine zur Regierung derselben zu finden. Aber alle diese von ungefähr zusammen gebrachten Theile hiengen durch kein natürliches, inneres und nothwendiges Band an einander. Da kein gemein schaftlicher und wechselsweiser Nutzen sie vereinigte, um einen festen und unveränderlichen Körper aus ihnen zu bilden, so nahm auch keiner aufrichtigen Antheil an dem Fortgange der Angelegenheiten und an dem Wohlseyn des Staats. Man that nichts mit eben so viel Eyfer, und man setzte sich den Gefährlichkeiten nicht mit eben so vielem Muthe für eine Republik aus, die man als etwas frremdes und folglich gleichgültiges betrachte te, als man für sein Vaterland gethan haben würde, dessen Wohlfarth die Wohlfarth der Bürger ausmacht, aus welchen es zusammengesetzt ist. In den grossen Veränderungen konnten die Köni ge (*) ihre Bundsgenossen leichtlich von Carthago ge trennt werden, entweder durch den Neid, welchen na türlicher Weise die Grösse eines Nachbars, der mäch tiger, als wir, ist, verursacht, oder durch die Hoffnung ansehnlichere Vortheile von einem neuen Freunde zu erhalten, oder durch die Furcht in das üble Schiksal eines alten Bundsgenossen verwickelt zu werden. 6
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Die zinßbaren Völker wurden der Last und des Schimpfes von einem Joche müde, das sie mit Wider willen ertrugen, und schmeichelten sich insgemein, es sich zu erleichtern, wenn sie ihre Herren veränderten; oder wenn die Knechtschaft unvermeidlich war, so war ihnen die Wahl sehr gleichgültig, wie man aus verschiedenen Beyspielen sehen wird, die uns diese Geschichte an die Hand giebt. Die entlehnten Truppen waren gewohnt ihre Treue nach der Grösse und Dauer ihres Soldes abzumessen, und allezeit fertig bey dem geringsten Mißvergnügen, oder auf die leichteste Versprechung eines grössern Soldes zu den Feinden überzugehen, wider die sie streiten sollten, und ihre Waffen wider diejenigen zu kehren, die sie zu ih rem Beystande berufen hatten. Also sahe man die Grösse von Carthago, die nur auf diesen äusserlichen Nutzen beruhte, so bald man die selben hinwegnahm, bis zu ihrem untersten Grunde wanken. Und wenn noch über dieses die Handlung, die sei ne ganze Kraft ausmachte, durch den Verlust eines See- Tressens unterbrochen ward, so glaubte es seinem Un tergange nahe zu seyn, und überließ sich der Kleinmuth und Verzweiflung, wie der Ausgang des ersten Punischen Krieges offenbar bewiesen hat. Aristoteles tadelt Carthago in dem Buche, da er die Vortheile und die Schwächen seiner Regierungsform weiset, in dem Stücke nicht, daß es nichts als fremde Kriegsvölker brauchte. Und aus diesem Stillschweigen ist, wie ich glaube, zu schliessen, daß es erst einige Zeit hernach in diesen Fehler verfallen ist. Die Rebellio nen der Miethsoldaten, welche unmittelbar nach dem Frieden der Aegatischen Inseln erfolgten, und so schreck liche Folgen hatten, daß vor seinem letzten Untergan ge Carthago sich niemahls dem Verderben so nahe ge sehen, hätten es lehren sollen, daß nichts elender ist, als ein Staat, der sich bloß durch Ausländer erhält, in denen er weder Eyfer, noch Sicherheit, noch Ge horsam findet. Es war nicht eben so in der Römischen Republik.
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Da sie ohne Handlung und ohne Geld war, so konnte sie sich keinen Beystand erkaufen, der sie vermögend ge macht hätte, mit ihren Eroberungen so schnell durch zudringen, wie Carthago. Aber auch weil sie alles von sich selbst hernahm, u. weil alle Theile des Staats in ih rem innern Wesen verknüpstverknüpft waren, so hatte sie in ih ren Unglücksfällen sichere Hülfsmittel, als Carthago in den seinigen hatte. Daher rührte es, daß es ihr nicht in Sinn kam, nach der Schlacht bey Cannä um Frieden zu bitten, wie Carthago gethan hatte, als Lu tatius den Sieg auf der See erhielt, in Umständen, da die Gefahr bey weiten nicht so dringend war. Ausser den Kriegsvölkern, von denen wir geredet ha ben, hatte Carthago ein Corpo Soldaten. welches bloß aus seinen eignen Bürgern bestund, aber von gerin ger Anzahl. Dieses war die Schule, wo der vornehmste Adel, und diejenigen, welche Muth, Geschicklichkei ten und Ehrgeitz in sich fühlten, um nach den obersten Würden zu streben, das Handwerk der Waf fen erlernten. Aus ihrem Schoose nahm man alle vor nehme Officiers, welche die verschiedenen Truppen an führten, und die das größte Ansehen in den Armeen hat ten. Diese Nation war allzu argwöhnisch und eyfersüch tig, als daß sie das Commando fremden Generalen hätte überlassen sollen. Aber gegen ihre Bürger trieb sie das Mißtrauen nicht so weit als Rom und Athen, als wel chen sie eine grosse Macht anvertraute. Sie brauchte auch nicht so viel Vorsicht, um zu verhüten, daß sie diesel be nicht zur Unterdrückung des Vaterlandes mißbrauch ten. Das Commando der Armeen war hier weder jäh rig noch sonst auf eine gewisse Zeit festgesetzt, wie in den beyden andern Republiken. Viele Generale haben es durch eine lange Reihe von Jahren, nndund bis zu En de des Krieges oder ihres Lebens behalten, ob sie gleich allezeit ihrer Handlungen wegen vor der Republik ste hen und es sich gefallen lassen mußten, abgerufen zu wer den, wenn ein wirklicher Fehler, oder ein Unglück, oder die Macht einer Gegenparthey darzu Gelegenheit gab. Es ist noch übrig den Charakter und die Sitten der (Charakter)
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(und Sitten der Cartha ginenser. Cicer. de Arusp. n. 19) Carthaginenser abzubilden. In einer Erzählung der ver schiedenen Eigenschaften, welche Cicero verschiedenen Nati onen beygelegt, und nach welchen er ihren Unterschied be stimmt, giebt er den Carthaginensern zum herrschenden Charakter die Freyheit, die Geschicklichkeit, die Behen digkeit, Die Verschlagenheit, die List, calliditas die son der Zweiffel in dem Kriege statt hatte, die aber noch mehr in ihrer ganzen übrigen Aufführung hervor blickte, und mit einer andern sehr verwandten Eigen schaft verbunden war, die ihnen noch weniger Ehre brachte. List und verschmitztes Wesen verleiten ihrer Natur nach zur Lügen, zur Falschheit und zur Untreue, und indem sie das Gemüthe unvermerckt gewöhnen in der Wahl der Mittel, die zu seinen Absichten führen, weniger gewissenhaft zu werden, so werden sie eine Vorbereitung zur Betrügerey und zur Treulosigkeit. Dieses war (*) noch einer von den Charaktern der Car thaginenser, und er war so bekannt und ihnen so eigen, daß man ihn als ein Sprüchwort brauchte. Eine schlechte Treue anzudeuten sagte man eine Carthaginen sische Treue, Fides Punica, und zu Anzeigung eines arglistigen Gemüths war kein Ausdruck stärker und mehr eigentlich, als wenn man es ein Carthaginensi sches Gemüthe, Punicum ingenium nennte. Die äusserste Begierde Reichthümer zu sammlen, und die ausschweifende Liebe zum Gewinste, (das wah re Verderben der Handelschaft) war unter ihnen eine gewöhnliche Qvelle von Ungerechtigkeiten und bösen Handlungen. Ein einziges Exempel wird der Beweiß davon seyn. Während (**) eines Waffenstillstandes, den Scipio auf ihr Flehen ihnen zugestanden hatte, waren Römische Schiffe, die von dem Sturme 7 8
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verschlagen worden, und in das Gesichte von Cartha go gekommen. Diese wurden auf Befehl des Raths und des Volkes angehalten u. zu Prisen gemacht, weil sie sich eine schöne Beute nicht entgehen lassen konnten. Sie wollten gewinnen, es mochte kosten was es wolle. Die Einwohner (*) von Carthago, viele Jahrhunderte hernach, erkannten nach der Erzählung St. Augustins bey einer sehr sonder baren Gelegenheit, daß sie in die sem Stücke ihren Vätern nicht ungleich wären. Dieses waren nicht die einzigen Fehler der Cartha(Plutarch de ger. rei. pag. 799.) ginenser. Sie hatten in ihren Neigungen und in ih rem Wesen etwas hartes und wildes, ein übermü thiges und gebieterisches Betragen, eine Art von Unbändigkeit, die in der ersten Hitze des Zorns weder Vernunft noch Vorstellung hörte, und unmenschlicher Weise zu den äussersten Ausschweifun gen und Gewaltthätigkeiten getrieben ward. Das Volk, das in der Furcht verzagt und kriechend, und in den Anfällen des Zorns wild und grausam war, jag te zu eben der Zeit, da es unter seinen Vorgesetzten zitterte, allen denen hinwiederum ein Zittern ein, die von ihm abhiengen. Man sieht hier, was für einen Unterschied die Erziehung zwischen zwo Nationen macht. Das Volk von Athen, einer Stadt, die allezeit für den Mittel punkt der Gelehrsamkeit und der feinen Sitten ange 9
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sehen worden, war von Natur sehr eyfersüchtig auf sein Ansehen und schwer zu lenken. Es hatte indessen ein gutiges und leutseeliges Wesen, welches es bey dem Unglücke der andern mitleidig machte, und es lehrte die Fehler seiner Anführer mit Gelindigkeit und Ge dult zu übersehen. Cleon verlangte einsmahls die Ver sammlung sollte aufgehoben werden, weil er ein Op fer darzubringen und Freunden ein Gastmahl zu ge ben hätte. Das Volk that nichts, als daß es aufstund u. lachte. ZnZu Carthago, sagt Plutarch , würde eine solche Freyheit das Leben verwirkt haben. (Liv. XXII. 61.) Livius macht eine gleiche Anmerkung in Ansehung des Terentius Varro. Als er nach der Schlacht bey Cannä, die durch sein Versehen verlohren gegangen war wieder nach Rom kam, ward er von allen Ständen des Staats empfangen, die ihm entgegen giengen, und ihm dankten, daß er wegen der Republik den Muth noch nicht aufgegeben hätte. Er, sagt der Geschicht schreiber, der die äussersten Lebensstrafen zu gewarten gehabt hätte, wenn er General zu Carthago gewesen. Es war auch wirklich bey den Carthaginensern aus drüklich ein Gericht nieder gesetzt, um das Verhalten der Generale zu untersuchen, und man muthete denselben zu, für den Erfolg des Kriegs zu stehen. Zu Carthago ward ein uuglücklicherunglücklicher Erfolg wie ein Staatsverbrechen bestraft, und ein General, der eine Schlacht verlohren hatte, konmte sich fast sicher die Rechnung machen, wenn er wieder kam, sein Leben unter den Händen des Henkers zu lassen. So hart, heftig, grausam und barbarisch war die Gemüthsart dieses Volks, welches allezeit be reit stund das Blut der Bürger so wie das Blut der Fremden zu vergiessen. Die unerhörten Martern, die es dem Regulus anthat, sind ein sichrer Beweiß davon und ihre Historie hat Beyspiele, die zum Entsetzen brin gen. Diese ihre wilde Gemüthsart erstreckte sich bis zum Dienste der Götter, welcher doch die rauhesten Sitten (Q. Curt. IV. 3.) mildern, und Gedancken von Gütigkeit und Leutselig keit einflössen sollte. In grossen Trübsalen, als zu den
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Zeiten der Pest, brachten sie den Göttern zur Besänf tigung ihres Zorns menschliche Opfer. Eine Hand lung, die weit eher den Nahmen einer Gotteslästerung als eines Opfers verdiente. Sacrilegium verius quam(Justin. XVIII. 6.) sacrum. Sie (*) opferten ihnen eine grosse Anzahl Kinder, ohne Mitleiden für ein Alter zu haben, wel ches die grausamsten Feinde zum Erbarmen bewegt, und suchten in dem Laster ein Mittel gegen ihre Ubel, und bedienten sich der Barbarey, um die Götter zu er weichen. Diodorus führt ein Beyspiel von dieser Grausam(L. 2. p. 756) keit an, das man ohne Schrecken nicht lesen kann. In der Zeit, da Agatho die Stadt Carthago belagern woll te, sahen sich die Einwohner derselben auf das aüssersteäusserste gebracht, und schrieben ihr Unglück dem gerechten Zor ne des Saturnus zu, weil man an statt der Kinder vom ersten Range, die man ihm zu opfern pflegte, un ter der Hand an ihre Stelle Kinder von Sklaven und von Fremden gegeben hatte. Diesen vermeynten Fehler zu ver bessern, opferten sie dem Saturnus zweyhundert Kinder aus den besten Familien von Carthago, u. über dieses boten sich mehr als dreyhundert Bürger, die sich dieses Ver gehens schuldig fanden, freywillig zum Opfer an. Heißt dieses, sagt Plutarch die Götter anbeten?(Plutharch. de superst. p 169-171.) Ist das einen Begrif von ihnen haben, der ihnen viel Ehre macht, wenn man sie für Liebhaber des Mordens hält und ihnen einen Durst nach Menschen Blute bey mißt, oder sie für vermögend ansieht, dergleichen Opfer zu fordern oder mit Wohlgefallen anzunehmen. Sollte man das menschliche Geschlecht für fähig hal ten, auf einen so hohen Grad von Wuth und Raserey zu gerathen? In ihrem eignen Hertzen tragen die Men schen gemeiniglich nicht eine so durchgängige Umkeh 10
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rung dessen, was in der Natur am allerheiligsten ist. Seine eigne Kinder selbst zu opfern und zu erwürgen, sie mit Gelassenheit in eine brennende Pfanne zu wer fen, und ihr Geschrey und ihr Winseln zu unterdrü cken, (*) aus Furcht, daß ein Opfer, welches mit kei ner guten Art dargebracht worden, dem Saturnus mißfallen möchte; Was für abscheuliche Dinge! So unnatürliche, so barbarische Gedancken, die indessen un ter ganzen Nationen und sehr wohl eingerichteten Nati onen im Schwange gewesen, unter den Phöniciern, Carthaginensern, Galliern, Scythen, und den Griechen und Römern selbst, und die durch den Gebrauch vie ler Jahrhunderte geheiligt worden, kann niemand an ders eingegeben haben, als derjenige, der ein Mörder vom Anfange gewesen ist, und der bloß in dem Verfal le, Elende und Verderben des Menschen sein Vergnü gen findet.
§. 2. Tractaten, die zwischen den Römern und Carthaginensern vor dem ersten Punischen Kriege geschlossen worden. Die Tractaten, die ich hier anführe, werden von einigen Nutzen seyn, um den Zustand zu erken nen, in welchem sich diese beyden Völker, besonders in Absicht auf die Handlung zur Zeit ihrer Einrichtung befunden. Die Erhaltung ihres Andenkens haben wir vornehmlich dem Polybius zu dancken.
Erster Tractat zwischen den Römern (d. 244. J. n E. R. d. 508. J. v. C. G.) und Carthaginensern. Dieser erste Tractat ist von der Zeit des ersten Con suls, die nach der Austreibung der Könige er wehlet waren. Hier ist er, sagt Polybius, so viel mir 11
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möglich gewesen ist, ihn auszulegen. Denn die lateini sche Sprache von den damahligen Zeiten ist von der heutigen so sehr unterschieden, daß es den Gelehrtesten viele Mühe kostet, gewisse Dinge zu verstehen. "Zwischen den Römern und ihren Bundsgenossen auf der einen, und den Carthaginensern und ihren Bundsgenossen auf der andern Seite, wird auf fol gende Bedingungen ein Bündniß seyn. Daß weder die Römer noch ihre Bundsgenossen jenseit des Schö nen Vorgebürges(*) schiffen sollen, wo sie nicht durch das Ungewitter verschlagen oder von ihren Fein den darzu gezwungen worden. Daß im Falle sie durch Gewalt dahin getrieben werden, es ihnen nicht erlau bet seyn wird, etwas daselbst zu kaufen oder einzuneh men, ausser was schlechterdings nothwendig ist, zu Ausflickung ihrer Schiffe, oder zum Dienste der Götter, das ist, zu den Opfern und daß nach Verlauf von fünf Tagen sie sich wieder hinweg begeben. Daß die Kaufleute keine Abgabe erlegen sollen, als was dem Ausrufer und dem Schreiber zukommt, daß in allem, was in Gegenwart dieser zwey Zeugen so wohl in Afri ca, als Sardinien gekauft wird, die öffentliche Treue die Gewähr des Verkäufers seyn soll. Daß, wenn ein Römer in demjenigen Theile von Sicilien ans Land steigt, der unter der Bothmäßigkeit der Cartha ginenser steht, man ihm in allen gute Gerechtigkeit er zeigen will. Daß die Carthaginenser sich enthalten wollen, den Antiatern, Ardeanern, Laurentinern, Cirinern, Tarraciniern, oder sonst einem lateinischen Volke, das unter dem Gehorsam der Römer steht, welches es nur immer sey, irgend einigen Schaden zu zufügen. Daß sie auch an denen Städten, die da selbst sich nicht unter römischer Herrschaft befinden mögen, keine Feindseligkeit ausüben wollen. Daß wenn sie eine davon wegnehmen, sie solche den Rö mern in eben dem Stande, wie sie zuvor gewesen, wie der einräumen. Daß sie in dem Lande der Lateiner 12
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keine Festungen anlegen. Daß wenn sie mit gewaf neter Hand hineinkommen, sie sich nicht die Nacht über daselbst verweilen.“
Andrer Tractat. (d. 407. J. n. E. R d. 345. J. v. C. G.) Dieser andre Tractat ward hundert und drey und sechzig Jahr nach dem ersten unter dem Consulate des Valerius Corvus und Popillius Länas geschlosen. Man findet in demselben einige Anmerkungen. æDie Einwohner von Tyrus und Atika nebst ihren Alliirten sind in diesem andern Tractate begriffen. Zu dem Schönen Vorgebürge sind noch zwey wenig bekannte Stadte beygefügt Mastia und Tarscium, welche die Römer in ihren Schiffarthen nicht überschreiten sollen. Es wird daselbst gesagt, wenn die Carthaginenser in dem Lande der Lateiner eine Stadt einnehmen, die nicht unter römischer Herschaft steht, so werden sie das Geld und die Kriegsgefangenen behalten; sie können sich aber daselbst nicht niederlassen, sondern sollen den Römern die Stadt einräumen. Daß die Römer keine Handlung treiben und keine Stadt in Sardinien oder in Africa bauen wollen. Daß zu Carthago und in dem Theile von Sicilien, der unter dem Gebote (Liv. VII. 27.) der Carthaginenser steht, die Römer, was die Hand lung anbetrift, eben die Rechte und Freyheiten, wie die Bürger selbst, haben sollen. Livius, der von dem ersten Tractate keine Erwähnung gethan hat, meldet von diesem nichts ausführliches, und sagt bloß, daß weil Gesandten von Carthago nach Rom gekommen, um ein Bündniß und Freundschaft mit den Römern zu errichten, so habe man einen Vergleich mit ihnen geschlossen.“
Dritter Tractat. (d. 447. J. n. E. R. d. 305. J. v. C. G.) æLivius allein redet von diesem Vergleiche, und sagt fast nur ein Wort davon: Man erneuerte dieses Jahr zum drittenmahle den Tractat mit den Carthaginensern (Liv. IX. 43.) und beschenkte ihre Gesandten, die zu diesem Ende nach Rom gekommen waren, mit Bezeugungen der Freundschaft und Höflichkeit.“
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Vierter Tractat. Gegen die Zeit als Pyrrhus nach Italien herüber(d. 447. J. n. E. R. d. 278. J. v. C. G.) kam, errichteten die Römer einen Tractat mit den Car thaginensern, in welchen man sich über eben die Dinge verglichen, welche man in den vorhergehenden sieht. Fol(Polyb. III 180.) gendes hatte man hinzugefügt: æDaß wenn ein oder der andere Theil ein schriftliches Bündniß mit dem(Liv. Epist. XIII.) Pyrrhus errichtet, so wird er diese Bedingung hinzu fugen, daß es ihm erlaubt seyn soll, demjenigen, der angegriffen wird, Hülfe zu leisten. Es werde von beyden Völkern das eine oder das andere angegriffen, so sollen allemahl die Carthaginenser die Schiffe her geben, so wohl zu Ubersetzung der Soldaten und Le bensmittel, als zum Kriege selbst; doch soll so wohl das eine, als das andre seine Truppen von seinem eig nen Gelde besolden. Daß die Carthaginenser den Römern auch zur See Beystand leisten, wenn es nö thig ist. Daß man die Mannschaft eines Schiffes nicht zwingen wird wider Willen heraus zu gehen.“ Es geschahe vermuthlich zu Folge dieses letztern(Justin. XVIII. 2. Val. Max. III. 7.) Tractats, daß Magon General der Carthaginenser, der dazumahl auf dem Meere commandirte, auf Befehl seiner Herren vor dem Rathe erschien, und bezeigte, wie nahe es ihnen gienge, Italien von einem mächtigen Kö nige angegriffen zu sehen, und sich erbot, den Römern(dem Pyrr hus.) mit hundert und zwanzig Schiffen beyzustehen, damit sie durch eine fremde Beyhülfe in den Stand ge setzt würden, sich wider eine fremde Macht zu verthei digen. Der Rath nahm dieses Anerbieten mit vieler Freundlichkeit auf, und bezeigte sich sehr danckbar für den guten Willen der Carthaginenser. Er bediente sich aber desselben nicht, mit dem Beyfügen, daß das Rö mische Volk keine Kriege unternähme, als solche, die es durch seine eignen Kräfte zu Ende bringen könnte. Diese Tractaten, besonders der erste, geben uns An laß einige Anmerkungen über die Beschaffenheit beyder Völker zu machen. Aus dem ersten Tractate erhellet, daß zu der Zeit, da er geschlossen worden, die Carthagi nenser weit mächtiger gewesen, als die Römer. Ausser
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dem weiten Umkreyße des Landes, das sie in Afrika in ne hatten, hätten sie ganz Sardinien nebst einem Theil von Sicilien erobert, und waren ganz allein Meister von der See, welche Herrschaft sie in den Stand setzte, andern Völkern Gesetze vorzuschreiben, und ihnen Gränzen zu bestimmen, ausser welchen sie ihre Schif farth nicht treiben sollten. Aber Rom das ganz neu lich von dem Jahr der Königlichen Herrschaft befreyt war, kämpfte noch wider seine Nachbarn, und sahe sein Gebiete in enge Gräntzen eingeschränkt. Indes sen fing dieser erst werdende Staat, so schwach er war, schon an, Carthago Argwohn und Unruhe zu erregen. Zu gleicher Zeit, da sie von der einen Seite ausseror dentlich viel Achtsamkeit gegen die Römer bezeigen, in dem sie ihre Allianz suchen, und ihnen und ihren Bundsgenossen alle Sicherheit zugestehen, die sie ver langen konnten, so ergreifen sie auf der andern Seite weise Maßregeln, durch die Einschränkung ihrer Schif farth sie ausser Stand zu setzen, eine allzugrosse Einsicht in die Beschaffenheit und die Angelegenheiten von Afri ca zu erlangen. Nichts desto weniger gereichte das Bündniß mit Rom den See-Städten seiner Bunds genossen zu grossem Nutzen, indem es dieselben wider die Anfälle eines Volks in Sicherheit setzte, welches so mächtig auf der See war, wie das von Carthago. Eben dieser Tractat lehrt uns, daß es von der Zeit der Könige an Bürger zu Rom gegeben hat, die sich auf die Kaufmannschaft beflissen haben. Und dieses war in einem Staate schlechterdings nothwendig, der in vie len Bedürfnissen des Lebens seine Zuflucht zu andern Völkern nehmen mußte, besonders in Ansehung des Getreydes und der Lebensmittel. Es wird in den (d. 259. J. n. E. R. Liv. II. 27.) Geschichtschreibern selten davon geredet. Livius erwähnt einer Obrigkeit, deren Amt seyn sollte, für die Zufuhr der Lebensmittel zu sorgen, und eine Gesell schaft von Handelsleuten zn errichten. In den folgen den Zeiten war der Handel eine von den vornehmsten Qvellen der Reichthümer, die sich die Römer zu wege brachten, indem sie entweder selbst Handel trieben, oder ihr Geld auf Schiffe anlegten, wie Cato der Sitten richter that. Es wird in seinem Leben einer Gesell
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schaft von funfzig Kaufleuten erwähnt, die funfzig Schif(Plutarch. vit. Caton. p. 349.) fe in See schickten. Dieser berühmte Römer hielt viel von dieser Art Vermögen zu erwerben, und bediente sich auch selbst derselben. (*)Cicero erklärt sich noch deutlicher über diese Sache, wie ich schon anderwärts er innert habe. Was die Kaufmannschaft anbetrift, (**) sagt er, so öffnet diejenige, die ein grosses Gewerbe treibt, und von allen Orten her einen grossen Uber fluß von zum Leben nützlichen Dingen herbeybringen, einem jeden den Weg sich mit demjenigen zu versehen, was er nöthig hat. Sie ist nicht zu tadeln, wenn sie ohne Betrug und Lügen getrieben wird. Ja sie hat nichts in sich, als was ehrlich und nöthig ist, wo diejenigen, die sich darauf befleißigen, nicht unersättlich sind, und sich begnügen lassen, wenn sie ihren Gewinst biß auf einen gewissen Grad bringen. Es ist daher gewiß, daß die Römer von den Zeiten ihrer Könige an auf dem Meere schifften, zum wenig sten in Handelsgeschäften. Sie thaten es hierauf auch in Kriegsverrichtungen, wie es Huet in seiner Geschich te der Handlung angemerket hat. Im Jahre 417. von Rom, da die Römer die Antiater überwunden hatten, untersagten sie ihnen alle Handlung auf dem Meer, u. nahmen ihnen alle ihre Schiffe, (***) die sie theils ver brannten, theils auf der Tyber bis nach Rom hinan führten, und an den Ort brachten, der zur Erbauung und Verwahrung der Schiffe bestimmt war. Dieses beweiset, daß, die Römer sich von diesrrdieser Zeit an auf das Seewesen befleißiget. Im Jahre von Rom 443. wird von einen Amte der Duumvirs viel geredet, (****) welche 13 14 15 16
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die Verrichtung hatten, die Flotte auszurüsten, aus (Freinshe. XII. 7. et 8.) zubessern und zu unterhalten. Im Jahr 470. hatten die Römer eine Flotte von zehn Schiffen unter der Anfüh rung des Duumvirs Valerius in der See. Die Ta rentiner begegneten ihr auf eine unanständige Art, wel ches Anlaß zu dem Kriege wider dieses Volk gab. Es erhellt aus dem letztern Tractate, der zur Zeit des Pyrrhus geschlossen worden, und aus dem Still schweigen der Geschichtschreiber über das Seewesen der Römer von den Punischen Kriegen, daß die Römer bis dahin beynahe gar nicht ihre Gedanken auf das See wesen gerichtet hatten, ob sie es gleich nicht gänzlich verabsäumten, so daß, wenn eine ansehnliche Flotte zu einem Kriege erfordert wurde, sie nicht im Stande wa ren dieselbe aufzubringen, und aus dieser Ursache ver glich man sich dahin, daß die Carthaginenser sie mit Schiffen versehen sollten. Es sind von Zeit zu Zeit, wie man hier sieht, Tra ctaten und Bündnisse zwischen den Römern und den Carthaginensern gewesen, aber niemahls eine wahre Freundschaft. Sie fürchteten und haßten sich auch viel leicht wechselsweise. Das, was die Römer zuletzt tha ten, da sie die Hulfe ausschlugen, die ihnen Carthago wider den Pyrrhus anbieten ließ, zeigt von einem Vol ke, das den Carthaginensern keine Verbindlichkeit schuldig seyn wollte, und vielleicht schon damahls einen Bruch voraus sahe. In der That erfolgte sehr bald nach dem letzten Tractate zwischen diesen beyden Völkern der Punische Krieg.
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Eilftes Buch.

Dieses eilfteBuchenthält die Ge schichte von dem ersten Punischen Kriege, der vier und zwanzig Jahr gewähret, von dem Jahre Roms 488. bis 509.

I §.

Gelegenheit des Punischen Krieges. Beystand, den die Römer den Mamertinern wider die Carthaginenser leisten. Der Consul Appius geht nach Sicilien. Er erhält einen Sieg über den Hiero , und zieht in Meßi na ein. Er schlägt die Carthaginenser, und nach dem er eine starke Besatzung zu Meßina hinterlassen, kehrt er nach Rom zurück, und genießt die Ehre des Triumphs. Summe des bürgerlichen Census. Ein führung der Fechter-Kämpfe. Eine Vestalin ge straft. Die beyden neuen Consuls gehen nach Sici lien über. Vertrag zwischen dem Hiero und den Rö mern geschlossen. Bestrafung der Soldaten, die sich verzagter Weise an die Feinde ergeben. Die Con suls kommen wieder nach Rom. Triumph des Va lerius. Sonnen-Uhr. Nagel um der Pest willen eingeschlagen. Neue PflauzstädtePflanzstädte. Die Römer un ternehmen in Gesellschaft der Truppen von Syrakus die Belagerung von Agrigent. Es wird ein Tref fen geliefert, in welchem die Carthaginenser auf das Haupt geschlagen werden. Die Stadt wird nach ei ner Belagerung von sieben Monathen eingenommen.
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Abscheuliche Treulosigkett des Hanno in Ansehung der Mieth=Soldaten. Hamilkar wird an die Stelle des Hanno geschickt, der zurückberufen wird. Die Römer bauen Schiffe, und rüsten eine Flotte aus, um den Carthaginensern die Herschaft über das Meer streitig zu machen. Der Consul Cornelius wird mit siebzehn Schiffen gefangen und nach Carthago ge bracht. Der übrige Theil der Flotte schlägt den Carthaginensischen General. BerhbmterBerühmter Sieg des Duilius in einem See - Treffen bey den Küsten von Mylus. Triumph desselben. Unternehmung auf Sardinien und Corsika. Eine Verschwörung zu Rom in ihrer Geburt erstickt.
Die Historie wird uns eine neue Scene von Dingen eröffnen, und die Begebenheiten fangen an weit grösser und wichtiger zu werden, als sie zeithero ge wesen sind. Seit beynahe fünfhundert Jahren von dem Ursprung Roms waren die Römer beschäf tigt, sich die Völker von Italien zu unter werfen, theils durch die Gewalt der Waffen, theils durch Traktaten und Bündniße, und den Grund einer Herschaft zu legen, die sich fast über die ganze Welt erstrecken sollte. Jezo werden sie die Frucht ihrer einheimi schen Eroberungen einernden, indem sie die ausländischen hinzufügen, welche ihren An fang mit Sicilien und den benachbarten In seln nehmen. Hernach werden sie wie eine
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Feuersbrunst, die immer mehr überhand nimt, bis in Spanien, Afrika, Asien, Grie chenland und Gallien reichen, welche Ero berungen ihres weiten Umfangs ungeachtet ihnen weniger Zeit kosten werden, als die von Italien allein. Ein Haufen Campanischer Freybeuter,(Gelegen heit des er sten Puni schen Krie ges. Die Römer lei sten den Mamerti nern Bey stand wider die Car thaginen ser. Polyb. I. p. 6. 11.) die in dem Solde des Tyrannens von Sici lien Agathokles stunden, waren in die Stadt Messana eingedrungen, welcher Nahme heut zu Tage der weichlichen Aussprache halben in Meßina verwandelt worden, und hatten in kurzer Zeit den einen Theil von den Einwoh nern ermordet, und den andern verjagt. Sie heyratheten ihre Weiber, bemächtigten sich aller ihrer Güther, und blieben allein von die sem Platze Meister, welcher von grosser Wichtigkeit war. Sie gaben sich den Nah men Mamertiner. Als nach ihrem Beyspiele und vermittelst ihrer Hülfe eine Römische Legion, wie wir es in dem vorhergehenden Bande erzehlt ha ben, der Stadt Rhegium auf gleiche Art mitgespielt hatte, so kamen die Mamertiner, die von diesen würdigen Alliirten unterstützt wurden, zu einer sehr grossen Macht, und verursachten den Syrakusanern und den Car thaginensern viele Unruhe, zwischen welchen dazumahl die Herschaft von Sicilien getheilt war. Diese Macht war von kurzer Dau er. Die Römer übten gleich, nachdem sie
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den Krieg wider den Pyrrhus geendigt hat ten, Rache an der ungetreuen Legion, die Rhegium überfallen hatte, und gaben die Stadt ihren alten Einwohnern wieder. Die Mamertiner blieben alsdenn allein und ohne Hülfe, und waren nicht länger im Stande der Macht der Syrakusaner zu widerstehen. Die Empfindung ihrer Schwäche und der Anblick der nahen Gefahr, ihren Feinden in die Hände zu fallen, nöthigten sie ihre Zu flucht zu den Römern zu nehmen, und diesel ben um Hülfe anzusprechen. Aber Hiero ließ ihnen keine Zeit sich zu erhohlen. Er grif sie aus aller Macht an, und erhielt einen grossen Sieg über sie, durch welchen er sich in dem Stande sahe, sie dahin zu bringen, daß sie sich seiner Gnade überlassen mußten. Aber eine unvermuthete Hülfe errettete sie aus diesen mißlichen Umständen. Hannibal,(*) General der Carthaginenser, welcher sich da zumahl von ungefähr auf den Liparischen In seln nahe bey Sicilien befand, fürchtete, nachdem er den Sieg des Hiero vernommen, daß, wenn er Meßina gänzlich unterdrückte, die Macht der Syrakusaner seinem Vater lande gefährlich werden möchte. Deswe 17
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gen begab er sich eiligst zu dem Hiero, und unter dem Vorwande ihm zu seinem Siege Glück zu wünschen, hielt er ihn einige Tage lang auf, und verhinderte ihn, daß er nicht, wie es seine Absicht war, auf der Stelle nach Meßina gieng. Dieser falsche Freund begab sich unterdessen zuerst in die Stadt, und weil er fand, daß die Mamertiner in Bereitschaft stunden sich dem Uberwinder zu ergeben, so hielt er sie davon zurück, indem er ihnen mäch tige Hülfe versprach, und selbst einen Theil seiner Truppen in die Stadt hinein legte. Hiero erkannte, daß er sich hatte betrügen lassen, und daß er nicht im Stande war, Meßina, nach der Verstärkung, die man hin ein geworfen hatte, zu belagern. Er ent schloß sich demnach nach Syrakus zurück zu kehren, wo er mit allgemeinen Freuden der Einwohner empfangen, und zum Könige aus gerufen ward, wie ich an einem andern Orte mit mehrern erzehlt habe. Nach dem Abzuge des Hiero faßten die Mamertiner frischen Muth, und berathschlag ten sich, was für einen Weg sie zu erwählen hätten. Sie waren aber unter sich nicht einstimmig. Einige behaupteten, man müßte sich, ohne lange zu zweifeln, unter den Schutz der Carthaginenser begeben. Dieser wäre ihnen aus vielerley Ursachen vortheilhaft, und ausserdem wäre er nothwendig gewor den, nachdem sie Soldaten von ihnen in die
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Stadt eingenommen. Andre hingegen wa ren der Meynung, die Mamertiner hätten eben so viel von der Seite der Carthaginenser zu fürchten, als von dem Hiero. Das wä re eben so viel, als sich muthwilliger Weise in die Knechtschaft stürzen, wenn man sich ei ner Republik anvertraute, die eine mächtige Flotte auf den Küsten von Sicilien hätte, die würklich einen grossen Theil von der Insel besäße, und die seit langer Zeit den übrigen zu verschlingen trachtete. Der einzige Weg, den sie mit Sicherheit ergreifen könnten, wä re also die Römer um Hülfe anzurufen, ein Volk, das in dem Kriege eben so unüber windlich, als in seinen Bündnißen getreu wäre, das nicht einen Zoll breit Landes in Sicilien besäße, das ohne Flotte und Erfah rungen in dem Seewesen sey, und dem gleich viel daran gelegen wäre zu verhüten, daß weder die Carthaginenser noch Syrakusaner in Sicilien allzumächtig würden. Da sie ferner bereits Gesandten nach Rom geschickt, um sich unter den Schutz des Römischen Volks zu begeben, so würde das in gewisser maßen eine Beleidigung für dasselbe seyn, wenn man jählings seinen Entschluß verän dern, und sich an iemand anders wenden wollte. Indem sich Meßina in diesen Umständen befand, ward die Sache zu Rom zur Uberle
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gung gezogen. Die damahligen Consuls waren

Der Römische Rath fand in dieser Sa(d. 488. J. n. E. R. d. 264. J. v. C. G. Das Rö mische V. entschließt sich den Mamerti nern bey zustehen. Polyb. I. p. 10. 11. Zon. VIII. 381.) che Schwürigkeiten, als er dieselbe auf ihren verschiedenen Seiten betrachtete. Von der einen Seite schien es der Römischen Tugend schimpflich und unanständig zu seyn, offenbar die Vertheidigung von Verräthern und Mein eydigen zu übernehmen, die vollkommen in eben dem Falle waren, wie die von Rhegi um, die man nur erst so ernstlich bestraft hat te. Auf der andern Seite war es von der äussersten Wichtigkeit, den Progressen der Carthaginenser Einhalt zu thun, die bey den Eroberungen, die sie in Afrika und in Spa nien gemacht hatten, nicht stehen blieben, sondern sich noch bey nahe aller Inseln auf dem Sardinischen und Etrurischen Meere be mächtigt hatten, und auch gewiß in kurzer Zeit Herren von ganz Sicilien werden wür den, wenn man ihnen Meßina in den Hän den ließ. Nun war der Weg von hieraus nach Italien nicht groß, und das wäre fast eben so viel gewesen, als wenn man einen mächtigen Feind zu sich hätte wollen einladen, wenn man ihm den Zugang darzu eröffnet hätte. Uberdieses war der Rath mißver
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gnügt, daß die Carthaginenser den Taren tinern Hülfe geleistet hatten. Diese Ursachen, so wichtig sie auch schie nen, konnten doch den Rath nicht bewegen, sich für die Mamertiner zu erklären. Hier behielten die Bewegungsgründe der Ehre und der Gerechtigkeit die Oberhand über die von dem Nutzen und der Staatsklugheit. Das Volk aber war so zärtlich nicht. In der Versammlung, die über diese Sache an gestellt war, ward beschlossen den Mamerti (Der Cons. Appius geht nach Sicilien.) nern beyzuspringen. Der Consul Appius Claudius, der einen von den Tribunen seiner Armee, der gleichfalls Claudius hieß, hatte voraus gehen lassen, um die Gemüther der Einwohner von Meßina vor zubereiten, begab sich mit seinem Heere auf den Marsch. Un terdessen verjagten die Mamertiner theils durch Drohungen theils durch List den Com mendanten, welcher das Citadell im Nah men der Carthaginenser besetzt hielt. Seine Unvorsichtigkeit und Feigheit kosteten ihm das Leben, denn er ward gehangen, als er nach Carthago zurück kam. Die Cartha ginenser liessen um Meßina von neuen einzu nehmen eine Flotte bey Pelorum anrücken, und stellten ihre Infanterie auf eine andre Seite. Zu gleicher Zeit gieng Hiero ein Bündniß mit den Carthaginensern ein, um sich die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen, die Mamertiner gänzlich aus Sicilien zu
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vertreiben, und gieng eiligst von Syrakus, um sich mit ihnen zu vereinigen. Während dieser Zeit hatte Appius alle er(Frontin. I. 4-11.) sinnliche Mittel vorgekehrt, den Mamerti nern zu Hülfe zu kommen. Es war nöthig die Meerenge von Meßina zu paßiren. Die Unternehmung war gefährlich, oder besser zu sagen, verwegen, und so gar nach allen Re geln der Wahrscheinlichkeit unmöglich. Die Römer hatten keine Flotte, sondern nur ganz unkünstlich gebaute Schiffe, die man mit den Kähnen der Indianer vergleichen kan. Denn dieses scheint der Ausdruck caudicariae naves anzuzeigen, dessen sich die Alten bedienen, wenn sie von der Sache, die ich gegenwärtig erzehle, reden, und eben daher erhielt der Consul den Zunahmen Cau dex. Die Carthaginenser hingegen hatten eine sehr zahlreiche und wohl ausgerüstete Flotte. Appius nahm in dieser Schwürig keit, die einen ieden andern abgeschreckt ha ben würde, seine Zuflucht zu der List. Da er die Meerenge, welche die Carthaginenser besetzt hielten, nicht paßiren konnte, so stellte er sich, als ob er das Unternehmen fahren liesse, und mit allen seinen Truppen zurück kehren wollte. Auf diese Nachricht zogen sich die Feinde zurück, die Meßina zeither von der Seeseite bloqvirt hatten, als ob wei ter nichts zu fürchten wäre, und der Con sul machte sich ihre Abwesenheit zu Nutze,
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und sezte bey der Finsterniß der Nacht über die Meerenge und kam in Sicilien an. Man sieht hier die schreklichen Folgen, die aus einem Fehler erwachsen können, der im Anfang geringe scheint. Hätten die Car thaginenser diesen Ubergang verhindert, wel ches ihnen sehr leicht gewesen, und sich von Meßina Meister gemacht, welches eine un fehlbare Folge davon gewesen seyn würde, so hätten vielleicht die Römer niemahls nach Sicilien übergehen können, und folglich alle die Eroberungen nicht erlangen können, die sie zu Herren der Welt machten. Aber die Vorsicht, die ihnen die Herrschafft dersel ben bestimmet hatte, eröffnete ihnen hier die Wege darzu. Es ist merckwürdig, daß diese kühne Unternehmung des Appius der erste Schritt gewesen, den die Römer ausser halb Italien gethan. (Appius siegt über den Hiero, und hält seinen Ein zug nach Meßina. Zonar VIII. 234.) Der Ort, wo er anländete, war dem La ger der Syrakusaner ziemlich nahe. Er er mahnte seine Truppen plötzlich über sie zu fallen, und versprach ihnen bey dem Erstau nen, in welchen sie dieselben finden würden, einen gewissen Sieg. Der Ausgang erfüll te die Versprechungen des Consuls. Hiero, der sich nichtsweniger versahe, hatte kaum die Zeit seine Truppen in Schlacht-Ord nung zu stellen. Seine Cavallerie erhielte im Anfange einigen Vortheil, aber die Römi sche Infanterie rückte auf das Corpo seiner
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Armee an, und drung sehr bald in dieselbige ein, und brachte sie in die Flucht. Appius begab sich von da hinweg, nachdem er die Leichname seiner Feinde hatte ausziehen las sen, und hielt seinen Einzug zu Meßina, wo er als ein Erretter, der vom Himmel ge kommen, aufgenommen ward, und unter den Mamertinern eine desto grössere und leb haftere Freude erregte, da sie dieselbe fast nicht mehr verhofften. Hiero, der sich, wie er selbst hernach sagte, fast eher überwunden sahe, als er den Feind gesehen hatte, und die Carthaginenser in Verdacht hielt, daß sie den Römern den Weg über die Meerenge überliefert hätten, und ausserdem seit langer Zeit über die Treulosigkeit dieses Volks un willig war, ließ seine Soldaten die folgende Nacht in aller Stille aus dem Lager auszie hen und begab sich in grosser Eilfertigkeit nach Syrakus. So bald Appius von aller Unruhe auf(Er schlägt die Cartha ginenser.) dieser Seite befreyt war, bemühte er sich das Schrecken, welches der Ruf von diesem er sten Siege selbst unter den Carthaginensern erregt hatte, zu seinem Nutzen anzuwenden. Er grif sie demnach in ihrem Lager an, wel chem, wie es schien, so wohl seiner natür lichen Lage als der aufgeworfenen Schanzen wegen, nicht beyzukommen war. Er ward auch mit einigem Verlust abgetrieben und ge nöthigt sich zurücke zu ziehen. Die Cartha
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ginenser, welche diese gezwungene Retirade für eine Würkung von ihrer Tapferkeit und der Furchtsamkeit der Feinde ansahen, fien gen an sie zu verfolgen. Das war eben dasjenige, was der Consul erwartete. Er drehete sich um. Alsdenn änderte sich das Glück des Streites mit der Lage des Orts. Ein ieder hatte sich auf weiter nichts zu ver lassen, als auf seinen eignen Muth. Die Carthaginenser bestunden nicht vor den Rö mern. Eine grosse Menge von ihnen ward erschlagen, und einige entflohen in das La ger, und andere in die benachbarten Städte, und sie erkühnten sich nicht mehr aus ihren Verschanzungen hervor zu gehen, so lange Appius in Meßina blieb. Da er sich also Meister im Felde sahe, plünderte er unverwehrt das gantze platte Land, und verbrannte die Flecken der Sy (Zonar. VIII. 384.) rakusanischen Bundtgenossen. Eine so all gemeine Bestürzung gab ihm das kühne Vorhaben ein, sich Syrakus selbst zu nä hern. Da fielen viele Scharmüzel mit sehr ab wechselnden Glücke vor, in derer einem der Consul sich in grosser Gefahr befand. Er half sich auch hier durch List. Er sendete einen Officier an den Hiero ab, als ob er Friedens-Traktaten vornehmen wollte. Der König hörte diesen Antrag sehr gerne. Sie hatten einige Conferenzen mit einander, und während dieser Schein-Traktaten hatte
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sich Appius unvermerkt aus der Noth her aus gezogen. Es geschahen noch zwischen einigen Privat-Personen von beyden Arme en gewisse Vorschläge. Es scheint, daß die Syrakusaner den Frieden wünschten, aber der König wollte dazumahl nichts davon hören, vermuthlich weil der Consul, als er einmahl der Gefahr entgangen war, mehrere Schwürigkeiten machte. Diese verschiedenen Bewegungen nahmen(Appius kehrt nach Rom zu rück.) einen grossen Theil vom Jahre weg. Der Consul gieng wieder nach Meßina, wo er ei ne starcke Besatzung zurück ließ, die vermö gend war, die Stadt in Sicherheit zu setzen. Von daraus reisete er über Rhegium nach Rom. Er ward daselbst mit grossem Jauch zen und einer allgemeinen Freude empfan gen. Sein Triumph über den Hiero und über die Carthaginenser ward mit desto meh rern Pracht und Zulauff gefeyert, da er der erste war, der über Völcker jenseit des Mee res gehalten wurde. Bey dem Beschlusse des Census, welcher(Summe des Census. Freinsh. XVI. 40. 42.) dieses Jahr von den Censors Cn. Cornelius und C. Marcius zu Ende gebracht wurde, fanden sich zweyhundert und zwey und neun zig tausend zweyhundert und vier und zwanzig Bürger, eine erstaunliche Anzahl, die fast unglaublich scheint, wenn man die unaufhörliche Folge von Kriegen seit der Er bauung von Rom bedenkt, und die so häufi
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gen Pest - Krankheiten, die nicht weniger Volk hinraffen, als der Krieg. Man kann die weise Staats-Klugheit der Römer nicht gnugsam bewundern, durch welche sie allen diesen Abgang ersetzten, daß sie nehmlich ei ne grosse Anzahl Bürger aus den überwun denen Völkern mit dem Cörper der Repub lik vereinigten, eine Regel, die von der Re gierung des Romulus an eingeführet, und nachher mit einer unverlezten Beständigkeit beobachtet worden, die vornehmste Qvelle<Quelle> von der Grösse Roms, die vieles beygetra gen hat, daß es unüberwindlich geworden, indem sie selbiges grösser machte, als alle die Unglücksfälle, unter welchen einige, wie es schie ne, es auf ewig zu Boden werfen sollten. (Einführ. der Fech ter - Käm pfe.) Eben dieses Jahr gab Gelegenheit zu ei ner sehr grausamen und barbarischen Ge wohnheit, die aber in der folgenden Zeit sehr gemein ward, da nehmlich die Ver giessung des menschlichen Bluts in den Käm pfen der Fechter für das allerangenehmste Schauspiel angesehen ward, das man dem Römischen Volke geben konnte. Die ersten Urheber dieses Gebrauchs waren die beyden Brüder M. und D. Junius Brutus, wel che diese Feyerlichkeit bey dem Begräbnisse ihres Vaters anstellten. Ich werde an dem Ende dieses Theils diese Materie kürtzlich ab handeln.
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Die Vestalin Capporonia, welche der(Eine Ve stalin ge straft.) Blut - Schande überwiesen war, kam der Todes - Strafe zuvor, indem sie sich selbst erwürgte. Der Hauptverbrecher und die Mitschuldigen wurden nach den Gesezen be straft.

M. Valerius Maximus(d. 489. J. n. E. R. d. 263. J. v. C. G.) M. Otacilius Crassus.

Das vorige Jahr hatte man einen von(Die bey den Con suls gehen nach Si cilien.) den zwey Consuls wider die aufrührischen Sklaven der Volsimer in Toskana ausschi ken müssen. Dieses Jahr, da Rom in keinen andern Krieg verwickelt war, ließ er beyde neue Consuls nach Sicilien übergehen Sie agirten daselbstmitdaselbst mit grosser Einhelligkeit, da sie ihre Truppen bald zusammenstossen, bald sich trennen liessen, u. schlugen die Carthagi(Polyb. I. 15. 16. Freinsh. XVI. p 43-48. Zonar. VIII. 385.) nenser und Syrakusaner zu verschiedenen mahlen und breiteten das Schrecken des Römischen Nahmens fast durch die ganze Insel aus, so daß die Städte von allen Sei ten her den Consuls ihren Gehorsam bezei gen liessen. Man zehlte ihrer auf sieben und sechzig. Unter dieser Anzahl waren Tauro menium (*) und Catina, zwey feste Oer ter. 18
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(Friede zwi schen dem Hiero und den Rö mern.) Ein so schnelles Glück machte sie geneigt bis vor Syrakus zu rücken, in der Absicht es zu belagern. Hiero, der in seine und der Carthaginenser Kräfte ein Mißtrauen setzte, und auf die Treue derselben sich noch weniger verließ, der übrigens eine geheime Neigung zu den Römern in sich empfand wegen der allgemeinen Hochachtung, die sie sich durch ihre Redlichkeit und Gerechtigkeit erworben, ließ den Consuls durch seine Abgeordnete Frie dens-Vorschläge thun. Die Verträge wa ren sehr bald geschlossen. Man wünschte den Frieden von beyden Theilen viel zu sehr, als daß man ihn in die Länge hätte verschie ben sollen. Die Bedingungen desselben wa ren: æHiero sollte den Römern die Oerter, die er ihnen oder ihren Bundsgenossen ab genommen, wieder einräumen; er sollte ihnen ohne Auslösung die Gefangenen wie (Hundert tausend Thaler.) dergeben; er sollte ihnen hundert Talente Silbers für die Kriegsunkosten bezahlen; er sollte im ruhigen Besitze von Syrakus und den darzu gehörigen Städten bleiben. Diese waren Acre, Leontium, Megara, Netine, Tauromenium.“ Der Traktat ward bald hernach zu Rom für genehm ge halten. Er gieng nur auf funfzehn Jahre, aber die beyderseitige Hochachtung, und die guten Dienste, die beyde Theile einander lei steten, machten ihn ewig. Die Römer hat ten keinen getreuern Bundsgenossen und be
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ständigern Freund, als diesen Prinzen. Es war ein Hauptvortheil für sie, daß sie ihn von der Carthaginensischen Parthey abgezo gen hatten. Er war ihnen von unendlichen Nutzen, besonders in Ansehung der Lebens mittel, deren Uberschiffung ihnen zuvor sehr schwer fiel, weil die Carthaginenser Herren zur See waren, welches den Römern im Jahre zuvor viele Ungelegenheit verursacht hatte. Der Carthaginensische General, welcher Syrakus mit einer Flotte zu Hülfe eilte, weil er glaubte, daß es belagert würde, kehr te geschwinder zurück, als er gekommen war, da er die Zeitung von dem Vertrage zwischen dem Hiero und den Römern erhielt. Die vereinigte Macht der beyden neuen Alli irten bezwang eine grosse Anzahl von den Städten der Carthaginenser. Der Consul Otacilius stellte dieses Jahr(Bestra fung der Soldaten, die sich aus Furchtsam keit an die Feinde er geben. Frontin. IV. 1.) ein nützliches Beyspiel der Schärfe in Anse hung der Kriegszucht dar, das der Römi schen Art zu denken sehr gemäß ist. Einige Römische Soldaten waren bey einer Gefahr zur Erhaltung ihres Lebens die Bedingung eingegangen durch das Joch zu gehen. Als sie wieder zur Armee kamen, so verurtheilte sie der Consul, daß sie ausserhalb der Ver schanzungen an einem abgesonderten Orte bleiben mußten, da sie weit weniger Sicher heit hatten, indem sie den Anfällen der Feinde
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mehr bloßgestellet waren. Uberdieses war es eine immerwährende Beschimpfung, die ihnen beständig ihre Feigheit aufrückte, und sie errinnerte, diesen Schandfleck durch eine tapfere Unternehmung zu tilgen. Bey Annäherung des Winters marschir (Triumph des Vale rius. Sonnen- Uhr.) ten die Consuls, nachdem sie in den Oertern hinlängliche Besatzungen hinterlassen hatten, mit dem Uberreste ihrer Truppen nach Rom. M. Valerius, der sich in diesem Feldzuge auf eine ausnehmende Art hervorgethan hatte, erhielt die Ehre des Triumphs. Es ward in demselben eine Sonnen - Uhr zur Schau getragen, eine ganz neue Sache für die Rö mer, die zeither die Stunden, wie unsre Bauern auf dem Lande thun, nur nach den verschiedenen Höhen der Sonne abgemessen hatten. Die Sonnen-Uhr war horizontal, und kam von Catana her. Valerius ließ sie hernach auf einem Gestelle bey den Ro stris niedersetzen. Er ließ auch an die Sei te des Hostilischen Saales ein Gemählde se tzen, wo sein Treffen mit dem Hiero und den Carthaginensern abgebildet war, welches zeither noch nicht üblich gewesen, und nach der Zeit etwas sehr gewöhnliches ward. Er erhielt den Zunahmen Messala, weil er die Stadt Meßina von der Gefahr befreyt, die allem Ansehen nach seit der Abreise des Ap pius Claudius von den Carthaginensern und dem Hiero aufs neue war angegriffen wor
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den. Er ward anfänglich Messana genannt, welcher Nahme sich nachgehends unvermerkt in Messalla verwandelte. Es rührt ver muthlich aus einer Unachtsamkeit her, daß Seneka sagt, (*) die Eroberung von Meßi na hätte ihm diesen Beynahmen erworben. Ich habe gesagt, daß die Sonnen-Uhren vor dem Consulate des Valerius zu Rom unbekannt gewesen. Ein alter Autor setzt nach dem Plinius den Gebrauch derselben in(Plin. VII. 60.) ältere Zeiten in das eilfte Jahr vor dem Krie ge des Pyrrhus. Aber Plinius selbst macht dieses Zeugniß zweifelhaft. Da die Son nen-Uhr, (**) welche Valerius nach Rom brachte, auf den Meridian von Catana ein gerichtet war, so fand man sie dem Meridia ne von Rom nicht gemäß, und sie zeigte die Stunden nicht genau an. Etwa hundert Jahr hernach ließ der Censor M. Philippus eine andere richtigere gleich neben des Valeri us seiner aufstellen. Zwischen dieser Zeit wur den sie zu Rom etwas ziemlich gemeines, wie aus einem Uberreste des Plautus erhellet, 19 20
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den uns A. Gellius aufbehalten hat. Es wird ein verhungerter Schmarotzer einge führt: (*) Daß doch die Götter den ver derben möchten, der diese Uhr zuerst erfun den, und den, der sie zuerst nach Rom ge bracht hat, die zu meinem Unglücke den Tag, ich weiß nicht in wie viele Stückgen zerschnei det. Ehemahls war dieser Bauch die aller beste und gewisseste Uhr. Auf die erste An zeige, die sie mir that, konnte ich essen, ausser wenn ich nichts hatte. Aber heut zu Tage mag ich gleich etwas haben, es ist eben so, als ob ich nichts hätte. Ich kann sonst nicht essen, als wenn es der Sonne beliebt, man muß ihren Lauf um Rath fragen. Die gan ze Stadt ist voller Uhren, und diese schöne Erfindung macht, daß der meiste Theil des Volks vor Hunger dürre wird. Diese Art von Uhren war bloß für den (d. 595. J. n. E. R.) Tag, und für eine Zeit, da die Sonne schien. Fünf Jahre nach der Censur des Marcius ließ ein andrer Censor Scipio Nasika eine Uhr aufstellen, die auf gleiche Weise bey Tage 21
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und bey Nacht diente. Man nennte sie Clep sydra. Sie zeigte vermittelst des Wassers und gewisser Räder, die dasselbe herum trieb, alle Stunden an. Man findet eine Beschreibung davon bey dem Vitruv, wel(Vitrum. IX. 9.) cher die Erfindung derselben sowohl als Athe näus und Plinius einem gebohrnen Alexan driner Ctesibus zueignet, der unter den ersten beyden Ptolomäen gelebt. Diese Clepsydra war von denenjenigen unterschieden, deren man sich anfänglich bey den Griechen und nachgehends bey den Römern bediente, um den Advokaten die Zeit vorzuschreiben, die man zu ihren Reden bestimmte, (*) wie auch um bey den Armeen die vier Nachtwachen abzumessen, deren iede drey Stunden lang für eine Schildwache währte. Was für ein Unterschied zwischen den al ten Uhren sowohl in öffentlichen, als Privat Gebäuden, und den unsrigen! Ich weiß nicht, ob wir für eine so grosse Wohlthat, die so viele Beqvemlichkeiten in sich faßt, er kenntlich gnug sind, welche gewiß nicht eine Wirkung des Zufalls ist, sondern von der gütigen Obacht GOttes über uns herrührt. 22
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(II. Reg. XX. 11.) Jedermann weiß, daß die älteste Sonnen- Uhr, deren in der Historie Erwähnung ge schicht, die von dem Ahab, Könige in Juda ist, an welcher der Prophet Esaias den Schatten um zehn Grade zurückgehen ließ. (Ein Nagel eingeschla gen, als ein Mittel wi der die Pest.) Ich komme wieder zu der Folge der Hi storie. Weil sich die Pest noch in der Stadt spühren ließ, so ernennte man einen Dikta tor um den Nagel einzuschlagen, und durch diese heilige Ceremonie dem Zorne der Göt ter zu wehren. (Neue Pflanz städte.) Es wurden auch einige neue Colonien an gelegt, zu Esernia, zu Firmum und zu Ca strum, welches Städte im Königreiche Ne apolis sind. (d. 490. J. n. E. R. d. 262. J. v C. G. Die Röm. vereinigen sich nut den Trupp von Syrak. u. unterneh men d. Be lager. von Agrigent.)

Diesen beyden Consuls ward Sicilien angewiesen, man gab ihnen aber nicht mehr als in allem zwey Legionen zu, die seit dem Bündniße mit dem Hiero hinlänglich schie nen. Diese Verminderung diente ihnen zu einer grossen Erleichterung in Ansehung des Proviants. (Es geht ein Treffen an, in wel chem die Carthagi nenser) Nachdem sie die Truppen ihrer Bunds genossen mit den ihrigen vereinigt hatten, so unternahmen sie die Belagerung von einem der festesten Oerter in Sicilien, nehmlich Agrigent. Seine natürliche Lage und seine
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Befestigungen machten es fast unbezwinglich.(gänzlich geschlagen werden Polyb. l. p. 16.=19.) Die Carthaginenser, die voraus gesehen hat ten, daß die Römer sonder Zweifel durch die ansehnliche Hülfe, die sie von dem Hiero er hielten, Muth gewinnen würden auf eine wich tige Unternehmung zu denken, und daß diese vermuthlich auf Agrigent fallen würde hat ten eben diesen Ort zu ihrem Waffen - Platze erwählt, und ihn in dieser Absicht mit allem dem reichlich versehen, was zu einer guten Gegenwehr nöthig ist. Sie hatten im An fange einen Theil ihrer Truppen nach Sar dinien übergeschickt um die Uberschiffung der Römer nach Sicilien zu verhindern, oder aufzuhalten. Weil sie diese Vorsicht un nüze fanden, so hatten sie dieselben zurück kommen, und eine grosse Menge Hülfs-Völ ker darzu stossen lassen, die aus Ligurien und Gallien, besonders aber aus Spanien her waren. Die Consuls lagerten sich eine Meile weit von Agrigent, und nöthigten die Feinde, sich in den Mauern inne zu halten. Das Ge treyde, das zur Ernde reif geworden, stand noch auf dem Land. Da man voraus sehen konnte, daß die Belagerung lange dauren würde, so zerstreuten sich die Römischen Soldaten aus Begierde das Getreyde zu hau en u. einzusammlen, mit weniger Behutsamkeit, als die Nähe eines mächtigen Feindes erfor derte. Es fehlte wenig, so wäre ihnen diese
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Nachlässigkeit verderblich gewesen, und hät te den gänzlichen Untergang ihrer Armee nach sich gezogen. Als die Carthaginenser sie plözlich überfielen, so konnten die Furagi rer einen so starcken Angrif nicht aushalten, und liessen sich in Unordnung bringen. Als denn rückten die Feinde auf das Römische La ger an, und nachdem sie ihre Truppen in zwey Haufen getheilt, so fieng der eine an die Pal lisaden auszureissen, und der andere kam mit den Posten, die an diesem Ort zu Verthei digung des Lagers ausgestellet waren, ins Handgemenge. Obgleich diese der Anzahl nach weit geringer waren, als die Carthagi nenser, so hielten sie doch diesen Sturm mit einer unbegreiflichen Standhaftigkeit aus, zumahl da sie wusten, daß bey den Römern der Kopf darauf beruhte, wenn man seinen Posten verließ. Es wurden viele von ihnen erschlagen, und noch mehrere von den Fein den. Dieser beherzte Widerstand machte, daß die abgeschikte Hülffe noch in Zeiten her bey kommen konnte. Alsdenn wurden die Carthaginenser, die in den Handgemenge wa ren, abgetrieben und in die Flucht geschlagen, und diejenigen, welche schon einen Theil von den Pallisaden ausgerissen hatten, wurden von allen Seiten her umringt, und fast gänz lich in die Pfanne gehauen. Die übrigen wurden biß zur Stadt verfolgt. Diese Aktion, da die unüberwindliche Herzhaftigkeit
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der Römer ihrer Nachlässigkeit zu statten kam machte, daß die Feinde nicht mehr so geneigt waren Ausfälle zu wagen, und daß die Rö mer mehrere Vorsicht in Furagiren brauch ten. Die Ausfälle waren auch wirklich von die ser Zeit an seltner. Dieses veranlassete die Consuls ihre Armee in zwey grosse Haufen zu theilen, u. sie an zwey verschiedene Gegenden im Angesichte der Stadt lagern zu lassen, den einen bey dem Tempel des Aeskulaps, den an dern auf der Strasse nach Heraklea. Sie verschanzten das Lager mit guten Contreval lations und Circonvallations-Linien, jene um die Ausfälle zu verhindern, und diese um den Succursen und der Zufuhr den Weg ab zuschneiden. Der Raum zwischen beyden Lägern war mit verschiedenen kleinen Posten in gewissen Weiten ausgefüllt. Die Römer erhielten in allen diesen Unter nehmungen grosse Beyhülffe von den Sici lianischen Völkern, die erst kürzlich mit ih nen in Bund getreten waren. Ihre Trup pen mit den Römischen zusammen gerech net formirten eine Armee von hundert tausend Mann. Der Proviant ward ihnen bis nach Erbeßa zugeführt, und die Römer brach ten ihn vollends von dieser Stadt aus bis in ihre Läger, die nicht weit davon waren. Ver mittelst dieses Beystandes hatten sie durch
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gängig an allen Dingen eiueneinen grossen Uber fluß. Die Belagerung blieb fast fünf Monathe lang in diesem Zustande, ohne daß von bey den Seiten etwas merkwürdiges vorgieng, indem alles nur in einigen leichten Schar müzeln bestund. Unterdessen litten die Carthaginenser dabey sehr viel, denn da aufs wenigste funfzigtausend Mann von ihnen seit langer Zeit in der Stadt eingeschlossen wa ren, so hatten sie fast alle ihre Lebensmittel aufgezehrt, und machten sich keine Hoffnung frischen Proviant hineinzubringen, wegen der Wachsamkeit, mit der die Römer alle Pässe besezt hielten. Die Ubel, welche sie zeither erdultet hatten, und diejenigen, die sie auf das künftige befürchteten, benahm ih nen also gänzlich den Muth. Hannibal ein Sohn des Gisgon, der in der Stadt commandirte, hatte seit langer Zeit Proviant und Entsaz verlangt, indem er einen Bothen über den andern abschickte. Endlich langte Hanno in Sicilien an, mit funfzigtausend Mann Fuß- Volk, sechstau send Pferden, und sechzig Elephanten. Er stieg mit diesen Truppen zu Lilybäum ans Land, von wannen er sich nach Heraklea begab. Daselbst giengen ihm die Einwoh ner von Erbeßa entgegen, welche ihm ver sprachen, die Stadt, durch welche alle Zu fuhr für die Römer durchgieng, in seine
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Hände zu liefern. Er machte sich auch würk lich durch ihre Hülfe von dem Orte Meister. Von dieser Zeit an wurden die Belagerer von einem eben so grossen Mangel gedrückt, als sie selbst die Belagerten erdulten liessen. Die Noth ward endlich so groß, daß sie mehr als einmahl in Vorschlag brachten, die Be lagerung aufzuheben, und sie wären wirk lich darzu gezwungen worden, wo nicht Hie ro, indem er alle Wege versuchte, endlich das Mittel gefunden hätte, ihnen einigen Proviant zukommen zu lassen, welcher ih nen ein wenig wieder zu Kräften half. Als Hanno die Nachricht erhielt, daß die Römer sehr von Hunger gedrückt würden, und von Krankheiten, die die gewöhnliche Folge desselben sind, da hingegen seine Truppen in guten Stande waren, so beschloß er, sich den Feinden mehr zu nähern, um sie wo mög lich zu einem Treffen zu nöthigen. Er brach demnach mit funfzig Elephanten und seinem ganzen Heere von Heraklea auf, und ließ die Numidische Reuterey voraus ziehen, nach dem er ihnen die nöthige Anweisung gegeben, um die Reuterey der Römer in einen Hinter halt zu locken. Die Numidier kamen sei nem Befehle genau nach, und näherten sich dem Lager der Consuls mit einem hönischen Bezeigen und einer Art von Verachtung, Die Römer unterliessen nicht alsbald einen Ausfall zu thun, und auf sie los zu gehen.
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Die Numidier widerstunden eine Zeitlang, alsdenn, nachdem sie in Unordnung gesezt worden, ergriffen sie die Flucht, und jag ten schnell auf eben dem Wege davon, auf welchem, wie sie wusten, Hanno heran rück te. Die Römer verfolgten sie hitzig, bis sie auf das ganze feindliche Heer stiessen. Je mehr sie sich von dem Lager entfernt hatten, desto schwerer hatten sie sich den Weg zur Flucht gemacht. Es konten sich viele von ihnen nicht retten, die auf dem Platze blie ben. Weil dieser Vortheil dem Hanno Hof nung gab einen völligen Sieg davon zutra gen, so besezte er eine Anhöhe, die nicht mehr als funfzehnhundert Schritt von dem Rö mischen Lager entfernet war. Ob nun gleich beyde Heere so nahe beysammen stunden, so fiel doch das Treffen erst lange Zeit hernach vor, weil beyde Partheyen sich auf gleiche Weise vor einer Schlacht fürchteten, die un ter ihnen den Ausschlag thun sollte. Die Römer ins besondere, denen durch den Ver lust ihrer Cavallerie der Muth gefallen war, hielten sich in ihrem Lager bedeckt. Als sie aber sahen, daß ihre Furchtsamkeit den Muth ihrer Alliirten niederschlug, und hingegen un ter den Feinden erweckte, so wagten sie es, und giengen in das freye Feld. Alsdenn kam auch an den Hanno die Reyhe sich zu fürch ten, und einen Aufschub zu suchen. Auf diese
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Art verstrichen zwey Monathe, ohne daß etwas merkwürdiges unternommen wurde. Endlich entschloß er sich ohne weitern Aufschub ein Treffen zu liefern, worzu ihn das eyfrige Ansuchen des Hannibals bewog, der ihm vorstellte, daß die Belagerten dem Hunger nicht länger widerstehen könnten, und daß viele zu den Feinden überliefen. Er nahm auch Abrede mit dem Hannibal, daß er zu gleicher Zeit einen Ausfall thun sollte. Die Consuls, die davon Nachricht erhielten, stellten sich, als ob sie ganz ruhig in ihren Lägern verbleiben wollten. Dieses war eine Ursache für den Hanno, daß er mit desto grössern Ubermuth den Römern das Tref fen anbot. Er rückte ganz nahe an ihr La ger an, und warf ihnen auf eine höhnische Art ihre niedrige Furchtsamkeit vor. Die Römer begnügten sich ihr Lager zu verthei digen, und liessen sich bloß in kleine Schar müzel ein, welches stets die Sicherheit der Carthaginenser und ihre Verachtung gegen den Feind vermehrte. Als endlich einmahl Hanno nach seiner gewöhnlichen Art hervor brach, um die Verschanzungen anzugreiffen, so ließ der Consul Postumius auch nach sei ner Gewohnheit einige Truppen herausge hen, die ihn von sechs Uhr Morgens bis an den Mittag abmatteten, und ihm bald da bald dort beschwerlich fielen. Als hierauf Hanno sich zurückziehen wollte, so führte
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der Consul alle seine Legionen in guter Ord nung heraus, um ihn aus aller Macht anzu fallen. Ob es gleich wider des Hanno Ver muthen war, der sich keines Treffens mehr versahe, so stritte er doch mit aller möglichen Tapferkeit, so daß der Ausgang fast bis zu Ende des Tages ungewiß blieb. Da aber sei ne Völker schon vor dem Treffen sehr abge mattet waren, ohne Speise zu sich zu nehmen, und hingegen die Römer sich auf alle Art dar zu vorbereitet hatten, und ganz frische Speise und einen neuen Muth in den Streit brach ten, so war ihr Verhältniß nicht mehr gleich. Die Unordnung fieng bey den Mieth-Solda ten an, die in der ersten Linie stunden, und die vielen Beschwerlichkeiten nicht länger aushal ten konnten. Sie verliessen nicht allein ihre Posten, sondern geriethen auch in der Eilfer tigkeit mitten unter die Elephanten und in die andre Linie, so daß sie alle Reyhen in Unordnung brachten, und alles mit sich fortrissen. Der andre Consul hatte auf sei ner Seite nicht weniger Glück. Er trieb den Hannibal, der einen Ausfall gethan hatte, mit grosser Heftigkeit in die Stadt zurück, und erlegte viele von seinen Leuten. Das Lager der Carthaginenser ward erobert. Von den Elephanten waren drey verwundet, drey sig getödet, und eilfe fielen in die Hände der Römer. Die Soldaten wurden niederge hauen oder durch die Flucht zerstreut. Von ei
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ner so zahlreichen Armee entkamen wenige mit ihrem Generale nach Heraklea. Hannibal, welcher sahe, daß die Römer(Die Stadt Agrigent wird nach einer Be lager. von 7. Mona then ero bert.) durch eine so schwere Tagesarbeit ermüdet worden, und sich gänzlich dem Vergnügen des Sieges überliessen, und weniger als sonst auf ihrer Hut waren, machte sich diesen Au genblick von Unthätigkeit und Nachläßigkeit zu Nutzen, und marschirte bey Nacht aus der Stadt, und führte die Mieth-Soldaten mit sich fort. Die Römer, welche seinen Ab marsch den folgenden Morgen früh erfuhren, setzten ihm ungesäumt nach. Da er aber viel vor ihnen voraus hatte, konnten sie weiter nichts als seinen Nachtrupp einhohlen, wel chem sie noch vielen Abbruch thaten. Als die Einwohner von Agrigent sich von den Car thaginensern verlassen sahen, so ermordeten sie viele von denenjenigen, die noch in der Stadt zurückgeblieben waren, um sich entwe der an den Urhebern ihres Ungemachs zu rä chen, oder um sich bey den Uberwindern be liebt zu machen. Es ergieng ihnen deshal ben nicht besser. Es wurden mehr als fünf und zwanzig tausend Menschen zu Sklaven gemacht. Auf solche Art ward Agrigent nach einer siebenmonathlichen Belagerung er obert, welches so viel Wirkung that, daß ei ne grosse Anzahl andrer Plätze sich den Uber windern unterwarf. Dieser Sieg war den Römern sehr vortheilhaft und rühmlich, er
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kam ihnen aber hoch zu stehen. Während dieser Belagerung giengen durch verschiede ne Wege sowohl von dem Kriegsheere der Consuls, als von der Sicilianischen Völker ihrem auf dreyßig tausend Menschen verlohren. Weil die Annäherung des Win ters keine fernere Unternehmungen in Sici lien verstattete, so begaben sie sich nach Meßi na, um von dar nach Rom abzureisen. (d. 491. J. n. E. R. d. 26.1 J. v. C. G.)

Den neuen Consuls ward Sicilien zu ih rer Provinz angewiesen, welches iezo der vornehmste Augenmerk der Römer war, und sie begaben sich so bald dahin, als es ih nen die Jahrszeit erlaubte. (Abscheuli che Treulo sigkeit des Hanno ge gen seine Mieth-Soldaten. Frontin. Stratag. III. 16. Zon. VIII. 380.) Zu dem SchmerzenSchmerz, welchen Hanno über seine Niederlage empfand, kam noch eine grausame Unruhe wegen des Aufstands der Mieth-Soldaten, besonders der Gallier, die sich mit einem aufrührischen Geschrey beklag ten, daß man ihnen einige Monathe von ih rem Solde nicht ausgezahlt hatte. Er suchte sie durch herrrliche Versprechungen eines grössern und baldigen Vortheils, den er ih nen verschaffen wollte, zu besänftigen, und sagte ihnen von einer benachbarten Stadt, die er, wie er gewiß wüßte, durch ein gehei mes Verständniß in seine Gewalt bekommen,
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und alsdenn ihnen zu plündern übergeben würde, welches ihnen alle ihre Anforderun gen reichlich ersetzen würde. Dieser Vor schlag war sehr nach ihrem Geschmacke, und da sie schon reich zu seyn glaubten, bezeigten sie ihm ihre Dankbarkeit für seinen guten Wil len gegen sie, und freuten sich schon unter ein ander über die Beute, die sie zu machen hät ten. Unterdessen hatte Hanno seinen Zahl meister überredet, daß er sich als ein Uber läufer zu dem Consul Otacilius begab, unter dem Vorwande, daß er seinem Generale nicht gerne Rechnung ablegen wollte, und zugleich die Nachricht mitbrachte, daß in der folgenden Nacht vier tausend Gallier Ordre hätten, gegen die Stadt Entella auf der mit tägigen Seite der Insel gegen den Abend zu marschiren, die sie durch Verrätherey über kommen sollten, und daß es etwas leichtes seyn würde, sie alle durch einen Hinterhalt nieder zumachen. Ob gleich der Consul den Wor ten eines Uberläufers nicht viel traute, so glaubte er doch, daß diese Nachricht nicht gänzlich zu verachten wäre, und legte einen Hinterhalt an den angezeigten Ort. Die Gallier kamen auch wirklich zu rechter Zeit an den bestimmten Ort. Der Hinterhalt brach hervor, fiel plötzlich über sie her, und ließ sie alle über die Klinge springen, aber sie erkauften ihr Leben sehr theuer. Also hat te Hanno eine doppelte Freude, daß er seine
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Schulden ohne seine Unkosten bezahlt, und ei ne starke Anzahl Feinde ums Leben gebracht hatte. Hanno rechtfertigt hier das Sprüch wort, das man den Carthaginensern zueig net: Die Punische Treue fides Punica. Kann man sich wohl schmeicheln, daß eine so häßliche und verabscheuungswürdige Treulo sigkeit den Menschen entweder unbekannt, oder von den Göttern ungestraft bleiben wird. Man wird auch an dem Ende dieses Krieges sehen, wie Carthago nur zwey Finger breit von seinem Verderben gewesen, weil es den an dern Mieth-Soldaten sein Wort gebrochen, u. sich geweigert ihnen ihren Sold zu bezahlen. (Hamilkar wird an die Stelle des Hanno geschickt.) Die Carthaginenser beruften den Hanno aus Mißvergnügen über sein Verhalten zu rück, und verurtheilten ihn zu einer grossen Geldstrafe. Hamilkar, welchen man nicht mit dem Vater des Hannibals verwechseln darf, ward an seine Stelle geschickt. Die ser neue General machte sich keine Hoffnung die Römer in Landtreffen zu überwinden, sondern suchte alle Unternehmungen des Kriegs auf die Seite zu wenden, wo die Car thaginenser unstreitig den Vorzug hatten, nehmlich auf die Seite des Meers. Er fieng daher mit seiner Flotte an nicht nur die Kü sten von Sicilien, wo sich ihm alle Städte unterwarfen, sondern auch die von Italien durchzustreichen, und richtete daselbst überall Verwüstung an. Sonst gieng dieses Jahr
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keine neue Handlung vor. Es entstund gleichsam ein Zwiespalt zwischen den Seestäd ten und denen, die in der Mitte des Landes lagen. Die erstern ergriffen die Parthey der Carthaginenser, und die letztern hielten sich zu den Römern.

Cn. Cornelius Scipio Asina.(d. 492. J. n. E. R. d. 260. J. v. C. G.) C. Duilius.

Wir fangen hier das fünfte Jahr des er(Die Röm. bauen und rüsten eine Flotte, um den Cartha ginensern die Her schaft des Meers streitig zu machen. Polyb. I. 20. 21.) sten Punischen Krieges an. Die Römer hatten nicht Ursache sich die Unternehmung desselben gereuen zu lassen. Bis hieher war ihnen alles geglückt, sowohl Schlachten als Belagerungen. So vortheilhaft indessen der Sieg über den Hanno war, und die Er oberung eines so wichtigen Platzes wie Agri gent, so sahen sie wohl ein, daß so lange die Carthaginenser Herren auf dem Meere blie ben, so würden sich allezeit die Seestädte auf der Insel für sie erklären, und es würde ih nen unmöglich fallen, sie iemahls gänzlich daraus zu vertreiben. Ausserdem liessen sie es sehr ungerne geschehen, daß Afrika unge stöhrt in Frieden blieb, da unterdessen Ita lien durch die häufigen Einfälle des Feindes beunruhiget ward. Denn eben so mächtig als Rom durch seine Legionen und Land-Ar meen war, so furchtbar hatte sich Carthago durch seine Flotten und Seevölker gemacht.
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Die Römer waren daher das erste mahl ernstlich bedacht, eine Flotte zu bauen, und den Carthaginensern die Herschaft des Mee res streitig zu machen. Das Vornehmen war kühn und konnte beynahe vermessen scheinen, aber es zeigt, wie bey den Römern der Muth und die Grösse der Seele beschaf fen gewesen. Sie hatten, als sie nach Sici lien übergiengen, kein einiges auch noch so kleines Schif, das zum Kriege zugerüstet ge wesen, und zu dieser Uberschiffung hatten sie nichts anders gehabt, als ihre Kähne, von denen wir geredet haben, nebst einigen von ihren Nachbarn geborgten Schiffen. Sie hatten keine Erfahrung in dem Seewesen. Sie hatten keinen geschickten Meister zum Schifsbaue. Sie kannten nicht einmahl die Forme der Quinqueremium, das ist der Galeren mit fünf Reyhen Rudern, die dazumahl die vornehmste Stärke der Flotten ausmachten. Zu gutem Glücke hatten sie in dem Anfange des Krieges eine erobert, die auf der Küste gestrandet war, und die ih nen zum Muster diente. Diese arbeitsame und sinnreiche Nation, die sich durch keine Mühe abschrecken ließ, und alles zu seinem Nutzen anwendete, erlernte von seinen Fein den selbst die Kunst und das Mittel sie zu überwinden. Die Consuls führten die Auf sicht über diese neue Arbeit. Die Römer liessen sich durch ihre nach drücklichen Ermah
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nungen, und noch mehr durch ihr Exempel aufmuntern, mit einem Eyfer und einer Ar beitsamkeit, die unglaublich waren, Schiffe von aller hand Arten zu bauen. Indem sie mit dieser Arbeit beschäftigt waren, so suchte man auf der andern Seite Ruderknechte zu sammen, und richtete sie zu einem Handwer ke ab, das ihnen bis hieher völlig unbekannt gewesen war. Sie mußten sich auf Bän ken am Ufer des Meers in eben der Ordnung niedersetzen, wie es in Schiffen gewöhnlich ist, und man übte sie, als ob sie wirklich auf der Ruderbank säßen, sich, indem sie die Hände wegzogen, rükwärts zu werfen, und sie hernachmahls, um eben diese Bewegung von neuem anzufangen, vorwärts zu stossen, und dieses alles zugleich, in abgemeßner Ord nung und von dem Augenblicke an, da das Zeichen gegeben war. In einer Zeit von zwey Monathen waren hundert Galeren zu fünf Reyhen Ruder, und zwanzig zu drey Reyhen ausgerüstet, so daß man, wie sich ein gewisser Autor ausdrückt (*), beynahe hätte glauben sollen, daß es keine durch Kunst verfertigte Gebäude, sondern in Ga leren von den Göttern verwandelte Bäume wären. Nachdem man die Ruderknechte noch eine Zeitlang in den Schiffen selbst ge= 23
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übt hatte, so stach die Flotte in See. Das Commando der Land-Armee in Sicilien war dem Duilius, und das von der Flotte dem Cornelius zugefallen. Auf solche Art erzehlt Polybius den Bau dieser Flotte, und die Zurüstungen zu dieser ersten Kriegsmacht der Römer zur See. Man darf daher nicht schliessen, daß sie nie mahls auf dem Meere gewesen wären. Das Gegentheil wird durch zuverläßige Urkunden bekräftigt, die uns eben dieser Geschicht schreiber bekannt gemacht hat. Sie hatten aber niemahls eine Flotte gehabt, die diesen Nahmen verdiente, und vermuthlich auch niemahls Schiffe mit vielen Reyhen von Rudern. Der Consul Cornelius war mit siebzehn (Der Consul Cornelius wird mit 17. Schiffen gefangen genommen und nach Carthago geführt. Polyb. I. 22.) Schiffen vorausgegangen, der übrige Theil der Flotte sollte ihm unmittelbar nach folgen. Weil er den Lipareern allzuleichte getraut hat te, die ihn die Stadt und Insel Lipari (*) in die Hände zu spielen versprochen, so kam er derselben nahe, und sahe sich auf einmahl von den Carthaginensischen Schiffen um ringt. Er setzte sich in die Verfassung, eine Schlacht vorzunehmen und sich tapfer zu wehren, weil ihm aber der feindliche Gene ral einen gütlichen Vergleich antragen ließ, 24
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so begab er sich auf sein Wort mit den vor nehmsten Officieren auf die Galere desselben, um sich mit ihm über die Bedingungen zu besprechen. So bald er dort war, so be mächtigte sich der meineydige General seiner Person und aller derer, die ihn begleiteten und nachdem er die Schiffe in seine Ge walt gebracht hatte, führte er seine Gefan genen nach Carthago. Er ward bald darauf für seine niedrige Treulosigkeit bestraft. Er war mit funfzig(Der übri ge Theil der Flotte schlägtdenschlägt den Carthagihagi nensischen General.) Schiffen vorausgegangen, um die Römische Flotte in der Nähe zu recognosciren, zu erfor schen aus wie viel Schiffen sie bestünde, und wie die Ruderbäncke regieret würden. Er war so voll von Verachtung gegen die Feinde, die auf dem Meere ganz unerfahren waren, daß er nicht die Vorsicht gebraucht hatte, seine Schiffe in Schlachtordnung zu stellen, sondern sie ohne Ordnung fahren ließ. Indem er um ein Vorgebürge herum segelte, begegnete er der Römischen Flotte, in einem Augenblicke, da er dessen am wenigsten versahe. Sie that mit den Rudern und Segeln ihr mög lichstes und gieng plötzlich auf die Carthagi nenser los. Es war kein Treffen, sondern eine Flucht. Er verlohr den besten Theil(Berühmt. Sieg des Duilius in den See- Treffen bey der Kü ste von) von seinen Schiffen, und hatte viele Mühe sich mit den übrigen zu retten. Als die siegreiche Flotte vernahm, was dem Cornelius widerfahren war, so that sie
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(Mylus Polyb. I. 22. 24. Zonar. VIII. 377.) solches dem Duilius seinem Amts-Gehülfen in Sicilien zu wissen, wo er an der Spitze der Land-Völker war, ingleichen daß sie nun mehro angekommen wäre, nachdem sie ei nen Vortheil über den Feind erhalten. Duilius begab sich eiligst auf die Flotte, nachdem er das Commando seiner Armee den Tribunen übergeben hatte. Als sie ins Gesichte der Carthaginenser bey den Kü sten von Mylus (*) ankam, so rüstete man sich zum Treffen. Da die Römischen Galeren ohne viele Kunst und eilfertig gebaut und also nicht sehr beweglich, und nicht leicht zu regieren wa ren, so waren sie dieser Unbeqvemlichkeit durch eine Maschine zu statten gekommen, die sie auf der Stelle erfunden hatten, wel che man nach der Zeit (**)Corvi Krallen genannt, mit welchen sie die Feindlichen Schiffe anfaßten u. dar auf mit Gewalt hinein stiegen und sogleich zum Handgemenge kamen. Endlich ward das Zeichen zum Treffen gegeben. Die Flotte der Carthaginenser bestund aus hundert und dreyßig Schiffen, 25 26
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und ward von eben dem Hannibal comman dirt, von welchem schon geredet worden. Sei ne Galere führte sieben Reyhen Ruder, und hatte vormahls dem Pyrrhus zugehört. Der Stoß, den die Carthaginenser kurz zu vor erlitten, hatte sie noch nicht gelehrt ihre Feinde nicht gering zu schätzen. Sie rückten mit einer zuversichtlichen Art an, nicht sowohl um zu streiten, als um die Beu te zu hohlen, die sie schon in ihrer Gewalt zu haben glaubten. Sie geriethen unterdessen über die Maschi(d. 492. J. n. E. R. d. 260. J. v. C. G.) nen ein wenig in Bestürzung, die sie auf den Vordertheilen der Schiffe aufgerichtes ahenaufgerichtet sahen, und die für sie etwas neues waren. Bald aber wurden sie noch mehr bestürzt, als auf einmal diese Maschinen niedergelassen und mit Gewalt gegen ihre Schiffe fortgeschleu dert wurden, weil sie wider ihren Willen die Schiffe an einander hängten, dem gan zen Streite ein ander Ansehen gaben, und sie nöthigten, zum Handgefechte zu kommen, und eben so zu streiten[,], als ob sie auf dem festen Lande gewesen wären. Denn darin nen bestund die Stärcke der Römer, Mann gegen Mann zu streiten. So bald sie al so nur durch Hülfe ihrer Maschinen auf die Feindlichen Schiffe kamen, so waren sie ih ren Feinden überlegen, von welchen sie zwar in der Fertigkeit und Behendigkeit, die Schiffe zu regieren, übertroffen wurden, die ih
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nen aber in allen übrigen Stücken weichen musten. Sie konnten also den Angriff der Römer nicht aushalten. Das war ein entsetzliches Metzeln. Die Carthaginenser verlohren dreyßig Schiffe, unter welchen das Admirals - Schiff war, von welchem sich der Admiral mit Mühe in eine Chaloup pe flüchten konnte. Er merkte wohl, was ihm dieser Verlust kosten würde. Er sendete also in aller Ge schwindigkeit einen Freund nach Car thago, ehe man daselbst diese traurige Nach richt noch erfahren konnte. Wie er in den Senat kam, so sagte er: Annibal sendet mich, um euch um Rath zu fragen, ob er dem Consul der Römer, wel cher eine sehr zahlreiche Flotte führt, eine Schlacht liefern soll. Man ant wortete ihm mit einmüthiger Stimme, daß das keine Uberlegung brauchte. Er hat es gethan, meine Herrn, antwortete er, und ist überwunden worden. Das hieß seine Richter ausser den Stand setzen, ihn zu verdammen, indem sie solches nicht thun konnten, ohne sich selbst zu verdammen. Er verlohr also bey seiner Rükkunft nichts, als das Commando. Die übrigen Carthaginensischen Schiffe befanden sich nach der Flucht dieses Gene rals in einer grossen Verwirrung. Sie schämten sich, den Streit zu verlassen, ohne
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sich in die Gefahr begeben, ohne etwas ge litten zu haben, und ohne vom Feinde an gegriffen worden zu seyn. Sie unterstunden sich aber auch nicht, ihn anzugreifen, aus Furcht vor den neuen und schrecklichen Ma schinen, welchen sie nicht entgehen konnten. Sie wurden auch in der That, als sie einen Versuch thaten, völlig überwunden. Es wurden, entweder in diesem andern Gefech te oder in beyden zusammen, vierzig Schiffe auf den Grund gejagt, ein und dreyßig ge nommen, siebentausend Mann zu Gefang nen gemacht, und drey tausend getödtet. Das war der Erfolg des Seetreffens bey den Inseln von Lipari. Die erste Frucht dieses Sieges war die Befreyung von Segesta, (*) das die Char thaginenser sehr bedrängten, und bey nahe auf das Aeusserste gebracht war. Nachdem Duilius sie gezwungen hatte, die Belagerung davor aufzuheben, griff er (**) Macella an u. nahm es ein, ohne daß sich ihm Hamilkar widersetzte. Am Ende des Feldzugs begab sich der Consul wieder nach Rom. Seine Abwesenheit half den Angelegenheiten der Carthaginenser sehr auf, und viele Städte 27 28
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mußten entweder gutwillig oder gezwungen sich wider unter ihre Bothmäßigkeit be geben. Man kann leicht erachten, mit welchen Freudenbezeugungen Duilius in Rom em pfangen wurde. Man erwieß dem Urheber (d. 492. J. n. E. R. d. 260. J. v. C. G.) eines neuen Ruhmes der Römischen Waffen die größten Ehrenbezeugungen. Er war der erste, welchem unter den Römern die Ehre eines zur See verdienten Triumphs zugestan den wurde. Man errichtete auf dem Mar ckte zum Andenken dieses Sieges ein öffent liches Denkmal auf, das eine Seule von weissen Marmor war, u. Colonna rostralis hieß, an welcher die Zahl der Schiffe be findlich war, welche entweder genommen, oder auf den Grund getrieben waren. Man fand auch die Summen von Gold und Sil ber, die man erbeutet, und in den öffentli chen Schatz gebracht hatte, darauf beniemt. Diese Seule ist bis auf unsre Zeiten gekom men, und die Aufschrift ist eins von den ältesten Denkmälern der lateinischen Spra che, die damals noch sehr unvollkommen (Flor. II. 2.) und unausgebessert war. Duilius setzte seinen Triumph gewisser massen durch sein ganzes Leben fort. (*) Wenn er Abends 29
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von einem Gastmale aus der Stadt nach Hause kehrte, so wurde ihm allezeit eine Fa ckel vorgetragen, und ein Flötenspieler muste vor ihm hergehen, um seinen Triumph zu verlängern: eine Ehre für einen Privat- Mann, die kein Exempel mehr und die er sich selbst zugeignet hatte. So kühn machte ihn die Ehre, die er sich erworben, und so weit setzte sie ihn über alle Regeln hinaus!

L. Cornelius Scipio.(d. 493. J. n. E. R. d. 259. J. v. C. G.) C. Aqvilius Florus.

Den Consuln wurden wie vorher, Si(Der Feld zug wider Sardinien u. Corsica. Freinsh. XVII. 12. 21.) cilien und die Flotte zur Verwaltung über geben. Der Senat ließ demjenigen, welchem die Flotte zufiel, die Freyheit, nach seinem Gefallen nach Sardinien oder Corsica über zugehen. Die Flotte fiel durch das Los dem Cornelius zu. Er gieng sogleich da hin ab. Dieses war der erste Zug der Rö mer wider Sardinien und Corsica. Diese zwo Inseln liegen so nahe bey ein(Beschrei bung der Inseln Sardini en u. Corsi ca.) ander, daß man sie beynahe nur für eine Insel halten sollte; Allein sie sind sowohl dem Boden und dem Clima, als auch dem Charakter und der Gemüths-Art der Ein
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wohner nach sehr von einander unterschieden. Sardinien hieß vordem Ichnusa. Sie (Freinsh. l. XVII. 13 - 15.) weicht sowohl was die Grösse, als auch was die Güte des Landes betrifft, weder der größten noch der fruchtbarsten Insel im mit telländischen Meere. Valerius nennet Si cilien und Sardinien(*), da er von ihnen re det, die Säugammen von Rom. Sie war sehr reich an Heerden, trug sehr überflüßi ges und vortrefliches Korn, hatte viel Minen von Erzt, auch selbst von Gold und Silber. Die Luft ist zu aller Zeit für sehr ungesund gehalten worden, zumal im Sommer. Die vornehmste Stadt ist Caralis, die itzt Cagliari heißt, nach Afrika zu, und hat einen schönen Hafen. Corsika, welches bey den Griechen Cyr nus heißt, ist mit Sardinien weder der Grös se noch der Macht nach zu vergleichen. Die se Insel ist bergicht und rauh, an vielen Or ten ungebaut, und hat wenig Zugänge. Die Einwohner haben etwas von dem Charak ter ihres Landes an sich, und ihre Gemüths art ist hart und wild. Sie können die Un terwürfigkeit nicht ertragen, und wollen kei ne Herren haben. Sie hatten verschiedene Städte, die aber wenig besucht wurden; die vornehmsten waren Aleria, eine Pflanzstadt 30
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der Phocenser, und Nicäa, eine Colonie der Hetruscer. Itzt ist es in zween Striche ge theilt; ein Strich liegt disseit dem Gebürge, welcher wieder in 45. kleine Qvartiere abge sondert ist, die sie Pieven nennen, worin nen sich Bastia, die Hauptstadt von der In sel, Balagnia, Calvi, Corte, Aleria, und das Capo von Corsika befinden; der andre Theil liegt jenseit des Gebürges, worinnen sich 24. Qvartiere oder Pieven befinden, in welchen die vornehmsten Städte Ajazzo, Bonifacio, Porto Vocosio und Sarna sind. Die Carthaginenser haben lange mit den Einwohnern dieser beyden Inseln Krieg ge führt, und sich endlich des ganzen Landes bemächtigt, bis auf diejenigen Oerter, zu welchen sie nicht hinzukommen können, wo hin keine Armee dringen konnte, und wo es unmöglich war, sie mit Gewalt zur Unter würfigkeit zu zwingen. Aber weil es leichter war, diese Völker zu überwinden, als sie zu bezähmen, so bedienten sich die Carthaginen ser eines sehr ausserordentlichen Mittels wi der sie. Dieses bestund darinnen, daß sie alles ihr Getraide und die andern Früchte ihres Landes ausrotteten, um sie in der Un terwürfigkeit zu erhalten, und sie zu nöthi gen, daß sie nach Afrika kommen, und sich daselbst mit den Nothwendigkeiten des Lebens versorgen mußten. Sie untersagten ihnen, mit angedrohter Todesstrafe, Korn zu säen,
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oder Fruchtbäume zu pflanzen. Aristoteles, (Aristot. de mirab. auscult. p. 1159.) welcher dieses erzählt, bemerkt die Zeit nicht, wenn es geschehen. Wie sehr mußten nicht, die ohnedem schon wilden und ungezähmten Gemüther, die Feinde aller Sklaverey wa ren, durch ein so hartes und unmenschliches Bezeigen aufgebracht und empört werden! Um sie zum Gehorsam zu bringen, hätte man nicht aus ihrem Feldern das Korn, sondern die den Menschen angebohrne Liebe zur Frey heit aus ihrem Herzen herausreissen sollen, oder noch richtiger zu reden, man hätte sich Mühe geben müssen, ihre Sitten dadurch leutseeliger zu machen, daß man ihnen mit Liebe und Freundlichkeit begegnet hätte. Da her kam es nun, daß sich die Carthaginenser diese Völker niemals völlig unterwürfig ma chen konnten. Sie waren gebändigt genug, um die Dienstbarkeit zu leiden, aber nicht so weit gebracht, daß sie in die Dienstbarkeit gewilligt hätten, wie sich Tacitus(*) von ge wissen Völkern in Großbritannien aus drückt. Der Consul Cornelius näherte sich die sen Inseln. Er nahm gleich Anfangs in Corsika Aleria weg, und die übrigen Plätze ergaben sich sämmtlich. Von da gieng er nach Sardinien. Er traf auf seinem Wege 31
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die feindliche Flotte an, die er in die Flucht trieb. Er hatte den Vorsatz, Olbia anzu greifen, allein er hielt sich für zu schwach da zu, und fand diese Stadt in einem allzugu ten Vertheidigungsstande; er gab also die Belagerung derselben auf, und kehrte nach Rom zurück, um daselbst mehr Völker zu sammen zu bringen. Nach seiner Zurück kunft war er glücklicher. Nachdem er in ei ner Schlacht den Hanno, der darinnen um kam, überwunden hatte, so eroberte er die Stadt. Der Consul ließ den Carthaginen sischen Feldherrn anständig begraben, weil er überzeugt war, daß diese Handlung sei ner Menschlichkeit den Glanz des Sieges, den er davon getragen, nur mehr erheben würde. Diese That des Cornelius kömmt mit seiner Tugend und Rechtschaffenheit sehr wohl überein, deren Andenken in einer al ten Inschrift erhalten worden ist, die ich, weil sie kurz ist, hier beyfügen will. Sie enthält das vollkommenste Lob, indem sie uns lehrt, daß Cornelius unter allen recht schaffnen Männern seiner Zeit der beste gewe sen sey Honc oinom ploerumei co sentiont duonorum optimom fuisse virom, oder wie solches in den nachfolgen den Zeiten geschrieben worden ist: Hunc unum plurimi consentiunt, bonorum optimum fuisse virum.
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Rom sahe sich dazumal selbst in der (Eine Ver schwörung wird in Rom in ih rem Ur sprunge unterdrükt.) Ringmauer seiner Stadt in der größten Ge fahr, von welcher sie durch ein sehr grosses Glück befreyt wurde. Die Ruderknechte waren bey den Römern theils Freygelaßne, die aus Sklaven römische Bürger geworden waren, zum Theil Soldaten, welche die Bundsgenossen hergaben. Beyde hiessen (Oros. IV. 7. Zon. VIII. 386. Livius XXXVI. 2. XXXVII. 2. XL. 16. XLII. 27. Liv. XXIV 11.) Socii navales, wie man solches aus ver schiedenen Stellen des Titus Livius sieht. Sie wurden wie andre Soldaten geworben, und mußten, wie sie, den Eid der Treue schwören. Als im andern Punischen Kriege der öffentliche Schatz sehr erschöpft war, nö thigte man die Bürger, auf ihre Unkosten eine gewisse Anzahl von ihren Sklaven zu den Ruderbänken zu liefern, und dieses richtete sich nach den verschiedenen Einkünften eines jeden. Zu der Zeit, von der wir itzt reden, befanden sich in Rom ungefähr viertausend Mann gröstentheils Samniten, welche die Bundsgenossen der Römer geliefert hatten, die Ruderbänke damit zu besetzen. Weil sie einen allzugrossen Abscheu vor dem Dienste auf der See hatten, so unterhielten sie sich be ständig unter einander von dem Elende, wel chem sie nun bald ausgesetzt seyn würden. Die Gemüther wurden nach u. nach dadurch so aufgebracht, daß sie den Entschluß faßten, die Stadt anzuzünden und zu plündern. Drey tausend Sklaven nahmen an dieser
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Verschwörung Antheil. Zum Glücke ent deckte ein Kriegsbedienter unter den Samni tern die Verschwörung so umständlich, als alles abgeredet war, und gab dem Staate Nachricht davon, der die Verschwörung so gleich erstickte, ehe sie noch zum Ausbruche kam. Der Consul Florus that in Sicilien keine grossen Thaten. Cornelius aber, nachdem er die Armeen der Carthaginenser aus Cor sika und Sardinien vertrieben, hielt einen sehr herrlichen Triumph.

II §.

Der Consul Attilius wird durch den Muth des Calpur nius Flamma aus einer grossen Gefahr errettet. Er schlägt die Flotte der Carthaginenser. Regulus wird zum Consul ernannt. Das berühmte Seetreffen bey Ecnoma wird von den Römern gewonnen. Die beyden Consuls gehen nach Afrika, nehmen Clypra weg, und verwüsten das platte Land. Regulus führt das Commando in Afrika als Proconsul fort; sein College kehrt nach Rom zurück. Regulus verlangt einen Nachfolger. Das Gefecht mit der grossen Schlange bey Bagrada. Regulus gewinnet eine Schlacht. Tunis wird eingenommen. Harte Frie dens-Bedingungen, welche Regulus den Carthagi nensern anbietet. Sie schlagen sie aus. Xantippus der Lacedämonier kommt an, und macht die Cartha ginenser wieder muthig und herzhaft. Regulus wird in einer Schlacht mit dem Xantippus geschlagen und gefangen genommen. Xantippus kehrt nach seinem Vaterlande zurück. Die Betrachtungen des Poly bius über dieser grossen Begebenheit. Man baut in Rom eine neue Flotte. Die Carthaginenser heben die Belagerung von Clypra auf. Die Consuls gehen mit einer zahlreichen Flotte nach Afrika. Nachdem
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sie zwo Schlachten gewonnen, gehen sie wieder in die See, nach Rom zuruckzukehren. Die Römische Flotte leidet an der Kuste von Sicilien von einem ge waltigen Sturme sehr viel. Die Carthaginenser be lagern und nehmen Agrigent weg. Panormus wird von den Römern eingenommen. Auf diese Einnah me erfolgt die Ubergabe vieler andern Städte. Die Römer, durch unterschiedliche Schiffbrüche abge schreckt, entsagen dem Kriege zur See. Die Ein nahme von Lipari. Der Ungehorsam eines Offi ciers wird scharf bestraft. Die merkwürdige Stren ge der Censoren. Der Senat bemüht sich wieder, eine starke Seemacht zu haben. Bey Panormus auf dem festen Lande wird von den Römern eine be rühmte Schlacht wider die Carthaginenser unter der Anführung des Proconsul Metellus gewonnen. Die erbeuteten Elephanten werden nach Rom geschickt. Wie man sie über die Meerenge gebracht. Die Carthaginenser schicken Gesandten nach Rom, Frie densunterhandlungen zu pflegen, oder die Auswechs lung der Kriegsgefangenen auszuwirken. Regulus begleitet sie. Er erklart sich wider die Auswechs lung. Er kehrt nach Carthago zuruck, wo er unter den grausamsten Martern stirbt. Betrachtungen über die Standhaftigkeit des Regulus.
(d. 494. J. n. E. R. d. 258. J. v. C. G. Belager. und Ein nahme von Mytistra te. Zon. VIII. Liv. Epit. XVII. A. Gell. III. 7.)

Attilius, welchem das Commando über die Armee zu Lande in Sicilien durch das Loos zugefallen war, nahm die Belagerung von Mytistrate (*) vor. Der Ort war sehr fest, seine Vorfahren hatten denselben zu ver schiedenen malen angegriffen, aber allezeit ohne einen glücklichen Erfolg. Nachdem die Car 32
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thaginensische Besatzung einen langen Wi derstand gethan hatte, und durch das Ge schrey und Wehklagen der Weiber und Kin der ermüdet war, welche inständigst verlang ten, daß man den so lange Zeit ausgestand nen grausamen Ubeln endlich ein Ende ma chen sollte: So zog sie zur Nachtzeit aus, und machte die Einwohner zu Herren über ihr Schicksal. Gleich bey dem Anbruche des Tages öffneten sie den Römern ihre Thore. Ihre ganz freywillige Ubergabe verdiente ein gnädiges und friedliches Be zeigen. Allein die Soldaten, welche über die lange Dauer der Belagerung ungedultig worden, und vor Wuth ganz entbrannt waren, gehorchten nur ihrem Grimme, und metzelten alles nieder, was ihnen entgegen kam, bis der Consul, um dem Morden ein Ende zu machen, ausrufen ließ, daß der Werth des Geldes für einen jeden Gefange nen, den man machen würde, den Soldaten gehören sollte. Der Geiz siegte über die Grausamkeit, und entwaffnete die Hände der Wütenden. Was also von Einwohnern überblieb, wurde verkauft: die Stadt ge plündert und hernach zerstört. Eben dieser Consul hatte sich in ein Thal(Atil. wird durch den Calpurni us Flamma aus einer grossen Ge fahr erret tet.) verführen lassen, das unter einer Höhe lag, worauf der General der Carthaginenser stund, und wenn ihm nicht der Muth und die Herzhaftigkeit eines seiner Kriegsbedien
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ten geholfen hätte, so wäre er nicht daraus zu rückgekommen, sondern hätte mit allen sei nen Völkern daselbst umkommen müssen. Nach der gemeinsten Meynung, (denn die Meynungen sind über den Nahmen dieses Hel den verschieden,) hieß er CaplurniusCalpurnius Flam ma, und war ein Tribun über eine Legion. Nach dem Beyspiele des Decius begab er sich in die Gefahr eines unvermeidlichen Todes, um die ganze Armee zu retten, und das that er mit dreyhundert eben so unerschrocknen Römern, als er war. Laßt uns sterben, (Flor. II. 2. Aul. Gell. III. 1.) sagte er zu ihnen, und durch unsern Tod den Consul und die Legionen erretten. Er eilte also fort und fand ein Mittel, sich ei ner nahgelegnen Höhe zu bemeistern. Der Feind unterließ nicht, ihn daselbst anzugrei fen. So klein ihre Anzahl auch war, so verkauften sie doch ihr Leben alle sehr theuer. Sie fiengen ein grausames Metzeln an, weil sie alle des festen Entschlusses waren, zu ster ben, und sie thaten so lange ihnen muthig Widerstand, daß der Consul Zeit gewann, sich mit seiner Armee in Sicherheit zu brin gen, unterdessen daß der Feind nur darauf bedacht war, sie von dieser Höhe zu vertrei ben. Als die Carthaginenser sahen, daß ihr Vorhaben zu schanden gemacht war, bega ben sie sich wieder zurück. Der Ausgang einer so heldenmäßigen That ist ganz bewundernswürdig, und macht
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den Ruhm davon noch herrlicher. Man fand den Calpurnius mitten unter einem Haufen erwürgter Leichname sowohl von den Seinigen, als von den Feinden, wo er un ter ihnen allein noch Othem hatte. Er war mit Wunden ganz bedeckt, von denen aber zum Glücke keine tödlich war. Man nahm ihn weg, man verband ihn, man pflegte ihn mit einer ausserordentlichen Sorgfalt; und als er vollkommen wieder geheilet war, so leistete er seinem Vaterlande noch lange nütz liche Dienste. Auf diese Weise mitten aus einem Hauffen von Leichen hervorgezogen werden, ist das nicht fast eben so viel, als wenn man aus dem Grabe zurückkömmt, und sich selbst überlebt? Cato, aus welchem Aulus Gellius die Erzehlung von dieser Hel denmüthigen That genommen hat (*), ver gleicht sie mit der That des Leonidas unter den Griechen bey Thermopylä, mit diesem Unterschiede, daß die Tapferkeit des Königes von Sparta durch das Lob und den Beyfall von ganz Griechenland verherlichet, und das 33
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Andenken davon in allen Geschichten aufge zeichnet, und der Nachkommenschaft durch Gemählde, auch Bildsäulen, durch Uber schriften und andere Arten von öffentlichen Denckmählern, die zur Verewigung der Eh re und Nahmens grosser Männer bestimmet sind, übergeben wurde: Da hingegen die Belohnung des Römischen Tribuns nichts, als ein mittelmäßiges und vergängliches Lob, und ein Kranz von Graß (corona grami nea) war. Wie viel heldenmüthige Thaten sind nicht heutiges Tages unter unsern Armeen noch we niger bekannt u. weniger gepriesen, als die That des Calpurnius Flamma! Dieser war mit seinem Schicksale sehr zufrieden, und hielt sich für geehrt genung. In der That war auch unter allen Kronen (*), womit man die herr lichen Thaten der Römischen Bürger be lohnte, keine rühmlicher, als die von Graß, und übertraf selbst noch die güldenen und mit Diamanten besetzten Kronen. In diesen glücklichen Zeiten waren die Römer gegen den Eigennutzen gar nicht empfindlich, und würden es für ihre Schande gehalten ha ben, wenn sie hätten aus so niederträchtigen 34
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Absichten etwas thun sollen. Die Ehre und das Vergnügen dem Vaterlande zu dienen, wurde für die einzige würdige Belohnung der Tugend gehalten. Der Consul machte seinen Fehler wieder gut, indem er den Römern verschiedene Städte in Sicilien unterwürfig machte. Sein College war zu eben der Zeit in Sar dinien so glücklich, daß er sich unterstund, mit seiner Flotte nach Afrika zu gehen. Die Unruhe war da sehr groß. Hannibal, der seit seiner Flucht aus Sicilien zu Carthago war, empfieng Befehl dem Consul entgegen zu gehen. Ein heftiger Sturm trennete beyde Flot ten von einander, und trieb sie beyde in die Häfen von Sardinien. Das Treffen wur de nahe bey dieser Insel geliefert. Hannibal(Polyb. I. 25.) wurde durch sein Versehen daselbst überwun den, und seine meisten Schiffe wurden ge nommen. Die Kriegsvölker, welche ihren Verlust seiner Verwegenheit zuschrieben, räch ten sich an ihm, und schlugen ihn an das Kreuz, welches die gewöhnliche Todesstrafe der Carthaginenser war. C. Duilius war dieses Jahr Censor, und hatte zum Collegen den L. Cornelius Scipio.

C. Attilius Regulus.(d. 495. J. n. E. R. d. 257. J. v. C. G.) Cn. Cornelius Blasio.

Regulus war gleich in der Bestellung sei
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(Deswegen erhielt er den Bey nahmen Seranus.) nes Feldes begriffen, als die Bedienten des Senates kamen und ihm die Nachricht brach ten, daß er zum Consul ernannt wäre. Glückliche Zeit, wo die Armuth so in Ehren war und wo man die Consuln vom Pfluge wegnahm! (*) Diese Hände, die durch die Arbeit im Felde hart geworden waren, un terstüzten den Staat, und überwanden die zahlreichsten Kriegsheere. Es hatten sich auf dem Albanischen Hü gel, an verschiedenen andern Orten, und in der Stadt selbst einige schlimme Anzeichen geäussert. Der Senat ordnete aus der Ursache Opfer an, und befahl, daß man die Ferias Latinas wieder begehen sollte. Des wegen wurde ein Dictator ernannt. Der Consul Regulus (es ist aber nicht der grosse Regulus) welcher die Römische Flotte führte, war bey Tyndari, einer Stadt in Sicilien, den Insuln von Lipari gegen über, angelandet, und da er die von dem Hamilcar geführte Flotte der Cartha ginenser wahrnahm, die ohne Ordnung da selbst zog, gieng er mit zehen Schiffen vor 35
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aus und befahl den andern, ihm zu folgen. Als die Carthaginenser sahen, daß ihre Fein de getheilet und ohne Ordnung waren, und sich einige erst einschifften, andere den Ancker aufhoben und der Vorzug von den Nachzuge weit entfernt war, so wendeten sie sich gegen den Vorzug, umzingelten ihn, und jagten alle Galeren auf den Grund, das Schiff des Consuls ausgenommen, das grosse Gefahr litt. Allein weil es bes ser mit Ruderknechten versehen und leichter war, als die andern, so entkam er dieser Ge fahr glücklich. Das war ein grosses Ver sehen des Admirals, daß er sich mit einer so kleinen Anzahl Schiffen so unvorsichtig vor aus gemacht hatte, ohne von der Stärcke der Feinde Erkundigung eingezogen zu ha ben. Er hatte das Glück, sein Versehen bald wieder gut zu machen. Die andern Schiffe der Römer stiessen kurz darauf zu ihm. Sie versamleten sich, stellten sich in Schlachtordnung, griffen die Carthaginen ser an, nahmen zehn Schiffe weg und jag ten achte auf den Grund. Der Rest flüchtete sich nach den Insuln Lipari.

L. Manlius Vulso.(d. 496. J. n. E. R. d. 256. J. v. C. G.) Q. Laedicius.

Da dieser letzte Consul in seiner Würde starb, so setzte man an seine Stelle den

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Obgleich die Römer in den vorigen Jah (Das be rühmte Seetreffen bey Ecno ma wird von den Römern gewonnen. Polyb. I. 26. 30.) ren zur See sehr mächtig geworden waren, und verschiedene Treffen gewonnen hatten, so sahen sie doch alle diese erlangten Vor theile nur als Versuche und Zubereitungen zu einer viel grössern Unternehmung an, die sie im Sinne hatten. Sie wolten nehm lich die Carthaginenser in ihrem eigenen Lande angreiffen. Diese fürchteten sich auch für nichts mehr als dafür, und be schlossen, es möchte auch kosten was es wol te, ein Treffen zu liefern, und dadurch die ser Unternehmung vorzubeugen. Die Zubereitungen waren auf beyden Seiten schrecklich. Die Römische Flotte war 330 Schiffe starck und mit hundert und vierzig tausend Menschen besetzet, jedes Schiff hatte dreyhundert Ruderknechte und hundert und zwanzig Soldaten. Die Flotte der Carthaginenser, die von Hamil car und Hanno commandiret wurde, war zehen Schiffe stärcker, und hatte also auch nach Proportion mehr Mannschafft. Ich bitte die Leser, besonders auf die Grösse die ser Schiffsmacht aufmercksam zu seyn, die uns eine ganz andere Vorstellung von dem Seewesen der Alten geben wird als man gemeiniglich davon hat. Die Römer warfen zu erst bey Meßina Ancker, liessen Sicilien zur Rechten liegen, fuhren über das Vorgebürge Pachynum
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hinaus, und giengen mit vollen Segeln gegen Ecnoma, (*) weil sie dorten ihre Ar mee zu Lande hatten. Die Carthaginenser giengen Lilibaeum vorbey, und von da nach Heraklea von Minos. Sie trafen gar bald auf einander. Man konnte diese beyden zahlreichen Flotten nicht erblicken, und kein Zeuge von den ausserordentlichen Bewegun gen seyn, welche man machte, um sich zu dem Treffen zuzubereiten, ohne vom Schre cken über den Anblick der Gefahr einge nommen zu werden, in welcher die mächtig sten Völcker des Erdkreyses bald seyn wür den. Die Römer hielten sich bereit, das Tref fen anzunehmen, wenn man es ihnen anböte, und in das feindllchefeindliche Land einzubrechen, wenn man sie nicht daran hinderte. Sie sonderten aus ihrer Land-Armee die besten aus, und theilten ihre ganze Armee in vier Abtheilungen, wovon jede zween Nah men hatte. Die erste hieß die erste Legion, und die erste Escadre, und so die andere, die vierte Abtheilung ausgenommen, die man die Triarios hieß, ein Nahme, den man bey den Römern der letzten Linie unter den Feld- Truppen gab. 36
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Als sie sahen, daß sie im vollen Meere das Treffen liefern sollten, und daß die Stärcke der Feinde in der Leichtigkeit ihrer Schiffe bestund, so dachten sie darauf, sich in eine solche Schlachtordnung zu stellen, die sicher wäre, und nicht leicht getrennet werden könte. Deswegen wurden die bey den Schiffe von sechs Ruderbäncken, wor auf die beyden Consuln, Regulus und Manlius, waren, an die Spitze neben ein ander gestellt. Hinter einem jeden war eine Linie von Schiffe, wovon die erste die erste Es cadre, und die andere die andere ausmach te. Die Schiffe einer jeden Linie stellten sich von einander, und liessen einen Raum, so wie sie sich in Ordnung stellten, und ihre Vordertheile waren herausgekehret. Die beyden ersten Escadren machten in dieser Ordnung die beyden Seiten eines spitzigen Triangels aus. Der Raum in der Mit te war leer. Die dritte Escadre schloß den Triangel, indem sie sich in die Wei te von dem Ende der ersten Escadre biß an das Ende der andern ausbreitete. Die Schlachtordnung hatte also die Fi gur eines Triangels. Diese dritte Escadre zog die Lastschiffe, die hinter ihr stunden, in einer langen Linie nach sich. Endlich kam die vierte Escadre oder die Triarii, und war so gestellt, daß sie auf beyden Seiten und die Linie vor ihr anschloß.
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Diese Schlachtordnung, die in ihrem Gantzen zur Bewegung geschickt und zu gleicher Zeit schwer zu trennen war, war ausserordentlich und vielleicht ohne Exempel, gründete sich aber ohne Zweiffel auf gute Ursachen, wovon geschikte Seeleute viel leicht den Grund angeben könten, die aber meinen Verstand übersteigen. Ich begnü ge mich damit, um meinen Leser die Vor stellung davon zu erleichtern, daß ich ihren Augen den Abriß derselben vorlege. Unterdessen, daß diese Zubereitungen ge macht wurden, ermahnten die Carthaginen ser ihre Soldaten und stellten ihnen sehr deutlich vor, daß sie nach gewonnenem Tref fen nur in Sicilien Krieg zu führen hätten, daß sie hingegen nach dem Verluste dessel ben zur Vertheidigung ihres Vaterlandes und dessen, was sie auf der Welt am meisten liebten, genöthigt seyn würden, auf ihrem eigenen Grund und Boden zu kämpfen. Sie befahlen hierauf, daß man sich einschif fen und zum Gefechte bereit halten sollte, welches die Soldaten mit Freude und Be reitwilligkeit thaten. Sie wurden von den starken Bewegungsgründen, die man ihnen in wenig Worten vorgestellet hatte, außer ordentlich darzu aufgemuntert, und liessen einen Muth und Vertrauen blicken, welches fähig war, den Feinden eine Furcht einzu jagen.
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Die Carthaginensischen Generale richte ten sich in ihrer Schlachtordnung nach der Schlachtordnung nach der Römischen Flotte, theilten die ihrige in drey Escadren, die sie in eine Linie stellten, und in das Centrum, und zwo Flügel theilten. Sie breiteten den rechten Flügel in vollem Meere aus, ent fernten ihn elnein wenig von dem Centro, in der Absicht, die Feinde einzuschliessen und kehrten ihre Vordertheile gegen sie. Sie schlossen an den vordern Flügeln eine vier de Escadre an, die in die Krümme gestellt, und nach dem Lande zu gerichtet war. Han no, dieser General, der bey der Belagerung von Agrigent den Kürzern gezogen hatte, commandirte den rechten Flügel und hatte die Schiffe und Galeren unter sich, die we gen ihrer Leichtigkeit die Feinde am besten einschliessen konnten. Hamilcar, der schon bey Tyndaris com mandirt hatte, hatte sich das Centrum und den lincken Flügel vorbehalten. Er bedien te sich währenden Treffens einer Kriegslist, die den Untergang der Römer hätte verur sachen können, wenn sich die Feinde dersel selben so bedient hätten, wie sie sollten. Weil die Carthaginensische Flotte in eine einzige Linie gestellt war, und deswegen leicht zu zer trennen zu seyn schien, so fingen die Römer den Angriff gegen das Centrum an. Um nun ihre Flotte zu zerreißen, so empfing das
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trumCentrum der Carthaginenser Befehl, sich zurück zuziehen. Es flohe in der That, und die Rö mer, die sich von ihrem Muth fortreissen lies sen, verfolgten die Flüchtigen mit einer ver wegenen Hitze. Die erste und zweyte Eska dre entfernte sich durch diese Bewegung von der dritten, welche die Lastschiffe und die vierte Eskadre nach sich zog, wo die Triarii zur Reserve stunden. Als sie bis zu einer ge wissen Weite gekommen waren, so gab das Schiff des Hamilkar ein Zeichen, und gleich darauf kehreten die Flüchtigen wieder um, und fielen die Schiffe ihrer Verfolger mit aller Gewalt an. Als nun auf diese Weise das Treffen auf beyden Seiten recht ange gangen war, so hatten die Carthaginenser so wohl wegen der Leichtigkeit ihrer Schiffe, als wegen ihrer Geschicklichkeit sich bald zu nä hern, bald wieder zu entfernen, einen grossen Vortheil über die Römer. Allein der Muth der Römer im Gefechte, ihre Maschinen sich an die feindliche Schiffe anzuhängen, die Ge genwart der Generale, die an ihrer Spitze fochten, und vor denen sich gerne ein jeder hervorthun wollte, gaben ihnen nicht weni ger Muth, als die Carthaginenser hatten. So war der Angriff auf dieser Seite be schaffen. Hanno, welcher den ersten Flügel com mandirte, und sich im Anfange des Treffens von der übrigen Flotte ein wenig entfernt ge
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halten hatte, näherte sich nunmehro in vol lem Meere, und fiel von hinten auf die vier te Eskadre der Römer, und erfüllte alles mit Lermen und Verwirrung. Auf der andern Seiten veränderten die Carthaginenser auf dem linken Flügel, die nach dem Lande zu in eine Krümme gestellt waren, ihre Stellung, stellten sich in eine Linie, kehreten ihre Vor dertheile auf den Feind, und fielen auf die dritte Römische Eskadre, von der die Schiffe an die Lastschiffe angehänget waren, um sie nachzuziehen. Diese liessen zugleich ihre Schiffseile fahren, und wurden Handgemen ge. Das ganze Treffen hatte also drey Ab theilungen, die eben so viel besondere von ein ander weit entfernte Treffen ausmachten. Der Vortheil war lange Zeit gleich und je der hielte dem andern die Waage. Aber endlich konnte die Eskadre, welche Hamil kar commandirte, nicht länger widerstehen, sondern wurde in die Flucht getrieben, und Manlius hängte die Schiffe, die er genom men hatte, an die seinigen an. Regulus kam der vierten Eskadre und den Lastschiffen zu Hülfe, und hatte die Schiffe von der an dern Eskadre bey sich, die noch gar nichts gelitten hatten. Unterdessen daß er im Ge fechte mit der Flotte des Hanno begriffen war, so faßte die vierte Römische Eskadre, die sich schon ergeben wollte, wieder Muth, und fieng den Angrif von neuem herzhaft an.
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Die Carthaginenser, die von vornen und von hinten angegriffen waren, wurden durch diese neue Hülfe, die die Römer erhielten, in Unordnung gebracht und eingeschlossen, muß ten weichen, und ergriffen die Flucht. Indem dieses vorgehet, kömmt Manlius zurück, und siehet, daß die dritte Römische Eskadre von dem linken Flügel der Car thaginenser ans Ufer getrieben worden ist. Weil seine Lastschiffe und die vierte Eskadre in Sicherheit sind, so vereinigt er und Regu lus sich mit einander, um dieselbe aus ihrer Gefahr zu reissen. Denn sie war gleichsam wie belagert, und würde ganz gewiß geschla gen worden seyn, wenn die Carthaginenser aus Furcht, daß die Römer sich an ihre Schiffe hängen und Handgemenge werden möchten, sich nicht bloß damit begnügt hät ten, sie gegen das Ufer in die Enge zu treiben. Die Consuls kommen, umringen die Cartha ginenser, und nehmen ihnen funfzig Schiffe mit aller darauf befindlichen Mannschaft hin weg. Einige, die sich nach dem Lande zu gewendet hatten, fanden ihr Heil in der Flucht. Das war der Erfolg von allen die sen besondern Treffen. Die Römer hatten den Vortheil von der ganzen Schlacht, und den vollkommenen Sieg. Für vier und zwanzig Schiffe, die ihnen verlohren giengen, verlohren die Carthaginenser mehr denn dreyßig. Kein einziges Römisches Schiff
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fiel in die Gewalt ihrer Feinde, und diese verlohren vier und sechzig Schiffe. Die Frucht dieses Sieges war diese, daß die Römer nach ihrem Entwurfe, nachdem sie ihro Schiffe ausgebessert und sie mit aller nöthigen Munition ausgerüstet hat ten, die sie brauchten, um in einem fremden Lande einen langen Krieg auszuhalten, nun mehr würcklich nach Afrika segeln konnten. Die Carthaginensischen Generale sahen die Unmöglichkeit wohl ein, solches zu ver wehren, hätten aber gerne gewünscht, daß sie solches noch einige Wochen verzögern könnten, um der Stadt Carthago Zeit zu verschaffen, sich in Vertheidigungsstand zu setzen, oder ihnen die Hülfe zu schicken, die sie erwarteten. Man sollte also den Rö mischen Consuln Friedensvorschläge thun. Hamilkar unterstund sich nicht in Person da hin zu gehen, aus Furcht, man möchte ihn vielleicht dem Rechte der Wiedervergeltung nach anhalten, weil man vor fünf Jahren den Consul Cornelius Asina mit Verräthe rey überfallen, und nach Carthago in Fesseln und Banden geschickt hatte. Hanno war kühner. Er unterredete sich mit den Consuln, und erklärte ihnen, daß er in der Absicht ge kommen wäre, ihnen Friedensvorschläge zu thun, und wenn es möglich wäre, unter beyden Völkern eine gute Eintracht herzu stellen und einen dauerhaften Bund zu schlies
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sen. Er hörte um die Consuln herum ein heimliches Gemurmel von einigen Römern, die in der That das Exempel des Cornelius anführten, und sagten, daß man hier auch so verfahren möchte. Wenn ihr solches thut, sagte Hanno, so werdet ihr nicht besser seyn, als die Afrikaner. Die Consuln geboten den Ihrigen zu schweigen, und sagten zum Hanno: Befürchte nichts; der Römer verspricht und hält die Sicherheit.(*) Sie liessen sich aber in Ansehung eines Vergleiches in keine Unterhandlungen mit ihm ein. Sie sahen wohl ein, in welcher Absicht er gekommen war. Uberdieß machte die Hoffnung glück licher Erfolge, die sie sich versprachen, daß sie den Krieg dem Frieden vorzogen. Einige Tage darauf seegelten die Consuln mit der Flotte ab. Das geschahe nicht oh ne den äussersten Widerwillen der Soldaten, und selbst einiger Kriegsbedienten, welche der blosse Nahme von dem Meere, die Län ge der Schiffarth und das feindliche Ufer in Furcht jagten. Mannius, ein Tribun über eine Legion, that sich unter allen andern her vor, und trieb seine Klagen und Ausschwei fungen so weit, daß er selbst nicht mehr ge horchen wollte. Regulus, welcher standhaft 37
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war, und sein Ansehen zu behaupten wußte, zeigte ihm die Ruthen und die Beile des Lictors, und sagte mit dräuender Stimme zu ihm, daß er schon wüßte, wie er ihn zum Gehorsame bringen wollte. Eine Furcht vertrieb die andre, und die Drohung eines gegenwärtigen Todes machte ihn zu einem guten Schiffer. (*) Die Reise war glücklich, und wurde we der durch Ungewitter unterbrochen, noch sonst durch einen schlimmen Zufall gestört. Die ersten Schiffe landeten am Vorgebür ge des Hermes an, (**) welches sich in dem Solfo<Golfo> von Carthago erhebt, und nach Sici lien zu in das Meer hinein geht. Daselbst erwarteten sie die Schiffe, die ihnen folgten, und nachdem sich die ganze Flotte versammelt hatte, so nahmen sie die ganze Küste bis nach Aspis, sonst auch Clypea genannt, ein. (***) Daselbst landeten sie an, und nachdem sie ihre Schiffe auf das Land gezogen, so umga ben sie dieselben mit einem Graben und einer Schanze, und als sich die Einwohner wei gerten, sich zu ergeben, und die Thore ihrer Stadt zu öffnen, so belagerten sie dieselbe. Man kann leicht denken, was die An kunft der Römer unter den Carthaginensern 38 39 40
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für Unruhe und Unordnung erregte. Von dem Augenblicke an, als sie die Seeschlacht bey Ecnoma vernommen, wurde die Unru he im ganzen Lande allgemein. Sie waren überzeugt, daß die Consuln auf einen so glück lichen und fast unvermutheten Erfolg sogleich ihre siegreichen Völker vor Carthago führen würden, sollte es auch nur geschehen, um ih rer zu spotten, und sie in Schrecken zu jagen; sie waren also in beständigen Unruhen, und erwarteten jeden Augenblick den Feind vor ihren Thoren. Als sie sahen, daß sie ihre Armee vor einem andern Orte aufhielten, so fiengen sie wieder an, zu sich selbst zu kom men, und sich dieser kleinen Ruhe darzu zu bedienen, daß sie sich wider einen so schreck lichen Feind auf alle mögliche Weise vorzu sehen suchten. Die Consuln machten ihrer Seits aus Clypea nach der Einnahme desselben ihren Waffenplatz, nachdem sie diesen Ort wohl befestigt hatten. Darauf sendeten sie die Nachricht von ihrer glücklichen Anländung nach Rom, und verlangten von dem Sena te neue Befehle, wie sie sich weiter verhalten sollten. Unterdessen breiteten sie sich im plat ten Lande aus, richteten eine schreckliche Verwüstung an, führten eine grosse Menge Heerden in ihr Lager und machten zwanzig tausend Kriegsgefangne. Sie trafen ein fettes und fruchtbares Thal an, welches seit
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dem Einbruche des Agathokles, oder seit fünfhundert Jahren keinen feindlichen Ein fall ausgehalten hatte. Als der Abgeordnete von Rom zurück kam, brachte er vom Senate den Befehl, daß Regulus in der Würde eines Procon suls das Commando über die Armee in Afri ka fortführen sollte. Er berief aber seinen Collegen mit einem grossen Theile der Flotte und der Mannschaft zurück, und ließ ihm nicht mehr als funfzig Schiffe, funfzehn tau send Mann zu Fuße und fünfhundert Reu ter. MunMan konnte einen Theil der Flotte da mals zur Erhaltung der Eroberungen in Si cllien<Sicilien> brauchen; allein man entsagte dem Nutzen der gewonnenen Schlacht, den man von der Landung in Afrika hoffen konnte, daß man dem Consul eine so geringe Macht an Schiffen und Mannschaft ließ. Manlius gieng, ehe noch der Winter an brach, mit dem Reste der Flotte und der Ar mee ab. Zonaras erzählt, daß dieser Con sul verschiedene Römische Bürger, welche von den Carthaginensern in den vorigen Jah ren gefangen genommen, und von ihm wie der befreyt worden, mit sich aus der Skla verey zurückgeführt habe. Vielleicht war Cornelius Asina, welchen wir bald wieder als Consul sehen werden, unter dieser An zahl. Manlius wurde in Rom, wohin er mit einer grossen Beute zurück kam, sehr
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wohl aufgenommen, und man erwieß ihm die Ehre eines Seetriumphes.

Serv. Fulvius Paetinus Nobilior.(d. 497. J. n. E. R. d. 255. J. v. C. G.) M. Aemilius Paulus.

Ich habe schon gesagt, daß es der Senat(Regulus verlangt ei nen Nach folger.) nicht für dienlich gehalten hatte, den Regu lus aus Afrika zurück zuberufen, und den Lauf seiner Siege zu unterbrechen, sondern daß er ihm das Commando der Armee noch län ger anbefohlen hatte. Niemand wurde über diese Verordnung so betrübt, als derjenige, dem sie so rühmlich war. Er schrieb an den Senat, um sich darüber zu beklagen, und verlangte, man sollte ihm einen Nachfolger schicken. Eine seiner Ursachen war diese, daß ein Taugenichts sich den Tod sei nes Pachters, der sein kleines Feld von sieben Morgen Landes baute, zu Nu tze gemacht hätte, und mit allem zum Ackerbau nöthigen Geräthe entflohen wäre. Seine Gegenwart wäre al so nöthig; denn er müßte befürchten, daß er seine Frau und seine Kinder nicht erhalten könnte, woferne sein Feld nicht gebaut würde. Der Senat verordnete, daß das Feld auf öffentliche Kosten gebaut, das gestohlene Acker zeug wieder gekauft, und die ganze Familie des Regulus von der Repu
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blik erhalten werden sollte. So machte sich also das Römische Volk gewis ser massen selbst zum Pachter des Regulus(*) und so viel betrug es, was dem öffentlichen Schatze ein solches Beyspiel der Tugend ko stete, welches der Stadt Rom durch alle Jahrhundert eine Ehre seyn wird. (**) Welch eine erstaunenswürdige edle Ein falt, war nicht bey diesem Uberwinder der Carthaginenser! Wird nicht jemand sa gen, welch ein bäurisches Wesen? Aber welch ein Adel und eine Grösse der Seelen! Ich weiß nicht, wo ich ihn am meisten bewundern soll, an der Spitze der Armeen, wo er die Feinde des StaatsüberwindetStaats überwindet, oder unter sei nen Arbeitern, wenn er sein kleines Feld bestellt. Hier sieht man, wie weit das wahre Verdienst über die Reichthümer erhaben ist! Die Eh re des Regulus dauert noch, denn wer kann ihm seine Hochachtung versagen. Das Vermögen dieser dicken Reichen vergeht mit ihnen, oft noch vor ihnen. (Polyb. I 31.) Die Carthaginenser hatten indessen zwey Häupter in der Stadt erwählt, den Has drubal, einen Sohn des Hanna, und Bo 41 42
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starn, und hatten den Hamilcar aus Si cilien zurück kommen lassen, welcher noch fünfftausend Mann Infanterie und fünfhun dert Reuter zurücke brachte. Nachdem diese drey Generale über den gegenwärtigen Zustand ihrer Angelegenheiten berathschlagt hatten, so beschlossen sie einmüthig, die Völker nicht in der Stadt, wie zeither ge schehen war, eingeschlossen zu halten, und den Römern die Freyheit nicht zu lassen, das ganze Land ungehindert zu verwüsten. Die Armee schlug also im Felde ihr Lager auf. Regulus ließ die seinige auch nicht müs sig seyn. Er näherte sich immer mehr und mehr, und verwüstete alles, was ihm ent gegen kam. Als er an einen Ort kam, wo der Fluß Bagrada (*) vorbey fließt; so stieß er, wenn man den Geschichtschreibern glauben darf, auf einen Feind von einer(Val. Max. l. 8.) ganz neuen Art, den er nicht vermuthete, und von dem sein ganzes Kriegsheer viel lei den mußte; dieser Feind war eine Schlan ge von einer ganz ungewöhnlichen Grösse. Wenn die Soldaten zum Flusse kamen, um Wasser zu holen, so warf er sich über sie, zerschmetterte sie mit der Last seines Körpers, oder erstickte sie mit seinem Schweife, den 43
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er um sie wand[.] oder todtete sie durch sein vergifteten Hauch. Die harten Schuppen die seine Haut bedeckten, machten, daß er durch keine Pfeile und Waffen verwundet werden konnte. Man muste Balisten und Catapulten gegen ihn richten, und ihn wie eine Festung angreifen. Endlich, nach vie len vergeblichen Würfen zerbrach ihn ein grosser und ungeheurer Stein, der mit einer gewaltigen Heftigkeit auf ihn geworfen wur de, den Rückrad, und streckte ihn auf die Erde. Man hatte noch viele Mühe, ihn ganz zu tödten, so sehr scheueten sich die Sol daten, sich einem ihnen noch fürchterlichen Feinde zu nähern, ob er gleich schon dem Tode im Rachen war. Regulus schickte die Beute davon, das ist, seine Haut, nach Rom, welche sechs und zwanzig Fuß lang (Plin. I. VIII) war. Sie wurde in einem Tempel aufge hangen, wo man sie nach der Erzählung des ältern Plinius noch zur Zeit des Nu mantinischen Krieges sah. Von Bragada zog Regulus weiter fort nach Adis, (*) einem der stärcksten Plätze des Landes, und belagerte ihn. Die Car thaginenser zogen demselben sogleich zu Hülfe. Sie setzten sich auf einem Hügel, wovon sie dem Lager der Römer sehr viel Verdruß 44
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und Schaden zufügen konnten, deren Lage aber auch einen Theil ihrer Armee unthätig machte, denn die meiste Stärcke der Car thaginenser bestund in der Reuterey, und in den Elephanten, die nur im flachen Felde ge braucht werden können. Regulus ließ ih nen keine Zeit, sich von der Höhe herabzu ziehen, und griff sie, um sich diesen gro ben Fehler der Carthaginensischen Genera le zu Nutze zu machen, in diesem Posten an, und nach einem geringen Widerstand brach te er die Feinde zur Flucht, die von ihren eignen Elephanten mehr leiden mußten, als die Römer. Nachdem die Uberwinder das Fußvolk der Feinde einige Zeit verfolgt hat ten, so kehrten sie zurücke, das Lager zu plündern. Das flache Feld hatte die Reu terey und die Elephanten in Sicherheit ge bracht. Es blieben in diesem Treffen auf Seiten der Carthaginenser siebzehntausend Mann, und fünftausend, ingleichen zwölf Elephanten wurden gefangen genommen. Die Nachricht von diesem Siege, die sich gar bald überall ausbreitete, gewann den Rö mern nicht allein die benachbarten Gegen den, sondern auch ganz entfernte Völker, und in wenig Tagen ergaben sich achzig Städte oder Schlösser an dieselben. Regu lus bemächtigte sich bald darauf der Stadt Tunis, eines sehr wichtigen Ortes, der sehr
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nahe bey Carthago lag, wovon sie nur vier oder fünf Meilen entfernt war. (Harte Friedens Bedingun gen des Re gulus.) Die Unruhe war unter den Feinden aus serordentlich groß. Alles war ihnen zeither unglücklich gegangen. Sie waren zu Land und zu Wasser beständig geschlagen worden. Mehr als zweenhundert Plätze hatten sich schon an den Uberwinder ergeben. Die Numidier verheerten das Land noch mehr als die Römer. Sie befürchteten sich alle Augenblicke in ihren Ringmauern einge schlossen zu sehen. Die Landleute flohen (Polyb. I. 31.) von allen Seiten mit ihren Weibern und Kindern in die Stadt, um Sicherheit zu finden, vermehrten die Unruhe, und erweck te die Furcht einer Hungersnoth, im Fall die Stadt belagert werden sollte. (Zonar. VIII. 391.) Als die Carthaginenser sahen, daß sie ohne Hofnung und Hülfe waren, so sendeten sie die Vornehmsten des Senats an den Rö mischen Feldherrn, um Friede anzuhalten. Regulus, welcher sich fürchtete, daß sein Nachfolger ihm den Ruhm seiner glücklichen Unternehmungen wegnehmen möchte, und sich nicht im Stande sah, mit der wenigen Mann schaft, die man ihm gelassen hatte, die Bela gerung von Carthago zu unternehmen, wel ches doch das einzige Mittel war, dem Krie ge in Africa ein Ende zu machen, weigerte sich nicht, sich in Friedensunterhandlungen (Polyb.) einzulassen. Er that den Ueberwundenen
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einige Vorschläge; allein sie kamen denselben so hart vor, daß sie dieselben nicht anhören konnten. Diese Bedingungen waren fol gende. æSie sollten den Römern ganz Sici lien und Sardinien abtreten, die Gefange nen ohne Lösegeld los lassen, die ihrigen aber um ein Lösegeld, worüber man sich vergleichen wollte, erkaufen, alle Kriegs- Unkosten erstatten, und einen jährlichen Tri but zahlen.“ Er setzte noch einige Bedin gungen hinzu, die eben so hart waren. æSie sollten alle Freunde oder Feinde der Römer, als ihre Feinde oder Freunde betrachten, sie sollten sich keiner langen Schiffe bedie nen, sie sollten nicht mehr als ein einzi ges Kriegsschif im Meere halten, und den Römern, wenn sie es verlangten, funfzig Galeren, jede mit drey Ruderbäncken ver sehen, liefern.“ Weil er wußte, daß die Carthaginenser aufs äusserste gebracht waren, so ließ er von diesen Bedingungen nicht ab, so sehr ihm auch ihre Abgeordneten darum anlagen, und begegnete ihnen aus einer Verblen dung, die gemeiniglich glückliche Erfolge be gleitet, mit einen Stolz, welcher verlangte, daß sie diese Bedingungen noch als eine Gnade ansehen sollten, und setzte noch mit einem gewissen Spotte hinzu; Man muß entweder zu siegen, oder sich dem Sieger zu unterwerfen wissen. Ein
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so hartes und trotziges Bezeugen brachte die Carthaginenser auf, und sie faßten den Ent schluß, lieber umzukommen, als etwas zu thun, das der alten Grösse von Carthago unanständig wäre. (Ankunft des Xan tippus. Polyb. l. 33. 37.) Als sie so auf das Aeusserste getrieben war ren, kam ihnen zu rechter Zeit aus Griechen land eine Verstärkung von Hülfsvölkern welche Xantippus, ein Lacedämonier, führte, der in der Spartanischen Kriegszucht erzo gen war, und die Kriegswissenschaft in die ser vortrefflichen Schule erlernet hatte. Als er sich alle Umstände der letzten Schlacht erzählen lassen, so sahe er gleich ein, warum man sie verlohren, als er erfuhr, worin nen vornehmlich die Macht der Carthagie nenser bestund. Er sagte es öffentlich, und wiederhohlte es auch in den Gesellschafften mit den Officierern, daß man den Verlust der letzten Schlacht bloß der Ungeschicklich keit der Feldherrn zuzuschreiben hätte, die sich der Macht nicht zu bedienen gewust, die un ter ihrem Commando gewesen wäre. Die se Reden wurden im öffentlichen Rathe wie der erzählt. Man bat ihn, daß er dabey erscheinen möchte. Er behauptete sein Ur theil mit so starken und überzeugenden Grün den, und machte die Versehen der Generä le so sichtbar und aller Welt so handgreiflich, als nur möglich, war; er zeigte ihnen aber auch eben so deutlich daß man, wenn man
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nur eine entgegen gesetzte Aufführung beob achtete, nicht allein das Land in Sicherheit setzen, sondern auch selbst den Feind daraus vertreiben könnte. Diese Rede machte, daß in allen Gemü thern der Muth und die Hoffnung wieder aufzuleben anfieng. Man bat ihn, oder man nöthigte ihn gewisser massen; denn er weigerte sich lange Zeit, das Commando der Armee anzunehmen. Man sah bey den Kriegsübungen, die er die Völker nahe bey der Stadt machen ließ, mit Erstaunen die Art an, sie in Schlachtordnung zu stellen, sie bey dem ersten Zeichen anrücken und sich wie der entfernen, sie mit Ordnung und Ge schwindigkeit defiliren, und mit einem Wor te alle Bewegungen machen zu lassen, wie sie die Kriegskunst verlangte; und man gestund, daß alle Feldherren, welche Carthago bis hie her gehabt hatte, gegen ihn nur Unwissende gewesen wären. Officiers und Soldaten, alle waren voll Verwunderung, und welches sehr selten ist, die Eifersucht mengte sich nicht darein, die Furcht vor der gegenwärtigen Gefahr und die Liebe zum Vaterlande erstickten ohne Zweifel in den Gemüthern alle andern . Auf die schreckliche Bestürzung, welche sich vorher unter den Völkern aus gebreitet hatte, folgten auf einmal das Ver gnügen und die Fröhligkeit. Sie verlang
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ten mit einem lauten Geschreye und mit ei nem grossen Eifer, daß man sie gegen den Feind führen sollte, indem sie, wie sie sagten, unter diesem neuen Feldherrn gewiß über winden, und die Schande der vorigen ver lohrnen Schlachten auslöschen würden. Xantippus ließ diesen Eifer nicht erkalten. Der Anblick der Feinde vermehrte ihn nur. Als er nur noch zwölfhundert Schritte davon entfernt war, so hielt er es für rath sam, Kriegsrath zu halten, um die Cartha ginensischen Generale zu ehren, wenn er ih ren Rath verlangte. Sie überliessen ihm alle einmüthig, freye Macht zu thun, was er nur wollte, und versprachen ihm, ihm mit allen ihren Kräften beyzustehen. Die Schlacht, wurde also auf den folgenden Tag festge setzt. (Regulus wird vom Xantippus geschlagen) Die Armee der Carthaginenser bestund aus zwölftausend Mann zu Fuß, aus vier tausend Pferden, und ungefähr hundert Elephanten. Die Römische Armee bestund, so viel man aus den Vorhergehenden schlies sen kan, dem Polybius bemerkt hier ihre Stärcke nicht, aus funfzehntausend Mann Infanterie, und ungefähr dreyhundert Pfer den. Es ist ein schöner Anblick, zwo so wenig zahlreiche Armeen im Streite zu sehen, die aus tapfern Soldaten bestunden, und von geschickten Feldherren geführet wurden. In
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den tumultuarischen Schlachten, wo man zweymalhundert, oder dreymalhundert tausend Combattanten zählt, muß nothwen dig eine grosse Verwirrung herrschen, und es ist schwer, unter tausend Zufällen, an de nen gemeiniglich der Zufall mehr Antheil als die Klugheit hat, das wahre Verdienst der Feldherren und die wirklichen Ursa chendes Sieges herauszufinden. Hier ent geht der Neubegierde des Zuschauers nichts, der die Einrichtung der Armeen deutlich übersieht, der beynahe die Befehle der Ge nerale selbst mit hört, der allen Bewegungen und Wendungen der Truppen nachfolgt, und so zu sagen alle Fehler mit der Hand oder mit dem Auge berührt, welcher die Ge nerale auf beyden Seiten begehen, und der dadurch in den Stand gesetzt wird, ein rich tiges Urtheil zu fällen, welcher Ursache er ei gentlich den Gewinn oder Verlust der Schlacht zueignen soll. Der Erfolg der ge genwärtigen, ob er gleich in Betrachtung der Schwäche beyder Armeen nicht beträcht lich zu seyn schien, sollte das Schicksal von Carthago entscheiden. Dieses war die Schlachtordnung beyder Kriegsheere. Xantippus stellte die Ele phanten in einer Linie voran. Hinter den selben stellte er in einiger Entfernung einen Phalanx, der nur ein Corps ausmachte, und aus dem Carthaginensischen Fußvolke
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bestund. Die Reuterey wurde auf beyde Flügel vertheilt. Was die fremden Kriegs völker anbelangte, welche in Carthaginensi schem Solde stunden, so wurden die mit schwerer Rüstung auf die Rechte zwischen den Phalanx und der Reuterey geordnet; die andern, welches leichtbewaffnete Völker waren, wurden auf beyden Flügeln mit der Reuterey Partheyen weise gestellt. Weil auf Seiten der Römer die Elephan ten dasjenige waren, was die meiste Furcht verursachte, so ordnete Regulus, um dieser Besorgniß abzuhelfen, die leichten Truppen voran in einer Linie. Hinter ihnen stellte er die Legionen, und die Cavalerie stellte er auf beyde Flügel. Indem er also der Schlachtordnung weniger Fronte und mehr Stärcke gab, so ergriff er, wie Polybius sagt, freylich wohl die gehörigen Maasregeln ge gen die Elephanten; aber er half der Un gleichheit in Ansehung der Reuterey nicht ab, die auf Seiten der Feinde viel stärker und zahlreicher war. Man braucht in der Kriegswissenschafft nicht sehr erfahren zu seyn, um einzusehen, daß der Römische General die Ebnen ver meiden und solche Stellungen hätte nehmen sollen, wo den Feinden ihre Reuterey unthä tig und also unnütze gemacht worden wäre, weil sie viertausend Mann, die seinige aber nur dreyhundert Pferde stark war. Denn
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dadurch hätte er den Carthaginensern einen grossen Theil ihrer Macht genommen, worauf sie sich am meisten verliessen. Re gulus wußte selbst, daß eben dieser Fehler Ursache gewesen, daß die Carthaginenser das letzte Treffen verlohren hatten, weil sie nehmlich keine Stellung erwählt, wo sie ih re Reuterey und ihre Elephanten brauchen können. Man muß es gestehen, der Glanz des ersten Sieges hatte seine Augen verblen det. Er hielt sich für unüberwindlich, er möchte ein Treffen liefern, wo er wollte. Als die beyden Armeen in diese Schlacht ordnung gestellt waren, so erwarteten sie nur das Zeichen, um den Streit anzufan gen. Xantippus gab seinen leichten Trup pen Befehl, nachdem sie ihre Pfeile abge schossen hatten, sich in den leeren Raum, den die Truppen hinter ihnen liessen, zurückzuzie hen, und indessen, daß der Feind mit dem Carthaginensischen Phalanx im Gefechte be griffen seyn würde, aus den Seiten heraus zubrechen, und die Römer seitwärts anzufal len. Der Streit fing mit den Elephanten an, die Xantippus anrucken ließ, um in die Linien der Feinde einzubrechen. Diese er huben, um diese Thiere in Schrecken zu se tzen, ein grosses Geschrey, und machten mit ihren Waffen ein schreckliches Geräusch. Die Carthaginensische Reuterey fiel zu gleicher
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Zeit die Römische an, die ihren Anfall nicht lange aushalten konnte, weil sie weit schwä cher war. Die Römische Infanterie griff, um entweder den Angriff der Elephanten zu vermeiden, oder aus Hoffnung, die fremden Truppen der Carthaginenser, welche ihren rechten Flügel ausmachten, leichter zu über winden, dieselben an, warf sie übern Hau fen, und verfolgte sie bis ins Lager. Die ersten von denen, welche den Elephanten entgegen stunden, wurden zertreten und von den Elephanten zerschmettert, indem sie sich muthig vertheidigten, die übrigen hielten we gen der Stärcke der tiefen Glieder noch ei nige Zeit Stand. Allein als die letzten Reihen davon von der Reuterey und von den leichten Truppen der Carthaginenser eingeschlossen und gezwungen wurden, sich wider die Feinde zu wenden, und diejenigen, die sich durch die Elephanten einen Weg ge macht, auf den Phalanx stiessen, der noch nicht gefochten und noch in guter Ordnung war, so wurden die Römer auf allen Sei ten in Unordnung gebracht und geschlagen' Die meisten wurden unter den ungeheuern Elephanten zerschmettert, die übrigen wur den, ohne ihre Glieder zu verlassen, mit den Pfeilen der leichten feindlichen Truppen übersäet, und von der Reuterey völlig über den Haufen geworfen. Nur ein sehr klei ner Haufe ergriff die Flucht; allein weil es
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im flachen Lande war, so tödteten die Nu midischen Reuter und die Elephanten noch eine grosse Menge. Etwa fünfhundert wur den mit dem Regulus gefangen genommen. Nachdem die Carthaginenser die Erschla genen geplündert, kehrten sie triumphirend nach Carthago zurück, und liessen den Rö mischen General mit den fünfhundert Gefan genen voran ziehen. Ihre Freude war um so viel grösser, da sie vorhero dem Untergan ge so gar nahe gewesen waren. Kaum konn ten sie glauben, was sie mit ihren eigenen Augen sahen. Männer und Weiber, Jüng linge und Greise, alle eilten in die Tempeln, den Göttern für diesen Sieg zu danksagen, und es waren verschiedne Tage nach einan der nichts als Ergötzlichkeiten und Feyerta ge. Regulus wurde in ein Gefängniß ein geschlossen, worinnen er fünf bis sechs Jahre blieb, und von der Grausamkeit der Cartha ginenser viel zu leiden hatte. Wir haben den Römischen General überwunden und gefangen gesehen: allein das Gefängniß wird ihn viel herrlicher als alle seine Siege ma chen. Xantippus, welcher an diesem glücklichen(Xantippus begiebt sich wieder fort.) Erfolge so viel Antheil gehabt hatte, ergriff den weisen Entschluß, sich wieder fortzubege ben, und sich ihnen zu entziehen, aus Furcht, daß sein Ruhm, welcher itzt noch ganz und unbefleckt war, nach dem ersten herrlichen
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Glanze, den er von sich geworfen, nach und nach verdunkelt werden, und ihn den Ver folgungen des Neides und der Schmähsucht aussetzen möchte, die immer gefährlich ist, vornehmlich aber in einem fremden Lande, wo man allein, ohne Freunde, und ohne al len Beystand ist. Polybius sagt, daß man die Wegreise des Xantippus anders erzählt habe, und ver spricht, an einem andern Orte davon Nach richt zu geben. Allein diese Stelle ist nicht bis auf unsre Zeiten gekommen. Man list (de bello Pun. p. 3.) im Appian, daß die Carthaginenser aus ei ner niederträchtigen und schändlichen Eifer sucht über die Ehre des Xantippus, und aus Verdruß darüber, daß sie ihre Errettung einem Fremden schuldig seyn sollten, unter dem Vorwande, ihn mit Ehren unter einer starken Begleitung von Schiffen in sein Va terland zurücke zu bringen, unter der Hand seinen Führern Befehl gegeben hätten, den Lacedämonischen General und alle, die bey ihm gewesen wären, umzubringen, als wenn sie mit ihm das Andenken des von ihm ihnen geleisteten Dienstes, und das schreckliche Ver brechen, daß sie an ihm begiengen, in der See hätten begraben können. Eine so ab scheuliche That scheint mir nicht einmal von den Carthaginensern glaublich zu seyn. (Betrach tungen des Polybius) Diese Schlacht, sagt Polybius, kann uns viele heilsame Erinnerungen geben, ob sie
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gleich an sich nicht so beträchtlich ist, als die(über diese grossen Er folg.) vorhergehenden, und dieses ist der beste Nu tzen der Geschichte, wie er hinzusetzt. Das ist der Lehrer, dem ich folgen will. Vors erste; Darf man sich auf das Glück sehr verlassen, nachdem man gesehen hat, was dem Regulus begegnet ist? Sein Sieg machte ihn trotzig und unerbittlich ge gen die Uberwundenen; kaum würdigte er sie anzuhören, und er fällt selbst bald darauf in ihre Hände. Hannibal wird dem Scipio eben die Anmerkung einmal machen lassen, wenn er ihn ermahnen wird, sich von sei nen glücklichen Erfolgen nicht verblenden zu lassen. Regulus, (*) wird er zu ihm sa gen, würde eines der seltensten Bey spiele von Glücke und Tapferkeit ge wesen seyn, wenn er nach dem Sie ge in eben dem Lande, wo wir itzt sind, unsern Vätern den Frieden hät te geben wollen, den sie verlangten. Allein weil er seinem Ehrgeize keine Grenzen zu setzen gewußt, und sein stolzes Glücke nicht in den gehörigen Schranken gehalten hat, so wurde 45
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sein Fall desto schändlicher, je höher er vorher gestiegen war. Zum andern; man sieht hier die Wahr heit des Ausspruches vomEuripides: Ein weiser Rath siegt gewisser, als tau send Hände.(*) Ein einziger Mensch verändert hier das ganze Ansehen der dama ligen Umstände. Eines theils treibt er Kriegs völker in die Flucht, die unüberrwindlichunüberwindlich zu seyn schienen; andern theils giebt er einer Stadt und einer Armee den Muth wieder, die er in Bestürzung und in der äussersten Verzweiflung angetroffen hatte. Das ist also der Nutzen, sagt Polybius, den man von seinem Lesen haben muß. Denn es giebt zween Wege, etwas zu ler nen; einer ist seine eigne Erfahrung, der andre ist die Erfahrung der andern Men schen. Es ist weiser und nützlicher, sich durch die Fehler andrer zu unterrichten, als durch die seinigen zur Klugheit zu gelangen. Die Nachricht von dem Verluste und der Gefangenschaft des Regulus verursachte in Rom ein grosses Aufsehen, und man be fürchtete, daß die Carthaginenser, von ihrem Glücke aufgeblasen, und durch die zeither er littenen Ubel gereizt, wohl endlich den Ent schluß fassen möchten, sich an Rom selbst zu 46
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rächen, und Italien eben die Verwüstung empfinden zu lassen, die sie in Afrika ange richtet hatten. Demnach befahl der Senat den Consuln, zuerst für die Sicherheit ihres Landes zu sorgen, und die nöthigen Völker zu seiner Vertheidigung zurückzulassen, und an der Erbauung einer zahlreichen Flotte zu arbeiten, ohne Verzug nach Sicilien abzu gehen, und selbst in Afrika zu landen, wenn sie es für dienlich achten würden, um dem Feinde in seinem eignen Lande zu thun zu ge hen. Die Carthaginenser waren im Anfange(Die Car thaginens. heben die Belager. von Clypea auf.) nur darauf bedacht, in Afrika den Frieden wieder herzustellen, durch Güte oder Gewalt die Völker, die sich empört hatten, wieder unter den Gehorsam zu bringen, und die Städte wieder zu erobern, welche ihnen von den Römern abgenommen worden waren. Clypea war die vornehmste darunter. Die Besatzung, welche die Römer darinnen ge lassen hatte, that einen muthigen Widerstand, und hielt die Armee der Carthaginenser lan ge Zeit auf, so daß sie auf die erhaltene Nach richt von den grossen Zurüstungen der Rö mer, eine mächtige Flotte ins Meer zu stel len, die Belagerung aufzuheben, und gleich falls eine Flotte zu erbauen suchten, welche fähig wäre, den Römern die Landung in Afrika zu verwehren.
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(Die Con suln gehen nach Afri ka, und ge winnen zwey See treffen.) Die Consuln waren so eifrig gewesen, daß im Anfange des Sommers dreyhundert und funfzig wohlversehene Galeren im Stand waren, das Meer zu halten. Sie seegelten also ohne Zeitverlust ab, und landeten zuerst in Sicilien, wo sie in den Städten, die es brauchten, gute Besatzungen liessen, und dar auf giengen sie nach Afrika. Ein heftiger Sturm trieb sie an die Insel Cossura, die zwischen Afrika und Sicilien gegen das Vor gebürge Lilybäum liegt. Sie landeten da selbst, verwüsteten das platte Land, und nah men die Hauptstadt weg, die, wie die In sel selbst, hieß. Von da gewannen sie das Vorgebürge von Hermäa, wobey die Stadt Clypea lag. Daselbst stieß die Flotte der Carthaginenser auf sie. Es wurde da ein heftiges Treffen geliefert, wovon der Aus gang lange zweifelhaft blieb. Die Hülfe, die zu rechter Zeit aus Clypea ankam, mach te, daß sich das Glück auf die Seite der Römer neigte, und ihnen einen völligen Sieg verschaffte. Den Carthaginensern wurden mehr als hundert Galeren in den Grund gejagt, und dreyßig genommen, und sie ver lohren beynahe funfzehntausend Mann. Die Römer verlohren nicht mehr als eilfhundert Mann und neun Schiffe. Die Flotte gieng so gleich nach Clypea, die Truppen wurden aus geschifft, u. schlugen bey der Stadt ein Lager auf. Die Carthaginenser kamen bald darauf,
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um sie anzugreifen. Es wurde also zu Lan de ein Treffen geliefert. Die Carthaginen ser wurden wieder überwunden und verloh ren neun tausend Mann. Unter den Ge fangnen war eine Anzahl von den vornehm sten Bürgern der Stadt Carthago, die man sorgsältig verwahrte, um den Regulus und andre vornehme Römer gegen sie aus zuwechseln. Man berathschlagte hierauf, was man thun wollte. Die grossen Vortheile, wel che man im Anfang davon getragen, hatten Hoffnung gemacht, daß man sich in Afrika würde behaupten können. Allein weil alle benachbarte Provinzen ausgeplündert und verheert waren, so befürchtete man Hungers noth. Man hielt es also für dienlicher, die Besatzung von Clypea einzuschiffen, und wieder nach Sicilien zu seegeln. Man nahm einen grossen Raub mit, welcher die Beute von den Siegen des Regulus war, die er in dieser Stadt in Verwahrung niedergelegt hatte. Sie seegelten bis nach Sicilien mit allem erwünschten Glücke, und würden ganz si cher in Italien angekommen seyn, wenn die Consuln guten Rath hätten annehmen wol len. Die Seerfahrnen benachrichtigten sie, daß nunmehr bey dem Aufgange des O rion und des Hundes die Schiffarth sehr ge fährlich würde, indem zu dieser Zeit gemei
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niglich heftige Stürme zu entstehen pflegten; man setzt diese Zeit in die Monate Junius und Julius. Sie achteten diesen Rath nicht, und hielten sich mit den Belagerungen eini ger an der See gelegenen Städte auf, die sie im Vorbeygehen wiederum mit wegneh men wollten. Sie sahen gar bald zu ihrem grossen Unglücke die Wahrheit der ihnen ge gebenen Nachricht ein. Bey ihrer Abfarth erhob sich ein Sturm, daß man noch keinen erlebt hatte, der so gar hefftig war. Von mehr denn dreyhundert und sechzig Schiffen ret teten sich kaum achzig, von denen man noch darzu die Ladung ins Meer werfen muste, ohne eine viel grössre Anzahl von Barken und kleinen Schiffen zu rechnen, die auch verloh ren giengen. Das Meer war mit Leichna men von Menschen und Thieren, von Schiffsbretern und andern Trümmern von den Galeren von der Seite von Cameri na, (*) wo dieser Sturm die Flotte so übel zugerichtet hatte, bis an das Vorgebürge von Pachyn bedeckt. Die Güte und Groß muth des Königes von Syrakusa war in diesem traurigen Zustande ein grosser Trost für sie, und eine sehr beträchtliche Hülfe, Er versorgte sie mit Kleidung, Lebensmit teln, und allem demjenigen, was zur Aus 47
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rüstung eines Schiffes gehört, und führ te sie bis nach Meßina. Die Carthaginenser wußten sich das Un(Die Car thaginen ser nehmen Agrigent weg.) glück ihrer Feinde wohl zu Nutze zu machen. Nachdem sie im Vorüberzuge die Insel Cossura(*) wieder eingenommen, so lan deten sie in Sicilien, belagerten unter der Anführung Carthalons Agrigent, nahmen in wenig Tagen diese Stadt, die keine Hül fe erhielt, weg, und verwüsteten sie gänzlich. Es war zu befürchten, daß alle andere Städte, die den Römern gehörten, ein glei ches Schicksal betreffen würde, und sie genö thiget werden möchten, sich zu ergeben. Allein die Nachricht von einer mächtigen Flotte, die man in Rom ausrüstete, gab den Bundsgenossen Muth, wider die Fein de standhaft auszuhalten. Es wurden auch in der That binnen drey Monaten, zwo hundert und zwanzig Galeren in den Stand gesetzt, auslaufen zu können.

Cn. Cornelius Scipio Asina II.(d. 498. J. n. E. R. d. 254. J. v. C. G.) A. Attilius Calatinus II.

Dieser Cornelius ist eben derselbe, wel cher sieben Jahr vorher, da er auch Con sul war, durch elnen Hinterhalt nahe bey 48
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den Inseln von Lipari von den Carthaginen sern gefangen genommen und nach Afrika gesandt wurd. Er war daselbst in ein tiefes Gefängniß eingeschlossen worden, und hatte manch grausames Bezeigen erdulten müs sen. æWer sollte glauben, ruft ein Schrift steller aus, (*) daß dieser Cornelius von dem Consulate ins Gefängniß, aus dem Gefängnisse wieder zum Consulate hätte ge langen sollen? Er erfuhr diese doppelte Veränderung, daß er aus einem Consul ein Gefangener, und aus einem Gefangenen ein Consul wurde, binnen wenig Jahren.“ Solche Glücksveränderungen sind selten, allein es ist genug, daß einige solche Bey spiele da sind, um dem Weisen zu dienen, daß sich durch sein widriges Glücke nicht nieder schlagen und durch das gute Glück nicht zum Hochmuth verleiten lassen soll. (Die Rö mer neh men Pa normus u. andere Städte ein Pol. l. 39) Die beyden Consuln zogen, da sie bey Meßina vorbey giengen, einige Schiffe an sich, die sich daselbst befanden, und die ein zigen waren, welche demletzten Schiffbru che entgangen. Sie landeten in Sicilien 49
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mit einer Flotte von zweyhundert Seegeln an dem Einflusse des Stroms Himära (*) und bemächtigten sich der Stadt Cephaladia, die nur sechs Meilen davon entfernt liegt. Bey Drepano waren sie nicht so glücklich, und wurden gezwungen, die Belagerung davor aufzuheben. Sie nahmen so gleich eine von viel grösserer Wichtigkeit vor, das war die Belagerung der Stadt Panor mus, (**) der vornehmsten in dem Carthagi nensischen Gebiete. Sie hatten sich gleich im Anfange des Hafens bemächtigt. Die Einwohner wollten sich nicht ergeben, und darauf umgaben die Römer die Stadt mit Graben und Schanzen. Weil die Gegend Holz genug lieferte, so wurden die Arbeiten in Geschwindigkeit sehr weit getrieben. Der Angriff wurde sehr eifrig fortgesetzt. Nach dem man durch die Maschinen einen Thurm abgebrochen hatte, der an dem Ufer des Mee res lag, so giengen die Soldaten durch die gemachte Oeffnung, und nach einem gewal tigen Metzeln bemächtigten sie sich der äussern Stadt, welche die neue Stadt hieß. Die 50 51
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alte hielte sich nicht lange. Als es anfing, darinnen an Lebensmitteln zu gebrechen, so erboten sich die Belagerten zur Ubergabe, ohne eine andre Bedingung, als Freyheit und Leben zu behalten. Ihr Anerbieten wurde nicht angenommen. Man nöthigte sie, sich um ein gewisses Lösegeld loszukaufen, worüber man sich verglich, das bestund in zwo Minen für einen Kopf, nach unsrer Münze für hundert Livres; um dieses Löse geld wurden nun vierzigtausend Menschen losgekauft, welches alles 400000 Livres be trug. Der Rest von dem gemeinen Volke, der dreyzehntausend Köpfe ausmachte, wur de mit der übrigen Beute verkauft. Auf die Einnahme dieser Stadt folgte die freywillige Ubergabe verschiedener anderer Städte, welche die Carthaginensischen Besa tzungen vertrieben, und die Partey der Rö mer ergriffen. (*) Die Consuln kehrten nach einem so herrlichen Feldzuge nach Rom zu rück.

(d. 499. J. n. E. R. d. 253. J. v. C. G. Polyb. l. 40.) Diese Consuln giengen mit einer Flotte, welche zweyhundert und sechzig Schiffe starck war, nach Africa. Sie landeten daselbst, 52
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nahmen einige Städte weg, und machten eine grosse Beute. Es gieng indessen keine sonderliche grosse Unternehmung vor, weil sie die Carthaginenser beständig hinderten, eine vortheilhafte Stellung zu nehmen. Sie hatten ihre Angelegenheiten in diesem Lande wieder hergestellt, und alle Oerter wieder eingenommen, deren sich Regulus bemäch tiget hatte, und diejenigen alle wieder zum Gehorsame gebracht, welche sich vordem wider sie empört. Hamilcar hatte Numi dien und Mauritanien durchgestreift, und alle dasige Gegenden wieder beruhigt, und von den Völkern darinnen als eine Busse und Genugthuung tausend Talent Silbers erpreßt, und sie gezwungen, zwanzigtausend Ochsen zu liefern. Was die Vornehmen in den Städten anbelangte, die man eines heimlichen Verständnisses mit den Römern beschuldigte, so hatte er beynahe dreytausend davon aufhängen lassen. Man erkennt hier an den Charakter der Carthaginenser sehr wohl. Als die Consuln durch den Wind an die Insel der Lotophagen, Meninx genannt (*) getrieben worden, welche nahe bey der klei nen Sandbank lag, so kamen sie in eine Gefahr, die zu erkennen giebt, wie wenig sie das Meer kannten, dessen Ebbe und Flut 53
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ihnen ganz etwas neues war. (*) Als Ebbe wa,rwar so erstaunten sie sehr, daß sie sich bey nahe auf dem Trocknen befanden; sie hiel ten sich für verlohren, und warfen deswe gen viele Sachen aus den Schiffen, um sie zu erleichtern. Als die Fluth wieder kam, so erstaunten sie nicht weniger; aber dieses Erstaunen war doch angenehm, indem sie aus einer Gefahr gerissen wurden, in der sie gewiß umzukommen geglaubet hatten. Ih re übrige Fahrt war bis an das Vorgebür ge Palinurus (**) ganz glücklich, wel ches Vorgebürge von Lucanien an sich bis in das Meer erstreckt. Als sie darüber hin aus fuhren, entstund auf einmal ein grosser Sturm, und trieb ihnen mehr denn hundert und funfzig grosse Schiffe auf den Grund, einer grossen Anzahl Barken und kleiner Schiffe zu geschweigen. (Die Rö mer geben die Herr schaft auf dem Meere auf.) So viele Einbußen von Schiffen, die so nahe auf einander folgten und nicht ohne ausserordentliche Kosten wieder ersetzt wer den konnten, setzten die Römer in eine tiefe 54 55
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Traurigkeit, und brachten sie auf die Ge danken, daß es der Wille der Götter nicht seyn müste, daß sie die Herrschaft auf der See haben sollten. Dem zu Folge befohl der Senat, daß man nicht mehr denn eine Flotte von sechzig Schiffen ausrüsten sollte, die Küsten von Italien zu versehen, und die Lebensmittel und andere Nothwendigkeiten für die Armeen in Sicilien, welche daselbst den Krieg fortsetzen sollten, überzubrin gen. Als der eine von den Censorn starb, so dankte der andere, nach der schon lange ein geführten Gewohnheit ab, weswegen die Zählung des Volks bis auf das folgende Jahr verschoben wurde.

C. Aurelius Cotta.(d. 500. J. n. E. R. d. 252. J. v. C. G.) P. Servilius Geminns.

Sie eroberten in Sicilien eine Stadt wie(Einnehme von Lipari, und be strafter Un gehorsam.) der, Himära oder die Bäder von Himära genannt(*). C. Aurelius unternahm die Belagerung von Lipari, einer Stadt die in der Insel eben dieses Nahmens lag. Als er genöthiget war nach Rom zurückzukehren, um noch ein 56
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mahl durch die Priester die Eingeweide der Opferthiere und den Flug der Vögel beob achten zu lassen, so über gab er die Aufsicht über die Belagerung dem Qvintus Cassius, einem Tribun einer Legion, mit dem Befeh le, bloß für die Erhaltung der angefange nen Werke zu sorgen, und mit dem aus drücklichen Verbote, den Platz in seiner Ab (Val. Max. II. 4.) wesenheit anzugreifen. Dieser junge Offi cier ließ sich von einem ungezähmten Verlan gen nach Ehre fortreissen, und führte seine Truppen gegen die Stadt, um sie anzugrei fen. Seine Verwegenheit wurde bestraft. Die Belagerten thaten einen Ausfall, tödte ten ihm viel Volck, und trieben ihn bis ins Lager zurück, wo es ihm schwer ward, sich zu vertheidigen, und hierauf verbrannten sie alle schon angelegten Werke der Römer. Die Wiederkunft des Consuls stellte alles wiederum her. Die Stadt wurde einge nommen, und das Metzeln darinne war schrecklich. Hierauf dachte er an die Bestra fung des Tribuns, welcher degradirt, öffent lich mit Ruthen gestrichen und unter die un tersten Glieder der Soldaten eingesteckt und gezwungen wurde, als ein gemeiner Soldat (Tisimathe us in sei nen Nach kommen belohnet. Liv. 5. V. 28.) zu dienen. Nachdem er sich also der Stadt Lipari bemächtiget hatte, so wurden alle Nachkom men des Tisimatheus von allen Aufllagen und Gaben befreyt, aus Erkenmtlichkeit ge
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gen einen wichtigen Dienst, den er der Re publik etwa vor hundert und vierzig Jah ren geleistet hatte. Er hatte dazumal die oberste Herrschaft über Lipari gehabt. Er ließ den Römern eine goldne Schaale wieder geben, die sie nach Delphos schicken wollten, und die einige Seeräuber von Lipari genom men hatten, er gab den Abgeordneten eine gute Bedeckung, und ließ sie in aller Sicher heit wieder nach Rom zurück bringen. Die That war einem Helden anständig. Allein die Dankbarkeit des Römischen Volkes, die nach so vielen Jahren eben so lebhaft noch war, als wenn dieser Dienst ihnen itzt nur erst wäre geleistet worden, ist sehr merkwür dig und verdient viel Lob. Seit dem Unglücke des Regulus hatten die Elephanten, die nicht wenig darzu beygetra gen, eine solche Furcht unter den Römern ausgebreitet, daß sie sich beynahe nicht mehr trauten, sich den Feinden zu zeigen, oder ein Treffen mit ihnen zu wagen. Diese Veränderung, welche die Carthaginenser bald gewahr wurden, und der Entschluß, den man in Rom gefaßt hatte, und den sie wußten, keine Flotte mehr in die See zu stel len, ließ sie hoffen, daß sie wohl ganz Sici lien wieder erobern könnten, wenn sie sich al le Mühe darum geben wollten.
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Es mangelte ihnen an Geld, der öffentli (Gesand schaft von Carthago anden Pto lomäus.) che Schatz war durch die ausserordentlichen Unkosten, die man zur Führung eines zwölf jährigen Krieges aufwenden müssen, ganz er schöpft. Sie schickten eine GefandschaftGesandschaft an den König in Aegypten Ptolemäus, (es war Ptolemäus Philadelphus) um ihn um zwey tausend Talente Silbers zu ersuchen, nach (App. ap. Fulv. Ur sin.) unserm Gelde Sechs Millionen Livres. Ptolemäus, der auch mit den Römern in ei nem guten Vernehmen stunde, gab sich oh ne einen glücklichen Erfolg, als Mittler viel Mühe, beyde Völker miteinander auszusöh nen; als aber alles vergebens war, so be zeugte er den Abgeordneten, daß so groß auch sein Verlangen wäre, sich die Carthaginen ser zu verbinden, so wäre es doch bey gegen wärtigen Umständen unmöglich, weil es wi der die Treue der Tractaten seyn würde, Freunden mit Geld oder Mannschaft wider Freunde beyzustehen. (Liv. Epit. XVIII.) Dieses Jahr geschahe es zum erstenmale, daß die Würde eines Hohenpriesters einem aus einer Familie der Plebejen zu Theil wurde. Tit. Coruncanius wurde zu dieser EhrreEhre erhoben. Die neuen Censores machten den Schluß von der Liste der Römischen Bürger: Das war nunmehr das sieben und dreyßigste Lu strum. Es befanden sich zweyhundert und neunzig tausend sieben tausend sieben hundert
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und sieben und neunzig Bürger in der Stadt, welche fähig waren die Waffen zu tragen. Diese Censur war sehr strenge und scharf. Dreyzehn Rathsherren wurden degradirt. Man nahm vierhundert jungen Römern die Pferde, und sie wurden in die Classen des gemeinen Volks hinunter gesetzt, und das aus der Ursache, weil sich der Consul Aure lius bey dem Gerichte der Censoren beklagt hatte, daß sie in Sicilien dem Befehle, an den Werken mitzuarbeiten, nicht gehorcht hatten, da es doch sehr nöthig gewesen war. Nach dieser schimpflichen Bestrafung der Censoren ließ der Consul von dem Senate noch eine darzu setzen; sie bestund darinne, daß die Jahre, die sie schon unter der Armee gedient hatten, nicht gerechnet werden, und sie verbunden seyn sollten, vom neuen an zu dienen, als ob sie noch gar nicht gedient hät ten. Durch solche Beyspiele der Strenge, die zu rechter Zeit angebracht wurden, er hielt sich unter den Römern eine genaue Kriegszucht, worauf aller glückliche Erfolg der Waffen beruhet, und die mehr als sonst etwas Rom so groß gemacht hat, als es ge worden ist.

L. Cäcilius Metellus.(d. 501. J. n. E. R. d. 251. J. v. C. G.) C. Furius Pacilus.

In diesem Jahre fiel nichts merkwürdi ges vor. Die Consuln, die nach Sicilien
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gegangen waren, griffen den Feind nicht an, (Der Se nat denkt wieder auf eine Flotte.) und wurden wieder nicht angegriffen. Un terdessen war Hasdrubal mit zweyhundert Galeren, hundert Elephanten, und zwanzig tausend Mannschaft sowohl Infanterie als Reuterey angekommen. Diese Unthätigkeit, welche den Krieg in die Länge verzog, und den öffentlichen Schatz erschöpfte, veranlaß te den Senat, den ehmaligen Entschluß, kei ne Flotten mehr wegen der grossen aufzu wendenden Unkosten in die See zu stellen, noch einmahl zu untersuchen. æDer Se nat sahe, daß man durch die Verlängerung des Krieges in eben das Ubel verfiel, das man hatte vermeiden wollen. Seit der un glücklichen Schlacht des Regulus zeigten die Römischen Truppen nicht mehr den Ei fer, den sie vordem bewiesen hatten, wenn auch, wie gewöhnlich, in den Schlachten zu Lande alles glücklich von statten gienge, so konnte man doch den Krieg nicht endi gen, und die Carthaginenser aus Sicilien vertreiben, so lange sie noch Meister zur See blieben. Uberdiß war es dem Cha rakter der Römer schimpflich und unanstän dig, sich durch Einbußen abschrecken zu las sen, die nicht durch ihren Fehler, sondern durch Unglücksfälle, die aller menschlichen Klugheit unvermeidlich sind, verursacht worden waren.“ Diese Betrachtungen bewogen den Senat, den alten Plan wieder
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vorzunehmen, und die gröste Stärke der Republik in der See zu brauchen.

C. Attilius Regulus, zum zweiten male.(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) L. Manlius Vulso, zum zweiten male.

Diesen Consuln wurde die Sorge aufgetragen, eine Flotte ausrüsten zu lassen, und sie mit allen Nothwendigkeiten zu verse hen. L. Metellus mußte in der Würde ei nes Proconsuls das Commando über die Armeen in Sicilien noch fortführen, wo er geblieben war, unterdessen daß sein College nach Rom zurück gieng, um bey der Wahl der Consuln gegenwärtig zu seyn. Unterdessen sahe Hasdrubal, daß in Si(Schlacht bey Pa normus. Polyb. I. 41. 43.) cilien nur ein Römischer General mit der Helfte der vormaligen Truppen war. Er überlegte, daß die Römische Armee selbst, wenn sie völlig beysammen gewesen, sich aus Furcht nicht unterstanden hatte, ob sie gleich sich immer in Schlachtordnung gestellt ge habt, sich würklich in ein Treffen einzulassen. Er glaubte also, die Zeit wäre gekommen, eine Schlacht zu wagen, um so vielmehr da seine Völker sie eifrig verlangten, und über allen Verzug sehr ungedultig waren. Er gieng also von Lilybäum weg, und nachdem er durch den Strich von Selinus einen sehr
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beschwerlichen Weg zurück gelegt, so kam er in der Gegend von Panormus an, und schlug daselbst sein Lager auf. Der Proconsul Metellus war gleich da zumal mit seiner Armee in der Stadt. Es war die Zeit der Erndte, und er war gekom men, die Einwohner in den Stand zu setzen, ihr Getrayde sicher abzumähen und einzu bringen. Nachdem er durch die Spione, die Hasdrubal in der Stadt hatte, in Er fahrung gebracht, daß seine Absicht wäre, ein Treffen zu liefern, so stellte er sich an, als wenn er sich fürchtete, und hielt sich in der Stadt inne, um den feindlichen General in seinem Entschlusse zu bestärken, und ihn de sto unvorsichtiger zu machen. Er verwü stete das platte Land unverhindert, verherete alles mit Feuer und Schwerdt, und rückte sehr trotzig bis an die Thore von Panormus an. Metellus blieb immer in seiner Unthä tigkeit, und, um den Hasdrubal immer mehr und mehr sowohl von dem Muthe als von der Anzahl seiner Kriegsvölker eine schlechte Vorstellung beyzubringen, so muß ten sich immer nur wenig Soldaten auf den Mauren zeigen. Hasdrubal stund nicht länger bey sich an, er ließ alle seine Völker zu Fuße und zu Pferde und alle seine Ele phanten gegen die Mauren der Stadt anrü cken, und schlug daselbst sein Lager mit einer so grossen Sicherheit und Verachtung seiner
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Feinde auf, die sich gar nicht sehen liessen, daß er es nicht einmahl mit Schanzen ver sahe. Die Marquetender und der Troß hatten Wein die Fülle ins Lager gebracht. Die Soldaten, die im Solde stunden, mäßigten sich gar nicht, und vom Weine erfüllt, er regten sie Lerm und machten ein unordentli ches und gewaltiges Geschrey, so wie es die Trunkenheit zu machen pflegt. Der Pro consul glaubte, daß es nun Zeit wäre, et was zu unternehmen. Er ließ zuerst nur die leichten Völker herausfallen, um den Feind zum Streite anzulocken, welches auch geschahe, indem sie sich einer nach dem an dern heran näherten, so verließ endlich die ganze Armee ihr Lager. Metellus stellte ein Theil seiner leichten Truppen an den Stadt graben lang hin, mit dem Befehle, wenn sich die Elephanten näherten, viel Pfeile auf sie loßzudrücken, und wenn sie würden be drängt werden, in die Graben hinab zu stei gen, und alsdenn wieder herauf zu steigen, um die Elephanten von neuen zu ängstigen. Damit es nun ihnen nicht an Pfeilen man geln möchte, so ließ er eine grosse Menge auf die Mauren tragen, und trug es dem gemeinen Pöbel auf, von Zeit zu Zeit eine Anzahl davon hinunter zu werfen. Auf eben die Mauren stellte er seine Bogenschü tzen. Er selbst blieb mit seinen Völkern, die
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eine schwere Rüstung hatten, vor dem Tho re der Stadt, das gerade auf den linken Flügel der Feinde stieß, um einen Ausfall zu thun, wenn es Zeit seyn würde. Die leichten Truppen, welche das Tref fen angefangen hatten, begaben sich indes sen, wenn sie von dem Feind so sehr beäng stigt wurden, in guter Ordnung nach der Stadt zurück, bald setzten sie, durch neue Völker verstärckt, die ihnen der Proconsul von Zeit zu Zeit zu Hülfe schickte, das Tref fen fort. Auf Seiten der Carthaginenser wollten diejenigen, die die Elephanten führ ten, sich die Ehre des Siegs zueignen und dem Hasdrubal entziehen, setzten also ihre schweren Thiere in Bewegung, ohne Befehl zu erwarten, und verfolgten diejenigen, die sich nach der Stadt zuzogen, bis an die Gra ben. Da war es eben, wo man sie erwar tete. Die Bogenschützen, die auf der Mau er stunden, und die leichten Truppen, die längst dem Graben hingestellt waren, war fen einen Hagel von Pfeilen auf sie. Die Elephanten, welche durchstochen und ver wundet worden, gehorchten der Stimme ih rer Führer nicht mehr, sondern wurden wü tend, wendeten sich wider die Carthaginen ser selbst, brachten ihre Glieder in Unord nung, warfen sie übern Haufen, und schmis sen alles zu Boden, was ihnen entgegen kam. Das ist der gewöhnliche Schaden, den die
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Elephanten stifteten. Metellus brach in die sem Augenblicke der Verwirrung und Un ordnung los, der gleichsam für ihm das Si gnal war. Da er die Feinde, wie er vor her gesehen hatte, in diesem Zustande antraf, so war es ihm leicht, sie übern Haufen zu werfen und völlig zu schlagen. Das Me tzeln war sowohl in der Schlacht selbst, als in der Flucht, entsetzlich. Zum grösten Un glücke muste die Carthaginensische Flotte gleich ankommen, und wurde, an statt den Feinden eine Hülfe zu seyn, eine Gelegenheit zu einem neuen und viel grössern Unglücke. Denn so bald sie erschien, liefen sie alle, von der Furcht verblendet, nach derselben als nach ihrer einzigen Freystadt zu, sie warfen einer den andern übern Haufen, wo sie hin gestürtzt, entweder von den Elephanten zer schmettert, oder von den verfolgenden Fein den getödtet wurden, oder im Meere ersauf fen mußten, indem sie zu den Schiffen hin schwimmen wollten. Hasdrubal flüchtete sich nach Lilybäum. Er wurde während seiner Abwesenheit zu Carthago verdammt, und, als er dahin zurück kehrte, ohne zu wis sen, was wider ihn vorgegangen war, hin gerichtet. Er war einer der größten Gene rale, den diese Republik hatte. Ein einziges Unglücke machte, daß man alle die Dienste vergaß, die er ihr geleistet hatte. So mach te man es zu Rom nicht.
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Die Römer hatten noch keinen Sieg er langt, der grösser gewesen war, als dieser. Er machte ihre Völker wieder muthig, und schlug den Muth der Carthaginenser völlig nieder. Sie wagten auch, so lange der Krieg noch währete, keine einzige Feldschlacht wieder. Zwanzig tausend Carthaginenser kamen in diesem Treffen um. Man bekam sechs und zwanzig Elephanten in dem Tref fen selbst, und die andern in folgenden Ta gen. Der Proconsul, welcher vorher sahe, daß diejenigen, die mit diesen Thieren nicht umzugehen wüßten, sie schwerlich fangen und aus ihrer Raserey herbringen würden, in dem sie auf dem Felde von einer Seite zur andern herum irrten, der Consul, sage ich, ließ durch einen Herold ausruffen, daß er denen Leben und Freyheit schenkte, welche etwas darzu beytrügen, diese Thiere zu fan gen. Die Carthaginenser ergriffen mit Freuden diese Gelegenheit, sich ihr Schicksal zu erleichtern. Sie fiengen zuerst diejeni gen, die am wenigsten wild waren, und die sie am besten kannten, und dadurch bemäch tigten sie sich der übrigen ohne Mühe. Me tellus schickte sie alle nach Rom, und es wa (Die gefan genen Ele phanten werden ü bers Meer nach Rom geschickt.) ren derselben hundert und zween und vierzig. Mit der Uberfahrt dieser Thiere machte man es also. Sie war nicht leicht, denn man hatte keine Schiffe, welche sich recht dazu schickten. Man brachte eine grosse
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Menge leerer Tonnen zusammen, welche man zwo und zwo vermittelst eines Balkens(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) aneinander hängte, wodurch verhindert wurde, daß sie nicht aneinander stossen, auch nicht auseinander gehen konnten. Man machte darüber einen Boden von Bretern, den man mit Erde und andern Schutte be deckte; an beyden Seiten richtete man ein Geländer auf, um zu verhindern, daß die Elephanten nicht ins Wasser fallen sollten. Sie giengen darüber, und fuhren auf dem Meere fort, ohne es zu merken, und wur den vermittelst dieser Flösse bis an das Ufer gebracht, als wenn sie beständig auf der Er de wären fortgeschafft worden. So ließ Me tellus alle seine Elephanten bis nach Rhegium bringen, von da man sie nach Rom führte, wo sie im Circo zu sehen waren; ein Schau spiel, das dem Volke eben so viel Vergnü gen machte, als es zeither den Armeen Schre cken verursacht hatte. Der ansehnliche Verlust, welchen die Carthaginenser seit einigen Jahren sowohl zu Wasser, als zu Lande gehabt hatten, brach te sie zum Entschlusse, Gesandten nach Rom zu schicken, um Friedensunterhandlungen zu pflegen, und im Fall sie keinen erhalten könn ten, der ihnen anständig wäre, die Aus wechslung der Kriegsgefangnen vorzuschla gen, weil man gern einige, die aus den vor nehmsten Carthaginensischen Familien wa
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ren, frey haben wollte. Sie glaubten, Re (d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) gulus würde ihnen dabey eine grosse Hülfe seyn, zumal was den andern Punkt anbe traf. Er hatte zu Rom sein Weib und seine Kinder, eine grosse Anzahl Freunde und Verwandten im Senate, und sein leiblicher Vetter war Consul. Man hatte Ursache zu vermuthen, daß das Verlangen, sich aus dem traurigen Zustande, in welchem er so lange schon schmachtete, zu reissen, wieder zu seiner von ihm so geliebten Familie, zu rückzukehren, und seinem Vaterlande, wo er eine allgemeine Liebe und Ehrfurcht ge gen sich erworben hatte, wiedergegeben zu werden, ihn ohne Zweifel antreiben würde, das Verlangen der Carthaginenser zu un terstützen. Man drang also in ihn, die Gesandten auf der Reise nach Rom zu be gleiten, zu der sie Anstalten machten. Er glaubte, daß er ihre Bitte nicht abschlagen dürfte; die Folge wird zeigen, was seine Bewegungsgründe waren. Ehe er abreisete, mußte er schwören, daß er, im Fall er in seinen Bitten nicht glücklich wäre, wieder nach Carthago zurückkehren wollte; man gab ihm auch zu verstehen, daß das Schick sal seines Lebens von dem Erfolge dieser Un terhandlungen abhienge. Als sie nahe bey Rom waren, so wollte Regulus nicht hineinziehen, und führte zur Ursache an, daß die Gewohnheit der alten
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Römer gewesen sey, feindlichen Abgesandten nur ausserhalb der Stadt Gehör zu geben.(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) Der Senat versammelte sich also hier, und nachdem die Gesandten die Ursache ihrer Gesandschaft vorgetragen hatten, begaben sie sich hinweg. Regulus wollte ihnen fol gen, ob ihn gleich die Herren des Senats baten, da zu bleiben, und er willigte nicht eher in ihr Verlangen, als bis ihm die Car thaginenser, als deren Sklaven er sich an sah, Erlaubniß dazu gegeben hatten. Es scheint nicht, als ob man des Friedens Erwähnung gethan habe; zum wenigsten hat man sich nicht lange dabey aufgehalten; die Unterhandlung betraf allein die Aus wechslung der Gefangnen. Regulus, wel cher von der Versammlung ersucht wurde, seine Meynung zu sagen, antwortete, daß er solches nicht als ein Senator thun könnte, indem er sowohl diese Würde, als die Wür de eines Römischen Bürgers verlohren hät te, indem er in die Hände der Feinde gera then wäre; allein er weigerte sich nicht, sei ne Gedanken als ein blosser Privatmann zu eröffnen. Die Umstände, worinnen er sich befand, waren sehr bedenklich. Alle Welt wurde von dem Unglücke eines so grossen Mannes gerührt. Er durfte, sagt Cicero, nur ein einziges Wort sagen, um seine Frey heit mit seinen Gütern wieder zu erlangen, und seinen Würden, seiner Frau, seinen Kin
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dern und seiner Familie wiedergegeben zu (d. 502. J. n. E R. d. 250. J. v. C. G.) werden. Allein dieses Wort schien ihm der Ehre und dem Besten des Staates entgegen zu seyn. Er achtete nur auf die Empfindun gen, welche ihm die Stärke und Grösse sei ner Seelen, eingab. Das sind Tugenden, spricht Cicero(*), da er von dem Regulus redet, die die Menschen lehren, nichts zu fürchten, alle menschlichen Dinge zu verach ten, und nichts für unerträglich anzusehen, was dem Menschen begegnen kann. Ich will mit dem Seneca(**) hinzusetzen, überall hin zu gehen, wohin uns unsre Pflichten ru fen, keine Gefahren zu scheuen, und alle an dre Vortheile, sie mögen auch seyn, welche sie wollen, nicht zu achten. Er erklärte sich also ausdrücklich (***), ædaß man auf keine Auswechslung der Kriegsgefangnen denken 57 58 59
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müsse; daß ein solches Exempel für die Re publik sehr gefährliche Folgen haben würde;(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) daß Bürger, die so zaghaft sich erwiesen hätten, ihre Waffen den Feinden zu über liefern, kein Mitleid verdienten, uudund un würdig wären, dem Vaterlande ferner zu dienen. Was ihn anbelangte, so müßte man in dem Alter, wo er wäre, nichts auf ihn rechnen; wenn man ihn verlöhre, verlöhre man nichts; da sie hingegen Car thaginensische Generale in ihrer Gewalt hätten, welche in ihren besten und stärksten Jahren wären, die sich im Stande befän den, ihrem Vaterlande noch viele Jahre wichtige Dienste zu leisten.“ Der Senat folgte einem Rathe ungern, der ihm so theuer zu stehen kam, der in dem Fall, wo sich Regulus befand, so unerhört und ohne Exempel war. Cicero untersucht in seinem dritten Buche von den menschli chen Pflichten, ob Regulus, nachdem er im Senate seine Meynung gesagt hatte, ver bunden gewesen sey, nach Carthago zurück zukehren, und sich den grausamsten Martern
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auszusetzen, oder ob er habe seinen Eid bre (d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) ckenbrechen können, der ihm von den Feinden mit Gewalt erpreßt worden war, die nicht wuß ten, was das hiesse, sein Wort halten, von denen er eben so wenig, als von dem Zorne der Götter zu befürchten gehabt habe, die des Zornes unfähig sind.(*) Cicero verwirft diese Gedanken mit einem gewissen Unwillen. Worauf man bey ei nem Eide sehen muß, sagt er, und weswe gen man ihn halten soll, das ist nicht die Furcht, bestraft zu werden, wenn man ihn bricht, sondern seine eigenthümliche Stärke und Heiligkeit. Denn der Eid ist eine Zusage der Religion.(**) Wer also auf solche Weise etwas bejaht, und Gott selbst zum Zeugen darüber nimmt, dem muß sein gegebenes Wort ehrwürdig seyn, und deswegen seine Treue halten, diese Treue, von welcher Ennius diesen schönen Ausdruck hat: O heilige Treue, bey der Jupi ter selbst schwört, die du würdig bist, auf die höchsten Spitzen der Tempel gesetzt zu werden.(***) Wer also seinen 60 61 62
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Schwur bricht, verletzt diese so heilige Treue, welche eine so grosse Ehrfurcht verdient. Der(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) Krieg selbst hat seine Gesetze, die gegen die Feinde, sie mögen seyn wer und wie sie wol len, heilig beobachtet werden müssen, und zu behaupten, daß die Zusage, die man einem eidlich gethan hat, nichtig sey, weil er keinen Glauben hält, das heißt, das abscheuliche Verbrechen des Meineides und der Untreue durch einen nichtigen Vorwand bedecken wollen. Man muß also aus dem, was gesagt wor den ist, den Schluß machen, daß alle Tha ten, zu denen die Furcht und Niederträchtig keit des Herzens verleiten, das ist solche Tha ten, als Regulus eine begangen haben wür de, wenn er bey der Auswechslung der Ge fangnen mehr auf sich als auf die Republik gesehen hätte, oder wenn er an statt wieder nach Carthago zurückzukehren, in Rom ge blieben wäre, daß solche Thaten als strafbar, schändlich und ehrlos angesehen werden müs sen. Das ist immer Cicero noch, welcher dieses sagt. So weit kann nun die mensch liche Weisheit kommen, die niemals weit reicht, wenn auf die ersten Gründe der Din ge zurückgegangen werden soll, und die da durch, daß sie ihre Moral ohne Absicht auf GOtt und nicht auf die Furcht, von ihm gestraft zu werden, und nicht auf die Hoff nung, ihm zu gefallen, baut, der Tugend
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alle gründlichen Bewegungsgründe und alle (d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) feste Stützen nimmt. Regulus stund gar nicht bey sich an, was er thun sollte. Dieser berühmte Gefangne gieng von Rom weg, um wieder nach Car thago zurückzukehren, ohne von den lebhaf ten Schmerzen seiner Freunde, und ohne von den Thränen seines Weibes und seiner Kin dergerührt zu werden. Er gieng mit der Ruhe eines Magistrats dahin, der, endlich von allen öffentlichen Geschäften frey, sich auf sein Landgut begiebt (*). Er wußte unterdessen wohl, was für Martern auf ihn warteten. In der That, so bald er zurück kam, ohne die Auswechslung der Gefangnen erlangt zu haben, und als sie erfuhren, daß er sich selbst dawider gesetzt hatte, so waren 63
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keine Qvaalen zu erdenken, die ihn ihre bar barische Wuth nicht erdulten ließ. Sie(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) hielten ihn lange in einem ganz finstern Ge fängnisse eingeschlossen, woraus sie ihn plötz lich wieder ans Licht führten, nachdem sie ihm die Augenlieder weggeschnitten hatten, um ihn den heftigsten und gewaltigsten Son nenstralen bloß zu setzen. Sie schlossen ihn hier auf in eine Art von einer Tonne ein, die in wendig Stacheln hatte, worinnen sie ihm Tag und Nacht keine Ruhe liessen. Nach dem sie ihn also lange Zeit gemartert, und durch ausserordentliche Schmerzen und durch den beständigen Mangel des Schlafens ge qvält hatten, so schlugen sie ihn an ein Kreuz, welches die gewöhnlichste Todesstrafe der Carthaginenser war, und brachten ihn also um. Dieses war das Ende dieses grossen Man(Betrach tungen über die Stand haftigkeit u. Gedult des Regu lus.) nes. Es würde seiner Ehre(*) noch etwas gemangelt haben, wenn seine Standhaftig keit und Gedult nicht auf eine so harte Pro be gestellt worden wäre. Das sind nicht glückliche sondern nnglücklicheunglücklicheZufälle, wel che die Tugend in aller ihrer Grösse zeigen, die sie in ihr ganzes Licht setzen, und die zu erkennen geben, wie weit ihre Stärke geht. 64
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Das ist ein Heide, der so redet, aber er wuß (d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) te den Gebrauch der grossen Wahrheiten nicht, die er lehrte. Wenn ihr, sagt Se neca weiter, rechtschaffne Leute von Böse wichtern verfolgt, gekränkt und gemartert werden seht, so glaubt nicht, daß sie GOtt vergißt. Er geht mit ihnen, wie ein guter Vater mit seinen Kindern um, die er liebt, die er aber mit Strenge zur Weißheit und zu guten Sitten erzieht. GOtt hat für die Tugendhaften keine verzärtelte Liebe, die ihn antreibt, allzugelinde mit ihnen umzugehen; er stellt sie auf die Probe, er macht sie hart, und bemüht sich, sie seiner würdig zu machen. Ein Tyrann kan seine Gewalt an ihrem Kör per ausüben, aber weiter geht sie nicht. Er hat keine Macht über ihre Seele, die eine geheiligte Freystadt ist, wohin seine Streiche nicht dringen können.(*) Mitten unter den 65
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Martern bleiben sie ruhig, und sind ihren Pflichten unverbrüchlich zugethan. (*) Sie(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) empfinden die Martern, aber sie überwälti gen sie. Das ist die Abbildung des Regu lus, des Helden des Heidenthums in Anse hung der Standhaftigkeit und Geduld, al lein zum Unglück auch des Märtyrers der Ei telkeit, der Liebe zum Ruhm, und einer ein gebildeten Tugend. Es ist merkwürdig, daß Polybius von al len diesen Wundern der Beständigkeit gar nichts erwähnt. Als der Senat den tragischen Tod des(Die Car thaginen ser werden der Rache der Mar cia über liefert. Zonar. VIII. 394. Aul. Gell. VI. 4. Diod. ap. Vales. LXXIV.) Regulus und die unerhörte Grausamkeit der Carthaginenser erfahren hatte, so wurden die vornehmsten von den Carthaginensischen Ge fangnen der Marcia, seiner Frau, und sei nen Kindern übergeben. Sie schlossen sie in einen innewendig mit eisernen Stacheln ver sehenen Kasten, um sie mit Wucher die Mar tern empfinden zu lassen, in welchen Regulus sein Leben geendigt hatte. Sie liessen sie fünf ganze Tage ohne Speise, und als dieselben zu Ende waren, starb Bostar vor Hunger und Elend. Allein Hamilkar, dessen Lei 66
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besbeschaffenheit stärker war, lebte noch (d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) fünf Tage neben dem Leichname des Bostar vermittelst der Nahrung, die man ihm reich te, um seine Schmerzen zu verlängern. End lich befahl der Senat, als er unterrichtet wurde, was in dem Hause der Marcia vor gieng, diesen Grausamkeiten ein Ende zu machen; sie schickten die Asche des Bostar nach Carthago, und befohlen, daß die übri gen Gefangnen gelinder sollten gehalten wer den. Mir scheint, daß der Senat, obgleich die Carthaginenser eines solchen barbarischen Bezeigens werth zu seyn schienen, sie dennoch der Rache eines Weibes nicht hätte überlie fern sollen, und daß mehr Menschlichkeit ei ne edlere Rache, und dem Römischen Nah men anständiger gewesen wäre.

III §.

Der Triumph des Metellus. Belagerung der Stadt Lilybäum von den Römern. Entdeckung einer Ver rätherey in der Stadt. Man bringt eine ansehnli che Verstärkung hinein. Heftiger Scharmützel [bey] bey den Maschinen. Feuersbrunst, in welcher die Werke aufgehen. Eitler Charakter des Consul Clo dius. Schlacht bey Drepanum. Verlust der Rö mischen Flotte. Der Consul Junius geht nach Si cilien. Neues Unglücke der Römer bey Lilybäum. Sie vermeiden glücklich zwo Schlachten. Völliger Verlust der Römischen Schiffe durch einen gewalti gen Sturm. Man ernennet einen Diktator. Ju nius nimmt Eryx weg. Dem Hamilkar Barkas wird das Commando in Sicilien übergeben. Einige Privatpersonen in Rom rüsten Caper aus und ver heeren Hippo. Geburt des Hannibal. Auswechs
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lung der Kriegsgefangnen. Zwo neue Pflanzstädte. Die Römer werden von den Censoren gezählt. Eine Römische Dame wird von dem Volke angeklagt und verdammt. Hamilkar bemächtigt sich der Stadt Eryx. Die Erbauung einer neuen Flotte von Pri vatpersonen unter den Römern. Postumius, der Consul, wird in Rom als Priester zurückbehalten. Der Senat untersagt dem Lutatius, die Wahrsager von Präneste zu fragen. Treffen bey den Inseln Egates von den Römern gewonnen. Friede zwischen Rom und Carthago. Sicilien wird eine Römische Provinz.
Auf die Schmerzen, die das traurige En(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G. Triumph des Metel lus. Freinsh. XIX. Liv. Epit. XIX.) de des Regulus verursacht hatte, folgte die Freude, die das angenehme Schauspiel von dem Triumphe des L. Metellus in der gan zen Stadt ausbreitete, vor dessen Wagen dreyzehn vornehme Carthaginensische Offi ciere und sechs und zwanzig Elephanten vor angiengen. Ich habe schon gesagt, daß man sie das Volk im Circo noch einmal sehen ließ, worauf man sie alle umbrachte, weil man es nicht für rathsam hielt, sie unter den Rö mischen Armeen zu gebrauchen. Man hat angemerkt, daß die Lebensmit(Plin. XVIII. 3.) tel in diesem Jahre in einem sehr geringen Preise gestanden. Ein Scheffel Korn (*), beynahe vier Maaß Wein, dreyßig Pfund trockne Feigen, zehn Pfund Olivenöhl, zwölf Pfund Fleisch, alle diese Dinge hatten einen Preis, und kosteten jedes nicht mehr 67
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als ein As, und ein As, welches der zehnte (d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) Theil von einem Römischen Denario war, welcher von den meisten Gelehrten auf zehn Kreuzer gerechnet wird, galt nicht mehr, als einen Kreuzer. Polybius erzehlt, daß zu sei ner Zeit ein Scheffel Korn in Italien nicht mehr als vierzehn Obolen, das ist sechs und einen halben Kreuzer gegolten haben, und ein Scheffel Erbsen nur halb so viel. Ein Schef fel Korn reichte für einen Soldaten acht Ta ge. Zu der Zeit von der wir reden, hatten die ausserordentlichen Unkosten, die man auf die Ausrüstung der Flotten wenden müssen, den öffentlichen Schatz erschöpft, und das Geld sehr selten gemacht; darum war der Preis der Lebensmittel so sehr gefallen. Die Grausamkeit der Carthaginenser ge (Die Rö mer bela gern Lily bäum. Polyb. I. 43 - 47.) gen den Regulus hatte in den Gemüthern der Römer eine lebhafte Begierde nach Ra che entzündet. Die beyden Consuln seegel ten mit vier Legionen und einer Flotte von zwey hundert Schiffen nach Sicilien ab. Dazu stiessen bey Panormus noch vierzig, eine grosse Anzahl kleiner Schiffe nicht ge rechnet. Nachdem sie Kriegsrath gehalten und reiflich überlegt hatten, was sie unter nehmen sollten, so entschlossen sie sich zu der kühnen Unternehmung, Lilybäum zu bela gern. Das war der stärkste Platz, den die Carthaginenser in Sicilien hatten, deren Verlust den Ubergang alles dessen, was sie
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noch in dieser Insel besassen, nach sich zie hen mußte, und ihnen einen freyen Eingang(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) nach Afrika öffnete. Diese Belagerung, welche sehr lange dauerte, konnte nicht eher als mit dem Kriege selbst geendiget werden, und ist als ein Meisterstück der Römischen Kriegswissenschaft und Geschicklichkeit anzu sehen. Sicilien sieht der Figur nach wie ein Tri(Polyb. I. 40.) angel aus. Die Spitzen jedes Winkels sind so viele Vorgebürge. Das gegen Mittag, welches sich in das Meer bey Sici lien erstreckt, hieß man Pachynum. Das Vorgebürge Pelorus(*) liegt gegen Mitter nacht, schließt die Meerenge, und ist von Italien etwa zwölf Stadia, oder etwas we niger als eine Viertelmeile entfernt. Das dritte Vorgebürge heißt Lilybäum (**). Es liegt nach Afrika, wovon es tausend Sta dia, oder etwa funf und zwanzig deutsche Meilen abliegt. Auf diesem letzten Vorge bürge liegt eine Stadt gleiches Nahmens. Sie war mit guten Mauren, mit einem tiefen Graben und mit einem Moraste um geben, der von der See verursacht wurde. Durch diesen Morast kömmt man in den Hafen, und die Farth ist für diejenigen sehr gefährlich, welche die Gegenden nicht wissen. 68 69
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Man kann leicht denken, wie eifrig man (d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) sowohl auf Seiten der Belagerer als auf Seiten der Belagerten war. Imilkon commandirte in der Stadt. Er hatte zehn tausend Mann, die Einwohner ungerechnet. Wir werden bald sehen, daß er dazu eine an sehnliche Verstärkung erhielt. Die Römer hatten ihr Lager vor der Stadt auf beyden Seiten aufgeschlagen, und nachdem sie den Zwischenraum, der zwischen beyden Lagern war, mit einem Graben, mit Schanzen, und mit einer Mauer umgeben hatten, so machten sie den Anfang mit dem Angriff des Thurms, der am nächsten nach der See nach Afrika zu lag. Indem sie ihre ersten Wer ke immer mit neuen vermehrten, und sich im mer mehr und mehr näherten, so warfen sie endlich sechs Thürme um, die an eben der Seite lagen, wo der erste lag, von dem wir geredet haben, und unterfiengen sich endlich, die übrigen mit Steinbrechern niederzustür zen. Imilkon that sein Aeusserstes, den Fortgang der Belagerer zu hindern. Er ließ die Oeffnungen wieder füllen, er machte Contraminen, er sah den Augenblick ab, wo er Feuer bey den Maschinen anlegen konnte, und um solches thun zu können, lieferte er Tag und Nacht Scharmützel, die oft bluti ger waren, als ordentliche Schlachten. Indessen, daß er sich so herzhaft verthei digte, machten die fremden Völker, die
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Gallier und andre eine Verschwörung unter sich, die Stadt den Römern zu überliefern.(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) Zum Glücke für die Belagerten wurde die Verrätherey entdeckt, und sogleich wieder unterdrückt. Carthago schlummerte bey der Gefahr nicht, in welcher Lilybäum war. Man rü stete funfzig Schiffe aus, wovon man das Commando dem Hannibal, einem Sohne des Hamilkar, anvertraute. Man ertheilte ihm den Befehl, sogleich abzuseegeln, und er mahnte ihn, als ein beherzter Mann den er sten glücklichen Augenblick abzusehen, wo er sich in die beängstigte Stadt werfen könnte. Hannibal gieng also mit zehntausend Mann, die alle wohl bewaffnet waren, in die See, warf bey der Insel Egusa zwischen Lilybä um und Carthago Anker, und zog bey dem ersten günstigen Winde alle Seegel auf, nä herte sich mit einem unerschrocknem Muthe mitten durch die Römische Flotte, lief herz haft in den Hafen ein, schiffte seine Solda ten aus, ohne daß die Römer, die ganz voll Erstaunen waren, und befürchteten, durch die Heftigkeit des Windes in den Hafen hin ein getrieben zu werden, sich unterstunden, ihm den Eingang streitig zu machen. Imilcon hatte das Vorhaben noch, die Maschinen der Belagerer anzustecken, und wollte sich gern der Bereitwilligkeit bedie nen, die sowohl die Soldaten in der Stadt,
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als auch die ausgeschiffte Mannschaft bezeig (d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) te; jene, weil sie eine neue Verstärkung er halten, diese, weil sie noch nichts erlitten hat ten. Er berief also beyde Truppen zusam men, und entzündete durch eine Rede, wor innen er denen, die sich hervorthun würden, besondre Belohnungen von der Republik Carthago versprach, ihren Muth so sehr, daß sie alle mit einer Stimme schrien, mit ihnen ohne Anstand vorzunehmen, was er für gut befinden würde. Nachdem er ihnen für ih re Bereitwilligkeit gedankt hatte, so beur laubte er die Versammlung, und sagte, daß sie itzt ein wenig ausruhen, und im übrigen die Befehle ihrer Officiere erwarten möch ten. Kurze Zeit darauf versammelte er die vornehmsten unter ihnen. Er sagte ihnen die Posten, die sie einnehmen sollten, gab ih nen das Signal, und bestimmte die Zeit des Angriffes, und befahl den Anführern, sich früh mit ihren Truppen daselbst einzufinden. Sie begaben sich zu bestimmter Zeit dahin. Bey anbrechendem Tage fiel man die Wer ke der Römer auf verschiednen Seiten an. Die Römer, welche solches vorausgesehen hatten, und auf ihrer Hut waren, eilten überall hin, wo Hülfe nöthig war, und tha ten einen muthigen Widerstand. Das Ge fecht wurde bald allgemein, und der Streit sehr blutig. Denn es thaten zwanzig tausend
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Mann aus der Stadt den Ausfall, und die Anzahl der Belagerer war noch grösser.(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) Das Gefecht war um so viel hitziger, weil die Soldaten, ohne eine Ordnung zu halten, unter einander haufenweise fochten, und nur ihrem ungestümen Grimme gehorchten. Dieser Angriff, wo Mann wider Mann, und Glied wider Glied focht, machte mehr viele einzelne Gefechte, als ein grosses allge meines Treffen. Allein das Geschrey und der heftigste Streit war bey den Maschinen und Werken der Römer; denn es war die Absicht des Ausfalls, diese zu verderben, Man fochte hier mit der größten Hitze und Heftigkeit; die einen fochten, um die Wer ke zu ruiniren, die andern, um sie zu verthei digen. Sie fielen auf beyden Seiten in ih ren Posten todt nieder. Die Feinde woll ten nicht ablassen, und die Römer wollten nicht davon weichen. Die Belagerten fie len mit den Fackeln und den Bränden in der Hand von allen Seiten mit einer solchen Wuth auf die Maschinen, daß die Römer zu verschiednen malen schon auf das äusserste gebracht waren, und beynahe unterliegen mußten. Weil unterdessen so viele Cartha ginenser niedergemetzelt wurden, ohne daß sie ihre Unternehmung ausführen konnten, so ließ ihr General, der solches wahrnahm, zum Abzuge blasen, und die Römer, die schon in der Gefahr waren, alle ihre Zurü
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stungen zu verlieren, blieben endlich Meister (d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) von ihren Werken, und behaupteten sie, ohne ein einziges verlohren zu haben. Nachdem dieser Streit geendigt war, so begab sich Hannibal in der Nacht wieder in die See, weil er ohne Zweifel glaubte, daß die Römer von einem so gewaltigen (Diodor. in eclog. p. 849.) Streite ermüdet, und deswegen nicht so sehr auf ihrer Hut seyn würden. Er nahm die Reuterey aus Lilybäum mit hinweg, welche einer belagerten Stadt nur zur Last seyn mußte, an andern Orten aber sehr nützliche Dienste leisten konnte. Er verbarg seinen Lauf vor den Feinden, und richtete seine Farth nach Drepanum, wo Adherbal, der General der Carthaginenser war. Dre panum war ein Platz, der sehr vortheilhaft lag, und einen sehr schönen Hafen hatte. Er lag sechs und zwanzig Stadien weit von Lilybäum, welches drey deutsche Meilen sind, und es war ein Platz, für dessen Erhaltung die Carthaginenser allzeit sehr besorgt gewe sen waren. Die Römer, welche durch den erlangten Vortheil aufgemuntert worden waren, fin gen den Angriff gegen Lilybäum mit einer weit grössern Hitze wieder an, als sie noch (Polyb. I. 49.) niemals gezeigt hatten, ohne daß die Bela gerten einen neuen Versuch thaten, die Ma schinen zu verbrennen, so sehr waren sie durch den ersten abgeschreckt worden, weil sie gar
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zu viel dabey verlohren hatten. Doch als sich einmal ein sehr stürmischer Wind er(d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) hob, so liessen solches einige fremde Truppen, die im Carthaginensischen Solde stunden, ihrem General bemerken, und stellten ihm vor, daß solches eine sehr vortheilhafte Gele genheit wäre, die Maschinen der Belagerer mit Feuer anzuzünden, welches um so viel leichter wäre, weil der Wind auf ihrer Sei te war, und sie erboten sich zu dieser Unter nehmung. Ihr Antrag wurde angenom men. Man versah sich mit allen demjenigen, was zur Ausführung dieses Unternehmens gehörte. In einem Augenblicke ergriff das Feuer alle Maschinen, ohne daß es den Rö mern möglich war, solchem Unheile abzuhel fen, weil der Wind bey dieser Feuersbrunst, die in wenig Zeit allgemein geworden war, ihnen den Rauch und die Flammen ins Ge sicht trieb, und dadurch verursachte, daß sie nicht unterscheiden konnten, wo ihre Hülfe nöthig war; da hingegen die Feinde deut lich sehen konnten, wohin sie ihren Angriff wenden, und das Feuer werfen muß ten. Die Römer verlohren durch diesen Zufall die Hoffnung, den Platz mit Gewalt(Diodor. ibid.) einzunehmen. Der Mangel an nöthigen Lebensmitteln war überdieß so groß, daß sie sich genöthigt fanden, zu ihrem Unterhalte nichts als Pferdefleisch zu haben, und die Seuche, die daher kam, riß in kurzer Zeit
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mehr denn zehn tausend Menschen weg. Sie (d. 502. J. n. E. R. d. 250. J. v. C. G.) waren also entschlossen, die Belagerung ganz aufzugeben. Allein als Hiero, der König von Syrakusa, ihnen Korn in Uberfluß zu geschickt hatte, so bekamen sie dadurch neu en Muth, und dieser König ermahnte sie sehr lebhaft, ihr Unternehmen nicht fahren zu las sen. Sie begnügten sich also damit, die Be lagerung in eine Bloqvade zu verwandeln; sie umgaben die Stadt mit einem guten Lauf graben, breiteten ihre Armee in allen um herliegenden Gegenden aus, und waren ent schlossen, die Zeit abzuwarten, weil sie sich nicht im Stande sahen, ihr Unternehmen auf eine kürzere Art auszuführen.

P. Clodius Pulcher. (d. 502. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) L. Junius Pullus.

Als man in Rom erfuhr, was bey der Belagerung von Lilybäum vorfiel, und daß ein grosser Theil der Völker der Republik davor umgekommen wäre, so schlug doch diese verdrüßliche Nachricht die Gemüther nicht nieder, sondern schien den Bürgern ei nen neuen Muth und eine neue Tapferkeit einzuflössen. Jeder Bürger eilte, sich in die Rollen der Neuanzuwerbenden einzeich nen zu lassen. Man warb also in kurzer Zeit zehntausend Mann, welche, nachdem sie durch die Meerenge gebracht worden, den
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Belagerern zu Lande zueilten, um sie zu ver(d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) stärken. Sicilien war dem Consul Clodius durch das Los zugefallen, und er war schon dahin abgegangen. Es war ein Mann von einem(Charakter des Clodius. Diod. ap. Vales. Libr. IV. p. 204.) harten, trozigen und ungestümen Charakter, der durch seinen Adel, und noch mehr durch sein eignes Verdienst, aufgeblasen war, und alle andere verachtete, der keinen Rath an nahm, und unterdessen doch zu sehr kühnen Unternehmungen schritt, die eines guten Ra thes benöthiget gewesen wären. So bald er in Sicilien ankam, so fing er an, vor den Truppen die Aufführung der vorigen Con suln zu verdammen, beschuldigte sie der Nach läßigkeit und Zaghaftigkeit, und machte ih nen den Vorwurf, daß sie ihre Zeit in Er götzlichkeiten und Schmausen zugebracht hät ten, an statt die Belagerung mit aller Macht fortzusetzen. Um den Belagerten zu verwehren, daß sie keine Nachricht und keine Hülfe sollten erhalten können, hatte er sich unterfangen, den Hafen mit Dämmen durch die See fül len zu lassen: Ein grosses und kühnes, aber auch ein allzuverwegenes und durchaus un mögliches Unterfangen! Was den Clodius noch tadelnswürdiger machte, war dieses, daß seine Vorgänger schon vergebens gesucht hatten, den Eingang des Hafens verschüt ten zu lassen. Das Meer war an diesem
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Orte allzutief. Alles, was man hinunter (d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) warf, blieb nicht da, wo es bleiben sollte. Die Fluth und die Heftigkeit des Stroms rissen alles hinweg, und zerstreueten alle Ma terialien, ehe sie noch auf den Boden ka men. Weil er sich, es möchte auch kosten was es wollte, hervorzuthun willens war, so dachte er auf eine andere Unternehmung, und wollte den Adherbal bey Drepanum angreifen. Er machte sich auf einen gewis sen Sieg Rechnung, weil er nach dem Ver luste, den die Römer vor Lilybäum erlitten, sich nicht würde einbilden können, daß sie in die See gehen würden, indem er nicht wuß te, daß sie eine ansehnliche Verstärkung er halten. Das war seine Hoffnung, und er suchte sich also zweyhundert Schiffe aus, auf welche er seine besten Seeleute und den Kern der Legionen brachte. Die Truppen liessen sich mit Freuden einschiffen, weil die Uberfarth nicht weit war, und weil ihnen überdieß, nach dem, was ihnen der Consul alles gesagt hatte, die Beute ganz gewiß zu seyn schiene. Um sein Unternehmen desto besser zu verbergen, ließ er die Flotte zur Nachtzeit in die See gehen, ohne von den Belagerten wahrgenommen worden zu seyn. Bey anbrechendem Tage war der Vorzug schon im Gesichte von Drepanum. Adher bal, der sich nichts weniger vermuthete, er
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staunte, wurde aber in keine Verwirrung darüber gebracht. Er versammlete also(d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) seine Flotte sogleich, nicht weit vom Ufer, mit dem Befehle in die See zu gehen, und es beständig im Gesichte zu behalten. Er wollte es nicht im Hafen zum Gefechte kom men lassen, wo er sich nicht frey ausbreiten, wenden, und unter die feindlichen Schiffe einmengen konnte, wodurch er allen Vor theil verlohr, den ihm die Leichtigkeit seiner Schiffe verschaffte, und wo er die Römer nicht verhindern konnte, über den Bord zu kommen, wofür er sich mehr, als vor allem andern fürchtete. Er stach also zuerst in die See, gewann die Höhe im Meere, und ließ seine Flotte zwischen Felsen hinein gehen, welche die Seite des Hafens einschlossen, die derjeni gen entgegen gesetzt war, durch welche der Feind einlieff. Der Consul, welcher schon den rechten Flügel von seiner Flotte in den Hafen einlauffen ließ, erstaunte über die Be wegung der Carthaginenser, und schickte den Schiffen von seinem rechten Flügel, die schon im Hafen waren oder einlauffen wol ten, Befehl zu, sich zu wenden und mit der ganzen Flotte wieder zu vereinigen. Diese Bewegung verursachte eine unbeschreibliche Unordnung. Denn die Schiffe, die schon im Hafen waren, stiessen an diejenigen, die einlieffen, verwirrten sich sehr unter einan
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(d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) der oder zerbrachen ihnen auch wohl die Ru der. Die Unruhe und der Lerm, der diese Be wegung begleitete, hatte schon die ganze Ar mee in Schrecken gejagt. Der Consul that etwas, welches ihnen vollends allen Muth und alle Hoffnung benahm und sie ganz zaghafft machte. Die Römer, oder doch zum wenigsten der gemeine Haufe hatten ei nen grossen Glauben an den Anzeichen, die man an den heiligen Hünern und in den geschlachteten Opfern wahrnehmen wollte. In dem Augenblicke, da man das Treffen liefern wollte, kam man zum Clodius und sagte, daß die Hüner weder aus ihrem Kor be hervor gehen noch fressen wollten. Er ließ sie ins Meer werffen und sagte mit einer spöttischen Stimme dazu: Sie mögen trincken, weil sie nicht essen wollen.(*) Dieses spöttische Lachen kostete ihm, wie Cicero sagt, viel Thränen, und brachte das Römische Volck in grosses Unglück. (**) Es waren freylich alle Opfergebräuche im Grun de nichts, als eine Betrügerey und Mumme rey, allein sie machten doch einen Theil der Religion der damaligen unglückseeligen Zei 70 71
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ten aus, und man setzte sich in das Ansehen(d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) eines gottlosen Menschen und eines Feindes der Götter, wenn man sie öffentlich verach tete. So wie sich ein Schiff nach dem an dern aus dem Hafen herauswickelte, so stell ten sie die Häupter derselben längst an der Küste mit dem Feinde entgegen gekehrten Vordertheilen hin. Im Anfänge hatte sich der Consul mit seinen Schiffen hinter die Flotte gestellt; hierauf begab er sich auf die Höhe, und stellte sich auf den linken Flügel. Zu gleicher Zeit näherte sich Adherdal in vol lem Meere, stellte seine Galeren in eine Li nie, den Römischen gerade gegen über, wel che nahe gegen das Ufer zu hielten, und die Schiffe erwarteten, welche wieder aus dem Hafen herausliefen; eine Stellung, die ih nen sehr nachtheilig war. Als die beyden Flotten nahe genug an einander waren, und das Zeichen auf beyden Seiten gegeben wor den war, so gieng das Treffen an. Im Anfange war eine Flotte der andern gleich. Aber die Carthaginenser gewannen immer nach und nach die Oberhand. Sie hatten auch während des ganzen Treffens viele Vor theile vor den Römern voraus. Ihre Schiffe waren so gebaut, daß sie mit grosser Geschwindigkeit alle nur erforderliche Be wegungen vornehmen konnten; Ihre Ruder knechte waren sehr erfahren, und sie hatten endlich die Vorsicht gehabt, sich im hohen
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Meere in Schlachtordnung zu stellen. Wur (d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) den einige von ihnen vom Feinde bedrängt, so wichen sie zurück, ohne Gefahr zu laufen, und mit so leichten Schiffen war es ihnen leicht, die Höhe zu gewinnen. Näherte sich der Feind, um sie zu verfolgen, so wendeten sie sich, so waren sie unermüdet um dasselbe herum, und liessen demselben keine Ruhe mit ihren Anfällen, da sich hingegen die Römi schen Schiffe wegen ihrer Schwere mit Mü he wenden konnten, zumal da ihre Schiffer nicht genugsame Erfahrung hatten. Die ses verursachte, daß viele in den Grund ge jagt wurden. Weil sie das Treffen nicht weit vom Ufer hielten, und sich keinen Raum vorbehalten hatten, zurückzuweichen, so konn ten sie sich selbst nicht aus der Gefahr reissen, wenn sie bedrängt wurden, auch andern nicht beystehen, wo es nöthig war. Die meisten Schiffe blieben also auf den Sandbänken unbeweglich stehen, und ein Theil wurde ge zwungen, am Ufer zu scheitern. Es rette ten sich von allen Römischen Schiffen nicht mehr denn dreyßig, welche bey dem Consul waren, und mit ihm die Flucht ergriffen, und sich längst dem Ufer hin, so gut als möglich war, von den Feinden loßmachten. Weil man, um zur Armee zu gelangen, die Lily bäum belagerte, mitten durch die Carthagi (Frontin. Stratag. II. 13.) nenser durchmußte, so schmückte er seine Flotte mit allen Merkmalen eines erlangten Sieges
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aus, und hintergieng also durch diese Kriegs(d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) list die Feinde, welche ihn für den Sieger hielten, und in der Meynung stunden, daß ihm die ganze Flotte nachfolgte. Die übri gen Schiffe, an der Zahl drey und neunzig, geriethen mit ihrer ganzen Ausrüstung in die Gewalt der Carthaginenser. Die Römer verlohren in dieser Action acht tausend Mann, welche entweder getödtet wurden, oder im Meere ihren Tod fanden. Zwanzig tau send Mann, sowohl Soldaten als Matrosen und Ruderknechte wurden gefangen nach Carthago geführt. Ein so wichtiger Sieg brachte der Klug heit und Tapferkeit des Adherbals eben so viel Ehre, als er den Römischen Consul in Schande stürzte. Dieser Verlust war nicht der einzige, der(Der Con sul Junius geht nach Sicilien.) die Römer in diesem Jahre betraf. Sie hatten dem L Junius, einem von ihren Con suln aufgetragen, Lebensmittel und andern Vorrath zur Armee vor Lilybäum zu führen, und man gab ihm sechzig Schiffe zur Bede ckung. Nachdem er bey seiner Ankunft zu Meßina seine Flotte mit allen den Schiffen vermehrt hatte, die von Lilybäum und dem übrigen Theile von Sicilien zu ihm gestossen waren, so gieng er in aller Geschwindigkeit nach Syrakusa, wo er, ohne Gefahr zu lau fen, glücklich ankam. Seine Flotte bestund aus hundert und zwanzig Kriegsschiffen, und
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ungefähr aus hundert Lastschiffen. Er gab (d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) die Hälfte von diesen nebst einigen von jenen den Qvästoren, mit dem Befehle, die Le bensmittel ungesäumt ins Lager zu schaffen; er aber blieb zu Syrakusa, in der Absicht, die Schiffe daselbst zu erwarten, welche ihm von Meßina nicht hatten folgen können, und die Lebensmittel in Empfang zu nehmen, welche er von den Bundsgenossen erhalten sollte. (Neuer Ver lust der Römer bey Lily bäum.) Zu eben der Zeit formirte Adherbal, nach dem er alle Gefangenen und alle Beute des letzten Sieges nach Carthago geschickt hatte, eine Eskadre von hundert Schiffen, gab dreyßig von den seinigen dazu, und siebzig, welche ihm Carthalon, der mit ihm comman dirte, zugeführt hatte, stellte diesen General an ihre Spitze, und gab ihm Befehl, nach Lilybäum zu seegeln, die feindlichen Schiffe unvermuthet zu überfallen, so viel als er de ren wegnehmen könnte, wegzunehmen, und die übrigen anzustecken. Carthalon unter zog sich dieser Unternehmung mit Vergnü gen. Er geht mit anbrechendem Tage fort, verbrennt einen Theil der Flotte und zerstreut den andern. Das Schrecken breitete sich in dem Lager der Römer aus, und sie lie fen alle mit einem grossen Geschreye nach ih ren Schiffen. Unterdessen daß sie ihnen zu Hülfe eilen, fällt Imilkon, welcher frühmor gends bemerkt hatte, was vorgieng, aus der
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Stadt hinaus, und greift sie mit den im(d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) Carthaginensischen Solde stehenden Völkern an. Man kann denken, in welcher Bestür zung die Römer gewesen seyn müssen, da sie sich zu gleicher Zeit auf beyden Seiten an gegriffen sahen. Nachdem Carthalon einige Schiffe ge nommen, und andre verbrannt hatte, so entfernte er sich ein wenig, und setzte sich mit seiner Flotte auf der Straße nach Heraclea (*), um die neue Flotte der Römer zu beobach ten, und ihre Ankunft in das feindliche La ger zu verhindern. Als er von denen, wel che er ausgeschickt hatte, Kundschaft von den Feinden einzuziehen, benachrichtiget wurde, daß eine ziemlich starke Flotte, die aus ver schiednen Schiffen bestünde, im Anzuge wä re; (es war die Flotte, welche der Consul unter der Anführung der Qvästoren voraus geschickt,) so rückte er gegen die Römer an, um ihnen das Treffen anzubieten. Er glaubte, daß er sich nach seinem ersten Sie ge nur zeigen dürfte, um zu überwinden. Die Eskadre, die von Syrakusa kam, wurde von der Nähe ihrer Feinde auch unterrich tet. Die Qvästoren, die nicht im Stande zu seyn glaubten, ein Treffen zu liefern, län deten mit ihrer Flotte bey einer kleinen alliir 72
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ten Stadt, Phintias (*) genannt, an, wo (d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) zwar kein Hafen war, wo aber Felsen, die sich vom Lande hin in der See erhuben, ei ne Reede machten, und ihnen Sicherheit ge nug gaben. Daselbst liessen sie ihren Vor rath ans Land setzen, und alles, was von Catapulten und Balisten in der Stadt war, auf die Schiffe bringen, und erwarteten al so die Ankunft der Feinde. Diese waren kaum angelangt, als sie die Römer angrei fen wollten. Sie bildeten sich ein, daß die Römer vor Schrecken sogleich ihre Schiffe verlassen, und sich in das kleine nahgelegne Nest begeben würden. Allein weil dieses nicht so erfolgte, wie sie dachten, und die Feinde sich tapfer vertheidigten, so begaben sie sich von diesem Orte zurück, wo sie sich eben nicht wohl befanden, und führten eini ge Lastschiffe mit sich hinweg, die sie genom men hatten, suchten den Fluß Halycus zu gewinnen, wo sie sich setzten, um zu beobach ten, welchen Weg die Römer nehmen wür den. Nachdem Junius alles, was er zu Sy rakusa zu thun gehabt, zu Stande gebracht hatte, fuhr er über das Vorgebürge Pachy num hinaus, und seegelte nach Lilybäum. Er wußte von allem dem nichts, was mit 73
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denen vorgegangen war, die er voraus ge(d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) schickt hatte. Sobald Carthalon dieses er fuhr, spannte er in aller Geschwindigkeit sei ne Seegel auf, in der Absicht, dem Consul ein Treffen zu liefern, indem er von den übri gen Schiffen noch entfernt wäre. Junius bemerkte die zahlreiche Flotte der Carthagi nenser von weiten. Er war zu schwach, sich in ein Treffen einzulassen, und dem Feinde allzunahe, als daß er die Flucht hätte ergrei fen können. Er entschloß sich also bey Ca marina in einer sehr hohen abhängigen Ge gend, wo man unmöglich anländen konnte, Anker zu werfen, und lieber mit seiner Flotte zwischen den Klippen seinen Untergang zu fin den, als mit derselben in die Gewalt seiner Feinde zu gerathen. Carthalon nahm sich wohl in acht, in einer solchen Gegend dem Feinde ein Treffen zu liefern. Er bemäch tigte sich eines Vorgebürges, setzte sich also zwischen beyde Römische Flotten, und beob achtete, was zwischen der einem und der an dern vorgieng. Es fing sich an, ein gewaltiger Sturm zu erheben. Die Carthaginensischen Steu erleute, die in dergleichen Vorfällen wohl er(Völliger Verlust der Römischen Schiffe durch einen Sturm.) fahren waren, sahen vorher, was sich zutra gen würde. Sie benachrichtigten den Car thalon, und riethen ihm, in aller Geschwin digkeit über das Vorgebürge Pachynum hin aus zu seegeln, und sich vor dem Sturme in
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Sicherheit zu bringen. Der Commendant (d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) folgte diesem Rathe. Sie mußten sehr arbei ten und viel ausstehen, ehe sie über das Vor gebürge hinaus kommen konnten; allein man erreichte doch seinen Endzweck und brachte die Flotte in Sicherheit. Bald darauf gieng der Sturm an. Die beyden Römi schen Flotten, die sich in Gegenden befanden, wo der Sturm ungehindert wüten konnte, wurden so übel zugerichtet, daß nicht einmal ein Balken überblieb, den man hätte brau chen können; zwey Schiffe ausgenommen, deren sich der Consul bediente, diejenigen zusammen darauf zu bringen, welche das Glück gehabt hatten, dem Schiffbruche zu entgehen, es sey, daß sie sich selbst über den Bord geworfen, oder daß sie von dem Stur me selbst ans Land getrieben worden waren, und deren war noch eine ziemliche Menge. Dieser Zufall, welcher den Angelegenheiten der Carthaginenser wieder aufhalf, und ihre Hofnung stärkte, schlug hingegen die Römer völlig nieder, die von den vorigen vielen Ein bußen schon genug entkräftet waren. Sie verliessen das Meer völlig, und beschlossen, keine Kriegsflotte mehr auszurüsten, und bloß einige Transportschiffe zu unterhalten, um die Lebensmittel und andern Vorrath, den sie von Zeit zu Zeit nach Sicilien schick ten, dahin zu bringen. Sie überliessen also den Carthaginensern einen Vorzug, den sie
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ihnen nicht länger streitig machen konnten;(d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) sie waren nicht einmal wegen des Uberge wichts zu Lande völlig sicher. Diese traurigen Nachrichten erweckten so wohl in Rom, als in dem Lager vor Lily bäum keinen geringen Kummer; allein man hob dennoch die Belagerung nicht davor auf; man traf vielmehr die nöthigen Anstalten, Lebensmittel dahin zu bringen. Man war nur darauf bedacht, das Commando in bes sere Hände zu übergeben; denn man war mit beyden Consuln gleich unzufrieden, indem man den Verlust, den beyde erlitten, ihrer Verachtung gegen die Religion zuschrieb. Clodius war schon nach Rom gerufen wor den, um Rechenschaft von seinem Verhal ten zu geben. Man faßte den Entschluß, ei nen Diktator zu ernennen, welchem das Commando über die Armeen in Sicilien an vertraut werden sollte. Bis dahin hatte kei ner von denen, die mit dieser wichtigen Wür de bekleidet worden waren, sie ausser Ita lien bekleidet. Clodius sollte diesen Diktator ernennen. Man weis nicht, was man seiner ausschwei(Man er nennt einen Diktator. Sveton. in Tib. 2.) fenden Aufführung, die er hier bewies, für einen Nahmen geben soll. Sie ist ohne Exempel. Er ernannte einen aus dem nie drigsten Pöbel, Glicias genannt, der entwe der als Schreiber, oder als Thürwärter in seinen Diensten gestanden war, dazu; als
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wenn er es sich recht vorgenommen hätte, (d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) die vornehmste Würde des Staates zu ernie drigen und verächtlich zu machen, der Maje stät des Volkes und Senates zu spotten, und beyde immer mehr und mehr wider sich zu reitzen. Hier brach nun der öffentliche Un wille wider diesen unwürdigen Consul aus; er wurde gezwungen, abzudanken, und wur (Val. Max. VIII. 1.) de sogleich vor das Volk gefordert. Man giebt vor, daß ein plötzlicher Sturm sich er hoben, die Versammlung getrennt und ihn also errettet habe. Attilius Calatinus wur (Liv. Epit. XVIII.) de an die Stelle des Glicias zum Diktator ernannt. Er erwählte zum General der Reuterey den Cäcilius Metellus. Sie gien gen alle beyde nach Sicilien ab; allein sie richteten daselbst eben nichts merkwürdiges aus. Junius, welcher in Sicilien geblieben war, suchte seine Fehler und sein Unglück (Polyb. I. 56.) durch ein wichtiges Unternehmen zu bedecken, unterhielt in der Stadt Eryx ein heimliches Verständniß, und ließ sich dieselbe in seine Hände spielen. Auf der Spitze des Gebür ges, welches eben diesen Nahmen hat, liegt der Tempel der Venus Erycina, der unstrei tig der schönste und reichste in ganz Sicilien war. Die Stadt lag ein wenig unter der Spitze dieses Gebürges, und man konnte nicht anders, als durch einen sehr langen und sehr beschwerlichen Weg, der sehr steil war,
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hinab kommen. Junius ließ sich einen Theil(d. 503. J. n. E. R. d. 249. J. v. C. G.) seiner Völker auf die Spitze folgen, den an dern unten am Gebürge bey einem kleinen Flecken, Egithallus genannt, Posto fassen; er befestigte ihn, und legte acht hundert Mann zur Besatzung hinein. Nachdem er diese Vorsicht gebraucht hatte, glaubte er nichts mehr zu befürchten zu haben. Allein Cartha lon setzte während der Nacht seine Völker aus, und bemächtigte sich des kleinen Fle ckens. Ein Theil der Besatzung wurde ge tödtet, der andre flüchtete sich in die Stadt Eryx. Die Geschichte sagt uns, was dem Con sul Junius betrifft, weiter nichts gewisses von seinem Schicksale. Einige Schriftstel ler glauben, daß er von dem Carthalon bey der letzten Unternehmung, von der wir nur geredet haben, gefangen genommen worden sey; andre sagen, daß er sich selbst umge bracht habe, um seiner Verdammung zuvor zu kommen, weil er wohl vorher gesehen ha(Zonar. Val. Max.) be, was ihm zu Rom begegnen würde, wenn er dahin zurückkehrte. Die Schriftsteller sind auch wegen der ludorum secularium nicht einig. Eini(Censoriis. de die na tal. c. 17.) ge setzen sie in das Jahr, von dem wir reden, andre vierzig Jahre später in das Consulat des P. Cornelius Lentulus und des C. Lici nius Varus.
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(d. 504. J. n. E. R. d. 248. J. v. C. G.)

C. Aurelius Cotta, zum zweitenmale. P. Servilius Geminus, zum zwei tenmale.

Man findet in den folgenden Jahren nicht viel merkwürdige Begebenheiten bis auf die letzte Hauptschlacht, welche dem ganzen Krie ge ein Ende machte. Amilkar, mit dem Zu nahmen Barkas, der Vater des grossen Hannibal, folgte in Sicilien dem Carthalon im Commando nach. Er seegelte von da mit seiner Flotte nach den Küsten von Italien und verwüstete die Provinz der Locrier und Brutier. Rom, welches von dem Könige Hiero mit Wohlthaten überhäuft worden war, erließ ihm aus Erkenntlichkeit den jährlichen Tri but, den er zu bezahlen sich anheischig gemacht, und richtete mit ihm eine noch viel genauere Freundschaft auf, als iemals unter ihnen beyden gewesen war. Hamilkar bemächtigte sich eines Gebür (d. 505. J. n. E. R. d. 247. J. v. C. G.) ges, das man Epierctum oder Eretum nann te, und zwischen Panormus und Eryx lag, von da er den Römern viel Schaden zufügte.

Der Senat hatte beschlossen, nicht mehr auf der See zu agiren. Allein einige Pri
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vatleute liessen sich von ihm Schiffe geben,(d. 505. J. n. E. R. d. 247. J. v. C. G.) wider die Feinde damit auszulaufen, unter der Bedingung, daß sie bey ihrer Wieder kunft die Schiffe der Republik wieder über lassen, die gemachte Beute aber für sich be halten wollten. Man gab ihnen eine be trächtliche Anzahl Galeren, die sie auf ihre Unkosten ausrüsteten. Sie breiteten das Schrecken an den Küsten von Afrika aus, und nachdem sie in den Hafen der Stadt Hippo (*) eingelaufen waren, so steckten sie alle Schiffe an, die sie darinnen antrafen, verbrannten verschiedne Häuser der Stadt, und gewannen eine sehr ansehnliche Beute. Unterdessen daß diese Caper mit der Plün derung beschäfftigt waren, schlossen die Ein wohner den Ausgang aus dem Hafen mit Ketten. Die Verwirrung, worein die Rö mer dadurch geriethen, war nicht geringe; allein ihr Fleiß errettete sie. Wenn eine Galere bey der Kette war, so liefen sie alle auf derselben nach dem Hintertheile, und so gieng das Vordertheil, welches dadurch in die Höhe gieng, über die Kette; in dem Augenblicke liefen sie wieder nach dem Vor dertheile zu, und so machte sich auch das Hintertheil des Schiffes frey. Durch die ses Mittel entgiengen alle ihre Schiffe einer 74
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augenscheinlichen Gefahr. Als sie nach Pa (d. 505. J. n. E. R. d. 247. J. v. C. G.) normus kamen, wurden sie von der Cartha ginensischen Flotte angegriffen, die sie in die Flucht trieben. Die beyden Consuln hatten einer vor Li lybäum, der andre vor Drepanum genug zu thun. Hamilkar fiel sie von dem Posten, (Polyb. I. 58.) den er eingenommen hatte, beständig an und beunruhigte sie, und dieses dauerte etliche Jahre. Man versuchte auf beyden Seiten alles, was möglich war. Täglich erfand man neue Kriegslisten, täglich suchte ein Feind den andern zu überraschen, zu überfallen, sich ihm zu nähern; das waren tägliche Anfälle. Man vergaß nichts, aber alles entschied den Krieg nicht. (Geburt Hannibals. Pol. XV. 706. Liv. XXX. 37.) Was dieses Jahr sehr merkwürdig macht, ist die Geburt des grossen Hannibals. Das jenige, was er nach dem Verlust der Schlacht wider den Scipio in Africa im 550. Jahre der Stadt Rom selbst sagt, daß er nehmlich damals fünf und vierzig Jahr alt gewesen wäre, veranlaßt uns, seine Geburt in das gegenwärtige Jahr zu setzen, welches das 505. Jahr ist. Es ware binnen einigen Jahren auf bey den Seiten eine ansehnliche Menge von Kriegsgefangnen gemacht worden. Man (Liv. XXII. 23.) verglich sich wegen ihrer Auswechslung. Das Cartel wurde auf den Fuß von hundert und fünf Pfunden (französische,) für einen jeden
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Kopf aufgerichtet. Die Anzahl war auf(d. 505. J. n. E. R. d. 247. J. v. C. G.) Seiten der Carthaginenser grösser; sie be zahlten die verabredete Summe. Man richtete zwo neue Colonien, eine zu(Vell. I. 14.) Aesulum, die andre zu Alsium in Hetrurien und Ombrien auf. Der Census des Attilius Calatinus und Manlius Torqvatus, endigte sich mit der ge wöhnlichen Ceremonie des Lustri, welches(Fast. Capit. Liv. Epit. XIX.) nunmehr das acht und dreyßigste war. Man zählte zweyhundert und funfzig tausend, ein tausend zweyhundert und zwey und zwanzig Bürger. Es waren also itzt funfzig tau send Bürger weniger, als bey dem letzten Censu; eine sehr ansehnliche Verringerung, welche theils durch die Kriege, theils durch die öftern Schiffbrüche verursacht worden war.

M. Otacilius Crassus, zum zweiten(d. 506. J. n. E. R. d. 246. J. v. C. G.) male. M. Fabius Licinus.

(Eine Rö mische Da me wird vor das Volk gefo dert. Liv. Epit. XIX. Val. Max. VIII. 1. Aul. Gell. X. 6. Sveton. in Tib. c.2.) In diesem Jahre sah man eine Römische Dame vor das Volk gefodert werden; sie wurde des Verbrechens der beleidigten Ma jestät beschuldigt, und dieser Fall war noch gar nicht vorgekommen. Es war die Schwe ster des Clodius Pulcher, durch dessen Ver sehen die ganze Römische Flotte verlohren gegangen war. Als sie eines Tages von den
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Spielen zurückkam, und ihr Wagen wegen (d. 506. J. n. E. R. d. 246. J. v. C. G.) der Menge des Volks, das die Gassen er füllte, langsam fahren mußte, so übereilte sie sich im Reden und rief mit lauter Stim me; Möchte doch mein Bruder auf stehen und die Flotte noch einmal an führen können. Wie ihr die Menge des Volkes beschwerlich war, so wünschte sie die Verminderung desselben. So viel Mühe sich auch ihre Verwandten und die Freunde ihrer Familie gaben, die doch die vornehm sten in der Stadt waren, und vorstellten, daß die Gesetze nicht die unbedachtsamen Re den, sondern nur strafbare Handlungen be straften; so wurde sie doch zu einer Geld buße verurtheilt, die man zur Erbauung ei nes Tempels, der der Freyheit gewidmet wurde, anwendete. (d. 507. J. n. E. R. d. 245. J. v. C. G.)

M. Fabius Buteo. C. Attilius Bulbus.

Man führte eine Colonie nach Fregellis, (Vell. I. 14.) einer Stadt in Hetrurien, welche nur drey Meilen von Alsium entfernt war, wo man nur zwey Jahre vorher auch eine Römische Pflanzstadt angelegt hatte. Man lieferte ein Seetreffen bey Aegymu (Flor. II. 2.) rus, welches für die Römer und Carthagi nenser traurige Folgen hatte; für diese, daß
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sie das Treffen verlohren, für jene durch den Schiffbruch, den sie bald darauf litten. Hamilkar machte ein Mittel ausfündig, neue Hülfsvölker und Lebensmittel in Lily bäum zu werfen.

A. Manlius Torqvatus(d. 508. J. n. E. R. d. 244. J. v. C. G.) C. Sempronius Blaesus.

Wir haben vorher gesagt, daß sich die Rö mer der Stadt Eryx bemächtigt hatten.(Hamilkar bemäch tigt sich der Stadt Eryx. Polyb. I. 59. Diodor. Eclog. XXIV. F. 881.) Nachdem sie auf die Spitze des Gebürges einige Mannschaft, einige unten an den Berg gelegt, so glaubten sie, daß die Stadt, wel che auf beyden Seiten mit ihren Völkern umgeben war, und die durch ihre Lage selbst ausser aller Gefahr zu seyn schien, nichts zu befürchten hätte. Allein sie hatten mit einem Feinde zu thun, der so wachsam und auf merksam auf eine jede Gelegenheit war, wo er etwas unternehmen konnte, daß sie billig beständig auf ihrer Hut hätten seyn sollen. Hamilkar ließ während der Nacht seine Völ ker anrücken, führte sie selbst an, zog andert halbe Meile in der größten Stille fort, wen dete sich auf diesem Gebürge hin und her, be mächtigte sich der Stadt, tödtete einen Theil der Besatzung, und den Rest ließ er nach Drepanum führen. Man kann nicht be greifen, wie sich die Carthaginenser in diesem Posten erhalten können, da sie von oben und
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von unten angegriffen wurden, und nur von (d. 508. J. n. E. R. d. 244. J. v. C. G.) einer einzigen Seite, nehmlich von der Meer seite, Hülfe erhalten konnten, die noch in ih rer Gewalt war. Aus solchen Unterneh mungen lernt man die Geschicklichkeit und vorsichtige Kühnheit eines Generals und fast noch besser, als aus dem Gewinn eines Tref fens kennen. Der Krieg, der in dieser so engen Gegend, nehmlich auf dem Berge Eryx geführt wur de, war so hitzig und lebhaft, als man sich denselben nur denken kann. Hamilkar stund unter zwo Partheyen von Feinden mitten inne, die unten und oben standen; jene bela gerten ihn, so wie er diese belagerte. Der Angriff und der Widerstand war auf beyden Seiten ausserordentlich lebhaft. Man ru hete weder Tag noch Nacht. Beyde hatten gelernt, sich nicht überraschen zu lassen. Sie wußten, daß ein einziger Augenblick dem gan zen Streite einen Ausschlag geben könnte. Bald siegten diese, bald jene, und beyde ver lohren den Muth nicht. Weder der Man gel an Lebensmitteln, noch die Beschwerlich keiten, die sie zwey Jahre nach einander aus zustehen hatten, ermüdeten sie nicht, und sie wollten beyde nicht weichen. Diese doppel te Belagerung, denn so kan man diesen Streit wohl nennen, endigte sich nicht eher, als mit dem Kriege selbst.
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Unter den Consuln dieses Jahres schickte(d. 508. J. n. E. R. d. 244. J. v. C. G.) man eine Colonie nach Brindes in dem Ge biete der Salentiner, vierzig Jahre darnach, als dieses Land unter die Herrschaft der Rö mer gerathen war.(Vell. I. 14.) L. Caecil. Metellus folgte dem T. Corun canus in dem Hohenpriesteramte nach, der der erste war, welcher aus den Plebejen diese Würde bekleidete.

C. Furedanius Fundulus.(d. 509. J. n. E. R. d. 243. J. v. C. G.) C. Sulpicius Gallus.

Es waren fünf Jahre verflossen, daß auf(Die Rö mer erbau en wieder eine Flotte.) beyden Seiten eben nichts merkwürdiges vor gefallen war. Die Römer hatten geglaubt, daß ihre Armee zu Lande die Belagerung von Lilybäum allein würde zu Ende bringen können. Allein da sie sahen, daß es sich in die Länge verzog, so erwählten sie wieder ih ren ersten Plan, und thaten alles, was ih nen möglich war, um eine neue Flotte aus zurüsten. Das Geld mangelte in dem öf fentlichen Schatze; der Eifer einiger Pri vatpersonen ersetzte den Mangel, so sehr wur den alle Gemüther von der Liebe zum Va terlande beherrscht. Ein jeder gab nach sei nem Vermögen etwas zu dem öffentlichen Aufwande; man erhielt die öffentliche Ver sicherung, daß zu einer gewissen Zeit diejeni gen Summen, welche man der Republik
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(d. 509. J. n. E. R. d. 243. J. v. C. G.) vorschiessen würden, wiedergegeben werden sollten. Man stund also gar nicht an, die nöthigen Summen zu einer Unternehmung vorzuschiessen, von welcher sowohl die Ehre als die Sicherheit des Staates abhing. Der eine rüstete auf seine Kosten allein ein Schiff aus, oder es traten auch wohl zween oder drey zusammen, um eben das zu thun. In kurzer Zeit hatte man eine Flotte von zwey hundert Schiffen, wovon jedes fünf Ruder bänke hatte. Sie waren wie die feindlichen Schiffe gebaut, von denen man eins genom men hatte, und die ausserordentlich leicht wa ren. Wir werden in der Folge der Puni schen Kriege mehr als ein Exempel von die ser großmüthigen Liebe der Römer zu ihrem Vaterlande sehen, die eine von ihren vor nehmsten Eigenschaften ausmachte. Allein die Republik erfüllte auch ihre Zusagen. Die öffentliche Treu und Glaube ist also, wel ches man nicht oft genug wiederholen kann, für einen Staat eine sichre Zuflucht in gros sen Nöthen. Wenn man diese im gering sten verletzt, so verletzt man die wesentlichsten Regeln einer gesunden Staatskunst, und bringt die Gemüther in ein Mistrauen, dem oft nicht wieder abzuhelfen ist. Diese ge schwinde Hülfe, auf welche, wie es schien, Rom sich hatte wenig Hoffnung machen können, nachdem man vor nicht gar langer Zeit manchen Verlust auf dem Meere gehabt
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hatte, setzte das Römische Volk in den Stand, die Eroberung von Sicilien völlig zu Ende zu bringen, und zu den übrigen Er oberungen fortzugehen, die ihnen die göttli che Vorsehung bestimmt hatte.

C. Lutatius Catulus.(d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. v. C. G.) A. Postumius Albinus.

Postumius machte sich schon fertig, mit(Liv. XIX. Epit. Tacit. An nal. III. 71. Val. Max. I. 1.) seinem Collegen nach Sicilien abzugehen, wo man sich dieses Jahr etwas grosses ver sprach; allein weil er ein Priester des Mars (Flamen martialis) war, und die Prie ster sich nicht von Rom entfernen durften, so verwehrte ihm der Hohepriester Metellus seine Abreise in die Provinz. In den fol genden Zeiten ließ man von der strengen Be obachtung der priesterlichen Gesetze nach. Der Senat ließ, was die Religion anbe langte, eine gleiche Zärtlichkeit darinnen bli cken, daß er dem Lutatius untersagte, sich nach dem Erfolge seines Commando nicht durch die Weissagungen von Präneste zu er kundigen, welche durchs Loos geschahen, praenestinas Sortes. Er wollte nicht zu geben, daß ein Consul zu fremden Ceremo nien seine Zuflucht nehmen sollte. Sors wur de bey den Alten für alle Arten von Weissa gungen überhaupt genommen. Die Sortes praenestinae waren sehr alt und in Italien
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sehr berühmt. Das waren kleine Stück (d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. v. C. G.) chen Holz, auf welchen räthselhafte Charakter stunden, die in einem Kasten aufbehalten und von den Priestern in dem Tempel des Glücks überaus sorgfältig verwahrt wurden. Wenn man dieses Orakul fragte, so zogen die Prie ster diesen Kasten, liessen ein Kind diese ver schiednen Hölzerchen zu verschiednen malen umschütteln, und darauf zogen sie eins, wie es traf, heraus. Die Priester wollten in den Charakteren, die darauf stunden, die Antwort auf dasjenige, was die Leute frag ten, finden. Cicero spottet mit Recht über die Blindheit des Volkes, (*) das sich durch eine grobe Betrügerey hintergehen ließ, die sich einzig und allein theils auf den Geitz der Priester, theils auf den Aberglauben derje nigen gründete, welche dieses Orakel fragten. Weil die beyden Consuln nicht nach Si cilien gehen konnten, und ein einziger der Last dieses wichtigen Krieges nicht gewachsen war, so fing man in diesem Jahre an, zween Prä toren zu erwählen; (denn zeither war nur ein einziger gewesen, welcher sorgen mußte, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben,) und Q. Valerius Falto, einer von ihnen er hielt Befehl, den Lutatius zu begleiten, und unter seinem Commando die Last des Krie 75
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ges mit ihm zu theilen. So bald der Win(d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. v. C. G.) ter vorbey war, giengen sie mit einer Flotte von dreyhundert Galeren und siebenhundert Lastschiffen nach Sicilien ab. In den fol genden Zeiten fuhr man fort, allezeit zween Prätoren zu erwählen, wenn man auch gleich keinen für die Armee brauchte. Sie blieben beyde in Rom; der eine mußte das Recht zwischen Bürgern und Bürgern hand haben, und hieß Praetor urbanus, der andre mußte zwischen Bürgern und Frem den Schiedsrichter seyn, und hieß Praetor peregrinus. Lutatius ländete in Sicilien an, als man ihn am wenigsten vermuthete. Die feind liche Flotte hatte sich nach Afrika zurücke ge zogen, weil man nicht glaubte, daß die Rö mer wieder darauf denken würden, von neu em ihr Glück in der See zu versuchen. Er bemächtigte sich des Hafens von Drepanum und aller vortheilhaften Posten unweit Li lybäum, welche die Carthaginenser bey ih rem Abzuge nach Afrika ohne Bedeckung ge lassen hatten. Er ließ die Lauffgräben vor Drepanum eröffnen, und veranstaltete alles zu einer Belagerung. Die Maschinen hat ten schon eine Oeffnung gemacht, die Solda ten wollten schon stürmen, als der Consul gefährlich an der Hüffte verwundet wurde. Die Soldaten, von denen er sehr geliebt wurde, verliessen die Bresche, um ihm nach
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(d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. v. C. G.) zufolgen, und begleiteten ihn in grosser Men ge ins Lager, wohin er getragen wurde. Unterdessen daß man ihn verband, verlohr er seine Zeit nicht. Er sah vorher, daß die feindliche Flotte nicht lange zögern würde, er stellte sich stets vor, daß der Krieg nicht anders, als durch ein Seetreffen würde ge endigt werden können, wie man gleich an fangs gedacht hatte; er übte also sein Schiffs volk täglich in den nöthigen Ubungen, ohne einen Augenblick zu verliehren, damit sie sei ne Absicht, die Feinde anzugreifen, ausfüh ren könnten, und er machte schlechte Matro sen durch seinen beständigen Fleiß gar bald zu den besten Soldaten. Die Carthaginenser erstaunten sehr, daß die Römer sich wieder in die See wagten; sie wollten, daß es ihrem Lager zu Eryx nicht an den nöthigen Lebensmitteln mangeln soll te, rüsteten deswegen auf der Stelle Schiffe aus, schifften Getraide und andern Vorrath ein, und schickten diese Flotte ab, über wel che sie dem Hanno das Commando anver trauten. Dieser seegelte sogleich nach der Insel Himera, in der Absicht, bey Eryx an zuländen, ohne vom Feinde wahrgenommen zu werden, seine Schiffe ihrer Last zu entle digen, die besten Soldaten in Eryx an sich zu ziehen, und mit dem Hamilkar alsdenn den Römern ein Treffen anzubieten.
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Der Consul war von seiner Wunde noch(d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. v. C. G.) nicht völlig wieder hergestellt, als er erfuhr, daß sich die feindliche Flotte näherte. Er muthmaßte sogleich, welches die Absichten des Carthaginensischen Generals seyn wür den; er las unter seiner Armee zu Lande die tapfersten und geübtesten Völker aus, und seegelte nach Egusa, einer Insel, die unweit Lilybäum lag. Nachdem er seine Völker ermahnet hatte, sich tapfer zu halten, kün digte er den Steuerleuten an, daß er mor gen ein Treffen liefern wollte. Bey dem Anbruche des Tages sah er, daß der Wind den Carthaginensern günstig und ihm entgegen war; das Meer war auch in grosser Bewegung, und er stund erst bey sich an, was er thun sollte. Allein er überlegte, daß wenn er in dieser stürmischen Zeit das Treffen lieferte, er nur mit dem Schiffs kriegsvolke der Carthaginenser und mit schweren und belasteten Schiffen zu thun haben würde; da er hingegen, wenn er eine größre Meerstille erwartete, und den Han no sich mit der Armee zu Lande vereinigen ließ, mit Schiffen zu streiten hätte, welche leichter geworden, nachdem sie ihren Vor rath ausgesetzt haben würden. Er würde ferner den Kern der Carthaginensischen Land armee zu bestreiten haben, und was ihm da mals mehr als alles übrige furchtbar war, er würde wider die Unerschrockenheit des
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(d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. v. C. G.) Hamilkar kämpfen müssen. Alle diese Ur sachen bewogen ihn, die gegenwärtige Gele genheit nicht vorbey zu lassen. Wenn ein geschickter Mann, der solches sowohl als Soldat, als Schrifftsteller ist, wenn ein Po lybius uns die Bewegungsgründe, die einen General antreiben, dieses oder jenes zu thun, ins Licht setzt, so geben sie der Erzählung der Begebenheiten einen grossen Werth, und machen gleichsam die Seele davon aus. Der Consul hatte die auserlesensten Völ ker, gute Seeleute, die sehr geübt waren, vortrefliche Schiffe, welche, wie wir gesagt haben, nach dem Muster eines den Cartha ginensern abgenommenen Schiffes erbaut waren, das unstreitig das vollkommenste war, welches man noch jemals in dieser Art gesehen hatte. Auf der Seite der Carthagi nenser verhielt sich es ganz anders. Weil sie einige Jahre her allein Herren zur See gewesen waren, und die Römer sich nicht getraut hatten, ihr Glück gegen sie zu versu chen, so achteten sie sie nichts, und hielten sich für unüberwindlich. So bald als sie sich wieder regten, stellten die von Carthago wie der eine Flotte in die See, die in Eil ausge rüstet wurde; Soldaten und Matrosen wa ren fremd, neugeworbne, und dienten um den Sold, waren ohne Muth, ohne Eifer für das Vaterland, und liessen sich das ge meine Beste eben nicht angelegen seyn. Man
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sah solches im Treffen sehr deutlich. Sie(d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. v. C. G.) konnten den ersten Anfall nicht aushalten. Funfzig Carthaginensische Schiffe wurden in den Grund gebohrt, und zehn Schiffe wurden mit allen denen, die darauf waren, genommen. Die übrigen flüchteten sich ver mittelst eines günstigen Windes, der sich zum Glücke für sie erhob, an die kleine Insel, von der sie abgeseegelt waren. Die Anzahl der Gefangenen belief sich über zehn tausend Mann. Hanno seegelte darauf mit den übrigen Schiffen nach Carthago. Er verlohr das Leben, welches die gewöhnliche Strafe der Generale war, die nicht glücklich gewesen waren. Rom machte es nicht also: Diese Politik, welche mit der Menschlichkeit, wel che die Römer stets zu beobachten suchten, wohl übereinstimmte, war auch dem Staate und den Kriegsdiensten zuträglicher, indem sie den Generalen, die unglücklich gewesen waren, Zeit ließ, ihr Versehen, oder ihr Unglück wieder gut zu machen. Nachdem das Treffen vorbey war, so gieng Lutatius nach Lilybäum, und vereinig te seine Völker mit den Belagerern. Nach dem er sie einige Zeit hatte ausruhen lassen, so führte er sie vor Eryx, wo er einigen Vor theil über den Hamilkar davon trug, ohne Zweifel in einem Treffen zu Lande. Dieses Un glück kostete den Hamilkar zwey tausend Mann.
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(d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. v. C. G.) So bald diese traurigen Nachrichten nach Carthago gekommen waren, so verursach ten sie ein desto grösseres Schrecken und Ent setzen daselbst, je weniger man sie zu hören (Friede zwi schen Rom und Car thago. Polyb. I. 63. 64.) vermuthet hatte. Der Senat verlohr den Muth nicht. Es fehlte nicht an Begierde, den Krieg fortzusetzen, allein der Zustand der öffentlichen Angelegenheiten litt solches nicht. Da die Römer Meister zur See waren, so war es nicht ferner möglich, Völker, oder Lebensmittel, oder Hülfstruppen nach Sici lien zu bringen. Sie schickten also, so bald sie konnten, Befehl an den Hamilkar Bar kas, welcher daselbst commandirte, daß er einen Entschluß fassen sollte, welchen seine Klugheit für den besten halten würde. So lange dieser grosse Mann einen Strahl von Hoffnung gesehen hatte, so hatte er alles ge than, was man von der Unerschrockenheit des Allertapfersten, und von der vollkom mensten Klugheit hatte fodern können. Al lein weil er itzt keine Hülfe und Zuflucht mehr wußte, so schickte er Abgeordnete an den Con sul, die sich in Friedensunterhandlungen ein lassen sollten. Denn die Klugheit besteht, wie Polybius anmerckt, darinnen, daß man zu rechter Zeit zu widerstehen und nachzuge ben weiß. Ausser dem Privatinteresse, das Lutatius dabey hatte, seinem Nachfolger die Ehre nicht zu lassen, einem so wichtigen Kriege ein Ende
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gemacht zu haben, so wußte er wohl, daß(d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. v. C. G.) das Römische Volk eines so verderblichen Krieges müde war, der seine Kräfte und Schatzkammern gantz erschöpft hatte. Er erinnerte sich auch der unglücklichen Folgen von dem unvorsichtigen und unerbittlichen Stolze des Regulus. Er war also so uner bittlich nicht, und schloß folgenden Vergleich: Es soll, wenn das Römische Volk darein willigt, auf folgende Bedin gungen Friede und Freundschaft zwi schen Rom und Carthago seyn. Die Carthaginenser sollen ganz Sicilien räumen. Sie sollen den König Hie ro, und die Syrakusaner und ihre Bundsgenossen nicht bekriegen. Sie sollen alle im Kriege gefangne Rö mer ohne Ranzion los geben. Sie sollen innerhalb zwanzig Jahren zwey tausend und zwey hundert Talente Silbers (*) an sie bezahlen. Es ist nicht undienlich, das Ungekünstelte, die Kürze und die Deutlichkeit dieses Vertra ges zu bemerken, der so viel Sachen in we nig Worten sagt, und in wenig Zeilen das Interesse von zwey mächtigen Völkern und ihrer Alliirten zu Wasser und zu Lande be stimmt. 76
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(d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. d. C. G.) Der Consul hatte verlangt, daß die Car thaginensischen Kriegsvölker in Eryx ihre Waffen niederlegen sollten. Hamilkar woll te diesen Punkt durchaus nicht eingehen, und (Corn. Nep. in Hamile.) erklärte sich, daß er es lieber auf das äus serste ankommen lassen, als eine so schimpfli che Bedingung eingehen wollte. Er gieng nur so viel ein, daß für einen jeden Solda ten von dieser Besatzung 18. Römische De narii (9 Livres bezahlt werden sollten. Als diese Bedingungen nach Rom waren gesendet worden, so billigte sie das Volk nicht in allen Stücken, und schickte zehn Ab geordnete an den Ort der Friedensunter handlungen, welche sie völlig aufs Reine bringen sollten. Sie änderten den Friedens vergleich im Grunde nicht, sie verkürtzten nur den Termin der Bezahlung, den sie auf æzehn Jahre ansetzten; sie setzten auch noch über die Summe, welche der Consul ver langt hatte, noch tausend Talente hinzu, welche auf der Stelle für die Kriegs-Unko sten gezahlt werden sollten; sie verlangten auch von den Carthaginensern die Räu mung aller Inseln zwischen Italien und Sicilien.“ Es ist zu merken, daß Sardini en nicht in diesem Friedensvergleiche begrif fen war. Man verlängerte dem Lutatius das Commando in Sicilien, damit er den ZustanZustand und die Regierung dieses eroberten Landes einrichten sollte.
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So wurde also einer von den längsten(d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. v. C. G.) Kriegen, wovon die Geschichte Nachricht giebt, geendigt, und der vier und zwanzig Jahre nach einander gedauert hatte. Die(Ende des ersten Pu nischen Krieges.) Hitze, mit der eine Republik der andern die Herrschaft streitig machte, war auf beyden Seiten gleich groß; keine wollte der andern nachgeben. Man sieht auf beyden Seiten viel Standhaftigkeit, eine besondre Grösse der Seele, sowohl in den Projecten, als in der Ausführung. Die Carthaginenser wa ren erfahrner zur See, geschickter im Schiff baue, fertiger und behender in der Kunst, die Schiffe zu regieren und bewegen; sie waren den Römern auch durch die Erfahrenheit ih rer Steuerleute, durch die Kenntniß der Kü sten, der Gegenden, der Reeden und des Windes, und durch den Uberfluß von Reich thümern überlegen, womit sie die Kosten ei nes so langwierigen und theuern Krieges aus halten konnten. Die Römer hatten alle die se Vortheile nicht, allein sie hatten Muth, Eifer für das gemeine Beste, die Liebe zum Vaterlande, eine edle Begierde nach Ehre, ein lebhaftes Verlangen, ihre Herrschaft auszubreiten, und dieses ersetzte den Mangel aller der Vortheile, die die Carthaginenser über sie hatten. Man muß über sie erstau nen, daß sie, da sie doch ganz neu und uner fahren zur See waren, einer Nation, die doch für die erfahrenste und mächtigste Nation zur
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(d. 510. J. n. E. R. d. 242. J. v. C. G.) See gehalten wurde, nicht allein das Gleich gewicht hielten, sondern auch in verschiednen Seetreffen die Oberhand behielten. Keine Schwierigkeiten, keine Unglücksfälle brach ten sie so weit, daß sie den Muth hätten sin ken lassen. Sie verlohren während dieses Krieges theils in Treffen, theils durch Stür me siebenhundert Galeeren. Man kann hier aus von der Standhaftigkeit der Römer ur theilen. Sie würden in den Umständen, in welchen die Carthaginenser den Frieden ver langten, gewiß keinen eingegangen seyn. Ein einziger unglücklicher Feldzug schlug wohl den Muth von Carthago nieder; aber viele konn ten den Muth der Römer kaum erschüttern. Was die Soldaten anbelangt, so waren die Carthaginensischen mit den Römischen gar nicht zu vergleichen; diese waren jenen weit an Tapferkeit überlegen. Unter den Generalen war Hamilkar Barkas unstreitig derjenige, welcher sich sowohl durch seinen Muth, als durch seine Klugheit am meisten hervor that. In diesem ganzen Kriege ha ben wir keinen einzigen General unter den Römern gesehen, dessen ausserordentliche Ei genschaften die Ursachen des Sieges gewesen wären. Rom triumphirte bloß durch die Einrichtung seines Staats, und, wenn ich so sagen darf, durch Tugenden, die der Nati on eigenthümlich waren.
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Wenn man mit einem Blicke die ganze Folge des ersten Punischen Krieges übersieht, so glaubt man die Kämpfe der Alten zu sehen, wo zween Kämpfer, die gleich stark, voll Kräfte und Muth sind, und sowohl durch eine heftige Begierde zu siegen, als durch den Zuruf der Zuschauer angefeuert, hand gemenge werden, sich umschlingen, sich in die Luft heben, sich heftig schütteln, sich einer den andern auf die Erde werfen, in dem Au genblicke sich mit einer neuen Stärke erhe ben, ihre Kräfte, ihre List, und alle Künste der Geschwindigkeit und Geschicklichkeit im Ringen verdoppeln, bis sie endlich von neu em hinfallen, wo sie lange Zeit noch auf dem Sande mit einander ringen, sich über einan der wegwerfen und wälzen, sich mit unzäh ligen Wendungen mit einander verwickeln, da denn endlich einer seinen Widersacher zwingt, um Qvartier zu bitten, und sich für überwunden zu erkennen. Das ist ein Bild von dem Schicksale der Römer und Cartha ginenser in dem gegenwärtigen Kriege.

Q. Lutatius Cerco.(d. 511. J. n. E. R. d. 241. J. v. C. G.) A. Manlius Atticus.

Lutatius und Valerius waren in Sicili en geblieben, der erste in der Würde eines Proconsuls, der andre in der Würde eines Proprätors. Sie machten mit einander die
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(d. 511. J. n. E. R. d. 241. J. v. C. G.) Einrichtungen, welche nöthig waren, eine gute Ordnung einzuführen, und bestimmten die Gaben und Schutzgelder, welche eine je de Stadt den Römern erlegen sollte. Vor nehmlich suchten sie allen Anlaß und alle Ur sachen zu Unruhen und Empörungen aus dem Wege zu räumen. Sie nahmen deswegen denen Einwohnern in Sicilien, welche sich für den Hamilkar erklärt hatten, die Waf fen, und befahlen den Galliern, welche die Parthey des Hamilkars während der Zeit, daß sie in Eryx zur Besatzung gelegen, ver lassen hatten, um sich zur Parthey der Rö mer zu schlagen, aus Sicilien wegzugehen, und sich an einem andern Orte niederzulas sen, wozu sie ihnen in der That die dazu nö thigen Schiffe gaben. Der Vorwand zu diesem Befehle, der ihnen sehr hart vorkom men mußte, war das Verbrechen, daß sie durch die Plünderung des Tempels der Ve nus auf dem Berge Eryx begangen hatten; ein Verbrechen, wodurch sie bey allen Ein wohnern der Insel verhaßt worden waren. Seit der Zeit wurde der Theil von Sicili en, welcher erst unter der Bothmäßigkeit der Carthaginenser gewesen war, eine Römische Provinz. Der Rest der Insel machte das Königreich des Hiero aus. Nachdem alles in Ordnung gebracht war, kehrten Lutati us und Valerius nach Rom zurück. Die Ehre des Triumphes wurde dem Lutatius
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zuerkannt. Valerius stellte vor, daß er eben(d. 511. J. n. E. R. d. 241. J. v. C. G.) so viel zu dem glücklichen Fortgange der Rö mischen Waffen beygetragen hätte. Er setz te hinzu, es wäre billig, da er mit dem Lu tatius die Sorgen und die Gefahren der Schlachten getheilt hätte, daß er auch die Belohnung dafür mit ihm theilte. Was der Sache des Prätors noch günstiger war, und was er auch geltend zu machen suchte, war dieses, daß der Consul in der Schlacht nicht hatte selbst die Flotte anführen können, weil er von seiner Wunde noch nicht völlig wieder hergestellt war. Valerius hatte also die Verrichtungen des Generals über sich nehmen müssen. Lutatius widersetzte sich die sem Verlangen als einem ungewöhnlichen und ungerechten Verlangen. Er behaupte te, es stritte wider den Gebrauch und wider die Gesetze, daß zwey Würden, die einander ungleich und untergeordnet wären, eine glei che Ehre bey dem Triumphe erhalten sollten. Als sich der Streit auf beyden Seiten erhitz te, so wurde man eins, den Attilius Calati nus zum Schiedsrichter zu nehmen, welcher dem Lutatius wegen der grössern Würde und des grössern Ansehens, das ihm Valerius nicht streitig machen konnte, ge wonnen gab. Diesem Urtheil ungeachtet wurde dem Valerius, welcher in diesem Krie ge nicht wenig Verdienste erworben hatte, die Ehre des Triumphes zugestanden.
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(d. 511. J. n. E. R. d. 241. J. v. C. G.) Ich habe gesagt, daß ein Theil von Si cilien eine Römische Provinz geworden sey. Man nennte bey den Römern die eroberten Länder, welche ausser Italien lagen, Pro vinzen. Diese Provinzen wurden als ero berte Länder regiert, und obgleich die Völker darinnen nicht Unterthanen, sondern Bundsgenossen des Reiches genannt wur den, so lebten sie doch nicht völlig nach ihren eigenen Gesetzen, und erwählten sich auch nicht mehr selbst ihre Obrigkeit. Rom schick te jährlich einen Qvästor und Prätor dahin; der erste mußte das Recht handhaben und commandirte die Kriegsvölker, wenn solches vonnöthen war; der andre trieb die Aufla gen ein, welche die neueroberten Länder den Römern erlegen mußten. (Verr. 3. n. 2 - 7.) Sicilien wurde die erste Provinz, welche die Gesetze der Römer annahm. Cicero giebt ihr in einer seiner Rede ein herrliches Lob. æSicilien ist es, die unter allen Na tionen zuerst unsre Freundschaft gesucht hat, die dadurch, daß sie unsre erste Provinz wurde, auch die erste Zierde des Reiches wurde, und die Empfindung der Ehre, über fremde Nationen zu herrschen, unsern Vor fahren zuerst gab.“ (*) Nachdem er die be 77
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ständige Treue dieser Insel gegen die Römer, ihre besondre Achtung gegen die öffentlichen Aufseher über die Zölle, deren Nahmen sonst überall verhaßt waren, ihre ausserordentliche Fruchtbarkeit, und den Uberfluß von dem herrlichsten Getraide, weswegen sie vom äl tern Cato eine Scheuer der Republik und eine Säugamme des Römischen Volks ge nannt worden war, erhoben hatte, so setzt er noch hinzu: æDie Provinzen und zinsba ren Länder sind für das Römische Volk das, was Landgüter für Privatpersonen sind; wie wir nun an denen, die am näch sten nach der Stadt zu liegen, das meiste Vergnügen finden; so ist uns auch Sici lien, das beynahe vor den Thoren der Stadt liegt, viel lieber und angenehmer, als alle andre Provinzen des Reiches.“ (*)

Von den Fechterkämpfen.

Man nennte diejenigen Fechter, die ein ander auf einem mit Sande bestreu ten Platze umbrachten, um dem Volke eine Lust zu machen. 78
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Was Gelegenheit zu diesen Kämpfen ge geben hat, ist die alte Gewohnheit, den Schatten grosser Männer, die in den Schlach ten geblieben waren, die Gefangnen zu schlachten und aufzuopfern. So opferte (Iliad. L. XXIII. Aeneid. XI) Achilles im Homer dem Schatten des Pa troklus zwölf junge Trojaner auf, und Aene as schickt beym Virgil dem Evander eben falls Gefangne zu, die er bey dem Leichen begängnisse seines Sohnes, des Pallas, opf fern sollte. Weil es gar zu barbarisch zu seyn schien, die Gefangnen, wie die Thiere, hinzurichten, so machte man die Anordnung, daß sie sich mit einander schlagen und alle ihre Geschick lichkeit anwenden sollten, um ihr eigen Leben zu retten, und ihren Widersacher hinzurich ten. Das schien ihnen nicht so unmenschlich zu seyn, weil sie endlich den Tod vermeiden konnten, und weil ihr Leben in ihrer Hand stund, und auf ihrer Geschicklichkeit, sich zu vertheidigen, beruhte. (Val. Max. I. 4. Liv. Epit. L. XVI.) Dieses Schauspiel wurde im 488. Jahre zum ersten male in Rom gegeben, als die beyden Brüder M. und D. das Leichenbe gängniß ihres Vaters, des Brutus, mit einer grossen Pracht feyern wollten. Die Römer waren die Urheber dieser Gewohnheit nicht. Sie war schon bey andern Völkern in Ita (Tit. Liv. IX. 40.) lien im Gebrauche, und Titus Livius redet bey dem 444. Jahre der Stadt Rom schon
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davon, als von einem unter den Campani ern üblichen Gebrauche, welche sich bey ih ren Schmäusen diese grausame Lust machten. Die Römer gaben im Anfange nicht anders als bey Leichenbegängnissen grosser Männer solche Fechterkämpfe; allein in der Folge wurde es ein ganz gemeines Schauspiel, so daß die Privatpersonen in ihren Testamen(Seneca de brevit. vit. c. XX.) ten bemerkten, wie viele Paare Fechter nach ihrem Tode auf diese Weise fechten sollten. Diese Fechter hiessen Bustuarii, weil sie unweit des angezündeten Holzstosses kämpf ten, auf welchem die Leiche verbrannt wur de, und welcher bustum hieß. Im Anfange war die Anzahl der Fechter,(Livius XXIII. 30.) welche man kämpfen ließ, so gar groß nicht; allein sie wurde nach und nach immer grös ser, wie solches zu geschehen pflegt. Im 536. Jahre liessen die Söhne des M. Aemilius Le vidus bey dem Leichenbegängnisse desselben(Livius XXXI. 50.) zwey und zwanzig Paar Kämpfer fechten. Dieses Schauspiel währte drey Tage, und wurde auf dem öffentlichen Markte in Rom gehalten. Im 552. Jahre gaben die Söh(Livius XXXIX. 46.) ne des M. Valerius Levinus zu eben dieser Ceremonie 25. Paar Fechter. Im 569.(Liv. XLI. 28.) Jahre waren bey einem gleichen Schauspie le 70. Paar, und im 578. Jahre stieg ihre Anzahl bis auf 74. Paare. Um diese Kämpfe unterhalten zu können, mußte man die Fechter lange vorher dazu (Livius XXVIII. 21.)
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vorbereiten. Die Profeßion der Fechter wurde eine Kunst. Man hatte ordentliche Fechtmeister, welche bey den Lateinern lani stæ hiessen. Man lernte sich schlagen und übte sich darinnen. Es hatten zweyerley Personen Antheil an diesen Gefechten; einige wurden mit Gewalt dazu gezwungen, nehmlich die Sklaven und die zum Tode verdammten Verbrecher; an dre begaben sich freywillig dazu. Diese wa ren freye Leute, die sich zu dieser ehrlosen Kunst feilboten, und ihr Leben um ein gewis ses Stück Geld verkauften. Der Aufseher über die Fechter ließ diese letztern schwören, daß sie bis auf den Tod fechten wollten. Sie machten sich also durch einen Schwur an heischig, alle Pflichten eines guten und ge treuen Fechters zu erfüllen; sie opferten sich ihrem Herrn mit Leib und Seele auf, und waren zufrieden, im Fall sie sich der Dien ste weigerten, ihr Leben durch das Schwerdt, durchs Feuer, oder unter den Streichen der Geissel zu verlieren. (*) Dieses Schauspiel hatte durch die Trau rigkeit und Schmerzen angefangen, indem es nur bey Leichenbegängnissen gehalten wor 79
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den war, bald aber bemächtigten sich das Vergnügen und die Freude derselben, und es wurde die angenehmste und liebste Lust barkeit des Römischen Volkes, das sich mit einem unerhörtem Zulaufe und Gedränge dahin begab. Cicero sagt, daß keine andre Versammlung, sie möchte öffentliche Ange legenheiten, oder die Wahl neuer obrigkeit licher Personen betreffen, so zahlreich wäre, als diese, und daß sich eine unzählbare Men ge Römischer Bürger von allerley Ständen dabey finden liesse. (*) Die Fechter hatten verschiedne Nahmen nach der Verschiedenheit ihrer Waffen und Rüstung. Ich will der Kürze wegen hier nur dreye oder viere anführen.
RETIARII. Sie hatten einen Drey zack statt der Waffen, mit einem Netze, das sie über ihren Widersacher wurfen, um ihn darein zu verwickeln und ihn ausser Ver theidigungsstand zu setzen.
THRACES. Man nennte sie vermuth lich darum also, weil sie wie Thracier gerü stet waren, und einen Sebel, einen Dolch 80
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und einen runden Schild hatten. Horaz (Serm. II. 6.) gedenkt ihrer: Thrax est gallina Syro par.
MYRMILLONES. Man glaubt und man gründet sich deswegen auf eine Stelle des Festus(*), daß sie diesen Nahmen wegen ih rer Gallischen Rüstung erhalten haben. Das war ein langer Degen, ein Schild und Helm, auf dessen Spitze gemeiniglich die Figur ei nes Fisches zu sehen war.
SAMNITES. Ohne Zweifel hatten sie die sen Nahmen auch wegen ihrer Samnitischen Rüstung, sie mochte nun seyn, wie sie woll te, welches man nicht genau weiß. Die Schriftsteller reden oft davon. Livius; (Liv. IX.) Campani ab superbia et odio Samni tium, gladiatores, quod spectaculum inter epulas erat, eo ornatu arma runt, Samnitiumque nomine appel larunt.Horaz; (Horat. ep. II. Libr. II.) Caedimur et totidem plagis consumimus hostem Lento Samnites ad lumina prima duello. 81
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Cicero: Neque est dubium, quin exordium dicendi vehemens et pu(Cic. de O. rat. L. II. 317. & 327.) gnax non saepe esse debeat. Sed si in ipso illo gladiatorio vitae certami ne, quo ferro decernitur, tamen an te congressum multa fiunt, quae non ad vulnus, sed ad speciem valere vi deantur, quanto hoc magis in orati one expectandum, in qua non vis potius, quam delectatio postulatur. Atqui eiusmodi illa prolusio debet esse, non vt Samnitum, qui vibrant hastas ante pugnam, quibus in pu gnando nihil vtuntur: sed vt ipsis sententiis, quibus proluserunt, vel pugnarepossunt. Ich werde im folgen den über eben diese Materie noch eine sehr schöne und sehr merkwürdige Stelle des Ci cero anführen. Diese Fechter wurden, wie ich gesagt ha be, von einem Fechtmeister angeführt und im Fechten unterrichtet, der sehr dafür be sorgt war, ihnen einen guten und nahrhaf ten Unterhalt zu geben, damit sie stark wer den und Kraft bekommen sollten, welches das vornehmste Verdienst von ihnen war, und einen grossen Theil ihres Werthes aus machte. Sie sollten auch eine grosse und schöne Leibesgestalt haben, damit sie dem Vol ke desto mehr gefielen. Seneca bemerkt in mehr als einer Stelle, daß sie nackend und
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ohne Kleider fochten (*). Ich kann kaum glauben, daß dieses sehr gebräuchlich war. Die Fechtmeister verkauften sie sehr theuer, entweder an den Magistrat, der durch sein Amt verbunden war, dem Volke derglei chen Schauspiele zu geben, oder an Privat personen, die das Volk, um ihm entweder zu gefallen, oder seine Stimmen zu gewin nen, durch diese Spiele, die ausserordentlich nach seinem Geschmacke waren, belustigen wollten. Cicero verbot während seines Con sulates durch ein Gesetz, daß man sich nicht durch solche Wege um Aemter bewerben sollte. Diejenigen, die dergleichen Schau spiele gaben, hiessen Editores. Die rasen de Lust an dergleichen Fechterkämpfen gieng so weit, daß man sich nach der Weise der Campanier selbst bey Gastmalen dieses grau same Vergnügen machte. Sie machten vor dem Kampfe selbst erst ein Vorspiel, wie wir aus der angeführten Stelle des Cicero gesehen haben, indem sie mancherley Bewegungen machten, ihre Lan zen in die Luft warfen, sich ein wenig angrif fen, und damit Staat machten. Allein bald darauf kam es zu ernstlichen Streichen und Wunden, wo man viel Blut fliessen sah. 82
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Es war diesen unglückseeligen Opfern der grausamen Freude der Römer nicht erlaubt, in den Kämpfen das geringste Merkmal ei ner Furcht und Zaghaftigkeit blicken zu las sen. Das war ein Verbrechen für einen Fechter, wenn er die geringsten Klagen hören ließ, wofern er verwundet wurde, und wenn er um Qvartier bat, wenn ihn sein Feind überwunden hatte. Das Volk wurde als denn ungehalten über ihn. Man tödte ihn, schrie es, man verbrenne ihn, man geissele ihn. Was? Er geht furcht sam zum Kampfe? Warum geht er dem Streiche nicht kühn entgegen? Warum stirbt er nicht gern? (*) Hat jemals ein Barbar so gesprochen? So spra chen die Römer. Im übrigen war die Zaghaftigkeit und die Furcht sehr selten unter ihnen. Man sieht hier, was Gewohnheit und Exempel für einen Eindruck selbst auf niedrige und gedung ne Gemüther machen kann. Ein Fechter hielt sich für beschimpft, wenn man ihn mit einem fechten ließ, (**) der ihm an Kraft und Behendigkeit nicht gleich war, indem er 83 84
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glaubte, es wäre da keine Ehre zu siegen, wo keine Gefahr bey dem Gefechte wäre. Dieser Grundsatz der Ehre war in den Ge müthern aller derer tief eingegraben, welche auf dem Kampfplatze erschienen, und er er hob ihre Herzen über alle menschliche Furcht. Cicero stellt sie deswegen in mehr denn einer Stelle als ein Muster des Muthes und der Standhaftigkeit vor, durch welches er so wohl sich selbst, als andre ermahnt, alles zu leiden, um die Freyheit zu vertheidigen, und die Republik zu erhalten. æWelcher schlechte Fechter hat jemals ge (Cic. Tuse. II. 71.) seufzt (*) Wer hat nur das Gesicht geän dert? Welcher hat schimpflich bestanden, und welcher ist jemals schimpflich gefallen? Wie oft sehen wir, daß alles, was sie wün schen, dieses allein ist, daß sie ihrem Herrn, demjenigen nehmlich, der sie erkauft hat, um sie kämpfen und ermorden zu lassen, und dem Volke gefallen mögen. Wenn sie voll Wunden und durchstochen sind, so schicken sie zu ihrem Herrn und lassen fra gen, ob er zufrieden sey, und wenn er es ist, so sterben sie zufrieden. Hat einer je mals den Hals zusammen gezogen, wenn er den letzten tödtlichen Streich empfangen 85
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sollen? So viel vermag das Exempel, die Uberlegung und die Gewohnheit, und das kan ein Samnis, ein Sklave, ein nichtswürdiger, ein elender. So standhaft kan der seyn! Und ein Mann, der für die Ehre gebohren ist, wird, wenn er Schmerzen ausstehen und die Ge fahren trotzen soll, sich selbst nicht ermun tern, er mag in sich selbst noch eine so grosse Schwachheit fühlen, und sich selbst durch die Vernunft und Ehre nicht stärken kön nen? Einige Personen halten das Schau spiel der Fechter für grausam und unmensch lich, und ich weiß nicht, ob sie nicht recht haben. Allein wenn man zu diesen Kämpf fen nur zum Tode verdammte Missethäter nähme so wäre solches eine Lehre nicht für die Ohren, sondern für die Augen, daß die Menschen die Schmerzen und den Tod mu thig verachten sollten.“ Cicero ermahnt an einem andern Orte(Phil. II. 35.) sich und alle rechtschaffne Römische Bürger zur Geduld und Standhaftigkeit durch das Exempel der Fechter. Es ist in der Rede
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wider den Antonius, den Feind des Friedens und der öffentlichen Ruhe, welcher damals die Republik zu stürzen drohte. æIst in die sen unglücklichen Zeiten, sagt er, das letzte Schicksal der Republik herbey gekommen, so laßt uns doch die Aufführung der herzhaf ten Fechter nachahmen, welche sich nicht zu sterben fürchten, wenn sie nur mit Ehren sterben. Wie vielmehr müssen wir, die wir Herren der ganzen Erde und aller Völker sind, einen rühmlichen Tod einer schimpflichen Knechtschaft vorziehen.“ (*) Dieser Muth und diese Standhaftigkeit war es, was das empfindlichste Vergnügen der Zuschauer ausmachte. Man verachtete nur die Fechter, welche sich furchtsam bezeig ten, (**) welche sich bis zum Bitten ernie drigten und schrien, daß man ihr Leben scho nen sollte; da man sich hingegen derer, wel che eine tapfre und grosse Seele blicken lies sen, im Ernste annahm und für die Erhal tung ihres Lebens besorgt war. Das Volk 86 87
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bestimmte das Schicksal der Kämpfer; denn diejenigen, die dieses Schauspiel gaben, über liessen es gemeiniglich ihrem Gutachten. Ei ne geschloßne Hand mit einem ausgereckten Daumen war ein Zeichen des Todes. Munera nunc edunt et verso pollice vulgi(Juven.) Quemlibet occidunt populariter. Das Volk hielt es für eine Verachtung, die es angieng, wenn sich die Fechter dem Tode nicht mit einer guten Art entgegen stell ten. (*) Es wurde im Ernste gegen sie zor nig, als wenn sie dasselbe beleidigt hätten, und alsdann wurde es aus einem blosen Zu schauer ihr erklärter Feind. Es ist etwas erstaunliches, daß sich so vie le Personen zu dieser Profeßion fanden, die offenbar eine Profeßion des Todes war. Ihre Anzahl, die im Anfange der Republik nicht gar groß war, wurde in den spätern Zei ten ausschweifend groß, vornehmlich unter den Kaisern. Julius Cäsar hatte als Ae dilis dreyhundert und zwanzig Paar fechten lassen. Gordian gab dem Volke dieses Schauspiel im Jahre zwölf Mahl, alle Mo(Capitol. in Gordian.) nate, ehe er Kaiser wurde. Zuweilen foch ten fünfhundert Paar, niemals aber unter 88
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funfzigen. Aber worüber man noch mehr (Diodor. in Traj.) erstaunen muß und was fast unglaublich zu seyn scheint; Trajan, dieses Muster voll kommner Prinzen, hatte lange vor dem Gor dian dem Volke dieses Schauspiel hundert und zwanzig Tage nach einander gegeben, und binnen der Zeit erschienen zehntausend Fechter auf dem Kampfplatze. Es entstunden in Rom ganze Gesellschaf ten. Das Volk theilte sich für diese und je ne in Partheyen und oft mit solcher Wuth, daß die blutigsten Empörungen darüber ent stunden. Das Exempel der Hauptstadt zog gar bald alle andern Städte nach, und das ganze Reich wurde mit der Lust nach einem so blutigen Vergnügen angesteckt. Seneca drückt das Abscheuliche davon in wenig Worten vortreflich aus: æDer Mensch, sagt er, dieses heilige Geschöpf, achterachtet man für so gar nichts, daß man sich ein Spiel und ein Vergnü (Senec. ep. 96.) gen daraus macht, ihn zu erwürgen, und sein Blut zu vergiessen.“ Homo, sacra res homo, jam per lusum et jocum occiditur. Ehe noch Rom die Hauptstadt der Welt wurde, so hatteschonhatte schonAntiochus Epiphanes nach dem Exempel der Römer die Fechter und Fechterkämpfe in seinen Staaten ein (Liv. XLI. 20.) geführt. Titus Livius(*) merkt an, daß 89
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dieses Schauspiel den Zuschauern im Anfan ge mehr Schrecken und Entsetzen als Ver gnügen verursachte, da es ihnen noch neu war. Man mußte die Zuschauer nur nach und nach daran gewöhnen. Im Anfange hatte der Kampf bey der ersten Wunde ein Ende. Hierauf machten sich ihre Augen durch die Gewohnheit ein Vergnügen mit dem Blute, und endlich wurde dieses Schauspiel, so entsetz lich solches an sich selbst war, die gewöhnlich ste und angenehmste Lustbarkeit der Römer. Es ist merkwürdig, daß die Athenienser, deren Charakter Sanftmuth und Mensch lichkeit war, niemals in ihrer Stadt blutige(Lucian in vit. Demo nact. pag. 1014.) Schauspiele zugelassen haben. Als man ei nen Kampf der Fechter verordnen sollte, und solches in Vorschlag kam, damit man in die sem Stücke nicht geringer seyn möchte, als die Corinther; so schrie ein Athenienser mit lauter Stimme: Stürzt also vorher den Altar um, den wir vor mehr denn tausend Jahren der Barmherzigkeit erbaut haben.(*) In der That man muß 90
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auch aller Empfindlichkeit und Menschlich keit entsagt haben, wenn man das Blut von seines Gleichen nicht allein ohne Abscheu, sondern selbst mit Lust und Vergnügen fliessen sehen kann. Einige Heidnische Kaiser, welche sich vor (M. Aurel. vita. Diod. ap. Vales. p. 718.) den traurigen Wirkungen dieser Spiele ent setzten, hatten sie zu mäßigen gesucht. In dieser Absicht mäßigte M. Aurelius den schrecklichen Aufwand auf dergleichen Spie le, und erlaubte den Fechtern nicht, daß sie sich mit andern als mit Rappieren, denen forne die Spitze fehlte, schlagen sollten, so daß man ihre Geschicklichkeit sehen konnte, daß ihr Leben in Gefahr war. Allein wi der ausserordentliche Ubel müssen auch die Mittel ausserordentlich seyn. Kein Kaiser hatte sich unterstanden, dergleichen zu brau chen. Diese Ehre war dem Christenthume aufbehalten; man brauchte aber vieler Be mühungen und viel Zeit, ehe man seinen Endzweck erreichen konnte, so tief war das Ubel eingewurzelt, und so sehr hatte es sich viele Jahrhunderte nach einander durch die Meynung befestigt, daß dergleichen Schau spiele den Göttern angenehm wären, welchen sie auf diese Weise das Blut der Fechter, das vergossen wurde, opferten, wie solches viele Väter anmerken. Der grosse Constantin war der erste, wel cher durch Gesetze verbot, die Städte noch
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länger mit den Schauspielen der Fechter zu beflecken. Lactantius hatte ihm in seinen institutionibus divinis, einem vortreffli chen Werke vorgestellt, wie schädlich über haupt die Schauspiele, vornehmlich aber die Kämpferspiele wären. Das ganze Ansehen des Constantin war nicht hinlänglich, diese grausame Gewohn heit zu vertilgen. Honorius mußte dieses Gebot erneuern. Prudentius, ein christli cher Poet, hatte ihn in seinem Gedichte wi der den Symmachus gebeten, daß er das Christenthum von dieser Schande befreyen möchte. Allein der Kaiser wurde durch ei(Theodo. ret. V. 26.) ne besondre Begebenheit dazu bewogen, die man vielleicht hier nicht ohne Vergnügen le sen wird. Ein gewisser Einsiedler aus dem Morgen lande, der Telemach hieß, kam nach Rom, wo die rasende Lust an den Kämpferspielen noch herrschte. Er begab sich, wie andre, zum Amphitheater, aber in ganz verschied ner Absicht. Als der Kampf angegangen war, gieng er auf den Kampfplatz, und that sein möglichstes zu verhindern, daß die Fechter einander nicht umbringen sollten. Dieses war ein Schauspiel, dessen man sich nicht versah, und das alle Zuschauer auf rührig machte. Sie fielen also, von dem Sinne desjenigen voll, der ein Mörder vom Anfange an gewesen ist, und der allein dem
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menschlichen Geschlechte diesen Durst nach Menschenblut beybringen können, über die sen Feind ihrer Lustbarkeit her, und warfen ihn mit Steinen todt. Als Honorius er fahren hatte, was vorgegangen war, so un tersagte er dergleichen schädliche Schauspiele ganz und gar. Das Blut des Märtyrers erhielt das von GOtt, was die Gesetze des Constantin nicht ausrichten können, und seit der Zeit wird in der Geschichte nicht mehr von den Kämpfen der Fechter zu Rom gere det.æSo krönte GOtt, sagt der Abt Til lemont, aus dem ich diese Geschichte habe, selbst vor den Menschen eine Handlung, welche vielleicht die Weisen der Welt und selbst ein Theil der Kirche als eine unvor sichtige und thörichte Handlung verdamm ten. Allein die Thorheit GOttes ist wei ser, denn alle Weißheit der Menschen.“ Alle heilige Bischöffe, alle wahre Christen hatten vor den Fechterkämpfen eben einen solchen Abscheu, als dieser Einsiedler. æWie, ruft der heilige Cyprian aus, (*) man nimmt einem Menschen das Leben, um dem andern eine Lust und Freude zu 91
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machen? Das ist eine Wissenschaft, andre zu ermorden, und eine Kunst und Profeßi on! Man begeht nicht allein das Laster, sondern lehrt es auch, recht nach der Me thode zu begehen! Kann etwas grausamer und unmenschlicher seyn? Einen ermorden können, ist also eine Kunst, die man lernt, und einen würklich ermorden, das ist eine Ehre!“ Lactantius zeigt in dem oben schon ange führten Buche auf eine sehr vortrefliche Wei se, wie lasterhaft und strafbar die Zuschauer solcher Schauspiele sind. æWenn derjeni ge, sagt er, (*) der bey einem Todschlage zugegen ist, ohne ihn zu verhindern, wenn er kann, sich dadurch des Verbrechens theilhaftig macht, und wenn in dem Falle der Zuschauer eben so strafbar wird, als der Mörder, sofolgt, daß der Zuschauer von den Fechterkämpfen beynahe noch mehr ein Mörder ist, als der Fechter selbst, weil er die Vergiessung des Blutes zugiebt, und ist er dessen eben so wohl schuldig, als der es 92
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vergießt, weil er den Mörder durch sein Lob geschrey erhebt, so ist er anzusehen, als ob er den Ermordeten selbst, nur durch eine andre Hand, ermordet habe. Die Schau spiele des Theaters sind nicht weniger ver dammlich.“ Ich will diese kurze Abhandlung über die Fechterspiele mit der Erzählung einer Bege benheit beschliessen, welche der heilige Augu stin erzählt, und ich bitte die Jugend, sie mit Aufmerksamkeit zu lesen. Alipius, ein jun ger Mensch, aus einer der besten Familien von Tagaste in Afrika, wo auch Augustin ge bohren war, war nach Rom gegangen, um daselbst die Rechte zu studiren. Eines Ta ges trafen ihn einige andre junge Leute an, die auch das Recht studirten, und thaten ihm den Vorschlag, daß er mit ihnen kom men und einen Zuschauer der Fechterspiele abgeben sollte. Er verwarf diesen Vorschlag voll Abscheu, weil er beständig einen Wider willen gegen die grausamen Spiele gehabt hatte, bey welchen man das menschliche Blut mit einer solchen Gleichgültigkeit vergoß. Sein Widerstand erhitzte sie nur mehr, und sie brauchten die Gewalt, die Freunde zu weilen unter einander brauchen, und führten ihn mit Gewalt mit sich fort. Was macht ihr, rief er aus? Ihr könnt wohl mei nen Leib mit fortschleppen, und ihn auf das Amphitheater neben euch
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setzen; aber könnt ihr euch auch mei ner Augen und meiner Seele bemäch tigen, und sie zwingen, auf dieses Schauspiel Achtung zu haben. Ich will dabey seyn, als wenn ich nicht dabey wäre, und ich will über sie und euch triumphiren. Alipius machte al so seine Augen zu, und untersagte seiner See le, keinen Antheil daran zu nehmen. Er wä re glücklich gewesen, wenn er auch seine Oh ren hätte verschliessen können. Sie wurden mit Gewalt durch ein allgemeines Geschrey des Volkes gerührt, gleich da ein Fechter dem andern eine tödtliche Wunde beygebracht hatte. Seine Neugierigkeit besiegte ihn, er glaubte darüber weg zu seyn, öffnete seine Augen, und empfing in diesem Augenblicke eine viel tiefere Wunde in seiner Seele, als itzt der Leib des Fechters erhalten hatte. So bald er das Blut hatte fliessen sehen, konnte er seine Augen nicht mehr davon wegbrin gen, wie er sich damit geschmeichelt hatte, er heftete seine begierigen Blicke darauf, und berauschte sich, ohne es zu wissen, mit diesem barbarischen Vergnügen, und schien mit star ken Zügen die Grausamkeit, die Unmensch lichkeit und die Raserey in sich zu trinken, so sehr war er ausser sich selbst. (*) Mit einem 93
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Worte, er gieng ganz anders hinweg, als er hergekommen war, er dachte an nichts, als an diese Spiele, und nunmehr zwang er seine Freunde, sie mit ihm anzusehen. Er vermochte und verdiente auch nicht, aus diesem Abgrunde zu kommen, wie viele andre, die darinnen verderben. Allein GOtt, der einen grossen Heiligen aus ihm machen und junge Leute in seiner Person lehren woll te, in sich selbst und in ihre guten Entschlüsse ein Mistrauen zu setzen, und gefährliche Ge sellschafften zu fliehen, GOtt heilte ihn, nach dem er ihn erst seiner Schwachheit völlig ü berlassen hatte, auch völlig von dieser Wun de durch eine Anmerkung, welche Augustin von ungefähr in einer seiner rhetorischen Stunden über die Fechterspiele machte, und Alipius, der ihnen beywohnte, hörte, die aber in der That eine Wirkung der barm herzigen Absichten GOttes war, welche GOtt von Ewigkeit her über ihn gehabt hatte.

Zwölftes Buch.

Dieses zwölfte Buch enthält die Geschichte von drey und zwanzig Jahren, von dem Ende des ersten Punischen Krieges bis zum Anfange des andern.

I §.

Die Freude über den Frieden mit Carthago wird durch die Ergiessung der Tiber und eine grosse Feuersbrunst vermindert. Das Volk wird gezählt. Zwo neue Tribus. Livius Andronicus. Die Floralischen Spiele. Kriege wider die Ligurier und Gallier. Aufruhr der Lohnsoldaten der Carthaginenser. Die Römer nehmen ihnen Sardinien weg. Abgesand te an den König in Aegypten. Ankunft des Hiero znzu Rom. Die hundertjährigen Spiele. Unterneh mung wider die Bojer und Corsen. Der Tod eines Censors. Rom bekräftigt den Frieden mit den Car thaginensern. Sardinien wird unters Joch gebracht. Anmerkungen über die beständigen Kriege der Römer. Eine Vestalische Jungfrau wird verdammt. Das Volk wird gezählt. Der Poet Nävius. Zwistig keiten zwischen den Römern und Carthaginensern. Unruhen wegen eines vom Flaminius vorgeschlagnen Gesetzes. Unternehmung wider Sardinien und Cor sika. Erster Triumph auf dem Albanischen Berge. Census. Teuta folgt ihrem Gemahle Agron, dem Könige der Jllyrier, in der Regierung nach. Kla gen bey dem Senat über ihre Seeräubereyen. Cen sus. Teuta läßt einen von den Römischen Abge
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sandten tödten. Unternehmung der Römer wider die Jllyrier. Friede zwischen den Römern und Jl lyriern.
(d. 511. J. n. E. R. d. 241. J. v. C. G.)

Q. Lutatius Cerco. A. Manlius.

Die Freude, welche der rühmliche Frie de, so dem Kriege wider die Cartha ginenser ein Ende machte, zu Rom erweck te, wurde durch die traurigen Zufälle, die einen grossen Schaden anrichteten, nicht we nig verringert. Die Tiber, welche durch die plötzliche Ergiessung andrer Ströme in dieselbe, angewachsen war, gieng plötzlich ü ber die Ufer, und überschwemmte einen Theil der Stadt mit einer so ungestümen Geschwin digkeit, daß viele Häuser dadurch weggeris sen wurden. Weil die Uberschwemmung lange dauerte, und die Wasser in den niedri (Oros. IV. 11.) gen Gegenden von Rom lange stehen blieben, so machten sie den Grund vieler Häuser so wandelbar, daß sie einstürzten. Auf die Uberschwemmung der Tiber folg te bald darauf eine gewaltige Feuersbrunst, (Liv. Epit. XIX. Oros. IV. 11. Plin. VII. 43.) welche in der Nacht angieng, ohne daß man die Ursache davon wußte, in kurzer Zeit in verschiednen Gegenden der Stadt um sich griff, und einer grossen Menge von Häusern und Bürgern den Untergang zuwege brach te. Die Feuersbrunst verzehrte vornehm
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lich alle Gebäude um den Markt, besonders(d. 511. J. n. E. R. d. 241. J. v. C. G.) den Tempel der Vesta. Hier mußte das ewige Feuer, das die Vestalischen Jung frauen bewahrten, einem vergänglichen nach geben. Die Priesterinnen dachten auf ihre Rettung aus den Flammen durch die Flucht, und überliessen der Göttinn die Sorge, sich selbst und alles, was ihr angehörte, zu ret ten. Der Hohepriester, L. Cäcilius Me tellus, war muthiger und hatte mehr Ehr furcht für die Götter, als die Vestalen, warf sich mitten in die Flammen, und zog das Palladium, das gewisse Pfand von der ewigen Dauer der Republik, wie sie meyn ten, und andre geheiligte Sachen aus der Feuersbrunst heraus. Er verlohr das Ge sicht dabey, und ein Arm verbrannte ihm zur Hälfte. Das Volk wollte einen so edeln und lobenswürdigen Eifer belohnen, und gab ihm die besondre und bis hieher uner hörte Freyheit, mit einem Wagen in den Senat zu fahren. Eine grosse und herrliche Ehre, die aber durch traurige Erfolge ver dient worden war! (*) Die Censoren, C. Aurelius Cotta, und M. Fabius Buteo, zählten in diesem Jahre(Census.) das Volk wieder, welches nun zum neun und dreyßigsten male geschah, und die Anzahl der 94
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(d. 511. J. n. E. R. d. 241. J. v. C. G.) Bürger war zweyhundert und sechzig tau send. Es wurden zu den alten tribubus zwar neue, nehmlich Velina und Quirina hinzu gefügt, die also nunmehr sich auf fünf und dreyßig beliefen, welches auch seit der Zeit die gesetzte Anzahl dieser Classen geblieben ist. Es wäre hier der natürlichste Ort, eini ge Anmerkungen über die Tribus der Rö mer zu machen. Damit aber die Geschich te nicht allzusehr unterbrochen werde, so will ich am Ende dieses nur angefangenen zwölf ten Buches davon reden. (Liv. Epit. XIX. Zon. VIII.) Die Falisker waren so unsinnig, daß sie sich unterstunden wider die Römer die Waf fen zu ergreifen, wodurch sie genöthigt wur den, beyde Consuln wider sie zu schicken. Dieser Krieg währte nicht länger, denn sechs Tage; er wurde in zwo Schlachten geen digt. Die erste war zweifelhaft; in der an dern verlohren die Falisker funfzehn tausend Mann. Ein so ansehnltcheransehnlicher Verlust brach te sie wieder zur Vernunft; sie ergaben sich den Römern, die ihnen ihre Waffen, ihre Pferde, einen Theil ihres Geräthes, ihre Sklaven und die Hälfte ihrer Ländereyen nahmen. Ihre Stadt, welche sie durch die natürliche Lage, und durch ihre Werke, die sie dazu angelegt hatten, so kühn gemacht, wurde von einer steilen Höhe herunter auf (Val. Max V. 1.) die Ebne gesetzt. Das Römische Volk,
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das durch ihre öftern Empörungen zum(d. 511. J. n. E. R. d. 241. J. v. C. G.) Zorne gereizt war, gieng darauf um, sich schärfer an ihnen zu rächen. Allein als es erfuhr, daß sich die Falisker, als sie sich er geben, sich ausdrücklich erklärt hatten, daß sie sich nicht an die Macht, sondern an die Treue der Römer ergäben, so besänftigte dieses einzige Wort seinen Zorn auf einmal, um nicht das Ansehen zu haben, als ob sie nicht Treue und Gerechtigkeit beobachteten.

C. Claudius Centho.(d. 512. J. n. E. R. d. 240. J. v. C. G.) M. Sempronius Tuditanus.

Dieses Jahr wurde durch die Schau spiele des Theaters, durch die Comödien(Livius An dronicus. Freinsh. XX.) und Tragödien merkwürdig, welche der Poet Livius Andronicus verfertigte und aufführen ließ. Es wurden auch die Spiele der Flo ra entweder eingeführt, oder erneuert, um den Uberfluß der Feldfrüchte von den Göt tern zu erbitten. Diese Spiele wurden in(Val. Max. II. 10.) den folgenden Zeiten mit einer unbändigen und ausschweifenden Frechheit gefeyert. Es wurde eine neue lateinische Colonie nach Spoletum in Ombrien geführt.

C. Manilius Turinus.(d. 513. J. n. E. R. d. 239. J. v. C. G. Histoir. ancienne Tom. XII.) Q. Falerius Falto.

Dieses Jahr wurde durch die Geburt des Ennius berühmt. Ich habe an einem
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andern Orte von seinem Leben und von sei nen Schrifften gehandelt. (d. 514. J. n. E. R. d. 238. J. v. C. G.)

T. Sempronius Gracchus. P. Valerius Falto.

Rom hatte unter diesen Consuln zween Kriege zu führen, einen wider die Gallier, die nicht aufhörten, sie zu beunruhigen, und ei nen wider die Ligurier, Feinde, die sie noch nicht gehabt hatten. Valerius verlohr wi der die Gallier die erste Schlacht, und die andre gewonn er, in welcher sie vierzehn tausend Mann an Todten und zwey tausend an Kriegsgefangnen verlohren. Gracchus trug wider die Ligurier einen ansehnlichen Sieg davon, und verwüstete einen grossen Theil ihres Landes. Von Ligurien gieng er nach Sardinien und Corsika, von da er auch eine grosse Anzahl Kriegsgefangne hin weg führte. Seit dem Frieden zwischen den Römern und Carthaginensern, welcher dem ersten (Polyb. I. 65 - 79.) Punischen Kriege ein Ende machte, hatten die Carthaginenser einen schrecklichen Krieg in Afrika wider die fremden Kriegsvölker, die in ihrem Solde gestanden, auszuhalten, der so gefährlich war, daß nicht viel fehlte, Carthago hätte sich nicht von seinem Unter gange erretten können. Ich habe die Fol gen dieses Krieges in der Geschichte der Car thaginenser umständlich erzählt.
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In der äussersten Gefahr, worinnen sie(d. 514. J. n. E. R. d. 238. J. v. C. G.) waren, mußten sie ihre Zuflucht zu ihren Bundesgenossen nehmen. Hiero, welcher auf die Folgen des Krieges sehr aufmerk(Polyb. I. 84.) sam war, hatte den Carthaginensern alle Hülffe geleistet, die sie nur hatten verlangen können. Er verdoppelte seinen Eifer, als der das erstaunliche Glück der fremden Truppen in Afrika wahrnahm; er sah wohl ein, daß ihm auch daran gelegen wäre, daß die Car thaginenser nicht ganz unterdrückt würden; aus Furcht, die Gewalt der Römer möch te kein Gegengewichte mehr haben und ihm selbst furchtbar werden, wobey man, wie Polybius anmerckt, seine Klugheit und Ein sicht bewundern muß. Denn die Regel muß man nicht versäumen zu beobachten, daß man eine Macht nicht so groß werden lasse, daß sie uns das selbst streitig ma chen kann, was uns doch mit Recht zuge hört. Was die Römer anbelangt, so hatten sie sich in diesem Kriege der Carthaginenser be ständig sehr gerecht gegen sie aufgeführt, und eine grosse Mäßigung gezeigt. Eine kleine Klage wegen einiger Römischen Kaufleute, die man zu Carthago anhielt, weil sie ihren Feinden Lebensmittel zuführten, hatte beyde Republiken veruneinigt. Allein da die Car thaginenser auf die erste Anforderung die Rö mischen Bürger los gegeben hatten, so hat
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(d. 514. J. n. E. R. d. 238. J. v. C. G.) ten ihnen die Römer, die auch gerecht und großmüthig seyn wollten, ihnen ihre Freund schaft wieder geschenckt, und ihnen alle Dien ste geleistet, die sie ihnen erweisen können, hatten auch ihren Kaufleuten verboten, den Feinden der Carthaginenser keine Lebensmit tel zuzuführen. Dem Beyspiele der fremden Kriegsvöl cker in Afrika folgten die Soldaten in Sar dinien nach, und warfen auch das Joch des Gehorsams ab. Sie fingen an, den Bostar, ihren Commendanten, und alle Carthaginen ser, die bey ihm waren, zu erwürgen. Man schickte einen andern General an seine Stelle. Alle Truppen, die er mitgebracht hatte, er griffen die Parthey der Aufrührer, und schlu gen ihn selbst ans Creuz. Man richtete alle Carthaginenser auf der Insel hin, und ließ sie unerhörte Martern ausstehen. Nachdem sie einen Ort nach dem andern angegriffen hatten, bemächtigten sie sich der Insel in kur zer Zeit. Die Einwohner und die fremden Lohn Soldtaten wurden bald uneinig unter einan der. Diese wurden, nachdem sie die Hülfe der Römer vergebens verlangt hatten, die sich damals in keinen offenbar ungerechten Krieg einlassen wollten, völlig aus der In sel vertrieben, und flüchteten nach Italien. So verlohren die Carthaginenser Sardini en. Bis hieher hatten sich die Römer ge
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gen die Carthaginenser auf eine untadelhafte(d. 514. J. n. E. R. d. 238. J. v. C. G.) Weise aufgeführt. Sie hatten die Vor schläge beständig nicht anhören wollen, die ihnen die Aufrührer in Sardinien gethan hat ten, daß sie kamen und sich der Insel be mächtigen sollten. Sie giengen so weit, daß sie selbst die von Utika nicht als Unterthanen annehmen wollten, die doch von freyen Stü cken kamen, um sich ihrer Herrschaft zu un terwerfen. Ein Volk, das einer solchen Großmuth fähig war, würde sehr zu loben seyn, wenn es stets dabey geblieben wäre. Allein die Römer waren in dir<der> Folge nicht so großmüthig, und man kann ihnen hier ædas grosse Lob nicht ertheilen, das Cäsar bey dem Sallustius(*) ihrer Treue giebt. Ob gleich die Carthaginenser in den Punischen Kriegen sowohl in Frieden als im Stillstan de viele Handlungen der Untreue begangen haben, so haben sich doch die Römer nie mals so gegen sie wieder aufgeführt; sie hiel ten mehr auf das, was ihre Ehre von ih nen forderte, als was ihnen die Gerech tigkeit wider ihre Feinde erlaubte.“ 95
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(d. 514. J. n. E. R. d. 238. J. v. C. G.) Die Soldtruppen, welche, wie gesagt, sich nach Italien geflüchtet hatten, brachten end lich die Römer zu dem Entschlusse, nach Sardinien zu gehen, und sich dieser Insel (Pol. I. 88. 89.) zu bemeistern. Die Carthaginenser vernah men die Nachricht davon mit den größten Schmerzen, als welche nicht ohne Grund behaupteten, daß sie über diese Insel mehr Recht als die Römer hätten. Sie warben also Truppen, um eine schnelle und gerechte Rache an denen auszuüben, welche die Insel wider sie empört hatten. Die Römer kün digten ihnen unter dem Vorwande, daß diese KrügsrüstungenKriegsrüstungen auf sie abzielten, und nicht wider Sardinien allein gerichtet wären, den Krieg an. Die Carthaginenser, welche gantz erschöpft waren, und sich kaum zu er holen anfiengen, waren nicht im Stande, den Krieg auszuhalten. Man mußte sich also in die Zeit schicken, und der Gewalt wei chen. Man machte einen neuen Friedens vergleich, in welchem sie den Römern Sardi nien überliessen und sich verbindlich machten, von neuem zwölff hundert Talente, das sind zwölffmal hundert tausend Thaler, zu bezah len, um den Krieg, mit dem man sie über ziehen wollte, abzukaufen. Es ist schwer, ich will nicht sagen unmög lich, diese Aufführung der Römer zu rechtfer tigen. Sie hatten anfangs das Anerbieten der aufrührerischen Lohntruppen ausgeschlagen,
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weil sie es vor einen Schandflecken der Ehre ih(d. 514. J. n. E. R. d. 238. J. v. C. G.) rer Republik gehalten, diese Insel von den Händen derer, die sich derselben durch Auf ruhr bemächtigt hatten, anzunehmen und den ungerechtesten und unerhörtesten Frie densbruch zu begehen. Sie warteten also, bis ihnen die Zeit eine Gelegenheit zum Krie ge darbote, und sie glaubten, sie in den Kriegsrüstungen der Carthaginenser wider Sardinien zu finden, indem sie voraussetzten, daß sie wider sie die Waffen ergriffen. Allein was war für ein Grund vorhanden zu muth massen, daß die damals so sehr erschöpfften Carthaginenser den Frieden brechen, und die Römer, die noch nie so mächtig gewesen wa ren, als ietzt, muthwillig angreiffen würden? Wo ist die Treue, die Redlichkeit, und die Großmuth, auf welche die Römer so stoltz gewesen sind? Polybius, ihr grosser Bewun derer macht über diese Eroberung von Sar dinien keine Anmerkung, sondern sagt bey der Erzählung davon bloß, daß diese Sache keine weitern Folgen gehabt habe. Sie hatte sie damahls nicht, da die Römer so mächtig waren. Allein sie wird eine von den vornehmsten Ursachen des zweyten Puni schen Krieges seyn, wie wir bald sehen werden.

L. Corn. Lentulus Caudinus(d. 515. J. n. E. R. d. 237. J. v. C. G.) Q. Fulvius Flaccus.

Es fielen unter diesen Consuln einige
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(d. 515. J. n. E. R. d. 237. J. v. C. G.) nicht sehr beträchtliche Kriege zwischen den Galliern disseits des Po und zwischen den Liguriern vor. Man schickte zu gleicher Zeit Gesandten an den König Ptolemäus in Aegypten, er hieß Evergeta u. war ein Sohn des Ptolemäus Phi ladelphus um ihm ihre Hülffe wider den Kö nig in Syrien, Antiochus, mit dem Zunah men Θεος oder GOtt, anzubieten, denn man glaubte, daß er noch mit ihm in Kriege be (Eutrop. I. III.) grieffen wäre. Allein er hatte mit ihm ei nen Frieden geschlossen, weswegen er ihrer Hülffe nicht benöthiget war. Man hatte in Rom eine grosse Freude über die Ankunfft des Königes von Sicilien Hiero, eines Prinzen, welcher mit der Re publik durch die Bande einer aufrichtigen Freundschafft und einer unveränderlichen (Eutrop. ibid.) Treue verbunden war. Eutropius sagt, daß er nach Rom gekommen wäre, um den hundertjährigen Spielen beyzuwoh nen, die nach einigen SchrifftstellrenSchriftstellern in der That das folgende Jahr zum drittenmale gefeyert werden sollten, und zu welchen man itzt die nöthigen Anstallten machte. Damit in Rom, wo sich um die Zeit ein grosser Zu lauff von Menschen einfand, kein Mangel an Lebensmitteln seyn möchte, so machte die ser großmüthige Prinz den Römern ein Ge schencke von zweyhundert tausend Scheffeln
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Korn. Ich will die Ceremonien dieser Spiele zu Ende dieses Paragraphen mit we nigen erzählen.

P. Cornelius Lentulus Caudinus.(d. 516. J. n. E. R. d. 236. J. v. C. G.) C. Licinius Varus.

Man ernannte den M. Aemilius und den M. Livius Salinator zu Aufsehern über die hundertjährigen Spiele, welche alles, was dabey zu veranstalten war, besorgen sollten. Der Krieg wider die Bojer, dessen Füh rung man dem Lentulus übergeben hatte, wurde geendigt, ohne daß es den Römern Blut kostete. Es erhob sich unter den Bo jern und den Hülfsvölkern, welche sie hatten über die Alpen kommen lassen, eine so bluti ge Uneinigkeit, daß sie einander selbst aufrie ben. Licinius hatte vor sich den M. Claudius Glicias mit einem Theile seiner Völker vor aus nach Corsika geschickt. Dieser vergaß, wer er war, und er wollte aus einer thörich ten und strafbaren Eitelkeit die Ehre haben, daß er selbst diesen Krieg geendigt hätte, und machte eigenmächtig mit den Corsen einen Friedensvergleich. Als Licinius mit der übri gen Armee nachkam, achtete er einen Frieden nicht, der ohne seine Einwilligung und eigen mächtig geschlossen worden war. Er setzte den Corsen gewaltig zu, und unterwarf sie
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(d. 516. J. n. E. R. d. 236. J. v. C. G.) seiner Macht. Claudius, der Stifter und Bürge des Friedens, wurde ihnen überlie fert, und weil sie ihn nicht annehmen woll ten, so wurde er in dem Gefängnisse hinge richtet. Man machte dieses Jahr den Schluß des Census nicht, weil einer von den Censo ren während der Verwaltung seines Amtes gestorben war. Corsika und Sardinien, welche unter der (Der Friede zwischen Carthago und Rom wird wie der bestä tigt. Zon. VIII, Oros. IV. 12. Dio in Ex cerpt. XI.) Hand von den Carthaginensern aufgemun tert wurden, die ihnen eine mächtige Hülfe versprachen, machten alle Anstalten, die Waffen wieder zu ergreifen. Weil diese beyden Inseln an sich selbst sehr schwach wa ren, so verursachte ihre Rebellion in Rom eben keine sonderliche Unruhe; allein man war gegen die Furcht nicht unempfindlich, daß vielleicht ein neuer Krieg mit Carthago entstehen könnte. Dem zuvorzukommen wurde beschlossen, sogleich eine Armee ins Feld zu stellen, ohne die geringste Zeit zu verlieren. So bald sich das erste Gerücht davon ausbreitete, schickten die Carthagi nenser Gesandten über Gesandten nach Rom, und da sie nichts ausrichteten, so schickten sie zuletzt zehn Abgeordnete von den Vornehm sten aus der Stadt dahin, und befahlen ih nen, es durch die lebhaftesten und demüthig sten Bitten so weit zu bringen zu suchen, daß die Römer sie doch den Frieden, den sie ih
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nen gegeben hatten, ruhig geniessen lassen(d. 516. J. n. E. R. d. 236. J. v. C. G.) möchten. Als sie nicht günstiger, als die er sten gehört wurden, so fing endlich Hanno, der jüngste unter den Carthaginensischen Ab geordneten und zugleich der muthigste mit ei ner edlen Unerschrockenheit und Kühnheit zu reden an und sagte: æWenn ihr, ihr Rö mer, entschlossen bleibt, uns den Frieden zu versagen, den wir von euch nicht auf zwey Jahre, sondern auf ewig erkauft haben, so gebt uns Sicilien und Sardinien wie der, welche der Preis dafür waren. Wenn Privatpersonen einen Handel zerreissen, so behält kein rechtschaffner Mann, der noch Ehre liebt, die Wahre, ohne das Geld da für zurückzugeben.“ Die Vergleichung war sehr richtig, und man konnte nichts dar auf antworten. Also gaben die Römer aus Furcht, daß eine so schreyende Ungerechtig keit sie bey allen ihren Nachbarn verhaßt machen und entehren möchte, den Abgesand ten eine günstige Antwort und schickten sie zu frieden zurück.

C. Attilius Bulbus(d. 517. J. n. E. R. d. 235. J. v. C. G.) T. Manlius Torqvatus.

Manlius, dem Sicilien durchs Loos zuge fallen war, schlug die Feinde zu verschiednen malen, brachte die ganze Insel unters Joch, und machte sie den Römern ganz unterwür
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(d. 517. J. n. E. R. d. 235. J. v. C. G.) fig. Dadurch verdiente er die Ehre eines öffentlichen triumphirenden Einzugs in Rom. Weil Rom damals keine Feinde mehr zu bestreiten und keinen Krieg mehr zu führen (Der Ja nus- Tem pel wird geschlossen.) hatte, welches man nun seit vierhundert und vierzig Jahren nicht erlebt hatte, so wurde nunmehr der Tempel des Janus zum andern male geschlossen; eine Ceremonie, die einen allgemeinen Frieden verkündigte. Er war zum ersten male unter der Regierung des Numa geschlossen worden, und er wird nicht eher, als unterder Regierung des Augustus, zum drittenmale geschlossen werden. Man kann kaum begreifen, wie Rom, das im Anfange weder sehr reich noch sehr mächtig war, so viele Jahre nach einander so nach einander fort dauernde Kriege aushal ten können; ohne iemals Zeit auszuruhen gehabt zu haben; wie es möglich gewesen ist, alle die damit verbundnen Unkosten zu be streiten; und wie die Römer der Kriege nicht überdrüßig wurden, die sie aus ihren Fami lien heraus rissen, und sie ausser den Stand setzten, ihre Felder zu bauen, die doch ihr ein ziger Reichthum waren. Man muß sich erinnern, daß die Römer eigentlich ein kriegerisches Volk waren; sie waren unter den Waffen gebohren und er zogen, sie waren Feinde aller Ruhe, und verlangten nach nichts so sehr, als nach Krie gen und Schlachten. In den ersten Zeiten
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der Republik bis auf die Belagerung von(d. 517. J. n. E. R. d. 235. J. v. C. G.) Veiis waren die Kriege nicht langwierig, und dauerten oft nur zehn oder zwanzig Ta ge. Man gieng geschwinde zu Felde, man lieferte ein Treffen, die Feinde, die ihr Land nicht gern lange Zeit geplündert sehen woll ten, machten Friede, so bald sie überwunden wurden, und die Römer kehrten wieder zu rück. Als man den Sold eingeführt hatte, und die Herrschaft der Römer erweitert worden war, so dauerten die Feldzüge län ger, allein doch nicht über sechs Monate, weil den Consuln, welche commandirten, daran lag, den Krieg geschwind zu Ende zu bringen, um die Ehre eines Triumphs davon zu tra gen. Was die Unkosten, die Soldaten zu un terhalten und zu bezahlen, anbelangte, so ist merkwürdig, daß der Krieg, der andre Staaten erschöpft und ruinirt, die Römer, sowohl was den allgemeinen Schatz, als was Privatpersonen anbetraf, bereicherte. Die se waren oft sehr arm aus Rom ausgezogen und kehrten durch die Beute, die sie wäh rend des Feldzugs gemacht hatten, sie moch ten nun entweder eine Stadt mit Sturm er obert, oder das feindliche Lager geplündert haben, welches die Generale, um ihre Gunst zu gewinnen, oft zuliessen, reich nach Rom zurück, und die Hoffnung dieser Beute war für sie ein so starker Reiz, daß sie mit Ge
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(d. 517. J. n. E. R. d. 235. J. v. C. G.) duld und Standhaftigkeit, ja selbst mit Freu den die grösten Strapazen und Beschwer lichkeiten aushielten. Der Krieg war für den Staat nicht we niger einträglich, als für die Privatpersonen. Wenn die überwundnen Feinde Frieden zu machen verlangten, so war die erste Bedin gung die Erstattung aller Kriegsunkosten, und das Römische Volk nöthigte sie, kraft der Friedensbedingungen grössre oder gerin gere Summen nach der Beschaffenheit ihrer Umstände zu erlegen, um sie zu schwächen, und im Gehorsame zu erhalten, so daß diese Geldstrafen gemeiniglich die Uberwundnen völlig entkräfteten und ausser den Stand setz ten, die Waffen so bald wieder zu ergreifen. Die Generale, welche bey den Plünderungen der Feinde nicht sowohl sich, als vielmehr den Staat zu bereichern suchten, machten sich ei ne Ehre daraus, dem Volke das von den Feinden erbeutete Gold und Silber zu zeigen, und liessen es so gleich in den öffentlichen Schatz bringen. Diese und noch viele andre Ursa chen, die ich der Kürze wegen nicht anführe, zeigen, daß man eben nicht erstaunen muß, wenn man die Römer immer in den Waf fen sieht, ohne daß sie eines so mühseeligen Zustandes überdrüßig werden. Alle diese Kriege waren übrigens nach den Absichten der Vorsehung, die das Römische Volk zum Herrn über die ganze Welt machen wollte,
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nichts als Lehrjahre und Vorbereitungen zu(d. 517. J. n. E. R. d. 235. J. v. C. G.) den grossen Eroberungen, in welchen ihm al le Völker und Königreiche der ganzen Erde unterthan werden sollten. Der allgemeine Friede, den die Römer itzt genossen, war von keiner langen Dauer. Er wurde wenig Monate darauf ausser Ita lien durch Corsika und Sardinien, in Ita lien aber durch die Ligurier unterbrochen.

L. Postumius Albinus.(d. 518. J. n. E. R. d. 234. J. v. C. G.) Sp. Carvilius Maximus.

Diese drey Kriege wurden durch die Con suln und den Prätor L. Postumius in kur zer Zeit und ohne viele Mühe geendigt. Tuccia, eine vestalische Jungfrau wurde überzeugt, daß sie sich einem Sklaven Preis gegeben hätte, und brachte sich mit eignen Händen um, um der gewöhnlichen Strafe zu entgehen. Die Censores liessen dieses Jahr alle mann bare Bürger schwören, daß sie sich verhey rathen und der Republik Unterthanen erzeu gen wollten. Diese besondre und unge wöhnliche Vorsorge läßt uns muthmaßen, daß man bey der Uberzählung gefunden ha be, daß die Anzahl der Bürger um ein An sehnliches verringert gewesen seyn müsse. Der Poet Cn. Nävius aus Campanien,(Der Poet Nävins.) welcher in dem ersten Punischen Kriege
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Kriegsdienste gethan hatte, fing dieses Jahr an, seine theatralischen Stücke aufführen zu lassen. (d. 519. J. n. E. R. d. 233. J. v. C. G.)

Q. Fabius Maximus Verrucosus. M Pomponius Matho.

(Charakter des Fabius Plutarch. in Fab. p. 174.) Dieser Fabius, welcher in diesem Jahre zum ersten male zum Consul ernannt wur de, ist der berühmte Fabius Maximus, von dem in dem Kriege wider den Hannibal bald geredet werden, und der der Republik so grosse Dienste leisten wird. Er hatte den Zunahmen Verrucosus, wegen einer klei nen Warze, die er auf der Lippe hatte. Er wurde auch in seiner Kindheit Ovicula, oder Lämmchen genannt, theils wegen sei ner natürlichen Sanftmuth, theils wegen seiner scheinbaren Dummheit. Denn sein stiller und ruhiger Geist, sein Stillschweigen, seine Kaltsinnigkeit gegen die Ergetzlichkeiten seines Alters, die Langsamkeit, womit er das begriff, was man ihm lehrte, und die Sanft muth und Gefälligkeit gegen seines Gleichen wurden von denen, die ihn nicht in der Nä he untersuchten, für Kennzeichen eines dum men und schweren Geistes gehalten. Nur wenig scharfsichtige Leute erblickten in seinem ernsthaften und gesetzten Ansehen einen tiefen und gesunden Verstand und ein reifes Urtheil, in dem Charakter der Langsamkeit eine un
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vergleichliche Großmuth u. einen Lowenmuth.(d. 519. J. n. E. R. d. 233. J. v. C. G.) Als er nachher durch die öffentlichen Angele genheiten ermuntert u. so zu sagen aufgeweckt wurde, so zeigte er sehr deutlich, daß das, was man für Langsamkeit hielt, Ernsthaftigkeit, was man Furcht hieß, Vorbedacht und Klugheit, und was man für einen Mangel der Lebhaftigkeit und Kühnheit hielt, Stand haftigkeit und ein unbeweglicher Muth war. Sardinien und Ligurien empörten sich aufs neue. Ligurien fiel dem Fabius, und Sardinien dem Pomponius durchs Loos zu. Weil man auf die Carthaginenser den Arg wohn hatte, daß sie diese Völker heimlich zum Aufruhre anreizten, so schickte Rom un ter dem Vorwande, die Summen, die sie auf verschiedne Zeiten zu zahlen, sich ver bindlich gemacht hatten, einzufodern, Abge sandte an dieselben. Sie verboten ihnen in sehr harten Ausdrücken, sich nicht in die An gelegenheiten der den Römern zugehörigen Inseln zu mengen, mit der Bedräuung des Krieges, wenn sie nicht gehorchten. Die Carthaginenser hatten sich von ihrer Unruhe erholt, und angefangen, wieder Muth zu be kommen, indem Hamilkar, ihr General, nicht allein die Afrikanischen Völker, die sich empört hatten, wieder befriedigt, sondern auch ihre Herrschaft durch verschiedne Sie ge in Spanien vergrössert hatte. Sie ant worteten also den Abgesandten trotzig, und
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(d. 519. J. n. E. R. d. 233. J. v. C. G.) wie diese, ihrem Befehle nach, ihnen einen Wurfspieß und einen Schlangenstab, wel che beyde Stücke Zeichen des Krieges und des Friedens waren, gezeigt und hinzugesetzt hatten, sie sollten eines von beyden wählen, so gaben sie zur Antwort, sie wollten nicht wählen, aber sie wollten das gern annehmen, was die Römer wählen würden. So er zählt Zonaras(*) diese Geschichte, der aber nicht der glaubwürdigste Geschichtschreiber ist, und wenig Ansehen hat. Die Römer waren viel zu stolz, daß sie hätten zurückwei chen sollen, nachdem ihnen die Carthaginen ser so viel gesagt hatten. Dieses was Zo naras erzählt, hat so viel Aehnlichkeit mit der Kriegserklärung der Römer wider Cartha go nach der Einnahme von Sagunt, daß uns seine Erzählung vollends verdächtig wird. Sie schieden also von einander, ohne etwas auszumachen, alle beyde Republiken hatten den tödtlichsten Haß auf einander, und er wartete nur auf eine Gelegenheit, auszubre chen. Die Einwohner von Sardinien und die Ligurier wurden von den Consuln leicht überwunden, welchen dieser Sieg die Ehre des Triumphs zuwege brachte. Sie wur den überwunden, aber nicht gebändigt, und ergriffen das folgende Jahr die Waffen von 96
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neuem, aber wieder mit keinem bessern Er folge.

M. Aemilius Lepidus.(d. 520. J. n. E. R. d. 232. J. v. C. G.) M. Publicus Malleolus.

Die innerlichen Unruhen zwischen dem(Polyb. II. 109. Val Max. V. 4.) Volke und dem Senate, welche durch den Krieg wider die Carthaginenser waren unter brochen worden, erneuerten sich in diesem Jahre bey Gelegenheit eines Gesetzes, das C. Flaminius, der Tribun des Volkes vor schlug, und dahin abzielte, daß man gewisse Ländereyen der Picentiner und der Gallier, welche den Senonern gehört hatten, unter das Volk austheilen sollte. Der Senat widersetzte sich diesem Gesetze aus allen Kräf ten, von dem er die traurigen Folgen für die Republik vorher sah, indem es die Galli er reizte, und ihnen einen Vorwand gab, die Waffen wider die Römer zu ergreifen, und dafür fürchtete er sich gewaltig; denn er er innerte sich, was vordem die Republik von ihnen hatte leiden müssen. Er brauchte bald Bitten, bald Drohungen, aber alles verge bens. Man kam so weit, daß man der Obrigkeit Befehl gab, Truppen in Bereit schaft zu halten, um sich der Gewalt des Tribuns zu widersetzen. Allein der hart näckige Trotz des Flaminius ließ sich weder durch Bitten erweichen, noch durch Dro hungen erschüttern. Er achtete die vorsich
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(d. 520. J. n. E. R. d. 232. J. v. C. G.) tigen Erinnerungen und Warnungen eines Vaters nicht, der ihm erst in der Güte den Schaden vorstellte, den er sich thäte, daß er sich zum Anführer einer besondern Partey machte, der ihm hernach auch härter zure dete, wie ein Vater das Recht hat, seinem Sohne zuzureden. Allein der Tribun blieb fest bey seinem Entschlusse, und nachdem er das Volk versammelt und schon angefangen hatte, das Gesetz zu lesen, so näherte sich sein Vater, vor Zorn ausser sich selbst, dem Orte, wo die Tribunen an das Volk ihre Reden hielten, faßte ihn bey der Hand, führ te ihn herunter, und nahm ihn mit sich hin weg. Ich weiß nicht, ob man in der Ge schichte noch eine Begebenheit findet, die so gut als diese das Ansehen beweist, das Vä ter über ihre Kinder hatten, und wie sehr dasselbe verehret wurde. Dieser Tribun, welcher den Unwillen und die Dräuungen des ganzen Senates verachtet hatte, ließ sich im Feuer der Action selbst, und vor den Au gen des Volkes, dem an dem Gesetze so viel gelegen war, von seinem Sitze, wie ein Kind durch die Hand eines Greises wegführen, und was eben so sehr bewundert zu werden verdient, die Versammlung, die alle ihre Hoffnungen auf einmal zernichter sah, da ihr Tribun weggieng, blieb dabey ruhig, ohne durch die geringste Klage, oder durch einiges Murren eine Unzufriedenheit über diese kühne
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That zu zeigen, die dem Scheine nach seinen Vortheilen so entgegen war. Allein die Kundmachung dieses Gesetzes wurde nur aufgeschoben, denn ein andterandrer Tribun verei nigte sich bald darauf mit dem Flaminius, und trieb dieses Gesetz durch. Es wurde für das Römische Volk, wie Polybius an merkt, ein sehr unglückliches Gesetz, indem es den Anlaß zu dem Kriege gab, welchen acht Jahre darauf die Gallier anfiengen.

M. Pomponius Matho.(d. 521. J. n. E. R. d. 231. J. v. C. G.) C. PapirlusPapirius Maso.

Diese beyden Consuln giengen einer nach Sardinien, der andre nach Corsika; das waren Kriegszüge, welche im Anfange den Römischen Truppen mehr zu schaffen mach ten, als sie ihnen hernach Ehre brachten. Allein endlich wurden beyde Inseln überwäl tigt und Römische Provinzen. In diesem Jahr sah man in Rom die er(Die erste Eheschei dung in Rom. Dionys. Hal. II. 96. Val. Max. I. 1.) ste Ehescheidung. Sp. Carvilius Rugia schied sich von seiner Frau, die er unterdessen sehr liebte, bloß deswegen, weil sie unfrucht bar war, und hierzu entschloß er sich aus Ehrfurcht gegen den Schwur, den er, wie andre, leisten müssen, daß er sich verheirathen wollte, um Kinder und Unterthanen für die Republik zu erzeugen. Allein ob er es schon gleichsam gezwungen und nicht eher that, bis
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(d 521. J. n. E. R. d. 231. J. v. C. G.) er seine Freunde zu Rathe gezogen hatte, so wurde doch diese Handlung durchgängig ge misbilligt, und machte ihn ausserordentlich verhaßt. Man sah in diesem Jahre noch etwas Neues. Der Consul Papirius verlangte und glaubte die Ehre des Triumphes mit Recht verdient zu haben, weil er in Corsika den Frieden hergestellt hatte. Unterdessen versagte ihm der Senat diese Ehre. Er eig nete sie sich also selbst zu, und triumphirte auf dem Albanischen Berge, welches Exem pel mit der Zeit Nachfolger bekam und sehr oft nachgeahmet wurde. (d. 522. J. n. E. R. d. 230. J. v. C. G.)

Man schloß in diesem Jahre den ein und vierzigsten Census. Den Consuln wurde aufgetragen, den Krieg wider die Ligurier zu führen, der da mals von keinen Folgen war. Ein andrer Krieg in einem Lande, wo hin die Römer noch nicht gedrungen waren, zog die Aufmerksamkeit der Römer auf sich. Das war Illyrien, welches wir itzt die Kü sten von Dalmatien nennen. Dieses Land war unter verschiedne Völker getheilt. Agron war über die Ardyeer, welche eins von die sen Völkern waren, König gewesen, und
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hatte seine Macht so sehr vergrössert, als kei(d. 522. J. n. E. R. d. 230. J. v. C. G.) ner von seinen Vorfahren vor ihm gethan hatte. Dieser König, der vor nicht langer Zeit gestorben war, hatte einen Sohn Pi näas nachgelassen, der nur noch ein Kind war. Teuta, seine andre Gemahlinn, war Vormünderinn des jungen Prinzen, ob sie gleich nicht seine Mutter war; unterdessen verwaltete sie doch während seiner Minder jährigkeit sein Königreich als Regentinn und Vormünderinn. Unter dieser Regierung trieben die Illy rier mit aller Freyheit und selbst unter öf fentlichen Schutze in dem ganzen Adriatischen Meere und an den Küsten von Griechenland Seeräuberey; unter andern solchen Kape reyen nahmen sie auch einige Kaufleute aus Italien gefangen, die aus dem Hafen von Brundusium abseegelten, und tödteten auch einige. Im Anfange achtete der Senat nicht sehr auf diese Klagen wider die Seeräuber. Allein weil ihre Verwegenheit täglich zu nahm, und der Klagen immer mehr wurden, so beschloß man, Abgesandten an sie abzu schicken, und Genugthuung zu verlangen, und vornehmlich ihnen die Erklärung zu thun, daß die Römer die kleine Insel Issa in ihren Schutz genommen hätten. Die Illyrier spielten derselben sehr übel mit, weil sie sich von ihrem Bunde losgemacht hatte, und sie belagerten sie wirklich.
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(d. 522. J. n. E. R. d. 230. J. v. C. G.) Zu der Zeit kamen die Römischen Abge sandten Cajus und Lucius Coruncianus an. Bey dem Gehör, das sie erhielten, beklag ten sie sich wegen des Schadens, den ihre Kaufleute von den Illyrischen Räubern er litten hatten. Die Königinn ließ sie reden, ohne sie zu unterbrechen, indem sie sich ein stolzes und trotziges Ansehen gab. Als sie aufgehört hatten zu reden, so antwortete sie, sie ihrer Seits wollte den Römern keine Ge legenheit zu klagen geben, und keine Kaper wider sie ausschicken. Allein es wäre auch die Gewohnheit der Illyrischen Könige nicht, ihren Unterthanen zu verbieten, wegen ihres eignen Nutzens, auf Kapereyen auszugehen. Bey diesem Worte stieg dem jüngsten das Feuer ins Gesicht, und er sagte mit einer Freyheit, die zwar Römisch, aber nur ein we nig wider die Umstände der Zeit war: Bey uns, o Königinn, ist es eine von den schönsten Gewohnheiten, daß wir alle das Unrecht, das einem in besonders widerfährt, gemeinschaftlich rächen. Die Königinn, als eine stolze und gewaltsa me Frau, wurde über diese Antwort so ent rüstet, daß sie ohne Achtung gegen das Völ kerrecht die Römischen Gesandten verfolgen, einige nebst ihrem Gefolge tödten, die andern ins Gefängniß werfen ließ, und ihre Grau samkeit so weit trieb, daß sie befahl, man sollte diejenigen, welche die Schiffe der Rö
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mischen Abgesandten geführt hatten, ver(d. 522. J. n. E. R. d. 230. J. v. C. G.) brennen. Man kann denken, wie aufge bracht die Römer werden mußten, als sie ein so grausames Verfahren erfuhren. Vor allen Dingen ehrten sie das Andenken ihres Abgesandten, indem sie ihm auf dem Markte eine Statue aufrichteten. Zu gleicher Zeit machten sie Anstalt zum Kriege, warben Truppen, rüsteten eine Flotte aus, und der Krieg wurde den Illyriern mit allen Cere monien angekündigt. Die Königinn gerieht nunmehr in eine grosse Unruhe. Das war ein Gemüth von einer erstaunlichen Leichtsinnigkeit und Un beständigkeit, das gar nichts gewisses und gesetztes hatte, und das von der trotzigsten und frechsten Kühnheit wieder auf einmal zur niederträchtigsten Furcht und Zaghaftig keit herab fiel. Als sie also sah, daß sie eine so furchterliche Macht wider sich in die Waf fen gebracht hatte, so schickte sie Abgeordne te an die Römer, und erbot sich, alle Ge fangnen und die, so noch lebten, loßzugeben, und erklärte sich auch noch, daß die Ermor dung einiger Römer durch die Seeräuber ohne ihren Befehl vorgegangen wäre. Die Genugthuung war nicht sonderlich und dem abscheulichen Verbrechen der Illyrier nicht gleich. Weil sie unterdessen hoffen ließ, daß die ganze Sache in der Güte und ohne Blut vergiessen würde abgethan werden können,
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(d. 522. J. n. E. R. d. 230. J. v. C. G.) so war unterdessen Rom damit zufrieden, schob die Einschiffung der Truppen auf, und verlangte bloß, daß man die Urheber der Er mordung an die Republik ausliefern sollte. Dieser Aufschub war Ursache, daß die Kö niginn ihren ersten Charakter wieder an nahm. Sie schlug die gefoderte Ausliefe rung aus, und um dieser abschläglichen Ant wort gemäß zu handeln, ließ sie ihre Trup pen wieder ausziehen, um die kleine Insel Issa von neuem zu belagern. (d. 523. J. n. E. R. d. 229. J. v. C. G.)

Im Anfange des Frühlinges hatte die Königinn Teuta noch eine größre Anzahl Schiffe als vorher ausrüsten lassen, um Grie chenland zu plündern und zu verheeren. Ein Theil seegelte nach Corcyra (*), (Cursoli) die andern warfen bey Epidamnus (**) An ker. Diese hatten die Stadt überfallen wol len, weil sie aber ihre Absicht verfehlten, so vereinigten sie sich wieder mit den übrigen, 97 98
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und begaben sich nach Corcyra, welche Stadt(d. 522. J. u. E. R. d. 229. J. v. C. G.) die Achäer und Aetolier um ihren Beystand ersuchte. Nach einem harten Seetreffen, wo die Illyrier, die von den Acarnaniern unterstützt wurden, die Oberhand behielten, war Corcyra nicht länger im Stande, den Angriff der Feinde auszuhalten, capitulirte, und nahm Besatzung ein, welche Demetrius von Pharos(*) commandirte. Die Römer blieben, wie leicht zu erach ten ist, nicht ruhig dabey. Die Consuln schickten sich zum Kriege. Fulvius hatte das Commando über die Flotte, die aus zwo hundert Schiffen bestund, und Posthumius sein College hatte das Commando über die Armee zu Lande. Fulvius wollte im An fange gerade nach Corcyra zu seegeln, indem er noch zur rechten Zeit ihr beyzuspringen hoffte. Allein ob sich gleich die Stadt erge ben hatte, so folgte er dennoch seinem ersten Entwurfe, theils um genau zu erfahren, was vorgegangen war, theils auch, weil er mit dem Demetrius in einem heimlichen Ver ständnisse stund. Denn weil sich dieser bey der Königinn Teuta übel verdient gemacht hatte, und ihren Zorn befürchtete, so hatte er den Römern sagen lassen, daß er ihnen Corcyra, und alles, was in seiner Gewalt stünde, übergeben wollte. Die Römer lan 99
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(d. 523. J. n. E. R. d. 229. J. v. C. G.) deten also in der Insel an, und wurden wohl aufgenommen. Demetrius und die Ein wohner von Corcyra überlieferten ihnen die Illyrische Besatzung, die ganze Insel unter warf sich ihnen, weil sie in den Gedanken stunden, daß dieses das einzige Mittel wäre, sich auf ewig vor den Streifereyen der Illy rier in Sicherheit zu setzen. Die Römer hatten eine mächtige Flotte ausgerüstet, und zugleich eine Armee zu Lan de einen Einfall in das Königreich der Teuta thun lassen; jene reinigte alle Posten, wel che die Illyrier in den Inseln der Adriati schen See besaßen; diese zwang die Teuta, daß sie mitten im Lande ihre Sicherheit su chen und sich von der Küste entfernen mußte. Sie gaben dem Demetrius verschiedne Plä tze, um ihn wegen der Dienste zu belohnen, die er ihnen geleistet hatte. Als der Feld zug geendigt war, so schlug der Consul Post humius seine Winterqvartiere in Epidam nus auf, um sowohl die Illyrier, als die neu unterwürfig gemachten Völker im Ge horsame zu erhalten. Teuta, die sich nicht mehr helfen konnte, schickte im Anfange des Frühjahres Gesand ten nach Rom, um Friede zu bitten. Sie schob, was geschehen war, auf ihren Ge mahl Agron, dessen Plane sie hätte folgen und dessen Unternehmungen sie hätte fortse tzen müssen. Der Friede wurde geschlossen,
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aber nicht unter ihrem Nahmen, sondern(d. 523. J. n. E. R. d. 229. J. v. C. G.) unter dem Nahmen des minderjährigen Prinzen, des Agron, welchem das Königreich gehörte. Die Bedingungen waren folgen de: æCorcyra, Pharos, Issa, Epidamnus blieben in der Gewalt der Römer, der jun ge Prinz sollte den Uberrest von den Lan den seines Vaters behalten, und den Rö mern einen Tribut bezahlen, und was für die Griechen das wichtigste war, er sollte über die Stadt Lissus hinaus mit nicht mehr denn zwey Schiffen fahren können, die auch nicht als Kriegsschiffe ausgerüstet seyn sollten.“ Teuta gab die Regierung des Königreiches entweder freywillig, oder(Dio. Zonar23.) auf Befehl der Römer auf, und Demetri us wurde unter dem Titel eines Vormundes des jungen Königes zum Regenten desselben ernannt. So wurde der Illyrische Krieg geendigt. Posthumius schickte das folgende Jahr Ab gesandten an die Achäer und Aetolier, um ihnen die Ursachen wissen zu lassen, die die Römer genöthigt hatten, diesen Krieg zu un ternehmen und nach Illyrien zu gehen. Sie erzählten den ganzen Erfolg des Krieges, sie lasen den mit den Illyriern geschlossnen Frieden, und kehrten hierauf nach Corcyra zurück, nachdem sie von beyden Völkern sehr wohl waren aufgenommen worden. Der Friede war in der That sehr vortheilhaft für
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(d. 523. J. n. E. R. d. 229. J. v. C. G.) die Griechen, und befreyte sie von einer gros sen Furcht. Denn die Illyrier erklärten sich nicht etwa nur wider einen Theil von Griechenland; sie waren Feinde aller Grie chen, und beunruhigten mit ihren Seeräu bereyen alle benachbarte Völker. Das war also der erste Ubergang der Rö mer in Illyrien, und der erste Bund, der durch eine Gesandschaft zwischen den Grie chen und Römern geschlossen wurde. Diese schickten zu gleicher Zeit Gesandten nach Co rinth und Athen, die an beyden Orten sehr wohl empfangen und mit vieler Ehre aufge nommen wurden. Die Corinther erklärten sich durch eine öffentliche Verordnung, daß die Römer bey Haltung der Isthmischen Spiele in Griechenland wie die andern Grie chen zugelassen werden sollten. Die Athe nienser verordneten auch, die Römer sollten in Athen Bürger und in den grossen Geheim nissen eingeweiht werden können.

Von den hundertjährigen Spielen.

Die hundertjährigen Spiele wurden so ge nannt, weil sie nur alle Jahrhunderte einmal gefeyert wurden; allein man ist we gen der Dauer von hundert Jahren nicht einig. Bis auf die Zeiten des Kaisers Au gustus verstund man durch dieses Wort die
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bestimmte Zahl von hundert Jahren. Die Sybillinischen Priester wollten dem Kaiser Augustus schmeicheln, welcher diese Spiele gern zu seiner Zeit begangen wissen wollte, und erklärten sich also, daß das Orakel der Sybille, das die Feyerung derselben befohl, durch das Säculum eine Zeit von hundert und zehn Jahren verstünde; u. nach dieser Ausle gung wurden die hundertjährigen Spiele damals, nehmlich im 737. Jahre der Stadt Rom zum fünften male gefeyert. Und das ist die Meynung, welcher Horaz in seinem Gedichte auf diese hundertjährigen Spiele, von dem wir gleich reden werden, gefolgt ist. Der Kaiser Claudius nahm die Meynung von 100. Jahren wieder an, und feyerte die se Spiele also vier und sechzig Jahre dar nach, als sie unter dem Augustus gefeyert worden waren. Hierauf nahm Domitian(Tacit. An- nal. XI. 11. Sveton. in Claud. n. 21.) das System von 110. Jahren wieder an. Die Geschichtschreiber haben angemerkt, daß die Römer über den Ausruf des Herolds lachten, welcher zu Spielen einlud, die nie mand gesehen hatte, noch sehen würde. Es ist hier nicht bloß der Nahme des Sä culi, welcher Schwierigkeiten macht. Der Ursprung, die Gelegenheit und der Zeitpunkt von der Einführung dieser Spiele sind nicht gewisser, und unter den Gelehrten eine Ge legenheit zu Streitigkeiten, in die ich zu fol ge des Plans, den ich annehme, mich nicht
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einzulassen brauche. Geschickte Kunstrich ter glauben, daß sie vom Valerius Publi cola nach der Verbannung der Könige ge stifftet, und im 245 Jahre zuerst in Rom ge feyert worden sind, als welches Jahr das erste Jahr der Freyheit des Römischen Vol kes ist. Es scheint, daß sie nicht allezeit ganz genau am Ende eines Jahrhundertes erneuert worden sind; verschiedne Ursachen konnten die Römer nöthigen, sie aufzuschie ben, oder ihre Feyer zu unterbrechen. Das war also der Ursprung dieser Cere monien. Einige Zeit vor der Feyer dieser Spiele schickten die Magistratspersonen He rolde an alle Völker in Italien, die von ih nen abhiengen, um sie zu Spielen einzula den, die niemand gesehen hätte, und niemand von ihnen wieder sehen würde. Wenig Tage vor diesem Feste setzten sich die Priester, welche die Sybillinischen Bü cher verwahrten, und deren Anzahl vom Sylla auf funfzehn gesetzt wurde, daher sie den Nahmen der Funfzehner Quindecim haben, auf ihren Stühlen in dem Tempel des Jupiters Capitolinus, und theilten un ter das Volk gewisse lustralische Sachen, das heißt solche, die es reinigen sollten, nehm lich, Fackeln, Harz und Schwefel aus. Ein jeder brachte Korn, Erbsen und Bohnen den Parcen zum Opfer. Sie brachten in dem Tempel des Jupiters und der Diana auf
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dem Aventinischen Hügel ganze Nächte zu, dem Pluto, der Proserpina, und andern Göt tern Opfer darzubringen. Als die Zeit des Festes herbey kam, so öffnete man solches durch eine feyerliche Pro ceßion, bey welcher sich alle Priester, alle Magistratspersonen, alle Stände der Re publik und das ganze Volk, weis gekleidet, mit Blumen bekränzt, und mit Palmen in den Händen einfanden. Sie giengen vom Capitol auf das Marsfeld. Man stellte die Statuen der Götter auf KüssenFüssen, wo man ihnen nach dem gewöhnlichen Gebrauche in den öffentlichen Ceremonien der Religion ein grosses Maal anrichtete. Man opferte in der Nacht dem Pluto, der Proserpina, den Parcen, der Ilithya (*) und Terra, und am Tage dem Jupiter, der Juno, dem Apollo, der Latona, der Diana und den Geniis. Man opferte den ersten von diesen Gottheiten nichts als schwarze Opfer. In der ersten Nacht des Festes begaben sich die Consuln in Begleitung der Sybilli nischen Priester an das Ufer des Tiberstro mes an einen Ort Terent genannt, wo die hundertjährigen Spiele ihren ersten Anfang genommen hatten. Sie liessen daselbst drey Altäre aufrichten, die sie mit dem Blute von 100
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drey Lämmern bespritzten, und auf welchen sie Opfer und Thiere verbrennen liessen. Während der Nacht waren alle Gegenden in Rom mit Feuerwerken und Illuminatio nen erleuchtet. Am andern Tage des Festes begaben sich die Damen auf das Capitol und in andre Tempel, um verschiednen Gottheiten ihre Opfer und Gelübde darzubringen. Am dritten Tage, als am letzten Tage dieses Festes, wurden sieben und zwanzig Jünglinge und eben so viel Jungfrauen aus den vornehmsten Familien in verschiedne Chö re getheilt, welche alle noch ihre Väter und ihre Mütter haben mußten; sie sangen in dem Tempel des Apollo Palatinus Gesänge und Lieder in lateinischer und griechischer Sprache, die ausdrücklich zu diesem Feste verfertigt waren, in welchen sie für Rom die Hülfe und den Schutz der Götter, die man durch die Opfer geehrt hatte, erbitten sollten. Während den drey Tagen, die das Fest dauerte, wurden dem Volke Schauspiele von unterschiedner Art gegeben. Man giebt vor, daß in den Sybillinischen Büchern ein altes Orakel enthalten gewesen sey, welches den Römern gesagt habe, daß wenn sie mit dem Anfange eines jeden Jahr hundertes in dem Marsfelde gewissen darin nen beniemtenbenamten Gottheiten diese Spiele hal ten würden, Rom beständig im Flor seyn,
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und alle Völker des Erdkreises ihm unter würfig werden sollten. Wir haben ein Muster von dem Gesan- ge, der einen Theil dieser Ceremonien aus macht, in der Ode des Horaz auf dieses hun dertjährige Fest, welche Horaz im 736. Jah re auf den Befehl des Augustus machen muß te. Man hält dieses Gedicht für eines von den schönsten Gedichten dieses Poeten. Ich will hier nur zwo Strophen anführen, die uns zeigen werden, was von den übrigen zu halten sey. Alme sol, curru nitido diem qui Promis et celas, aliusque et idem Nasceris, possis nihil vrbe Roma Visere maius! Seele der Natur, gütige Sonne, die du durch deinen leuchtenden Wa gen den Tag schaffst und verbirgst, allezeit verschieden und doch als eben dieselbe Sonne aufgehst, möch test du doch niemals etwas sehen, das grösser, als Rom, wäre! Welche Zierlichkeit in der Schreibart, und zugleich welche Hoheit in den Gedanken! Dii probos mores docili iuuentae, Dii senectuti placidae quietem, Romulae genti date remque pro lemque Et decus omne!
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Götter! Gebt doch der gelehrigen Jugend rechtschaffne Sitten! Götter, gebt dem Alter eine sichre Ruhe, gebt dem Römischen Volke Reichthümer, Bürger, und Ehre! Kann man in vier Verse mehr und wich tigere Wünsche zusammen fassen, als diese sind? Ich bin vornehmlich über diejenigen vergnügt, welche die Jugend angehen; die Götter sollen ihr Gelehrigkeit und rechtschaff ne Sitten geben.

II §.

Die Macht der Carthaginenser, die von Tage zu Tage zunimmt, beunruhigt die Römer. Neucarthago wird erbaut. Vertrag der Römer mit dem Has drubal. Wahl zween neuer Prätoren. Unruhe über das Gerücht von dem Kriege der Gallier. Ur sache und Gelegenheit dieses Krieges. Einfall der Gallier in Italien. Kriegsrüstungen der Römer. Erste Schlacht bey Clusium, worinnen die Römer überwunden werden. Sieg der Römer bey Tela mon. Anmerkung über diesen Sieg. Census. Die Bojer ergeben sich auf Gnade und Ungnade. Schlacht bey der Adda zwischen den Galliern und den Römern. Unzufriedenheit der Römer mit dem Flaminius. Charakter des Marcellus. Neuer Krieg wider die Gallier. Reiche Beute des Mar cellus. Triumph des Marcellus. Die Römer machen sich Istrien unterwürfig. Hannibal erhält das Commando in Spanien. Demetrius von Pha ros reizt die Römischen Waffen wider sich. Census. Verschiedne Verrichtungen der Censoren. Krieg in Illyrien. Aemilius besiegt den Demetrius. Illy rien unterwirft sich den Römern. Aechagathus ein Arzt. Neue Colonien.
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L. Posthumius Albinus, zum zwei(d. 523. J. n. E. R. d. 229. J. v C. G.) tenmale. Cn. Fulvius Centimalus.

Die Römer hatten den Krieg in Illyri(Polyb. II. 105. Appian. lber. 258.) en glücklich geendigt; allein sie hatten ander wärts grosse Ursache, unruhig zu seyn. Eines theils erfuhren sie durch gewisse Gerüchte, daß die Gallier sich zum Kriege wider sie rüste ten; anderntheils setzte sie die Macht der Carthaginenser, die durch ihre glücklichen Eroberungen in Hispanien immer mehr an wuchs, in eine billige Furcht. Sie suchten sich also wegen der letzten in Sicherheit zu setzen, ehe sie die Gallier angriffen. Hamilkar Barkas, der Vater des Han nibal, von dem in der Geschichte des Krie ges in Sicilien so oft geredet worden ist, wurde, nachdem er in Spanien neun Jahre commandirt und viele kriegerische Nationen seiner Republik in Spanien unterwürfig ge macht hatte, unglücklicher weise in einer Schlacht getödtet. Hasdrubal, sein Schwie gersohn und Nachfolger, der den Haß ge gen die Römer von ihm geerbt hatte, trat in seine Fußtapfen, und vermehrte die Erobe rungen seines Vorgängers mit neuen, brauch te aber mehr die List und Uberredung, als die Gewalt der Waffen. Einer von den wichtigsten Diensten, den er seiner Republik leistete, der nicht wenig dazu beytrug, die Macht und Herrschaft derselben in Spanien
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(d. 523. J. n. E. R. d. 229. J. v. C. G.) auszubreiten und zu befestigen war die Er bauung einer Stadt, die Neucarthago ge nannt wurde, und nach der Zeit Carthage na genannt worden ist. Ihre Lage war so glücklich als die Carthaginenser sie verlangen konnten, um Spanien im Zaum zu halten. Die grossen Eroberungen des Hasdru bal in Spanien, und die Grösse der Macht, zu der er gelangt war, brachten die Römer zum Entschlusse, ernsthaffter an das zu den cken, was in Spanien vorgieng. Sie wa ren unwillig auf sich selbst, daß sie über die Vergrösserung der carthaginensischen Macht eingeschlafen waren, und dachten ernstlich dar auf, diesen Fehler wieder gut zu machen, zu mal seitdem die Saguntiner, die bald auch unter das Joch von Carthago gerathen soll ten, Abgesandte nach Rom geschicket und ih ren Schutz und einen Bund mit ihnen zu schliessen verlangt hatten. (d. 524. J. n. E. R. d. 228. J. v. C. G.)

Sp. Carvilius Maximus zum zwey tenmale. Q. Fabius Maximus Verrucosus zum zweytenmale.

So waren die Umstände der Römer in Ansehung derselben gegen die Carthaginen ser beschaffen. Sie konnten ihnen itzt kei ne Gesetze vorschreiben, und unterstunden sich nicht einmal die Waffen gegen sie zu er
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greifen. Sie hatten genug zu thun um wi(d 524 J. n. E. R. d. 228. J. v. C. G.) der die Gallier auf ihrer Hut zu sernsein, von denen sie bedräut wurden, und deren Einfall man sich täglich versah. Es schien ihnen rathsamer zu seyn, sich den friedliebenden Charakter des Hasdrubal zu Nutze zu ma chen, und einen neuen Vertrag mit ihm auf zurichten, biß sie sich von den Galliern be freyt hätten, die nur auf Gelegenheit lauer ten, ihnen zu schaden, und von denen sie sich befreyen mußten, um theils von Itali en Meister und theils in ihrem eignen Va terlande ruhig zu bleiben. Sie schickten al so Gesandten an den Hasdrubal, die sich in einem Vertrag mit ihm verglichen, ohne des übrigen Theiles von Spanien Erwähnung zu thun, daß er disseits des Ebro keinen Krieg führen, und dieser Strom die Grenze zwischen beyden Völkern seyn sollte. Man verglich sich auch wegen Sagunt; es sollte nehmlich, ob es gleich jenseits des Ebro lag, dennoch seine Gesetze und Freyheit behalten.

P. Valerius Flaccus(d. 525. J. n. E. R. d. 227. J. v. C. G.) M. Attilius Regulus

Ausser den beyden Prätoren, welche in(Epit. Liv. XX.) Rom bleiben mußten, wurden noch zween neue ernannt, wovon der eine Sardinien, der andere Corsica haben sollte.
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(d. 526. J. n. E. R. d. 226. J. v. C. G.)

Das Gerüchte von den Kriegsrüstungen der Gallier verursachte in Rom eine grosse Unruhe Das sind die Feinde, welche die Rö (Plut in Mare. pag 299.) mer allezeit am meisten gefürchtet haben, sie erinnerten sich, daß sie Rom schon einmal eingenommen hatten; Man hatte so gar seit der Zeit ein Gesetz gemacht, welches den Priestern das Vorrecht nahm, nicht mit in den Krieg zu gehen, und sie nöthigte, die Waffen, wie andere Bürger, zu ergreifen, wenn ein Krieg wider die Gallier geführt wurde. Dieser Krieg hieß tumultus Gallicus, welches vielmehr sagte, als der Nahme Krieg bedeutete, (*) denn in andern Kriegen waren viele Bürger von den Kriegs diensten frey; in diesem Kriege allein hörte dieses Vorrecht auf, und es mußten alle Römer ohne Unterscheid die Waffen ergrei fen. Was die Furcht zu dieser Zeit vergrösserte, (Plut. in Marc. p. 299.) war ein Orakel, welches man in den Sybilli nischen Büchern gefunden haben wollte, und sagte: daß die Griechen und Gallier von 101
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Rom Besitz nehmen würden, Romam(d. 526. J. n. E. R. d. 226. J. v. C. G.) Occupaturos. Um den Erfolg einer so traurigen Weissagung abzuwenden, gaben die Priester ein schreckliches Mittel an, wel ches dieses war, daß man zween Griechen(Zon. VIII. 19. Oros. IV. 11.) und zween Gallier beydes Geschlechtes leben dig in die Erde begrub, und vorgab, daß al so das Orakel erfüllt sey. Welche Unge reimtheit! Aber zugleich welch eine Unmensch lichkeit bey einem Volke, das im übrigen für so menschlich und sanftmüthig gehalten(Liv. XXII. 47.) seyn wollte! Eben diese so grausame und ver ruchte Ceremonie wurde bey dem Anfange des andern Punischen Krieges beobachtet. Die vornehmste Ursache und Gelegenheit(Polyb. II. 111 - 119) zu dem gegenwärtigen Kriege war die Thei lung der Römer, die sie vor sieben oder acht Jahren auf Anstiften des C. Flaminius, des Tribuns des Volkes, mit den Picentinischen Ländereyen vorgenommen, aus welchen sie die Senonen vertrieben hatten. Wir haben gesehen, daß sich der Senat diesem Unter nehmen stark widersetzte, von welchem er die Folgen voraus sah. Verschiedne Völker von der Gallischen Nation nahmen Antheil an dem Unrechte, das den Senonen gesche hen war, vornehmlich die Bojer, die mit den Römern grenzten, und die Insubrier. Sie glaubten, daß die Römer, nicht bloß um zu herrschen und Gesetze zu geben, sie angriffen, sondern daß es in der Absicht geschähe, sie
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(d. 526. J. n. E. R. d. 226. J. v. C. G.) völlig zu vertilgen und aus diesem Lande zu vertreiben. In diesen Gedanken stunden die Bojer und Insubrier, die beyden mächtig sten Völker der Nation verbanden sich unter einander, ja sie schickten über die Alpen, die Gallischen Völker anzusprechen, die längst der Rhone hin wohnten, und die man Gä saten (*) hieß, weil sie für einen gewissen Sold dienten; denn dieses will dieses Wort nach der Anmerkung des Polybius eigentlich sa gen. Sie verkauften sich allen denen um Sold, die sie im Kriege brauchen wollten. Um ihre Könige zu gewinnen, und sie zum Kriege wider die Römer zu bereden, mach ten sie ihnen ein ansehnliches Geschenk, æstellten ihnen die Macht und Grösse dieses Volkes vor, schmeichelten ihnen mit den un säglichen Reichthümern, die ihnen der Ge winn eines einzigen Sieges verschaffen wür de; sie erinnerten sie an die Thaten ihrer Vorfahren, die die Waffen wider die Rö mer ergriffen, sie im Felde geschlagen, und ihre Stadt eingenommen hatten.“ Diese Rede erhitzte die Gemüther so sehr, daß man niemals aus diesen Provinzen eine zahlreichere Armee, die aus tapferern und kriegerischerern Soldaten bestanden hatte, als gegenwärtige, hatte ausziehen sehen. Als 102
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sie über die Alpen waren, vereinigten sich(d. 526. J. n. E. R. d 226 J. v. C. G.) die Insubier und Bojer mit ihnen. Die Veneter (*) und Cenomaner (**) traten auf die Seite der Romer, die sie durch Abgesand te gewonnen hatten, welches die Gallischen Könige nöthigte einen Theil ihrer Truppen zur Bewahrung ihres Landes zurück zu las sen, damit es wider diese Völker vertheidigt werden konnte. Die Insubier waren die Mächtigsten unter den Galliern in Italien, und nach ihnen die Bojer; die ersten wohn ten über dem Po, und ihre Hauptstadt war Meyland; die andern wohnten disseits des Po. Die Römer waren lange schon von den Kriegsrüstungen der Gallier unterrichtet, und hatten es auch ihrer Seits nicht an Ge genanstalten mangeln lassen. Sie hatten neue Kriegsvölker geworben, und ihren Bun desgenossen angezeigt, sich bereit zu halten. Und gewiß zu wissen, wie viel Truppen sie im Falle der Noth ins Feld stellen konnten, hatten sie aus allen Provinzen ihrer Herr schaft die Verzeichnisse von der Anzahl der jungen Leute einschicken lassen, die fähig wa ren, die Waffen zu tragen. 103 104
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(d. 526. J. n. E. R. d. 226. J. v. C. G.) Dieses Verzeichniß wird uns unglaublich vorkommen, wenn es nicht durch einen sehr glaubwürdigen Schriftsteller bezeugt würde, der es allem Ansehen nach gesehen und die Register zu Rathe gezogen hat, die es bestä tigten. Dieses ist Polybius. Ich will das Verzeichniß hersetzen, wie ich es in diesem Geschichtschreiber finde. Es wird uns den Zustand der öffentlichen Angelegenheiten des Römischen Volks lehren, wie sie beschaffen waren, als Hannibal nach Italien gieng, welches nun in einigen Jahren geschehen wird, und wie furchtbar die Römische Macht war, als sie dieser General anzugreifen wagte.
Verzeichniß der Truppen, welche die Römer zur Zeit des Gallischen Krie ges, von dem itzt die Rede ist, ins Feld stellen konnten. Dieses Verzeichniß hat zwey Theile. In dem ersten giebt Polybius die Anzahl der Truppen an, die wirklich Dienste thaten, in dem andern die Truppen, die im Fall der Noth Dienste thun konnten. Es begreift dieses Verzeichniß die Macht der Römer und ihrer Bundesgenossen. I.Die Truppen, die wirkliche Dienste thaten. Man schickte mit den Consuln vier Römi sche Legionen fort, jede von fünftausend zwey
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hundert Mann zu Fuße und dreyhundert zu(d. 526. J. n. E. R. d. 226. J. v. C. G.) Pferde Dabey war noch ein Corpo von den Hülfsvölkern der Alliirten, welches dreys sig tausend Mann zu Fuße und zwey tausend zu Pferde betrug. Es waren mehr denn funfzig tausend Mann zu Fuße und vier tausend zu Pferde, sowohl Sabiner als Tyrrhenier, welche das allge meine Gerüchte angetrieben hatte, den Rö mern zu Hülfe zu eilen, und die man an die Grenzen Tyrrheniens unter dem Com mando eines Prätors schickte. Die Ombrier und die Sarsinater kamen auch vom Apennin und waren zwanzig tau send Mann stark; mit ihnen kamen so viel Veneter und Centomanen, die man an die Grenzen von Gallien steckte, damit sie in das Land der Bojer einen Einfall thun und sie nöthigen sollten, einen Theil ihrer Macht zur Vertheidigung ihres eignen Landes zu rück zu behalten. In Rom hielt man aus Furcht, über rascht zu werden, stets eine Armee bereit, die bey Gelegenheit statt der Hülfsvölker diente, und aus zwanzig tausend Römern zu Fuß und funfzehnhundert Reutern, in gleichen aus dreyßig tausend Mann Bun desgenossen zu Fuße und zwey tausend zu Pferde bestund. Alle diese Truppen beliefen sich auf zwey hundert tausend und funfzehn hundert
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(d. 526. J. n. E. R. d. 226. J. v. C. G.) Mann, 43500 Römern und 158000 Bun desgenossen II.Truppen, die im Falle der Noth Dienste leisten konnten. Die Verzeichnisse, die in den Senat ein geschickt wurden, um die Anzahl der Trup pen zu wissen, auf welche man sich im Falle der Noth verlassen konnte, betrugen, was folgt. Bey den Lateinern vier und zwanzig tau send Mann zu Fuß und vier tausend Mann zu Pferde. Bey den Samnitern siebzig tausend Mann zu Fuße und sieben tausend Mann zu Pferde. Bey den Japygern und Messapiern funf zig tausend Mann zu Fusse, und sechzehn tausend zu Pferde. Bey den Lucaniern dreyßig tausend Mann zu Fusse und drey tausend zu Pferde. Bey den Marsen, Marrucinern, Feren tinern und Vestiniern zwanzig tausend Mann zu Fuße und vier tausend zu Pferde. Die Römer hatten wirklich in Sicilien und Tarent zwo Legionen, von denen jene vier tausend zu Fuße und zweyhundert Mann zu Pferde, die man im Nothfalle wider die Gallier brauchen konnte. Man konnte auch unter den Römern und Campaniern noch funfzig tausend Mann Fußvolk und dreyßig tausend zu Pferde auf bringen.
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Alle Soldaten, welche sowohl unter den(d. 526. J. n. E. R. d. 226. J. v. C. G.) Römern, als unter den Bundsgenossen noch geworben werden konnten, betrugen 570000. Mann. Es muß sich in dieses Verzeichniß ein Irrthum eingeschlichen haben, und man muß siebzehn hundert Mann ausgelassen haben. Wenn man diese hinzusetzt, so treffen beyde Summen, nehmlich die Truppen, welche man noch werben konnte, und diejenigen, die die Römer wirklich wider die Gallier brauchten, mit der ganzen Summe ein, die Polybius angiebt. Diese ganze Summe beträgt sieben hun dert und sechzig tausend Mann. Ein Ge schichtschreiber dieser Zeit, der in diesem Krie ge lebte, setzt die Anzahl auf acht hundert(apud Oros IV. 12.) tausend Mann. Dieses ist Fabius. Man kann hieraus von der Macht der Römer ur theilen. Und das ist das Volk, das Han nibal mit weniger denn zwanzig tausend Mann anzugreifen sich wagte. Die Anzahl der Truppen, die wirklich wider die Gallier gebraucht wurden, war sehr stark und belief sich, wie man gesehen hat, über zwey hundert tausend Mann, und man darf nicht darüber erstaunen. Die Römer erhielten von allen Orten und Enden Hülfsvölker. Das Schrecken, das die Gallier in Italien ausgebreitet hatten, war so groß, daß die Völker nicht bloß der Rö
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mer wegen zu den Waffen eiltenteilten. Sie dach ten nicht daran, daß man nur die römische Macht demüthigen wollte. Sie waren für sich selbst, für ihr Vaterland, für ihre Städ te besorgt, das brachte ihre gute Gesinnung zu wege, das machte sie so bereit alle Befeh le, die man ihnen gab, auf das schleunigste zu erfüllen. (d. 527 J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.)

So bald die Römer erfuhren, daß die Gallier über die Alpen wären, liessen sie den L. Aemilius nach Ariminum rücken, um die Feinde an diesem Orte aufzuhalten. Einer von den Prätoren wurde nach Hetrurien geschickt. Attilius war nach Sicilien vor ausgegangen, das sich empört hatte, das er aber bald wieder zum Gehorsame brachte. Die Gallier zogen durch Hetrurien, ver muthlich um nicht auf die Armee des Ae milius zu stossen; Ihre Armee bestund aus funfzigtausend Mann zu Fusse, zwanzigtau send Pferden und so viel Wagen. Sie ver wüsteten alles ungescheut und ohne daß sie jemand an ihrer Plünderung hinderte; hier auf näherten sie sich der Stadt Rom selbst. Sie waren schon in den Gegenden von Clusium, einer Stadt die drey Tagereisen weit von Rom liegt, als sie erfuhren, daß die Römi
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sche Armee, diejenige nehmlich, welche der(d. 527. J. n. E R. d. 225. J. v. C. G.) Prätor commandirte ihnen folgte und sie bald erreichen würde. Sie kehrten also so gleich wieder um, um ihm ein Treffen zu lie fern. Die beyden Armeen erreichten einan der eher nicht, als bey dem Untergange der Sonne und waren nicht sehr weit voneinan der gelagert. Als die Nacht kam, so zünde ten die Gallier ihre Feuer an, und befahlen ihrer Reuterey, daß so bald sie den Feind frühmorgens erblickt haben würden, sie eben den Weg nehmen sollten, den sie itzt nähmen. Sie zogen sich also ohne einiges Geräusch zu machen nach Fäsulum, (*) und schlugen da ihr Lager auf, in der Absicht, ihre Reu terey zu erwarten, und wenn sie sich mit der Hauptarmee vereinigt haben würde, die Rö mer, welche sie verfolgen würden, unvermuth lich anzufallen. Die Römer erblicken bey dem Anbruche des Tages diese Cavalerie, glauben, daß der Feind die Flucht ergriffen habe, und fangen an, sie zu verfolgen. Sie nähern sich. Die Gallier zeigen sich und fallen auf sie los. Das Treffen wird auf beyden Seiten immer heftiger und lebhafter; Allein die Gallier, die den Römern an der Anzahl überlegen waren, und wegen des glücklichen Erfolges ihrer Kriegslist immer muthiger wurden, behalten die Oberhand. 105
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(d. 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C G.) Die Römer verlohren zum wenigsten sechs tausend Mann. Die übrigen nahmen die Flucht, die meisten nach einem vortheilhaf ten Posten, wo sie cantonirten. Im An fange wollten die Gallier sie daselbst angrei fen. Dieses war auch der beste Entschluß; allein sie änderten ihn. Der Marsch der vorigen Nacht hatte sie entkräftet und er müdet; sie wollten also lieber ein wenig aus ruhen, und liessen also bloß einige Cavallerie um die Höhe sich setzen, wohin sich die Flüch tigen gezogen hatten, und verschoben den An griff biß auf den folgenden Tag, im Fall sie sich nicht selbst ergeben würden. Allein die Gelegenheit will wahrgenommen seyn: oft, wenn man sie sich entgehen läßt, kömmt sie nicht wieder. Während dieser Zeit erfuhr Aemilius, welcher sein Lager am adriatischen Meer hat te, daß die Gallier in Hetrurien eingefallen waren, und sich der Stadt Rom näherten, eilte also auf das schleunigste seinem Vater lande zu Hülfe und kam recht zu gelegner Zeit an. Er hatte sein Lager nicht weit von den Feinden aufgeschlagen, die Römer, die sich auf die Höhe gezogen hatten, sahen die Feuer, muthmaßten, was dieses bedeutete, u. faßten frischen Muth. Sie schickten also so gleich einige von den ihrigen ohne Waffen in der Nacht durch einen Wald an den Con sul und berichteten ihm, was vorgefallen
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war. Aemilius befahl also, ohne die Zeit(d. 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.) mit Berathschlagungen zu verlieren, den Tribu nen beym Anbruche des Tages mit der Infan terie sich auf den Marsch zu begeben. Er stellte sich an die Spitze der Cavallerie und zog sich gerade auf den Hügel zu. Die Heerführer der Gallier hatten die Nachtfeuer auch wahrgenommen und ver mutheten daraus, daß die Feinde nicht weit wären. Sie hielten Kriegsrath. Aneo rest, ihr König sagte: æNachdem wir eine so reiche Beute gemacht haben (denn sie hatten einen grossen Theil von Italien ge plündert, und einen unzählichen Raub an Kriegsgefangenen, Vieh und Geräthe ge macht) so ist es nicht rathsam, noch ein Treffen zu wagen und sich in die Gefahr zu begeben, alles zu verlieren. Es ist bes ser, daß wir uns in unser Vaterland zurück begeben. Wenn wir unsre Beute in Sicherheit gebracht haben, so ists allezeit Zeit, die Waffen wider die Römer wieder zu ergrei fen, wenn wir es für dienlich halten. Sie billigten alle diese Meynung, sie huben noch vor anbrechenden Tage ihr Lager auf und zogen längst der Küste von Hetrurien hin.“ Obgleich Aemilius seine Völker mit de nen vereinigt hatte, welche sich auf den Berg gezogen, so hielt er es doch nicht für rathsam, eine ordentliche Schlacht zu wagen.
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(d. 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.) Er beschloß also nur den Feinden nach zufol gen, und Zeit und Ort wahrzunehmen, wo er sie beunruhigen, und ihnen ihren Raub wieder abnehmen könnte. Zu einen besondern Glücke setzte damahls der Consul C. Attilius der aus Sardinien kam, seine Legionen zu Pisa ans Land, und nahm, um sie nach Rom zu führen, den Weg, auf den die Gallier herkamen. Bey Tolamon, einer hetrurischen Stadt, die auch einen Hafen hatte, fielen einige Gallische Ausgeschickte, um zu fouragiren, auf den Vortrupp des Consuls, und die Römer be mächtigten sich ihrer. Attilius fragte sie, und sie erzählten ihm alles was vorgegan gen war, daß in der Nachbarschaft zwo Armeen stünden, daß die Armee der Gallier sehr nahe stünde, und die Armee des Aemi lius hinter sich im Rücken hätte. Der Consul wurde von dem Verlust gerührt, welchen die Römische Armee gleich anfangs gelitten hatte; allein er freute sich, die Gal lier in ihrem Fortzuge überrascht zu haben und sie zwischen zwo römischen Armeen einge schlossen zu sehen. Er befiehlt sogleich den Tri bunen, die Legionen in Schlachtordnung zu stellen, ihre Spitze so weit auszubreiten, als es die Gegenden verstatten würden, und dem Feinde gerade und langsam entgegen zu gehen. Auf dem Wege war eine Höhe, unter welcher die Gallier vorbey ziehen mußten.
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Attilius eilte mit seiner Reuterey dahin, und(d. 527. J. n. E. R. d. 225 J. v. C. G.) setzte sich auf die Anhöhe, in der Absicht, den Streit zu erst anzufangen, weil er über zeugt war, daß er deswegen den vornehm sten Antheil an dem Ruhm des unstreitig glücklichen Ausganges haben würde. Die Gallier, welche den Attilius weit von hier entfernt zu seyn glaubten, und gleichwohl die se Anhöhe von Römern besetzt sahen, bildeten sich weiter nichts ein, als daß Aemilius in der vergangenen Nacht mit seiner Reuterey aufgebrochen seyn müßte, um sich zuerst die ser vortheilhaften Posten zu bemächtigen, und ihnen den Rückzug zu verwehren. Des wegen schickten sie auch einige Reuterey und einige Leichtbewafnete dahin, die Römer von da zu vertreiben. Allein als sie von einem Kriegsgefangenen vernahmen, daß es Attili us wäre, welcher die Anhöhe inne hatte, so stellten sie so geschwinde sie konnten, ihre Fußvölcker so in Schlachtordnung, daß sie einander die Rücken zu kehren und fornen und hinten Fronte machten, eine Schlachtord nung, die sie nach dem Berichte des Kriegsge fangnen und nach dem was wirklich vorgieng, einrichteten, um sich so wohl wider die Feinde die sie vor sich hatten als wider die Feinde, die ihnen in Rücken nachfolgten, zu vertheidigen. Aemilius hatte wohl davon reden hören, daß zu Pisa Truppen ausgesetzt worden wä ren, allein er vermuthete sich nicht, daß sie schon so nahe seyn würden. Er erfuhr von
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(d. 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.) der angekomenen Hülffe nichts eher, als bis auf der Anhöhe ein Streit vorgieng. Er schick te auch Reuterey dahin ab, und zu gleicher Zeit ließ er seine Infanterie gegen die Feinde in ge wöhnlicher Schlachtordnung anrücken. Bey den Galliern machten die Gäsaten und die Insubier nach ihnen die Fronte im Rücken aus, wo sie Aemilius anfallen sollte. Sie hatten die Taurisker (*) und Bojer in Rücken, welche wider den Attilius Fronte machten. Die Wagen stunden auf beyden Seiten, um zu verhindern, daß der Feind nicht sollte seitwärts einbrechen können. Die Beute wurde auf einen in der Nähe gelege nen Hügel gebracht, und von Chor Truppen bewacht. Das war die beste Schlachtord nung, in welche sich die Gallier bey gegen wärtigen Umständen stellen konnten. Da sie sich gezwungen sahen, sich wider zwo Ar meen zu vertheidigen, von denen sie zugleich von forn und von hinten angegriffen werden sollten. Dieses nöthigte sie, tapffer zu strei ten, indem sie nicht fliehen noch zurück wei chen konnten. Die Insubier erschienen hier mit ihren braccis (braccati,) und mit ihren leichten Sagis(**) die Gäsaten in der 106 107
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ersten Linie warfen entweder aus Eitelkeit(d. 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.) oder Tapferkeit diese Kleidung hinweg, und behielten nichts als ihre Waffen, aus Furcht, daß sie von den Gebüschen und Sträuchen, die hin und wieder in dieser Gegend waren, aufgehalten und im Streite gehindert wer den möchten. Dieses war eine übliche Ge wohnheit der Gallier, und die Gallogräcier zeigten sich in der Schlacht wider die Römer gleichfalls halb nackend. Es kam ihnen oft theuer zu stehen, und die Gäsaten wurden in gegenwärtiger Schlacht für ihre Verwägen heit übel bezahlt. Der erste Angriff fiel bey der Anhöhe vor. Weil die Reuterey auf beyden Seiten sehr zahlreich war, so konnten die drey Armeen alle ihre Bewegungen bemercken. Attilius verlohr sein Leben im Gefechte, in welchem er sich durch eine Unerschrockenheit und eine Tapferkeit, die beynahe gar eine allzugrosse Verwegenheit zu seyn schien, vor andern hervor that. Man brachte dem gallischen Königen sein Haupt, die es auf eine Lanze ste cken und es allen ihren Kriegsvölkern zeigen liessen. Ungeachtet dieses Verlustes that die römische Reuterey ihre Schuldigkeit so wohl, daß sie über die feindliche einen voll kommnen Sieg davon trug und ihre Po sten behauptete. Hierauf fing sich der Angriff unter dem Fußvolk an. Das war, wie Polybius sagt,
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(d. 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.) ein sehr besondres Schauspiel, wovon nicht allein der Anblick sondern die blosse Erzäh lung etwas wunderbares an sich hat. Eine Schlacht unter drey Armeen auf einmal ist gewiß ein gantz besondres Treffen, wor innen auch gantz besondre Bewegungen vor fallen müssen. Die Gallier, die sich ge zwungen sahen, auf beyden Seiten zu streiten, fanden grosse Hindernisse und Gefahren da bey; denn diese Nothwendigkeit schien ihre Stärcke zur Hülfe zu vereinigen. Allein sie setzten sich auch dadurch, daß sie einander die Rücken zukehrten, in die Sicherheit vor alles dasjenige, was sie von hintenzu an fallen konnte. Was ihnen aber vornehm lich zum Siege beförderlich seyn konnte, war dieses, daß ihnen alle Gelegenheit zur Flucht benommen war; wenn sie einmal geschlagen waren, so hatten sie keine Hülfe mehr zu hoffen; sie konnten sich nicht mehr retten. Dieses ist ein sehr mächtiger Be wegungs - Grund, die Kriegsvölker zum Muthe zu ermuntern. Die Römer, welche die Gallier zwischen zwo Armeen eingeschlossen sahen, konnten nicht anders, als sich einen glücklichen Aus gang der Schlacht versprechen. Es ist wahr, die ausserordentliche Schlachtord nung, worinnen ihre Feinde stunden, von de nen einer dem andern den Rücken zukehrte, das Geschrey und Gebrüll der Soldaten
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vor der Schlacht, das einem Geheule nicht(d. 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.) ungleich war, der schreckliche Schall unzäh licher Hörner und Trompeten, die durch die benachbarten Widerhalle verdoppelt und weit ausgebreitet wurde, konnten sie in eini ges Schrecken setzen. Allein der Anblick der kostbaren Halsbänder und Armbänder, mit welchen die meisten Gallier ihren Hals und ihre Hände ausgeschmücket hatten, wie solches der Gebrauch ihrer Nation war, belebten die Römer durch die Hoffnung ei ner ansehnlichen Beute. Ihre Bogenschützen näherten sich ihrer Gewohnheit nach aus der ersten Linie her vor, und fingen die Schlacht durch einen entsetzlichen Hagel von Pfeilen an. Die Gallier, die in der letzten Linie stunden, litten nicht viel davon; ihre braccæ und saga setzten sie dafür in Sicherheit. Allein die in der ersten Linie, welche sich dieses Vorspieles nicht versehen hatten, deren Cörper gantz unbedeckt und bloß waren, litten sehr dabey. Sie wußten nicht, wie sie diese Streiche von sich abwenden sollten. Ihre Schilde waren nicht breit genug, sie zu verbergen; sie wa ren von oben an bis an den Gürtel nackt, u. je grösser sie waren, desto mehr Pfeile fielen auf sie. Sie konnten sich auch an den Bo genschützen wegen der empfangnen Wunden nicht rächen, weil sie allzuweit von ihnen ent fernt waren, und wie konnten sie unter ei
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ner so unzählichen Menge von Pfeilen an (d. 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.) rücken? In dieser Verwirrung wurden ei nige von Wut und Verzweiflung hingeris sen, stürzten sich unbedachtsam unter die Feinde und eilten ihrem Tode freywillig ent gegen; andre wichen erblaßt, verzagt und zitternd zurück und brachten die Linien hin ter ihnen in Unordnung. So wurde also bey dem ersten Angriff der Stoltz und der Trotz der Gallier niedergeschlagen. Als sich die Bogenschützen zurück bege ben hatten, und sich die römischen Legionen annäherten, um die Feinde in die Enge zu treiben, so wurden sie von den Insubiern, Tauriskern und Bojern muthig empfangen. Sie fochten ungeachtet der Wunden, wo mit sie bedeckt waren, mit einem solchen Grimme, daß man sie nicht von ihrer Stel le vertreiben konnte. Wenn sie eben die Waffen gehabt hätten, die die Römer hat ten, so wären sie vielleicht nicht überwunden worden. Sie hatten zwar auch Schilde, die Streiche aufzufangen und abzuhalten; allein ihre Sebel leisteten ihnen nicht eben die Dienste. Die Römischen Schwerdter hie ben und stachen zugleich, da hingegen die gal lischen nur gerade herunter hieben. Weil überdiß die Klinge klein und schwach war, so beugte sie sich gleich, und der Soldat ver lohr viel Zeit damit, daß er sie wieder gera
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de beugen mußte, damit er sich derselben wie(d 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.) der bedienen konnte. Diese Truppen hielten den Anfall nicht länger aus, bis die Römische Reuterey von der Anhöhe herunter kam, u. sie mit verhäng ten Zügel seitwärts anfiel. Alsdann wur de die Infanterie in Stücken gehauen, ohne von ihren Posten zu weichen, und die Reute rey völlig geschlagen. Vierzig tausend Gal lier blieben auf der Wahlstadt und man machte beynahe zehntausend zu Kriegsgefang nen, unter welchen Cocolitan einer von ihren Königen war. Anerest flüchtete sich mit ei nigen von den Seinigen an einen besondern Ort und brachte sich daselbst um, und seine Freunde thaten ein gleiches. Nachdem Aemilius die Wahlstadt ge plündert hattthatte, so wurde die Beute nach Rom geschickt. Was die Beute anbetraf, welche die Gallier gemacht hatten, so ließ man einem jeden, den sie geplündert hatten, das seinige wiedergeben. Hier auf zog er mit seinen Legionen nach Ligurien, fiel in das Land der Bojer ein, welches er seinen Sol daten Preis gab, um sie wegen der Be schwerlichkeiten, die sie ausgestanden, und wegen des Muths, den sie in der Schlacht gezeiget hatten, zu belohnen. Bald darauf kehrte er mit seiner gantzen Armee nach Rom zurücke, wo er mit einer desto grössern Freude empfangen wurde, je grösser die Un
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ruhe gewesen war, in welcher dieser Krieg. (d 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.) alle Römer gesetzt hatte. Alle Fahnen, Halsbänder, und Armbänder, die er in der Schlacht erbeutet hatte, wandte er zur Aus zierung des Capitols an. Mit dem übri gen Raube schmückte er seinen Triumph aus. Man ließ die Gallier wie Florus erzählt, mit ihrem Wehrgehängen einherziehen, um ihr Gelübde zu erfüllen, das sie gethan hatten, sie nicht eher abzulegen, bis sie auf dem Capito le gewesen seyn würden (*), daselbst legten sie es auch würklich ab, aber zu ihrer Schande und zum Gelächter des ganzen Volkes. So endigte sich dieser fürchterliche Einfall der Gallier, welcher nicht allein der Stadt Rom sondern ganz Italien mit seinem völligen Untergange drohte. Der Sieg über die Gallier bey Telamon ist einer von denen berühmtesten und herr lichsten Siegen der Römer, wovon in der Geschichte Meldung geschieht. Wenn man al le Umstände davon in der Nähe und mit Aufmerksamkeit betrachtet, so ist offenbar, daß er keine Wirkung menschlicher Klugheit und Macht, sondern der göttlichen Vorsehung gewesen sey, welche die Römer zu etwas gros sen bestimmte und auf eine besondre Weise für sie wachte. 108
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Drey Römische Armeen finden sich in Het trurien gerade da es Zeit ist, eine Schlach=Schlacht(d. 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.) zu liefern ein, ohne daß eine die andere davon benachrichtiget hat, ohne daß die comman direnden Generale gewiß wußten, daß ihre Collegen angekommen wären, ohne daß sie etwas mit einander abgeredet hatten, ja ohne daß sie einmal wußten, wo der Feind war. Hätten die Gallier, nachdem sie dem Prätor sechstausend Mann getödtet hatten, die Flüchtigen auf die Höhe verfolgt, auf die sie sich zogen, wie solches die Vernunft rieth, so wäre die ganze Armee in Stücken gehauen worden. Man verschob den An griff bis auf den Morgen. In eben der Nacht kömmt der Consul Aemilius, ohne etwas von dem zu wissen, was vorgefallen war, und befreyt die Truppen des Prätors. Die Gallier fassen den Entschluß, wieder um zukehren. Auf ihrem Rückzuge stossen sie auf den Consul Attilius, den andern Consul, der aus Sicilien kam. Nunmehr sind sie zwischen zwo Armeen eingeschlossen und ge zwungen, eine Schlacht zu liefern. Wä ren die Consuln ein wenig später angekom men, so daß jeder von dem andern ein we nig entfernt gewesen wäre, so hätten die Gallier einen jeden ins besondre angreifen und ihre Armeen in Stücken hauen können. Soll man diese wunderbare Vereinigung al ler dieser Umstände als eine Wirkung des
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Zufalls ansehen, zumal wenn man aus der heili (d. 527. J. n. E. R. d. 225. J. v. C. G.) gen Schrift unterrichtet ist, daß GOtt den Rö mern ein grosses Reich zubereitete? Ist die Zeit, in welcher dieser Krieg mit den Gal liern geführet wurde, und die gleich zwi schen beyde punische Kriege mitten einfiel, nicht auch merkwürdig? Wie würde es Rom ergangen seyn, wenn so schreckliche Fein de als die Gallier sich mit den Carthaginen sern verbunden hätten, um sie anzugreifen. Eine unsichtbare Macht wachte über Rom, ohne daß sie es wußte, und sie war so un glücklich falschen Götzen einen Schutz zuzu schreiben, welcher allein von dem wahren ihr aber unbekannten GOtt herkam. (Fast. Ca- pitol.) Vor der neuen Wahl des Consuls schloß man den Census, welcher nun der zween und vierzigste war.
(d. 528. J. n. E. R. d. 224 J. v. C. G.)

T. Manlius Torqvatus zum zweyten male. Q. Fulvius Flaccus zum zweytenmale.

Nach dem glücklichen Erfolg des vorigen Jahres zweifelten die Römer gar nicht dar an, daß sie im Stande seyn würden die Gal lier aus allen Gegenden des Po sowohl jenseits als disseits zu vertreiben, sie machten grosse Anstalten zum Kriege, sie warben Soldaten und schickten sie unter der Anführung der neuen Consuln gegen sie aus. Dieser Ein
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fall setzte die Bojer in Schrecken. Sie faß ten also den Entschluß, sich zu unterwerfen. Ubrigens fielen so häufige Regen und die Pest wütete so gewaltig unter der römischen Armee, daß in diesem Feldzuge nichts merck würdiges mehr vorfiel.

C. Flaminius.(d. 529. J. n. E. R. d. 223. J. v. C. G.) P. Furius Philus.

Die Consuln thaten in der Gegend, wo sich(Polyb. II. 119 121.) der Addua, itzt Adda genannt, in den Po er gießt, in das Land der Insubier einen Einfall. Hier sind nach dem Berichte der besten GeschichtschreiberdieGeschichtschreiber die Römer zum ersten male über diesen Fluß gegangen. Weil sie bey ihrem Ubergange u. in ihren Lägern übel zuge richtet worden waren, so machten sie mit den Insubiern einen Vergleich und verlies sen ihr Land. Nach einem Marsche von etlichen Tagen giengen sie über den Clusius, itzt la Chiesa genannt, in das Land der Ce nomanen ihrer Bundesgenossen, mit welchen sie von den Alpen herunter in das flache Land der Insubier einfielen, alles anzünde ten, und alle ihre Städte plünderten. Als das Volk die Römer fest entschlossen sahe, es zu vertilgen, so wandte es alle seine Kräf te an, sich zu vertheidigen, und zog funf zigtausend Mann stark voll Kühnheit und
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mit einer schrecklichen Rüstung den Feind (d. 529. J. n. E. R. d. 223. J. v. C. G.) entgegen und lagerte sich unweit ihnen. In diesem Augenblicke kam ein Abgeord neter von dem Senate mit Briefen für die (Plutharch in Marcel. pag. 299.) Consuln. Flaminius mochte nun entweder von seinen Freunden von dem Inhalte derselben benachrichtiget worden seyn, oder er mochte ihn vermuthen, genug er hielte es nicht für rathsam, sie vor gelieferter Schlacht zu öff nen, und er beredete seinen Collegen zu eben dem Entschlusse. Als die Consuln sahen, daß die Feinde ih nen an Anzahl weit überlegen wären, so waren sie erst willens, sich der gallischen Kriegsvölker, die unter ihrer Armee waren, zu bedienen. Allein nachdem sie überlegten, daß die Gal lier sich eben kein Gewissen machten, die Vergleiche und Bündnisse zu brechen, und daß hier um so vielmehr eine Untreue zu be fürchten wäre, da Gallier mit Galliern strei ten sollten, so fürchteten sie sich diejenigen, die sie bey sich hatten, in so bedencklichen u. wichtigen Umständen zu brauchen, und da mit sie sich vor aller Verrätherey desto besser in Sicherheit setzen möchten, so liessen sie die Gallier über den Strom zurückgehen, und brachen die Brücken ab. Sie selbst blie ben disseits des Stromes, und stellten sich am Ufer in Schlachtordnung, damit sie, weil der Fluß hinter ihnen nicht durchzuwaden
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war, keine andre Hoffnung haben sollten,(d. 529. J. n. E. R. d. 223. J. v. C. G.) als zu siegen oder zu sterben. Polybius billigt in dem letzten Stücke die Aufführung des Flaminius nicht; denn die se Schlachtordnung ließ den Kriegsvölkern keinen Raum zum Zurückweichen. Denn hätten die Feinde sie nur ein wenig bedrängt, und ihnen nur einen Fuß breit Land abge nommen, so würde die ganze Armee in den Fluß geworfen worden seyn. Zum Glücke waren die Römer so tapfer, daß sie von die ser Gefahr befreyt blieben. Die ganze Ehre von dem Gewinne die ser Schlacht gehörte den Tribunen, welche die ganze Armee überhaupt und einen jeden Soldaten ins besondere unterrichteten, wie man sich verhalten sollte. Sie hatten aus den vorhergehenden Schlachten angemerket, daß die Gallier, so lange sie noch nicht or dentlich Handgemenge geworden, wegen ih rer Hitze und ungestümen Wut bey dem er sten Anfalle allerdings furchtbar wären, daß aber ihre Schwerdter keine Spitzen hätten, daß sie damit gerade herunter, und auch nur einmal hauen könnten, daß die Schneiden stumpff, die Schwerdter selbst aber krumm ge beuget würden, daß sie ihnen gar nichts mehr nützten, wenn sie nicht Zeit hätten, sie gegen die Erde zu setzen und sie mit dem Fusse wieder gerade zu beugen. Damit sich nun die Gallier derselben nicht sollten be
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dienen können, so sannen die Tribunen ein (d. 529. J. n. E. R d. 223 J. v. C. G) Mittel aus, daß ihnen so glücklich von stat ten gieng, als sie sichs wünschen konnten. Sie liessen die erste Linie die Waffen der Tria rier (*) nehmen, die in einem Wurfspiese be stunden, mit dem Befehle, so bald sie sich derselben bedient haben würden, sogleich nach ihren Schwerdtern zu greifen, und handgemenge zu werden. Der Erfolg war glücklich. Die Römer fiengen den Streit damit an, daß sie mit ihrer Lanze aus aller Macht auf das Gesicht der Gallier loßsties sen, die sich, um den Stoß abzuwenden, ih rer Sebel bedienten, welcher durch diese Bewegung sogleich stumpf und krumm wur de. Hierauf warfen die Römer die Wurf spiesse auf die Erde, griffen zu ihren Schwerdtern, fielen mit gebücktem Haupte den Feind an, und kamen ihm so nahe, daß sie sie beynahe ganz ausser den Stand setzten, sich ihrer Sebel zu bedienen, die nur von oben her spitzig waren, da hingegen die Rö mischen gute Spitzen und Schneiden hatten, und mehr auf den Stoß, als auf den Hieb giengen. Sie stiessen also den Galliern ins Gesicht und auf die Brust, und richteten ein grausames Blutbad an. Es blieben acht tausend Mann auf dem Platze, und man machte noch einmal so viel Kriegsgefangne. 109
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Wir haben gesagt, daß kurz vor der(d. 529. J. n. E R. d. 223. J. v. C. G.) Schlacht ein Abgeordneter von Rom mit ei nem Briefe an die Consuln angekommen sey. Flaminius öffnete ihn nicht eher, bis er den Feind geschlagen hatte. Der Senat, wel cher durch einige wunderbare Anzeichen in Unruhe gesetzt worden war, hatte die Wahr sager gefragt, welche durch ihre Antwort zu verstehen gegeben hatten, daß zur vollkomm nen Wahl der Consuln etwas mangelte, und ein Fehler dabey vorgegangen wäre. Er hatte also unverzüglich den Consuln Befehl zugeschickt, nach Rom zurück zu kommen, und ihre Würde niederzulegen, mit dem ausdrücklichen Befehle, nichts gegen den Feind zu unternehmen. Als dieses Schrei ben gelesen worden war, so urtheilte Furius, daß man ohne Anstand nach Rom zurück kehren müsse, und es ist sehr wahrscheinlich, daß er mit dem Treffen gar nichts zu thun haben wollen, weil seiner in der Erzählung davon gar nicht gedacht wird. Flaminius stellte seinem Collegen vor: æDiese Befehle rührten bloß von einer Parthey her, die auf ihre Ehre eifersüchtig wäre. Der Sieg, den man davon getragen hätte, wäre ein offenbarer Beweis, daß die GÖtter nicht wider sie wären, und daß bey ihrer Wahl zum Bürgemeisteramte kein Fehler vorge gangen seyn müßte. Er seiner Seits wäre nicht entschlossen, nach Rom zurück zu gehen,
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æbis er den glücklich angefangnen Krieg völ (d. 529. J. n. E. R. d. 223. J. v. C. G.) lig geendigt hätte; er wollte seine Würde nicht vor der Zeit niederlegen. Er setzte hinzu, die Römer möchten sich, seinem Exempel zu Folge, durch lächerliche und grobe Blendwerke des Aberglaubens und durch die eiteln Einbildungen der Wahrsa ger hintergehen lassen.“ Weil Furius auf seiner Meynung bestund, so erhielt die Ar mee des Flaminius, welche befürchtete, in diesem Lande nicht sicher genug zu seyn, wenn sich sein College zurück zöge, so viel von ihm, daß er noch einige Zeit da blieb; allein er ließ sich aus Ehrfurcht gegen die Befehle des Senats in keine Unternehmung ein. Fla minius bemächtigte sich einiger festen Plätze, und einer von den ansehnlichsten Städten im ganzen Lande. Die Beute war sehr groß; er überließ sie den Soldaten ganz, um sie in dem Streite, den er, wie er wohl vorher sah, mit dem Senate haben würde, auf seine Sei te zu bringen. Man gieng ihm wirklich, als er nach Rom zurück kehrte, nicht wie gewöhnlich war, ent gegen, und der Triumph wurde ihm anfangs verweigert. Er fand die Gemüther in einer grossen Verbitterung wider ihn, nicht allein weil er nicht sogleich zurück gekommen war, als es ihm der Senat befohlen hatte, sondern noch vielmehr deswegen, weil ihm die Ant wort der Wahrsager bekannt war, und er
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dennoch nicht unterlassen können, sie zu ver(d. 529. J. n. E. R. d. 223. J. v. C. G.) achten und selbst auf eine frevelhafte und, wie man meynte, gotteslästerliche Art davon zu reden. Denn die Römer hatten, wie Plutarch sagt, eine grosse Ehrfurcht für die Religion; sie liessen alle ihre Angelegenheiten von den Göttern abhangen, und verdamm ten selbst in denen, die in ihren Unterneh mungen glücklich waren, alle Nachläßigkeit, alle Verachtung gegen die gottesdienstlichen Verrichtungen, die durch die Landesgesetze einmal ihr Ansehen erhalten hatten, so sehr waren sie überzeugt, daß nicht die Siege ih rer Generale über die Feinde, sondern ihr Gehorsam gegen die Götter am meisten zur Erhaltung ihrer Republik beytrügen. Welch eine Lehre für uns! Allein wie sehr sind wir auch zu tadeln, wenn wir gegen die Religi on weniger Ehrfurcht haben, als die Hei den! Es hatte sich vornehmlich der Senat wi der den Flaminius erklärt. Doch die Gunst, in welche er sich während seinem Tribunate bey dem Volke gesetzt hatte, überwand al len Widerstand des Senates. Flaminius erhielt die Ehre des Triumphs, und folglich konnte man sie seinem Collegen auch nicht verweigern. Allein so bald diese Ceremo nie vorbey war, nöthigte man sie beyde, so gleich ihre Würde niederzulegen. In der ganzen Aufführung des Flaminius wird man
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mit leichter Mühe die Verwägenheit bemer (d. 529. J. n. E. R. d. 223. J. v. C. G.) ken, welche einige Jahre darauf an dem Verluste der Schlacht bey Thrasimen Ursa che seyn wird. Plutarch erzählt bey Gelegenheit der Ver (Plut. in Marcello p. 300.) achtung, welche Flaminius gegen die Wahr sager blicken lassen, eine sehr besondre Bege benheit. Zween Priester aus den vornehm sten Römischen Familien, Cornelius Cethe gus und Q. Sulpitius wurden des Priester thums entsetzt, der erste, weil er die Einge weide des Opferthieres wider die gewöhnli che Ordnung und Weise dargereicht hatte, und der letzte darum, weil ihm während der Zeit, daß er das Opfer dargebracht hatte, die Ruthe, welche die Priester, die man Flamines hieß, auf ihrem Hute trugen, herunter gefallen war. Das hieß sein Be denken sehr weit treiben. Allein so aber gläubisch man auch war, so lehrt uns doch solches, wie weit bey uns die ehrfurchtsvolle Furcht derjenigen gehen soll, welche mit der Würde des Priesterthums bekleidet sind.

M. Claudius Marcellus. (d. 530. J. n. E. R. d. 222. J. v. C. G.) Cn. Cornelius Scipio Calvus.

Der erste von diesen Consuln ist der be rühmte Marcellus, von dem bald in dem Kriege wider den Hannibal geredet werden, und der fünfmal Consul seyn wird. Er war
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nach dem Berichte des Plutarchs der erste aus seiner Familie, dem man den Zunahmen(d. 530 J. n. E. R. d. 222. J. v. C. G.) Marcellus des kriegerischen gab (*). Er schien zum Kriege gebohren zu seyn, hatte ei nen starken Körper, tapfer von Person, der so klug als herzhaft war, stolz und kühn im Streite, aber in seiner übrigen Aufführung still, bescheiden und gesetzt. Er hatte sehr viel Geschmack an der GriechischenLiteratur, (denn die Wissenschaften stammelten unter den Lateinern noch,) allein sein Geschmack war zugleich so zärtlich, daß er nur diejeni gen hoch schätzte und bewunderte, die sich be sonders hervor thaten. Er konnte sich, weil er immer mit Kriegen beschäftigt war, nicht so in der Beredsamkeit üben, als er ge wünscht hätte. Er verdiente schon, als er noch ganz jung war, alle Kronen und Eh renzeichen, womit die Generale die Tapfer keit belohnen, und da sein Ruhm immer zu nahm, so machte ihm das Volk zum Aedilis Curulis, und die Priester ernannten ihn zum Augur. Er leistete allezeit denen ihm aufgetragnen Aemtern eine vollkommne Gnüge. Zu der Zeit, da er zum Consul ernannt wurde, schickten die Gallier Abgesandten nach Rom, welche daselbst Friedensvor 110
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schläge thun sollten. Der Senat hatte grosse (d. 530. J. n. E. R d. 222. J. v. C. G.) Lust zum Frieden, allein Marcellus reizte das Volk wider die Gallier, und brachte es zum Entschlusse, den Krieg fortzusetzen. Die se waren gezwungen, die Waffen zu ergrei fen, und machten sich bereit, ihr äusserstes zu thun. Sie nahmen von den Gäsaten dreyßig tausend Mann in ihren Sold, die sie beständig in Bereitschaft hielten, wenn der Feind kommen sollte. Mit dem Anfange des Frühlinges brachen die Consuln in das Land der Insubier ein, sie lagerten sich bey Acerra, einer zwischen dem Po und den Al pen gelegnen Stadt, und belagerten dieselbe. Weil sie sich sogleich der vortheilhaftesten Posten bemächtigt hatten, so konnten die Gallier derselben nicht zu Hülfe kommen. Um sie aber zu nöthigen, daß sie die Belage rung aufheben sollten, so liessen sie einen Theil ihrer Armee über den Po gehen, und Clasti dium, eine kleine Burg, die nicht lange den Römern war unterwürfig gemacht worden, belagern. Marcellus hatte die Nachricht davon kaum erhalten, als er an der Spitze der Reuterey und eines theils der Infanterie den Belagerten so gleich zu Hülfe eilte. Die Gallier verliessen Clastidium, eilten ihm ent gegen und stellten sich in Schlachtordnung. Sie hielten ihn schon für überwunden, als sie sahen, daß ihm so wenig Infanterie folg te, denn sie fürchteten sich nicht sehr vor seiner
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Reuterey. Denn da sie sehr geschickt zu Pferde waren, wie das die meisten Gallier(d. 530. J. n. E. R. d. 222. J. v. C. G.) sind, so sahen sie, daß sie bey dieser Gelegen heit dem Marcellus auch an Anzahl überle gen waren. Sie giengen also mit einer ungestümen Hitze und Wut gerade auf ihn los, mit gros sen Dräuungen, als wenn sie des Sieges schon völlig versichert gewesen wären. Ihr König Viridomarus, der auf einem präch tig gezierten Pferde ritt, zog vor seinen Ge schwadern voran. Marcellus breitete die Flügel seiner Reuterey so weit aus, als er konnte, um zu verhindern, daß er wegen seiner wenigen Völker nicht eingeschlossen werden möchte, und ließ sie einen weiten Raum einnehmen, damit seine Fronte, in dem er sie nach und nach verringerte, der feindlichen Fronte gleich zu seyn scheinen sollten. In dem Augenblicke, da die Schlacht an gehen sollte, versprach er dem Jupiter Fe retrius, daß er ihm die schönsten Waffen heiligen wollte, die er den Feinden abnehmen würde. Indem er dieses Gelübde that, er blickte ihn der König der Gallier, und weil er aus verschiedenen Merkmalen schloß, daß es der Römische Feldherr seyn würde, so gab er seinem Pferde die Sporne, forderte ihn mit lauter Stimme zum Kampfe heraus, und dräute ihm mit einer langen und schwe
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ren Lanze, die er gegen ihn schüttelte. Er (d. 530. J. n. E. R. d. 222. J. v. C. G.) war sehr wohl gebildet, und noch länger als die andern Gallier, welche gemeiniglich alle sehr lang waren. Ueberdieß schimmerte sei ne Rüstung von Gold und Silber, mit Pur pur und den lebhaftesten Farben erhöht, so sehr, daß sie wie der Blitz blendeten. Marcellus, der von diesem Schimmer gerührt wurde, lief mit seinen Augen das ganze feindliche Heer durch, und als er sah, daß der König die schönsten Waffen hatte, so glaubte er gewiß, daß es die wären, die er dem Jupiter gelobt hätte. Er setzte al so mit aller Gewalt auf ihn los, und durch stieß mit seiner Lanze den Küraß seines Fein des. Der Stoß, dessen Kraft durch die Ge schwindigkeit und den Ungestüm des Pfer des vermehrt worden, war so hart, daß er ihn zu Boden warf. Marcellus setzte noch einmal auf ihn los, brachte ihm den an dern und dritten Stoß bey und tödtete ihn also. Er sprang so gleich vom Pferde, be raubt ihn seiner Waffen, nimmt sie in den Arm, und gelobt sie dem Jupiter Feretrius, mit der Bitte, allen seinen Völkern einen gleichen Schutz angedeihen zu lassen. Der Sieg über den König zog den Sieg über das ganze feindliche Heer nach sich. Die Römische Reuterey brach mit dem größten Ungestüme auf die feindliche los. Sie tha ten im Anfange einigen Widerstand. Al
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lein nachdem sie umringt, von forne, in der Mitten, und von hinten zu angegriffen wur(d. 530. J. n. E. R. d. 222 J. v. C G.) den, so mußten sie auf allen Seiten weichen. Ein Theil wurde in den Strom gejagt, und der größte Theil mußte über die Klinge springen. Die Gallier in Acerra überlies sen den Römern die Stadt, und zogen sich nach Meyland, welches die vornehmste Stadt der Insubier war. Der Consul Cornelius folgte ihnen auf dem Fuße nach, und belagerte diese Stadt. Weil die Besatzung sehr stark war und öf tere Ausfälle that, so mußten die Belagerer viel leiden und wurden übel davon zugerich tet. Allein es gewann alles gar bald ein andres Ansehen, als Marcellus vor der Stadt erschien. Die Gäsaten, welche den Verlust der Schlacht und den Tod ihres Kö niges erfuhren, wollten durchaus in ihr Va terland zurück kehren. Meyland wurde ein genommen; Die Insubier überlieferten den Römern ihre Städte, die ihnen sehr gu te Friedensbedingungen zugestanden, ihnen einen Theil ihres Landes nahmen, und sie nöthigten, eine gewisse Summe Geldes zur Erstattung der zum Kriege aufgewendeten Unkosten zu bezahlen. Nunmehr ist endlich binnen einer Zeit von fünfhundert Jahren den Römern ganz I talien vom Morgen bis gegen den Abend,
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von den Alpen an bis an das Ionische (d. 530. J. n. E. R. d. 222. J. v. C. G.) Meer ganz unterwürfig gemacht. Der Senat beschloß, dem Marcellus al lein die Ehre des Triumphs zuzugestehen, und sein siegreicher Einzug war einer von den merkwürdigsten, den man noch in Rom gesehen hatte, so wohl wegen der großen Reichthümer, als wegen der großen Men ge schöner Waffen, die man erbeutet hatte, wegen der großen und ungeheuern Leibesgestalt der Gefangenen, und wegen der Pracht, die in dem ganzen Aufzuge hervorleuchtete. Allein das angenehmste und zugleich neuste Schauspiel war Marcellus selbst, welcher die Waffen des barbarischen Köni ges selbst in den Tempel des Jupiters trug. Er hatte aus dem Stamme einer Eiche sein Bild hauen, und es als ein Siegeszeichen zurichten, und hierauf ihm die Waffen mit aller Zierlichkeit und Ordnung anlegen las sen. Nachdem der ganze Pomp fortzog, so stieg er auf einen Wagen, der von vier Pfer den gezogen wurde, nahm dieses so zuge richtete Siegesbild auf seine Schultern, und zog damit durch die ganze Stadt. Dieses Siegesbild hatte die Gestalt eines gewaffne ten Menschen und war die größte Zierde sei nes Triumphs. Das ganze Kriegsheer zog mit prächtigen Waffen angethan nach, san
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gen Lieder, die zu dieser Ceremonie verfer tigt worden, zum Lobe des Jupiter und ih(d. 530. J. n. E. R. d. 222. J. v. C. G.) res Feldherrn. So bald er in dieser Ordnung in den Tempel des Jupiter Feretrius gekommen war, so setzte er dieses Siegesbild nieder und heiligte es dem Jupiter. Er war der drit te und lezte General, welcher die Ehre hat te, spolia opima, eine fette Beute davon zu tragen. Wir haben an einem an dern Orte gezeigt, was die Römer unter diesem Worte verstehen; wir wollen hier nur bemerken, daß Romulus der erste war, welcher solche spolia opima davon trug, als er den König der Cäninier, Acron über wand; der andre war Cornelius Cassus, welcher den König der Veier, Tolumnius, tödtete, und der dritte Marcellus, nachdem er Viridomarus, den König der Gallier ü berwunden hatte. Nach dem Zeugnisse der Jahrbücher hat Marcellus über die Gallier und Deutschen triumphirt. Hier geschieht der Deutschen in der Römischen Geschichte zum erstenmale Meldung. Diejenigen, welche hier die Deut schen heissen, sind vermuthlich die Gäsaten. Die Römer freueten sich über diesen Sieg und über das Ende dieses Krieges so sehr, daß sie aus einem Theile der Beute einen goldnen Kelch machen ließen, und ihn nach Delphos schickten, und dem Apollo Pythius,
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als ein Denkmal ihrer Erkenntlichkeit hei ligten; daß sie die Beute mit allen den Städ ten, die ihnen beygestanden hatten, groß müthig theilten, und einen großen Theil da von an den König Hiero ihren Freund und treuen Bundesgenossen schickten. Man be (Diodor. Eclog. XXV. 4.) zahlte ihm auch den Werth von dem Ge traide, das er den Römern während des gallischen Kriegs freywillig und umsonst ge schenkt hatte. (d. 551. J. n. E. R. d. 221. J. v. C. G.)

Die beyden Consuln wurden gegen neue Feinde ausgeschicket, nehmlich gegen gewisse Völker in Istrien, die Seeräuber von Profession waren, und den Römern einige Schiffe genommen und geplündert hatten. Sie wurden bald zur Unterwür figkeit genöthigt. Hannibal folgte in diesem Jahre dem Hasdrubal nach und erhielt das Comman do der Armeen in Spanien. (d. 532. J. n. E. R. d. 220. J. v. C. G.)

L. Veturius L. Lutatius.

Demetrius von Pharos vergaß die Wohlthaten, die ihm die Römer erzeigt hatten, und gieng selbst so weit, daß er sie
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verachtete, weil er gesehen, in welches(d. 532. J. n. E. R. d. 220. J. v. C. G.) Schrecken sie von den Galliern gesetzt wor den waren. Er sah überdieß zum voraus, daß sie bald mit den Carthaginensern zu thun haben würden, und glaubte also, daß er die den Römern in Illyrien gehörige Städte ungestraft verwüsten könnte. Er fuhr des wegen mit funfzig Fregatten über Lissa wi der den eingegangenen Friedensvergleich hinaus, durch welchen ihm untersagt war, mit mehr denn zwo Fregatten, die nicht ein mal als Kriegsschiffe ausgerüstet seyn sollten, über diese Stadt hinaus zu seegeln und plünderte und verwüstete die cycladischen Inseln. Er hatte die nicht vor gar langer Zeit besiegten Istrischen Völcker auf seine Seite gebracht, ingleichen die Atintaner, hoffte auch von dem Könige in Macedonien, mit dem er im Bunde stund, eine mächtige Hülfe zu erhalten. Der Krieg wurde ihm angekündigt, und man rüstete sich ohne Zeit verlust dazu. Die Römer liessen sich zu gleicher Zeit angelegen seyn, in dem in Ita lien gegen Morgen gelegnen Provinzen den Frieden herzustellen, um nicht zu gleicher Zeit viele Feinde wider sich zu haben, und sich in den Stand zu setzen, den Krieg mit Nachdrucke wider die Carthaginenser zu führen. Unterdessen wurde der 43ste Census ge schlossen. Man fand bey dieser Ueberzäh
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(d. 532. J. n. E. R. d. 220. J. v. C. G.) lung zweenhundert und siebzigtausend zween hundert und dreyzehn Bürger. L. Aemilius und C. Flaminius waren dazumal Censo ren. Die vielen Freygelassnen, die unter allen Classen zertheilt waren, hatten zeit her viele Unruhen angerichtet. Die Censo ren brachten sie nach dem Beyspiele des Fa bius Maximus unter die vier Tribus der Stadt. Flaminius führte als Censor eine gro sen Straße bis nach Ariminum und erbau te den Circus; beyde wurden nach seinem Nahmen genannt. (d. 533. J. n. E. R. d. 219. J. v. C. G.)

Die Führung des Illyrischen Krieges wurde diesen beyden Consuln aufgetragen, (Polyb. III173. 174.) von denen der letzte den Perseus, König in Macedonien überwunden hat. Auf die Nach richt, daß ihn die Römer angreifen würden, hatte er Demetrius sich in den Stand ge setzt, sie tapfer zu empfangen. Er hatte ei ne starke Besatzung in Dimal geworfen, und diesen Ort mit allen Kriegsbedürfnissen versehen. Er ließ in allen andern Städten die vornehmsten, in die er ein Mistrauen setzte, hinrichten, und übergab denen alle Ge walt, von deren Treue er gewiß zu seyn glaubte. In dem Königreiche, das er
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während der Minderjährigkeit des Prinzen(d. 533. J. n. E. R. d. 219. J. v. C. G.) regierte, suchte er sechs tausend von den Tapfersten aus, welche Pharos bewahren sollten. Unterdessen kam der Consul Aemilius in Illyrien an. Weil sich die Feinde sehr auf Dimal, welchen Ort sie für unüberwindlich hielten, und auf die Bedürfnisse, womit sie ihn versehen hatten, verließen, so beschloß er, um die Feinde in Bestürzung zu setzen, den Feldzug mit der Belagerung desselben zu eröffnen. Er ermunterte die vornehm sten Officire einen jeden ins besondre, ihre Pflicht zu thun, und brachte die Werke, die er an verschiedenen Orten aufwerfen las sen, mit solcher Hitze zu Stande, daß die Stadt am siebenden Tage mit Sturm er obert wurde. Das war genug, um die Feinde so weit zu bringen, daß sie die Waf fen niederlegten. Es ergaben sich so gleich alle Städte an die Römer, und verlangten ihren Schutz. Der Consul nahm sie alle unter solchen Bedingungen an, die er für anständig hielt, und spannte so gleich die Seegel auf, um den Demetrius in Pharos selbst anzugreifen. Als er erfuhr, daß die Stadt sehr fest, mit einer zahlreichen und auserlesenen Be satzung und mit allem Ueberflusse von Lebens mitteln und Kriegsbedürfnissen versehen war, und deswegen befürchtete, die Bela
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(d. 533. J. n. E. R. d. 219. J. v. C. G.) gerung möchte sehr viel Mühe und Zeit wegnehmen, so nahm er, um dieses zu ver meiden, seine Zuflucht zu einer Kriegslist. Er schiffte in der Nacht seine ganze Armee aus. Er postirte den größten Theil davon in das Gehölz und in andre bedeckte Oerter; den Tag darauf gieng er wieder in die See, und lief mit aufgespannten Seegeln in den Hafen, der nahe bey der Stadt lag; die Anzahl seiner Schiffe belief sich auf zwan zig. Demetrius sah sie, er glaubte, daß er eine so kleine Armee spielend überwinden wollte, eilte also nach dem Hafen zu, um sich ihrer Landung zu widersetzen. Man wurde Handgemenge; das Gefecht wurde immer hitziger, und es kamen immer neue Völker aus der Stadt den andern zu Hül fe an. Endlich hatten sie sich alle den Ort des Gefechtes begeben. Die in der vorigen Nacht ausgeschifften Römer, hatten sich auf verdeckten Wegen in Marsch gesetzt, und kamen in dem Augenblicke an. Zwischen der Stadt und dem Hafen lag eine steile Höhe. Sie bemächtigten sich derselben, und schnitten also denen, die mit dem Con sul im Gefechte begriffen waren, die Com munication mit der Stadt ab. Nunmehr suchte Demetrius die Landung nicht weiter zu hindern. Er versammlete seine Völker, er ermahnte sie ihre Pflicht zu thun, und führte sie gegen die Höhe, um in einer or
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dentlichen Schlachtordnung zu fechten. Die(d. 533. J. n. E. R. d. 219. J. v. C. G.) Römer, welche sahen, daß sich die Illyrier mit Ungestüm und in guter Ordnung an näherten, fielen auf sie, und griffen sie mit unglaublicher Tapferkeit an. Unterdessen fielen die Römer, welche nunmehr gelandet waren, die Feinde von hinten zu an. Die Illyrier, die von allen Seiten eingeschlossen waren, befanden sich in der größten Unord nung und Verwirrung. Endlich mußten sie, da sie von allen Sei ten her bedrängt waren, die Flucht ergrei fen. Einige flüchteten sich in die Stadt, die andern zerstreuten sich durch viele unbekann te Wege auf dem Lande. Demetrius schiff te sich auf eine Galeere, die an einem ver borgenen Orte vor Anker lag, zog zur Nacht die Seegel auf und kam glücklich bey dem Philippus König in Macedonien an, wo er den Ueberrest seiner Tage zubrachte. Er(Polyb. ap. Vales. I. VII.) trug durch seine Schmeicheleyen und schäd lichen Anschläge viel dazu bey, die natürl. Gemüthsart des Königs zu verderben, der sich im Anfange seiner Regierung eine allgemeine Hochachtung erworben hatte. Er war es vornehmlich, der ihn, um sich zu rächen, anreizte, sich wider die Römer zu erklären, und sich dadurch eine lange Reihe von Un glück zuzog. Wie müssen nicht junge Prin zen bey der Wahl derer, denen sie ihr Ver trauen schenken, aufmerksam und vorsichtig
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(d. 533. J. n. E. R. d. 219. J. v. C. G.) seyn! Und mit welcher Sorgfalt müssen sie nicht alle diejenigen von sich entfernen, bey denen sie einen Charakter der Schmeicheley wahrnehmen! Aemilius brach hierauf von der Seeseite in Pharos, und machte alle Befestigungen der Erde gleich, nachdem er die Stadt vor her von den Soldaten plündern lassen. Ganz Illyrien nahm von den Römern Gesetze an. Indessen wurde der Thron dem jungen Pi neas bey behalten, als welcher an der Re bellion seines Vormundes keinen Antheil hatte. Man setzte zu dem alten Friedens vergleiche, den man mit der Königin Ceu ta gemacht hatte, noch einige neue Bedin gungen hinzu. Mit dem Ende des Sommers, nachdem in Illyrien alles in Ordnung gebracht wor den war, kam der Consul nach Rom zu rück und hielt daselbst einen triumphirenden Einzug. Man erwies ihm alle Ehre, die seine Klugheit und Tapferkeit, die er im Il lyrischen Kriege bezeugt hatte, verdiente. Wir sind in dieser Erzählung dem Po lybius gefolgt, der nur von dem Aemilius redet. Unterdessen muß Livius, sein Colle ge auch Antheil an dem Erfolge dieses Kriegs gehabt haben, weil es ausgemacht ist, daß er auch die Ehre des Triumphs ge nossen hat. Was nun folgen wird, ist ein überzeugender Beweis davon.
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Nachdem sie beyde ihre Würden nieder(d. 533. J. n. E. R. d. 219. J. v. C. G.) gelegt hatten, wurden sie vor das Volk gefordert, und beyde angeklagt, daß sie ei nen Theil der Beute auf ihren Nutzen ver wendet, und keine gerechte und billige Gleich heit bey der Austheilung des übergebliebe nen getroffen hatten. Aemilius entgieng seinem Urtheile mit Mühe und Noth; hin gegen verdammten alle Tribus, den Tribus Metia ausgenommen, den Livius. Die ser Schimpf durchdrang ihn mit den leb(Liv. XXVII. 34.) haftesten Schmerzen; Er gieng aus der Stadt aufs Land, entzog sich allen Geschäf ten und allem Umgange mit andern, bis die Bedürfnisse der Republik ihn wieder zu seiner ersten Lebensart bewogen. Wir werden unten sehen, daß er sich während seines Censoramtes auf eine gar besondere Weise aufführte.(Liv. XXIX. 37.) Unter ihrem Consulate kam Archaga thus vom Peloponnesus nach Rom, und übte daselbst zuerst die Profession eines Arz tes. Er erhielt das Bürgerrecht, und das Publicum verschaffte ihm auf allgemeine(Histoir. Ancienn. Tom. XIII.) Unkosten eine schöne Wohnung. Ich habe an einem andern Ort davon geredet. Unter eben diesen Consuln schickte man Colonien nach Placenz und Cremona, wel ches die Bojer und Insubier sehr wider die Römer reizte. Man weiß, wie aufmerksam die Römer
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(d. 533. J. n. E. R. d. 219. J. v. C. G.) darauf waren, in ihre Stadt den Dienst fremder Gottheiten und also andre Religio nen nicht zuzulassen. Ein Gesetz von den zwölff Tafeln verbot es ausdrücklich, wenn nicht das öffentliche Ansehen dergleichen Neuerung billigte. Dennoch schlichen sich ungeachtet aller Wachsamkeit der öffentli chen Magistratspersonen von Zeit zu Zeit viele neue Ceremonien in Rom ein. Die Consuln, von denen wir reden, fanden, daß der Dienst des Serapis und der Isis, ägyptischer Gottheiten, bey nahe unter dem ganzen Pöbel eingeführt war. Der Senat befohl, daß die ihnen aufgebauten Capellen eingerissen werden sollten. Es wollte aber kein Mäurer Hand anlegen, diesen Befehl zu vollziehen, so tief war dieser Götzendienst in den Gemüthern des Volckes eingewur zelt. Wenn man dem Valerius Maxi mus Glauben beymißt, so mußte Paulus Aemilius solches selbst thun, er legte die Kleidung eines Consuls ab, und riß mit großen Axtschlägen diese Denkmäler des ägyptischen Aberglaubens ein. Eben dieser Schrifftsteller erzählt noch eine andre Begebenheit, die sich um diese Zeit zugetragen haben soll, die aber noch fabelhafter zu seyn scheint. Unterdessen daß der Prätor Aelius Pä do Tubero auf seinem Richterstuhle sitzt und öffentlich Gericht hält, so kömmt und setzt
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sich ein Specht auf seinen Kopf und bleibt(d. 533. J. n. E. R. d. 219. J. v. C. G.) still darauf sitzen. Man hält es für was besonders. Die Wahrsager werden ge fragt, welche zur Antwort geben, wenn der Prätor diesen Vogel leben ließe, so würde sich seine Familie sehr wohl befinden, hinge gen die Republik sehr schlimm; das Gegen theil davon aber würde geschehen, wenn er den Vogel umbrächte. Er stund gar nicht bey sich an, was er thun sollte, sondern brachte den Specht um. Der Erfolg be stätigte, wie man sagt, die Wahrheit dieser Antwort. Es kamen siebzehn Personen aus dieser Familie in der Schlacht bey Cannis um. Ich habe versprochen, am Ende dieses Buches von den Römischen Zünften zu re den.

Ausschweifung über die Tribus oder Zünfte der Römer.

Man findet in der Sammlung der Kö niglichen Akademie der Inscriptio nen und schönen Wissenschaften verschiede ne gelehrte Abhandlungen vom Herrn Boi din über die römischen Zünfte, woraus ich den größten Theil von dem, was man hier lesen wird, ausgezogen habe, um den Le sern einen hinlänglichen Begriff von dieser
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Materie zu geben, die so oft in der Römi schen Geschichte vorkömmt. Man nannte im Anfange in Rom einen Tribus eine gewisse Anzahl Volk, das Ro mulus in drey Quartiere vertheilt hatte, woher denn nach der gemeinsten Meynung der Nahme Tribus kömmt. Diese drey Zünfte waren nach der Verschiedenheit der drey Nationen eingetheilt, aus welchen da zumal das Römische Volk bestund, in die Stifter der neuen Stadt Ramnenses o der Ramnes, in die Sabiner, Titienses, in die Hetrusker, Luceres. Nachdem Servius Tullius die alten Tri bus unterdruckt hatte, deren Nahmen sich nur noch in den Centurien der Römischen Ritter erhielten, so richtete er neue auf. Die Römer waren damals noch sehr eingeschrän ket; ihre Grenzen giengen nicht weiter als etwa fünf bis sechs Meilen; ihr ganz Ge biete bestand nur in dem Lande, das um Rom herum lag, und nach der Zeit ager Romanus genannt wurde; die Grenzen davon waren gegen Morgen die Städte Praeneste und Alba, gegen den Mittag der Hafen Ostia und das Meer, gegen Abend der Theil von Toskana, den die Rö mer Septempagium nennen und gegen Norden die Stadt der Fidenater, von Ce rustumerien, und der Fluß Trevenon, der vorzeiten Anio hieß.
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In dieser kleinen Gegend lagen alle die Tribus, welche Servius Tullius aufrichtete, nehmlich viere in der Stadt und vierzehn auf dem Lande. (*) Die vier Tribus in der Stadt erhielten ihre Nahmen von den vier vornehmsten Ge genden der Stadt, und hießen Suburbana, Esquilina, Collinia und Palatina. Sie waren im Anfange die vornehmsten und ge ehrtesten, ob sie gleich nachher in Verach(IV. 26.) tung gekommen sind. Dionysius von Ha licarnaß sagt, daß Tullius diese Tribus den Freygelassnen angewiesen habe. Es scheint, daß Servius Tullius das Gebiete von Rom in Anfange in siebzehn Abtheilungen eingetheilt, und so viele Tribus eingetheilt habe, die man tribus rusticas nennte, um sie von den Zünfften in der Stadt zu unterscheiden. Nachdem aber die meisten davon nach der Zeit die Nahmen gewisser Römischen Familien angenommen haben, so sind nicht mehr als fünfe unter ihren ersten Nahmen übrig geblieben, von de nen man auch also allein die wahre Lage an geben kann. 111
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Die Römer vermehrten nach und nach die Anzahl ihrer Tribus, je grösser die An zahl ihrer Bürger wurde, je mehr sie unter den verschiedenen Völkern in Italien Län dereyen einnahmen, wohin sie Colonien von ihren alten Bürgern schickten, um daselbst den Grund zu ihrem Reiche zu legen. Die ses war auch das beste Mittel, ihre Herr schaft auszubreiten. Denn alle diese Colo nien waren so viele erweiterte Posten, wel che nicht allein zur Bedeckung der Grenzen dienten, und die Provinzen, worinnen sie lagen, im Gehorsame zu erhalten, sondern sie waren auch dazu dienlich, den Geist und Geschmack an der Römischen Regierungs form durch die Befreyungen auszubreiten, die sie genossen (*) Nach der berühmten Be lagerung von Vejent, als die Römer sich eines Theils von Toscana bemächtiget hat ten, richteten sie erst die vier ersten Tribus (**) von den vierzehn auf, welche man in die Zeit der consularischen Regierungsform in das 368. Jahr der Stadt Rom setzt. Hier 112 113
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auf fügten sie aus eben den Ursachen von Zeit zu Zeit noch andre hinzu, bis man end lich im 511. Jahre der Stadt Rom bey den Sabinern die beyden Zünfte, Velinam und Quirinam aufrichtete, welche die letz ten von den vierzehn waren, die von Con suln errichtet wurden. Wenn man sie nun mit den vier Stadtzünften, und mit den sieb zehn Landzünften, die Servius Tullius auf gerichtet hatte, zusammen nimmt, so ma chen sie die fünf und dreyssig Tribus aus, in welche das Römische Volk beständig ein getheilt gewesen ist. Als alle Völker in Italien zum Römi schen Bürgerrechte zugelassen wurden, so richtete man aus ihnen acht neue Tribus auf. Allein sie hatten nicht lange Bestand, und man kam bald wieder auf die Zahl von fünf und dreissigen zurück. Nunmehr ist noch übrig, daß wir von der politischen Verfassung der Tribus re den, und ihre verschiednen Gebräuche un ter den Königen und Consuln bemerken. Obgleich die Sabiner und Toscaner, wel che Romulus den Römern einverleibt hatte, mit ihnen nur ein Volk ausmachten, so hin derte doch das diese drey Völker nicht, drey verschiedne Zünfte auszumachen, von ein ander abgesondert zu leben, und sich nicht eher als unter den Zeiten des Tullius unter einander zu vermengen. Sie waren eine
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wie die andre den Befehlen des Prinzen un terwürfig, hatten aber jede ein Haupt von ihrer Nation; diese Häupter waren gleich sam ihre Statthalter, auf die sich der Prinz wegen ihrer Aufführung verließ. Diese Häupter hatten Subalternen unter sich, die für die Curien zu sorgen hatten. Denn eine jede Zunft war in zehn Curien einge theilt, die jede einen Magistrat hatten, der Curio hieß, welcher die Anordnung der Op fer und Feste der Curie machte. Ein jeder Tribus hatte überdieß auch seinen Augur, der den Vogelflug, die Eingeweide, und die Anzeichen zu deuten und zu beobachten hatte. Alle diese Curien hatten an den Civil-und Militar - Ehrenstellen gleichen Antheil. Die wichtigsten Angelegenheiten wurden in ihren allgemeinen Versammlungen, welche Comi tia per curias hießen, ausgemacht. Denn obgleich die Verfassung des Staa tes damals monarchisch war, so durfte doch der Prinz nicht schalten und walten, wie er wollte; Der Senat hatte auch keine so un eingeschränkte Gewalt, daß das Volk an der Regierung nicht viel Antheil genommen haben sollte. Es stund nicht allein die Ge walt, Krieg und Frieden zu beschließen bey ihm, sondern es konnte auch die ihm vorge schlagenen Gesetze annehmen oder verwer fen, ja es hatte auch freye Macht, diejeni
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gen zu erwählen, welche unter dem Prinzen und Senate Theil an der Regierung neh men sollten. Denn da damals keine andern Comitia als die Comitia curiata waren, in welchen alle Bürger bey den Berathschla gungen eine freye Stimme hatten, und die Anzahl der Plebejen die Anzahl der Patri cien und Ritter in jeder Curie weit über traf, so kamen fast allezeit die Wahlen auf ihre Stimmen an. Dieses ist es, was den Servius Tullius bewog, die Comitia centuriata einzufüh ren, in welchen die Großen und Reichen alle Gewalt hatten, wie solches an einem andern Orte erklärt worden ist, die alten Zünfte, die an der Regierung Theil hatten, zu unterdrücken, und neue aufzurichten, de nen er auch keine öffentliche Gewalt zuge stund, und die zu weiter nichts dienten, als das Römische Gebiete einzutheilen, und den Ort auf dem Lande und in der Stadt zu be zeichnen, wo ein jeder Römischer Bürger wohnte. Weil die Landzünfte damals nur aus de nen Bürgern bestunden, die auf dem Lande wohnten, und ihre Ländereyen selbst bauten, die Stadtzünfte aber aus denen in der Stadt selbst wohnenden Bürgern bestun den, so waren diese erst geehrter, als jene. Da aber in der Folge die Censoren diese ver ringerten, indem sie das gemeine Volk und
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die Freygelassnen darunter steckten, so bega ben sich die Patricien unter die Landzünfte, und zwar unter diejenigen, die am weitesten von Rom entfernt waren, weil die nächsten bey Rom gleichfalls mit den neuen Bürgern erfüllt und so zu sagen angesteckt wurden. Seit dem neuen Plane des Servius Tul lius hatten die Tribus keinen Antheil mehr an den öffentlichen Angelegenheiten. Die Comitia curiata und centuriata theilten alle Gewalt mit einander; ja die erstern wurden nur so zum Scheine noch gehalten, weil sie im Besitze der auspiciorum waren. Die Großen spielten in den comitiis cen- turiatis völlig Meister, in diesen Versamm lungen wählte man die Consuln, und in der Folge auch die andern obrigkeitlichen Per sonen, und man handelte in denselben die wichtigsten Angelegenheiten des Staates ab. Das Römische Volk ließ sich vermuth lich durch das Vergnügen, daß es sich, was die Auflagen und Contributionen des Staa tes betraf, erleichtert sah, verführen, nicht auf die Folgen von der durch den Servius Tullius gemachten Veränderungen, Achtung zu geben, empfand aber in der Folge die gan ze Last davon sehr wohl. Es erkannte mit einem nicht geringen Verdrusse, daß es sich um eines kleinen Vortheils willen seines An theils an der Regierung berauben lassen, der
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sich die Großen ganz bemächtigt hatten, und die sie auf eine unerlaubte Art misbrauchten, um es in einer gewissen Art von Sclaverey zu erhalten. Es riß sich nicht eher als nach sechzig Jahren durch den Muth und die Standhaftigkeit seiner Tribunen daraus,(Dionys. Halic. VII. 463.) die den ersten Versuch, sich daraus zu zie hen, in der Angelegenheit des Coriolanus thaten, die das Volck entschied, da alle Zünfte versammelt waren. Das ist das er stemal, wo von allgemeinen Versammlun gen der Zünfte geredet wird. Die Tribunen blieben dabey nicht stehen. So bald sie sich des Rechtes bemächtigt hat ten, das Volk ohne die Erlaubniß des Se nates zu versammeln, so bedienten sie sich derselben, oft solche allgemeine Zusammen künfte der Tribus anzustellen, und machten bald hernach das Mittel ausfündig, den Zünften die Wahl der Magistratspersonen des Volkes zuzueignen, die zeither bey den Curien gestanden, ein Unternehmen, wie Ti tus sagt, das im Anfange nichts widriges an sich zu haben schien, und deswegen auch die Patricien nicht beunruhigte, das aber in der Folge ihrem Ansehen keinen geringen Stoß gab. (*) 114
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In diesen Zünfteversammlungen ernannte man die Magistratspersonen vom andern Range minores magistratus, und alle diejenigen, welche das Volk allein angiengen, die Tribunen des Volkes, die Ædiles Ple- bejos, Quaestores, Tribunos legio num, und verschiedene andre Bedienten in verschiednen Bedienungen, die triumviros rerum capitalium, die triumviros mo netales und andre solche Beamten. In e ben diesen Versammlungen wurden Gesetze gegeben, welche Plebiscita hießen; sie ban den erst nur das Volk, allein in der Folge wurden sie auch Gesetze für den Senat, zu welchen er schon zum Voraus seine Einwil ligung zu geben und sie zu billigen gezwungen wurde. In eben diesen Zusammenkünften (Liv. XXX. 43.) wurde der Friede mit den Carthaginensern und mit dem Philippus, dem Könige in Ma cedonien geschlossen. Das Volk, dessen Ansehen im Anfange so sehr geschwächt worden war, setzte sich nur nach und nach und von Zeit zu Zeit in den Be sitz aller bürgerlichen, militarischen und prie sterl. Ehrenstellen. Dadurch war alles wieder gleich geworden, und die Patricien hatten kei nen Vortheil mehr, den die Plebejen nicht mit ihnen theilten. (Cic in Rull. II. 17. 18.) Es gab einige Comitia, zu denen man aus siebzehn Tribus berief; das waren diejenigen, in welchen man den Pontifex Maximus er wählte.
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Dreyzehntes Buch.

Dieses Buch enthält den Anfang von dem andern Punischen Kriege, die Einnahme von Sagunt durch den Hannibal, seinen Ubergang über die Alpen und seinen Einbruch in Italien, die Schlachten bey Tesinum, Trebia, und Trasimen, ingleichen die ersten Vortheile, welche Cn. Scipio in Spanien über die Carthaginenser ge wonnen hat.
I. §
Allgemeine Vorstellung von dem andern Punischen Krie ge. Unwille und Haß des Hamilkars wider die Römer. Der Schwur, den er den noch ganz jungen Hannibal thun lassen, einen unversöhnlichen Haß gegen die Römer zu haben. Gleicher Haß bey seinem Nachfolger, dem Hasdrubal. Er läßt den Hannibal zur Armee kommen. Charakter des Hannibal. Han nibal erhält das Commando über die Truppen. Er rüstet sich zum Kriege wider die Römer, durch die Er oberungen, die er in Spanien macht. Belagerung von Sagunt durch den Hannibal. Gesandschaft der Römer erst an den Hannibal, denn erst nach Cartha go. Alork versucht umsonst die Saguntiner zu einem friedlichen Vergleiche zu bewegen. Einnahme und Verwüstung von Sagunt. Unruhe und Kummer in Rom wegen des Ruins dieser Stadt. Der Krieg wider Carthago wird in Rom beschlossen. Die Pro
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vinzen werden unter die Consuln ausgetheilt. Die Römischen Gesandten kündigen den Carthaginensern den Krieg an. Schlechte Ausflüchte derselben, die Belagerung von Sagunt zu rechtfertigen. Wahre Ursache des andern Punischen Krieges. Die Römi schen Gesandten gehen erst in Spanien, denn nach Italien. Hannibal macht Zurüstungen nach Italien zu gehen. Verzeichniß der Carthaginensischen Hee re. Reise des Hannibal nach Cadix. Er sorgt für die Sicherheit von Afrika und Spanien, wo er sei nen Bruder Asdrubal läßt.
Da ich anfange den Krieg zu beschrei ben, welchen die Römer wider die vom Hannibal commandirten Carthaginenser ausgehalten haben, so kann ich versichern, daß er einer von den allermerkwürdigsten Kriegen gewesen sey, deren Andenken uns die Geschichte aufbehalten hat. Er verdient die Aufmerksamkeit geschichtliebender Leser, man mag nun die Kühnheit der Unterneh mungen, oder die klugen Maasregeln, die (Liv. XXI 1.) man bey ihrer Ausführung genommen hat, betrachten; oder man mag auf die Hart näckigkeit dieser beyden auf einander eifer süchtigen Völker, mit der sie ihre äussersten Kräfte wider einander anwandten, oder auf die Geschwindigkeit, mit welcher sie sich aus den größten Unglücksfällen herauszuwickeln suchten, oder auf die Mannigfaltigkeiten un ver mutheter Begebenheiten, oder auf die Un gewißheit des Ausganges, oder auf die schön sten Muster in allen Arten von Verdiensten
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und auf die nützlichen Lehren sehen, welche die Geschichte sowohl, was den Krieg, als die Politik und die Kunst zu regieren betrifft, daraus hernehmen kann. Niemals haben Städte oder Nationen mit einander gefoch ten, welche mächtiger oder zum wenigsten streitbarer gewesen wären, und niemals war die Macht derer, die mit einander Krieg führ ten, höher gestiegen, als itzt. Rom und Carthago waren ausser allem Streit die bey den vornehmsten Städte in der Welt. Da sie ihre Kräfte schon in dem ersten Punischen Kriege gegen einander versucht, und Bewei se von ihrer Geschicklichkeit in der Kunst Tref fen zu liefern gezeigt hatten, so kannten sie schon einander vollkommen, und das Schick sal der Waffen hielt in diesem andern Kriege so sehr die Wage, und die Erfolge waren so veränderlich und abwechselnd, daß die siegende Parthey diejenige wurde, welche ihrem Untergange bey nahe am nächsten ge wesen ist. So groß auch die Macht dieser Völker gewesen ist, so kann man doch bey nahe sagen, daß ihr Haß gegen einander noch grösser war. Die Römer auf einer Seite waren unwillig, daß ein überwund nes Volk die Waffen, die sonst so unglück lich gewesen waren, zuerst wider seine Uber winder ergriff, und die Carthaginenser be haupteten ihrer Seits, daß, nachdem sie ü berwunden worden, die Römer mit der größ
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ten Unmenschlichkeit und mit einem unersätt lichen Geize sich gegen sie aufgeführt hätten. Hannibal brachte in diesen Krieg einen Haß wider die Römer, der weit herkam und von seinem Vater auf ihn geerbt worden war. Er war ein Sohn des Hamilkar mit dem Zu nahmen Barkas (*), welcher, durch diese fürchterlichen Feinde überwunden, selbst den schimpflichen aber nothwendigen Friedens vergleich unterzeichnet hatte, durch welchen der erste Punische Krieg sein Ende erreichte. Al lein er hatte wohl aufgehört, Krieg mit ihnen zu führen, aber nicht aufgehört, sie zu hassen. Dieser stolze Geist(**) konnte sich wegen des Verlustes von Sicilien und Sardinien nicht zufrieden geben. Er wurde vornehmlich durch die Art aufgebracht, mit welcher diese so wohl ungerechten als eigennützigen Uber winder die letzte von beyden Inseln an sich zogen; indem sie sich die schlimmen Umstän de der Carthaginenser in Afrika zu Nutze machten, sie zu zwingen, daß sie ihnen die 115 116
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selbe überlassen mußten, und indem sie ihnen so gar noch einen neuen Tribut auflegten. Er hatte seit dem Frieden bis an seinen Tod allezeit das Commando über die Car thaginensischen Armeen gehabt. Allein seine Aufführung während des Krieges, den er in Afrika wider die aufrührischen Soldtruppen und in Spanien wider unterschiedliche Völ ker führte, die er sich unterwürfig machte, zeigte zur Gnüge, daß er in sich selbst auf ei ne viel kühnere und wichtigere Unternehmung dachte, als die war, die er itzt wirklich aus führte. Man erzählt, er habe eines Tages den Göttern ein Opfer dargebracht, um sich die selben günstig zu machen, da er nun in Spa nien Krieg führen wollte, nachdem er den Krieg in Afrika glücklich geendigt hatte.(Polyb. III. Liu. XXI. 1.) Hannibal, sein Sohn, sey ihm um den Hals gefallen, und habe ihn gebeten, ihn mit nach Spanien zu nehmen; er habe sich der ge wöhnlichen Liebkosungen dieses Alters bedie net, einer Sprache, die über das Herz eines Vaters eine grosse Gewalt hatte, der ihn zärtlich liebte. Man setzt hinzu, dieser Ge neral, voll Vergnügen, in einem Kinde von neun Jahren so schöne Fähigkeiten zu erbli cken, habe ihn in seinen Arm genommen, ihn neben dem Altar gestellt, seine Hand auf das Opfer gelegt, und ihn schwören lassen, daß er sich für den Feind der Römer erklä
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ren wollte, so bald er die Jahre erreicht ha ben würde, wo er die Waffen tragen könn te. Die Folge wird zeigen, daß er seinen Schwur sehr heilig beobachtet habe. Hätte Hamilkar noch länger gelebt, so würde er gewiß selbst den Krieg nach Italien gespielt haben, den Hannibal in der Folge dahin spielte. Er wurde nur wegen des schnellen Todes dieses Generals und wegen der noch allzugrossen Jugend des Hannibals auf geschoben. Während der Zeit bemächtigte sich Has drubal, welchem Hamilkar seine Tochter ge geben hatte, durch Hülfe des erstaunlichen Ansehens, welches die Barcinische Faction unter dem Volke und der Armee hatte, der Regierung, so viele Mühe sich auch die Großen gaben, solches zu verhindern. Er war ge schickter, Unterhandlungen zu pflegen, als Kriege zu führen, und er diente seinem Va terlande nicht weniger, indem er mit den neu en Nationen, deren Häupter er gewann, durch seine Geschicklichkeit Bündnisse schloß, als wenn er durch die Gewalt der Waffen viele Siege nach einander davon getragen hätte. Hasdrubal machte einen Vertrag mit den Römern, denn wir müssen hier zu mehrerer Beqvemlichkeit der Leser einige Be gebenheiten erzählen. Durch diesen Ver gleich war ausgemacht worden, daß ohne von dem übrigen Theil Spaniens etwas zu ge
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denken, die Carthaginenser nicht über den Ebro sollten gehen können, um allda Krieg zu führen. Es waren auch in einem Arti kel die Saguntiner als Bundsgenossen der Römer von den Völkern ausgenommen, welche die Carthaginenser angreifen durf ten. Das Glück, das Hasdrubal genoß, brachte die Verbindlichkeit, die er gegen sei nen Schwiegervater hatte, bey ihm nicht in Vergessenheit. Er schrieb nach Carthago,(Liv. XXI. 3.) wohin Hannibal nach dem Tode des Hamil kar zurück gekehrt war, und verlangte, daß man ihn zur Armee schicken sollte. Han nibal mochte ungefähr drey und zwanzig Jahre alt seyn. (*) Die Sache war eini gen Schwierigkeiten unterworfen. Der Senat war in zwo mächtige Partheyen ge theilt, welche bey der Verwaltung der öffent lichen Angelegenheiten des Staates ganz verschiednen Absichten folgten. Das Haupt der einen Parthey war Hanno, welcher we gen seiner Geburt, seiner Verdienste, und seines Eifers für das allgemeine Beste ein 117
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großes Ansehen bey den öffentlichen Berath schlagungen hatte. Diese war bey allen Be rathschlagungen der Meynung, daß man ei nen sichern Frieden,, der sie in dem ruhigen Besitze der in Spanien gemachten Erobe rungen ließ, den ungewissen Erfolgen eines mislichen Krieges vorziehen sollte, weil sie vorher sah, daß er sich endlich mit dem Un tergange des Vaterlands endigen würde. Die andere Faction, welche die Barcinische hieß, weil sie das Interesse des Hamilkar Bar cas und seiner Familie unterstützte, erklärte sich beständig öffentlich für den Krieg. Da man also wegen der Foderung des Hasdru bal, der den jungen Hannibal nach Spani en verlangte, im Senate berathschlagte, so unterstützte die Barcinische Parthey, welche den Hannibal in der Würde des Hamilkar, seines Vaters zu sehen wünschte, dieses Verlangen mit allem seinen Ansehen. Han no, das Haupt der Gegenparthey, gab sich hingegen alle Mühe, ihn in der Stadt zu rückzubehalten. Es scheint, sagte er, daß die Foderung des Hasdrubal groß ist, ich bin aber doch nicht der Meynung, daß man sie ihm verwilligen soll. Diese Rede, die sich selbst zu widersprechen schien, erweckte die Aufmerksamkeit der gan zen Versammlung. Hasdrubal, fuhr er fort, glaubt dem Hamilkar sein ganzes Glücke schuldig zu seyn, und scheint deswe
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gen Recht zu haben, seine Dankbarkeit da durch an den Tag zu legen, daß er für die Erhebung seines Sohnes arbeitet; allein es ist uns nicht anständig, Privatabsichten dem allgemeinen Besten vorzuziehen. Be fürchten wir, daß Hannibal den tyranni schen Ehrgeiz seines Vaters nicht genug nachahmen werde? Befürchten wir, daß wir zu spät Sklaven des Sohnes seyn wer den, nachdem wir gesehen haben, wie sich der Schwiegersohn nach dem Tode seines Schwähers das Commando unsrer Arme en als ein Erbgut, das ihm vermöge eines Rechtes der Erbfolge zugehört habe, be mächtiget hat? Mein Rath ist, diesen Jüng ling in der Stadt zurück zubehalten, um ihm die Unterwürfigkeit und den Gehorsam zu lehren, den er den Gesetzen und dem Ma gistrate schuldig ist, aus Furcht, daß nicht dieser kleine Funke eine große Feuersbrunst anzünden möge. Die meisten rechtschaffne Männer waren dieser Meynung; allein wie es gemeiniglich zu gehen pflegt; die größte Anzahl überwog die vernünftigste Partey. Hannibal wurde also nach Spanien geschickt; laßt uns hören, wie Livius bey dieser Gelegenheit sein Bild entwirft. (*) 118
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Sobald er bey der Armee ankam, so zog er die Augen des ganzen Kriegsheeres und die Gunst aller Truppen auf sich. Die alten Soldaten vornehmlich glaubten, daß sie in
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ihm den alten Hamilcar wieder aufleben sa hen. Sie bemerkten an ihm eben die Ge sichtszüge, eben das martialische Ansehen in seinem Gesichte, und eben die Lebhaftigkeit in seinen Blicken. Bald aber wurde diese Aehnlichkeit mit seinem Vater der geringste Grund, warum er aller Herzen gewann. In der That war auch niemals ein Charak ter geschickter gewesen, als der seinige, zwo so verschiedne Dinge auszurichten, als der Gehorsam und das Commando ist. Es war deswegen auch schwer zu entscheiden, ob ihn der General, oder die Soldaten mehr liebten. Sollte eine Unternehmung ausge führet werden, wobey Muth und Tapferkeit nöthig war, so erwählte ihn Hasdrubal vor allen andern, und die Truppen hatten nie mals mehr Vertrauen zum Siege, als wenn er sie anführte. Niemand war tapfrer, als er, wenn er sich in Gefahren begeben mußte, und niemand war in den Gefahren klüger, als er. Keine Beschwerlichkeit konnte we der die Kräfte seines Leibes noch die Stand haftigkeit seines Muthes schwächen. Er er trug Frost und Hitze. Wenn er aß und trank, so that er es bloß um die Bedürfnis se der Natur zu befriedigen, und nicht zum Vergnügen. Er kannte keinen Unterschied zwischen Nacht und Tag, was Arbeit und Ruhe anbetraf, und dazu waren keine gewis sen Stunden ausgesetzt. Er schlief zu der
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Zeit, die nach ausgeführten Geschäften noch übrig blieb, und er brauchte, um zu schlafen, weder die Stille noch ein weiches Lager. Man fand ihn oft auf der Erde liegen, in einen Soldatenmantel eingewickelt zwischen den Schildwachen und der Hauptwache. Er un terschied sich nicht durch die Pracht der Klei dung von andern, sondern bloß durch die Schönheit der Waffen und Pferde. Er war zugleich der beste Infanterist und der beste Reuter unter der Armee. Er fing alle zeit zuerst den Streit an, und verließ auch das Treffen zuletzt. Allein mit so großen Eigenschaften, waren Fehler vereinigt, die nicht geringer waren, eine unmenschliche Grausamkeit, eine noch mehr als Punische Treulosigkeit; keine Ehrfurcht für das, was wahr und heilig war, keine Furcht vor den Göttern, keine Treue in Beobachtung der Schwüre, keine Religion. Mit diesem Mischmasche von Tugenden und Lastern dien te er drey Jahr unter dem Hasdrubal, bin nen welcher Zeit er keine Gelegenheit vorbey ließ, zu sehen und zu thun; was einem künf tigen großen Generale anständig war. Wir wollen im Folgenden untersuchen, ob er alle die lasterhaften Eigenschaften wirklich besaß, aus welchen Titus Livius einen Theil seines Charakters bestehen läßt. Nach dem Tode des Hasdrubal brachten ihn die Soldaten sogleich in das Generalszelt.
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Sie erwählten ihn mit einmüthigen Stim(Polyb. III. Liv. XXI. 3. Appian. de bell. Ann. p. 314.) men zu ihrem Feldherrn, so jung, als er war. Er mochte damals etwa sechs und zwanzig Jahr alt seyn, und das Volk zu Carthago machte gar keine Schwürigkeit, diese Wahl zu billigen. Hannibal merkte wohl, daß die Faction, die ihm zuwider war, und zu Car thago ein großes Ansehen hatte, ihn über lang oder über kurz stürzen würde, wenn er sie nicht ausser den Stand setzte, ihm zu scha den. Er hielte es also für das sicherste Mit tel, sich zu behaupten, wenn er die Repu blik in einen wichtigen Krieg verwickelte, wo man seiner Dienste nöthig hätte, und er dem Staate unentbehrlich würde. Das ist die gewöhnliche Politike der Ehrgeizigen, die oh ne auf das allgemeine Beste zu achten, nur auf ihr eignes Glücke denken, und oft sind so wohl die Prinzen und die Republiken so blind, daß sie die geheimen Triebfedern nicht entdecken, welche ihre Minister und Genera le in Bewegung setzen, und sie sehen oft etwas für Eifer an, was nichts als die Wirkung eines niederrächtigen Ehrgeizes oder einer rasenden Ehrsucht ist. Kaum war er zum Feldherrn ernannt(Polyb. III. 161. 169. Liv. XXI. 5.) worden, so richtete er ingeheim alle seine Ab sichten auf Italien, als wenn ihm anbefoh len worden wäre, Italien mit Krieg zu über ziehen, und er verlohr keine Zeit, damit ihn nicht der Tod wie seinen Vater und Schwa
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ger über eilen möchte. Er nahm in Spani en einige Städte mit Gewalt weg, und mach te sich unterschiedne Völker unterwürfig, und er nahm bey einer wichtigen Gelegenheit Zeit und Posten sowohl in acht, daß er die feind liche Armee, ob sie gleich aus mehr denn hunderttausend Mann bestund, und der sei nigen an Zahl weit überlegen war, völlig schlug und in die Flucht trieb. Nach die sem Sieg that ihm nichts mehr Widerstand. Unterdessen vergriff er sich noch nicht an Sa gunt, weil er alle Gelegenheit vermied, die Römer zu veranlassen, ihm den Krieg eher anzukündigen, als er alle nöthige Maasre geln zur Ausführung seines großen Vorha bens genommen hätte. Er folgte darinnen dem Rathe, den ihm sein Vater gegeben hatte. Er befleißigte sich sonderlich darauf, die Herzen seiner Bürger und Bundesge nossen zu gewinnen, und sich ihr Vertrauen zu erwerben. Er theilte deswegen alle Beu te der Feinde mit ihnen, er bezahlte ihnen ih ren rückständigen Sold richtig; eine weise Vorsicht, die allezeit ihre Wirkung zu ih rer Zeit thun mußte. (Appian. 315.) Hannibal unterstund sich nicht, ein sol ches Unternehmen, als der Angriff von Sa gunt war, das an sich sehr kühn zu seyn schien, und verschiedne Folgen haben konnte, auf sich zu nehmen, und bereitete also von weiten die Gemüther dazu. Er ließ durch
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seine Emissarien und Clienten zu Carthago vielfältig über die Saguntiner Beschwerden führen. Er selbst schrieb zu verschiedenen malen an den Senat, daß die Römer unter der Hand suchten, ihnen ihre Bundsgenos sen abwendig zu machen, und Spanien wi der sie zu empören. Er wußte alles so ge schickt einzufädeln, daß man ihm freye Macht gab, mit Sagunt alles vorzunehmen, was er für den Staat am zuträglichsten erachten würde. So entstehen die Kriege. Wir sehen auch daraus, daß Hannibal ein so ver schmitzter Staatsmann, als listiger Feldherr war. Die Saguntiner sahen die Gefahr wohl, worinnen sie waren, und gaben den Römern Nachricht, wie weit Hannibal seine Erobe rungen triebe. Dieses gieng im Anfange des Consulats des Livius und Aemilius vor, von dem wir im vorhergehenden Buche ge redet haben, oder auch zum Ende des vori gen Jahres. Die Römer ernannten Abge ordnete, welche in Spanien von dem Zu stande der dasigen Angelegenheiten Erkundi gung einziehen sollten, mit dem Befehle, ih re Beschwerden dem Hannibal vorzutra gen, wenn sie es für rathsam hielten, und im Falle, daß er ihnen keine Genugthuung lei stete, selbst nach Carthago deswegen zu ge hen.
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(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C. G.) Sagunt lag in Ansehung der Stadt Car thagena disseits des Ebro ungefähr tausend Schritte vom Meere, in dem Lande, wo es den Carthaginensern erlaubt war, Krieg zu führen. Allein die Saguntiner hatten sich (Polyb. III. 170-173. Liv. XXI. 6- 15.) einige Jahre vorher unter den Schutz der Römer begeben, und waren als ihre Bun desgenossen von dem mit dem Hasdrubal ge machten Vergleiche ausgenommen; sie wur den darinn mit Nahmen genannt; sie ge nossen aber dieses Vorrecht selbst schon durch den Vergleich des Lutatius, nach welchem es beyden Völkern untersagt war, die bey derseitigen Bundesgenossen anzugreifen. U brigens war ihre Lage vortrefflich und schaf te ihnen alle Vortheile, die man vom Lan de und von der See haben kann; die An zahl der Einwohner war sehr groß, die Dis ciplin war in der Regierung dieses kleinen Staates scharf; sie waren wegen der Grund sätze der Ehre und Redlichkeit sehr berühmt, wovon sie durch ihre unveränderliche Treue gegen die Römer die herrlichsten Proben ab legten; alles dieses hatte ihnen in kurzer Zeit große Reichthümer zu wege gebracht, und ihnen eine solche Macht verschafft, daß sie sich wider alle benachbarte Völker be haupten und ihnen die Spitze bieten konn ten. Hannibal erkannte wohl, wie wichtig es wäre, sich dieser Stadt zu bemeistern. Er
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war überzeugt, daß er dadurch den Rö(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C. G.) mern die Macht nähme, in Spanien Krieg zu führen, daß diese neue Eroberung alle seine alten Eroberungen in Sicherheit brin gen, daß, wenn er keinen Feind in seinem Rücken ließe, sein Zug nach Italien desto sicherer und ruhiger seyn würde, daß er das zur Ausführung seiner Unternehmungen nö thige Geld dadurch erlangte, daß die Beu te, die seine Soldaten dabey machen wür den, sie desto hitziger und muthiger machen müßte, ihm zu folgen, daß der Raub, den er nach Carthago schickte, ihm die Gemüther gewinnen und sie dahin bringen würde, ihm bey der großen Unternehmung, worauf er umgieng, allen nöthigen Beystand zu thun. Er hatte seit langer Zeit in Geheim einen Vorwand dazu veranlaßt, indem er zwi schen den Saguntinern und Turdetanern, ihren Nachbaren, den Saamen zur Mishel ligkeit ausgestreut hatte. Endlich nahm er die Partey der letzten öffentlich, und unter dem Vorwande, ihnen Recht zu schaffen, verwüstete er das ganze Land, nachdem er in das Gebiete der Saguntiner eingerückt war, unterdessen daß die Römer die Zeit mit Berathschlagungen und Ernennungen von Gesandschaften verderbten. Er theilte seine Armee in drey Haufen, und griff die Stadt auf einmal an. Ein Winkel von der Mau er bestrich ein Thal, das viel weitläuftiger
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(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C. G.) war, und besser zusammen hieng, als alle andre Gegenden umher. In dieser Gegend ließ er seine Gallerien führen, um den bedeck ten Sturmbock brauchen zu können. Im Anfange brachten sie sie ohne Mühe ziemlich weit; allein je näher sie der Mauer kamen, destomehr Schwierigkeiten fanden sie. Aus serdem, daß sie den Pfeilen ausgesetzt waren, die man von einem hohen Thurme auf sie herabschoß, so war auch dieser Theil der Mauer desto stärker, je mehr er dem An griffe ausgesetzt war, und eine Menge aus gesuchter Soldaten vertheidigten den Theil der Stadt mit desto grössrer Tapferkeit, je mehr sich die Feinde Mühe gaben, denselben anzugreifen, und sich dessen zu bemächtigen. Die Saguntiner ließen also im Anfange ei nen Hagel von Pfeilen auf die Arbeiter des Hannibal regnen, die nicht ungestraft so bloß und unbedeckt da stunden. Bald begnüg ten sie sich nicht damit, sie von der Höhe der Mauer und des Thurms anzugreifen, son dern wagten sich auch, Ausfälle zu thun, um die gemachten Werke zu zernichten, und bey allen diesen Scharmützeln verlohren die Car thaginenser nicht weniger, als die Sagun tiner. Als Hannibal selbst mit allzuwenig Vorsicht sich der Mauer näherte, so wurde er mit einem Wurfspieße sehr gefährlich in die Hüfte verwundet, und seine Soldaten wurden durch die Gefahr, die ihr General
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gelaufen, so sehr erschreckt, daß wenig fehl(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C. G.) te, sie hätten ihre Werke völlig verlassen. Die Scharmützel wurden einige Tage unterbrochen, so lange nehmlich, bis Han nibal von seiner Wunde wieder hergestellt war; allein man brauchte die Zeit dazu, neue Batterien zu machen. Er war also kaum wieder im Stande zu agiren, so wur de die Stadt vom neuen und zwar auf ver schiedenen Seiten zugleich angegriffen. Man brachte die Schutzwehren der Sturmböcke noch näher, und man fing den Angriff mit dem Sturmbocke an. Hannibal, dessen Ar mee, wie man glaubt, hundert und funf zigtausend Mann stark war, hatte Volk ge nug, alle Werke damit zu versehen. Al lein den Belagerten fiel es schwer, so vie len Feinden zu widerstehen, so viele Anfälle und Stürme abzuschlagen, die ihnen gar keine Zeit ließen, sich zu erholen. Der Sturmbock hatte schon unterschiedliche Oef nungen in die Mauer gemacht, welche die Stadt entblößten. Drey Thürme fielen nach einander mit der Mauer umher ein. Eine so ansehnliche Bresche machte den Car thaginensern Hoffnung, daß sie sich nunmehr der Stadt Sagunt würden bemächtigen können. Die Mauer war kaum eingefal len, so liefen sie auf beyden Seiten mit ei ner gleichen Hitze zu, die einen um die Stadt zu vertheidigen, die andern um sie zu stür
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(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C. G.) men. Dieses Gefechte hatte nicht das An sehen der tumultuarischen Scharmützel, wel che bey Belagerungen von Städten vorfal len, und zwar bey einem Sturme, oder bey einem Ausfalle. Das war eine ordentliche Schlacht zwischen zwo Armeen, wovon die eine zwischen den Ruinen der Mauer als in einem ordentlichen Lager in dem engen Rau me stund, der sie von den Häusern der Stadt schied. Auf der einen Seite belebte die Hoffnung, auf der andern Seite die Verzweiflung die Streitenden. Die Car thaginenser beredeten sich, daß sie sich der Stadt bemächtigen würden, wenn sie sich nur einige Mühe darum gäben, und die Sa guntiner stellten ihnen statt der ruinirten Mauern ihre Leiber entgegen. Niemand wich, aus Furcht, daß sein Feind einen Fußbreit Land gewinnen möchte. Da sie also mit einer solchen Hitze und so grimmig und in einem so engen Raume fochten, so trafen alle Streiche. Die Saguntiner bedienten sich einer Art von Wurfspießen, welche Faloricä hießen. Das Holz, das den Heft ausmachte, war überall rund, bis gegen die Spitze, wo das Eisen herausgieng, welche viereckigt war. Sie umwickelten diesen Theil mit verpichten Hanf, und steckten ihn an. Das war drey Fuß lang, und konnte so wohl die Rüstung als den Leib desjenigen, wider den es geworfen
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wurde, durchstechen. Allein wenn es auch(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C G.) nur an dem Schilde hängen blieb, ohne bis auf den Körper zu dringen, so verursachte es dennoch ein großes Schrecken und keine geringe Verwirrung. Denn weil es im völligen Brande geworfen wurde, und es durch diese Bewegung noch mehr in Brand gerieth, so ließ der Soldat vor Schrecken die Waffen fallen, und war also, ohne sich vertheidigen zu können, den darauf folgen den Streichen bloß gesetzt. Der Sieg blieb auf beyden Seiten lan ge Zeit ungewiß. Allein ein so unvermuthe ter Widerstand hatte den Muth der Sagun tiner aufgefrischt und ihnen neue Kräfte ge geben. Die Carthaginenser sahen sich bloß deswegen für überwunden an, weil sie nicht Sieger waren; die ersten erhuben auf ein mal ein großes Geschrey und trieben die Be lagerer bis in die Breschen zurücke; als sie sie hier wanken und ungewiß seyn sahen, so verjagten sie sie auch von da, und zwangen sie endlich völlig zur Flucht, so daß sie sich in ihr Lager flüchten mußten. Indem dieses vorgeht, erfährt Hannibal, daß die Römischen Abgesandten im Begriffe sind, bey seiner Armee anzukommen. Weil er sich entschlossen hatte, ihnen abschlägliche Antwort zu geben, so wollte er sie lieber gar nicht hören. Er schickte ihnen also bis ans Meer entgegen, und ließ ihnen sagen, es wür
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(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C. G.) de nicht sicher für sie seyn, wenn sie sich bey einer Armee einfinden wollten, die aus so vielen barbarischen Nationen bestünde, und die im Streite begriffen wäre. Was ihn an beträfe, so hätte er so viel zu thun, daß er die Zeit nicht hätte, Gesandten Gehör zu geben. Er vermuthete, daß sie ohne Zweifel nach dieser abschläglichen Antwort gerade nach Carthage gehen würden. Deswegen schrieb er an die Häupter der Barcinischen Facti on, daß sie wohl auf ihrer Hut seyn, und alle ihre Kräfte anwenden sollte, dasjenige zu verhindern, was die Gegenparthey zur Begünstigung der Römer etwa thun möch te. Diese Abgesandten waren zu Carthago nicht glücklicher, als vor Sagunt. Der ganze Unterschied war der, daß man ihnen im Senate ein öffentliches Gehör gab, der einzige Hanno war für die Vertheidigung des Vergleiches. Man hörte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen; allein dieses Stillschwei gen während seiner Rede war mehr eine Wirkung des Ansehens, das er seines Ran ges wegen in der Versammlung hatte, als ein Merkmal des Beyfalls, den man ihm gab. æEs ist heute, sagte er, nicht das er stemal, daß ich euch erinnert habe, was ihr von der Nachkommenschafft des Hamilkar zu befürchten hättet, und daß ich euch bey den Göttern, den Beschirmern und Ver
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theidigern der Verträge beschworen habe,(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C. G.) das Commando eurer Kriegsvölker keinem zu geben, der aus diesem verhaßten Ge schlechte entsprungen wäre. Die Schat ten des Hamilkar können nicht ruhig seyn, und so lange noch in Carthago einer von dem Blute und Geschlechte von Barkas übrig seyn wird, so dürft ihr euch auf die Beobachtung der Verträge keine Hoffnung machen. Ihr habt wider meinen Rath ei nen ehrgeitzigen Jüngling zur Armee gesen det, der brennend vor Begierde zu herrschen, kein ander Mittel weiß, zu seinem Endzwe cke zu gelangen, als Krieg über Krieg zu er regen. Dadurch habt ihr die Feuers brunst selbst angezündet, die euch verzehrt, an statt, daß ihr suchen solltet, sie auszu löschen. Eure Völker belagern itzt wider die gemachten Verträge Sagunt; bald werden die Römer Carthago unter der An führung eben der Götter belagern, welche in dem ersten Kriege ebenfalls die Verle tzung der alten Verträge gerächt haben. Was macht euch so kühn? Kennt ihr eure Feinde nicht? Kennt ihr euch nicht selbst, und kennt ihr das Glücke beyder Nationen nicht? Die Römer schicken euch, ehe sie sich noch wider euch erklären, als Bundes genossen für Bundesgenossen Abgesandte, und euer wichtiger Feldherr würdigt sie nicht einmal sie zu hören, und versagt ihnen
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(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C. G.) wider das Völkerrecht einen Verhör, den man auch einer feindlichen Nation nicht versagen würde. Nachdem man ihnen so begegnet ist, so kommen sie zu euch, euch ih re Beschwerden vorzutragen und Genug thuung zu begehren. Sie wollen glauben, daß der Carthaginensische Senat an dieser Beleidigung keinen Antheil hat, und in dem Falle verlangen sie die Auslieferung des Hannibal als des einzigen Strafbaren. Al lein je gedultiger sie itzt sind, je mehr sie im Anfange zurückhalten, desto unerbittlicher werden sie, wie ich befürchte, am Ende seyn, wenn sie einmal die Waffen ergriffen ha ben, um sich zu rächen. Erinnert euch an den Berg Eryx; erinnert euch an die In seln Aegates. Erinnert euch an die seit vier und zwanzig Jahren ausgestandnen Ubel und an den Verlust, den ihr zu Lan de und zu Wasser gehabt habt. Und da mals commandirte eure Armeen kein jun ger verwägner Hannibal, sondern sein Va ter Hamilkar, dieser andre Mars, wie ihn seine Anhänger nennen. Warum seyd ihr also überwunden worden? weil die Götter die Beleidigung rächen wollten, die ihr den Römern erwieset, indem wir der Stadt Tarent wider die gemachten Verträge bey stunden, so wie sie auch die Beleidigung rächen werden, die wir ihnen erweisen, indem wir itzt Sagunt in Spanien bela
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gern (*) Ja es sind die Götter, die uns(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C. G.) bestraft haben, und wenn man im Anfan ge hätte ungewiß seyn können, auf welcher Seite das Unrecht wäre, so hat der Aus gang als ein billiger Richter den Streit ent scheiden sollen, indem er der Parthey den Sieg verlieh, welche die Gerechtigkeit auf ihrer Seite hat. Hannibal läßt itzt wi der die Mauern von Carthago seine Sturm böcke oder Sturmdächer anrücken. Unsre Mauern sinds, welche er itzt mit dem Sturm bocke einstößt. Ich wünsche, daß meine Prophezeyung falsch seyn möge; allein ich sehe vorher, daß die Ruinen von Sagunt auf unsre Häupter fallen werden, und daß wir den Krieg wider die Römer werden füh ren müssen, den wir itzt mit den Sagunti nern führen. Sollen wir also den Han nibal den Römern überliefern, wird jemand sagen? Ich weiß wohl, daß die Feindschaft zwischen seinen Vater und mir mich ver dächtig machen und meiner Meynung ei nen Theil des Ansehens nehmen wird, den sie im Senate haben sollte. Allein ich will euch nicht verbergen, daß ich mich über den Tod des Hamilkar gefreuet habe, weil wir schon mit den Römern in Krieg verwickelt 119
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(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C. G.) wären, wenn er länger gelebt hätte. Was seinen Sohn betrift, so hasse und verab scheue ich ihn, als die Furie und die Fackel des gegenwärtigen Krieges. Ich bin nicht allein der Meynung, daß man, um den den Verträgen geschehenen Eintrag gut zu ma chen, nicht allein den Hannibal ausliefre, sondern, wenn sie auch seine Auslieferung nicht verlangten, so würde ich euch rathen, ihn an die Grenzen der Erde zu bringen, damit unsre Ohren seinen Nahmen nie mals möchten nennen hören, und er die Ru he unsrer Republik niemals mehr stören könnte. Meine Meynung ist also, drey Gesandschaften abzuordnen; die erste nach Rom, dem Senate Genugthuung zu lei sten, die andre nach Spanien, dem Han nibal anzubefehlen, daß er seine Völker von Sagunt wegziehen soll, und ihn selbst den Römern auszuliefern; die dritte nach Sa gunt, um ihnen den Verlust zu ersetzen, den ihre Stadt während der Belagerung erlitten haben mag.“ Es waren beynahe alle Senatoren so für den Hannibal eingenommen, daß es keiner langen Gegenreden wider den Hanno be durfte. Weit gefehlt, daß man seine Mey nung billigen sollen, so verwies man es ihm, daß er wider den Sohn des Hamilkar mit mehr Hitze und Ungestüm geredet habe, als der Römische Abgesandte Valer, selbst ge
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than habe. Die ganze Antwort, die man(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. n. C. G.) ihnen gab, bestund also darinnen: Nicht Hannibal, sondern die Einwohner von Sa gunt selbst hätten den Krieg veranlaßt; die Römer würden also sehr unrecht thun, wenn sie die Saguntiner den Carthaginensern ih ren alten Bundesgenossen vorziehen woll ten. Unterdessen daß die Römer die Zeit mit Abfertigungen von Gesandtschaften verderb ten, setzte Hannibal die Belagerung von Sagunt hitzig fort. Weil er sah, daß seine Soldaten durch die beständigen Stürme und Scharmützel abgemattet worden, so verstat tete er ihnen einige Tage Ruhe, nachdem er vorher die Vorsicht gebraucht hatte, einige Kriegsvölker zur Bedeckung der Sturm dächer, und der andern Werke zu lassen. Während der Zeit munterte er ihren Muth auf, indem er ihnen vorstellte, wie unerträg lich der Hochmuth der Feinde wäre, und wie groß ihre Belohnungen seyn würden. Allein nachdem er öffentlich kund gemacht hatte, daß alle Beute in der Stadt nach ihrer Einnahme ihnen zugehören sollte, so entflammte diese Hofnung ihren Muth der gestalt, daß, wenn er ihnen in dem Augen blicke das Zeichen zum Angriffe gegeben hät te, ihnen dem Ansehen nach nichts widerstan den haben würde. Die Saguntiner brauch ten die Zeit, da die Stürme der Carthagi
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(d. 534. J. n. E. R. d. 218. J. v. C. G.) nenser nachließen, nicht, um auszuruhen. Sie thaten selbst keinen Ausfall, sie brach ten aber Tag und Nacht damit zu, daß sie an dem Orte, wo die alte Mauer war ein gestoßen worden, eine neue aufführten, weil sonst die Stadt entblößt geblieben wäre. Die Feinde fingen ihren Angriff bald wieder an, und ihre Anfälle waren hitziger, als sie niemals noch gewesen waren, so daß die Belagerten durch das Geschrey auf allen Seiten betäubt wurden, und nicht wußten, auf welche Seite sie sich hinwenden sollten, die Stadt zu vertheidigen. Hannibal frisch te selbst mit Mund und Hand seine Truppen an der Seite an, wo er einen beweglichen Thurm anrücken ließ, der höher als alle Bevestigungen der Stadt war. Vermit telst der Catapulten und Balisten, die er in den verschiednen Absätzen dieses Thurmes hatte setzen lassen, tödtete oder zerschmetterte er durch geschleuderte Steine und abgeschoß ne Pfeile alle, so die Mauer vertheidigten, so daß er glaubte, nun wäre der Augenblick da, wo er sich der Stadt bemächtigen wür de. Deswegen schickte er fünfhundert Afri caner mit den nöthigen Werkzeugen fort, die Mauer von unten zu untergraben. Es kostete ihnen dieses nicht viel Mühe; denn die Mauern waren nicht, wie heutiges Ta ges mit Kalk und Kitt befestigt, sondern bloß mit Mörtel überzogen, wie es sonst gebräuch
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lich war. Ein jeder Schlag mit der Haue machte eine viel weitere Oeffnung, als der Platz war, wo eingehauen wurde, und dran gen ganze Haufen von Soldaten durch die se Oeffnungen in die Stadt. Bey dieser Gelegenheit bemächtigten sie sich einer Höhe, wohin sie ihre Maschinen bringen ließen, die sie mit einer Mauer um gaben, um in der Stadt selbst eine Art von einer Schlange zu haben, von welcher sie die Stadt selbst bestreiten könnten. Die Sa guntiner bauten in dem einen Theile der Stadt, welcher noch nicht in des Feindes Gewalt war, eine neue Mauer. Beyde Partheyen befestigten sich um die Wette, und sie wurden deswegen oft handgemenge. Allein die Belagerten sahen ihre Stadt von Tage zu Tage kleiner werden, indem sie im mer zurück weichen und immer neue Abschnit te machen mußten. Sie fingen an, an den Lebensmitteln Mangel zu leiden, indem die lange Dauer der Belagerung ihren Vor rath aufgezehrt hatte; sie konnten sich auf keine fremde Hülfe Hoffnung machen, in dem die Römer, ihre einzige Zuversicht all zuweit entfernt waren, und der Feind das ganze umherliegende Land in seiner Both mäßigkeit hatte. Als sie so aufs Aeußerste gebracht waren, so ließ ihnen Hannibal ein wenig Zeit, sich wieder zu erholen, indem er wider die Car
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petaner und Oretaner in aller Geschwindig keit forteilen mußte, weil sie die Waffen wieder ergriffen hatten. Diese beyden Völ ker, dadurch aufgebracht, daß man mit sol cher Strenge in ihrem Gebiete warb, hatten sich empört und selbst einige Kriegsbedienten des Hannibal gefangen gesetzt. Allein von der Wachsamkeit dieses Generals überrascht wurden sie bald wieder gehorsam. Die Hitze der Belagerer erkaltete wäh rend dieser Unternehmung nicht. Mahar bal ein Sohn des Himilcon, welchen Han nibal zurückgelassen hatte, um an seiner statt zu commandiren, arbeitete mit sol cher Hitze an der Fortsetzung der Belage rung, daß man auf beyden Seiten die Ab wesenheit des Hannibal bey nahe nicht merk te. Er hatte bey allen Scharmützeln mit den Saguntinern den Vortheil, und stürmte mit drey Sturmböcken so gewaltig auf die Mauer zugleich ein, daß Hannibal bey seiner Wiederkunft das Vergnügen hat te, die Mauern bey nahe ganz eingeworfen zu sehen. Er ließ also seine Armee gegen die Vestung selbst anrücken. Die Belagerten vertheidigten sich mit möglicher Tapferkeit, allein sie konnten den Feind nicht verhin dern, einen Theil davon wegzunehmen. So weit war es mit Sagunt gekommen, als Alcon, ein Saguntiner, und Alork, ein Spanier es über sich nahmen, einen friedli
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chen Vergleich zu versuchen. Der erste be gab sich, ohne seine Mitbürger um Rath zu fragen, in der Nacht in das Lager der Fein de, und hoffte, daß er den Hannibal durch sein Bitten und Thränen erweichen würde. Allein als er sah, daß dieser sieghafte und aufgebrachte General gegen alles unempfind lich war, daß er ihm die allerhärtesten Be dingungen vorschlug, so wurde er aus einem Unterhändler, der er hatte seyn wollen, ein Uberläufer, und blieb in dem Lager der Car thaginenser, indem er betheuerte, daß es dem das Leben kosten würde, der den Sa guntinern dergleichen Vorschläge zur Uber gabe thäte. Hannibal verlangte von ihnen eine völlige Genugthuung für alle Beschwer den der Auditaner; er verlangte, daß sie ihm alles ihr Gold und Silber übergeben, aus der Stadt ohne Waffen ausziehen, und sich in die Gegend begeben sollten, die er ihnen anzeigen würde. Das waren die Bedingungen, in die, nach den Versicherungen des Alcon, die Saguntiner niemals willigen würden. Un terdessen war Alork ein Freund und Wirth der Saguntiner, der unter der Armee des Hannibal diente, seiner Meynung nicht. Er glaubte, daß man, wenn man alles ver lohren hätte, auch den Muth verlöhre, und er nahm die Unterhandlung über sich. Er begab sich also zu den Belagerten, er gab
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den Wachen seine Waffen, und verlangte zum Prätor von Sagunt geführt zu wer den. Es folgte ihm eine grosse Menge Vol kes nach, das man auseinander trieb, um ihm im Senate Gehör zu geben. Er rede te daselbst also; æWenn Alcon, euer Mitbürger, nachdem er es über sich genommen, Friedensbedin gungen vom Hannibal zu verlangen, Muth genug gehabt hätte, euch Nachricht von de nen zu geben, die ihm Hannibal gesagt hat, so hätte ich diesen Weg nicht auf mich nehmen dürfen, den ich heute weder als ein Uberläufer, noch als ein Abgeordneter vom Hannibal gethan habe. Allein weil er bey den Feinden geblieben ist, entweder daß es ein Fehler von ihm ist, indem er sich ohne Ursache vor euch fürchtet, oder daß es euer Fehler ist, indem man euch die Wahrheit nicht ohne Gefahr sagen kann, so habe ich als euer alter freundFreund und Wirth den Weg gern über mich nehmen wollen, um euch die Bedingungen kund zu thun, unter welchen ihr noch Frieden erhalten, und euch erretten könnet. Daß ich solches bloß aus Achtung gegen euch thue, könnet ihr daraus schliessen, daß ich euch keinen Vorschlag gethan habe, so lange ihr noch im Stande gewesen seyd, euch zu vertheidigen, und als ihr noch euch auf die Hülfe der Römer habt Hoffnung machen können. Itzt, da ihr
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keinen Beystand mehr von ihnen erhalten könnet, und weder eure Mauren noch Waf fen euch vertheidigen und in Sicherheit se tzen können, so komme ich, euch einen mehr nothwendigen als rühmlichen Frieden an zubieten, den ihr nicht erlangen könnt, wenn ihr nicht als Uberwundne die Bedingungen annehmt, die euch Hannibal als Uberwin der vorschlägt, und wenn ihr nicht alles als einen Gewinn ansehet, was er euch läßt, und nicht als einen Verlust achtet, was er euch nimmt, weil doch der Strenge nach dem Uberwinder alles gehört. Er will, daß ihr eine Stadt verlassen sollt, die halb verwüstet ist, und die er bey nahe gantz schon in seiner Gewalt hat. Allein er giebt euch eure Ländereyen, und läßt euch die Freyheit an dem Orte, den er euch zeigen wird, eine neue Stadt zu erbauen. Er befiehlt euch, daß ihr ihm alles euer Gold und Silber bringen sollt, was ein jeder für sich, und was der Staat besitzt; al lein er schenkt euch das Leben und die Frey heit, euch und euern Kindern, mit der Be dingung, daß ihr die Stadt ohne Waffen verlaßt. Das sind die Gesetze, die euch ein Feind, der euer Uberwinder ist, vor schreibt; der traurige Zustand, worinnen ihr seyd, nöthigt euch, sie anzunehmen, so hart sie euch auch scheinen mögen. Ich zweifle nicht, daß wenn ihr euch ohne Aus
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nahme seiner Gnade überlaßt, daß er die Härte dieser Bedingungen noch mildern werde. Allein wenn er sie auch nach aller Strenge erfüllt haben wollte, ist es nicht besser, daß ihr euch ihnen unterwerft, als daß ihr euch erwürgen laßt, und eure Wei ber und Kinder allen den Gewaltthätigkei ten preis gebt, die unvermeidlich sind, wenn eine Stadt mit Sturm eingenommen wird.“ Als Alork zu reden aufgehört hatte, so liessen die Vornehmsten des Staats, nach dem sie sich von dem Volke abgesondert hat ten, das haufenweis herbey gelaufen war, um ihn anzuhören, alles Gold und Silber, ohne ihm eine Antwort zu geben, aus dem öffentlichen Schatze herbey bringen, und ins Feuer werfen, das sie ausdrücklich dazu auf dem Markte anzünden lassen, und die meisten stürzten sich selbst mitten in die Flammen. Ein so verzweifelter Entschluß hatte schon die Bestürzung in der ganzen Stadt ausge breitet, als man auf der Seite der Citadelle einen Lerm hörte, der nicht weniger Schre cken verursachte. Er wurde durch den Fall eines Thurmes verursacht, den die Feinde schon lange stürmten. Ein Haufen Cartha ginenser, welcher hitzig in die gemachte Oeff nung drang, ließ den Hannibal benachrich tigen, daß die Stadt sich auf der Seite nicht mehr vertheidigen könnte. Der General
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griff sie, ohne einen Augenblick Zeit zu ver lieren, mit allen Kräften an, indem er seinen Soldaten Befehl gab, alle, die fähig wären, die Waffen zu tragen, umzubringen. Die ser Befehl war grausam, allein die Folge lehrte, daß er nothwendig war. Denn wozu würde es geholffen haben, wenn man Rasende verschont hätte, die sich entweder in ihre Häuser einsperrten, und mit Weibern und Kindern lebendig verbrannten, oder sich mit den Waffen in der Hand als Verzwei felte vertheidigten, und sie nicht eher als mit dem Verluste des Lebens fahren liessen. So nahm also Hannibal nach einer schwe(Einnahme von Sa gunt.) ren und mühsamen Belagerung von acht Monaten die Stadt mit stürmender Hand ein. Obgleich die Einwohner mit Fleiß ih re schönsten und kostbarsten Sachen verwü stet und verderbt hatten, weswegen auch der Feind ohne Unterscheid des Alters und des Geschlechtes alle Uberwundne niedermetzel te, so machte man dem ungeachtet in der Stadt eine erstaunliche Beute von Gold und Silber, von Gefangnen und von Geräthe. Hannibal legte das Geld zu seinem Vorha ben bey Seite, theilte aber die Gefangnen unter die Soldaten einem jeden nach sei nen Verdiensten aus; die kostbarsten Ge räthschafften und Stoffe schickte er nach Carthago. Der Erfolg stimmte mit seinem Vorhaben und Wunsche überein. Die
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Soldaten wurden kühner und wagten sich mehr; die Carthaginenser willigten mit Ver gnügen in alles, was er verlangte, und das Gold, womit er nun im Uberflusse versehen war, setzte ihn in den Stand, alle seine gros sen Absichten auszuführen. Hannibal be gab sich nach der Einnahme von Sagunt nach Carthagena, um daselbst den Winter zuzubringen. (Liv. XXI. 16.) Die Gesandten, die man nach Carthago gesandt hatte, waren kaum nach Rom zurück gekommen, als man daselbst die Eroberung und den Ruin von Sagunt erfuhr. Es ist schwerlich auszudrücken, was diese Nachricht in Rom für Schrecken und Bestürzung und Traurigkeit ausbreitete. Das Mitleiden mit dieser unglücklichen Stadt, die Scham, daß sie diesen getreuen Alliirten nicht beyge sprungen waren, und ein gerechter Unwille wider die Carthaginenser, als die Urheber so grosser Ubel, waren allgemeine Empfindun gen. Sie verursachten eine so grosse Unru he, daß man in den ersten Augenblicken nicht im Stande war, einen Entschluß zu fassen, oder etwas anders zu thun, als sich zu betrü ben und Thränen über den Untergang einer Stadt zu vergiessen, welche ein unglückliches Opfer ihrer unveränderten Treue gegen die Römer und der unweisen Langsamkeit war, welche die Römer gegen sie bewiesen hatten.
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Auf diese ersten Empfindungen folgte sehr bald eine lebhafte Unruhe über ihren eignen Zustand und über die Gefahren, worinnen sie waren, indem sie sich einbildeten, den Han nibal schon vor ihren Thoren zu sehen. Sie erwägten, daß sie niemals mit einem so krie gerischen und furchtbaren Feinde zu thun ge habt hatten, und daß die Römer niemals des Krieges so ungewohnt gewesen waren, als damals. Dasjenige, was zwischen ih nen und den Einwohnern von Sardinien, Corsika und Illyrien vorgegangen war, konn te mehr als eine Ubung ihrer Völcker, als ein ordentlicher Krieg angesehen werden. Hannibal war an der Spitze einer Armee von alten Soldaten, welche seit drey und zwan zig Jahren gewohnt waren, zu streiten und zu siegen, und zwar unter den kriegerischsten Nationen von Spanien, unter der Anfüh rung des tapfersten und kühnsten Feldherrns. Nachdem sie durch die Einnahme der reich sten Stadt in Spanien noch kühner und tro tziger geworden waren, so war er im Be griffe über den Ebrus zu gehen. Ihm folg ten die tapfersten Nationen dieser Provinz nach, welche sich unter seine Fahne begeben hatten. Die Gallier, welche sich beständig nach dem Kriege sehnten, würden, wie man glaubte, seine Armee vermehren, wenn er durch ihr Land ziehen würde. Die Römer würden sich alsdann genöthigt sehen, wider
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alle Völker der Welt unter den Mauern ih rer Stadt, und wegen der Errettung der selben von ihrem gänzlichen Untergange zu streiten. Alles dieses erwägten die Römer. Nachdem die Gemüther wieder ein wenig (Die Rö mer be schliessen den Krieg wider Car thago. Liv. XXI. 17.) zu sich selbst gekommen waren, so berief man eine Versammlung des Volkes, und der Krieg wurde darinnen beschlossen. Die Consuln theilten die Provinzen durchs Loos unter ein ander aus. Spanien fiel dem Scipio, Afri ka und Sicilien dem Sempronius zu. Der Senat setzte die Zahl der Völker, die in die sem Jahre dienen sollten, auf sechs Legionen. Eine jede Römische Legion bestund damals aus vier tausend Fußvolk und dreyhundert Reutern. Er überließ es dem Gutbefinden der Consuln, wie viele Bundsgenossen sie zu dieser Anzahl nehmen wollten. Sie hatten aber Befehl eine der mächtigsten und best versehenen Flotten auszurüsten. Man gab dem Sempronius zwo Römi sche Legionen, sechzehn tausend Mann zu Fuße und achtzehn hundert Reuter von den Alliir ten; hundert und sechzig fünfruderichte Ga leeren und zwölf Gallioten. Mit dieser Macht zu Wasser und zu Lande wurde Sem pronius nach Sicilien gesandt, mit dem Be fehle, nach Afrika zu gehen, wofern sein Col lege im Stande wäre, den Hannibal zu ver hindern, in Italien einzubrechen.
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Weil dieser zu Lande herkam, so ließ man dem Scipio nicht mehr denn sechzig Galee ren. Er hatte zwo Römische Legionen un ter sich, und von den Alliirten vierzig tau send Mann zu Fuße und sechzehn tausend Mann zu Pferde. Man hatte, ehe man noch von der Seite her die Carthaginenser vermuthete, in das Cisalpinische Gallien den Prätor Manlius mit zwo Römischen Legionen, und von den Alliirten auch mit zehn tausend Mann zu Fuße und tausend Mann zu Pferde geschickt. Die öffentlichen Unternehmungen der Rö mer, sie mochten groß oder klein seyn, wur den allezeit mit gewissen Handlungen der Re ligion angefangen, ohne welche sie sich mit gar keinem glücklichen Erfolge schmeichelten. Man beschloß also, Proceßionen in der Stadt anzustellen, und in den Tempeln öffentliche Gebete halten zu lassen, um von den Göt tern während des Krieges, auf den sich die Römer rüsteten, ihren Schutz zu geniessen. Nachdem man in Rom alle diese Anstal ten gemacht hatte, so hielt der Senat, um sich keine Vorwürfe machen zu können, für(Liv. XXI. Polyb. III. 187.) dienlich, Gesandten nach Afrika zu senden, welche den Senat von Carthago fragen soll ten, ob Hannibal auf seinen Befehl Sagunt belagert hätte. Wäre die Antwort beja hend, wie man solches vermuthete, so sollte man von Seiten der Römer den Krieg wider
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Carthago erklären. So bald sie in Cartha go angekommen, und zum Verhöre gelassen worden waren, so sagte Fabius, welcher das Haupt der Gesandtschaft war, die Ursache, weswegen er abgesandt worden wäre. Da fing einer von den Vornehmsten des Staats an zu sagen: Eure ersten Abgesandten, als sie unter dem Vorwande, daß Hannibal Sagunt seinem eignen Willen zu Folge belagert habe, seine Auslieferung verlangten, haben zur Gnüge gezeigt, wie weit ihr euern Stoltz treibt. Diese zweyte Gesandt schafft scheint mehr Mäßigung blicken zu lassen; sie ist aber im Grunde noch ungerechter und gewaltsamer, als die erste. Erst wolltet ihr nur an die Person des Hannibal; itzt greift ihr alle Carthaginenser an, von welchen ihr das Geständniß eines eingebil deten Fehlers heraus locken wollt, um euch dadurch ein Recht zu machen, daß ihr auf der Stelle eine Genug thuung fodern könnt. Wie mich dünkt, so ist die Frage nicht zwischen uns und euch, ob Hannibal, als er Sagunt belagerte, solches vor sich selbst oder auf unsern Befehl gethan hat, sondern ob die Unternehmung gerecht oder ungerecht gewesen ist. Die erste Frage geht nur uns an.
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Es gehört uns das Recht nur, über unsern Mitbürger zu urtheilen, und zu untersuchen, ob er von sich selbst, oder auf unsern Befehl den Krieg un ternommen hat. Alles, was ihr mit uns auszumachen habt, beruht dar auf, ob durch die Belagerung von Sagunt die Verträge zwischen euch und uns verletzt worden sind. Itzt da ihr uns selbst den Unterschied an die Hand gebt zwischen dem, was die Generale von sich selbst, und zwi schen dem, was sie auf Befehl ihrer Obern thun, so räume ich ein, daß der Consul Lutatius einen Vergleich mit uns gemacht hat, worinnen be dingt ist, daß die Bundsgenossen von beyden Seiten vor allen Anfällen si cher seyn sollen. Darinnen steht nun kein Wort von den Saguntinern, die damals eure Bundsgenossen noch nicht waren. Ihr werdet mir un streitig antworten, daß in dem Ver trage, den ihr bald darauf mit dem Asdrubal aufrichtetet, die Sagunti ner ausdrücklich genannt sind. Ich räume es ein. Allein auf diesen Ein wurf habe ich weiter nichts zu ant worten, als was ihr mir selbst ange geben habt. Ihr habt nicht wollen an den Tractat des Lutatius gebun
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den seyn, weil er von dem Römischen Senate und Volke nicht gebilligt worden. Und deswegen hat man ei nen andern gemacht, welchen beyde Stände gebilligt haben. Wir räu men dieses ein. Wenn euch also die Tractaten eurer Generale nicht bin den, wofern ihr sie nicht gebilligt habt, so kann der Tractat, den As drubal, ohne unsre Einwilligung mit euch geschlossen hat, uns nicht mehr verbindlich machen. Also hört auf von Sagunt und vom Ebrus zu re den, und laßt endlich den Entschluß ausbrechen, den ihr so lange in euerm Herzen gefaßt habt. Alsdann zeigte ihnen Fabius den einen Schoos seines Rockes, den er zusammen genommen hatte, und sprach mit einer trotzi gen Stimme: Ich trage hierinnen den Krieg und den Frieden, wählt euch eins von beyden. Auf die Antwort, daß er selbst wählen könnte, antwortete er: Ich gebe euch also den Krieg, und ließ den Schoos fallen. Wir nehmen ihn von Hertzen gern an, und wollen ihn selbst führen, antworteten die Carthaginenser mit eben diesem Trotze. Diese freymüthige (Polyb. III. 175. 176. Liv. XXI.) und ungekünstelte Art, die Carthaginenser zu fragen, und ihnen auf ihre Antwort den Krieg anzukündigen, schien den Römern der
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Würde ihres Charakters anständiger zu seyn, als sich mit einer spitzfündigen Unter suchung wegen der Auslegung der Tractaten aufzuhalten, zumal da die Einnahme und der Ruin von Sagunt alle Hoffnung zu ei nem Frieden unterbrochen hatte. Denn wenn sie sich in einen Streit deswegen hät ten einlassen wollen, so wäre es leicht gewe sen, dem Carthaginensischen Senator zu ant worten, daß er den ersten Vergleich des Lu tatius, welcher geändert wurde, mit dem Vergleiche des Asdrubal mit Unrecht ver gliche, weil in jenem ausdrücklich stund, daß er nicht eher gültig seyn sollte, als bis er von dem Römischen Volke ge billigt seyn würde; in dem Vergleiche des Asdrubal aber keine solche Ausnahme sich befand, und derselbe durch ein so viel jähriges Stillschweigen bey den Lebzeiten und nach dem Tode des Asdrubal war gebil ligt worden. Gesetzt auch, daß man sich an den Vergleich des Lutatius hätte halten wollen, so waren die Saguntiner schon zur Gnüge in dem allgemeinen Ausdrucke der Bundesgenossen beyder Völker be griffen. Dieser Artikel bemeinte nicht die, so es damals waren, und schloß diejenigen nicht aus, die es künftig werden würden. Da nun also beyde Völker wegen des Zu künftigen sich ihre völlige Freyheit vorbehal ten hatten, war es gerecht, daß sie entwe
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der keine Nation in ihren Bund mehr auf nehmen sollten, wenn sie ihnen auch noch so große Dienste geleistet hätte, oder daß sie de nen ihren Schutz versagen sollten, die sie darein aufnehmen würden? Alles was die Römer und Carthaginenser von einander fodern konnten, war dieses, daß sie nicht suchen sollten, einander ihre Bundesgenossen ab trünnig zu machen, oder daß sie diejenigen, welche von einer Partey zur andern überge hen wollten, nicht annehmen durften. Polybius, aus welchem Livius diese An merkungen genommen, setzte noch eine Be trachtung hinzu, welche er nicht hätte aus lassen sollen. Man würde, sagt er, sich gröb lich betriegen, wenn man sich einbildete, daß die Einnahme und der Ruin von Sagunt durch den Hannibal die erste und wahre Ur sache des zweyten Punischen Krieges wäre. Das war der Anfang, aber nicht die Ursa che davon. Die Reue der Carthaginenser, Sicilien durch den Vergleich mit dem Luta tius allzuleicht abgetreten zu haben, womit sich der erste Punische Krieg endigte; die Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit der Römer, die sich die innerlichen Unruhen in Africa zu Nutze machten, den Carthaginen sern auch Sardinien wegzunehmen, und ih nen einen neuen Tribut aufzulegen; endlich das Glücke der letztern und ihre Eroberun gen in Spanien, welche die einen beunru
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higten, den andern Muth und Kühnheit ga ben, das waren die eigentlichen Ursachen des zweyten Punischen Krieges. Wenn man sich nur bloß an die Einnahme von Sagunt hielte, so wäre das Unrecht allein auf der Seite der Carthaginenser, welche unter keinem vernünftigen Vorwande eine Stadt, die ganz gewiß in dem Vergleiche des Lutatius als eine Bundesgenossinn be griffen war, belagern konnten. Es ist wahr, die Saguntiner hatten zur Zeit, als dieser Vergleich geschlossen wurde, noch keinen Bund mit den Römern gemacht. Allein es ist offenbar, daß dieser Vergleich den bey den Völkern die Freyheit nicht nahm, neue Bundesgenossen anzunehmen. Wenn man also die Sachen auf dieser Seite nur be trachtet, so sind die Carthaginenser gar nicht zu entschuldigen. Geht man aber bis auf die Zeit zurück, wo den Carthaginensern Sardinien mit Gewalt entrissen wurde, und wo man ihnen ohne Ursache einen neuen Tribut auflegte: So muß man gestehen, (Polybius ists immer noch, der also redet:) daß die Aufführung der Römer in diesen beyden Stücken nicht entschuldigt werden kann, als die ganz ungerecht und gewalt thätig ist. Gewiß ein Flecken für ihren Ruhm, den ihre schönsten Thaten nicht aus löschen können. Ich frage nur, ob diese of fenbare vorhergehende Ungerechtigkeit der
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Römer die Carthaginenser von der Beob achtung eines Vergleiches lossprach, der nachher mit allen Formalitäten geschlossen worden, und ob dieses eine rechtmäßige Ur sache war, sich mit ihnen in einen Krieg ein zulassen. Es ist sehr selten, daß man bey der Untersuchung solcher Vergleiche redlich zu Werke geht, und sich eine Pflicht daraus macht, bey ihrer Auslegung nur die Gerech tigkeit zum Ausleger und Führer zu brau chen. (Liv. XXI. 19. 20.) Die Römischen Gesandten giengen ihrem Befehle gemäß von Carthago nach Spani en, in der Absicht die Völker dieser Provinz entweder zur Freundschafft mit den Römern zu bringen; oder sie zum wenigsten von dem Bunde mit dem Hannibal abwendig zu ma chen. Die Bargusier (*) zu welchen sie zu erst kamen, und die mit den Carthaginen sern nicht zu frieden waren, als deren Joch ihnen unerträglich zu werden anfieng, nah men sie sehr günstig auf, und ihr Beyspiel erweckte in den meisten Nationen über dem Ebrus eine Begierde, sich zu einer neuen Parthey zu schlagen. Die Römischen Ab gesandten wandten sich darauf an die Vol scier. Die Antwort, die sie erhielten, und die sich bald in ganz Spanien ausbreitete, machte, daß die andern Völker die Neigung 120
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wieder verlohren, die sie erst hatten, sich mit den Römern zu verbinden. Schämet ihr euch nicht, sagte der Aelteste aus ihrer Ver sammlung, zu verlangen, daß wir eu rer Freundschaft wegen, der Freund schaft mit den Carthaginensern ent sagen sollen, nachdem wir sehen, wie viel eure Freundschaft den Sagunti nern kostet, welchen ihr, als ihre Bundgenossen grausamer begegnet seyd, da ihr sie verlassen habt, als Han nibal, ihr Feind, da er sie in einen Aschenhaufen verwandelt hat. Ich rathe euch Freunde in einem Lande zu suchen, wo das Unglücke der Sa guntiner nicht bekannt ist. Die Ru inen sind für alle Nationen in Spani en eine zwar traurige aber heilsame Lehre, daß man den Römern nicht trauen darf. Nach dieser Antwort be fahl man ihnen, so gleich die Gegend der Volscier zu verlassen. Die übrigen spani schen Nationen, durch dieses Beyspiel ange frischt, begegneten ihnen nicht besser. Nach dem sie also fruchtloser Weise in ganz Spa nien gewesen waren, giengen sie nach Galli en und kamen zuerst nach Ruscinon. (*) Die Gallier hatten den Gebrauch, ganz bewaffnet in die Versammlung zu kommen. 121
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Dieses war also gleich im Anfange ein schrecklicher Gegenstand für die Römer. Es war aber noch schlimmer, als ihnen die Gal lier, nachdem sie ihnen die Ehre, die Tapf ferkeit, und Macht ihres Reiches gerühmt, und sie gebeten hatten, den Carthaginen sern den Durchzug durch ihr Land und ihre Stadt abzuschlagen, welche den Krieg nach Italien spielen wollten, erst in der ganzen Versammlung laut zu murmeln und denn ein laut Gelächter aufzuschlagen anfiengen, so daß die Magistratspersonen und die Ael testen viel Mühe hatten, die Hitze der Ju gend zu mäßigen. So sehr schien es ihnen wider alle Vernunft und alle Scham zu seyn, daß man von den Galliern verlangte, um I talien zu schonen, ihr eignes Land zu einem Schauplaze eines gefährlichen Krieges zu machen, und ihre Länder der Plünderung freyzustellen, um andre zu erhalten. Nach dem endlich der Tumult gestillt war, so ant wortete der Aelteste in der Versammlung: æDie Gallier hätten niemals von den Rö mern einen Dienst erhalten, und wären von den Carthaginensern niemals beleidigt worden, daß sie die Waffen wider diese o der jene ergreifen sollten. Sie hätten viel mehr vernommen, daß ihren Landsleuten in Italien von den Römern sehr übel be gegnet würde, daß man sie aus ihren Ge genden verjagte, ihnen viel Tribut aufleg
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te, und ihnen allen möglichen Verdruß an thäte.“ Sie erhielten in den übrigen Theilen von Gallien keine günstigere Antworten, die Ein wohner von Marseille waren die einzigen, von denen sie als Gäste und Freunde auf genommen wurden. Diese Aliirten, welche so aufmerksam, als getreu waren, gaben den Römern von allem Nachricht, was ihnen zu wissen nöthig war, nachdem sie sich selbst, sol ches zu erfahren, viel Mühe gegeben hat ten. Sie sagten ihnen, daß ihnen Hanni bal schon zuvor gekommen wäre, sich die Freundschaft der Gallier zu versichern; daß aber die wilde und geitzige Nation nur so lange getreu seyn würde, als er sich bemüh te, die Häupter derselben durch große Ge schencke zu gewinnen. Nachdem sie also in den verschiedenen Provinzen von Spanien und Gallien gewe sen waren, kamen sie in Rom an, kurz dar auf, als die Consuln sich nach ihren Pro vinzen begeben hatten. Sie fanden alle Bürger mit dem Kriege beschäfftigt, in den sie verwickelt waren, und niemand zweifelte, daß Hannibal schon über den Ebro gegan gen seyn würde. Dieser General hatte nach der Einnah(Hannibal rüstet sich zum Ein bruch in I talien.) me von Sagunt sein Winterquartier zu Car thagena aufgeschlagen. Daselbst erfuhr er alles, was seinetwegen in Rom und Cartha
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(Verzeich niß seiner Armee. Polyb. III. 187. 188. Liv. XXI. 21. 22.) go vorgegangen war. Da er sich also nicht allein als den Führer, sondern auch als den Urheber und die Ursache dieses Krieges an sah, so verkaufte oder theilte er allen noch übrigen Raub aus. Er war überzeugt, daß er nunmehro keine Zeit verliehren müßte. Er versammelte also seine Spanischen Sol daten und sagte zu ihnen: Ich glaube, meine Freunde, ihr seht selbst ein, daß nachdem wir in ganz Spanien den Frieden hergestellt haben, wir keine andre Partey ergreifen können, wofern wir nicht die Waffen nieder legen und die Armee abdanken wol len, als daß wir den Krieg anderswo hinspielen. Denn wir können die sen Nationen die Vortheile des Frie dens und des Sieges nicht verschaf fen, als wenn wir wider die Völker ausziehen, deren Uberwindung uns die größte Ehre und die größten Reichthümer bringen kann. Allein weil wir einen entfernten Krieg un ternehmen und es sich zutragen kann, daß wir nicht so bald wieder in unser Vaterland zurück kehren können, so gebe ich denen, die ihr Vaterland und ihre Familie noch einmal besu chen wollen, die Erlaubniß dazu. Ihr werdet euch in den ersten Tagen des Frühjahres wieder zu mir versam
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meln, damit wir unter dem Schutze der Götter einen Krieg anfangen können, der uns mit Ehre und Reich thümern überhäufen wird. Dieser Abschied, den er ihnen selbst gab, verursachte ihnen ein großes Vergnügen, weil sie fast alle ein großes Verlangen hat ten, ihr Vaterland wieder zu sehen, von dem sie, wie sie vorher sahen, lange Zeit entfernt seyn könnten. Die Ruhe, die sie während des Winters zwischen den schon überstande nen Arbeiten, und zwischen denen, die sie in der Folge ausstehen sollten, genossen, gab ihren Körpern und ihren Muthe alle die Stärke wieder, die sie zu neuen Unterneh mungen nöthig hatten. Sie fanden sich im Frühjahre auf dem bestimmten Sammel plaze wieder ein. Nachdem Hannibal die verschiedenen Na(Liv. XXI. 21.) tionen, aus welchen seine Armee bestund, ge mustert hatte, so kehrte er nach Cadix, einer Phönicischen und Carthaginensischen Pflanz stadt zurück, um das Gelübde zu erfüllen, welches er dem Hercules gethan hatte; er gelobte diesem Gotte neue Gelübde, um von demselben einen glücklichen Fortgang seiner Unternehmungen zu erlangen. Er sorgte aber nicht mehr dafür, wie er die Feinde(Polyb. III. 189.) angreifen wollte, als für die Vertheidigung seines Vaterlandes. Er beschloß in Africa eine ansehnliche Macht zu lassen, durch die es
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wider die Anfälle der Römer gesichert seyn konnte, im Fall sie sich wagten, von der Meerseite dort zu landen, da er durch Spa nien und Gallien zog, um sich zu Lande nach Italien zu begeben. In der Absicht ließ er in Spanien und Africa stark werben, zumal Schleuderer und Bogenschützen. Er woll te aber, daß die Africaner in Spanien, und die Spanier in Africa dienen sollten, weil er wüßte, daß sie in einem fremden Lande mehr taugten, als in ihrem eignen, da sie zumal durch diesen Wechsel eine gegenseitige Ver bindlichkeit hatten, sich wohl zu vertheidigen. Er schickte nach Africa dreyzehntausend acht hundert und funfzig Mann zu Fusse mit leich ten Schilden und achthundert und siebzig Schleuderer aus den Balearischen Inseln mit zwölfhundert Reutern aus verschiednen Provinzen. Einen Theil dieser Völker leg te er zur Besatzung nach Carthago und die übrigen vertheilte er in Africa, wie es ihm rathsam dünkte. Zu gleicher Zeit befahl er in den verschiednen Städten der Provinz viertausend junge auserlesene Mannschaft anzuwerben, die er nach Carthago bringen ließ, um sowohl zu Geisseln, als zur Ver theidigung der Stadt zu dienen. (Er läßt sei nen Bruder in Spanien) Er mußte eben so sehr für Spanien be sorgt seyn, um so viel mehr, da sich die Rö mischen Gesandten alle Mühe gegeben hat ten, diese Völker auf ihre Seite zu bringen.
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Er übergab seinem Bruder, einem kühnen(Liv. XXI. 22. Polyb. III. 189.) Manne, der niemals unthätig blieb, die Vertheidigung dieser Provinz, und überließ ihm, um ihn dazu in den Stand zu setzen, die meisten Völker, die er aus Africa an sich gezogen hatte, nehmlich eilf tausend acht hun dert und funfzig Mann zu Fuße, alles Afri caner, dreyhundert Ligurier, und fünfhun dert Balearische Schleuderer. Zu diesem Beystande der Infanterie that er noch hin zu vierhundert und funfzig Libyphönicische Reuter, achthundert Numiden und Mauren von denen, die längst dem Ocean hin woh nen, und zweyhundert Ilergeten, welche spanischer Nation sind. Und damit nichts von dem mangeln möchte, was damals die Stärke einer Armee zu Lande ausmachte, so gab er ihm auch ein und zwanzig Elephan ten. Weil er vermuthete, daß die Römer zur See agiren würden, wo sie einen so sehr berühmten Sieg davon getragen hatten, der das Ende des ersten Krieges mit ihnen nach sich zog, so ließ er seinem Bruder zur Ver theidigung der Küsten funfzig fünfruderichte, zwey vierruderichte und fünf dreyruderichte Galeeren. Er gab ihm viele weise Anschlä ge, wie er sich so wohl gegen die Spanier, als gegen die Römer verhalten sollte, wann sie ihn angriffen. Man sieht hier von dem Anfange des Krieges in der Person des Hannibal das
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Muster eines vortreflichen Feldherrn, dessen weisen Vorsicht nichts entgeht, der überall Anordnungen macht, wo sie nöthig sind, der bey guter Zeit alle Anstalten trifft, welche fä hig sind, seinen Unternehmungen einen glück lichen Erfolg zu geben; der stets bey denen verharrt, die er sich vornimmt, der aber nie mals andre als grosse vornimmt; der eine so vollkommne Kenntniß des Krieges zeigt, daß, wenn er weniger jung gewesen wäre, dieselbe für die Wirkung einer vollkommnen Erfah renheit angesehen worden seyn würde.

II §.

Hannibal versichert sich der Gunst der Gallier. Er be stimmt den Völkern den Tag des Abzuges. Traum und Gesicht des Hannibal. Er nimmt seinen Zug gegen die Pyrenäischen Gebürge. Der Weg, den Hannibal von Carthagena bis nach Italien zurück le gen mußte. Die Gallier verstatten dem Hannibal den Durchzug. Empörung der Bojer wider die Rö mer. Der Prätor Manlius wird geschlagen. Die Consuln gehen nach ihren Provinzen ab. P. Scipio kömmt zu Marseille an. Er erfährt, daß Hanni bal über die Alpen gehen will. Hannibal geht dar über. Beyderseits Partheyen stoßen auf einander. Die Bojer schicken an den Hannibal. Er redet sei ne Soldaten erst an, ehe er über die Alpen geht. P. Scipio findet, daß Hannibal fortgezogen ist. Die ser setzt seinen Zug gegen die Alpen fort. Er wird zwischen zween Brüdern zum Schiedsrichter genom men, und setzt den ältesten wieder auf den Thron. Der berühmte Zug des Hannibal über die Alpen. Die Grösse der Unternehmung und die dabey bewieß ne Klugheit.
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Nachdem Hannibal für die Sicherheit(Polyb. III. 188.) von Spanien und Afrika gesorgt hatte, so wartete er nur auf die Ankunft der Boten, die ihm die Gallier schicken mußten, und auf die Nachrichten von der Fruchtbarkeit des Landes am Fuße der Alpen und längst dem Po hin, die er von ihnen zu erhalten hoffte. Er hoffte von ihnen zu erfahren, wie starck die Einwohner, und ob sie kriegerisch wären, ob sie wegen des letzten Krieges, den die Rö mer mit ihnen geführt, noch einen Unwillen wider diese ihre Feinde hätten. Er hatte sich viel Rechnung auf diese Nation gemacht. Deswegen hatte er an alle kleine Könige in Gallien geschickt, sowohl an diejenigen, die jenseits den Alpen wohnten, als an diejenigen, die sich in diesen Gebürgen selbst aufhielten, weil er entschlossen war, wider die Römer nur in Italien zu streiten. Er urtheilte al so wohl, daß er der Hülfe der Gallier benö thigt wäre, um die Hindernisse zu überwin den, die er auf seinem Zuge finden würde. Er suchte also ihre Häupter, von denen er wuß te, daß sie sehr geizig waren, durch Geschen ke zu gewinnen, und sich dadurch der Treue und der Gunst eines Theils dieser Völker zu versichern. Endlich kamen die Boten an, und unterrichteten ihn von der Gesinnung der Gallier, die mit Ungedult auf ihn war teten, von der ausserordentlichen Höhe der Alpen, von der Mühe, die es ihm kosten würde,
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darüber zu kommen, ob gleich der Ubergang nicht ganz und gar unmöglich wäre. Sobald der Frühling gekommen war, war er darauf bedacht, seine Völker aus den Winterquartieren zusammen zu ziehen. Die Nachrichten, die er von Carthago em pfangen hatte, und die ihm von dem unter richteten, was ihm zum Besten vorgegan gen war, hatten ihm außerordentlich viel Muth gemacht. Nachdem er der Gunst seiner Mitbürger gewiß war, so fieng er an, seinen Soldaten den beschlossnen Krieg wi der die Römer öffentlich anzukündigen. Er stellte ihnen vor, æwie die Römer verlangt hätten, man sollte ihn und alle Kriegsbe dienten ihnen ausliefern. Er stellte ihnen die Fruchtbarkeit des Landes, in welches sie einbrechen wollten, die geneigte Gesin nung der Gallier, und den Bund, den er mit ihnen schließen sollte, sehr vortheilhaft vor.“ Nachdem die Völker bezeugt hatten, daß sie bereit wären, ihm überall nachzufol gen, so lobte er ihren Muth, kündigte ihnen den Tag des Aufbruches an, und ließ die Versammlung auseinander gehen. An dem bestimmten Tage brach Hanni (Liv. XXI. 22.) bal mit neunzigtausend Mann zu Fuße und zwölftausend Reutern auf. Er gieng bey Etovissa (*) vorbey, und näherte sich dem E 122
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bro, ohne sich von den Küsten zu entfernen. Da war es, als ihm im Traume, wie man erzählt, ein Jüngling von einer Gestalt er schien, die erhabner und schöner, als die menschliche war, welcher sagte, daß er von dem Jupiter geschickt wäre, ihn nach Itali en zu führen. Man setzt hinzu, er habe be fohlen, daß er ihm nachfolgen sollte, ohne sein Gesicht auf einen andern Gegenstand zu richten. Er folgte ihm in der That mit ei ner Ehrfurcht, die mit Schrecken vermischt war, ohne die Augen auf eine andre Seite zu wenden. Da er aber nachgehends einer den Menschen sehr natürlichen Neubegierde nicht widerstehen können, da es verbotne Dinge betraf, so kehrte er sich um, um den Gegenstand zu sehen, dessen Anblick ihm un tersagt war. Da erblickte er eine Schlan ge von einer ungeheuern Größe, welche sich unter den Gebüschen fortwand, und sie zur Rechten und Linken mit einem großen Ge räusche und Lerme umstürzte. Zugleicher Zeit fing der Donner an zu brüllen, der von einem erschrecklichen Sturm begleitet wurde. Nachdem er gefragt hatte, was dieses Wun der bedeutete, so erhielt er zur Antwort, daß es die Verwüstung von Italien anzeigte; daß er aber seinen Weg fortsetzen sollte, ohne mehr Licht in einer Begebenheit zu suchen, welche die Götter verborgen halten woll ten.
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(Polyb. III. 189. 190. Liv. XXI. 23.) Es mag sich mit diesem Traume verhal ten, wie es will, von dem Polybius nichts sagt. Hannibal gieng über den Ebro, griff die Völker an, die er auf seinem Wege von dem Ebro an bis an die Pyrenäischen Ge bürge antraf, lieferte viele blutige Schlach ten, wobey er selbst sehr viel Volk einbüß te. (**) Unterdessen machte er sich doch die se Gegend unterwürfig, worüber er dem Hanno das Commando gab, damit er von den Pässen Meister seyn möchte, welche Spanien von Gallien theilen. Er ließ ihn zurück, die Pässe zu bewachen, und zehn tausend Mann zu Fuße und tausend Mann zu Pferde, die Einwohner des Landes im Zaume zu halten. Er vertraute ihm auch die Geräthschaften von denen an, welche ihm nach Italien folgen sollten. Hannibal erfuhr, daß dreytausend Car petaner, durch die Länge des Weges er schreckt, und aus Furcht vor der Höhe der Alpen, welche sich als unübersteiglich vor stellten, den Weg nach ihrem Vaterlande zurück genommen hatten. Er sah wohl, daß er nichts gewinnen würde, wenn er sie durch die Güte zurückzuhalten suchte, und befürch tete gleichwohl auch, daß er die wilden Ge müther der andern aufbringen möchte, wenn er Gewalt brauchte. Er bediente sich also 123
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der Verschlagenheit und Politik, und gab außer diesen, noch sieben tausend Soldaten den Abschied, von denen er merkte, daß ih nen dieser Krieg ebenfalls nicht gefallen woll te, und stellte sich an, als ob die Carpetaner gleichfalls auf seinen Befehl den Rückweg genommen hätten. Durch dieses weise Verhalten verhinderte er die schlimmen Fol gen, welche die abtrünnigen Carpetaner un ter der Armee hätten verursachen können, wenn man solches erfahren hätte. Er ließ den Kriegsvölkern die Hoffnung, daß, wenn sie wollten, sie ihren Abschied würden erhal ten können; ein mächtiger Bewegungsgrund, sie anzureizen, ihm willig zu folgen, und der Dienste unter ihm nicht überdrüßig zu wer den. Die Armee war also von ihren Geräth schaften befreyt, und bestund aus funfzig tausend Mann zu Fuße, neun tausend Reu tern, und sieben dreyßig Elephanten. Han nibal ließ sie auf die Pyrenäischen Gebürge den Zug nehmen, um über die Rhone zu ge hen. Diese Armee war fürchterlich, nicht so wohl wegen der Anzahl, als wegen der Tapferkeit der Truppen, die viele Jahre in Spanien gedient und das Kriegshandwerk unter dem geschicktesten Feldherrn gelernt hatte, den Carthago noch iemals gesehen. Polybius giebt uns in wenig Worten ei ne sehr richtige Vorstellung von der Weite
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des Weges, den Hannibal zurück legen muß te, ehe er nach Italien gelangen konnte. Man rechnet von Cartagena, wo er abgieng, bis an den Ebro zweytausend zweyhundert Stadien; (110. Meilen *). Von dem E bro bis nach Emporium einer kleinen spani schen Seestadt, welche nach dem Strabo Gal lien und Spanien von einander scheidet sechszehnhundert Stadien: (80. Meilen.) Von dem Ubergange über die Rhone bis an die Alpen vierzehnhundert Stadien (70. Mei len.) Von den Alpen bis in die Ebnen Ita liens zwölfhundert Stadien (60. Meilen.) Also sind von Carthagena bis nach Italien 8000. Stadien, oder vierhundert Meilen. Diese Rechnung muß richtig seyn. Denn Polybius meldet, daß die Römer diesen Weg sehr sorgfältig durch Weiten von acht Stadien, oder durch römische Meilen be zeichnet hätten. (Polyb. III. 195. Liv. XXXI 24.) Als Hannibal über die Pyrenäischen Ge bürge gegangen war, lagerte er sich bey der Stadt Illiberis (**). Die Gallier wußten wohl, daß es Italien gölte, und sie hatten auch Anfangs eine gute Gesinnung gegen die Abgeordneten des Hannibal blicken lassen. Allein als sie erfuhren, daß er sich einige 124 125
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Spanische Völker jenseits den Pyrenäi schen Gebürgen mit Gewalt unterwürfig ge macht, und starke Besazungen in ihrem Lan de gelassen hatte, um sie im Zaume zu hal ten, so versammelten sie sich in großer Men ge bey Ruscinon (*). Als Hannibal solches erfuhr und befürchtete, daß er aufgehalten werden möchte; denn die Stärke ihrer Waf fen war es nicht, wofür er sich fürchtete, so sah er sich genöthigt, Abgeordnete an die kleinen Könige zu senden, um eine Unterre dung mit ihnen zu verlangen. Er gab ih nen die Wahl, daß sie entweder zu ihm bey Illiberis in seinem Lager sich einfinden, oder æsichs gefallen lassen möchten, daß er sich ge gen Ruscinon nähern möchte, um durch die Nähe sich eine Unterhandlung zu erleich tern. Er für seine Person würde sie mit Vergnügen in seinem Lager annehmen; er würde auch nicht einen Augenblick anste hen, zu ihnen zu kommen, wenn sie solches lieber sähen. Die Gallier sollten ihn als ihren Freund und nicht als einen Feind an sehen, und wofern sie ihn nicht dazu nö thigten, so würde er seine Waffen nicht e her entblößen, als bis er in Italien einge rückt wäre.“ Dieses ließ er ihnen durch seine Abgeordneten sagen. Alleine ihre Prin zen kamen selbst zu ihm ins Lager nach Il liberis. Sie wurden von der gütigen Auf 126
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nahme, womit er sie empfieng, so gerührt, und freuten sich über die Geschenke, die er ihnen austheilen ließ, so sehr, daß sie seiner Armee alle Freyheit ließen, durch ihr Land zu ziehen, als er an der Seite von Ruscinon vorbey zog. Unterdessen erfuhren die Römer durch ih re Abgeordneten zu Marseille, daß Hanni bal über den Ebro gegangen wäre. Das reizte sie noch mehr an, ihr Vorhaben, nach Spanien eine Armee unter der Anführung des P. Cornelius zu schicken, so bald als mög lich, zu beschleunigen, ingleichen unter dem Commando des Tiberius Sempronius eine andre Armee nach Africa zu schicken. Allein so sehr sie auch eilten, so konnten sie dennoch dem Feind nicht zuvor kommen. (Polyb. III. 193. 194. Liv. XXI. 24. 25.) Unterdessen, daß diese beyden Consuln Volk anwarben, und andre Anstalten mach ten, so eilte man das zu Stande zu bringen, was die Colonien anbetraf, welche man in das Cisalpinische Gallien zu schicken beschlos sen hatte. Man umgab die Städte mit Mauern und befahl den Einwohnern, daß sie sich binnen drey Tagen darein begeben sollten. Diese Colonien bestunden jede aus sechs tausend Mann. Eine wurde dies seits des Po gebracht, und hieß Placenx; die andre ließ sich jenseits dem Po nieder und man gab dieser neuen Pflanzstadt den Nahmen Cremona.
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Kaum waren diese Pflanzstädte aufge richtet, als die Bojer, auf die Nachricht von der Annäherung der Carthaginenser, und voll Hoffnung auf ihre Hülfe, sich von den Römern trennten, ohne sich um die Geis seln zu bekümmern, die sie ihnen in dem er sten Kriege gegeben hatten. Sie verwickel ten die Insubier in ihren Aufruhr, welche wegen eines alten Grolles wider die Römer schon zur Empörung geneigt waren, und sie verheerten zusammen das ganze Land, das die Römer unter einander getheilt hatten. Die Flüchtigen wurden bis nach Modena einer andern römischen Pflanzstadt verfolgt. Modena wurde selbst belagert. Es befan den sich drey vornehme Römer darinnen, welche dahin gefendet worden waren, nehm lich C. Lutatius, ein gewesener Consul, und zwey alte Prätoren. Diese verlangten eine Unterredung. Die Bojer verwilligten ih nen dieselbe. Allein sie bemächtigten sich wider ihr gegebenes Wort ihrer Personen, weil sie dadurch ihre gegebenen Geisseln wie der zu erlangen hofften. Auf diese Nachricht zog der Prätor L.(Der Prä tor Manli us wird ge schlagen.) Manlius mit seiner unter sich habenden Ar mee gegen diese Stadt, ohne sich im gering sten vorzusehen, oder sich der Gegend erkun digt zu haben. Die Bojer hatten einen Hin terhalt in einen Wald gelegt. So bald die Römer hinein waren, fielen die Feinde sie
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von allen Seiten her an. Manlius verlohr einen grossen Theil seiner Armee, und es ko stete ihm sehr viel Mühe, sich mit den Uber bliebnen ohne Gefahr in einen kleinen Flecken an dem Po, Tanetum, zu werfen, wo er sich verschanzte, bald aber von den Feinden belagert wurde. Als man in Rom erfuhr, daß nunmehr der Krieg mit den Carthaginensern vor der Thüre wäre, wozu noch der Aufruhr der Völker in Gallien kam, so schickte der Se nat dem Manlius den Prätor C. Attilius mit einer Römischen Legion und fünftausend Mann Bundsgenossen zu Hülfe, welche der Consul P. Scipio nur hatte anwerben las sen. Die Feinde begaben sich bey seiner Annäherung zurück. Publius warb indessen eine neue Legion an, um die Stelle derjeni gen zu ersetzen, welche man dem Prätor zur Hülfe zugeschickt hatte. (Polyb. III. 194.) Im Anfange des Frühjahres, als Han nibal über den Ebro gegangen war, und die Consuln die nöthigen Anstalten zur Ausfüh rung ihrer Projecte gemacht hatten, giengen sie in die See, Publius mit sechzig Schiffen nach Spanien, und Tiberius Sempronius mit hundert und sechzig langen fünfruderich ten Schiffen nach Sicilien, um von da nach Afrika zu gehen. Dieser war im Anfange so hitzig, machte zu Lilybäum so schreckliche Anstalten, ver
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sammelte von allen Seiten eine so furchtbare Macht, als wenn er darauf umgienge, so bald als er in Afrika angeländet haben wür de, Carthago selbst zu belagern. Publius seegelte bey den Hetrurischen und Ligurischen Küsten und bey den Salischen Gebürgen vorüber, und kam den fünften(Polyb. III. 195. Liv. XXI. 26.) Tag von Pisa nahe bey Marseille an, setzte seine Völker ans Land, und lagerte sich bey dem ersten Einflusse der Rhone ins Meer, des Vorhabens, dem Hannibal in Gallien selbst eine Schlacht zu liefern, ehe er noch an die Alpen gelangte. Das bildete er sich nicht ein, daß Hannibal schon über die Pyrenäi schen Gebürge wäre. Als er aber erfuhr, daß er schon über die Rhone gehen wollte, so war er einige Zeit ungewiß, wo er ihm ent gegen gehen sollte. Und als er sah, daß sei ne Völker von der Schiffarth noch sehr ab gemattet waren, so gönnte er ihnen einige Tage Ruhe, und begnügte sich dreyhundert tapfre Reuter auf Kundschaft auszuschicken, welchen er sowohl als Führer, als auch als Hülfsvölker einige Gallier zugab, die bey den Marsiliensern um den Sold Dienste tha ten, mit dem Befehl, sich dem Feinde so weit zu nähern, als sie könnten, und seinen Marsch, seine Stärke, und wie er sich lager te, wohl zu beobachten. Dieser Verzug kam dem Hannibal sehr zu statten. Denn wenn Publius seinen Marsch beschleunigt
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und sich mit den Galliern vereinigt hätte, um ihm den Ubergang über den Strom streitig zu machen, so hätte er ihn auf einmal zurück halten und alle seine Unternehmungen zu schan den machen können. (Hannibals Ubergang über die Rhone.) Hannibal, welcher durch Gewalt, oder durch Geschenke alle Gallischen Völker, durch deren Land er ziehen mußte, entweder in der Furcht erhalten, oder gewonnen hatte, war nach vier Tagereisen oben an dem Einflusse der Rhone in dem Lande der Volscier einer reichen und mächtigen Nation angelangt. Sie wohnte längst der Rhone hin auf beyden Seiten. Weil sie sich aber nicht für stark genug hielten, das Ufer, wo die Feinde her kamen, den Carthaginensern streitig zu ma chen, so begaben sie sich mit allem ihren Ge räthe auf die andere Seite des Flusses, und machten sich bereit, ihnen mit Gewalt der Waffen den Ubergang streitig zu machen. Alle andern Völker, welche längst der Rhone hin wohnten, vornehmlich diejenigen, in de ren Gegenden Hannibal war, wünschten ihn bald auf der andern Seite des Flusses zu se hen, um endlich von einer so grossen Menge von Soldaten befreyet zu werden, welche sie aufzehrten. Also bewog er sie durch seine Geschenke gar leicht, alle Barken, die sie hatten, zusammen zu bringen, und selbst neue zu erbauen. Er ließ auch in aller Eil eine ausserordentliche Menge Kähne, Fähren und
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Flössen bauen, und mit dieser Arbeit brachte er zween Tage zu. Die Gallier stunden auf der andern Sei te, mit dem festen Entschlusse, ihm den Uber gang zu verwehren. Es war nicht möglich, sie gerade mit ganzer Fronte anzugreifen. Er commandirte also einen ansehnlichen Theil seiner Armee unter der Anführung des Bo milkar über den Fluß weiter oben zu gehen, und damit er ihren Marsch und sein Vorha ben vor den Feinden verbergen möchte, so ließ er sie gleich um die dritte Nachtwache fortziehen. Er befahl ihm gegen die Qvelle der Rhone weiter mit einem Theii der Ar mee zurück zu gehen, und so still als möglich, wo es am leichtesten angieng, über den Fluß zu setzen, mit seinen Truppen einen weiten Umschweif zu nehmen, und sich also dem Feinde zu nähern, damit er ihnen in den Rücken fallen könnte, wenn es Zeit wäre. Die Sa che glückte ihm, wie er sie ausgesonnen hatte. Die Gallier, welche sie anführten, liessen sie etwa einen Marsch von fünf und zwanzig römischen oder acht oder neun französischen Meilen thun. Alsdann zeigten sie dem Han no eine kleine Insel, welche der Fluß formi ret, indem er sich theilt, weswegen er an die sem Orte nicht so tief ist, so daß man leicht darüber kommen kann. Sie giengen am Morgen über den Fluß, ohne einigen Wi derstand zu finden, und ohne einen Feind
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wahrzunehmen. Sie ruhten den Tag über aus, und während der Nacht, welches nun mehr die fünfte war, näherten sie sich dem Feinde in aller Stille. Hannibal setzte sich unterdessen in den Stand, den Ubergang zu versuchen. Die jenigen, welche schwere Waffen trugen, muß ten sich in die grossen, und die leichtbewaffne ten Völker in die kleinen Kähne begeben. Die grössern stunden den Strom hinauf warts in einer Reihe und Linie, die kleinern hinunterwärts, damit diese von der Heftig keit des Stroms weniger leiden müßten, weil jene den heftigen Lauf des Stromes aufhiel ten. Man versuchte auch die Pferde schwim mend hinüber zu bringen, und deswegen mußte allezeit ein Mann hinten auf dem Kah ne drey oder vier Pferde auf jeder Seite bey dem Zügel halten. Man hatte eine gantze Menge gesattelte Pferde also in den Fluß ge hen lassen, damit die Reuter gleich, so bald sie an das andre Ufer kämen, den Feind an fallen könnten. Auf diese Weise brachte man gleich bey dem ersten Ubergang eine grosse Menge Truppen auf die andre Seite des Flusses. Hannibal hatte seine Völker nicht eher über den Fluß gehen lassen, als bis er auf der andern Seite einen Rauch aufsteigen sehen. Das war das Zeichen, welches von
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denen, die mit dem Hanno(*) schon über den Fluß, gegeben werden sollte. So gleich ord net sich alles, alles verkündigt die Vorspiele einer grossen Schlacht. Auf den Schiffen machten die Truppen einer dem andern Muth mit einem grossen Geschreye; die andern rangen so zu sagen, mit der Heftigkeit des Stroms, und die Carthaginenser, die noch am Ufer blieben, frischten ihre Spießgesellen mit der Hand und mit der Stimme an. Die Barbaren erhuben auf ihrer Seite, wie es ihre Gewohnheit ist, ein grosses Geschrey und ein schreckliches Geheul, stiessen mit ih ren Schilden gegen einander und versprachen sich schon einen vollkommnen Sieg. In diesem Augenblicke hören sie hinter sich einen grossen Lerm, sehen alle ihre Gezelte im Feu er auffliegen, und sehen sich im Rücken an gegriffen. Hannibal, welchem der glückliche Erfolg auffrischt, ordnet seine Völker so, wie sie ausgesetzt werden, in Schlachtordnung, ermahnt sie, sich tapfer zu halten, und führt sie gegen den Feind. Diese, welche durch einen so unvermutheten Uberfall schon in ein Schrecken gejagt und in Unordnung gebracht waren, wurden auf einmal übern Haufen geworfen und genöthigt, die Flucht zu er greifen. 127
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Hannibal, der nun zugleich des Ubergan ges mächtig und ein Uberwinder der Gallier war, ließ sogleich die noch übrigen Truppen übersetzen, und lagerte sich in der Nacht längst dem Flusse hin. Den Morgen dar auf erfuhr er die Ankunft der Römischen Flotte an dem Einflusse der Rhone ins Meer. Er schickte also fünfhundert Numidische Reu ter auf Kundschaft aus, welche beobachten sollten, wo die Feinde, und wie starck sie wä ren, und was sie machten. Nun fehlte weiter nichts, als die Elephan ten über den Fluß zu bringen, welches nicht wenig Mühe kostete. Man machte es aber folgendergestalt. Man brachte an das Ufer des Flusses ein Floß, das zweenhundert Fuß lang und funfzig breit war, welches durch starke Seile an die Bäume, die längst am Ufer hin stunden, angebunden und befestigt war. Dieses Floß war ganz mit Erde be deckt, damit diese Thiere, wenn sie darauf giengen, noch immer auf der Erde zu gehen sich einbilden sollten. Von diesem Flosse, das unbeweglich war, giengen sie auf ein an dres eben so gebautes Floß, das aber nur hundert Fuß lang und an das vorige leicht befestigt war, daß es leicht losgemacht wer den konnte. Vorher ließ man die Elephan tenweiblein gehen, die andern Elephanten folgten ihnen nach. Und wenn sie in das an dre Floß waren, machte man es von dem er
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sten los, und führte es an das andre Ufer, wohin man es durch kleine Barken zog, hierauf kam man, diejenigen nachzuholen, welche noch zurückgeblieben waren. Einige fielen ins Wasser, sie kamen aber, gleich den andern an das Ufer, so daß kein einziger im Wasser umkam. Unterdessen waren die von beyden Seiten(Polyb. III. 198. Liv. XXI. 29.) ausgeschickten Partheyen auf einander ge stossen. Sie lieferten einander einen so hitzi gen und so blutigen Scharmützel, als man von so kleinen Partheyen nicht hätte vermu then sollen. Sie wurden fast alle verwun det. Die Anzahl der Todten war auf bey den Seiten gleich groß. Die Numiden er griffen erst nach einem sehr hartnäckigen Wi derstande die Flucht, und überliessen den Römern den Sieg, welche nun auch anfien gen, sehr von dem Streite ermüdet zu wer den. Es blieben von Seiten des Uberwin ders hundert und sechzig Soldaten, sowohl von den Römern, als von den Galliern. Die Uberwundnen liessen mehr denn zween hundert Todte liegen. Das war, wie Li vius sagt, zugleich der Anfang und die Vor bedeutung von dem Ausgange dieses Krie ges, in welchem endlich der Vortheil auf der Seite der Römer seyn, der Sieg aber doch sehr theuer erkauft werden würde. Nach diesem Gefechte verfolgten die Römer den flüchtigen Feind, näherten sich den Verschan
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zungen der Carthaginenser, besahen alles sehr genau, und eilten darauf sogleich fort, (Polyb. III. 197. Liv. XXI. 29.) dem Consul davon Nachricht zu geben. Hannibal war ungewiß, ob er, ohne ei ne Schlacht zu liefern, in Italien einzudrin gen suchen, oder mit dem ersten Feinde, der ihm aufstieße, sich in ein Treffen einlassen sollte. Magalus, ein Prinz der Bojer und das Haupt einer Gesandschaft, welche sie an ihn schickten, rissen ihn aus dieser Ungewiß heit heraus. Magalus sagt ihm, ædaß die Bojer und die andern Gallier seine Hülfe verlangten, und den Krieg wider die Rö mer gemeinschaftlich mit ihm führen woll ten. Er rühmte sich sehr, daß er seine Ar mee bis nach Italien durch Wege führen wollte, wo sein Marsch so kurz als sicher seyn sollte. Er machte prächtige Beschrei bungen von der Fruchtbarkeit des Landes, wohin er gienge, und rühmte ihm beson ders die Neigung der Völker, die Waffen für ihn wider ihren allgemeinen Feind zu ergreiffen. Er gab ihm zum Beschlusse den Rath, daß er seine Macht bis nach Italien schonen, und nicht eher ein Treffen liefern sollte, als bis er daselbst angelangt seyn würde.“ (Polyb. III. 198. Liv. XXI. 30.) Hannibal, welcher sich vorgenommen hat te, seinen Weg bis nach Italien fortzusetzen, versammelte seine Soldaten. Weil er be merkte, daß ihre Hitze ein wenig erkaltet
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war, vornehmlich wegen der Länge des Marsches und des Uberganges über die Al pen, von welchen ihnen der Ruf eine sehr schreckliche Vorstellung gemacht hatte, so be diente er sich, um ihren niedergeschlagenen Muth aufzurichten, bald der Vorwürfe, bald der Lobeserhebungen. Er stellte ihnen vor: æda sie zeither sich vor keinen Gefah ren gescheut hätten, so könnte er gar nicht begreifen, woher das Schrecken käme, daß sich auf einmal ihrer Gemüther bemächtigt habe. Sie hätten schon so viele Jahre un ter dem Hasdrubal und unter ihm gedient, und allezeit sey ihnen der Sieg nachgefolgt. Sie wären in der Absicht über den Hebrus gegangen, die Welt von dem Joche der Römer zu befreyen, und sie selbst bis auf den Nahmen eines so hochmüthigen Vol kes zu vertilgen. Damals sey keinem der Weg zu lang vorgekommen, ob sie sich gleich vorgenommen, vom Abend bis ge gen den Aufgang der Sonne zu marschi ren. Itzt hätten sie den weitesten Weg zu rückgelegt. Sie wären durch die wilde sten Nationen hindurch über die Pyrenäi schen Gebürge gegangen. Sie hätten den Ubergang über die Rhone glücklich gewagt, und im Angesichte von so viel tausend Gal liern, die ihnen den Ubergang vergebens zu verwehren gesucht, die Fluten eines so schnellen Stromes bezähmt. Itzt da sie
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sich nahe bey den Alpen befänden, deren andre Seite einen Theil von Italien aus machte, mangelte ihnen Muth und Herz haftigkeit. Was habt ihr euch denn, sag te er, von den Alpen für eine Vorstellung gemacht? denkt ihr denn, daß sie etwas anders, als hohe Gebürge sind? Gesezt sie wären höher, als die Pyrenäischen Ge bürge, so reichen sie doch gewiß nicht an den Himmel, und den Menschen ist nichts unübersteiglich. So viel ist gewiß, daß die Alpen bewohnt sind, daß sie gebaut und von Menschen und Thieren bewohnt wer den, welche darauf gebohren werden. Die Gallischen Abgesandten, die ihr hier vor euren Augen sehet, hatten auch keine Flü gel, als sie zu uns kamen, und deswegen über diese Gebürge mußten. Die Vor fahren dieser Nationen haben sie oft, ehe sie noch in Italien sich niedergelassen, mit einer unzähligen Menge Weiber und Kin der überstiegen, mit welchen sie neue Woh nungen suchten. Er beschloß seine Rede mit der Hülfe, zu welchen ihm die Galli schen Abgesandten so viele Hoffnung mach ten.“ Die Soldaten ließen den Hannibal kaum ausreden. Voll Hitze und Muth huben sie alle ihre Hände auf, und bezeugten, daß sie bereit wären, ihm zu folgen, wohin er sie nur führen wollte. Er bestimmte den fol
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genden Tag zum Aufbruche. Nachdem er den Göttern wegen der Beschützung seiner Armee Gelübde gethan hatte, so ließ er sie aus einander gehen, und befahl, daß sie Speise zu sich nehmen und ausruhen sollten. Er brach auch in der That den folgenden Tag auf. So sehr auch P. Scipio eilte, in der Ab sicht, dem Hannibal ein Treffen zu liefern, so langte er doch nicht eher, als nach drey Tagen an dem Ort an, wo die Carthagi nenser über die Rhone gegangen waren.(Polyb. III. 202. Liv. XXI. 32.) Da er keine Hoffnung hatte, sie zu errei chen, so kehrte er zu seiner Flotte zurück, schiffte sich wieder ein, mit dem Entschlusse, sie zu erwarten, wann sie von den Alpen herunter zögen. Damit er doch aber Spa nien nicht ohne Vertheidigung ließe, so schick te er seinen Bruder Cnejus mit dem größten Theile seiner Völker dahin, dem Hasdrubal die Spitze zu bieten, er aber gieng so gleich nach Genua ab, und bestimmte die Armee, welche in Gallien gegen den Po, dazu, daß er sie der Armee des Hannibal entgegen stel len wollte. Hannibal brach den folgenden Tag auf,(Polyb. III. 200. Liv. XXI. 31.) wie er sich vorgenommen hatte, zog durch Gallien längst dem Flusse gegen Mitternacht zu, nicht als wenn dieses der nächste Weg gewesen wäre. Seine Absicht war sich vom Meere zu entfernen, wodurch er sich zugleich
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vom Scipio entfernte. Dieses begünstigte sein Vorhaben, in Italien einzubrechen, ohne seine Armee durch eine Schlacht ge schwächt zu haben. (Polyb. III. 203. Liv. XXI. 31.) Nach einem Marsche von vier Tagen kam er an eine Insel, welche die beyden Flüsse, die daselbst in einander fallen, die Isera und die Rhone formiren (*). Hier wurde er zum Schiedsrichter zwischen zween Brüdern ge nommen, die einander das Reich streitig machten. Er sprach dem Aeltesten nach der Gesinnung des Senates und der Vor nehmsten des Reiches die Crone zu. Der Prinz aus Erkenntlichkeit gegen diese Wohl that versorgte ihn reichlich mit Lebensmit teln und Kleidern, deren seine Armee sehr benöthigt war, um sich wider die Kälte zu 128
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bewahren, die auf den Alpen sehr unerträg lich ist. Der größte Dienst, welchen dieser Prinz dem Hannibal leistete, den er wieder auf den Thron gesetzt hatte, war dieser, daß er sich mit seinen Truppen zum Nachzuge der Carthaginenser begab, welche einiges Mis trauen in die Allobrogen gesetzt hatten. Er begleitete sie bis an den Ort, wo sie über die Alpen gehen sollten. Nachdem sie zehn Tage marschirt und ungefähr achthundert Stadien zurück gelegt hatten, so kamen sie unten an den Alpen an. Der Anblick dieser Gebürge, die an den Him mel zu reichen schienen, die überall mit Schnee bedeckt lagen, auf welchen man nur einige unförmliche Hütten sah, die hin und her zerstreut und auf den Spitzen unersteig licher Felsen erbaut waren, in welchen sich magre und erfrorne Heerden und haarigte Menschen mit einem wilden und grausamen Gesichte aufhielten, dieser Anblick, sage ich, erneuerte die Furcht wieder in den Cartha ginensern und machte aller Herzen wie zu Eis. So lange Hannibal in der Ebne sich auf(Hannibals Ubergang über die Al pen. Polyb. III. 203. 209. Liv. XXI. 32. 37.) gehalten hatte, so war er von den Allobro gen in seinem Marsche nicht beunruhigt wor den; es sey nun, daß sie sich vor der Car thaginensischen Reuterey, oder vor den Völ kern des Königs der Gallier gefürchtet hat
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ten. Allein als sich die Begleitung desselben wieder zurück begeben hatte, und Hannibal in die engen Pässe der Gebürge hinein zog, da eilten die Allobrogen in großer Anzahl, sich der Höhen zu bemächtigen, welche die Gegenden bestrichen, wodurch die Armee nothwendig marschiren mußte. Sie gerieth in eine große Unruhe, als sie die wilden Ein wohner dieser Gebürge auf den Gipfeln der Gebürge stehen sahen. Wenn sie ihrer Vortheile wahrzunehmen und ihre Posten zu behaupten gewußt hätten, wie solches sehr leicht war, so wäre es um die Armee des Hannibal geschehen gewesen; sie hätte in diesen Gebürgen umkommen müssen. Han nibal ließ sie Halte machen, und weil es in dieser Gegend keinen andern Weg gab, so lagerte er sich, so gut als es angieng, unter vielen tausend Felsen, und schickte einige von seinen Gallischen Geleitsmännern, um die Stellung der Gallier zu beobachten. Er erfuhr durch sie, daß der enge Paß, wobey er hielt, von den Einwohnern nur des Tags über besetzt würde, weil sie sich bey einge brochner Nacht in ihre Hütten zurück begä ben. Diese Nachricht rettete die ganze Ar mee. Hannibal näherte sich von früh an gegen diese Höhen, indem er sich anstellte, als ob er sie am Tage und im Angesichte der Fein de ersteigen wollte. Allein die Soldaten
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wurden von einem Hagel von Steinen und Felsen überschüttet. Sie stunden also auf einmal stille, wie sie den Befehl dazu hat ten. Nachdem Hannibal den Tag mit ver geblichen Versuchen zugebracht hatte, die er aber mit Fleiß beständig wiederholte, um den Feind desto leichter zu hintergehen, so la gerte er sich an eben dem Orte, und ver schanzte sich. So bald er in Erfahrung ge bracht, daß die Feinde die Höhe verlassen hätten, so ließ er eine große Menge Feuer anzünden, als wenn er hier mit seiner gan zen Armee hätte bleiben wollen. Allein er ließ nur die Bagage mit der Cavallerie und dem größten Theile der Infanterie zurück; er aber stellte sich an die Spitze der Tapfer sten, gieng durch den engen Paß hindurch und bemächtigte sich der von den Feinden verlassnen Höhen. Beym Anbruch des Ta ges brach die zurückgelaßne Armee aus ih rem Lager auf, um sich den Engen zu nä hern. Die Feinde brachen schon bey dem Zeichen, das man ihnen gab, aus ihren Schanzen auf, um auf den Felsen Posto zu fassen, als sie einen Theil der Carthaginen ser über ihren Häuptern erblickten, unterdeß daß die andern ihren Marsch fortsetzten. Allein sie verlohren den Muth nicht. Sie waren es gewohnt über die Felsen hin zu laufen; sie eilten also hinunter auf die Car thaginenser, die auf dem Wege waren, und
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fielen sie auf allen Seiten an. Diese hat ten zu gleicher Zeit wider den Feind zu strei ten und zugleich hatten sie mit den Hinder nissen des Weges zu ringen, auf welchen sie sich kaum behaupten konnten. Allein die größte Unordnung wurde durch die Pferde und Lastthiere verursacht, welche mit den Geräthschaften der Armee beladen waren; welche vor dem Geschrey und Geheule der Gallier erschracken, das diese auf eine schreck liche Art erhuben, zuweilen auch von den Feinden verwundet wurden, alsdann über die Soldaten wegstürzten, und sie mit sich in die Abgründe hinabrissen, die auf den Seiten waren. Hannibal war zeither nur ein Zuschauer von dem gewesen, was sich zutrug, aus Furcht, die Unruhe zu vergrössern, wenn er den Bedrängten zur Hülfe eilte. Allein als er sah, daß er Gefahr lief, seine Geräth schaften zu verlieren, welches den Ruin der ganzen Armee nach sich ziehen würde, so be gab er sich von der Höhe herunter, und trieb die Feinde in die Flucht. Nachdem hierauf die Ruhe und Ordnung unter den Carthaginensern wieder hergestellt war, so setzte er seinen Marsch ohne Beunruhigung und Gefahr fort, und kam vor einem Schlosse an, welches der wichtigste Plaz im Lande war. Er bemächtigte sich desselben, wie auch aller benachbarten Flecken, worin
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nen er sehr viel Getraide und Vieh antraf, womit er seine Armee drey Tage erhalten konnte. Nach einem sehr ruhigen Marsche hatte er eine neue Gefahr abzuwenden. Die Gal lier stellten sich an, als ob sie sich das Un glücke ihrer Nachbaren zu Nutze machten, denen es übel bekommen war, daß sie sich unterstanden hatten, den Carthaginensern den Fortzug zu verwehren, brachten ihm Lebensmittel, und erboten sich, als Führer dieser Armee zu dienen, und ließen den Han nibal Geißeln ihrer Treue zurück. Hanni bal wollte sie nicht abweisen, ob er gleich auf ihre Zusagen nicht recht baute, aus Furcht, daß sie sich offenbar wider ihn erklären möch ten. Er gab ihnen eine verbindliche Ant wort, und nachdem er ihre Geisseln ange nommen und die Lebensmittel, die sie ihm selbst zuführen lassen, in Empfang genom men hatte, so folgte er ihren Führern, aber beständig mit Vorsicht und einem heimlichen Mistrauen gegen sie. Nachdem die Armee in einen noch engern Weg gekommen war, auf den auf der Seite ein hohes Gebürge stieß, so kamen die Feinde auf einmal aus einem Hin terhalte heraus, und griffen sie von fornen und von hinten an, überschütteten sie von nahen und von weiten mit unzähligen Pfei len, und wälzten von den Höhen herab un geheure große Felsen auf sie. Der Nachzug
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wurde eben so sehr bedrängt, als die übrige Armee, und hatte mit eben so vielen Fein den zu streiten. Dieses Thal würde ohne Zweifel das Grab der ganzen Armee gewe sen seyn, wenn der General der Carthagi nenser, welcher sich der Verrätherey wegen vorgesehen hatte, nicht vom Anfange an Sorge getragen hätte, die Bagage mit der Cavalerie an die Spitze zu stellen, und dieje nigen Truppen, welche schwere Rüstungen hatten, hinter sie zu ordnen. Diese Infan terie hielt den Anfall der Feinde auf, und ohne sie würde der Verlust viel grösser ge wesen seyn, weil Hannibal, ungeacht dieser Vorsicht, bey nahe mit seinem Kriegsheer verlohren gewesen wäre. Denn während der Zeit, daß er ungewiß war, ob er seine Armee in diesen engen Wegen anrücken lassen sollte, weil er der Infanterie hinter sich kei ne Verstärkung gelassen hatte, indem er sich der Cavalerie selbst bediente, bedienten sich die Feinde dieser Ungewißheit, den Cartha ginensern in die Seite zu fallen, und den Nachzug von dem Vorzuge zu trennen; sie bemächtigten sich des Weges, der zwischen innenihnen lag, so daß Hannibal eine ganze Nacht, ohne seine Reuterey und Bagage bey sich zu haben, zubrachte. Den Morgen darauf fielen ihn die Bar baren wieder an, aber nicht so hitzig und ungestüm, als den Tag vorher. Die Car
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thaginenser versammelten sich also wieder zu sammen und giengen durch diesen engen Weg hindurch, wo sie mehr Lastthiere als Soldaten verlohrn. Seit der Zeit ließen sich die Barbarn in einer schwächern Anzahl sehen, mehr als Räuber, als wirkliche Fein de; bald fielen sie auf den Nachzug; bald fielen sie das Heer von fornen an, nachdem ihnen die Gegend günstiger war, oder nach dem ihnen die Carthaginenser selbst Anlaß gaben, sie zu überraschen, wenn sie sich entweder zu weit von dem Vorzuge entfern ten, oder zuweit zurück blieben. Die Ele phanten, die man an den Vorzug geordnet hatte, giengen sehr langsam durch diese rau hen und steilen Wege. Aber wo sie auch wa ren, da setzten sie die Carthaginenser vor dem Anfalle der Barbaren in Sicherheit, welche sich nicht wagten, diesen Thieren zu nahe zu kommen, deren Gestalt und Größe ihnen ganz ein neuer und ungewöhnlicher Anblick waren. Nach einem neuntägigen Marsche langte endlich Hannibal auf der Spitze der Gebür ge an. Er hielt sich zween Tage hier auf, damit sich so wohl diejenigen, welche glück lich hinauf gekommen waren, erholen, als auch diejenigen, welche zurück bleiben müs sen, Zeit gewinnen möchten, bey dem größ ten Haufen anzulangen. Während dieses Aufenthaltes wurde man auf eine angeneh
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me Weise überrascht, als man die meisten Pferde und Lastthiere, welche auf dem We ge liegen blieben, gerades Weges in das La ger auf dem Wege, woher die Armee ge kommen war, ankommen sah. Diese Zeit fiel in das Ende des Octobers, und es war sehr viel Schnee gefallen, wel cher alle Wege bedeckte. Dieses setzte die ganze Armee in die größte Unruhe, und machte, daß fast alle Soldaten den Muth sinken liessen. Hannibal bemerkte solches. Nachdem er auf einer Anhöhe stille hielt, von welcher man ganz Italien sehen konnte, so zeigte er ihnen die fruchtbaren Gefilde, wel che der Po benetzte, von welchen sie nicht weit mehr entfernt waren. Er setzte hinzu, daß man sich nur noch einige Mühe geben dürfte, so würde man dahin gelangen. Er stellte ihnen vor, daß sich mit einem Treffen, oder mit zwo geringen Schlachten alle ihre Arbeiten endigen würden. Dann würden sie auf stets bereichert seyn, wenn sie sich der Hauptstadt des Römischen Reiches bemäch tigt hätten. Diese Rede, die ihnen mit ei ner so angenehmen Hoffnung schmeichelte, gab den niedergeschlagnen Völkern Muth und frische Kräfte. Man setzte also den Marsch fort. Allein der Weg war nicht leichter da durch geworden. Die Schwierigkeit und Gefahr nahm vielmehr zu, als sie die Alpen herunter zogen, zumal da die Seite der Al
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pen gegen Italien zu steiler, gäher, und noch rauher ist, als die entgegen gesetzte Seite. Sie fanden also auf allen Seiten abhängige Wege, die enge waren, und worauf man leicht ausgleiten konnte, so daß sich die Sol daten im Fortzuge nicht erhalten oder stehen bleiben konnten, wenn sie einen unrechten Tritt thaten, sondern über einander wegfie len, und einander übern Haufen warfen. Man kam in eine Gegend, die noch schwe rer zu paßiren war, als alle Gegenden, die man noch angetroffen hatte. Die Soldaten, welche doch weder Waffen noch Geräth schaft bey sich hatten, konnten kaum herun ter steigen, ob sie sich gleich mit Händen und Füssen an die Hecken und Sträuche anhiel ten, die da herum wuchsen. Die Gegend war an sich selbst sehr rauh, und war durch die herabgefallne Erde noch rauher gewor den, so daß man sich einem Abgrunde, der mehr denn tausend Fuß tief war, gerade ge gen über befand. Die Reuterey hielt hier auf einmal. Hannibal, der über dieses Verweilen erstaunte, eilte selbst herbey, und sah, daß es unmöglich wäre, weiter zu kom men. Er sann darauf, wie er sie einen wei ten Umweg nehmen lassen wollte, allein die ses war fast eben so unmöglich. Weil auf den alten Schnee, welcher durch die Zeit sich verhärtet hatte, seit einigen Tagen frischer Schnee gefallen war, der nicht tief lag, so
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konnten sich die Füsse, die zuerst hinein tra ten, leicht darauf erhalten. Allein als die ser durch den ersten Zug und durch die Last thiere gleich getreten wurde, so marschirte man auf lauter Eise, das ganz glatt war, worauf man nicht fußen konnte, und wo man keine Hecken und Gesträuche antraf, an wel chen man sich hätte anhalten können, wenn man etwa, aus Furcht einen Fehltritt zu thun, sich mit den Knien oder Händen fort helfen wollte. Hierzu kam noch dieses, wel ches eben so verdrießlich war, daß die Pfer de, wenn sie mit Macht in das Eis einschlu gen, um nicht zu fallen, ihre Hufe nicht wie der heraus ziehen konnten, und wie in einem Stricke darinnen hangen blieben. Man mußte also auf ein andres Mittel denken, sich zu helfen. Hannibal faßte den Entschluß, seine Ar mee auf dieser Höhe, die noch geraum genug war, sich lagern und ausruhen zu lassen, nach dem er den Boden sowohl von dem alten und neuen Schnee reinigen lassen, welches unsägliche Mühe verursachte. Man hieb hierauf auf seinem Befehl selbst durch die Felsen einen Weg, und diese Arbeit wurde mit einer erstaunlichen Hitze und Beständig keit fortgesetzet. Um diesen Weg recht weit und breit zu machen, fällte man alle Bäume, die in dieser Gegend stunden, und so, wie man sie fällte, wurde das Holz um den Felsen ge
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legt, und hernach angezündet. Zum Glücke erhub sich ein gewaltiger Wind, welcher das Feuer gar bald so heftig entzündete, daß der Felsen so roth, als die herum liegenden glü henden Kohlen wurde. Hier auf ließ Hanni bal nach der Erzählung des T. Livius, (denn Polybius erwähnt von diesem Umstande nichts,) Weineßig darauf giessen (*), wel cher in die Adern des Felsen hinein drang, der schon durch das Feuer geöffnet worden war, und denselben erweichte und zu Kalch machte. Man nahm einen Umschweif, da mit der Weg nicht zu gäh würde, und auf diese Weise hieb man längst den Felsen hin einen Weg, welcher den Truppen, den Kriegs geräthschaften, und selbst den Elephanten ei nen freyen Durchzug gestattete. Man brach te vier Tage mit dieser Arbeit zu. Die Last thiere starben vor Hunger; denn man traf 129
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auf diesen ganz mit Schnee bedeckten Gebür gen keine Fütterung für sie an. Endlich ge langte man in die angebauten und fruchtba ren Gegenden, wo man Futter im Uberflus se für die Pferde, und Unterhalt genug für die Soldaten antraf. So kam Hannibal nach Italien, nach dem er funfzehn Tage mit dem Ubergange über die Alpen zugebracht hatte. In fünf Monaten hatte er den Weg von Carthage na bis auf die Zeit, da er die Alpen glücklich überstiegen, zurück gelegt. Seine Armee war itzt der Anzahl nach weit schwächer, als sie bey ihrem Aufbruche aus Spanien gewe sen war. Sie war damals, wie wir gesehen haben, sechzig tausend Mann stark. Auf dem Wege war sie schon, theils in den Schar mützeln, theils bey dem Ubergange über die Flüsse, sehr geschwächt worden. Als er von der Rhone wegzog, war sie noch acht und dreyßig tausend Mann zu Fuße, und nicht viel über acht tausend Mann zu Pferde stark. Der Ubergang über die Alpen verringerte sie fast bis auf die Hälfte. Hannibal hatte nur noch zwanzig tausend Mann Infante rie, wovon zwölf tausend Afrikaner, und acht tausend Mann Spanier waren. Dabey waren noch sechs tausend Reuter. Er hat te solches selbst auf einer Säule nahe an dem Lacinischen Vorgebürge bemerkt.
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Wenn man sich nur ein wenig gewöhnt hat, die Geschichte mit Aufmerksamkeit zu lesen, so muß man ein so grosses, so edles, und so kühnes Unternehmen, als das Unterneh men des Hannibal war, bewundern. Er unterfing sich, einen Weg von mehr denn vier hundert Meilen (französische) zurück zu legen, über die Pyrenäischen Gebürge, die Rhone, und die Alpen zu gehen, und die Rö mer mitten in ihrem Reiche selbst anzugrei fen, ohne sich die mannichfaltigen Hindernisse abschrecken zu lassen, die bey einem so grossen Unternehmen unvermeidlich waren. Allein wenn man die Gefahren erwägt, worein er sich mit seiner Armee, zumal bey dem Uber gange über die Alpen, begab, wo er auch die Hälfte seiner Armee verlohr, so möchte man fast in die Versuchung gerathen, seine Auf führung einer Verwegenheit und einer allzu grossen Kühnheit zu beschuldigen, wenn man annimmt, daß er sich in ein so misliches Un ternehmen eingelassen, ohne alle Folgen vor her übersehen, ohne von der Gesinnung der Völker und der Oerter, durch die er ziehen müssen, eine genaue Erkundigung eingezogen zu haben. Er würde gewiß nicht zu ent schuldigen seyn, wenn er sich auf diese Weise verhalten hätte. Allein er hat deswegen an dem Polybius einen guten Vertheidiger.(Polyb.III. 201.) Hannibal, sagt dieser Geschichtschreiber, führ te sich bey dieser grossen Gelegenheit als ein
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sehr kluger Feldherr auf. Er hatte sich we gen der Natur und Beschaffenheit der Ge genden, durch die er zu ziehen sich vorgenom men hatte, auf das genauste erkundigt. Er wußte, daß die Völker, durch welche er den Durchzug nahm, nur auf die Gelegenheit warteten, sich wider die Römer zu empören. Um sich wegen der vielen Schwierigkeiten ausgesetzten Wege vorzusehen, ließ er sich von den Leuten dieses Landes die sichersten Wege führen, die sich desto williger zu Führern ge brauchen liessen, und denen er um desto eher trauen konnte, weil sie eben die Hoffnung und die Absichten hatten, die Hannibal heeg te. Zudem so waren die Wege über die Al pen so unersteiglich nicht, als man sich ein bildet. Ehe Hannibal sich ihnen näherte, hatten die Gallier, welche Nachbaren der Rhone waren, mehr als einmal den Uber gang über diese Gebürge versucht, sie waren nur neulich noch darüber gegangen, um sich mit den Galliern an dem Po wider die Rö mer zu vereinigen. Die Alpen selbst sind von einer sehr zahlreichen Nation bewohnt, wo also eine Armee Fütterung für die Pferde und Lebensmittel für die Soldaten antreffen konnte. Ich kann mit einer desto grössern Dreistigkeit davon reden, sagt Polybius, in dem er diese Betrachtung schließt, weil ich mich von den Begebenheiten selbst aus den damals lebenden Schriftstellern unterrichtet
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habe, und was die Gegenden anbetrifft, so kenne ich sie selbst, weil ich die Alpen mit vie ler Mühe besucht habe, um eine recht genaue Kenntniß davon zu haben.

III §.

Hannibal nimmt Turin ein. Treffen der Reuterey am Tesino, worinnen P. Scipio überwunden wird. Die Gallier kommen haufenweise, um sich mit dem Han nibal zu vereinigen. Scipio zieht sich zurücke, geht über den Trebia und verschanzt sich daselbst. Was in Sicilien vorfällt. Seeschlacht: darinnen werden die Carthaginenser überwunden. Sempronius wird nach Italien seinem Collegen zur Hülfe zurück beru fen. Der Vorstellungen des P. Scipio ungeachtet liefert er am Trebia eine Schlacht und wird geschla gen. Cn. Scipio ist in Spanien glücklich. Hanni bal versucht den Ubergang über den Appennin. Zwey tes Treffen des Hannibal mit dem Sempronius. Der Consul Servilius begiebt sich nach Riccini. Erneuerung der Saturnalischen Feste. Hannibal schickt die Gefangnen von den Bundsgenossen der Rö mer ohne Lösegeld zurück. Eine List, der er sich be dient, damit man ihm nicht nach dem Leben siehen möge. Er geht über die Moräste bey Clusium, wo er ein Auge verliert. Er nähert sich dem Feinde, und verheert die ganze Gegend, um den Consul zu einem Treffen zu reizen. Flaminius läßt sich wider das Gutachten des Kriegsrathes und der schlimmen Vorbedeutungen in eine Schlacht ein. Berühmte Schlacht bey Trasimen. Vergleichung des Flami nius und des Hannibal. Die schlechte Wahl des Volkes ist die Ursache dieser Niederlage. Allgemei ne Betrübniß zu Rom darüber.
Die erste Sorge des Hannibal nach sei(Einnahme von Turin. Polyb. III. 212. Liv. XXI. 39.) nem Ubergange über die Alpen war diese, daß er seinen Truppen einige Ruhe verstatten
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wollte, als welcher sie sehr benöthigt waren. Als er sie in einem guten Zustand sah, so la gerte er sich vor die Hauptstadt der Völker in dem Gebiete vor Turin, die sich gewei gert hatten, in einen Bund mit ihm zu treten, nahm sie in drey Tagen weg, und ließ alles über die Klinge springen, was sich ihm wi dersetzt hatte. Dieses verursachte unter den Barbaren ein so grosses Schrecken, daß sie alle freywillig kamen, und sich dem Sieger unterwarfen. Die übrigen Gallier wür den eben dieses gethan haben, wozu sie von Natur sehr geneigt waren, und wie sie auch den Hannibal davon hatten versichern lassen, wofern sie nicht die Furcht vor der annä hernden Römischen Armee zurück gehalten hätte. Hannibal urtheilte also, daß er kei ne Zeit verlieren müsse, sich irgend durch eine That zu zeigen, durch welche er den Völkern ein Vertrauen zu ihm und eine Begierde, sich für ihn zu erklären, beybringen könnte. Die Römer hatten im Anfange des Feld (Schlacht bey Tesino. Polyb. III. 214. 218. Liv. XXI. 39. 47. Appian. 316.) zugs sich nichts weniger versehen, als daß sie in Italien selbst würden den Krieg führen müssen. Die ausserordentliche Geschwin digkeit ihres Feindes, der Erfolg einer so mislichen Unternehmung, als der Durchzug durch so viele Länder, und der Ubergang ü ber die Alpen mit einer Armee war, die Eil fertigkeit und Hitze seiner Bewegungen gleich nach seiner Ankunft, alles dieses setzte Rom
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in Erstaunen und verursachte die größte Un ruhe daselbst. Sempronius, einer von den Consuln, empfing Befehl, Sicilien zu ver lassen, um seinem Vaterlande zu Hülfe zu kommen. P. Scipio, der andre Consul, hatte kaum zu Pisa seine Truppen ausge schifft und von dem Manlius und Attilius, diesen beyden Prätoren, diejenigen, die sie commandirten, an sich gezogen, so näherte er sich dem Feinde, gieng über den Po und lagerte sich am Tesino (*). Hier stunden die Truppen nahe bey ein ander. Die beyden Feldherren kannten ein ander wenig. Sie waren aber beyde für einander schon von Hochachtung und selbst von Bewunderung eingenommen. Der Nahme des Hannibal war schon vor der Einnahme von Sagunt sehr berühmt. Was den Carthaginensischen Feldherrn anbelang te, so urtheilte er von seinen Verdiensten dar nach, daß er erwählt worden war, die Rö mer wider ihn zu commandiren. Was bey derseits die hohe Meinung vermehrte, ist die ses, daß Scipio das Commando der Armee in Spanien aufgegeben und Gallien verlas sen hatte, um sich mit dem Hannibal in I talien einzulassen, und daß Hannibal kühn genug gewesen war, den Ubergang über 130
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die Alpen zu wagen, und solches Unterneh men auch glücklich ausgeführt hatte. Die Feldherren hielten auf beyden Sei ten für nöthig, ehe sie sich in ein Treffen ein liessen, vorher ihr Kriegsheer durch ihre An rede aufzumuntern. æNachdem Scipio den Seinigen die Eh re ihres Vaterlandes und die Thaten ihrer Vorfahren vorgestellt hatte, so stellt er ih nen vor, daß sie den Sieg in Händen ha ben, weil sie nur mit Carthaginensern zu thun haben, die so oft von ihnen überwun den und gezwungen worden sind, ihnen zins bar und selbst ihre Sklaven zu seyn. Han nibal hätte bey dem Ubergange über die Alpen den besten Theil seiner Armee einge büßt; was er noch davon übrig habe, sey durch den Frost, die Kälte, die Beschwer lichkeiten und das Elend ganz entkräftet. Sie würden sich nur zeigen dürfen, um Truppen in die Flucht zu jagen, welche fast mehr Gespenstern als Menschen ähnlich sä hen. Alles, was ich befürchte, sagte er, ist nur dieses, daß es scheinen wird, Han nibal sey von den Alpen überwunden, ehe ihr noch euch mit demselben in ein Treffen einlassen können. Allein es war billig, daß die Götter, die zuerst beleidigt worden wa ren, auch zuerst den Krieg wider ein Volk und einen Anführer Meineidiger nndund Bund brüchiger anfiengen. Sie haben uns, die
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wir erst nach ihnen beleidigt worden sind, nichts übrig gelassen, als die Ehre, die letz ten Streiche wider sie zu führen. Laßt uns versuchen, setzte er hinzu, ob die Erde seit zwanzig Jahren auf einmal neue Cartha ginenser hervor gebracht hat, oder ob es nicht eben die sind, so wir an den Aegati schen Inseln, und an so vielen andern Or ten überwunden haben. Wir können unsre siegreiche Flotte nach Afrika alsdann see geln lassen, und Carthago selbst vertilgen. Wir haben ihnen den Frieden zugestanden, und sie unter unsern Schutz genommen, als sie sich durch den Aufruhr fast von ganz Afrika in so bedrängten Umständen befan den. Für alle diese Wohlthaten kommen sie, unser Vaterland selbst unter der An führung eines wütenden Jünglings, der unsern Untergang geschworen hat, anzu greifen. Denn itzt streiten wir nicht mehr um Sicilien und Sardinien, sondern selbst um Italien. Hier müssen wir alle unsre Kräfte sammeln, als wenn wir selbst vor den Mauern von Rom stritten. Ein je der unter euch bilde sich ein, nicht allein seine eigne Person, sondern auch sein Weib und seine Kinder zu vertheidigen. Ja denkt nicht bloß an eure Familien; denkt daran, daß der Senat und das Römische Volk ihre Augen auf eure Waffen und Arme ge richtet haben, und daß das Glück von Rom
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und des ganzen Reiches bloß auf euerm Mu the und auf eurer Tapferkeit beruhet.“ Damit Hannibal von seinen Soldaten, die einen etwas groben Verstand hatten, verstanden werden möchte, so sprach er erst für ihre Augen, ehe er für ihre Ohren rede te. Er wollte sie nicht eher durch Gründe gewinnen, ehe er sie nicht durch ein Schau spiel in Bewegung gesetzt hatte. Er ließ verschiednen feindlichen Einwohnern der Al pen, die er gefangen genommen hatte, Waf fen geben und sie zween und zween vor den Augen seiner Armee mit ihnen streiten; er versprach dem Uberwinder die Freyheit mit einer völligen Rüstung und einem Pferde. æDie Freude, mit welcher diese Barbaren nach den Waffen eilten, da sie solche Be wegungsgründe vor sich hatten, gab dem Hannibal Gelegenheit durch dasjenige, was hier vorgieng, ihre gegenwärtigen Umstän de recht lebhaft abzubilden, die ihnen alle Mittel benahmen, zurückzuweichen, und die sie zwangen zu siegen oder zu sterben, um die unzähligen gefährlichen Ubel zu ver meiden, welche auf die warteten, welche niederträchtig genug seyn würden, den Rö mern zu weichen. Er zeigte ihren Augen die Größe der Belohnungen, die Erobe rung von Italien, die Plünderung von Rom, dieser so reichen und mächtigen Stadt, einen herrlichen Sieg, einen un
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sterblichen Nahmen. Er verringerte die Römische Macht, deren eitler Schimmer nicht vermögend seyn müsse, solche Krieger zu blenden, wie sie wären, welche von den Seulen des Herkules her bis in das Herz von Italien gekommen sind, ohne vor den wildesten Nationen zu zittern, durch wel che sie ihren Durchzug nehmen müssen. Was seine Person selbst anbetreffe, so nähme er sich die Mühe nicht, sich mit einem Feld herrn von sechs Monaten (so beschreibt er den Scipio) zu vergleichen, da er, wo nicht gebohren, doch gewiß in dem Zelte des Hamilkar seines Vaters, des Uberwin ders von Spanien, erzogen worden sey, da er Spanien, Gallien, die Einwohner der Alpen, und was das vornehmste sey, die Alpen selbst überwunden habe. Er reizte sie zum Unwillen wider den Stolz der Rö mer, welche verlangen können, daß man ihn mit den vornehmsten Soldaten, welche Sagunt eingenommen haben, nach Rom ausliefern solle. Er erweckte ihre Eifersucht wider den unerträglichen Hochmuth dieser stolzen Beherrscher, welche sich einbildeten, daß ihnen alles gehorchen müßte, und daß ihnen das Recht zu käme, dem ganzen Erd kreise Gesetze zu geben.“ Nachdem diese Reden auf beyden Seiten gehalten worden waren, rüstete man sich zum Streite. Scipio, der eine Brücke ü
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ber den Tesino geschlagen hatte, ließ seine Völker darüber gehen. Zwey schlimme Anzei chen hatten seine Völker unruhig und bestürzt gemacht. Um die Folgen davon zu verhüten, ließ er die gewöhnlichen Opfer bringen. Die Carthaginenser waren voll Hitze. Hannibal that ihnen neue Versprechungen, u. als er mit einem Steine das Haupt eines Lammes, das er opferte, zerschmettert hatte, so bat er den Jupiter, daß er ihn auch so zerschmettern sollte, wofern er seinen Soldaten die Zusa gen nicht erfüllte, die er ihnen itzt gegeben hatte. Man hat recht, wenn man sagt, daß alles auf den Anfang eines Krieges ankömmt, und daß es ein glückliches Zeichen für einen General ist, wenn er seinen Feldzug mit ei nem Siege öffnet. Hannibal hatte einen glücklichen Anfang sehr nöthig, um die Mey nung zu widerlegen, die man von ihm ge faßt haben konnte, daß er etwas, das über seine Kräfte wäre, unternommen hätte. Er machte viel Staat auf die Stärke seiner Reuterey, und auf die Güte ihrer Pferde, welches alles spanische Pferde waren. Die beyden Feldherren giengen beyder seits mit ihrer ganzen Reuterey auf Kund schaft gegen einander aus, und trafen am Tesino in einer sehr ebnen Fläche auf einan der. Scipio stellte sich in eine Linie; die römische Reuterey stellte er auf beyde Flügel; die von den alliirten Galliern, welche leicht be
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waffnet waren, in die Mitte. Hannibal richtete sich nach dieser Stellung. Die Numidische Reuterey war vortrefflich. Alle seine Reu terey, welche eine völlige Rüstung und Sattel und Zaum hatten, stund der Fronte der Rö mer gleich. Seine Numidische Reuterey ordnete er auf die Flügel, (*) und in dieser Schlachtordnung rückte er gegen den Feind an. Die Generale der Cavalerie verlangten nichts mehr als das Treffen. Die Schlacht fängt sich also an. Kaum hatte bey dem ersten Anfalle die leichte Reuterey der Rö mer ihre ersten Pfeile abgeschossen, als sie durch die Carthaginensische Reuterey, wel che auf sie losfiel, in ein Schrecken gejagt wurde, und aus Furcht, von ihren Pfer den zertreten zu werden, wich, die Flucht ergriff, und so weit zurück floh, als die Ge schwader von einander stunden. Das Tref fen ließ eine Zeitlang den Ausgang und Sieg ungewiß. Auf beyden Seiten stiegen viele Reuter von den Pferden, und stritten zu Fuße, so daß zu Pferde und zu Fuße gestrit ten wurde. Während der Zeit, warfen sich die Numiden, welche Haufenweis auf die Römische Reuterey fielen, plötzlich auf die Flügel, und unterdessen, daß einige in die Seite einfallen und darauf losdrängen, an 131
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dre die leichten Römischen Reuter, die noch übrig sind, und sich hinter den Flügel gezo gen haben, niederhauen, so greifen sie die übrige Reuterey im Rücken an. Als auf diese Weise die Römer von allen Seiten um geben waren, so wurden sie überall in die Flucht getrieben. Scipio wurde in diesem Treffen verwundet und außer Stand zu fechten gesetzt. Er wurde durch den Muth seines Sohnes, der damals nur siebzehn Jahre alt war und seinen ersten Feldzug that, den feindlichen Händen entrissen. Die ser junge Held that sich durch diesen Beweis sowohl seiner Tapferkeit, als seiner kindlichen Liebe vor andern sehr rühmlich hervor, in dem er das Leben seinem Vater rettete. Es ist der große Scipio, welcher sich den Zu nahmen Africanus erwarb, weil er diesen zweyten Punischen Krieg glücklich endigte. Der Consul, welcher gefährlich verwun det war, zog sich in guter Ordnung zurück, und wurde durch einen großen Haufen Reu ter, die ihn mit ihren Waffen und Leibern bedeckten, in sein Lager gebracht; die übri gen Truppen folgten ihm nach. Er verließ es bald wieder, nachdem er seinen Solda ten anbefohlen, so heimlich, als sie könnten, die Kriegsgeräthschaften zusammen zu neh men und aufzubrechen; er entfernte sich vom Tesino, gewann in aller Geschwindigkeit die Ufer des Po, und ließ seine Truppen, ohne
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beunruhiget zu werden, darüber gehen. Sie kamen zu Placenz an, ehe Hannibal wuß te, daß sie vom Tesino aufgebrochen wären. Er wollte sie so gleich verfolgen; allein er fand die Brücke abgebrochen. Er machte bloß sechshundert Mann zu Gefangnen, welche er noch disseits des Flusses antraf, und welche nicht genug geeilt hatten, über den Fluß zu gehen. Es waren diejenigen, welchen die Verwahrung der an der Brücke erbauten Schanze anvertraut war. Das war die erste Schlacht der Cartha ginenser und Römer, welche eigentlich nur ein Scharmützel der Reuterey, nicht aber ei ne ordentliche Schlacht war. Die Reute rey der Carthaginenser zeigte, daß sie der Römischen überlegen wäre, und man fällte gleich von diesem Treffen das Urtheil, daß seine größte Macht darinnen bestünde, daß aus dieser Ursache die Römer sich vor den freyen und ebnen Schlachtfeldern hüten müß ten, wie die Gegenden zwischen dem Po und den Alpen sind. Gleich den Tag nach dem Treffen beym Tesino kamen die benachbarten Gallier Hau(Die Galli er stoßen zum Han nibal.) fenweise zur Armee des Hannibal, wie sie sich gleich anfangs den Plan davon gemacht hatten, versorgten ihn mit den nöthigen(Polyb. III. 220. Liv. XXI. 48.) Kriegsbedürfnissen und nahmen Dienste un ter seinen Truppen. Dieses war die vor nehmste Ursache, wie Polybius schon ange
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merkt hat, welche diesen klugen und geschick ten Feldherrn nöthigte, ungeachtet der klei nen Anzahl und der Mattigkeit seiner Völ ker, ein Treffen zu wagen, welches für ihn von einer unvermeidlichen Nothwendigkeit war, weil er nicht wieder umkehren konnte, wenn er auch gewollt hätte; weil er siegen mußte, wofern sich die Gallier für ihn er klären sollten, deren Beystand in gegenwär tigen Umständen seine einzige Hülfe war. Nachdem Hannibal auf einer Schiffbrü cke über den Po gegangen war, so lagerte er sich ganz nahe bey den Feinden. Die folgende Nacht giengen zweytausend Mann Fußvolk und zwey hundert Mann gallische Reuter, die als Hülfsvölker unter den Rö mern dienten, nachdem sie die Truppen, so den Ausgang des Lagers bewahrten, umge bracht hatten, zum Hannibal über. Dieser Feldherr empfing sie mit vielen Kennzeichen der Freundschaft, und, nachdem er ihnen große Belohnungen versprochen hatte, so schickte er einen jeden in sein Land zurück, indem er ihnen anbefohl, daß sie ihre Mit bürger auf seine Seite bringen sollten. Scipio sah diesen Aufstand der abtrünni gen Gallier als ein Zeichen zu einem allge meinen Aufruhr an. Er zweifelte nicht, daß sie nach dieser verübten Untreue als Wüten de zu den Waffen greifen würden. Des wegen brach er ungeachtet der Schmerzen,
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die ihm seine Wunde verursachte, in aller Stille gegen das Ende der andern Nacht auf, und nachdem er sich längst an dem Trebia hin, einem kleinen Flusse, nahe bey Placenz gezogen hatte, lagerte er sich auf Höhen, wo er von der Cavalerie nicht leicht angegriffen werden konnte. Sein Aufbruch gieng nicht so stille, als der vom Tesino zu. Hannibal, der ihm zuerst seine Numiden, und hernach seine ganze Cavalerie nachgeschickt hatte, wür de seinen Nachzug gewiß ganz geschlagen ha ben, wenn die Numiden nicht aus allzugros ser Begierde nach Beute in das Lager einge fallen wären, das die Römer verlassen hat ten. Unterdessen daß sie überall suchen, oh ne etwas zu finden, das ihnen die Zeit ersetzen können, die sie verlohren, entgieng ihnen der Feind aus den Händen. In der That sa hen sie die Römer bald darauf sich über dem Flusse verschanzen, zu dessen Ubergange sie alle benöthigte Zeit hatten. Ihr ganzer Vortheil, den sie hatten, bestund darinnen, einige abgemattete Soldaten zu tödten, wel che der grossen ArmeArmee nicht folgen können. Scipio konnte die Schmerzen, welche ihm die Bewegung des Marsches verursachte, nicht länger ertragen, und weil er dafür hiel te, daß er seinen Collegen, der aus Sicilien zurück berufen worden war, erwarten müß te, erwählte er längst dem Strome hin, den Ort, wo er sich mit der größten Sicherheit
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lagern könnte, und verschanzte sich allda. Hannibal hatte nicht weit davon sein Lager aufgeschlagen. Der Sieg seiner Reuterey über die Römer verursachte ihm zwar einige Freude; allein der Mangel der nöthigen Lebensmittel, der unter einer Armee, die in einem feindlichen Lande marschirte, und die se Bedürfnisse nicht auf ihrem Zuge bereit fand, immer mehr und mehr zunahm, er weckte ihm nicht weniger Unruhe. Dieses nöthigte ihn, eine Parthey gegen Clastidi um (*) zu senden, wo die Römer ein grosses Magazin hatten. Derjenige, welchem die ses aufgetragen war, wollte sich erst mit Ge walt dieses Ortes bemächtigen. Allein Da sius von Brindes, der darinnen commandir te, bot ihm an, ihm diesen Platz für Geld zu überliefern. Er nahm das Anerbieten des Verräthers an, und es kostete dem Han nibal nicht mehr, als vierhundert Goldstü cke, um so viel Vorrath zu erkaufen, als er brauchte, seine Armee zu erhalten, so lange sie in den Gegenden des Trebia blieb. Er begegnete der Besatzung, die ihm mit dem Platze übergeben worden war, sehr gnädig, um sich vom Anfange gleich in den Ruf eines gnädigen Generals zu bringen. (Was in Sicilien vorgeht. Liv. XXI. 49. 51.) Unterdessen daß Hannibal in Italien Krieg führte, führten ihn die Carthaginenser zur 132
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See um Sicilien und bey andern um Ita lien herum liegenden Gegenden. Von zwan zig fünfrudrigten Galeeren, welche die Car thaginenser in die See geschickt hatten, die Küsten von Italien zu verwüsten, gewannen neune die Insel von Lipari, achte die Insel, die vom Vulcan ihren Nahmen hatte, drey wurden durch einen Sturm in der Meerenge weggerissen. Der König, Hiero, welcher dazumal gleich zu Meßina war, wo er den Consul erwartete, bemerkte sie, schickte zwölf Galeeren wider sie aus, von denen sie ohne Mühe genommen und in den Hafen dieser Stadt gebracht wurden. Man erfuhr von den Gefangnen, die auf diesen Schiffen ge macht wurden, daß ausser der Flotte von zwanzig Galeeren, noch eine andre von fünf und dreyßig eben solchen Schiffen in der See wären, die nach Sicilien giengen, um die alten Bundesgenossen der Carthaginenser zu bewegen, daß sie auf ihre Seite treten möch ten. Sie schiene ihnen vornehmlich bestimmt zu seyn, die Stadt Lilybäum zu erobern. Sie wäre aber vom Sturme an die Inseln, Ae gates genannt, getrieben worden, gleich wie es ihnen ergangen wäre. Der König schrieb sogleich an den M. Ae milius, den Prätor in Sicilien, ihm davon Nachricht zu geben, und ihn von der Ankunft der Feinde zu benachrichtigen. Der Prä tor schickte sogleich einige Tribunen und andre
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vornehme Kriegsbediente nach Lilybäum und den benachbarten Städten, mit dem Befeh le, ihre Mannschaft in Bereitschaft zu hal ten, und vornehmlich auf die Erhaltung von Lilybäum bedacht zu seyn, wo die zum Krie ge nöthigen Bedürfnisse und Maschinen auf behalten würden. Zugleich wurde den Ma trosen und Schiffssoldaten anbefohlen, auf zehn Tage sich mit Lebensmitteln zu versor gen, sie auf ihre Schiffe zu tragen, und sich den Augenblick einzuschiffen, wenn das Zei chen dazu würde gegeben werden. Er ließ zugleich den Wachen an den Küsten befeh len, ihre Wachsamkeit zu verdoppeln, und so bald sie die feindliche Flotte bemerken wür den, Nachricht davon zu geben. Ob also gleich die Carthaginenser ihren Lauf so ein gerichtet hatten, daß sie bey der Nacht bey Lilybäum anlangen konnten, so sah man sie doch ziemlich von weiten, weil es heller Mon denschein war, und weil sie mit aufgespann ten Seegeln herbey eilten. Die Wachen gaben in einem Augenblick ihr Zeichen; man lief in der Stadt nach den Waffen, und die Schiffe wurden voll. Die Soldaten wur den getheilt; einige sollten auf den Galeeren fechten; unterdessen daß die andern die Mau ern und die Thore der Stadt vertheidigen sollten. Als die Carthaginenser ihrer Seits sahen, daß die Feinde auf ihrer Hut waren, so
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wollten sie vor dem Anbruche des Tages nicht in den Hafen einlaufen. Sie brachten den übrigen Theil der Nacht damit zu, daß sie ihre Seegel einzogen, und ihre Schiffe zum Gefechte zurüsteten. So bald der Tag an brach, näherten sie sich im vollen Meere da hin, theils um für sich selbst Raum genug zum Treffen zu haben, theils um auch den Fein den die Freyheit zu lassen, aus dem Hafen auszulaufen. Die Römer schlugen das Treffen nicht aus. Sie waren noch voll Vertrauen zu sich selbst wegen der Vorthei le, die sie in dem letzten Kriege fast eben in dieser Gegend von den Carthaginensern da von getragen hatten. Sie verliessen sich auf die Menge und Tapferkeit ihrer Soldaten. Als beyde Flotten im vollem Meere wa ren, machten die Römer voll Hitze und Zu versicht den Anfang, ihre Stärke wider die Carthaginenser zu versuchen. Diese hinge gen suchten das Gefecht, wo man Mann vor Mann focht, zu vermeiden, und wollten nicht durch die Gewalt, sondern durch die List siegen, weil sie sich bloß auf die Leichtig keit ihrer Schiffe und auf ihren eignen Muth verliessen. Sie hatten in der That mehr Leu te auf ihren Schiffen, welche dazu dienten, die Schiffe zu regieren, und allerley Wen dungen machen zu lassen, als Leute, die sich zum Fechten schickten. Als man die Schiffe anklammerte und erstieg, sah man mehr
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Matrosen, als Soldaten auf denselben. Die ser Unterschied in Ansehung der Truppen ver minderte ihr Vertrauen zu sich selbst, und vermehrte den Muth der Römer. Die Carthaginenser ergriffen die Flucht, und lies sen sieben ihrer Schiffe mit siebzehn hundert Mann, sowohl Matrosen, als Soldaten, in der Feinde Händen, unter denen sich drey Carthaginenser von dem vornehmsten Adel befanden. Die Römische Flotte seegelte zurück, ohne etwas gelitten zu haben, eine Galeere ausgenommen, die durchbohrt wur de, die unterdessen mit den übrigen den Ha fen wieder gewann. Die Nachricht von diesem Treffen war noch nicht nach Meßina, als der Consul Sempronius daselbst ankam. Als er in den Hafen einlief, fand er den König Hiero, der ihn mit einer wohl ausgerüsteten Flotte ent gegen kam. Nachdem der Prinz auf das Schiff des Consuls kam, so bezeigte er ihm die Freude, die ihm die glückliche Ankunft seiner Armee und Flotte verursachte. Er wünschte ihm allen glücklichen Erfolg in Si cilien, und gab ihm hierauf einen Unterricht von dem Zustande der Insel und den Unter nehmungen der Carthaginenser. Er ver sprach ihm, daß er in seinem hohen Alter den Römern mit eben dem Eifer und Muthe die nen wollte, den er in seiner Jugend bewiesen hätte. Er wollte seinen Legionen Kleider
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und Lebensmittel ohne Entgeld verschaffen, wie auch denen, die auf den Schiffen Dien ste thaten, sowohl den Soldaten als den Ma trosen. Er sagte ihm, daß die Feinde ihre Unternehmungen vornehmlich wider Lilybä um und die Seestädte richteten. Es sey zu befürchten, daß ihnen eine grosse Menge Si cilianer aus Liebe zu neuen Veränderungen beystehen würden. Der Consul urtheilte auf den Empfang dieser Nachrichten, daß er keine Zeit zu verlieren hätte, und gieng also von da nach Lilybäum ab, von dem Könige Hiero und seiner Flotte begleitet. So bald sie ein wenig weit ins Meer hinein geseegelt waren, erfuhren sie das Treffen, das bey dieser Stadt geliefert worden war, und die Niederlage der Carthaginenser. Nach der Ankunft zu Lilybäum nahm Hi ero von dem Consul Abschied und begab sich mit seiner Flotte zurück. Nachdem Sem pronius dem Prätor zu Lilybäum anbefoh len hatte, für die Sicherheit der Küsten zu wachen, so seegelte er nach Malta, wo die Carthaginenser eine starke Besatzung hatten. So bald er sich davor sehen ließ, überliefer te man ihm den Hamilkar, einen Sohn des Gisgon, und ungefähr zween tausend Sol daten, die unter seinem Commando stunden. Einige Tage darauf kam er nach Lilybäum zurück, wo er und der Prätor alle Gefang nen öffentlich ausboten und verkauften, aus
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genommen die Personen von einer edlern Ge burt. Als der Consul sah, daß Sicilien von dieser Seite her nichts mehr zu befürch ten hätte, so gieng er nach den Vulcanischen Inseln (*), wo sich, wie man sagte, die Carthaginensische Flotte gelagert haben sollte. Er traf aber daselbst nicht einen ein zigen Feind an. Sie waren von da schon weggeseegelt, die Küsten an Italien zu plün dern. (Die Zu rück beru fung des Sempro nius nach Italien. Polyb. III. 220. Liv. XXI. 51.) Der Consul erfuhr auf seiner Wieder kehr nach Sicilien die Landung und die Ver wüstung, welche die Feinde an den Küsten von Italien anrichteten. Zu gleicher Zeit empfing er ein Schreiben vom Senate, wel ches ihm von der Ankunft des Hannibal Nachricht gab, und ihm zugleich befahl, sei nen Collegen in aller Geschwindigkeit zu Hül fe zu kommen. In so verschiedne Sorgen getheilt fing er an seine Armee einzuschiffen, und befahl, daß sie durch das Adriatische Meer nach Rimini schiffen sollte. Er schickte den Sextus Pomponius, seinen Legaten, mit sieben und zwanzig Galeeren Calabrien und der ganzen Seeküste an Italien zur Hülfe. Er ließ dem Prätor M. Aemilius eine vollkommne Flotte von funfzig Galee ren. Nachdem er also Sicilien in einen guten Vertheidigungsstand gesetzt hatte, so 133
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seegelte er mit zehn Schiffen längst an Ita lien hin, und kam zu Rimini an, wo er sei ne Armee an sich zog, und darauf aufbrach, um sich mit seinem Collegen zu vereinigen, der am Flusse Trebia stund. So hatten also beyde Consuln alle Trup pen der Republik bey einander vereinigt. Man versah sich nun alle Augenblicke, daß beyde Armeen an einander gerathen würden. Hannibal hatte sich dem Lager der Römer genähert, von welchem er nur durch diesen kleinen Fluß getrennt wurde. Da diese bey den Armeen einander so nahe waren, so setzte es oft Scharmützel. Sempronius befand sich in einem an der Spitze eines Theils sei ner Reuterey, und trug wider die Cartha ginenser einen Vortheil davon, der zwar von keiner Wichtigkeit war, unterdessen aber doch die Einbildung vermehrte, die dieser Feldherr von seinen Verdiensten hatte. Dieser kleine Vortheil schien ihm ein voll kommner Sieg zu seyn. Er rühmte sich(Sempro nius wird beym Flus se Trebia überwun den.) mit grossen Vergnügen, das erstemal gleich in einer Art von Treffen gesiegt zu haben, wo sein College geschlagen worden war, und daß er dadurch den niedergeschlagnen Muth der Römer wieder ermuntert hatte. Er(Polyb. III. 221. 223. Liv. XXI 52. 57. Appian. 317.) hatte sich entschlossen, je eher je lieber es zu einer entscheidenden Schlacht kommen zu las sen. Er hielt es des Wohlstandes wegen für nöthig, den Rath des Scipio deswegen
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anzuhören, der aber seinem Entschlusse ganz entgegen war. Dieser stellte ihm vor, daß, wenn er den neu angeworbnen Soldaten den Winter über Zeit liesse, sich in den Waffen zu üben, so würde er in dem nächsten Feld zuge desto grössre Dienste von ihnen erhal ten. Die Gallier, welche von Natur leicht sinnig und veränderlich wären, würden nach und nach die Parthey des Hannibal verlas sen. Er selbst wäre von seiner Wunde noch nicht völlig wieder hergestellt; wann er aber im Stande seyn würde, zu agiren, so würde seine Gegenwart bey einer so allgemeinen Angelegenheit vielleicht von einigem Nutzen seyn können. Er bäte ihn also inständig, itzt weiter nichts vorzunehmen. So gründlich diese Vorstellungen waren, so fand doch Sempronius keinen Geschmack daran, oder er achtete sie doch nicht. Er hatte sechzehn tausend Römer und zwanzig tausend von den Bundesgenossen, ohne die Reuterey zu rechnen, unter seinem Comman do. So hoch belief sich damals eine voll kommne Armee, wenn beyde Consuln sich mit einander vereinigt hatten. Obgleich die feindliche Armee durch die Gallier verstärkt worden war, so war sie doch noch nicht so zahlreich. Dieses schien ihm ein sehr glück licher Umstand zu seyn. Er sagte öffentlich: æSowohl Officiere als Gemeine verlangten die Schlacht, seinen Collegen ausgenom
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men, dessen Muth noch mehr als sein Leib durch die Wunde entkräftet wäre, und der also von keinem Treffen etwas hören könn te. Aber sollte denn die ganze Armee mit ihm krank seyn? Worauf wartete er denn? Hoffte er denn, daß noch ein dritter Con sul und noch eine neue Armee ihm zu Hülfe kommen sollte? Was würde es für ein Schmerz für unsre Vorfahren seyn, wenn sie zween Consuln an der Spitze zwo grosser Armeen vor eben den Carthaginensern zit tern sähen, welche sie vordem selbst bis in die Mauern von Carthago verfolgt und da selbst angegriffen hatten?“ Dergleichen Reden hielt er sowohl unter den Soldaten, als selbst in dem Zelte des Scipio. Er dachte seines persönlichen Nu tzens wegen also. Die Zeit, wo neue Con suln erwählt wurden, näherte sich. Er be fürchtete, man möchte ihm einen Nachfol ger schicken, ehe er sich mit dem Hannibal in ein Treffen eingelassen hätte. Er glaub te, daß er sich der Krankheit seines Collegen zu seinem Nutzen bedienen müsse, um sich der Ehre des Sieges allein zu versichern. Weil er also nicht, wie Polybius sagt, auf die Zeit, wo etwas zu thun war, sondern auf seine Zeit, die ihm noch übrig war, sah, so konnte es nicht fehlen, er mußte schlechte Anstalten treffen. Er befahl also den Soldaten, sich zum Treffen bereit zu halten.
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Das war es eben, was Hannibal ver langte, welcher den Grundsatz hatte, daß ein General, der in einem feindlichen Lande ist, und ein ausserordentliches Unternehmen aus führen will, nichts anders thun kann, als die Hoffnung seiner Bundsgenossen allezeit durch eine neue That zu erhalten. Er wußte, daß er mit neu angeworbnen und unversuchten Soldaten zu thun hatte. Er wollte sich der Hitze der Gallier zu seinem Vortheile bedie nen, welche nach dem Treffen verlangten. Er wollte sich auch die Abwesenheit des Scipio zu Nutze machen, der wegen seiner Wunde nicht bey dem Treffen seyn konnte. Endlich sah er, daß die freye und ebne Gegend, wo er stunde, der vortheilhafteste Stand war, den er wählen konnte, seine zahlreiche Reute rey und seine Elephanten, worinnen die Stär ke seiner Armee bestund, wohl zu gebrauchen. Alle diese Gründe reizten ihn zum Treffen. Er gieng also auf nichts, denn auf einen Hin terhalt um, wovon ihm die Verwegenheit des Sempronius einen glücklichen Fortgang prophezeyte. Die GcgendGegend zwischen beyden Armeen schien ihm zu seinem Vorhaben sehr dienlich zu seyn. Sie war frey und eben, und es floß ein Fluß durch dieselbe, dessen Ufer ziemlich hoch und mit Gebüschen und Hecken besetzt waren. Es waren auch Hölen und Tiefen daselbst, worinnen er selbst viel Reute
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rey verstecken konnte. Er wußte, daß ein Hinterhalt in einer ebnen und flachen aber doch auch verwachsnen Gegend oft sichrer und dienlicher, als in einem Holze ist, weil man sich hier dessen weniger versieht. Er befahl seinem Bruder, dem Mago, sich hier mit zween tausend Mann theils Cavalerie theils Infanterie zu verstecken. Er ließ darauf einige Numidische Reuterey über den Trebia gehn, mit dem Befehl, bey anbrechendem Tage sich biß an den Eingang des Römischen Lagers zu nähern, um die Feinde zum Tref fen zu locken, sich darauf über den Fluß zu rück zu ziehen, um die Römer zu reizen, ih nen nach zufolgen und auf die Ebne herüber zu marschiren. Es geschah, was er vorher gesehen hatte. Der hitzige Sempronius schickte wider die Numidier sogleich seine Reuterey fort, darauf sechstausend Bogenschützen und endlich folgte die ganze Armee nach. Die Numidier flohen mit Fleiß, und die Römer verfolgten sie hitzig. Es fiel an eben diesem Tage ein sehr kalter Nebel und viel Schnee. Der Consul hat te seine Truppen und Pferde mit grosser Ubereilung marschiren lassen, ohne daß sie vorher einige Nahrung und Futter bekom men hatten, und ohne sie wider die Be schwerlichkeiten der Gegend und der Witte rung verwahrt zu haben. Sie erstarrten vor Kälte, die sie immer mehr empfanden,
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je näher sie dem Strome kamen. Allein als sie die Numidier verfolgten, die mit Fleiß flohen, um sie anzulocken, und die Fußvöl ker biß an die Brust ins Wasser kamen, weil der Fluß von dem Regen der vori gen Nacht angelaufen war, so erstarrten sie vom Froste, daß sie ihre Waffen kaum halten konnten, zu geschweigen, daß sie der Hunger peinigte, indem sie den gantzen Tag, welcher schon weit vergangen war, nichts gegessen hatten. Allein so war es mit den Soldaten des Hannibal nicht beschaffen. Sie hatten auf seinen Befehl Feuer vor ihren Gezelten an gemacht, und alle Glieder mit Oel gerieben, welches man unter die Schaaren ausgetheilt hatte, um die Körper desto geschickter zur Bewegung zu machen. Sie hatten auch mit aller Beqvemlichkeit Speise zu sich ge nommen. Man sieht es, was es für ein Vortheil ist, wenn eine Armee von einem wachsamen und vorsichtigen Feldherrn ange führt wird, dessen Wachsamkeit nichts ent geht. Als die Römer über den Fluß waren, so ließ Hannibal, der diesen Augenblick erwar tete, seine Völker anrücken. Der Consul, welcher sah, daß die Numiden, die sich an fangs als Flüchtige angestellt hatten, sich wen deten, und seine Reuterey übel anführte, ließ zum Rückzug blasen und zog sie wieder an
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sich. Hierauf bereitete man sich auf beyden Seiten zur Schlacht. Wir wollen sehen, wie beyde Armeen von ihren Feldherren in Schlachtordnung gestellt wurden. Hannibal stellte in die erste Linie die Schleuderer und die leicht bewaffneten Sol daten, die ungefähr acht tausend Mann be trugen. Hierauf stellte er seine ganze In fanterie in eine einzige Linie, welche ungefähr in zwanzig tausend Mann theils Galliern, theils Spaniern und Afrikanern bestund. Seine Reuterey vertheilte er auf beyde Flü gel, die mit den alliirten Galliern sich auf zehn tausend Mann beliefen. Beyde Flügel verstärkte er mit den Elephanten, die er theils auf den rechten, theils auf den linken Flügel stellte. Sempronius stellte nach der Gewohnheit der Römer seine Infanterie, die sechs und dreyßig tausend Mann stark war, in drey Linien. Die Cavalerie, die sich auf vier tausend Mann belief, wurde auf beyde Flü gel vertheilt. Die Völker, die eine leichte Rüstung hatten, wurden vor allen voran ge stellt. Nach dieser Schlachtordnung konn ten die Römer von der Carthaginensischen Armee sehr ins Gedränge gebracht werden. Als man einander nahe genug war, fin gen auf beyden Seiten die Soldaten, die die leichte Rüstung hatten, das Treffen an. So nachtheilig der erste Pfeilregen den Römern
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war, so vortheilhaft war er für die Cartha ginenser. Bey jenen waren es Soldaten, die vom Morgen an Frost und Hunger lit ten, und von denen die meisten ihre Pfeile schon wider die Numiden verschossen hatten. Die Pfeile, die ihnen noch übrig waren, wa ren durch das Wasser, wovon sie durchdrun gen worden, so schwer geworden, daß sie we nig nutze waren. Die Cavalerie und die ganze Armee waren nicht im Stande zu a giren. Bey den Carthaginensern verhielt es sich ganz anders. Sie waren frisch, voll Kräfte, voll Hitze, und nichts hinderte sie, ihre Dienste gehörig zu thun. So bald die leicht bewaffneten Völker sich in die Zwischenräume der Linien zurück bege ben hatten, und die Soldaten mit der schwe ren Rüstung handgemenge wurden, da fiel die Carthaginensische Reuterey, welche der Römischen an Stärke und Tapferkeit weit überlegen war, so ungestüm und heftig auf sie los, daß sie sie in einem Augenblick übern Haufen warf und in die Flucht trieb. Die Seiten der Römischen Infanterie wurden also entblößt, und nunmehr kamen die leich ten Völker der Feinde und die Numiden wie der, fielen den Römern in die Seiten, brach ten sie in Unordnung und verhinderten, daß sie sich wider die nicht genug vertheidigen konnten, die sie von fornen angriffen. Der heftigste Streit auf beyden Seiten war im
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Centro der schwer bewaffneten Völker. Die Römer vertheidigten sich mit einem Muthe, oder vielmehr mit einer Wuth, die nichts überwinden konnte. In diesem Au genblicke brachen die Numiden aus ihrem Hinterhalte hervor, fielen den Legionen, die in der Mitte stritten, in den Rücken, und verursachten daselbst die äusserste Unordnung. Die beyden Flügel, die nehmlich auf beyden Seiten in der Mitte fochten, wurden von for ne von den Elephanten, in den Seiten von den leichten Völkern angegriffen, und in den Fluß geworfen. Die in der Mitte anbelan gend, so konnten sich die hintersten nicht wi der die Numiden halten, von denen sie über fallen worden waren, und wurden also völlig geschlagen. Die andern, die vorne an der ersten Linie fochten, wurden durch eine glück liche Nothwendigkeit gezwungen, als Ver zweifelte zu fechten, und nachdem sie einen Theil der Gallier und der Afrikaner geschla gen, so schlugen sie sich mitten durch die Car thaginenser hindurch. Als sie sahen, daß sie ihren Flügeln nicht beyspringen konnten, die völlig geschlagen waren, daß es auch nicht möglich war, wieder in ihre Lager zu kom men, indem der Fluß und der Regen sie den Rückweg nicht nehmen liessen, so schlossen sie sich dicht zusammen, behaupteten ihre Ordnung, und marschirten nach Placenz, wohin sie sich, zum wenigsten zehn tau
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send Mann stark, ohne Gefahr zurück zo gen. Die meisten, die noch überblieben, kamen an dem Ufer des Flusses um, indem sie ent weder von den Elephanten, oder von der Reuterey zertreten wurden. Diejenigen, die von dem Fußvolke oder von der Reute rey noch entkommen konnten, vereinigten sich mit der übrigen Armee und folgten ihr nach Placenz. Die Carthaginenser verfolgten sie bis an den Fluß, wo sie wegen der rau hen Witterung hielten und darauf wieder in ihre Verschanzungen zurück kehrten. Der Sieg war vollkommen und der Verlust ge ringe. Es blieben sehr wenig Spanier und Afrikaner auf dem Platze. Die Gallier hatten am meisten gelitten. Vornehmlich mußten sie viel von dem Regen und Schnee ausstehen. Es kamen viele Menschen und Pferde vor Kälte um, und man konnte we nig Elephanten erhalten. Die folgende Nacht giengen die Römer, welche zur Bewahrung des Lagers zurück geblieben waren, über den Fluß, ohne daß es die Feinde gewahr wurden, weil ein sehr star ker und heftiger Regen mit einem grossen Ge räusche fiel. Vielleicht stellten sie sich auch, weil sie sehr abgemattet waren, und viele Ver wundete hatten, als wenn sie sie nicht bemerk ten, und liessen also den Feinden Zeit, sich nach Placenz zu ziehen.
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Der Verlust der Schlacht konnte keiner andern Ursache, als der Verwägenheit und dem blinden Stolze des Consuls zugeschrie ben werden, der ungeachtet der weisen Vor stellungen seines Collegen geeilt hat, bey Um ständen, die alle wider ihn waren, ein Tref fen zu liefern. Der schlimme Erfolg war die gerechte Strafe seiner Verwägenheit, al lein nicht ihre Besserung. Seine Schande und Niederlage zu verbergen, schickte er Bo ten nach Rom, welche weiter nichts sagten, als daß eine Schlacht geliefert worden wä re, und die Römer bey einer bessern Wit terung den Sieg davon getragen haben wür den. Erst setzte man kein Mistrauen in diese Nachricht. Allein man erhielt bald ei ne umständlichere Nachricht von der Schlacht daß die Carthaginenser den Consul geschla gen, sich seines Lagers bemächtigt, die Legi onen aber sich in die benachbarten Colonien gezogen hätten, daß alle Gallier mit dem Hannibal in einen Bund getreten wären, und daß die Armee mit keinen andern Kriegs bedürfnissen versehen würde, als die sie vom Meer her über den Po erhielte. Diese Nachricht verursachte in Rom ein(Polyb. III. 227. Liv. XXI. 57.) so großes Schrecken, daß die Einwohner alle Augenblicke dachten, die siegreiche Ar mee käme schon vor ihre Mauern angezogen, ohne daß sie Hülfe übrig hätten, sie zu ver theidigen. Sie sagten, daß sie nach der
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Niederlage des Scipio beym Tesino noch ei nen Sempronius in Sicilien gehabt hätten, den sie zurück rufen können, seinem Colle gen zu Hülfe zu kommen. Nachdem aber beyde Consuln mit ihren Armeen geschlagen waren, welche andre Legionen und Feldher ren sollten sie dem siegreichen Feinde entge gen stellen? Diese traurigen Betrachtungen beschäf tigten die Römer nicht lange. Sie dachten nur darauf, wie sie den Folgen dieser un glücklichen Schlacht vorbeugen wollten. Man machte große Zurüstungen zum künf tigen Feldzuge. Man legte Besatzungen in die Städte. Man schickte Truppen nach Sicilien und Sardinien. Man ließ auch einige nach Tarent und nach allen wichtigen Posten marschiren. Man rüstete sechzig fünfruderichte Galeeren aus und man schick te an den König Hiero, eine Hülfe von ihm zu verlangen. Dieser König unterstützte sie mit fünfhundert Cretensern und tausend mit Schildern bewaffneten Soldaten. Kurz man traf alle nur ersinnliche Anstalten. Denn, sagt Polybius, das ist der Charak ter der Römer, zusammen und ein jeder be sonders betrachtet, wenn sie am meisten Ur sache zu fürchten haben, da sind sie am fürch terlichsten. Vor allen ließen sie den Consul Sempronius von der Armee kommen, bey der Versammlung den Vorsitz zu haben, in
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welcher man zur Wahl der neuen Consuln schreiten wollte. Man ernennte den Cn. Servilius und C. Flaminius zu diesen Wür den. Wir werden den Charakter des letz tern bald kennen lernen, nachdem wir erzählt haben werden, was in eben dem Jahre in Spanien vorgegangen war. Cn. Cornelius Scipio, welchem sein Bru(Cn. Cornel. Scipio ist in Spani en glück lich. Polyb. III. 228. Liv. XXI. 60. 61.) der das Commando der Seemacht überlas sen hatte, war von dem Einflusse der Rhone mit seiner ganzen Flotte abgeseegelt und lan dete bey Empurius (*). Er belagerte an der Küste bis an den Ebrus alle Städte, die sich nicht an ihn ergeben wollten, und be gegnete denen sehr gelinde, die sich ihm frey willig unterwarfen. Er nahm sich sehr in acht, daß ihnen kein Unrecht geschehen soll te, und legte gute Besatzungen in die neu eroberten Plätze. Er drang immer tiefer ins Land mit seiner Armee, die schon durch viele Spanier vermehrt war, die seine Bun desgenossen wurden, je weiter er anrückte. Bald nahm er sie freundschaftlich an; bald nahm er die sich widersetzenden Städte auf seinem Marsche mit Gewalt weg. Hannibal hatte dem Hanno das Com mando dieser Provinz über dem Ebro gege ben, und ihm befohlen, sie auf der Seite der Carthaginenser zu erhalten zu suchen. Um 134
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den Fortgang der Römer aufzuhalten, und nicht zu warten, bis sich das ganze Land für sie erklärt hätte, so schlug er in ihrem Gesichte sein Lager auf, und bot ihnen ein Treffen an. Scipio nahm es mit Freuden an. Weil er es nicht vermeiden konnte, mit dem Asdru bal und dem Hanno zu thun zu haben, so wollte er lieber mit einem jeden besonders schlagen, als sie beyde zugleich wider sich ha ben. Der Sieg kostete ihm wenig. Er tödtete den Feinden sechs tausend Mann, nahm den General selbst mit einigen seiner vornehmsten Kriegsbedienten nebst zween tau send Mann zu Kriegsgefangnen, wie auch die, welche zur Bewahrung des Lagers zu rück geblieben waren. Er bemächtigte sich desselben, wie auch der benachbarten Stadt Scißis (*), die er mit Sturm einnahm. Er machte eine sehr grosse Beute darinnen, weil alle, die mit dem Hannibal nach Italien ge gangen waren, ihre besten Geräthschaften hier gelassen hatten. Ehe sich das Gerücht von dieser Nieder lage ausgebreitet hatte, gieng Asdrubal mit acht tausend Mann zu Fuße und tausend Mann zu Pferde über den Ebro, dem Sci pio entgegen, in der Meinung, daß Scipio erst in Spanien angekommen wäre. Allein als er die Niederlage des Hanno bey Scißis, 135
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den Verlust seines Lagers und der Schlacht vernommen hatte, so wendete er sich nach der Meerseite. Er stieß nahe bey Tarra gon (*) auf die Matrosen und Schiffssolda ten der Flotte des Scipio, die sorglos auf dem Lande herum zerstreut waren, weil sie der glückliche Erfolg der Unternehmungen von der Landarmee sicher gemacht hatte. Er schickte seine Reuterey wider sie, die einen grossen Theil über die Klinge springen liessen, und die übrigen bis an ihre Schiffe zurück trieben. Hierauf zogen sie sich zurück. Er gieng wieder über den Ebro, schlug sein Winterqvartier zu neu Carthagena auf, wo er alle seine Aufmerksamkeit darauf wandte, neue Zurüstungen zu machen, und die Län der disseits dem Flusse wohl zu bewahren. Cn. Scipio bestrafte nach seiner Zurück kunft zur Flotte diejenigen, welche ihre Dien ste nachläßig gethan hatten, nach der Stren ge der Gesetze, vereinigte darauf beyde Ar meen, die zur See und die zu Lande, und nahm seine Winterqvartiere zu Arragon. Hier theilte er nach den Vorschrifften einer genauen Billigkeit den Raub unter die Sol daten, setzte sich damit in ihre Freund schaft, und machte, daß sie die Fortsetzung eines Krieges sehr eifrig wüuschtenwünschten, der ihnen so viele Vortheile brachte. So stun 136
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den in Spanien die Sachen der Römer und der Carthaginenser. (Hannibal geht nach Hetrurien. Liv. XXI. 58.) Hannibal führte nach der Schlacht beym Trebia noch verschiedne Unternehmungen aus, die aber nicht von großer Wichtigkeit waren. Die strenge Kälte nöthigte ihn, seinen Völkern einige Ruhe zu gönnen, da mit sie sich von so vielen ausgestandnen Be schwerlichkeiten wieder ein wenig erholen könnten. Sobald es ihm nach einigen noch unge wissen Merkmalen vorkam, daß sich der Frühling näherte, so zog er sie aus den Win terquartieren, um sie in Hetrurien zu füh ren, des Vorhabens, die Einwohner dieses Landes mit Güte zu gewinnen, oder sich die selben mit Gewalt zu unterwerfen, wie er es mit den Galliern und Liguriern gemacht hatte. Er mußte über den Appennin. Er wur de daselbst von einem so schrecklichen Stur me überfallen, daß ihm dasjenige, was er bey dem Ubergange über die Alpen ausge standen hatte, in Vergleichung mit dem, was er hier ausstehen mußte, fast noch we niger schrecklich vorkam. Ein gewaltiger Wind mit Regen untermischt gieng ihnen so heftig ins Gesicht, daß sie eins nicht vermei den konnten, sie mußten entweder ihre Waf fen fallen lassen, oder sie wurden umgewor fen, wenn sie sich wider diesen Sturm stem
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men wollten. Sie wurden also genöthigt, stille zu stehen. Allein weil sie vor dem Win de keine Luft schöpfen konnten, so kehrten sie ihm den Rücken zu und blieben eine Zeitlang in diesem Zustande ganz ruhig. Hier auf beraubte sie das Krachen des Donners und die Blitze, welche die allerschrecklichste Schlä ge begleiteten, auf einmal des Gebrauches der Augen und der Ohren; der Schauer überfiel sie und machte sie unbeweglich. End lich hörte der Regen auf. Allein weil der Wind, welches eine gewöhnliche natürliche Folge ist, sich noch heftiger erhub, so wur den sie genöthigt, an eben dem Orte gela gert zu bleiben, wo sie der Sturm überfal len hatte. Das war eine neue Beschwer lichkeit für sie, von der sie eben so abgemat tet wurden, als von der vorigen. Denn sie konnten ihr Gezelte nicht aufschlagen noch setzen, indem sie der Wind ihnen aus den Händen riß, oder sie ihnen vom Platze weg nahm. Da nun zu gleicher Zeit das Was ser, das den Wind in die Höhe getrieben hatte, auf dem Gipfel der Gebürge gefro ren und verdickt worden war, so fiel eine so große Menge Schnee und Schloßen, daß sie eine vergebliche Arbeit unterließen, sich al le auf die Erde warfen, unter der Last ihrer Gezelte und ihrer Kleider fast erdrückt wur den, ohne daß sie ihnen zu einer Bedeckung dienten. Die Kälte wurde darauf so stren
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ge und durchdringend, daß Pferde und Menschen lange Zeit sich vergebens bemüh ten, aufzustehen, indem ihre Nerven so er starrt waren, daß es ihnen unmöglich war, ihre Gliedmaßen zu bewegen, und sie zu ge brauchen. Nachdem sie endlich, als sie sich lange hin und her bewegt, wieder ein wenig Stärke und Muth bekommen, so fing man an von einer gewissen Weite zur andern Feu er anzuzünden, welches ihnen zu einer gros sen Erleichterung gereichte, und ihnen das Leben wieder zu geben schien: Hannibal blieb, als wenn er belagert gewesen wäre, noch zween Tage an diesem Orte, und ver ließ ihn nicht eher, als bis er viele Menschen und Pferde und die sieben Elephanten, die er nach der Schlacht beym Trebia noch behielt, verlohren hatte. Nachdem er den Appennin herunter war, so schlug er zehn Meilen von Placenz sein La ger auf. Den Morgen darauf suchte er den Feind mit zwölftausend Mann zu Fuße und fünftausend Reutern auf. Semproni us, der schon von Rom wieder gekommen war, schlug das Treffen nicht aus. Die beyden Armeen waren nicht weiter denn ei ne Meile von einander. Folgenden Tages zogen sie mit einer gleichen Hitze zum Tref fen aus, dessen Ausgang lange ungewiß war, indem bald diese bald jene Partey den Vor theil auf ihrer Seite hatte. Bey dem er
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sten Angriffe waren die Römer den Cartha ginensern so überlegen, daß sie dieselben in die Flucht trieben und bis in ihr Lager ver folgten. Ja sie unterstunden sich so gar, sie darinnen anzugreifen. Hannibal aber hatte an die Eingänge wenig Truppen gestellt, deren aber doch genug waren, sie zu verthei digen. Den andern befahl er, sich dicht bey einander in der Mitte des Lagers zu hal ten, bis er ihnen das Zeichen zum Angriffe der Feinde geben würde. Es war ungefähr des Nachmittags um drey Uhr, als Sem pronius zum Rückzuge blasen ließ, nachdem er seine Truppen vergebens abgemattet hat te, und die Hoffnung aufgab, das Cartha ginensische Lager zu erstürmen, und den Feind darinnen anzugreifen. So bald Han nibal den Rückzug der Römer bemerkte, be fahl er seiner Cavalerie, zur Rechten und zur Linken auszufallen, und auf sie einzustür men, indessen daß er durch den mittelsten Eingang ins Lager heraus brechen und sie mit dem Kerne seiner Infanterie anfallen würde. Das Treffen würde eins von den blutigsten gewesen seyn, wann es wegen des Tages hätte länger währen können. Die Nacht trennte die Streitenden, die schreck lich auf einander erhitzt waren. Es blieben also nicht so viel Leute, als nach der Hitze, womit man focht, hätten bleiben können. Der Verlust belief sich nicht höher, als auf
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sechshundert Mann zu Fuße und dreyhun dert Reuter auf beyden Seiten. Der Ver lust der Römer aber war wichtiger, so wohl wegen des Standes, als wegen der Menge der Todten, indem verschiedne edle Ritter, fünf Tribunen von den Legionen, und drey Commendanten der Aliirten auf dem Platze blieben. (Præfector.) Nach diesem Treffen zog sich Hannibal nach Ligurien. Bey seiner Ankunft liefer ten ihm die Einwohner zum Beweise ihrer Treue zween römische Quästoren, den L. Fulvius, und den C. Lucretius, zween Tri bunen über zwo Legionen, und fünf Ritter, die fast alle Söhne von Senatoren waren. Sempronius zog sich nach Lucca. Während des Winters ereigneten sich in (Liv. XXI. 62.) Rom und in den Gegenden um Rom viele Wunderzeichen, oder richtiger zu reden, man sprengte eine große Menge der selben aus, denen man leicht Glauben beymaß, wie solches zu geschehen pflegt, wenn sich der Aberglaube der Gemüther einmal bemächtigt hat.(*) Diese Worte des Livius sind merkwürdig. Sie zeigen, daß er weder so leichtgläubig noch so abergläubisch gewesen sey, als man 137
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insgemein von ihm glaubt. Man beobach tete alle in dergleichen Fällen vorgeschriebne Ceremonien sehr sorgfältig, und die Gemü ther beruhigten sich ungemein, nachdem die Opfer vollbracht waren, und man den Göt tern die Gelübde, welche die Sibylle vorge schrieben, gethan hatte. Man hatte den Cn. Servilius und C. Flaminius zu Consuln ernannt. Dieser lez(Charakter des Flami nius.) te hatte sich seit langer Zeit als einen unru higen, aufrührischen Kopf bekannt gemacht, der nicht fähig war, einen weisen Entschluß zu faßen, und, wenn er einen gefaßt hatte, war er schwer davon abzubringen. Wir haben gesehen, daß er zuerst während seines Tribunats mit den Senatoren viele Strei tigkeiten hatte; zum andernmale hatte er sie in seinem ersten Consulate, gleich anfangs wegen des Consulates selbst, als man ihn nö thigen wollte, dasselbe wieder aufzugeben, hier auf wegen des Triumphes, den man ihm nicht gestatten wollte. Er hatte sich hernach noch einmal bey den Senatoren verhaßt gemacht, bey Gelegenheit eines neuen Gesetzes, wel ches Q. Claudius wider ihren Befehl gege ben hatte, indem er unter allen Senatoren derjenige war, welcher ihn unterstützte. Die ses Gesetz verbot einem jeden Senator, eine Barke zu haben, die mehr denn dreyhun dert Amphora hielte, welche so viel sind, als 15625. Französische Pfunde, oder etwas we
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niger als 8. Tonnen, wie man auf dem Mee re rechnet (*) Q. Claudius hielt dafür, eine solche Barke wäre hinlänglich, die Früchte, die ein Senator in seinen Ländern erndtete, nach Rom zu bringen, in dem er es für ih ren Rang für unanständig hielt, für Geld mit ihren Lastschiffen die Erndte andrer Bür ger nach Rom zu schaffen. Der Haß des Senates diente nur dazu, ihm das Volk günstig zu machen, welches ihn aus einer blinbenblinden Liebe zum andernmale zum Consulate erhub. Er bildete sich ein, daß die Senatoren, um sich an ihm zu rächen, ihn zu Rom behal ten, und deswegen entweder die bösen An zeichen, oder die Feyer der lateinischen Feste oder sonst einen Vorwand vorschützen wür den, dessen man sich bediente, wenn man die Consuln in Rom zurück behalten wollte. Er hatte beschlossen, alle diese Schwierig keiten kurz zu heben, stellte sich erst an, als ob er auf dem Lande etwas zu thun hätte, und begab sich verstohlner Weise in seine Provinz, als er noch eine Privatperson war. Als dieses stadtkündig geworden, so wurden die schon gereizten Senatoren noch mehr wieder ihn aufgebracht. Man sagte öffent lich: æFlaminius hätte nicht allein dem Se nate, sondern den Göttern selbst den Krieg 138
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angekündigt. Das erstemal wäre er un geachtet der Anzeichen, die seiner Wahl entgegen gewesen wären, zum Consul ge macht worden. Er hätte über Götter und Menschen gelacht, die ihm gemeinschafftlich etwas das Treffen untersagt hatten. Itzt hätte er wegen der Vorwürfe, die ihm sein Gewissen deswegen machte, daß er keine Religion hätte, nicht auf dem Capitol er scheinen, und sein Consulat nicht mit den erhabnen Ceremonien antreten wollen, um nicht gehalten zu seyn, den Jupiter an ei nem so feyerlichen Tage anzurufen, um den Senat nicht um Rath zu fragen, den er unter den Römern allein haßte, und des sen Haß er verdiene, wie er selbst wisse, um sich den erhabensten und nöthigsten Cere monien zu entziehen, um in dem Capitole die gewöhnlichen Gelübde für die Wohl farth der Republik und die seinige nicht thun zu dürfen, und hernach erst, wenn er mit den Ehrenzeichen seiner Würde be kleidet worden, nach seiner Provinz abzu reisen. Er sey von Rom verstohlner Wei se als der geringste Knecht unter seiner Ar mee, ohne Lictoren, ohne gewöhnlicher maßen sich die Beile und Ruthen vortra gen zu lassen, als wenn er von seinem Va terlande verwiesen ins Elend gegangen wä re. Hielt er es denn für rühmlicher und anständiger für sich und sein Reich, eine
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so herrliche und große Ceremonie zu Ri mini, und nicht in Rom, und in einem Wirthshause vor seinen Haußgöttern zu verrichten?“ Die Klagen des Senats, die Abgeord neten, die man an ihn schickte, um ihn zu nöthigen, daß er zurückkommen, und mit den gewöhnlichen Gebräuchen seine Würde antreten möchte, vermochten über seinen Geist nichts. Er trat zu Rimini seine Wür de an. Nachdem er von dem Semproni us, dem einen Consul des vorigen Jahres zwo Legionen und von dem Prätor C. Atti lius zwo Legionen übernommen hatte, gieng er durch die Gebüsche des Appennins, um sich nach Hetrurien zu begeben.
(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G. Servilius geht nach Rimini. Liv. XXII. 1.)

Cn. Servilius, C. Flaminius zum zweiten male.

Servilius trat seine Würde an den I dus, oder den 15. Merz, an dem feyerlichen und zu dieser Ceremonie bestimmten Tage an. Er versammelte den Senat, um seinen Rath wegen der von ihm vorzunehmenden Kriegsoperationen zu vernehmen. Diese Berathschlagung gab Gelegenheit, die Vor würfe wider den C. Flaminius zu erneuern. Sie beklagten sich, zween Consuln gewählt zu haben, und wirklich doch nur einen zu ha ben. Denn Flaminius könnte nicht dafür
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gehalten werden, weil er ohne Ansehen und ohne die gewöhnlichen Ceremonien abgewar(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) tet zu haben, von Rom abgegangen sey. In dem Capitole empfingen die Consuln diese beyden Charaktere ihrer Würde vor dem Angesichte der Götter und des römi schen Volkes, nachdem sie die lateinischen Feste gefeyert und auf dem Albanischen Ber ge, und in dem Tempel des Jupiters die ge wöhnlichen Opfer dargebracht hatten, nicht aber in der Provinz und in einer fremden Gegend, wohin er nur als eine Privatper son gekommen war. Nachdem Servilius seine Verhaltungsbefehle erhalten hatte, so gieng er mit seinen Völkern nach Rimini, um den Feinden den Weg von dieser Seite her zu versperren. Er ließ Rom in einer großen Unruhe. Die Furcht wurde durch die schlimmen An zeichen vermehrt, die man von allen Orten her ausbreitete. Man verordnete Opfer, Processionen, und öffentliche Gebete in allen Tempeln. Außer vielen andern Handlun gen der Religion, verordnete man ein öffent liches Fest, und man kündigte die Saturna lischen Feste (*) durch ein Geschrey, welches einen Tag und eine Nacht nach einander fort gesetzt wurde. Man machte ein jährliches 139
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Fest daraus, und verordnete, daß das Volk (d. 535. J. v. E. R. d. 217. J. v. C. G.) dasselbe beständig feyern sollte. Ich werde die Umstände davon am Ende dieses Para graphen bemerken. Hannibal brachte den Winter mit seiner Armee in dem Cisalpinischen Gallien hin. Er begegnete den Gefangnen verschiedent lich, nachdem es Römer oder Bundesge nossen der Römer waren. Er behielt die Römer gefangen und gab ihnen kaum den nothwendigsten Unterhalt. Den Gefange nen der Aliirten begegnete er hingegen mit der größten Gelindigkeit. Er versammelte sie eines Tages und sagte zu ihnen: æEr wäre nicht gekommen, mit ihnen Krieg zu führen, sondern sie wider die Römer zu vertheidigen. Wenn sie also ihren eignen Nutzen kennten, so müßten sie seine Partey ergreifen, weil er nicht über die Alpen ge gangen wäre, als in der Absicht, Italien in Freyheit zu setzen, und ihnen behülflich zu seyn, daß sie wieder zum Besitze der Städte und Ländereyen gelangen könnten, woraus die Römer sie vertrieben hätten.“ Nachdem er diese Rede an sie gehalten hat te, schickte er sie ohne Lösegeld wieder in ihr Vaterland. Dieses war eine List, die Völ ker in Italien von den Römern abwendig zu machen, sie zur Vereinigung mit ihm an zureizen, und alle diejenigen zu seinem Be
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sten aufzubringen, deren Städte oder Ha(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G. Polyb. III. 229. Liv. XXII. 1. App. 316.) fen unter der Gewalt der Römer waren. In eben diesen Winterquartieren ersonn er eine eben so Carthaginensische List. Er war mit veränderlichen und leichtsinnigen Völkern umgeben, und die Verbindung, in welche er mit ihnen getreten war, war noch ganz neu. Er mußte befürchten, wenn sie die Gesinnung gegen ihn änderten, daß sie ihm nachstellen und ihn ums Leben zu brin gen suchen möchten. Um nun also sicher zu seyn, so ließ er so vielerley falsche Haare und Kleidungen für alle Alter machen, und ver kleidete sich so oft bald in diese bald in jene Gestalt, daß er nicht allein von denen, die ihn nur im Vorbeygehen sahen, sondern selbst von seinen Freunden mit vieler Mühe erkannt werden konnte. Unterdessen waren die Gallier sehr unge dultig darüber, daß der Krieg in ihrem Lan de geführt wurde. Die Hoffnung der Beu te hatte sie nur angereizt, die Partey des Hannibal zu nehmen. Sie sahen aber, daß ihr Land, an statt daß sie sich von andern bereichern sollten, von beyden feindlichen Ar meen, die ihre Winterquartiere darinnen genommen hatten, verwüstet wurde. Han nibal hatte von diesem Misvergnügen, das schon in Murren und fast in öffentliche Kla gen ausbrach, alles zu befürchten. Um nun den üblen Folgen vorzukommen, verließ er
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(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) das Land so bald als der Winter vorbey war. Er wußte, daß Flaminius zu Arre tium angekommen war. Er richtete also seinen Marsch nach dieser Seite zu. Er fing an sich bey denen, welche des Landes kun dig waren, wegen des Weges, den er neh men mußte, um den Feinden entgegen zu kommen, zu erkundigen. Man zeigte ihm verschiedne an, die ihm allzu lang vorkamen, und die ihm der Gefahr aussetzten, von den Feinden abgeschnitten zu werden. Es war auch ein Weg, welcher durch gewisse Mo räste führte. Dieser war mehr nach seinem Geschmacke, und seinem feurigen Verlan gen gemäßer, je eher je lieber mit dem Consul ein Treffen zu wagen, ehe er sich noch mit seinem Collegen vereinigen möchte. Er zog also diesen Weg dem andern vor. Als sich das Gerücht davon ausbreitete, so erschrack ein jeder. Ein jeder zitterte bey dem Anblicke der Beschwerlichkeiten und Ge fahren, die bey dem Ubergange über diese Moräste auszuhalten seyn würden, zumal da sich der Arno seit einigen Tagen darein ergossen hatte. Hannibal, welcher wohl unterrichtet war, daß der Boden fest wäre, hub sein Lager auf, und nahm zum Vorzuge die Africa ner, Spanier, und die andern besten Trup pen. Er mengte Bagage darunter, damit ihnen nichts fehlen möchte; in der Mitte be
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fanden sich die Gallier, und der Nachzug be(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) stund aus der Reuterey. Er hatte dem Ma go das Commando darüber aufgetragen mit dem Befehle, die Gallier mit Güte oder Gewalt zum Marsche zu nöthigen, wofern sie sich weigern und aus Untreue den Weg wieder umkehren wollten. Die Spanier und Africaner giengen oh ne sonderliche Mühe durch die Moräste hin durch. Man war in denselben noch nicht marschirt: also waren sie unter ihren Füs sen noch fest genug. Zudem waren es Sol daten, die der Beschwerlichkeiten und sol cher Arbeiten gewohnt waren. Aber so war es nicht, als die Gallier darüber marschir ten. Der Morast war von den vorherge henden zertreten worden. Es war überaus schwer, fortzukommen. Sie waren zu so beschwerlichen Märschen nicht gemacht, und sie hielten zumal diesen mit der größten Un geduld aus. Unterdessen war es ihnen doch auch nicht möglich umzukehren. Die Ca valerie trieb sie immer vorwärts. Es ist gewiß, daß die ganze Armee viel auszuste hen hatte. Vier Tage und vier Nächte nach einander hatten sie den Fuß beständig im Wasser. Die Gallier mußten aber mehr, als alle andere dabey leiden. Die meisten Lastthiere starben im Schlamme. Allein sie waren auch alsdann noch in diesen Umstän den von einigem Nutzen. Ausser dem Was
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(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) ser, das sie trugen, dienten sie auch dazu, daß die Soldaten einen Theil der Nacht dar auf schlafen konnten. Viele Pferde verloh ren dabey die Hufe an den Füssen. Han nibal selbst, welcher auf dem einzigen noch übrigen Elephanten war, hatte die größte Mühe von der Welt, heraus zukommen. Ein Fluß an den Augen, den ihm im Früh jahr die abwechselnde Kälte und Wärme, die beständige Schlaflosigkeit und die gro ben Ausdünstungen des Morastes verursach ten ihm viel Schmerzen. Und weil er sich itzt nicht verweilen konnte, um sich heilen zu lassen, so beraubte ihn dieser Zufall eines Au ges. Als er aus diesen morastigen und feuch ten Gegenden heraus war, so schlug er an dem ersten trocknen Orte sein Lager auf, da mit sich seine Völker ein wenig erholen soll ten. Nachdem er durch seine ausgeschickten Reuter erfuhr, daß sich die feindliche Armee noch bey Arretium aufhielt, so gab er sich außerordentlich viel Mühe, den Charakter des Flaminius, sein Vorhaben, die Lage des Landes, die Mittel, deren er sich bedie nen müßte, Lebensmittel und Fütterung für seine Armee zu erhalten, die Wege, wodurch er sie in sein Lager bringen lassen könnte, und überhaupt alles kennen zu lernen, was ihm in den gegenwärtigen Umständen vornehm lich dienlich seyn konnte; Eine Aufmerksam
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keit, die eines großen Feldherrn würdig ist,(d 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) der nicht den Zufall den Krieg führen lassen will. Er erfuhr also, daß das Land zwi schen Fäsulis und Arretium der fruchtbar ste Strich in Italien ist, daß man daselbst einen Uberfluß von Heerden, Geträide und allerley Früchten, die die Erde zur Erhal tung der Menschen hervorbringt, antrifft. Was den Flaminius anbelangte, so war er zwar geschickt, sich in die Gemüther des Pö bels einzuschmeicheln, allein er war unge schickt, was so wohl die Kunst zu regieren, als die Kunst Krieg zu führen betraf. Dem ungeachtet hatte er die hohe Einbildung von sich, daß er in beyden sehr geschickt wäre, und deswegen fragte er niemanden um Rath, nahm auch keinen Rath an. Im übrigen war er hitzig, ungestüm, und bis zur Unbesonnenheit verwegen. Hannibal machte den Schluß daraus, wenn er das Land vor seinen Augen verwüsten ließe, so würde er ihn gewiß zum Treffen reizen. Er that alles, was die aufwallende Ge(Polyb. III. 233. Liv. XXII. 3. Appian. 319.) müthsart seines Feindes aufbringen, und ihn unfehlbar in die Fehler stürzen mußte, die ihm natürlich waren. Er ließ also die römische Armee zur Linken, und zog sich zur Rechten nach Fäsulum hin. Er sengte und brennte in dem schönsten Lande von Hetru rien, und zeigte dem Consul so viel Verwü stung und Ruin, als nur möglich war. Fla
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(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) minius hatte den Charakter nicht, sich in sei nem Lager ruhig zu halten, und wenn auch Hannibal in dem seinigen wäre ruhig geblie ben. Allein als er sah, daß man das Land der Aliirten vor seinen Augen verwüstete, daß man den Raub ungestraft wegführte, und ihm der Rauch auf allen Seiten den Ruin des ganzen Landes verkündigte, so glaubte er, es wäre eine Schande für ihn, daß Han nibal ungescheut mitten in Italien marschir te, und bereit wäre, sich selbst den Mauern Roms zu nähern, ohne daß er einigen Wi derstand fände. Es war vergebens, daß ihn der ganze Kriegsrath bereden wollte, ædie sicherste Partey der rühmlichsten vorzuzie hen, seinen Collegen zu erwarten, damit man den Feind mit den vereinigten Kräf ten des Reiches bestreiten könnte, sich da mit zu begnügen, daß er einige Cavalerie und leichtbewaffnete Völker ausschickte, und die Feinde zu verhindern suchte, nicht mehr so frey und sicher zu plündern und zu verheeren.“ Flaminius konnte diese klugen Vorstellungen nicht ohne Widerwillen an hören. Er verließ den KrirgsrathKriegsrath auf eine sehr ungestüme Weise und gab zu gleicher Zeit das Zeichen zum Aufbruche und zum Treffen. Ja doch, sagte er, wir wol len vor Arretium sitzen bleiben und die Hände in den Schoos legen, denn hier ist unser Vaterland; hier sind
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unsre Hausgötter. Wir wollen den(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) Hannibal aus unsern Händen entwi schen, Italien ungestraft verwüsten, und ihn bis an die Thore von Rom alles in Blut und Flammen setzen se hen. Wir aber wollen uns ja in acht nehmen, nicht eher von hier weg zu gehen, bis ein Senatsschluß den Fla minius von Arretium, wie ehemals den Camillus von Vejent seinem Va terlande beyzuspringen zurück ruft. Indem er dieses sagte, sprang er auf sein Pferd. Das Pferd fiel unter ihm nieder und machte, daß er vorn auf die Stirne fiel. Alle Anwesenden erschracken über diesen Zu fall, und hielten es für ein schlimmes Anzei chen. Er machte sich nichts daraus. Als ihm der Vornehmste von denen, welche die Auspicia beobachteten, sagte, daß die Hü(Cic. de di- vin. I. 77.) ner nicht fräßen, und er die Schlacht auf ei nen andern Tag verschieben müßte, so ant wortete Flaminius: Und wenn es ihnen wieder ankömmt, daß sie nicht fres sen wollen, was muß man alsdenn thun? Sich ruhig halten, versetzte die ser. Schöne Anzeichen! antwortete Flaminius wieder. Wenn die Hüner guten Appetit haben, so kann man ein Treffen liefern. Wenn sie nicht fressen wollen, weil sie satt sind, so muß man sich inacht nehmen, daß
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(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) man ja keine Schlacht liefert. Er be fahl hierauf, daß man die Fahnen nehmen und ihm folgen sollte. In dem Augenblicke gab man ihm Nachricht, daß ein Fähndrich, so viel er sich Mühe gäbe, seine Fahne nicht aus der Erde ziehen könnte. Flaminius ließ nicht das geringste Erstaunen darüber blicken, wandte sich zu demjenigen, der ihm diese Neuigkeit brachte. Bringst du mir nicht auch Briefe vom Senat, sagte er, um mich zu verhindern, daß ich kein Treffen liefern soll? Gehe, sage dem Fahnenträger, wenn seine Hän de vor Furcht erstarret sind, so mag er die Erde um die Fahne herum aus graben, um seine Fahne heraus zu ziehen. Nunmehr fing die Armee an zu marschi ren. Unterdessen daß der Stolz des Feld herrn dem Soldaten eine gewisse Freude er weckte, welcher von dem zuversichtlichen An sehen desselben hingerissen wurde, ohne die Ursachen zu ergründen, woher diese Zuver sicht bey ihm kam, so erschracken die vor nehmsten Kriegsbedienten, welche im Kriegs rathe einer ganz widrigen Meinung gewesen waren, noch mehr vor dem doppelten An zeichen, wovon sie Zeugen waren. Unterdessen rückte Hannibal immer näher gegen Rom an, ließ Cortona zu seiner Lincken, und die See Trasimen zu seiner Rechten lie
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gen. Als er sah, daß sich der Consul nä(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) herte, so lernte er die Gegend kennen, um nach seinem Vortheile eine Schlacht zu lie fern. Auf seinem Wege traf er ein sehr eb nes und weites Thal an. Zwo Reihen Ber(Berühmte Schlacht bey der See Tra simen. Polyb. III. 234. 236. Liv. XXII. 4-7. Plutarch. in Fab. 175.) ge schlossen die Länge hin das Thal auf bey den Seiten ein. Hinten schloß es ein steiler und schwer zu ersteigender Hügel. Bey dem Eingange zeigte sich die See. Zwischen der See und den Gebürgen war ein enger Paß, welcher in das Thal führte. Er zog sich durch diesen engen Weg, und setzte sich mit den Spaniern und Afrikanern auf den hintersten Hügel. Zur rechten ordnete er hinter die Gebürge die Balearischen Schleuderer und andre Schützen. Die Cavalerie und Galli er ordnete er zur Lincken hinter die Gebürge, so daß die letzten an den engen Weg reichten, durch welchen man in dieses Thal kam. Er brachte eine ganze Nacht zu, beqveme Hin terhalte zu legen. Hierauf erwartete er den Angriff des Feindes ganz ruhig. Der Consul marschirte mit einer ausser ordentlichen Begierde, an den Feind zu kom men, immer fort. Den ersten Tag lagerte er sich, weil er sehr spät anlangte, an der See. Man brauchte keine grosse Erfahrung im Kriege zu besitzen, um einzusehen, daß man seinem Untergange entgegen eilte, wenn man sich in diesen engen Weg wagte. Un terdessen ließ der Consul früh mit dem anbre
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(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) chenden Tage seine Truppen einrücken, ohne erst so vorsichtig gewesen zu seyn, daß er we gen der Beschaffenheit der Gegend einige Erkundigung eingezogen hätte, ohne zu war ten, bis ihm der Tag Licht genug gäbe. Er trieb seinen thörichten Stolz so weit, daß er einen Haufen Knechte von der Armee mit Ketten nachfolgen ließ, worein er die in sei ner Einbildung schon überwundnen Cartha ginenser schlagen lassen wollte. Es war die sen Morgen ein dicker Nebel aufgestiegen. Als der Consul seine Truppen in der Ebne ausgebreitet hatte, so dachte er, daß er nur mit den Carthaginensern, die vor ihm stun den und die Hannibal anführte, zu thun ha ben würde. Er dachte nicht, daß noch hin ter den Gebürgen Truppen in Hinterhalten verborgen liegen könnten. Hannibal ließ ihn bis in die Mitte des Thals anrücken, und als ihm der Vorzug der Römer nahe genug war, so gab er das Zeichen zur Schlacht, und schickte denen im Hinterhalte Befehl zu, zu gleicher Zeit den Feind auf allen Seiten an zufallen. Man kann denken, wie groß die Unruhe und Bestürzung unter den Römern wurde. Sie waren noch nicht in Schlachtord nung gestellt, und hatten ihre Waffen noch nicht zurechte gemacht, als sie sich zugleich von vorne, von hinten und in den Seiten an gefallen sahen. Flaminius, dem sonst alle
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Eigenschafften eines guten Feldherrn fehlten,(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) hatten<hatte> unterdessen doch Muth. Er war in einer so allgemeinen Bestürzung allein uner schrocken, er munterte seine Soldaten mit der Hand und mit der Stimme auf, und ermahnte sie, sich mit dem Schwerdte durch die Feinde einen Weg zu bahnen. Allein der Tumult, der überall herrschte, das schreck liche Geräusch der Streitenden, und der Ne bel, der aufgestiegen war, machten, daß er weder gesehen noch gehört werden konnte. Als sie unterdessen sahen, daß sie auf allen Seiten entweder von den Feinden, oder von der See und den Gebürgen eingeschlossen waren, so erweckte die Unmöglichkeit, sich durch die Flucht zu retten, ihren Muth wie der, und man fing auf allen Seiten mit ei ner erstaunlichen Hitze zu fechten an. Der Grimm war bey beyden Armeen so groß, daß niemand das Erdbeben merkte, das um die se Zeit fast ganze Städte in den meisten Ge genden von Italien umstürzte, und schreck liche Wirkungen hervor brachte. Das Treffen währte drey Stunden. Nachdem Flaminius durch einen Insubri schen Gallier getödtet worden war, so fingen die Römer an zu weichen, und ergriffen dar auf offenbar die Flucht. Viele, welche sich zu retten suchten, stürzten sich in die See. Andre, die den Weg nach den Gebürgen zu nahmen, stürzten sich mitten unter die Feinde,
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(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) die sie vermeiden wollten. Sechs tausend öffneten sich mitten durch die Uberwinder ei nen Weg, und begaben sich an einen sichern Ort. Allein sie wurden den Morgen darauf von dem Maharbal zu Gefangnen gemacht, der sie belagerte, und sie so in die Enge trieb, daß sie sich ergaben, und die Waffen nieder legten, unter dem Versprechen, welches ih nen gethan wurde, daß sie die Freyheit ha ben sollten, sich zurück zu begeben. Dieses war die Schlacht bey der See Trasimen, welche die Römer unter die Zahl ihrer größten Unglücksfälle rechnen. Das war die Frucht von der Verwegenheit des Flaminius. Ihm kostete es das Leben, und Rom den Verlust so vieler tapfern Solda ten, welche unter einem andern Generale un überwindlich gewesen seyn würden. Die Römer verlohren funfzehn tausend Mann in dem Treffen selbst. Zehn tausend ungefähr flüchteten auf unterschiednen Wegen nach Rom. Die Carthaginenser verlohren nur funfzehnhundert Mann, allein es starben ih nen viel Verwundete. Hannibal begegnete den Römischen Gefangnen sehr hart, selbst denjenigen, welche sich an den Maharbal er geben hatten, indem er vorgab, daß dieser Officier ohne seine Einwilligung keine Ca pitulation mit ihnen hätte schliessen können. Was die lateinischen Bundesgenossen der Römer anbelangte, so schickte er sie ohne
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Lösegeld nach ihrem Vaterlande. Er gab(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) sich umsonst Mühe, als er den Leichnam des Flaminius aufsuchen ließ, um ihn anständig begraben zu lassen. Er erwies den Officie ren und Soldaten seiner Armee die letzten Ehrenbezeugungen, welche auf der Wahlstadt ihr Leben gelassen hatten. Hierauf ließ er seine Völker in die Erfrischungsqvartire ge hen. Es ist nicht nöthig, alle Fehler, die Fla minius begieng, hier zusammen auf einem Anblick zu zeigen. Sie fallen so sehr in die Augen, und sind so grob, daß sie der blödsich tigste Mensch sehen muß. Das ist die Wir kung einer thörichten Eigenliebe, und eines lächerlichen Stolzes, der bey keinem Entschlusse bey sich ansteht, der sich zu entehren glaubt, einen Rath zu verlangen, oder anzunehmen, der sich stets mit einem glücklichen Erfolge schmeichelt, ohne die geringsten Anstalten ge troffen zu haben, sich desselben zu versichern, und der die Gefahr nicht eher sieht, als bis sie nicht mehr zu vermeiden ist. Wie weit ist nicht Hannibal von ihm un terschieden, der in diesem Treffen alle Eigen schaften eines grossen Feldherrn zeigt, der wachsam und geschäftig ist, der vorher sieht, was erfolgen kann, der eine tiefe Einsicht in die Vorschriften der Kriegswissenschaft, eine Kenntniß aller Kriegslisten, eine unermüd liche Aufmercksamkeit, sich von allem zu un
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(d. 535. J. v. E. R. d. 217. J. v. C. G.) terrichten, und eine bewundernswürdige Geschicklichkeit besitzt, sich alle Umstände der Zeit, der Oerter und der Personen zur Ausführung seiner Absichten anzuwenden weiß! Ich kann es dem römischen Volke nicht vergeben, daß es aus einem Vorurtheile ge gen einen aufrührischen Geist, der ihm zu schmeicheln wußte, einem so fürchterlichen Feinde einen so schlechten Feldherren, als Flaminius war, entgegen gesetzt hat. Sol che Wahlen, die nicht selten sind, bringen oft einen Staat so weit, daß er nur wenig Schritte noch von seinem Untergange ent fernt ist. (Schrecken in Rom ü ber diese Niederla ge. Polyb. III. 236. Liv. XXII. 7.) Sobald man in Rom die Nachricht von der Niederlage der Armee an der See Tra simen erhielt, so lief das ganze Volk auf den Markt voll Schrecken und Bestürzung. Die Damen irrten auf den Gassen herum, und fragten diejenigen, so sie antrafen, was denn vor eine traurige Neuigkeit erschollen wäre, und in welchen Umständen sich die römische Armee befände. Man versammelte sich da, wo die Reden an das Volk gehalten wur den, und an dem Orte, wo sich der Senat zu versammeln pflegte, und man bat die Ma gistratspersonen, daß sie sich hieher begeben möchten, um von ihnen den Verlauf der Sachen zu erfahren. Endlich ließ sich ge gen den Abend der Prätor M. Pomponius
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öffentlich sehen. Er gab sich keine Mühe,(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) eine so traurige Neuigkeit zu verringern; das Unglück war allzugroß, als daß man es hätte vermindern können. Wir haben, sagte er, eine große Schlacht verloh ren. Ob er sich gleich in keine umständli che Beschreibung eingelassen hatte, so erzähl ten doch Privatpersonen nach ungewissen Gerüchten verschiedne Umstände: Der Con sul wäre geblieben; der größte Theil der Armee wäre niedergehauen worden; es hät ten sich nur sehr wenig Soldaten gerettet, die auf der Flucht in Hetrurien zerstreut o der von dem Uberwinder wären gefangen genommen worden. Diejenigen, deren Anverwandten unter dem Consul Flaminius Dienste gethan hat ten, waren von so vielen Unruhen eingenom men, als mannigfaltig die traurigen Schick sale sind, welche den Uberwundnen begeg nen können. Niemand wußte noch, was er fürchten, oder hoffen sollte. Den Tag dar auf sah man viele Bürger vor den Thoren der Stadt, doch ungleich mehr Weiber, als Männer, welche die Rückkunft ihrer An verwandten oder derer, so ihnen Nachricht von ihnen geben konnten, erwartteten. Wenn einer von ihrer Bekanntschaft an kam, so umringten sie ihn so gleich, und ver ließen ihn nicht eher, als bis sie alle beson dern Nachrichten, die sie wissen wollten, von
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(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J. v. C. G.) ihm erhalten hatten. Sie kehrten hierauf wieder nach ihren Häusern; in ihren Ge sichtern zeigten sich Schmerz oder Vergnü gen, nach dem die Nachrichten beschaffen waren, die sie erhielten, und sie wurden von Leuten begleitet, die ihnen entweder Glück wünschten, oder sie beklagten. Die Weiber ließen noch mehr als die Männer, ihre Freude oder Traurigkeit se hen. Man erzählt, daß eine an den Tho ren der Stadt selbst bey dem unvermutheten Anblicke ihres Sohnes, der von der Armee zurücke kam, vor Freuden gestorben sey, daß eine andre, welcher man eine falsche Nach richt von dem Tode des ihrigen gegeben hat te, vor Vergnügen ihren Geist aufgegeben habe, als sie ihn in ihre Wohnung kommen sehen, wo sie sich dem Schmerze ganz über lassen gehabt. Die Prätoren blieben ver schiedne Tage nach einander vom Morgen an bis auf den Abend versammelt, um wegen der Mittel zu berathschlagen, was man thun, und welchen Feldherrn und welche Truppen man den sieghaften Carthaginensern entge gen setzen solle. (Liv. XXII. 8.) Ehe sie noch einige gewisse Anstalten ge troffen hatten, kam wieder eine traurige Nachricht von einem neuen Unglücke. Han nibal hatte vier tausend Reuter geschlagen, welche der Consul Servilius seinem Collegen zur Hülfe zuschickte, die aber in Ombrien
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stehen blieben, als sie vernahmen, was bey(d. 535. J. n. E. R. d. 217. J v. C. G.) der See Trasimen vorgegangen war. Die ser Verlust machte einen unterschiednen Ein druck in die Gemüther. Einige sahen ihn als etwas geringes in Vergleichung mit dem vorigen an, womit sie nur ganz allein be schäftigt waren (*). Die andern beurtheil ten diesen Verlust nicht nach der Anzahl de rer, die man eingebüßt hatte. Allein wenn ein Körper durch eine gefährliche Kranckheit schon geschwächt ist, so kann ihn der geringste Zufall völlig entkräften, unterdessen daß ein frischer und gesunder Körper einen weit här tern Sturm aushalten kann. Eben so muß te man den itzigen Verlust, wie viele dafür hielten, nicht an sich selbst, sondern in Anse hung der schon erschöpften Kräfte der Repu blik betrachten, welche sie ausser den Stand setzten, den kleinsten Stoß auszuhalten. In so traurigen Umständen nahm man seine Zu flucht zu einem Mittel, das man lange nicht gebraucht hatte. Man beschloß, einen Dicta tor zu ernennen. Wir werden in dem fol genden Theile sehen, auf wen die Wahl fiel. 140
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Abhandlung von den Saturnalischen Festen. Die Saturnalischen Feste waren dem Sa turn zu Ehren angestellt. Die fabel hafte Geschichte von diesem GOtt enthält un ter vielen Erdichtungen auch viele histori sche Wahrheiten von ihm. Man hält da für, daß dieser Saturn ein sehr mächtiger König gewesen sey. Als rrer nach verschied nen Begebenheiten von seinem Sohne, dem Jupiter, überwunden worden, der sich seines Thrones bemächtigt hatte, so flüchtete er zum Janus, dem Könige der Aborigener in Ita lien, von dem er wohl aufgenommen wurde. Er regierte mit ihm über diese wilden Völ ker (*), besserte ihre Sitten, gab ihnen Ge setze, lehrte sie den Ackerbau, erfand die Si chel, die bey der Erndte gebraucht wird, und die sein unterscheidendes Kennzeichen geblie ben ist. Der Friede und der Uberfluß, den 141
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sie während seiner Regierung genossen, mach te, daß man diesen Zeiten den Nahmen des güldenen Jahrhundertes gab, und um sein Andenken zu erhalten, wurden diese Satur nalische Feste eingesetzt. Man bemühte sich besonders bey diesem Feste die Gleichheit, welche zu den Zeiten des Saturns unter den Menschen herrschte, wel che nach den Gesetzen der Natur ohne die Verschiedenheit der Stände lebten, vorzu stellen. Denn die Knechtschaft war nur durch die Gewaltthätigkeit und Tyranney in der Welt eingeführt worden. Dieses Fest fing sich, wie man dafür hält, zu den Zeiten des Janus an, welcher den Saturn überlebte, und man setzte ihn un ter die Zahl der Götter. Ursprünglich war dieses Fest nur ein Fest des Volkes. Tullus Hostilius bestätigte dasselbe durch die öffent liche Gewalt und erhob es zu einem öffentli chen Feste, zum wenigsten that er ein Gelüb de deswegen. Es scheint, daß dieses Ge lübde nicht eher als unter dem Consulate des A. Sempronius und des M. Minutius er füllt worden sey, zu deren Zeiten man den dem Saturn gewidmeten Tempel einweihte, welcher der Schatz des Römischen Volkes, ærarium, wurde, wo man die öffentlichen Einkünfte und die Acten der Republik ver wahrte. Zugleich wurde auch das Satur nalische Fest mit allen Ceremonien angeord
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net und eingesetzt. Die Feyer wurde ver muthlich in der Folge unterbrochen, und in dem andern Jahre des Krieges wider den Hannibal auf ewig wieder hergestellt und er neuert. Solches geschah unter dem Con sulate des Cn. Servilius und des C. Flami nius, wie von uns bemerckt worden ist. Diese Feste waren Tage der Freuden. (*) Sie wurden in lauter Ergetzlichkeiten zuge bracht. Die Römer legten ihre Toga ab, und erschienen öffentlich in der Kleidung, die sie bey Gastmalen anlegten. Sie schickten einander Präsente, welche apophoreta hießen, und dem Martial Gelegenheit gege ben haben, das letzte Buch seiner Uberschrif ten also zu benennen. Die Glücksspiele, die zu andern Zeiten verboten waren, wurden itzt zu gelassen. Der Senat hatte keine Sitztage. Die Gerichte, und die Schulen waren geschlossen. Man hielt es für ein schlimmes Anzeichen in dieser der Freude ge widmeten Zeit Krieg anzufangen, oder die Verbrecher zu bestrafen. Die Kinder kündigten dieses Fest an, die den Abend vorher auf den Gassen herum lie (Dio LX. 677.) fen und Io Saturnalia ausriefen. Man sieht noch Münzen, worauf diese Worte ge prägt sind. Darauf gründet sich die bittre Spötterey, welche der berühmte Narciß, der 142
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Freygelaßne des Kaisers Claudius, erdulden mußte, als er von diesem Kaiser nach Galli en geschickt wurde, einen Aufruhr unter den Truppen zu stillen. Als er auftrat, eine Re de an statt des Generals an die Armee zu hal ten, so fingen die Soldaten an zu schreyen: Io Saturnalia, womit sie sagen wollten, daß itzt das Fest des Saturns wäre, wo die Sklaven Herren vorstellten. Dieses Fest dauerte anfangs nur einen Tag. In der folgenden Zeit währte es drey Tage, denn fünf, denn sieben Tage, indem man zween Tage von einem gleich darauf fol genden Feste damit vereinigte. Es wurde im Monat December D. XIV. Kal. Ian. ge feyert (*). Der besonderste und merkwürdigste Ge brauch von den Gebräuchen, die während dieses Festes beobachtet wurden, war der, so die Sklaven angieng, und deswegen habe ich ihn bis auf die letzt aufgehoben. Ich ha be schon angemerkt, daß dieses Fest in der Absicht gestiftet worden war, daß man das Andenken von der ehmaligen natürlichen Gleichheit unter den Menschen erhalten woll te. Deswegen wurde an diesem Feste die 143
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Macht der Herren über ihre Sklaven eine Zeitlang aufgehoben (*). Man machte sich ein Vergnügen daraus, Stand und Ver gnügen mit ihnen zu verwechseln. Die Her ren gaben ihnen die Herrschaft über das gan ze Haus, das ihnen wie eine kleine Republik unterthan wurde. Sie verlangten, daß man denselben eben so viel Ehrerbietung bezeigen, und ihnen eben die Dienste leisten sollte, die man ihnen leistete. Sie liessen sie nicht al lein an ihre Tafel setzen, sondern sie warte ten ihnen auch selbst auf, wie Athenäus an merkt. Endlich gaben sie ihnen die Freyheit zu sagen und zu thun, was sie nur wollten. Das ist das Recht, dessen Gebrauch Horaz seinem Sklaven, dem Davus erlaubt, wel cher ihm viel sagen wollte, sich aber fürchte (Satyr. 7. libr. 2.) te, daß es ihm misfallen möchte. Gebrau che, sagte der Herr zu seinem Knechte, dich der Freyheit, die dir der Monat De cember giebt. Age: libertate Decembri (Quando ita maiores voluerunt) vte re: narra. Die unumschränkte Gewalt, welche die Herren über ihre Knechte hatten, konnte 144
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leicht in eine Grausamkeit und Tyranney ausarten. Der Gebrauch, von dem wir reden, war also sehr weise, sie zu erinnern, daß die Sklaven Menschen, wie sie wären, daß man ihnen folglich menschlich begegnen, und sie gewisser maßen als Tischgenossen und Freunde von einer niedrigern Gattung anse hen müsse (*). Dieses war auch die Ursa che (**), daß man in Rom bey derjenigen Ceremonie, welche den Menschen am meisten Empfindungen der Gefälligkeit gegen sich al lein und des Stolzes beybringen konnte, ich meyne den öffentlichen Triumph, wo der Uberwinder auf einem prächtigen Wagen dem ganzen Volke ein Schauspiel wurde, daß man, sage ich, alsdenn einen Sklaven hinter ihn stellte, der ihn beständig daran er innern mußte, daß er ein Mensch wäre. Man weiß, was die Lacedämonier für Grausamkeiten an den Iloten, die ihre Skla ven waren, ausübten. Dieses geschah in 145 146
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(Plutarch. in Coriol. p. 225.) Rom nicht, und Plutarch giebt eine sehr na türliche und begreifliche Ursache davon an. æMan begegnete, sagt er, als er von den er sten Zeiten der Republik redet, den Sklaven mit vieler Gelindigkeit. Die Herren sahen sie mehr als Cameraden, als ihre Sklaven an, weil sie mit ihnen das Feld bauten und mit ihnen lebten. Deswegen erwiesen sie sich sehr gütig gegen sie, und verstatteten ihnen eine Freyheit und Vertraulichkeit, welche ihre Sklaverey sehr verringerte.“ Ich will itzt nicht daran gedenken, was die Religion in diesem Falle für Vorschrif ten giebt. Die Herren gewinnen allezeit da bey, wenn sie ihren Knechten gütig und menschlich begegnen. Die Liebe dient mit einer ganz andern Treue und mit einem ganz andern Eifer, als die Furcht(*). Seneca wünscht einem seiner Freunde deswegen Glück, daß er gelind und gütig gegen seine Sklaven ist, und er ermahnt ihn stark, die frostigen und ungerechten Vorwürfe (**) derjenigen nicht zu achten, welche es ihm für übel hielten, daß er sich zu denen, die ihm dienen, herunter läßt, und daß er sie nicht 147 148
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seine Herrschaft mit einem stolzen und übermü thigen Gesichte empfinden läßt. Uberdieß befanden sich in Rom Sklaven von seltnen Verdiensten, was sowohl den Verstand und die Wissenschaften, als was ihre Treue und Tugend anbelangte. Die Knechtschaft betrift nur den Leib, und ver mag über die Seele nichts (*). Der Leib kann gekauft und verkauft werden: die See le bleibt beständig frey und unbeherrscht. Das ist so wahr, sagt Seneca, daß wir nicht be rechtigt sind, ihnen alles zu befehlen, was wir wollen, und sie nicht genöthigt werden kön nen, uns in allen Dingen zu gehorchen. Sie werden keine Befehle vollstrecken, die wider die Republik sind, und niemals Knechte der Verbrechen ihrer Herren seyn. Ich habe einen Theil desjenigen, was ich gesagt habe, aus einer kleinen Abhandlung von dieser Materie, welche man in dem Ma krobius und in des Lipsius Gespräch über die 149
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Saturnalischen Feste gründlich abgehandelt findet, genommen. Man findet diese Ab handlung in der Sammlung der Academie der schönen Wissenschafften und zwar im III. Theile.

Anmerkung Uber die Gelübde.

Das Römische Volk wurde nicht ohne Ur sache so sehr über die Weigerung des Consul Flaminius, die den Consuln vorge schriebnen Ceremonien der Religion vor ih rer Abreise von Rom zum Kriege zu beobach ten, aufgebracht und beunruhigt. Unter diesen Gebräuchen war einer der vornehmsten dieser, daß ein Consul den Göttern im Ca pitol gewisse Gelübde thun und Opfer brin gen mußte, um ihren Waffen den Schutz der Götter zuzuziehen. Niemals begaben sich die Consuln ins Feld, wenn sie nicht erst dieser Pflicht eine Genüge gethan hätten. Niemals unternahm man einen Krieg, ohne diese Gebräuche vorher sorgfältig beobachtet zu haben. In eben diesem Jahre mußte der Prätor im Nahmen und auf Befehl des Rö mischen Volkes Gelübde thun (*), wenn die Republik zehn Jahre in eben den Umständen bliebe, worinnen sie sich 150
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itzt befände. Als das Römische Volk seine Waffen wider den Antiochus wende te, so gelobte es, zehn Tage nach einander dem Jupiter zu Ehren die grossen Römischen Feste zu feyern, wenn dieser Krieg glücklich von statten gienge (*). Oft thaten die Gene rale in den hitzigsten Treffen, wenn sich die Armee in einer grossen Gefahr befand, Ge lübde. Denn alsdann ists vornehmlich Zeit, sich an die Götter zu wenden, wenn keine menschliche Hülfe mehr vorhanden ist (**). Die Römische Geschichte ist von solchen Exempeln voll. Allein der Gebrauch, Gelübde zu thun, war dem römischen Volke nicht etwa beson ders eigen. Er hat unter allen Nationen und zu allen Zeiten geherrscht, und hat also seinen Ursprung von einer Offenbarung. Denn ein allgemeiner Gebrauch ist ein offen barer Beweis, daß eine allgemeine Tradi tion von einer ersten Familie herrührt, aus welcher alle Menschen herkommen. Nicht allein Staaten und Republiken, sondern auch Privatpersonen sind von allen Zeiten her, in dem Besitze, GOtt Gelübde zu thun, um von ihm selbst irrdische benöthigte Vortheile zu erhalten. 151 152
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Wenn man nur das Licht der menschli chen Vernunft zu rathe zieht, so könnte man vielleicht glauben, daß man der Gottheit e ben nicht allzuehrerbietig begegne, sie zu sol chen kleinen besondern Handlungen zu ernie drigen, als die sind, da sie die nothwendi gen Bedürfnisse dieses Lebens geben soll, o der gleichsam einen Vertrag mit ihr zu ma chen, daß, wenn sie diese Sorge über sich nehmen will, wir auf unsrer Seite gewisse Pflichten erfüllen wollen, zu denen wir uns nur unter dieser Bedingung anheischig ma chen. Allein man würde irren, wenn man also von den Gelübden urtheilen wollte. GOtt hat durch dieses Mittel in dem Ge müthe aller Völker eine deutliche Idee von seiner Vorsehung, von der Sorge, die er für einen jeden Menschen ins besondre trägt, von seiner obersten Herrschaft, die er sich ü ber alle Erfolge unsers Lebens vorbehält, von der Freyheit, die er hat, die Natur und alle Dinge seinem Willen zu unterwerfen, von seiner Aufmerksamkeit auf diejenigen, so ihn anrufen, und in ihren Nöthen ihre Zuflucht zu ihm nehmen, erhalten wollen. Die Heyden haben diese Wahrheit er kannt. Wenn Seneca den Epikur wider legt, welcher behauptete, daß da GOtt sich in menschliche Angelegenheiten nicht einläßt, so brauche er gegen die allgemeine Gewohn heit und den Gebrauch des ganzen mensch
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lichen Geschlechtes in diesem Stücke, als ei nen unüberwindlichen Grund wider ihn. Wenn man wie Epikur denken will, sagt er, (*) so muß man nicht wissen, daß die Men schen überall, zu allen Zeiten, bey allen Völ kern betende Hände zum Himmel aufheben und ihm Gelübde geloben, um seine Gnade zu erlangen. Würden sie dieses wohl thun, würden sie diese thörichte Ausschweifung be gehen, ihr Gebet und ihre Gelübde an eine Gottheit zu richten, die sie für taub und ohnmächtig hielten? Ist diese allgemeine U bereinstimmung nicht ein gewisser Beweis von der innern Uberzeugung, worinnen sie sind, daß sie GOtt höre und ihre Wünsche erfülle?
Abhandlung von den Publicanis(**). Weil in dem folgenden Theile von den 153 154
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Publicanis geredet werden wird, so halte ich mich für verbunden, dem Leser einen Be griff von ihnen zu machen. Ich werde es in zween Artikel bringen, was ich davon sa gen werde. Der erste soll von den Einkünf ten des römischen Volkes, die sie verwalte ten, der andre von den Publicanis, oder den Personen handeln, welchen aufgetragen war, diese Einkünfte einzunehmen.

Erster Artikel Von den Einkünften des römi schen Volkes.

Die Einkünfte des römischen Volkes be stunden vornehmlich in zwo Arten von Auf lagen, die man entweder von den Bürgern oder von den Bundesgenossen des Reiches hub; tributum und vectigal hieß diese Einnahme. Ich übersetze sie durch Tribut und Impost, obgleich diese Worte in un srer Sprache den lateinischen Ausdrücken in der Bedeutung vielleicht nicht vollkommen gleich kommen. Wir werden in der Folge den Unterschied davon kennen lernen.

Von dem Tribute.

Der Tribut ist der Beytrag einer jeden Person, welchen die Prinzen oder Repub liken von ihren Unterthanen zur Bestreitung der Unkosten des Staates fodern.
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Der Tribut wurde im Anfange in Rom gleich durch von einem jeden Kopfe ohne An sehen des Standes und der Güter bezahlt. Servius Tullius, der sechste König der Rö mer schafte diese Gewohnheit ab, und richte te diese Auflage nach den Einkünften eines jeden ein, welches in der Abhandlung von dem Census gezeigt worden ist. Dieser Bey trag war im Anfange nicht sehr ansehnlich. Allein nachdem man anfing, den Soldaten Sold zu geben, die zeither umsonst gedient hatten, so wurden diese Auflagen wegen der zunehmenden Bedürfnisse des Staates im mer mehr vergrössert. Es waren zwo Gat tungen derselben; der ordentliche Tribut, der iährlich bezahlt wurde, und der außeror dentliche, der nur in den dringendsten Um ständen der Republik gefodert wurde, wie solches in dem 538. Jahre unter dem Consu late des Q. Fabius Maximus und des M. Claudius Marcellus geschah, wo von den Privatpersonen eine gewisse nach ihren Ein künften eingerichtete Summe gefodert wur de, um eine Flotte ausrüsten und Matrosen anwerben zu können. Man fuhr fort diesen Tribut von den Bürgern bis auf das 586. Jahr von Rom einzufodern. Denn damals ließ Paulus Aemilius so beträchtliche Summen von Gold und Silber von der Beute, die er bey der Uberwindung des Perseus, des letzten Kö
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niges der Macedonier gemacht hatte, in den öffentlichen Schatz bringen, daß die Repub lik sich im Stande befand, den Bürgern al len Tribut zu erlassen, und sie genoßen diese Freyheit bis auf das Jahr nach dem Tode des Cäsar. Ich kann nicht umhin, eine Anmerkung hinzu zu setzen, welche Cicero dieser Erzäh lung beyfügt, und welche dem Paulus Ae milius viel Ehre macht. Nachdem er er zählt hatte, daß Paulus Aemilius unzählige Summen in den öffentlichen Schatz bringen lassen, sagt er: Er aber brachte nichts in sein Haus, als eine unsterbliche Ehre. At hic nihil domum suam præter me moriam nominis immortalem detu lit. Welch eine edle und seltne Uneigen nützigkeit.

Von den Imposten.

So nenne ich, was die Römer Vecti galia nennen. Es gab in den alten Zeiten der Republik drey Gattungen dieser Ein künfte. Man zog sie von den Ländereyen, oder Triften, die der Republik gehörten, o der es waren Zölle von den Waaren, wel che bey der Einfuhr oder Ausfuhr dersel ben bezahlt werden mußten. Diese Ein künfte hießen nun Decumae, Scriptura, Portorium. Decumae, oder Decimae. Wenn
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die Römer im Volk überwunden hatten, es sey nun in Italien oder außer Italien, so nahmen sie ihm einen Theil seiner Länderey en, einige davon gaben sie den Bürgern, welche sich als eine Colonie darinnen nieder lassen wollten; andre behielt die Republik für sich, die sie an Privatpersonen vermie thete, mit der Bedingung, daß sie dem rö mischen Volke den Zehnten von den Ein künften dieser Ländereyen abgeben sollten. Die Zehnten wurden nicht in allen Pro(In Verr. libr. III. 12.) vinzen auf eben dieselbe Weise gehoben. Von einigen foderte man eine gewisse Men ge Getraide, von andern eine gewiße bestimm te Summe Geldes, wie in Spanien und A frika, und dieser Impost hieß vectigal certum, weil er stets gleich blieb, es mochte ein gutes oder schlechtes Jahr seyn; die Län dereyen mochten viel oder wenig eingetragen haben. Andren Provinzen, als Asien, wur de gütiger begegnet, und die Einwohner be zahlten gerade nur den Zehnten, so daß das römische Volk den Schaden schlechter Jah re mit ihnen theilte. So hielt man es auch mit Sicilien, gegen welche Provinz man noch mehr Mäßigung gebrauchte. Aus Sicilien nahm man Getraide, und es verhielt sich eben so als mit andern Pro vinzen. Man that solches nach drey Gerech tigkeiten, die man dazu hatte, und dieses Ge traide hatte darnach seinen Nahmen und
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hieß entweder decumanum, oder emtum, oder aestimatum. Frumentum decumanum war der Zehnte von den Getraide, welches ein jeder auf seinen Feldern erzeugte, und dieses mußte er der Republik ohne Entgeld geben. Emtum war das Getraide, welches die Republik zu den Bedürfnissen des Staates kaufte, den sie selbst bestimmte. Æstimatum war das Getraide, welches in dem Hause des Prätors aufgieng, und welches ihm die Provinz liefern mußte. Er empfieng es zuweilen in Geld und er bestimm te den Preis dafür selbst. (Cic. 5. in Verr.) Man gab auch den Zehnten vom Weine, Oele und Grütze. Scriptura. Diese Einkünfte bestunden in demjenigen, was das römische Volk von den Triften bekam, welche der Republik eigenthümlich gehörten, und welche an Pri vatpersonen verpachtet wurden. Man nann te diese Einkünfte mit diesem Nahmen, weil man die Menge des Viehes, welches die Privatpersonen auf diese Triften schicken soll ten, in Register einschrieb, und darnach die Summe einrichtete, welche sie jährlich da von erlegen mußten. Portorium. Man nennte den auf die Wahren gelegten Impost also, den man bey der Einfuhre in die Städte, oder bey der Ausfuhr aus den Häfen erlegen mußte.
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Es gab noch einen andern Impost, der von den vorigen unterschieden war, welchen man vicesiman manumissorum nennt. Das ist der zwanzigste Theil von dem Wer the, den ein Sklave der seine Freyheit von seinem Herrn erhielt, geschätzt wurde, und den man in den öffentlichen Schatz brachte.(Libr. VII. 16.) Er wurde von dem Consul Cn. Manlius im Lager gestifftet, welcher ganz ohne Exempel war. Der Senat bestätigte unterdessen dieses Gesetz, weil dieser Impost der Re publik viel einbrachte. Cicero macht die(Dio in Exe cerpt. LXXII.) Anmerkung, (*) daß er noch zu seiner Zeit üblich gewesen sey, selbst nachdem alle Zolle in ganz Italien aufgehoben worden waren. Der Kaiser Caligula verdoppelte diesen Im post auf die Hälfte. Die Republik zog auch von den Manu(Liv. I. 33.) facturen und von dem Verkaufe des Sal zes. Das ist es, was wir heute den Salz pacht nennen. Der König Ancus Marti us war der erste, welcher die Salzkothen gestiftet hatte. Diejenigen, die es in Pacht genommen hatten, verkauften dasselbe zu theu er, woher es denn kam, daß ihnen der Salz pacht genommen wurde, und damit das Volk einige Erleichterung haben möchte, so wurde er in dem Nahmen der Republik von Commissarien verwaltet, die von ihrer Ver 155
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waltung Rechnung ablegen mußten. Die ses geschah im 246. Jahre der Stadt Rom. Diese Veränderung geschah zum Besten (Liv. XXIX 37.) des Volkes, und das Salz blieb dreyhun dert Jahre nach einander von aller Auflage befreyt. Im 548. Jahre der Stadt Rom legte man zum erstenmale unter der Censur des M. Livius und des C. Claudius einen Impost auf das Salz. Der Preis vom Salze war bisher in Rom und in ganz Ita lien die Hälfte von einem As; Sextante sal et Romae et per totam Italiam erat. Titus Livius erklärt nicht, wie viel das Wort Sal Salz hier anzeigt. Man verstund sol ches zu seiner Zeit wohl. Man glaubt, daß Livius der Urheber dieses Impostes gewesen sey, und daß er ihn aufgelegt habe, um sich an dem Volke zu rächen, das vormals ein ungerechtes Urtheil wider ihn gefällt hatte, und deswegen wurde er Salinator genannt. Man findet nirgends, wenn dieser Impost aufgelegt worden sey. Die Eisen- Silber- und Goldminen mach (Strab. III. 247.) ten in den folgenden Zeiten einen grossen Theil der Einkünfte des Römischen Volkes aus. Polybius, den Strabo anführt, erzählt uns, daß zu seiner Zeit vierzig tausend Mann in den Minen, die in der Nachbarschaft von Carthago sind, gearbeitet, und dem Römi schen Volke jeden Tag fünf und zwanzig tau
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send Drachmen, oder zwölf tausend fünfhun dert Pfunde geliefert hätten. Der öffentliche Schatz in Rom wurde durch die Beute, welche die Feldherren nach ihrer Wiederkunft von ihren Siegen in den selben bringen liessen, sehr ansehnlich ver mehrt, zumal wenn sie eben so uneigennützig waren, als P. Aemilius, von dem wir nur vorher geredet haben. Es ist verdrießlich, daß man in den alten Schriftstellern nicht findet, was den Römern die Imposten und Tribute eigentlich eintru gen, und wie hoch sich überhaupt die Ein künfte der Republik beliefen. Sie waren ohne Zweifel im Anfange nicht beträchtlich. Allein gegen das Ende der Republik wurden sie so sehr vermehrt, als ihre Eroberungen und ihre Herrschaft. Appian hatte in einem Bu che ganz besonders von der Stärke, den Einkünften, und dem Aufwande des Rei ches gehandelt. Allein dieses Buch ist mit dem größten Theile seiner Geschichte verloh ren gegangen. Plutarch erzählt uns, daß Pompejus bey seinem Triumphe über den Mithridates grosse beschriebene Tafeln vor sich hertragen ließ, worauf man las, daß bis dahin die öffentli chen Einkünfte jährlich sich nicht höher als(Plut. in Pomp.) bis auf fünftausend Myriaden, oder funfzig Millionen Attische Drachmen belaufen hät ten, die fünf und zwanzig Millionen nach
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unserer (französischen) Münze betragen; daß nun aber durch seine Eroberungen die öffent lichen Einkünfte mit acht tausend fünf dert Myriaden, oder fünf und achzig Milli onen Drachmen, nach unserer Münze aber mit zwo und vierzig Millionen und fünfhun hundert tausend Pfunden vermehrt worden wären. Wenn man diese beyden Summen zusammen rechnete, so betrugen sie sieben und sechzig Millionen und fünfhundert tausend Pfunde. Es ist aber hier nur die Rede von Asien. Die Eroberung von Gal lien und Aegypten vergrösserte die Einkünf te des Römischen Volkes noch mehr. Der Tribut, den Cäsar auf die Gallier legte, be (Svet. in Cæs. XXV Eutrop. I. VI. Vell. II. 39.) lief sich nach dem Svetonius und Eutropi us auf zehn Millionen Drachmen und auf fünf Millionen französischer Pfunde. Und nach dem Vellejus bezahlte Aegypten so viel als Gallien. Nachdem ich von den Einkünften des Rö mischen Volkes geredet habe, so muß ich noch ein Wort von denen sagen, welchen die Ein nahme derselben aufgetragen war.

Zweyter Artikel. Von den Publicanis.

So nennt man diejenigen, welche gesetzt waren, die öffentlichen Einkünfte ein zunehmen. Es sind diejenigen, welche man
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Generalpachter, oder Generaleinnehmer nennt. Es waren ordentlicher weise Römi sche Ritter, welche dieses Amt verwalteten. Der Orden der Ritter stund in Rom in ei nem grossen Ansehen und hielt gleichsam das Mittel zwischen den Senatoren und dem Volke. Er war schon zu den Zeiten des Romulus gestiftet worden. Sie gelangten zu keinen Aemtern, und kamen nicht in den Senat, so lange sie im Ritterorden blieben. Dieses setzte sie in den Stand, daß sie für die Einnahme der Einkünfte des Römischen Volkes mehr Sorge tragen konnten. Sie machten verschiedne Gesellschaften unter einander aus. Drey Sorten von Personen wurden dazu gelassen. Manci pes oder Redemptores, welche in ihrem Nahmen den Pacht übernahmen; Praedes, welche Bürgschaft stellten; Socii, die mit andern in Gesellschaft traten und Verlust und Gewinn mit ihnen theilten. Die Adjudication der öffentlichen Päch te, sowohl von Italien, als der Provinzen ausser Italien, konnte nicht anders als in Rom und in Gegenwart des Volkes gesche hen. Die Censoren hatten das Amt, sol ches zu thun. Wenn sich eine Schwierigkeit äusserte, sie mochte nun die Verringerung oder die Cassation des Pachtes oder sonst etwas be treffen, so wurde die Sache vor den Senat
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gebracht, der sie entschied. Cicero stellt in der schönen Rede, die er vor dem Volke hielt, damit dem Pompejus das Commando in dem Kriege wider den Mithridates gegeben werden möchte, auf eine sehr lebhafte Weise die äusserste Gefahr vor, in welche dieser Krieg diejenigen brachte, welchen die Ein nahme der öffentlichen Einkünfte aufgetragen war. Diese Provinz (*) hatte den Vorzug vor allen Provinzen des Reiches, sowohl we gen der Fruchtbarkeit des Landes, als wegen der mannichfaltigen Früchte, welche daselbst erzeugt wurden, und wegen der grossen Trif ten, und wegen der Menge der Waaren, die man aus Asien nach andern Gegenden brach te. Bloß das Gerücht von dem Kriege, und die Nachbarschaft der feindlichen Truppen ruinirt ein Land, ehe sie noch einbrechen, weil man alsdann nicht für die Heerden sorgt, weil man den Ackerbau verläßt, und weil alsdann alle Schiffarth auf dem Meere un terbrochen wird. Es vertrockneten also gleich 156
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alle Qvellen, aus welchen die Einkünfte der Pächte herflossen; die Pachter waren nicht im Stande, ihren Pacht zu geben, und die bestimmten Summen zu bezahlen. Cicero dringt sehr auf die Hülfe wider dieses Ubel, und redet von den Generalpach tern auf eine solche Art, welche uns zeigt, wie ausserordentlich viel er auf sie halte. æHaben wir immer dafür gehalten, daß die Einkünfte von den Tributen und Imposten die Nerven der Republik sind, so müssen wir den Orden derjenigen, welche es über sich nehmen, sie aufzubringen, als die Stü tze und Seule aller andern Stände anse hen“ (*). Cicero redet in allen seinen Re den eben dieselbe Sprache. Sie leisteten in der That der Republik grosse Dienste, und sie waren sehr oft in schlechten Umständen und bey dringender Noth die letzte Hülfe, wohin die Republik ihre Zuflucht nahm. Li vius erzählt, und wir werden es ihm nach erzählen, daß in den Zeiten nach dem Ver lust der Schlacht bey Cannas der Prätor Fulvius die Unmöglichkeit der Römer, Le bensmittel und Kleider, die unumgänglich nöthig waren, nach Spanien zu schicken, de nen, die mit den Finanzen zu thun und sich 157
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bey dem Pachte ein grosses Vermögen er worben hatten, vorgestellt und sie ermahnt habe, der Repubiik, durch die sie reich ge worden, zu Hülfe zu kommen, und ihr ei nen Vorschuß zu thun, der ihnen treulich wieder erstattet werden sollte. Sie thaten solches mit einer Geschwindigkeit und mit einer Freude, die ein Beweis von ihrem Ei fer für das allgemeine Beste war. Man machte ihnen kein Verbrechen dar aus, wenn sie bey ihrem Pachte ein Ver mögen erwurben. Nichts ist billiger und ge rechter, als dieser Gewinn, wenn er gemäs sigt ist, und es scheint, daß er von solchen redet, weil er bloß sagt, daß sie ihr Vermö gen und Erbtheil vermehrt hätten, qui re dempturis auxissent patrimonia. Die Profeßion derer, die mit den Finanzen sich beschäfftigen, verdient also an und vor sich selbst nicht verdammt zu werden; sie ist viel mehr in der Republik unentbehrlich. Die Prinzen sind verbunden, ihre Aemter zu er halten, damit sie das gemeine Wesen wider seine Feinde vertheidigen, die innre Ruhe behaupten und von ihren Unterthanen Steu ern und Gaben heben können. Ein römi scher Kaiser schien willens zu seyn, sie ganz abzuschaffen, und dem menschlichen Geschlech te dieses schöne Geschenk zu machen: Id que pulcherrimum donum generi mortalium faceret. Der Senat lobte
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einen solchen schönen Gedanken, stellte ihm aber vor, daß er eben dadurch das Reich ruiniren würde. Die Prinzen sehen sich wider ihren Willen genöthigt, zu solchen unvermeidlichen Mitteln zu greifen, und da sie sich dieser Nothwendigkeit nicht erwehren können, so ist doch ihre Absicht, wenn sie Auflagen anlegen, daß man ihren Untertha nen so gütig, als nur möglich ist, begegnen solle. Sie haben eben die Grundsätze, wel che der König von Persien hatte, der einem Stadthalter, der ihm zu gefallen glaubte, wenn er die Imposten vermehrte, zur Ant wort gab: Er wollte, daß man seine Schaafe scheeren, nicht aber schinden sollte. Das ist nur das Unglück, daß es nicht allezeit nach dem Willen der Prinzen geht, und daß diejenigen, denen sie ihre Gewalt anvertrauen, dieselbe zuweilen auf eine schänd liche Art misbrauchen. Dieses hat den Nahmen der Publicaner sehr oft verhaßt ge macht. Cicero, der ihnen doch sehr geneigt ist, gesteht, ædaß Italien und die Provin zen von den Klagen wider sie erschallten,(Epist. l. ad Qvinct. Fratr.) und daß man sich nicht sowohl wegen der Zölle, als vielmehr wegen der ungerechten und unbilligen Weise, mit der man sie ein foderte, beschwerte (*).“ Deswegen er 158
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klärt er sich in seinem Schreiben an seinen Bruder Qvintus, welcher damals Asien zur Provinz hatte, welches alle, die in öffentli chen Aemtern stehen, Aufseher, Stadthalter, und Minister beständig vor Augen haben soll ten. æEr sagt seinem Bruder, daß er we gen des Schutzes, den er dem Volke an gedeihen lassen, und wegen der Erleichte rung, die er ihn in Ansehung der Publica nen verschaffen wollte, grossen Widerstand finden würde. Er ermahnt ihn, alle mögli che Mäßigung gegen einen Orden zu beob achten, dem sie so grosse Verbindlichkeiten schuldig wären, iedoch so, daß das allge meine Beste nicht darunter litte.“ Denn, setzt er hinzu (*), wenn du in allen Stü cken eine blinde Gefälligkeit gegen sie bezeugst, so wäre dieses eben das Mit tel, diejenigen, für welche du nach den Absichten des Römischen Volkes Sorge tragen sollst, ohne Hoffnung einiger Hülfe zu verderben, nicht al lein für ihre Sicherheit, sondern auch für die Erhaltung ihres Lebens zu wachen, sondern auch für alles, was sie angeht, und ihnen alle die 159
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Beqvemlichkeiten zu verschaffen, die er ihnen nur verschaffen kann. Das ist, wenn wir es recht überlegen, die einzige Schwierigkeit, die du bey der Administration dieser Provinz fin den wirst. Diese weisen Rathschläge, welche Cicero seinem Bruder in einem Briefe giebt, wo man frey und offenherzig redet, zeigen uns, wie er in der That von den Publicanen dach te, und sie vermindern das Lob sehr, welches er ihnen in seinen öffentlichen Reden giebt, wo er als ein Redner redet. Wir werden auch, die Wahrheit zu sa gen, in der Folge dieser Geschichte verschied ne Dinge antreffen, die ihnen keine Ehre machen. Einige von den größten Männern der Republik haben sich sonst durch nichts Ruhm erworben, als durch ihren Muth und die Standhaftigkeit, den Unterdrückungen abzuhelfen, welche die Unterthanen des Reiches von den Publicanen ausstehen muß ten. Unter andern hatte Q. Mutius Scä vola Asien als Prätor zu regieren. Als er in seiner Provinz ankam, so erhuben alle Völ ker ein Geschrey wider die ungerechten Pres sungen und die unmenschliche Härte der Pachter. Er erkannte aus einer ernstlichen Untersuchung, daß diese Klagen nur allzu wohl gegründet wären, und daß seine Vor gänger, entweder um den Orden der Rit
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ter zu schonen, der damals in Rom sehr mäch tig war, oder um sich selbst zu bereichern, dem unersättlichen Geize der Finanzbedien ten freyen Zügel gelassen hätten. Er hielt dafür, daß er einer so himmelschreyenden Räuberey nicht besser Einhalt thun könnte, als wenn er durch ein schreckliches Beyspiel einer grossen Strenge sie in Schrecken jagte. Er ließ also einen von den vornehmsten Com missarien, die über die Einnahme der öffent lichen Einkünfte gesetzt waren, hängen. Ist ein Straßenräuber wohl strafbarer, als ein Mensch, welcher sich der ihm anvertrauten Macht bedienet, die Völker auszusaugen und zu plündern. Es ist wahr, daß es oft nicht die Publi canen selbst waren, welche diese Räubereyen verübten und sich diese Diebstähle zu Nutze machten, sondern es waren ihre Unterbedien ten. Gesetzt auch, es wäre diese Entschul digung wahr; allein sie wurden dadurch nicht gerechtfertigt. Eure Hände(*), könnte man mit dem Cicero zu ihnen sagen, eure Hände sind eure Unterpachter, eure Commissarien, eure Schreiber, eure Bedienten, eure Anverwand ten, eure Freunde, die euer Ansehen 160
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misbrauchen. Ihr müßt wegen ih rer Aufführung den Bürgern, den Bundesgenossen, und der Republik Rechenschaft ablegen. Ihre Ver brechen sind die eurigen. Wenn wir unschuldig seyn wollen, so müssen wir selbst nicht allein uneigennützig seyn, sondern wir müssen auch alle diejenigen so machen, die wir bey der Verwal tung des Amtes brauchen, das uns anvertraut ist.
Ende des vierten Theils.
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Innhalt des vierten Bandes. Fortsetzung der Römischen Historie.


1 (*)Utica & Carthago ambæ inclytæ, ambæ a Phœnicibus conditæ: illa fato Gatonis insignis, hæe suo. Pomp. Mel. c. 67.
2 (*)Kartha haduth oder hadtha.
3 (*) Dieser Nahme kommt von einem Worte her, wel ches bey den Hebräern und Phöniciern einen Nich ter bedeutet.
4 (*)Ut hoc metu ita in bello imperia cogitarent, ut do mi judicia legesque respicerent. Iustin. XIX. 2.
5 (*) Es scheint, daß der Nahme eines Prätors, den Livius dem Hannibal beylegt, an die Stelle des Worts Suffete gesetzt sey.
6 (*) Wie Syphar und Mesinissa.
7 (*)Catthaginenses fraudulenti & mendaces = = = multis & variis mercatorum advenarumque sermonibus ad studium fallendi quæstus cupiditate vocabantur. Cic. orat. in Rull. n. 94.
8 (**)Magistratus senatum vocare, populus in curiæ vesti bulo fremere, ne tanta ex oculis manibusque amit teretut præde, Consensum est &c. Liv. XXX. 24.
9 (*) Ein Marktschreyer hatte den Einwohnern von Car thago versprochen, ihnen allen ihre geheimste Ge danken zu entdecken, wenn sie ihm an einen ge wissen Tage zuhören wollten. Als sie beysammen waren, sagte er ihnen, sie dächten alle, wenn sie verkauften, es theuer los zu werden, und wenn sie kauften wohlfeil einzukaufen. Sie gestunden alle mit Lachen, daß es wahr sey, und folglich sagt St. Augustin, erkannten sie, daß sie ungerecht wären. Vili vultis emere et care vendere. In quo dicto levissimi scenici omnes tamen conscientias invenerunt suas eique vera et tamen imptovisa di centi admirabiii favore plauserunt. St. Augustin. de Trinit. XIII. 3.
10 (*)Quum peste laborarent, cruenta sacrorum religione et pro remedio usi sunt. Qnippe homines ut victi mas immolabant, et impuberes, quæ aetas etiam hostium misericordiam provocat, aris admovebant, pacem deorum sangvine eorum ex poscentes, pro quorum vita dii maxime rogari solent.
11 (*)Branditiis et osculis (matres) comprimebant vagi tum ne flebilis hostis immolaretur. Minuc. Fel.
12 (*) Man weiß nichts eigentliches von der Lage dieses Vorgebürges, oder von den beyden Städten, von welchen in den folgenden Tractate geredet wird.
13 (*)Est interdum præstare populo mercaturis rem quaere re, ni tam periculosum siet. Cat. init. libr. de re rustic.
14 (**)Mercatura si tenuis est, sordida puranda est. Sinna gna et eopiosa, multa undique appotans multisque sine vanitate impertiens non est admodum vitupe randa. Atque etiam si satiata quaestu, vel conten ta potius = = = videtur jure optimo posse laudari Offic. l. 151.
15 (***)Naves Antiatium partim in navalia Romae subdu ctae partim incensae. Liv. VIII. 14.
16 (****)Duo imperia eo anno dari coepta per populum, utraque pertinentia ad rem militarem = = alterum vt Duumviros navales classis ornandae reficiens daeque causa idem populus juberet, Liv. IX. 30.
17 (*) Die Nahmen Hannibal, Asdrubal, Adherbal, Hanno, und andre von dieser Art waren zu Carthago sehr gebräuchlich. Man sieht wohl, daß der Hannibal, der hier vorkommt, der gros se Hannibal nicht ist.
18 (*)Taormina auf der Oestlischen Küste von Sicil lien. Catona eben daselbst.
19 (*)Primus ex familia Valeriorum vrbis Messanae captae in se translato nomine Messana appel latus est, paulatimque vulgo permutante li teras Messala dictus est. Senec. de brev. vi tae 13.
20 (**)Quod quum ad clima Siciliae descriptum ad horas Romae non conueniret, Marcius Phi lippus Censor aliud iuxta constituit. Cense rin, de die nat. c. 22.
21 (*)Vtillum dii perdant primusqui horas repperlt Quique adeo primus hic statuit solarium, Qui mihi comminuit misero articulatim diem. Nam me puero vterus hic erat solarium Multo omnium storum optimum & verissimum. Vbi este monebat esse, msi quum nihil erat. Nunc etiam quod est, nonest, nisi soli lubet. Itaque adeo iam oppletum est oppidum solariis. Maior pars populi aridi reptant fame.
22 (*)Quia imposfibile videbatur in speculis per to tam noctem vigilantes fingulos permanere, ideo in quatuor partes ad clepsydram sunt diuisue vigiliae, vt non amplius quam tribus horis nocturms necesse sit vigilare. Veget. de ce milit. III. 8.
23 (*)Vt non arte factae, sed quodam munere deo- rum conuersae in naues atque mutatae arbo- res viderentur. Flor. II. 2.
24 (*) Lipari eine Insel, der nördlichen Küste von Sici lien gegen über.
25 (*)Milazzo an der mitternächtlichen Küste von Si cilien.
26 (**)Polybius macht eine sehr umständliche aber auch sehr dunkle Beschreibung von dieser Maschine. Es giebt verschiedene Arten von solchen Kral len oder corvis. Man kann die Abhandlung des Herrn Follart über diese Materie nach lesen. Polybius I. B. p. 83.
27 (*) An der Abendseite von Sicilien gegen das Meer gelegen.
28 (*) Auf dem festen Lande höher als Segesta gelegen.
29 (*)C. Duilium - - - redeuntem a cœna senem sæpe videbam puer. (Cato redet) Delectabatur cereo funali & tibicine, quæ sibi nullo exem plo privatus sumserat: tantum licentiæ dabas gloria. Cic. de Senect. n. 44.
30 (*)Siciliam et Sardiniam benignissimas vrbis no strae nutrices. Val. Max. I. VII. c. 6.
31 (*)lam domiti, vt pareant, nondum vt feruiant, Tac. in vit, Agr. c. 13.
32 (*) Gegen Abend an dem Flusse Alösus gelegen.
33 (*)Leonidas Lacedaemonius laudatus, qui funile apud Thermopylas fecit. Propter eius virtu tes omnis Graecia gloriam atque gratiam prae cipuam elaritudinis inclutisfimae decorauere monumentis, signis, statuis, elogiis, historiis, aliisque rebus gratis sumum id eius factum ha buere: At Tribuno militum parua laus pro factis relicta, qui idem fecerat atque rem ser uauerat. Gell.
34 (*)Corona quidem nulla fuit graminea nobilior in majestate populi terrarum principis praemi isque gloriae. Gemmatae et aureae - - - - post hanc fuere suntque cunctae magno inter vallo magnaque differentia. Plin. XXII. 3.
35 (*)Ilis temporibus ab aratro areessebantur, qui consules fierent. - - - Attilium sua manu spar- gentem semen, qui missi erant, convene- runt. Cic. pro Rosc. Amer n. 50. Sed illae rustico opere attritae manus salutem publicam stabilierunt, ingentes hostium co- pias pessum dederunt. Val. Max. IV. 4.
36 (*) Eine Stadt Dilicata genannt, an dem Einflusse des Himeron oder Salsi an der mittäglichen Seite von Sicilien.
37 (*)Isto te metu, Hanno, fides ciuitatis nostrae li berat. Val. Max. VI. 6.
38 (*)Securi districta imperator metu mortis nauigan di fecit audaciam. Flor.
39 (**) Man glaubt, daß es das heutige Cap Bon sey.
40 (***) Qnipia, unter dem Cap Bon.
41 (*)Fuit nae tanti seruum non habere, vt colonus eius populus Romanus esset. Sen. de consol. ad Helv.
42 (**)Tanti aerario nostro virtutis Atilianae exem- plum, quo omnis ætas Romana gloriabitur, stetit. Valer. Max. IV. 4.
43 (**) Ein Fluß zwischen Utica und Carthago, der jtzt Megrada heißt.
44 (*) Dieser Ort ist nicht mehr vorhanden. Man kennt seine Lage nicht.
45 (*)Inter pauca felicitatis virtutisque exempla M. Attilius quondam in hac terra fuisset, si vi ctor pacem petentibus dedisset patribus no stris. Sed non statuendo tandem felicitati modum, nec cohibendo efferentem se fortu nam, quanto altius elatus erat, tanto foedius corruit. Liv. XXX. 30.
46 (*)ὡ ἓν σοφὸν βȣ́λευμα τὰς πολλὰς Χε̃ι- ρας νικᾷ.
47 (*) Torre di Camarana, an der mittelländischen Seite von Sicilien.
48 (*)Pantalataea eine Insel zwischen Tunis und SieilienSicilien.
49 (**)Quis crederet illum a duodecim securibus ad Carthaginensium proventurum catenas? Quis rursus existimaret, la punicis vinculis ad summa imperii perventurum fastigia. Sed tamen ex consule captivus, ex captivo eon sul factus est. Val. Max. VI. 9.
50 (*) Es giebt zween Flüsse dieses Nahmens; der ei ne fließt gegen Norden, der andere gegen Sü den. Von dem ersten ist hier die Rede, den man ietzt Fiume grande nennt.
51 (**)Palermo, die Hauptstadt in Sicilien an der mitternächtigen Seite der Insel.
52 (*) Die Jetiner, die Soluutiner, die Petrinier, die Tyndaritaner u. s. w.
53 (*) Die Insel des Gerbes im Königreich Tunis.
54 (*) Weil im Mittelländischen Meere keine Ebbe noch Fluth ist, etliche Gegenden ausgenommen, so ist es so gar erstaunens würdig nicht, daß die Römer nicht wußten, was bey den Sandbän ken zu geschehen pflegte.
55 (**) Capo Palinuro ein Vorgebürge im Königreiche Neapolis.
56 (*) Termini, nach Nordwesten von Sicilien an dem Einfluß des Stroms ins Meer, der eben diesen Nahmen hat.
57 (*)Magnitudo animi & fortitudo - - - Harum e nim virtutum est proprium, nihil extimescere, omnia humana despicere, nihil, quod homi ni intolerandum accidere potest, intoleran dum putare. Offic. III. 100.
58 (**)Calcatis vtilitatibus ad eam (virtutem) eun dum est, quocunque vocauit, quocunque mi sit, sine respectu rei familiaris. Senec, de be neficis VI. 1.
59 (***)Hoc cauerat mens prouide Reguli Dissentientis conditionibus Foedis, et exemplo trahenti Perniciem veniens in aevum. Si non periret immiserabilis Captiua pubes - - - - Auro repensus seilicet acrior Redibit miles! Flagitio additis Damnum - - - - - Erit ille fortis, Qui perfidis se credidir hostibus Et marte Poenos proteret altero Qui lora restrictis lacertis Sensit iners timuitque mortem.
60 (*) Das war die Meynung gewisser Philosophen, daß die Gottheit keines Zornes fähig wäre, und also die Menschen nichts von ihrer Rache zu be fürchten hätten.
61 (**)Est enim iusiurandum affirmatio religiosa, Quod autem affirmate, quasi Deo teste promi seris, id tenendum est. Offic. III. 104.
62 (***)O fides alma, apta pinnis, iusiurandum Iouis!
63 (*)Fertur pudicae coniugis osculum Paruosque natos, vt capitis minor A se remouisse et virilem Toruus numi posuisse vultum. Doneo labeantes consilio patres Firmaret auctor, nunquam alias dato Interque moerentes amicos Egregius properat exsul. Atqui sciebat, quae sibi barbarus Tortor pararet. Non aliter tamen Dimouit obstantes propinquos Et populum reditus morantem. Quam si clientum longa negotia Diiudicata lite relinqueret, Tendens Venafranos in agros Aut Lacedaemonium Tarentum.
64 (*)Aduersi aliquid incurrat, quod animum pro bet. Senec. ad Marc. c. 6. Marcet sine aduersario virtus. Tunc apparet, quanta sit, quantum valeat, quantumque pol .32 .33 leat, cum, quid possit, patientia ostendit. Id. de provid. c. 2..22 .23 Quem (virum bonum) parens ille magnificus, virtutum non lenis exactor, sicut seueri patres durius educat. ltaque cum videris, viros bonos, acceptosque Diis, laborare, sudare, per arduum ascendere, malos autem lase vire, et voluptatibus fluere; cogita, filiorum mode stia delectari, vernularum licentia; illos di seiplina tristiori contineri, horum ali audaci. am. Idem tibi de Deo liqueat. Bonum virum in deliciis non habet: experitur, indurat, sibi illum praeparat. Ibid.
65 (*)Corpusculum hoc - - - huc atque illue iacta tur. In hoc supplicia, in hoc latrocinia, in hoc morbi exercentur; animus quidem ipse sacer et aeternus est, et cui non iniici possunt manus. De consol. ad Helv. c. XI.
66 (*)Est omnibus externis potentior, nec hoc dico, non sentit illa, sed vincit; et alioquín quie tus placidusque contra incurrentia attollitur. De prouid. c. L.
67 (*) Dieses Maas beträgt alles etwas weniger, als unser Maas.
68 (*) Das Cap von Pessaro.
69 (**) Der Pharus von Meßina.
70 (*)Abjici eos in mare jussit, dicens: Quia esse no lunt, bibant. Val. Max. L. I. 4.
71 (*)Qui risus, classe victa, multas ipsi lacrimas, magnam populo Romano cladem attulit. De nat. Deor. II. 7.
72 (*) Eine Stadt in Sicilien auf der mittäglichen Seite.
73 (*) Am Einflusse des Himera, am Berge Ecnomus und Gela.
74 (*) Man glaubt, daß es Hippo Diarrhysus ist, nicht weit von Utica und etwa 20. oder 30. französi sche Meilen von Carthago abgelegen.
75 (*)Tota res est inuenta fallaciis aut ad quaestum, aut ad superstitionem, aut ad errorem, De Divinat. II. 85.
76 (*) Dieses beträgt 6. Millionen und 124 tausend Französische Livres.
77 (*)Omnium nationum exterarum princeps Sicilia se ad amicitiam fidemque populi Romani ap plicuit; prima omnium, id quod ornamentum imperii est, prouincia est appellata i prima docuit maiores nostros, quam praeclarum es set exteris gentibus imperare.
78 (*)Et quoniam quasi praedia quaedam populi Ro manisunt vectigalia nostra & prouinciæ; quem admodum propinquis vestris praediis maxi me delectamini: sic populo Romano iucunda suburbanitas huiusce prouinciae.
79 (*)In verba Eumolpi sacramentum jurauimus, vri, vinciri, verberari ferroque necari, et quic quid aliud iussiisset, tanquam legitimi gladia tores domino corpora animosque addicimus, Petron. c. 17.
80 (*)Id spectaculi genus erat, quod omni frequentia atque omni genere hominum celebratur, quo multitudo maxime delectatur - - - Equidem existimo nullum tempus esse frequentius po puli, quam illud gladiatorium; neque eonci onis vllius neque ullorum comitiorum. P Sext. 124. & 125.
81 (*)Ketiario pugnanti adversus Myrmillonem can tatur, Non te peto, piscem peto, quid me fugis, Galle, quia myrmillonicum genus armaturæ Gallicum est, ipsique Myrmillones ante Galli appellabantur, in quorum galeis piscis effigies inerat. Festus.
82 (*)Mutuos ictus nudis & obuiis pectoribus excipi unt. - - - Nihil habent, quo tegantur, ad ictum totis corporibus expositi. Senec. ep. VII.
83 (*)Occide, ure, verbera. Quare tam timide in currit in ferrum? Quare parum audacter occidit? Quare parum libenter moritur. Se neca ep. 7.
84 (**)Ignominiam judicat gladiator, cum inferiori componi: et scit eum sine gloria vinci, qui sine periculo vincitur. Senec. de prouid. c. 3.
85 (*)Quis mediocris gladiator ingemuit? quis vultum mutauit unquam? quis non modo stetit, ve rum etiam decubuit turpiter? quis cum de cubuisset, ferrum recipere jussus collum con traxit? tantum exercitatio, meditatio, consue tudo valet! Ergo hoc poterit Samnis spurcus homo vita illa dignu' locoque. Vir natus ad gloriam vllam partem animitam mollem habebit, quam non meditatione et ratione corroboret?
86 (*)Quod si jam, quod Dii omen avertant, fatum extremum reipublicæ venit, quod gladiatores nobiles faciunt, vt honeste decumbant, facia mus nos, principes orbis terrarum gentiumque omnium, vt cum dignitate potius cadamus, quam cum ignominia seruiamus.
87 (**)In gladiatoriis pugnis timidos et supplices, et vt viuere liceat, obsecrantes etiam odisse sole mus, fortes et animosos et se acriter ipsos mor ti offerentes teruari cupimus. Cicer. pro Mi lon. n. 92.
88 (*)Gladiatoribus populus irascitur, et tam inique, vt iniuriam putet, quod non libenter pere unt. Contemni se judicat, et vultu, gestu, ardore, de spectatore in aduersarium vertitur.
89 (*)Gladiatorium munus Romanae consuetudinis primo majore cum terrore, hominum insue torum ad tale spectaculum, quam voluptate dedit: deinde saepius dando et modo vulne ribus tenus, modo sine missione etiam famili are oculis gratumque id spectaculum fecit.
90 (*) Es war Demonax, ein berühmter Philosoph, dessen Schüler Lucian gewesen war, und der unter dem Kaiser Marcus Aurelius berühmt war.
91 (*)Homo in hominis voluptatem perimitur! Ut quis possit occidere peritia est! ars est! Sce lus non tantum geritur, sed docetur. Quid potest inhumanius, quid acerbius dici? Di sciplina est, vt permere quis possit, et gloris est, quod peremit, S.Cyprian.
92 (*)Quod si interesse homicidio sceleris conscientia est, et eodem facinore spectator obstrictus est quo et admissor; ergo et his gladiatorum sce loribus non minus cruore perfunditur, qui spe ctat, quam ille; qui facit; nee potest esse im munis a sangvine, qui voluit effundi, aut videri non interfecisse, qui interfectori et fa vet et praemium postulavit. Quid scena? Num sanctior? Lact, in Institut.
93 (*)Vt vidit illum sangvinem, immanitatem semel ebibit, et non se auertit, sed fixit aspectum et hauriebat furias, et nesciebat, et delecta batur scelere certaminis et cruenta voluptate inebriabatur.
94 (*)Magnum et sublime, sed pro oculis datum - - Memorabili causa, sed eventu misero. Plin. VII. 43.
95 (*)Bellis punieis omnibus, cum sæpe Carthaginen- ses & in pace & per inducias multa nefanda facinora fecissent, nunquam ipsi per occasio nem talia fecere: magis quod se dignuna foret, quam quod in illos jure fieri posset, quærebant Sall. in bel. Catilinar.
96 (*)Zonaras lebte im 12. Jahrhunderte gegen das 1120. Jahr.
97 (*) Diese Insel liegt Dalmatien gegen über. Man nennte sie Corcyra nigra, um sie von einer an dern zu unterscheiden, die Epirus gleich gegen über lag, und itzt Corfou heißt.
98 (**) Sie heißt mit einem andern Nahmen Dyrrha chium, itzt Durazzo, Sie grenzt an das neue Epirus.
99 (*) Eine Insel im Adriatischen Meere.
100 (*) Eine Göttin, die die Fürsorge bey Entbindun gen hatte, und auch Lucina hieß.
101 (*)Gravius autem tumultum esse, quam bellum, hinc intelligi licet quod bello vacationes va