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Römische Historie von Erbauung Der Stadt Rom, Bis auf die Schlacht bey Actium, oder das Ende der Republick;

aus dem Französischen des Herrn Rollins, ins Deutsche übersetzt.

Fünfter Theil.

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Mit Kön. Poln. u. Churfl. Sächs. allergn.Privil.

Leipzig und Danzig, bey Johann Heinrich Rüdiger,

1750.

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Fortsetzung der Römischen Historie.

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Vierzehendes Buch.

Dieses Buch fasset, in einer Zeit von nur zwey Jahren, die größten Begebenheiten in sich; nämlich die Dictatur des Fabius Maximus, dessen General der Reuterey Minu cius ist, und die berühmte Schlacht bey Cannas, unter den Bür germeistern Paulus Aemi lius, und Varro.

I. §.

Fabius Maximus wird zum Prodictator, und Mi nucius zu seinem General der Cavalerie ernen net. Hauptbegriff von der Dictatur. Hanni bal verwüstet die Länder, und belagert Spolet to vergebens. Bey der Wiederkunft des Bür
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germeisters wird Fabius von neuen zum Dicta tor erwählet. Er fängt an, die Gemüther durch die Religion zu lencken. Abreise des Dictators. Von dem Ansehen der Dictatur. Servilius muß die Küste mit einer Flotte bewachen. Fa bius setzt sich vor, keine Schlacht zu wagen, und bleibt standhaft bey diesem Vorsatze, ob sich gleich Hannibal sehr darum bemühet, ihn da von abzubringen, und seine Leute ihn deswe gen verspotten. Character des Minucius. Han nibal wird durch den Irrthum seines Wegwei sers betrogen. Bewundernswürdige Treue der Römischen Bundesgenossen. Aufrührische Re de des Minucius wider den Dictator. Verwo gene und unglückliche Schlacht des Minucius. Scharmützel zwischen beyden Parteyen. Han nibal zieht sich durch eine gantz neue Kriegslist aus einem sehr gefährlichen Handel. Fabius wird genöthiget, nach Rom zu gehen. Glückliche Verrichtungen des Cn. Scipio in Spanien. P. Scipio begiebt sich dahin zu seinem Bruder. Durch die List des Abelox werden den Römern Spanische Geisseln geliefert. Die weisen Verzö gerungen des Fabius bringen ihn in üblen Ruff. Zwey andre Ursachen machen ihn verdächtig. Ein geringer Vortheil des Minucius gegen den Han nibal. Das Volk macht das Ansehen des Mi nucius dem Anfehen<Ansehen> des Dictators gleich. Tro tzige Verwegenheit des Minucius. Schlacht des Hannibal und Minucius. Der letztere wird ge schlagen. Fabius rettet ihn. Minucius erken net seinen Fehler und unterwirft sich wieder dem Dictator. Seltene Eigenschaften des Fabius. Seine weise Aufführung gegen den Hannibal. Ausschweifung über die Veränderung der Mün tzen zu Rom.
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Es war in Rom seit 33 Jah(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) ren kein erwählter (*) Di ctator, die Armeen zu com mandiren, gewesen, als Fa(Hauptbe griff von der Dicta tur.) bius mit dieser Würde be kleidet ward. Man muß sich erinnern, daß der Dictator eine Art von einem Könige war, aber nur auf 6 Monate. Alle andere Würden hörten, während seiner Regierung, entweder auf, oder stunden unter ihm, ausgenommen die Tribuner des Volks, welche die Geschäfte ihres Amts unabhän gig von ihm verrichteten. Die Bürgermei ster waren weiter nichts, als ihre Statthal ter, und erschienen vor ihm nicht anders, als Privatpersonen. Zum Zeichen dieser völli gen Gewalt hatte er 24 Lictors, da jeder Bürgermeister ihrer nur 12 hatte. Er hat te den Vorsitz im Senat, wenn er in der Stadt war, und ließ die darinne gefaßten Berathschlagungen ausführen. Ihm gehör te das Commando der Armeen. Der Ge neral der Reuterey, welchen er sich setzte, theilte nicht mit ihm das Ansehen, und war nur ein Oberofficier, welcher die Befehle von dem Dictator empfing und in seiner Abwe 1
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) senheit seine Stelle vertrat. Uebrigens war die Dictatur, wie man aus dem siehet, was wir itzo angeführet haben, ein Amt, welches nicht allezeit in der Republick vorhanden war. Man nahm seine Zuflucht dazu, wenn es die Nothdurft des Staats erfoderte. (Fabius wird zum Prodi ctator und Minucius Rufus zum General der Cavalerie er nennet. Liv. XXII. 8.) Wenn sich jemals die Republick in den Umständen befunden hat, wo sie genöthiget gewesen, dieses ausserordentliche Mittel zu ergreifen, so war sie es gewiß in der gegen wärtigen Beschaffenheit der Sachen, nach der betrübten Schlacht des Thrasunenes, welche die dritte Niederlage der Römer seit weniger als einem Jahr war, da Hannibal nach Italien gekommen. Die Römer wa ren damals in grossen Schrecken, und wa ren selbst der Stadt wegen in Sorgen. Aber weil der Bürgermeister, welchem es allein zukam, einen Dictator zu ernennen, abwe send war, und weil man nicht leicht einen Courier an ihn abschicken, oder ihm Briefe einhändigen konnte, weil die Carthaginenser von allen Wegen Meister waren; weil man über dieses kein Exempel hatte, daß das Volck einen Dictator gemacht, so ward Q. Fabi us Maximus zum Prodictator erwählet. Man kam darinnen überein, daß er der ein zige wäre, dessen grosser Geist und erhabene Sitten sich zu dem Ansehen und der Maje stät dieses Amts schickten; und dieses um de sto mehr, da er in einem Alter war, wo das Gemüth in dem Cörper genung Kräfte findet, die gefaßten Anschläge auszuführen, und da
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die Dreistigkeit durch die Klugheit gemäs(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) siget wird. Er erwählte sich zum Gene ral der Reuterey den Q. Minucius Ru fus, einen behertzten Mann, welcher Bür germeister gewesen, aber etwas zu dreiste und unfähig war, das oberste Commando zu füh ren. Fabius verlangte von dem Volck, ihm zu erlauben, daß er sich zu Pferde setzte und zur Armee gienge; Denn man hatte ein altes Gesetz, welches dem Dictator dieses aus drücklich verbot, entweder weil man die In fanterie für die größte Macht der Römer hielt, und daß man aus dieser Ursache glaub te, daß der Dictator, welcher sie comman dirte, allezeit an der Spitze der Bataillonen bleiben, und sie niemals verlassen müßte; oder weil, da mit diesem Amte in allen Stü cken die höchste Gewalt verknüpfet war, man wollte, daß der Dictator wenigstens hierdurch von dem Volke abzuhängen schiene. Die ersten Sorgen des Dictators, denn so werde ich ihn allezeit nennen, gingen dar auf, daß er Rom befestigen, einige Corps Trupen, zur Beschützung der Zugänge, aus stellen, und die Brücken über den Flüssen abbrechen wollte. Man glaubte, daß es so weit gekommen sey, daß man auf die Sicher heit der Stadt bedacht seyn müste, weil man Italien nicht gegen den Hannibal hatte ver theidigen können. Ob gleich Hannibal sich grosse Hoff(Hannibal verwüstet die Länder und belagert) nung machen konnte, so hielt er es doch noch nicht für gut, sich Rom zu nähern. Er be
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) gnügte sich daran, das Land zu bekriegen und die Provinzen zu verwüsten, indem er sich ge gen Adria (*) wendete. Er zog durch Um (Spoletto vergebens. Polyb.III. 237. Liv. XXII. 9.) brien, (**) und kam gerade nach Spolet to, (***) welches er, wiewohl vergebens, mit Sturm zu erobern suchte. Er ward mit Verlust zurück getrieben. Er urtheilte aus dem schlechten Fortgange, welchen sein An griff einer blossen Colonie gehabt hatte, wie viel es ihm kosten würde, wenn er sich von Rom selbst Meister machen wollte. Er ging von da nach dem Piconischen, (****) wo seine verhungerten und begierigen Trupen bey der Fruchtbarkeit und den Reichthümern des Landes etwas fanden, woran sie sich von ih rer Abmattung erholen und zugleich berei chern konnten. (Hannibal schickt Cou rirer nach Carthago. Polyb.III. 238.) Um diese Zeit schickte Hannibal Couri rer nach Carthago, daselbst Nachricht von dem glücklichen Fortgange seiner Unterneh mungen in Italien zu geben. Denn bis da hin hatte er sich noch nicht dem Meere ge nähert. Diese Neuigkeiten machten den Carthaginensern ein ausnehmendes Ver gnügen. Man war mehr, als jemals, auf die Spanischen und Italiänischen Angele genheiten bedacht, und man unterließ nichts, was den Fortgang daselbst beschleunigen konnte. 2 3 4 5
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Hannibal veränderte seine Quartiere von(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) Zeit zu Zeit, ohne sich von dem Adriatischen Meere zu entfernen. Er ließ die Pferde mit altem Wein waschen, welcher daselbst über flüßig war, und machte sie also geschickt, wieder Dienste zu thun. Er ließ auch seine Verwundeten verbinden und heilen; er gab den übrigen Zeit und Mittel, ihre Kräfte wieder zu stärcken, und als er sie alle gesund und munter sahe, setzte er sich auf den Marsch, zog durch das Land der Pretutienser (*) und Adrien, durch die Länder der Marendiner und der Frentaner, und durch alle Lucerischen und Arpischen Gegenden. Allenthalben, wo er durchzog, plünderte, mordete, sengte und brennte er. Während dieser Zeit hatte der Bürger(Bey der Wie derkunfft des Consuls wird Fabi us zum Di ctator ernen net. Liv. XXI. 6.) meister Cn. Servilius die Gallier in verschie denen Scharmützeln zurück getrieben, wobey er einige kleine Vortheile über sie erhalten, und hatte ihnen eine nicht sonderliche Stadt weggenommen. Aber kaum hatte er Nach richt von der Niederlage seines Collegen er halten; als er, in starcken Tagemärschen, an der Seite von Rom fort marschierte, damit es seinem Vaterlande im Nothfall an ihm nicht fehlen möge. Man könnte denken, sei ne Gegenwart hätte das ersetzen und wieder herstellen können, was bey der erstern Ernen nung des Fabius zum Dictator fehlte: aber 6
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) dieser ward, in aller Form, zum zweyten mal zum Dictator ernennet. Kaum hatte er dieses Amt übernommen, (Er fängt sein Amt damit an daß er die Gemüther zur Religion lenkt. Liv. XXII. 9. Plut. im Fab. 176.) so versammlete er den Rath. Er hielt für rathsam, seine Obrigkeitliche Würde durch Religionshandlungen anzufangen, und gab den Rathsherren zu verstehen, daß Flamini us viel weniger durch Verwegenheit und Un wissenheit der Kriegskunst, als durch die Ver achtung der Vorbedeutungen und des Göt terdiensts, gesündiget habe. Man ordnete viel Ceremonien an. Man that allerley Ge lübden, unter andern das Gelübde des ge (Ver sa crum.) heiligten Frühlings. Durch dieses Gelüb de verband sich das Römische Volk, dem Jupiter, zu einer zu bestimmenden Zeit, alles im Frühlinge unter den Heerden der Schaa fe, Ziegen und Rinder jung gewordene Vieh zu opfern. Man befahl, in eben der Absicht, (Ohngefehr 16667 Li vers.) zu der Feyerung der grossen Spiele 300333 Stück Müntzen, und den dritten Theil die ser Müntzen, anzuwenden. Diese Sum me zeigt an, daß die Zahl 3, auch bey den Heyden für religiös und geheiligt gehalten worden. Als alle die verschiedenen Gelüb den mit den gewöhnlichen Ceremonien waren gethan worden, setzte man einen Tag zu der öffentlichen Proceßion an, bey welcher sich eine unendliche Anzahl Menschen, so wohl aus der Stadt, als vom Lande, be fand. Durch alles dieses, sagt Plutarch, bemühte er sich nicht etwan, ihre Gemüther mit Aberglauben zu erfüllen, sondern ihren
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Muth durch die Frömmigkeit zu befestigen,(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) und ihre Furcht, durch ein standhaftes Ver trauen auf den Schutz des Himmels, zu zer streuen. Von den Religionshandlungen wende(Abreise des Dictators. Liv.XXII. 11.) te sich der Dictator zu den Kriegsgeschäf ten. Nachdem er 2 Legionen hatte anwer ben lassen, damit er sie mit denjenigen ver einigen könne, welche er von dem Consul Ser vilius bekam, so meldete er ihnen den Tag, da sie sich nach Tivoli begeben sollten. Er machte an eben demselben Tag einen Befehl bekandt, wodurch er allen denjenigen, welche in nicht allzu festen Städten und Festungen wohnten, befahl, sich an sichere Oerter zu begeben; Eben dieses befahl er auch denen auf dem Lande, welche an der Strasse wohn ten, auf welchen Hannibal marschieren soll te. Und damit er ihn aller Lebensmittel be raubte, so ließ er die Häuser anzünden, und die Feldfrüchte an den verlassenen Oertern verderben. Nachdem Fabius diese Befehle gegeben(Ansehen der Dictatur. Liv. Plut.) hatte, ging er durch die Flaminische Stras se, und marschirte vor dem Consul und dessen Armee voraus. Als er bey Ocriculum war, sahe er den Consul, welcher ihm zu Pferde, unter Begleitung einiger Officiers gleich falls zu Pferde, entgegen kam. Sogleich ließ er ihm sagen, er solle mit seinen Leuten absteigen, und ohne Lictors und Gefolge zu ihm kommen. Der geschwinde Gehorsam des Consuls, und die Ehrerbiethung, mit
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) welcher er zu dem Fabius kam, machte in den Römischen Bürgern, und in ihren Bun desgenossen den hohen Begriff der Dictatur wieder rege, welchen die Zeit fast verlöschet hatte. Geschah es aus Stoltz, daß der Di ctator von einem Consul dieses Zeichen der Unterthänigkeit und der Ehrerbiethung, for derte? Nein, fürwahr nicht; es geschah aus Schuldigkeit und Recht. Die göttliche Vorsehung, welche alles mit Maaß und Ge wicht verrichtet, hat einen Theil ihrer Ge walt den Königen, den Fürsten, und denje nigen, welche an der Spitze eines jeglichen Staates sind, mitgetheilet, damit ihr Anse hen den Niederern desto ehrwürdiger und de sto nützlicher sey, und hat gewollt, daß es von einer Hoheit und Pracht begleitet wer de, welche in die Sinne fällt. Diese sind zum Theil die Lictors, welche die Fasces und die Beile tragen, ingleichen die bewafne ten Wachten, welche, ein Schrecken einzuja gen, voraus marschiren. Diese Hoheit zeig te sich auch, durch die tiefen Ehrenbezeigun gen, welche man ihnen erweiset, wenn man sich ihrem Thron und ihrer Person nähert, und welche die Unterthänigkeit und den Ge horsam andeuten, welche Unterthanen zu kommen. Die Menschen dencken nicht so fein, daß sie in Menschen, wie sie sind, das göttliche Ansehen sollten erkennen und vereh ren können, wenn sie es nicht in einem gros sen und prächtigen, sondern in einem gerin gen und verächtlichen Zustande sehen.
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In der Zeit, da sich der Dictator und(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) der Consul noch mit einander unterredeten, erhielt der Dictator Briefe von Rom, in welchen ihm gemeldet ward, daß die Bar(Servilius bekömmt Befehl, die Küste mit einer Flotte zu bewahren.) cken, welche aus dem Haven Ostia mit Le bensmitteln für die Spanische Armee ausge lauffen wären, von der Carthaginensischen Flotte bey dem Haven Cossa (*) wären weg genommen worden, deßwegen bekam Servi lius Befehl, sich eiligst nach Ostia zu bege ben, alle Schiffe, welche bey dieser Stadt o der bey Rom waren, zu versammlen, sie mit Soldaten und Matrosen zu besetzen, die feind liche Flotte zu verfolgen, und die Italiäni schen Küsten zu bewahren. Als der Dictator die Armee von dem Ful(Fabius be schließt kei ne Schlacht zu wagen, und beharret fest dabey, ohngeachtet der Anrei tzung des Hannibal und der Ver spottung sei ner Solda ten. Polyb. III. 230. 240. Liv. XXII. 2. Plut. im Fab. 167.) vius Flaccus, einem Lieutenant des Consuls, bekommen hatte, begab er sich an dem zur allgemeinen Versammlung bestimmten Ta ge nach Tivoli. Von da marschirte er nach Prenceste, und kam durch Querstrassen auf die Straße von Latium. Nachdem er die Oerter mit vieler Sorgfalt untersuchen las sen, suchte er den Feind nach dem gemach ten Entwurfe aus, von welchem er hernach niemals abgieng, damit er niemals eine Schlacht wagen dürfe, so lange es nicht die Nothwendigkeit erforderte. Er gab auf die Bewegungen des Hannibal Acht, verschloß seine Quartiere, schnitt ihm die Lebensmittel 7
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) ab, vermied die Ebenen, wegen der Numidi schen Reuterey, folgte seinen Feinden, wenn sie ihre Lager verliessen, machte sie auf ihren Märschen müde, und blieb auf eine gewisse Weite von ihnen entfernet, welche ihm die Freyheit ließ, mit ihnen handgemein zu wer den, wenn er einen augenscheinlichen Vor theil vor sich sähe. Hannibal war damals nicht weit von der Stadt Arpi in Apulien entfernet, und am er sten Tage, da er den Feind vor sich sahe, er mangelte er nicht, ihm eine Schlacht anzu bieten: Als er aber sahe, daß in dem Lager des Dictators alles still und ruhig blieb, und daß alles, was er vornahm, in selbigem nicht die geringste Bewegung verursachte, zog er sich in sein Lager zurück, und hielt sich, wie es schien, über die Nachläßigkeit der Römer, auf, indem er ihnen vorwarff, daß sie für die Ehre unempfindlich wären, daß sie die ihren Vätern so natürliche Tapf ferkeit verlohren hätten, und daß sie ihm of fenbar einen leichten Sieg überliessen. Aber im Grunde seines Hertzens verdroß es ihn, zu sehen, daß er mit einem General zu thun hatte, welcher von dem Flaminius und Sempronius so unterschieden war, und daß die Römer, nachdem sie mit Schaden klug geworden, endlich einen General erwählet hatten, welcher im Stande war, dem Han nibal die Spitze zu bieten. In diesem Augenblicke merckte er, daß er von dem Dictator keine lebhaften und küh
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nen Anfälle, sondern eine kluge und abgemes(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) sene Aufführung, welche ihn in grosse Ver wirrung setzen könnte, zu befürchten habe. Nun war noch übrig, zu wissen, ob der neue General, dessen Beständigkeit er noch nicht geprüfet hatte, auch standhaft genug sey, dem Entwurf gleichförmig zu folgen, welchen er sich gemacht zu haben schien. Er suchte ihn also durch verschiedene Bewegungen wan kend zu machen, als durch Zerstörung der Länder, Plünderung der Städte und Ver brennung der Flecken und Dörfer. Bald hob er das Lager plötzlich auf, bald war er auf einmahl in einem krummen Thale, und versuchte, ob er ihn auf ebenem Felde über fallen könnte. Fabius aber führte seine Trupen über Höhen, ohne den Hannibal aus dem Gesicht zu verlieren. Er näherte sich dem Feinde niemals so sehr, daß er mit ihm handgemein werden konnte. Er entfernte sich aber auch nicht so weit von ihm, daß er ihm entwischen konnte. Er hielt seine Sol daten im Felde scharf, und ließ sie nicht von der Armee weggehen, als wenn sie fouragi ren musten, da er ihnen denn allemahl starcke Bedeckungen mit gab. Er ließ sich in nichts, als in leichte Scharmützel, ein, und dieses mit solcher Vorsichtigkeit, daß seine Trupen allezeit gewannen. Durch dieses Mittel brachte er unvermerckt den Soldaten ein gutes Vertrauen und die Meynung bey, daß der Verlust derer Schlachten nunmehr ersetzet sey, und setzte sie in den Stand, sich
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) auf seinen Muth, und auf sein Glück, wie ehedem, zu verlassen. (*) Fabius fand bey seinen weisen An schlägen an dem Minucius, seinem General der Reuterey, ein nicht geringeres Hinder (Charakter des Minuci us. Liv. XXII. 2.) niß, als an dem Hannibal. Diesen Men schen hinderte nichts, die Republick zu stür zen, als dieses, daß er andern untergeord net war. Er war in seinen Rathschlägen hitzig und stürmisch, und in seinen Reden voll Stolz und Eigendünkel. Er fuhr den Fabi us ohne einiges Schonen an, und zwar erst vor wenig Personen, bald darauf aber gantz öffentlich. Er schalt ihn nachläßig und furchtsam, da er doch so klug und vorsichtig war, und gab seinen Tugenden Namen derer Laster, welche ihnen am nächsten waren. So bauete er seine Ehre auf den Ruin der Ehre seines Generals, durch ein niederträchtiges und verhaßtes Kunststück, welches mehr als zu oft glücket, und welches darinn beste het, daß man diejenigen niederschlägt, welche 8
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über unsre Ehrenstelle und über unser Ver(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) dienst erhaben sind. Nachdem die Carthaginenser Daunien (*) ausgeplündert hatten, und über das Apenni nische Gebürge marschiret waren, rückten sie in Samnium ein, welches ein fettes und fruchtbares Land war, und seit langer Zeit eines vollkommenen Friedens genossen hatte, und wo sie eine so grosse Menge Lebensmit tel fanden, daß sie, ob sie gleich viel verzehr ten und verwüsteten, sie es doch nicht erschöpf fen konnten. Von da streiften sie in Bene vent, eine Römische Colonie, und nahmen die wohlbefestigte Stadt Telesia ein, wo sie erstaunliche Beute machten. Hannibal ent schloß sich, an die Grenze von Capua zu mar schieren, in der ihm gemachten Hoffnung, daß diese Stadt geneigt wäre, seine Partey zu nehmen. Die Römer folgten ihnen stets bis auf einen oder zwey Tagemärsche nach, ohne an sie stossen, oder mit ihnen schlagen zu wollen. Der General der Carthaginenser be(Hannibal wird durch den Irrthum seines Weg weisers be trogen.) fahl seinem Wegweiser, ihn in das Casinische Gebiete zu führen, weil er von denen, die das Land kannten, gehöret hatte, daß, wenn er sich der dasigen Strasse bemächtigte, die Römer keinen Weg mehr haben würden, auf welchem sie ihren Bundesgenossen zu Hülffe kämen. Weil er aber den Namen so barbarisch aussprach, so verstund der 9
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) Wegweiser Casilin an statt Casin. Weil er nun also einen ganz andern Weg nahm, so marschirte er durch die Landschaften Allifa, Callatia und Cales, und sahe sich, wider sei ne Absicht, in der Ebene von Stella. Er merkte endlich seinen Irthum, und sahe, daß Casin sehr weit davon war. Damit er den andern Wegweisern durch die Züchtigung dieses Unglücklichen eine Furcht einjagen, und einen gleichen widrigen Zufall verhin dern möchte, ließ er ihn mit Ruthen peit schen und alsdenn kreuzigen. War dieser Wegweiser strafbar, daß er sich bey diesen Umständen geirret hatte? Hannibal machte sich diesen Irrthum zu Nutzen, und fing an, die Ebene von Ca pua, und vornemlich das schöne und reiche Land Falerno, zu verwüsten, und machte sich dadurch Hoffnung, daß die Städte erschrecket werden und dem Bündnisse mit den Rö (Polyb. III. 241. Liv.XXII. 13.) mern entsagen würden. Denn bisher hat te sich noch keine Stadt in Italien zu der Partey der Carthaginenser geschlagen, ob sie gleich in drey Schlachten waren über wunden worden. Alle waren treu geblieben, auch diejenigen, welche am meisten erlitten hatten; So viel Hochachtung hatten die Bundesgenossen für die Römische Republick. Nichts macht dem Römischen Volk mehr Ehre, und nichts giebt seinen Charakter bes ser zu erkennen, als das, was Polybius hier sagt. Aus dergleichen Verfahren muß man davon urtheilen. Titus Livius giebt ihm
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eben dieses Zeugniß, und scheint noch mehr(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) zu sagen, als der griegischegriechischeGeschichtschreiber. Während der Zeit, (*) sagt er, da gantz Ita lien in Kriegsflammen stund, waren die er schrecklichen Verwüstungen des Hannibal nicht im Stande, die Treue der Bundesge nossen wankend zu machen. Er setzt hinzu: Dieses konnte auch nicht schwer seyn. Denn sie stunden unter einer sehr billigen und ge mäßigten Regierung, und unterwarffen sich ohne Widerwillen einem Volke, dessen Vor zug an Verdiensten, welche es würdiger zum Befehlen machte, sie erkannten; und dieses ist bey denen, welche gehorchen, das festeste Band und der sicherste Bürge ihrer Treue. Das Murren und die aufrührichen Re(Aufrührische Reden des Minucius wider den Dictator. Liv.XXII. Plut. im Fab. 177.) den des Generals der Reuterey hatten seit einigen Tagen aufgehöret, weil Fabius, wel cher dem Hannibal nachfolgte, seine Armee geschwinder, als gewöhnlich, hatte marschi ren lassen, und Minucius nebst seinen Anhän gern schloß, daß er Campanien zu Hülffe eil te. Aber als sie bey Vulturnium campir ten, und sie von da aus das schönste Land von Italien des Feindes Beute werden sa hen, vornehmlich da sie von der Spitze des Berges Massa das gantze Land Falerno und 10
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) Sinuessa verwüstet und alle Land - Häuser von den Carthaginensern verbrannt sahen, ohne daß Fabius, welcher fest dabey behar rete, die Höhen zu bedecken, im geringsten an eine Schlacht gedachte, so fing sich der Aufruhr wieder viel hefftiger an, als jemals. Sind wir denn gekommen, sagte Minucius noch wütender, als vorher, den Anblick der schrecklichen Verwüstungen, welche unsre Bundesgenossen ausstehen, als ein angeneh mes Schauspiel anzusehen, wenn die Ehr begierde und der Vortheil unsren Muth nicht erregen können? Haben wir nicht zum wenigsten Mitleiden mit unsren Mitbürgern, welche unsre Väter als Colonisten nach Si nuessa geschickt haben? Wie! bleiben wir unempfindlich, wenn wir eben diejenigen Küsten in der Gewalt der Numider und Mohren sehen, an welchen unsre Vorfah ren, ohne es sich für eine Schande zu hal ten, die Carthaginensischen Flotten nicht un gestrafft hatten schiffen lassen? Nur vor einigen Monaten waren wir vor Zorn aus ser uns, als wir die Belagerung und die Gefahr der Stadt Sagonta vernahmen: Heute sehen wir ruhig, daß Hannibal fertig ist, eine Stadt zu stürmen, welche eine Rö mische Colonie bewohnet. Wenn jener grosse General, welcher verdienet hat, der ande re Stiffter von Rom genennet zu werden, sich so aufgeführet hätte, wie sich ietzo dieser neue Camillus aufführet, welchen man allein für würdig hält, bey so verdrießlichen Um
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ständen Dictator zu seyn, so würde Rom(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) noch in der Gallier Gewalt seyn. Wir ir ren uns gar nicht. Es ist närrisch zu glau ben, daß man den Sieg davon tragen könne, wenn man die Hände in den Schooß legt, oder betet. Man muß den Trupen die Waffen ergreiffen lassen, sie in die Ebene füh ren und gegen den Feind stellen. Das Rö mische Reich hat zugenommen, indem es wircksam gewesen ist, und die Gefahr gesucht hat, nicht aber durch dieses furchtsame Be tragen, welchem die Nachläßigen den Na men der Klugheit und Vorsichtigkeit geben. Diese Rede verbreitete sich unter die Ar mee, und es war kein Mensch darunter, welcher nicht den Minucius dem Dictator weit vorgezogen hätte. Selbst die Freun(Plut. im Fab.) de des Fabius, und diejenigen, welche sei nem Vortheil am meisten ergeben zu seyn schienen, riethen ihm, diesem Geschrey, wel ches seiner Ehren nachtheilig war, ein Ende zu machen, und dieses dadurch, daß er den Officiren und Soldaten ein wenig nachgä be, welche alle eifrig wünschten, daß man sie gegen den Feind führen möchte. Aber der Dictator sagte ohne Bewegung zu ih nen: „Ich müste in der That viel furchtsa mer seyn, als sie mich beschuldigen, wenn mich die Furcht vor ihrem Spott und Schimpf bewegen sollte, einen Entschluß zu ändern, welchen ich nicht eher gefasset, als bis ich alle dessen Folgen reichlich überleget und die unumgängliche Nothwendigkeit des
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) selben eingesehen habe. Die Furcht um sein Vaterland ist eine Furcht ohne Schande; aber wenn man sich vor den Reden der Leute fürchtet, und sich durch ihre Ver spottungen erschrecken läßt, so zeigt man, daß man der obersten Gewalt unwürdig ist, und man macht sich zum Sclaven der jenigen, deren Herr man seyn soll, und welche man zähmen und bessern soll, wenn sie Böses im Sinn haben.“ Fabius, wel cher sowohl gegen seine eigenen Soldaten, als gegen die Feinde, auf seiner Huth war, und welcher selbst die Römer als die vor nehmsten Widersacher betrachtete, gegen welche er sich als ein Unüberwindlicher zei gen mußte, beobachtete während des gan tzen übrigen Feldzuges beständig einerley Auf führung, ohngeachtet der schimpflichen Nach rede von seiner vorgegebenen Furchtsamkeit und Nachläßigkeit, welche, wie er wohl wußte, von dem Lager bis nach Rom ge drungen war. Hannibal, welcher nun mehr gäntzlich zweiffelte, daß es zu einem Treffen kommen würde, war bedacht, sich an einen Ort zurück zu ziehen, wo er den Winter bequem zubringen könnte. Er woll te die Lebens-Mittel, welche er zusammen gebracht hatte, nicht verzehren, sondern sie zum Theil an einem sichern Ort in Verwah rung bringen. Denn es war nicht genug, daß seiner Armee itzo nichts fehlte: er bemüh te sich sie beständig beym Ueberfluß zu er halten.
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Fabius erhielt durch seine Curirer Nach(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) richt von dem Vorhaben des Hannibals, und da er überzeugt war, daß er, wenn er aus Campanien zöge, nothwendig eben den selben Weg nehmen müste, auf welchem er hin ein marschiret war, schickte er einen Theil seiner Armee ab, sich des Berges Callicula und der Festung Casalin zu bemächtigen. Er seiner Seits führte seine Armee über eben diese Hügel zurück, und schickte unterdessen den L. Mancinus mit 400 Reutern zum Aus forschen aus. Dieser junge Officier hatte(Verwegenes Scharmü tzel und Nie derlage des Minucius. Liv.XXII. 15.) Befehl, den Feind zu beobachten, ohne sich, wenn es möglich wäre, ihm zu zeigen; we nigstens ohne sich einiger Gefahr auszuse tzen, und von seiner Verrichtung Rechen schaft zu geben. Weil er aber von der Zahl derjenigen war, welche die aufrührischen und ausgelassenen Reden des Minucius verführet hatten, so war er kaum einige Numidische in den Dörfern zerstreute Reuter gewahr wor den, als er sie anfiel und auch einige von ihnen erlegte. Er brauchte nun weiter nichts mehr, seine aufgetragene Verrichtungen zu verges sen. Das hefftige Verlangen zu schlagen, setz te ihn ausser den Gehorsam, welchen er dem Dictator schuldig war. Die Numider, wel che in verschiedene Haufen eingetheilet waren, scharmuzirten, einer nach dem andern, mit ihm. Hernach flohen sie mit Fleiß vor ihn hin aus, und lockten ihn allmählich bis an ihr La ger, da er, nebst seinen Soldaten und Pferden, ganz müde war. Carthalon, welcher die
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) ganze Reuterey commandirte, rückte sogleich aus, schlug sie in die Flucht, eh er noch an sie stieß, und verfolgte sie fast 2 Meilen weit, ohne ihnen einige Ruhe zu lassen. Als Man cinus sahe, daß er seinen Feinden, welche ihn so hartnäckig verfolgten, nicht entfliehen konn te, ermahnte er seine Leute, sich aufs beste zu vertheidigen, und ging auf die Numider loß, welche ihm an Zahl, Macht und Zuver sicht weit übertraffen. Er ward also selbst nebst den Tapfersten von seinen Leuten erlegt. Die andern retteten sich in aller Eil, und flohen erst nach Cales, und von da marschir ten sie durch die abgelegensten Wege in das Lager des Dictators. (Scharmützel zwischen bey den Theilen. Liv. 16.) Von ohngefähr war selbigen Tages Mi nucius wieder zu dem Fabius gestossen, wel cher ihn einige Tage vorher abgeschicket hat te, sich jenseit Terracina eines sehr engen We ges zu bemächtigen, welcher die See bedecket, und zu verhindern, daß Hannibal nicht nach der Seite von Rom käme, welches er hätte thun können, wenn man ihm nicht die Ap pische Strasse versperret hätte. Als der Dictator und der General der Reuterey ih re Trupen hatten zusammen stossen lassen, lagerten sie sich auf dem Wege, welchen Han nibal paßiren sollte, ohngefähr 2. Meilen von dem Feinde. Den Tag darauf nah men die Carthaginenser das gantze Feld zwi schen den beyden Lägern ein. Die Römer postirten sich hinter ihre Verschanzung, wo ihnen der Ort wirklich vortheilhaft war.
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Unterdessen unterliessen die Feinde nicht, mit(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) ihrer voraus marschirenden Reuterey, weiter vorzurücken; welches verschiedene Scharmü tzel zwischen den beyden Partheyen veranlas sete. Aber die Römer verliessen ihre Posten nicht; denn Fabius hielt sie zurück. Daher geschah dieses alles nach dem Willen des Dictators, nicht aber nach Hannibals Ab sicht. Es blieben 800 Carthaginenser auf dem Platz, und die Römer verlohren nicht mehr, als 200 Mann. Hannibal war voll Unruhe. Er muste(Hannibal zieht sich, durch eine ganz neue Kriegslist, aus einer grossen Ge fahr. Polyb.III 243-245. Liv.XXII. 15=18. Plut. im Fab. 177. Appian. 377.) durchaus zum Rückmarsch eben denjenigen Weg erwählen, auf welchem er gekommen war. Dieser Weg war sehr enge, und es war sehr leicht, ihn auf selbigem zu beunru higen. Fabius entschloß sich, die Verwir rung des Feindes zu seinem Vortheil anzu wenden. Er schickte also 4000 Mann ab, die Strasse selbst zu besetzen, nachdem er sie vorher ermahnet hatte, ihre Schuldigkeit zu thun, und sich die gute Lage des Posten, des sen sie sich bemächtigen sollten, zum Vortheil zu machen. Er marschierte hierauf selbst, mit dem größten Theil seiner Armee, aus, sich auf dem Hügel zu postiren, welcher die Wege bedeckte. Die Carthaginenser ka men an, und campirten in der Ebene, ganz an dem Fuß des Berges. Hannibal sahe sich von allen Seiten eingeschlossen, und in der traurigen Nothwendigkeit, den Win ter zwischen den Formiensischen Felsen auf ei ner Seite, und auf der andern Seite zwi
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) schen dem entsetzlichen Linternischen Sand und Morast zuzubringen, anstatt daß die Rö mer Capua und Samnium, und viel reiche Bunds genossen, welche ihnen Lebensmittel im Ueberfluß zuschicken konten, hinter sich hatten. Die Römer glaubten, es wäre unmög lich, daß sich Hannibal aus den gefährli chen Umständen ziehen könnte, in welche er sich verwickelt hatte, und sie schmeichelten sich mit der süssen Hoffnung, daß sie die ganze reiche Beute, welche die Carthaginen ser bey sich hatten, ihnen würden wegnehmen, und bald einen Krieg endigen können, welcher ihnen schon so viel Blut gekostet hatte, und welcher ihnen eine so gegründete Unruhe we gen des zukünftigen verursachte. Fabius selbst war dieser Meynung, und dachte an nichts, als zu sehen, welche Posten er einneh men, durch wen, und wo er den Anfall thun lassen wollte; und diese Entwürfe sollten den Tag drauf ausgeführet werden. Hannibal urtheilte hieraus, daß die Fein de bey dieser Gelegenheit dergleichen thun könnten, und ließ ihnen also nicht Zeit dazu. Er merkte wohl, daß man wider ihn seine gewöhnliche Maaßregeln und Künste anwen den würde: Aber er hatte den Grund der Sache nicht eingesehen. In dergleichen Um ständen braucht ein commandirender Gene ral eine nicht gemeine Fertigkeit und Stand hafftigkeit des Geistes, damit er die Gefahr in ihrem ganzen Umfange ohne Schrecken ein sehen, und eine sichere und geschwinde Zu
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flucht, ohne sich zu berathschlagen, finden(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) kann. Er (*) ersann also eine ganz neue und nie gebrauchte Kriegslist, welche in der That weniger zu schaden, als durch ihr Schauspiel zu verblenden und zu erschrecken fähig war. Er brachte ohngefähr 2000 so wohl wilde als zahme Ochsen zusammen, welche sich unter der Beute befanden, die er in des Feindes Lande gemacht hatte. Er befahl auf dem Felde Reisig und ander tro ckenes und kleines Holz zusammen zu brin gen, woraus er Bündel machen und sie fest an die Hörner der Ochsen binden ließ. Dem Astrubal befahl er, um Mitternacht diese Bündel anzuzünden und die Ochsen auf die Höhen zu jagen, und zwar vornehmlich ge gen die Seite derer Wege, welche die Rö mer eingenommen hatten. Nachdem er diese Maaßregeln also genom men hatte, fing er selbst an, still zu marschi ren und gegen die Wege anzurücken, indem er zum Vortrup die schwerbewafnete In fanterie hatte. In der Mitte war die Reu terey, und hinter ihr die Beute. Den Nach trup machten die Spanier und Gallier aus. Die Ochsen gingen weit vor dem Vor trup seiner Armee voraus. Anfangs brach te die blosse Furcht vor den Flammen auf ihren Köpffen, und noch mehr der Schmerz, 11
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) welchen sie empfanden, da sie das Feuer brannte, in Wuth, so, daß sie sich nach allen Seiten auf die Hügel und in die Wälder zerstreueten. Die Mühe, die sie sich gaben, sich von dem Feuer loß zu machen, indem sie um sich schlugen und einander stiessen, vermehrte die Flammen, und breitete sie aus, so, daß alle Sträuche in selbiger Ge gend in Brand geriethen. Die Römer er schracken, und glaubten anfangs, daß es Menschen wären, welche von allen Seiten mit Fackeln herzu liefen. Diejenigen, welche an die Zugänge der Wege, sie zu bedecken, postiret waren, ergriffen die Flucht, sobald sie das Feuer über ihren Köpffen sahen, und liefen den Berg hinan, als an den si chersten Ort, weil sie daselbst weniger Feu er sahen. Sie fanden daselbst einige Och sen, welche sich von den andern getrennet hatten. Anfangs hielten sie sie für Thiere, welche Feuer aus den Rachen speyen, und blieben gantz erschrocken bey einem solchen Anblick stehen. Als sie aber, da sie näher kamen, sahen, was es war, und daß das, was sie für ein Wunderwerk gehalten hat ten, ein ganz menschliches Kunstück war, so erschracken sie noch mehr, anstatt daß sie hätten zu sich selbst kommen sollen. Sie glaubten, sie würden von den Feinden ange fallen, und entflohen noch in größrer Unord nung, als vorher. Sie geriethen mit der leichten Militz des Hannibal in ein Gefechte. Weil aber beyde Theile befürchteten, daß
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sie sich in der Finsterniß der Nacht zu un(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) rechter Zeit miteinander einliessen, so erwar teten sie den Tag, ohne ein Treffen anzu fangen. Indessen hatte Hannibal Zeit, al le seine Trupen durch den engen Weg mar schiren zu lassen. Fabius merkete diese Bewegung bald. Er zweifelte aber nicht, daß dieses eine Kriegslist von dem Hannibal sey, und ließ seine Soldaten sich in ihren Verschanzungen inne halten, weil er nicht Lust hatte, in der Nacht eine Schlacht zu wagen. Bey An bruch des Tages entstund ein Treffen, auf der Spitze des Hügels, in welchem die Rö mer, weil sie stärker an der Zahl waren, die leichten Trupen des Hannibal, welche von der übrigen Armee abgesondert waren, leicht würden erleget haben, wenn diese nicht durch eine Anzahl regulirter Spanier, welche er ihnen zu Hülffe schickte, wären unterstützet worden. Die Soldaten von dieser Nation hatten eine Fertigkeit zu klettern und ge schwind durch die unwegsamsten Wälder und Felsen zu laufen. Sie spotteten also mit leichter Mühe, durch die Flüchtigkeit ihrer Körper, und durch ihre Art anzufallen und sich zu vertheidigen, der Anstrengungen ei nes Feindes, welcher schwer bewaffnet und gewohnt war, auf der Ebene zu fechten, oh ne seinen Posten zu verlassen. Beyde zogen sich zurück in ihr Lager, nachdem die Römer bey diesem Scharmützel einige von ihren Leu
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) ten verlohren hatten, und von den Spaniern fast kein eintziger übrig geblieben war. Nachdem sich Hannibal mit eben so viel Ruhm als Glück aus einer sehr grossen Ge fahr gezogen hatte, schlug er sein Lager in dem Gebiete der Alifen auf, wohin ihm Fa bius folgte. Dieser folgte seinem gemachten Entwurfe, und führte seine Trupen stets ü ber erhabene Oerter, indem er sich zwischen der feindlichen Armee und der Stadt Rom mitten inne hielt, ohne den Feind aus dem Gesichte zu verlieren, und ohne sich der Noth wendigkeit einer Schlacht auszusetzen. Han nibal kam nach einigen Bewegungen zum zweytenmal nach Apulien, und rückte bis nach Geraunium, wo sich die Einwohner zu rück gezogen hatten, weil der Platz nicht halt bar war. Fabius näherte sich ihm, und la gerte sich auf dem Gebiete von Lavinum auf einem vortheilhafften Posten. (Fabius muß nach Rom reisen. Polyb.III. 245. Liv.XXII. 18. Plut. 179.) Da er einige Zeit darauf nach Rom rei sen muste, wohin ihn Religions-Geschäffte zurück rufften, wendete er nicht nur sein An sehen, sondern auch seinen Rath und fast sein Bitten an, von dem General der Reuterey zu erlangen, „daß er in seiner Abwesenheit das Glück nicht versuchte, daß er sich mehr Rech nung auf die Klugheit, als auf den Zufall machte, und daß er vielmehr seiner, als des Sempronius Aufführung, nachahmte. Er solle sich nicht einbilden, daß dieses ein mit telmäßiger Vortheil sey, daß man den Fort gang des Hannibal gehem̄et, und seine Kün
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ste während des ganzen Feldzuges zu Schan(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) den gemacht habe. Es thue, nach der Regel der besten und klügsten Aerzte, den Kran ken die Ruhe oft mehr Gutes, als die star ken Arzneymittel. Man habe gar viel ge wonnen, da man aufgehöret habe, von ei nem bisher stets siegenden Feinde überwun den zu werden, und da man nach so vielen auf einander gefolgten Niederlagen endlich einmahl Luft geschöpfet habe.“ Die Folge wird zeigen, wie unnütz diese Ermahnungen waren. Inzwischen reisete Fabius nach Rom. Italien war nicht allein der Kriegs(Glückliche Expeditio nen des Cn. Scipio in Spanien. Polyb.III. 245. Liv.XXII. 19.) Schauplatz. Der Krieg ward in Spanien zu Wasser und zu Lande eben so lebhafft ge führet. Als Astrubal die 300 Schiffe, wel che ihm sein Bruder gelassen, ausgerüstet und 10 andere hinzu gethan hatte, ließ er von Neu-Carthago, oder Carthagena, 40 Schiffe absegeln, deren Commando er dem Hamilcar übergeben hatte, und nachdem er die Landtrupen aus den Winterquartieren hatte ausrücken lassen, stellte er sich an ihre Spitze. Er ließ die Schiffe nah an das U fer stellen, und folgte ihnen an dem Ufer nach, in der Absicht, beyde Armeen zusam men stossen zu lassen, wenn man nahe bey dem Jber seyn würde. Als Cn. Scipio von diesem Entwurf der Carthaginenser Nachricht erhielt, nahm er sich anfangs vor, zu Lande ihnen entgegen zu marschiren. Als er aber erfuhr, wie stark die Armee der Fein
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) de war, und was für Zurüstung sie gemacht hatten, schiffte er seine auserlesenste Mann schaft ein. Er ging mit einer Flotte von 35 Galeren unter Segel, und kam, nach einer zweytägigen Schiffarth, von Tarra gona aus, ohnweit der Mündung des Jber an. Als er noch 10 Meilen (3 Franz. Meilen) ohngefähr von dem Feind entfer net war, schickte er 2 Fregaten von Marsi lien zum Ausforschen aus. Denn die Mar silier waren allezeit die ersten, sich der Gefahr auszusetzen, und ihre Unerschrockenheit war ihm eine grosse Hülffe. Niemand war dem Vortheil der Römer so geneigt, als dieses Volk, welches ihnen hernach oft Proben seiner Zuneigung gegeben hat, und sich am meisten in dem Kriege wider den Hannibal hervorthat. Diese beyden Fregaten brach ten die Nachricht zurück, daß die feindliche Flotte bey der Mündung des Jber sey. Als bald eilte Scipio mit seinen Schiffen, sie zu überfallen. Astrubal aber hatte schon längst durch die Schildwachten Nachricht bekom men, daß sich die Römer näherten. Er stell te also seine Trupen an dem Ufer in Schlacht ordnung, und befahl der Besatzung, in die Schiffe zu steigen. Sobald die Römer an kamen, gab man das Zeichen zur Schlacht, und sogleich ward man handgemein. Die Carthaginenser hielten einige Zeit tapfer aus: aber sie strichen gar bald die Segel. Als sie sahen, daß ihnen die Römer zwey Schif fe genommen, und 4 in Grund gebohret
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hatten, zogen sie sich zurück gegen das Ufer.(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) Als sie aber die Römer hitzig verfolgten, zo gen sie sich so nahe an das Ufer, als sie konn ten. Endlich sprungen sie aus ihren Schif fen, und flohen zu ihrer Armee auf dem Lan de. Die Römer verfolgten sie so lebhaft, daß sie alle die Galeeren nahmen, welche nicht an der Küste gescheitert, oder wel che nicht auf den Sand gerathen waren, und nahmen sie, an der Zahl 25, mit sich, indem sie solche an die Hintertheile ihrer Schiffe gebunden hatten. Dieser Sieg, welcher die Römer wenig kostete, mach te sie Meister von dieser ganzen See und von den benachbarten Küsten. Sie rück ten bis vor die Thore von Carthagena, zündeten die nächsten Häuser an den Mau ern an, und verwüsteten das ganze Land umher. Die mit Beute beladene Flotte schiffte von da bis nach Longantica, (*) wo Astrubal für seine Schiffe eine grosse Menge von einer Art der Geniste, (Spartum) de ren man sich zu Verfertigung der Schiff seile bediente, zusammen gebracht hatte. Sie zündeten sie an, nachdem sie so viel, als sie brauchten, davon mitgenommen hat ten. Die Flotte kam allmählich gegen die Spanischen Provinzen zurück, welche dies seit des Jber sind. Hier fand Scipio die Abgeordneten von allen Nationen, welche 12
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) an diesem Fluß wohnen, und selbst von vie len aus denjenigen Provinzen, welche am äussersten Ende wohnen. Mehr als sechs und zwanzigerley Völker unterwarfen sich aufrichtig und treulich der Macht der Rö mer, und gaben ihnen Geiseln. Die Celti berier (*), welche ein Theil von den Völ kern war, wovon itzo geredet worden, er griffen, auf Befehl des Römischen Gene rals, die Waffen, und marschirten mit ei ner mächtigen Armee in die Provinz der Carthaginenser, wo sie drey Städte mit Sturm eroberten. Sie schlugen hernach den Astrubal selbst, in zwey verschiedenen Schlachten, erlegten 15000 Mann, mach ten 4000 Gefangene, und nahmen ihm viel Fahnen weg. Als man zu Carthago die Nachricht von dieser Niederlage erhielt, rüstete man 70 Schiffe aus; denn man glaubte, man kön ne nichts unternehmen, wenn man nicht Meister von der See wäre. Diese Flotte kam zuerst nach Sardinien, und von Sar dinien nach Pisa in Italien, wo die Com mandanten hofften, sich mit dem Hannibal unterreden zu können. Die Römer kamen ihnen mit 26 grossen Schiffen in 5 Rei hen zuvor. Als die Carthaginenser erfuh ren, daß diese auf der See waren, kehrten sie auf eben dem Wege nach Carthago zu 13
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rück. Servilius, der Admiral der Römi(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) schen Flotte, verfolgete sie eine Zeit lang, er konnte sie aber nicht erreichen. Während dieser Zwischenhandlungen kam(P. Scipio stößt zu sei nem Bru der in Spa nien. Polyb.III. 247. Liv.XXII. 22.) P. Scipio mit einer neuen Verstärkung von Schiffen und Soldaten nach Spanien. Der Rath, welcher überzeugt war, daß die Spa nischen Angelegenheiten eine besondere Auf merksamkeit verdieneten, und daß es nicht nur nützlich, sondern auch nöthig sey, die Carthaginenser in selbigen Landen zu drü cken, und das Kriegsfeuer in Spanien im mer mehr und mehr zu entzünden, damit man ihnen eine starke Diversion machen möchte, schickte 20, oder, nach dem Livius, 30 Schiffe, mit 8000 Mann Besatzung und allerley Kriegsbedürfniß, in See. Diese Verstärkung commandirete P. Scipio, wel chen man, nach dem ersten Entwurfe, den man zu Anfange des Feldzuges gemacht hatte, nach Spanien schickte, mit dem Be fehl, aufs eiligste sich mit seinem Bruder zu vereinigen, und mit ihm gemeinschaftlich den Krieg zu führen. Man befürchtete zu Rom nicht ohne Ursachen, daß die Cartha ginenser, welche in dasigen Ländern Herr waren, und Kriegsbedürfnisse und Geld im Ueberfluß daselbst zusammen brachten, sich Meister von der See machen, dem Hanni bal Geld und Trupen schicken, und ihm zur Bezwingung Italiens behülflich seyn möch ten. Als P. Scipio in Spanien angelan get und zu seinem Bruder gestossen war, that
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) er der Republick sehr grosse Dienste. Bis itzo hatten es die Römer noch nicht gewagt, ü ber den Jber zu gehen. Sie glaubten genug ge than zu haben, da sie sich die Freundschaft der diesseitigen Völker erworben, und sie zu ihren Bundes genossen gemacht hatten. Aber die beyden vereinigten Brüder setzten über diesen Fluß, und rückten bis an Sagonta. (Die Spani schen Gei seln werden durch des Abelox List den Römern ausgeliefert. Polyb.III. 284-250. Liv.XXII. 22.) Sie wußten, daß man die Geiseln, wel che Hannibal von allen Völkern in Spani en, sich ihrer Treue zu versichern, genommen hatte, in der Citadelle dieser Stadt zu wenig bewachte. Die Furcht, ihre Empörung durch das Blut ihrer Kinder zu ahnden, war noch das einzige Band, welches die Spani er auf der Seite der Carthaginenser hielt; da sie ausser dem grosse Begierde hatten, die Partey der Römer zu ergreifen. Dieses Band, welches einen grossen Theil der Pro vinz zurück hielt, ward von einem Spanier zerrissen, welcher mehr Geschicklichkeit und List, als keiner blicken ließ. Er hieß Abelox, und war ein vornehmer und in dem Lande sehr angesehener Mann. Er war bisher den Carthaginensern sehr zugethan gewesen: aber, aus einer diesen Barbaren ganz gewöhnli chen Unbeständigkeit, hatte er, mit dem Glück, auch seine Partey, wenigstens im Herzen, verändert. Weil er übrigens wohl wußte, daß man einen Ueberläufer und Verräther, welcher nur seine Person zu derjenigen Partey bringt, die er ergreift, nur verachtet, so dachte er darauf, wie er
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den Römern einen grossen Vortheil zuwege(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) bringen und sich ein Ansehen unter ihnen erwerben möchte. Er glaubte, der größte Dienst, welchen er ihnen bey gegenwärti gen Umständen erweisen könnte, wäre dieser, wenn er ihnen die Geiseln auslieferte, wel che Hannibal in Sagonta bewachen ließ. Es kam darauf an, den Bostar, welchem ihre Bewachung aufgetragen war, zu gewin nen, oder vielmehr zu bekriegen. Er ging zu ihm, und als er sein Gespräch mit ihm auf die Geiseln gelenket hatte, gab er ihm zu verstehen, „daß die Furcht die Spanier bey ihrer Schuldigkeit erhalten hätte, so lan ge die Römer entfernet gewesen wären: seit dem sie aber in der Provinz angelanget wä ren, wäre ihr Lager eine Freystadt aller der jenigen geworden, welche die Veränderung liebten. Er müsse also durch Güte und Wohlthat von den Völkern dasjenige er langen, was das Ansehen nicht mehr erhal ten könnte. Das sicherste Mittel, sich der Völker zu versichern, wäre dieses, wenn man ihnen ihre Geiseln wiedergäbe. Alle (*) würden sehr vergnügt darüber seyn, wenn man ihnen traute; und die Leute wie der getreu zu machen, wäre es oft genug, wenn man ihnen sein Zutrauen zu erken nen gäbe.“ Er erbot sich, jeden Geisel in sein Land zu führen: Bostar war, wie ge 14
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) meiniglich die Carthaginenser zu seyn pflegten, eben nicht allzu verschlagen, und da er von sich auf andere schloß, so war er weit davon entfernet, zu argwohnen, daß ein Mann von Stande eines so schändlichen Verraths soll te fähig seyn. Er ließ sich überreden, und ließ in der Nacht dem Abelox alle Geiseln über geben, welche dieser alsbald den Scipionen auslieferte, wie er es zuvor mit ihnen abgere det hatte. Die Römischen Generale liessen sie ohne Zeitverlust zu ihren Anverwandten führen. Es ist leicht zu begreiffen, was für ein Erstaunen, und zugleich was für eine Freude diese Gnade und Großmuth in dem Lande ver ursachet habe. Alle Spanier erklärten sich einmüthig für die Römer; und sie würden so gleich die Waffen wider die Carthaginenser ergriffen haben, wenn nicht der Winter, wel cher eben einfiel, beyde genöthiget hätte, in ihre Winterquartiere zu gehen. (Das kluge Zaudern des Fabius setzt ihn in übeln Ruff. Liv.XXII. 23.) Dieses fiel in Spanien in dem zweyten Jahr des Hannibalischen Krieges vor, da unterdessen das heilsame Zaudern des Fabi us in Italien den Römern Zeit verschaffet hatte, nach so vielem Verluste sich ein wenig zu erholen. Es war dabey zu bewundern, daß eine so weise Aufführung dem Hannibal zugleich grausame Unruhe verursachte, indem er sah, daß die Römer endlich einen General erwählet hatten, welcher den Krieg nach Grundregeln, und nicht auf ein Gerathe wohl führte. Aber diese Aufführung ward von eben denjenigen verachtet, welche den
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Nutzen davon zogen, nämlich von den Rö(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) mern, von der Stadt Rom, und von der Ar mee, vornehmlich nach einem ganz geringen Vortheil, von welchem wir bald reden wol len. Noch zwey Ursachen machten, daß dieser(Zwey andre Ursachen ma chen ihn noch verdächtig. Liv.XXII. 23. Plut. im Fab. 178.) General den Römern verhaßt ward. Erst lich die List des Hannibal, welcher, nach dem er sich von den Ueberläufern ein Stück Land, welches dem Dictator zugehörte, hat te zeigen lassen, befahl, demselben nicht den geringsten Schaden zu thun, da er unterdes sen alle Länder umher mit Feuer und Schwerdt verfolgte, damit er ihn wegen ei nes Verständnisses mit den Carthaginensern verdächtig machen möchte. Die 2. Ursache, welche die Gemüther von ihm abwendig ma chen half, war diese, daß er, ohne mit dem Rath darüber zu berathschlagen, mit dem Hannibal wegen der Auslieferung der Kriegs gefangenen einen Vertrag gemacht hatte, in welchem sie, wie es in dem ersten Kriege war gehalten worden, sich mit einander vergli chen, Mann für Mann zurück zu geben, und für die Befreyung derer, welche nach der Auswechselung übrig blieben, tausend Se stertien für den Mann, das ist, 125 Livres, zu zahlen. Für die Anzahl Soldaten, wel che die Römer zu ranzioniren hatten, war eine Summe von mehr als 30000 Livres nöthig. Nachdem dieser Artickel wegen der Ranzion unterschiedene mahl dem Rath war vorgetragen worden, und der Rath die
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) Auszahlung des Geldes stets aufschob, weil Fabius diesen Vertrag, ohne daß der Rath Theil dran genommen, gemacht hatte, so entschloß er sich endlich, seinen Sohn nach Rom zu schicken, mit dem Befehl, eben die ses Land zu verkaufen, welches der Feind verschonet hatte, und ranzionirte die Kriegs gefangenen mit seinem eigenen Gelde. Die meisten wollten es ihm hernach wieder geben: aber es war nicht möglich, ihn zu bereden, daß er es annähme. (Ein geringer Vortheil des Minucius ü ber Hanni bal. Polyb.III. 257. Liv.XXII. 24.) Wir haben schon gesagt, daß Hannibal Geraunium in Apulien eingenommen, und sich vorgenommen, in diesem Platze seine Ma gazine anzulegen, und seine Winterquartiere zu nehmen. Er campirte itzo vor den Mau ern dieser Stadt, von wannen er zwey Drit theile seiner Armee zu furagiren ausschickte, daß jeder Theil eine gewisse Menge Getreyde denjenigen bringen sollte, welchen aufgetra gen war, dasselbe zu verwahren. Den drit ten Theil seiner Trupen brauchte er zur Be deckung seines Lagers, und zur Unterstützung der Furagirenden, wofern sie angefallen wür den. Minucius hatte sich dem Hannibal genä hert, und sich mit seiner Armee, welche er, nach der Abreise des Dictators nach Rom, allein commandirte, in dem Lavinischen Ge biethe gelagert. Als er sich bey der Abwesen heit seines Vorgesetzten in Freyheit sah, dach te er auf Unternehmungen, welche seiner Ge müthsart gemäß waren, indem er bald die
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Furagirer des Hannibal, welche hin und(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) wieder im Felde zerstreuet waren, überfallen, und bald sein Lager angreifen wollte, wo sich nur der dritte Theil seiner Armeen be fand. Hannibal sah gleich, daß die Art, Krieg zu führen, sich in dem Lager der Fein de mit dem General verändert hatte. Als er sah, daß sich die Römer genähert hatten, begnügte er sich daran, ein Drittheil seiner Armee furagiren auszuschicken, und behielt das übrige davon im Lager. Er war stets auf seinen ersten Entwurf aufmerksam, nach welchem er seine Beute nicht verzehren, son dern eine grosse Menge Lebensmittel zusam men bringen wollte, damit in dem Winter qvartiere seine Leute, seine Lastthiere, und besonders die Pferde an nichts einigen Man gel hätten. Denn er setzte hauptsächlich sei ne Hoffnung auf seine Reuterey. Hannibal hatte in der Nacht einige Nu mider abgeschickt, welche sich einer nahe bey den Römern liegenden Höhe bemächtigten, und von welcher ihr Lager bestrichen werden konnte. Diese furchten sich nicht vor den wenigen Numidern, trieben sie den folgenden Tag davon weg, und besetzten sie selbst. Auf diese Art blieb zwischen beyden Lägern ein ziemlich kleiner Raum. Als Minucius an einem Tage sahe, daß der gröste Theil der Carthaginensischen Armee auf dem Felde zer streuet war, schickte er seine Reuterey und sei ne leichte Infanterie gegen die Furagirenden aus, und marschirte selbst mit den Legionen,
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) das Carthaginensische Lager zu überfallen. Alles, was Hannibal thun konnte, war die ses, daß er sich vertheidigte. Die Niederla ge seiner Furagirer war groß. Dieses mach te den Minucius ungezähmt hochmüthig und Stolz, und erfüllte seinen Geist mit einer höchst verwegenen Kühnheit, welche keine Gefahr mehr kannte, und ihm bey den kühnsten Un ternehmungen nichts als einen gewissen Sieg vor Augen stellte. (Das Volk macht das Ansehen des Minucius dem Ansehen des Dicta tors gleich. Polyb.III. 2{??}53. Liv.XXII. 25. 26. Plut. 179. Seite.) Das gute Gerücht, welches allezeit die Gegenstände vergrössert, breitete den klei nen Vortheil, welchen Minucius erhalten hatte, in Rom als einen grossen Sieg aus. Die Briefe dieses Generals der Reuterey machten seinen guten Ruff noch grösser. Ei nige Tage lang redete man in der Versam̄ lung des Raths und des Volks von nichts, als von dieser Sache; es war eine unbe schreibliche Freude. Da man sich bis itzo fast nichts gutes von diesem Kriege verspro chen hatte, so glaubte man, daß die Sachen nunmehr eine andere Gestalt gewinnen wür den. Ausser dem schloß man aus diesem Vortheile, daß, da die Trupen bisher nichts gethan hätten, es nur deswegen geschehen wäre, weil sie kein Herz gehabt hätten: man dürfe aber die Schuld davon auf nichts schie ben, als auf die furchtsame Vorsichtigkeit und übermäßige Klugheit des Dictators, wider welchen man sich der heftigsten Aus drückungen bedienete.
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Fabius allein glaubte, mitten unter der(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) allgemeinen Freude des Volks, weder dem guten Ruffe, noch den Briefen des Minuci us; und wenn auch alles vollkommen wahr wäre, so befürchtete er für den Minucius mehr wegen seines glücklichen Erfolgs, als wegen einer geringen Widerwärtigkeit. Man hörte ihn nicht, und der Rath selbst wollte ihn nicht mehr hören reden, wenn er die Macht des Feindes groß machte, und die Niederla gen erzählte, welche die Verwegenheit und Unwissenheit der vorhergehenden Generale verursachet hatten. Er erklärte sich indessen, daß, wenn er Herr bliebe, er von dem Mi nucius Rechenschaft fordern wollte, daß er ohne seinen Befehl eine Schlacht gewagt ha be. Er wolle die Römer bald zu dem Ge ständnisse bringen, daß ein guter General sich auf das blosse Glück keine Rechnung mache, und sich nur auf Klugheit und Ver nunft verliesse. Er glaube dadurch mehr Eh re verdienet zu haben, daß er seine Trupen, bey itzigen Umständen, vor aller Schande und vor allem Unglück verwahret habe, als wenn er zu einer andern Zeit etliche 1000 Feinde geschlagen hätte. Alle diese Reden thaten keine Wirkung. Es fand sich ein recht unhöflicher Zunftmei ster, welcher sich, ohne einige Mäßigung, wider den Fabius auflehnte. Er sagte, es wäre nicht mehr möglich, seine böse Gemüths art zu vertragen. Er wäre nicht damit zu frieden, daß er in Person und bey seiner Ge
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) genwart die Vortheile, welche man über die Feinde hätte erlangen können, verhindert ha be, er machte auch diejenigen, so viel an ihm wäre, zunichte, welche wirklich in seiner Ab wesenheit wären erhalten worden. Er schö be den Krieg nur deswegen auf die lange Bank, damit er desto länger bey seinem Am te bleiben, und allein Herr in Rom und bey der Armee seyn möge. Er habe, den Minu cius zu verhindern, „den Feind zu sehen, und eine Kriegshandlung zu wagen, ihm fast die Hände gebunden, und die Soldaten in der Verschanzung als in einem Gefängnisse ver schlossen gehalten. Und da sie endlich, nach der Abreise des Dictators, wären in Frey heit gesetzet worden, waren sie gegen die Fein de anmarschiret, und hätten sie erleget und in die Flucht geschlagen. Aus allen diesen Ursachen würde er die Kühnheit haben, vorzuschlagen, daß man dem Fabius die Dictatur nähme, wenn die Römer noch den Muth ihrer Vorfahren hätten. Bey dem Geschmack der gegenwärtigen Zeit aber, da man nicht im Stande wäre, eine herzhafte That zu wagen, begnüge er sich mit einem ganz gemäßigten Verlangen, welches darinne bestünde, daß man das Ansehen des Dictators mit dem Ansehen des Generals der Reuterey gleich theilen möchte, ohne indessen dem Fabius zu er lauben, eher zur Armee zurück zu kehren, bis er einen neuen Bürgermeister an die Stelle des Flaminius ernennet habe.“
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Der Dictator nahm sich nicht die Mühe,(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) sich wegen der Beschuldigungen des Zunft meisters zu verantworten, sondern er erhub seine Stimme, und sagte, „er verlange, daß man, ohne die Zeit unnützer weise zu ver lieren, bedacht wäre, die Opfer und die hei ligen Ceremonien zu Stande zu bringen, um derentwillen man ihn habe nach Rom kom men lassen, damit er geschwind wieder zur Armee zurück reisen, und die Verwegenheit des Minucius züchtigen könne, welcher, wi der seinen Befehl, den Feind angegriffen hätte.“ Er machte den M. Attilius Regu lus zum Bürgermeister, und den Tag vor her, da das Volk seine Stimmen zu dem Vortrag des Zunftmeisters geben sollte, rei sete er in der Nacht zur Armee ab, damit er nicht ein Zeuge von dem Streich seyn möch te, welchen man seinem Ansehen versetzen wol te, indem man es mit dem General der Reu terey theilen wollte. Den Tag darauf ver sammlete sich das Volk ganz früh. Der Zunftmeister that dem Volk den Vortrag. Aber es muste, nach dem Gebrauche, sich ei ner finden, welcher von dieser Materie redete, dieselbe erklärte, und sie dem Volk entwickel te, ehe man die Stimmen gab. Der einzi ge Varro war unter allen Römern derjeni ge, welcher die verhaßte Verrichtung, das Unternehmen des Zunftmeisters zu unterstü tzen, über sich nahm. Wir werden bald se hen, wer dieser Varro war. Der Vortrag ging durch, und Fabius bekam die Nachricht
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) davon auf dem Wege. Alle Leute, so wohl in der Stadt, als bey der Armee, Freunde und Feinde, erkannten diesen Schluß für ei ne grosse Beleidigung und schändliche Be schimpfung des Dictators. Er allein ur theilte ganz anders davon. Und gleichwie einsmals ein Weiser demjenigen, welcher zu ihm sagte: Diese Leute halten sich über dich auf, antwortete: Ich nehme mich dessen nicht an; weil er ganz recht urtheilte, daß man sich über diejenigen eigentlich aufhält, welche Gelegenheit geben, daß man sich über ande re auf hält, und welche sich dadurch auf brin gen und unruhig machen lassen: Also blieb Fabius bey diesem vorgegebenen Unrecht un empfindlich. Er erduldete die Ungerechtig keit des Volks mit eben der Standhaftigkeit, mit welcher er die Unhöflichkeit seiner Feinde erduldet hatte; Und weil er wohl wuste, daß man, da man das Commando zwischen ihm und dem Minucius getheilet, nicht auch die Geschicklichkeit in der Kunst zu commandi ren getheilet habe, so kam er eben so sieg reich über die Anfälle seiner Mitbürger in das Lager zurück, als über die listigen Strei che des Feindes. (Unhöfliche Dreistigkeit des Minuci us. Liv.XXII. Plut. im Fab. 179. S.) Minucius dachte ganz anders. Sein Stolz, welchen ihm der glückliche Fortgang und die Gunst des Haufens eingab, war schon vorher unerträglich: nun aber über schritt er alles Maaß, und rühmte sich, nicht weniger des Fabius, als des Hannibal Ue berwinder zu seyn. Er sagte ganz höfllich,
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„dieser berühmte General, die einzige Zu(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) flucht bey dem öffentlichen Unglücke, dieser Dictator, welcher allein für fähig gehalten worden, dem Hannibal die Spitze zu bie then, habe seinen Untergeordneten, seinen General der Reuterey, durch einen Schluß, dessen gleichen man in der ganzen Historie des Römischen Volks nicht fände, sich gleich werden sehen, und zwar in eben der Stadt, wo die Generale der Reuterey zu zittern pflegten, wenn sie die Beile und Fascien des Dictators sähen. So glänzend habe sich sein Verdienst und das mit seiner Per son verbundene Glück gezeigt! Er wolle also sein gutes Glück verfolgen, wenn der Dictator so halsstarrig seyn, und sein lang sames und furchtsames Betragen, welches Götter und Menschen verdammten, nicht fahren lassen würde.“ Die Handlungen des Minucius waren seinen Reden gemäß. An dem ersten Tage, da er den Fabius sah, sagte er, „man müs se fest setzen, wie sie sich des unter sie gleich„ getheilten Ansehens bedienen wollten,“ und, ohne die Antwort des Dictators zu erwar ten, sagte er zuerst seine Meynung, und er klärte sich, daß er für das beste hielte, sich so mit einander zu vergleichen, daß sie wech selsweise, einen Tag lang, oder noch länger, wenn sie wollten, die ganze Armee comman dirten. Fabius war nicht dieser Meynung. Er dachte, daß alles, was der Verwegen heit seines Collegen übergeben werden wür
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) de, auch zugleich dem Schicksal auf Gnade und Ungnade überlassen werde. Er wollte lieber, daß sie die Trupen die Hälfte mit einander theileten. Er gestund, daß er verbunden sey, ihm an dem Commando Theil nehmen zu lassen, nicht aber, es ihm ganz abzutreten. Er erklärte, daß er nie mals mit Willen und aus eigner Bewegung unterlassen würde, die öffentlichen Angele genheiten mit Klugheit zu regieren, wenig stens nach demjenigen Theile des Ansehens, welcher ihm beyzubehalten erlaubet war, und daß er, weil man ihn verhindere, das Gan ze zu retten, er zum wenigsten retten wolle, was er könne. Sobald die Theilung der Trupen geschehen war, wollte Minucius sein Lager besonders haben. Es geschah, und er postirte sich in die Ebene. Die beyden (*) Eigenschafften, welche einen grossen Kriegsmann ausmachen, sind die Tapferkeit und die Klugheit: aber sie sind sehr nahe Nachbarinnen von zwey grossen Fehlern, welche schreckliche Folgen haben können. Denn gemeiniglich wird die Klug heit durch allzuviel Vorsichtigkeit zur Furcht, und die Tapferkeit durch allzuviel Dreistig keit zur Verwegenheit. Wir werden den Minucius in diesen letzten Fehler verfallen, 15
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den Fabius aber allezeit eine weise Vermi(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) schung unterhalten sehen; und es ist gewiß etwas sehr seltenes und sehr schweres, so ta pfer bey der Ausführung, als vorsichtig vor den Unternehmungen zu seyn; wie Salusti us von dem Jugurtha sagt. Hannibal, welcher durch Ueberläufer und(Schlacht zwischen dem Hannibal und Minu cius. Dieser wird geschla gen. Fabius rettet ihn. Polyb.III. 254. Liv.XXII. 28. Plut. im Fab. 180.) durch seine Spione alles erfuhr, was bey dem Feinde vorging, war doppelt frölich ü ber die vorgegangene Veränderung. Denn die in Freyheit gesetzte Verwegenheit des Mi nucius war ihm eine sichere Beute, und die Klugheit des Fabius hatte die Hälfte von ihren Kräften verlohren. Es war zwischen den Lägern des Minucius und Hannibals ei ne Höhe, welche so lag, daß derjenige Theil, welcher sich derselben zuerst bemächtigte, ei nen grossen Vortheil über seinen Feind ha ben mußte. Hannibal kannte die Wichtig keit dieses Posten wohl; aber er eilte nicht, sich desselben zu bemächtigen, denn er glaub te mehr Nutzen davon zu ziehen, wenn er ihn eine Gelegenheit zu einer Schlacht werden liesse. Die Ebene umher schien von weiten ganz zusammenhängend, ohne einiges Gebü sche und ganz bloß zu seyn, und bey dem er sten Anblicke hielt man sie für unnütz zu ei nem Hinterhalt. Aber Hannibal hatte auf derselben abschüßige Oerter, Abschnitte und Höhlungen wahrgenommen, welche tief ge nung waren, daß in jeder 200 Mann verber get werden konnten. Er warff in der Nacht 500 Reuter und 5000 Mann zu Fuß hinein.
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) Und damit dieser Hinterhalt nicht früh durch die Furagirer entdecket würde, ließ er bey anbrechendem Tage die Höhe durch die leich te Militz besetzen. Minucius dachte, das wäre eine schöne Gelegenheit. Er schickte seine leichten Fuß gänger aus, mit Befehl, dem Feinde diesen Posten mit Muth streitig zu machen. Er ließ ihnen die Reuterey folgen, und er selbst folgte dieser mit seinen Legionen. Hanni bal hatte alsbald neue Trupen hingespielt, er marschirte hinter ihnen drein mit der Reu terey und seiner übrigen Armee, und unver muthet kam es zu einem allgemeinen Treffen. Die leichten Trupen der Römer, welche von unten hinauf marschirten, wurden zuerst ü ber die Reuterey, welche ihr folgte, herab ge stürtzt. Diese ward auch bald durch die Carthaginensische Reuterey, welche an der Zahl weit stärker war, überwältiget, und zog sich nach der ganzen Armee zurück. Das Fußvolk allein, ob es gleich mit erschrocke nen Leuten umgeben war, blieb unerschro cken, und wenn es auf einem vortheilhaftern Posten gefochten hätte, und wenn nicht die List, auf Seiten der Feinde, mit der Stärke wäre vereiniget gewesen, so würde ihm der gute Erfolg der vorhergehenden Tage so viel Muth gemacht haben, daß es wohl im Stande würde gewesen seyn, den Sieg strei tig zu machen. Aber in dem Augenblicke gab Hannibal seinen Trupen im Hinterhalte das Zeichen. Diese fielen die Römischen Le
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gionen auf einmal von hinten und auf den(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) Seiten an, und verursachten unter ihnen so viel Unordnung und Schrecken, daß nicht ge nug Leute, und nicht genug Muth zum Fech ten übrig blieb, auch nicht die geringste Hof nung, sich durch die Flucht zu retten, mehr da war. Fabius, welchen sein Eifer für das beste des Staats auf alle Unternehmungen seines Collegen aufmerksam machte, sahe aus sei nem Lager die Gefahr, welcher die Armee des Minucius ausgesetzt war. „Ich habe es wohl vorher gesehen, sprach er, die Ver wegenheit findet bald das Unglück, welches sie suchet. Aber laßt uns die Vorwürffe auf eine andere Zeit versparen! laßt uns ih nen zu Hülffe eilen! Laßt uns den Feinden den Sieg aus den Händen reissen, und aus dem Munde unserer Mitbürger das Ge ständniß ihres Fehlers erzwingen!“ Als die Flüchtigen diejenigen sahen, welche ihnen zu Hülfe kamen, faßten sie, gleichsam als ob sie vom Himmel kämen, wieder Muth, und stiessen zu der Armee des Fabius, welche in guter Ordnung anrückte. Die überwunde nen und die noch ganz frischen Völker, wel che nunmehro einen Körper ausmachten, fie len die Carthaginenser an; worauf Hanni bal das Zeichen zum Abzuge geben ließ, und nicht läugnete, daß, wenn er den Minucius überwunden hätte, er selbst von dem Fabius sey überwunden worden. Ein Zeugniß, wel ches, da es von einem Feinde kömmt, gewiß
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) sehr rühmlich ist. Er setzte scherzend hinzu, daß diese Wolke, (*) welche sich auf den Höhen zu zeigen pflegte, endlich mit viel Sturm und Krachen gefallen wäre. Nach der Schlacht bezog Fabius, nach dem er die Kleider der auf dem Platze ge bliebenen Feinde gesammlet hatte, wieder sein Lager, ohne ein einziges hochmüthiges oder verdrießliches Wort wider seinen Col legen fahren zu lassen. (Minucius er kennet seinen Fehler und unterwirft sich dem Di ctator wie der. Liv.XXII. 29 - 30. Plut. 181.) Es würde der Ehre des Dictators et was gefehlet haben, wenn sich nicht Minu cius selbst ihm unterworffen hätte. Er that es, und zwar auf die feyerlichste Art von der Welt. So bald er nach der Schlacht wieder in sein Lager gekommen war, versam̄ lete er seine Soldaten, und hielt folgende Rede an sie:„ Ich habe oft sagen hören, daß dieses der erste und höchste Grad des Verdienstes sey, wenn man von sich selbst die beste Partey zu ergreiffen weiß, ohne Rath nöthig zu haben, und der andere, wenn man im Stande ist, den guten Rath schlägen, welche man von andern bekömmt, zu folgen und sie auszuführen: daß aber derjenige, welcher weder befehlen noch ge horchen könne, als ein Geist vom letzten Range betrachtet werden müsse. Weil uns die Natur nicht erlaubet, nach der er stern Art der Ehre zu trachten, so wollen 16
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wir uns bemühen, wenigstens die andere(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) zu verdienen. Laßt uns indessen, bis wir geschickt sind, zu befehlen, das Herz haben, einem zu gehorchen, der klüger ist, als wir. Laßt uns wieder zu dem Fabius gehen, und unsere Fahnen vor sein Zelt tragen! Die einzige Gelegenheit, wobey ich euch noch commandiren will, soll diese seyn, da wir gehen, uns seinen Befehlen zu unterwerf fen, und ihm alle zusammen die Ehrfurcht und den Gehorsam zu erzeigen, welche wir ihm schuldig sind. Wenn ich ihn als ei nen Vater, eine Eigenschaft, welche er we gen seines Ranges, und durch die Wol that, welche er uns erzeiget hat, verdienet, werde gegrüsset haben, sollt ihr Soldaten diejenigen, deren Waffen und Muth uns heute errettet haben, als eure Patrone grüssen. Wenn dieser Tag uns keine an dere Ehre zuwege bringt, so wird er uns zum wenigsten die Ehre des Danks verdie nen sehen.“ Gleich darauf stellte er sich an ihre Spi tze, und marschirte gerades Weges zu dem Lager des Dictators. Fabius, und alle, die um ihn waren, erstaunten sehr über seine Ankunft. Es ward alles nach dem Ent wurf des Minucius ausgeführet. Nach dem er seine Fahnen neben das Zelt des Fa bius hatte stellen lassen, nennte er ihn zuerst seinen Vater, und alle seine Soldaten be grüsseten die Soldaten des Dictators als ihre Patrone. Hierauf fing er an, und sag
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) te: (*)„ Grosser Dictator! Ich schätze dich meinem Vater gleich, und gebe dir eben denselben Namen: aber ich bin dir mehr schuldig, als ihm. Ich habe ihm nichts als mein Leben zu danken; ich habe es auch dir zu danken, und über dieses auch das Le ben aller dieser Soldaten, welche hier um mich sind. Ich verrichte also zuerst den Schluß des Volks, welcher mir mehr zur Last, als zur Ehre gereichte. Ich unter werffe mich mit Freuden wieder deinem An sehen und deinem Befehl, und dieses zum 17
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grossen Vortheil, wie ich hoffe und wün(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) sche, so wohl für dich und für mich, als auch für deine beyden Armeen, wovon die eine der andern ihre Wohlfahrt zu danken hat. Ich bitte dich nur, alles geschehene zu vergessen, und zu erlauben, daß ich un ter deinen Befehlen das Amt eines Gene rals der Reuterey verwalte, und diesen hier den Rang unter den Trupen zu lassen, wel chen sie haben.“ Nach dieser Rede umarmeten die Solda ten der beyden Armeen einander. Des Fa bius Leute empfingen des Minucius seine in ihren Zelten, sie mochten Bekandte oder Un bekandte seyn, mit den deutlichsten Merk maalen der Freundschaft und Zärtlichkeit. Alle wurden in diesem Augenblick Freunde, und dieser Tag, welcher sich so traurig ange fangen hatte, endigte sich mit einer allgemei nen Freude. Als die Nachricht von dieser Wiederver söhnung nach Rom kam, und durch die Briefe der Generale und Soldaten bestäti get ward, war kein Mensch, der nicht die Großmuth und Weißheit des Dictators bis in den Himmel erhoben hätte. Man merk te, wie sehr die wahre Wissenschaft des Com mandirens und eine mit Beurtheilungskraft und Beständigkeit begleitete Aufführung ei ner verwegenen Hertzhaftigkeit und einem thöricheen Kützel, sich hervorzuthun, vorzu ziehen sey. Hannibal und die Carthagi nenser schätzten den Fabius noch höher, als
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) vorher, und sie fingen damals an es zu em pfinden, daß sie in Italien und wider die Rö mer Krieg führeten. Denn während der gantzen vorhergehenden Zeit hatten sie sich so einen verächtlichen Begriff von denen ge macht, welche die Trupen der Republick com mandirten, desgleichen auch von den Trupen selbst, daß sie sich kaum vorstellen konnten, daß sie noch gegen eben diejenige Nation kriegten, deren Väter ihnen so einen abscheu lichen Begriff hinterlassen hatten. (Seltene Ei genschaften des Fabius.) Wir sehen hier in dem Fabius vortrefli che Eigenschafften, welche um desto bewun dernswürdiger sind, je seltener sie sind. In den Schlachten den größten Gefahren, und dem Tode selbst, trotzen, dieß ist ein hoher, dennoch aber gemeiner Grad der Tapferkeit. Aber die schimpflichsten und unverdientesten Vorwürfe gedultig ertragen; sehen, daß sei ne Ehre mit eben so viel Unhöflichkeit als Unrecht durch einen untergeordneten Offi cier geschändet wird; sich einem allgemeinen bösen Geschrey aussetzen, damit man sich nur bey seiner Aufführung erhalte, welche allein im Stande ist den Staat zu retten; und endlich sehen, daß die wichtigsten Dien ste von einem ganzen Volke mit dem härte sten Undanke belohnet werden, und sich den noch, mitten unter so vielen und so empfind lichen Gelegenheiten zum Mißvergnügen, we der von seinem Entwurf, noch von seiner Schuldigkeit verirren, dieses ist, man muß es gestehen, die Würkung einer weit über
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das Gemeine erhabenen Stärke, Bestän(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) digkeit und Grösse der Gedanken. Die Lie be zur Tugend ist bey den meisten Menschen so matt und schwach, daß sie sich fast nicht erhalten kan, wenn sie nicht von dem Bey fall und der Achtung anderer getragen wird. Wie (*) rühmlich ist diese großmüthige Ver achtung der Ehre dem Fabius geworden, und mit wie grossem Wucher ist ihm nicht dasjenige wiedergegeben worden, was er um des gemeinen Besten willen verlohren und aufgeopfert zu haben schien! Diese Liebe (**) für das gemeine Beste war die Seele aller seiner Handlungen, und sie flössete ihm stets diese Unveränderlichkeit und unbewegliche Standhaftigkeit in dem Dienste für das Vaterland ein, wider wel che er sich niemals im geringsten einnehmen ließ, was für Unrecht er auch deßwegen er dulden mußte. Zu diesen vortreflichen Eigenschaften ge sellte Fabius noch eine andere, welche eben so schätzbar und eben so selten ist, nämlich die Fähigkeit, den süssen und mächtigen Reitzun gen der Rache zu widerstehen, welche dem 18 19
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) Menschen seit seiner Verderbung so natür lich geworden sind. Es entfährt ihm nicht nur kein einziges zorniges und unhöfliches Wort gegen einem Feind, welcher ihm so grausam Hohn gesprochen: sondern, da er ihn kurz darauf in einem Treffen, worein er sich durch seine Verwegenheit eingelassen hat te, sieht, eilt er auch so gar ihm zu Hülfe, zieht ihn aus der Gefahr, nimmt seine Unter werffung an, und giebt ihm seine Freund schaft wieder, ohne ihm durch den geringsten Vorwurf sein Unrecht und seine Ungerech tigkeit empfinden zu lassen. Die Aufführung, welche Fabius itzo ge gen den Hannibal beobachtet, da er weiter nichts sucht, als ihm nach und nach wieder ein Zutrauen gegen die durch die vorher ge henden Niederlagen kleinmüthig gewordenen Römischen Armeen beyzubringen; dem jun gen Sieger die tobende Hitze, welche ihm we gen des zum Schein angenommenen Auf schubs den Kopf eingenommen hatte, zu be nehmen; seine Kräfte nach und nach zu un tergraben, und zu verzehren, indem er seinen Trupen immer etwas zu schaffen machte; ihn ausser Stand zu setzen, so wohl die Län der der Bundsgenossen zu verwüsten, als auch ihn (den Fabius) wider seinen Willen zu einer entscheidenden Schlacht zu zwingen; diese Aufführung, sage ich, ist stets als eine Würkung einer vollkommenen Klugheit und Kenntniß der Regeln der Kriegskunst be trachtet worden. Sie hat dem Fabius den
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Titel eines weisen Zauderers, (*) welcher(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) durch seine Verzögerungen den Staat ge rettet hat, zuwege gebracht; ein Titel, wel cher ihm mehr Ehre gemacht hat, als alle Siege, welche er hätte können davon tragen. In Wahrheit, was für Muth, und was für eine grosse Seele gehörte nicht dazu, über das Geschrey und die Vorwürfe einer gan zen Armee und fast des ganzen Volks, weg zu sehen, und nichts, als die Wohlfahrt des Vaterlandes, vor Augen zu haben. Die ses hat Ennius, ein Poet, welcher mit ihm fast zu gleicher Zeit gelebet, in den jederman bekandten Versen so gut ausgedrucket. Da unter der Dictatur des Fabius, welche bald zu Ende gehen wird, eine ziem lich beträchtliche Veränderung mit der Mün ze vorging, so habe ich es für meine Schul digkeit gehalten, von dieser Materie hier mit wenigen zu handeln. 20
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.)

Ausschweifung über die Verän derungen der Münze zu Rom.

(Plin. XXXIII. 3.) Zu Rom bediente man sich anfangs, wie wir anderwärts bereits gemeldet haben, nur kupferner leichter oder schwerer Massen, welche keine gewisse und bestimmte Figur und gar kein Gepräge hatten. Der Kö nig Serpius Tullius ließ Asse von einem Pfunde machen, und diese nennte man aes graue, wovon so oft bey den Schriftstellern geredet wird. Die Asse wurden gewogen, und nicht gezählet. Er ließ ein Thier (pe cus) darauf prägen; z. E. einen Ochsen, ein Schaf, ein Schwein, und daher bekamen sie den Namen pecunia. Man theilte diese Asse in verschiedene Stücken, welche weni ger wogen. Die Hälfte hieß Semissis, der dritte Theil Triens, der vierdte Theil Qua drans. Man bediente sich der kupfernen Münzen nicht länger, als bis zum Bürger meisteramte des L. Fabius und des Q. Ogu linus, das ist, bis zum 483 Jahre nach Er bauung der Stadt Rom, und 5 Jahre vor dem ersten Punischen Kriege. Als Rom damals mächtiger und die Be herrscherin von fast ganz Italien worden war, nachdem es den Pyrrhus und die Ta rentiner geschlagen hatte, fing es an, silber ne Münze zu schlagen; nämlich Zehner, Fün fer, welche hernach Victoriati genennet wur den, und Sesterzen. Die Zehner galten 10 Aß, oder zehen, die Fünfer fünf, und die Se
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sterzen drittehalb Pfund Kupfer. Man(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) sieht hieraus zur Gnüge, wie rar das Geld in diesen ersten Zeiten gewesen, und wie groß dessen Werth war. Nach dem Budäus und Gronov machten 100 Zehner beynahe ein Pfund Silber. Ein Zehner galt 10 Aß, oder 10 Pfund Kupfer. Folglich galt jed wedes Pfund Silber ohngefähr so viel als 1000 Aß, oder 1000 Pfund Kupfer. Kurz darauf, das ist, bey dem ersten Pu(Plin. eben daselbst.) nischen Kriege, machte die Theurung, wel che damals in der Republick herrschete, daß die Asse von einem Pfunde, oder zwölf Un zen, auf 2 Unzen (sextantarium pondus) herunter gesetzet wurden, und doch stets eben den Werth behielten. Diese neue Kupfer münze hatte auch ein neues Gepräge; näm lich auf der einen Seite den Janus mit zwey Gesichtern, und auf der andern das Vor dertheil eines Schiffs. In dem zweyten Punischen Kriege, un ter der Dictatur des Fabius, im 535 Jahre von Erbauung der Stadt Rom, ward das Aß noch um die Hälfte vermindert, und auf eine einzige Unze herunter gesetzt. Sein Verhältniß gegen das Silber ward damals geändert, und ein Zehner galt 16 Aß. Pli nius (*) meldet, daß bey der Löhnung der Kriegsbedienten ein Zehner nicht höher ge rechnet worden, als 10 Aß; nämlich, man 21
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) hat sich stets des Worts Zehner bedienet, wenn man die Löhnung der Soldaten aus drücken wollen, ihnen aber nur 10 (*) Aß, und nicht 16, gegeben. Die Aufrührischen haben auch daher einen ganzen Zehner zu ihrer Löhnung verlangt. Endlich ward das Gewichte eines Aß noch um die Hälfte vermindert, und auf ei ne halbe Unze herunter gesetzt. Das Ge setz, welches diese Veränderung gebot, und von dem Plinius Lex Papiria genennet wird, giebt uns den Namen seines Urhebers zu er kennen: aber man weiß nicht, zu welcher Zeit er eigentlich gelebet hat. Ob nun gleich damals das Gewicht des Aß um die Hälfte kleiner ward, als zur Zeit des zweyten Pu nischen Krieges, so behielt es doch stets einer ley Verhältniß gegen das Silber.

II §.

Der Bürgemeister Servilius kömmt nach einer kurtzen Expedition in Africa nach Italien zu rück, das Commando der Landtrupen zu über nehmen. Die beyden Bürgemeister folgen dem Entwurf des Fabius. Die Abgeordneten von Neapolis biethen den Römern ein Geschenk an. Ein Spion und Sklaven werden gestrafft. Es werden Abgesandte an verschiedene Oerter geschickt. Man macht Anstalt zur Wahl der Bürgemeister. Herkunft und Charakter des Varro. Rede eines Zunftmeisters zu seinem Besten. Er wird zum Bürgemeister ernen net. Man gibt ihm den Paulus Emilius 22
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zum Collegen. Ernennung der Trupen. Es(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) kommen zu Rom Gesandte von dem König Hieron mit Geschenken an. Hochmüthige Rede des Bürgemeisters Varro. Vernünfti ge Rede des Paulus Emilius. Der Rath ermahnet ihn, eine entscheidende Schlacht zu liefern. Schöne Rede des Fabius an den Pau lus Emilius. Entdeckte Kriegeslist des Hannibal. Er wird durch Hungersnoth in die äusserste Unruhe gesetzt. Unruhe zu Rom we gen der Schlacht, welche soll geliefert werden. Theilung und Streit der beyden Bürgemei ster. Varro entschließt sich, wider die Ermah nung seines Collegen, eine Schlacht zu liefern. Rede des Hannibal an seine Trupen. Be rühmte Schlacht bey Cannas. Niederlage der Römer. Tod des Paulus Emilius. Es wer den Betrachtungen darüber angestellt, daß Hannibal Rom nicht hat angreiffen wollen. Die Charthaginenser machen Beute von den Todten auf der Wahlstatt. Hannibal bemäch tiget sich der beyden Läger. Großmuth einer Canusischen Dame gegen die Römer. Der junge Scipio unterdrücket eine gefährliche Zusammenverschwörung. Vier tausend Römer ziehen sich nach Venusa zurück. Der Bürgemei ster Varro begiebt sich dahin.
Indem das, was wir itzo erzählet haben,(Der Bürge meister Ser vilius, über nimmt nach einer kurtzen Expedition in Africa wieder das Commando der Landstru pen. Liv.XXII. 3{??}1.) in Italien vorgieng, gieng der Bürge meister Cn. Servilius, nachdem er mit einer Flotte von 26 Galleeren bey den Inseln Sar dinien und Corsica vorbey geseegelt war, und von selbigen Geiseln bekommen hatte, nach A frica, wo er anfangs einige Vortheile erhielt. Aber ein unglücklicher Zufall, welcher bald darauf folgete, nöthigte ihn nach Sicilien zu rück zu kehren. Als er in Lilybäum ange kommen war, überließ er seine Flotte dem Prä
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) tor T. Otacilius, welcher dem P. Sura, seinem Lieutenant, befahl, sie nach Rom zurück zu führen. Er selbst durchzog ganz Sicilien zu Land, und gieng hernach durch die Meerenge von Meßina, nach Italien. Daselbst erhielt er von dem Fabius Briefe, durch welche er, nachdem jener die Dictatur fast 6 Monate gehabt hatte, ihn zurückrufte, nebst seinem Collegen, dem M. Atilius, das Commando der Trupen zu übernehmen. (Die beyden Bürgemei ster folgen dem Entwurf des Fabius. Liv.XXII. 32.) Als sich einer von den beyden Bürgemei stern an die Spitze der Armee des Fabius, und der andere an die Spitze der Armee des Minucius gestellet hatte, so verschanzten sie sich beyzeiten in den Qvartieren, wo sie den Winter zubringen sollten, (denn der Herbst war damals schon fast zu Ende,) und führ ten nach diesen den Krieg mit vieler Ueberein stimmung und Eintracht, durchgängig nach der Weise und nach dem Entwurf des Fabi us. Wenn Hannibal nach Lebensmitteln und Furage ausgieng, griffen sie ihn allezeit mit Vortheil an, indem sie diejenigen, welche sich von dem Feinde verirret hatten, überfie len, allgemeine Treffen aber, welche Hanni bal mit allem möglichen Eifer suchte, sorgfäl tig vermieden. Durch diese Aufführung ward der General der Carthaginenser zu einem sol chen Mangel gebracht, daß er, wenn er nicht befürchtet hätte, man würde ihm vorwerf fen, er habe die Flucht genommen, als bald nach Gallien würde übergegangen seyn, weil er die Hoffnung zum Unterhalt seiner Trupen
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in dem Lande, wo er itzo war, in dem Fall(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) gänzlich verlohren hatte, wann die Bürge meister des folgenden Jahres der Aufführung der itzigen nachahmeten. Da währendeswährend des Winters die Feindselig(Die Deputir ten von Nea polis biethen den Römern ein Geschenk an. Liv.XXII. 32.) keiten auf beyden Seiten aufhöreten, hielten sich beyde Armeen um Geraunium in Apu lien still, als eben die Deputirten von Nea polis nach Rom kamen. Nachdem sie Er laubniß erhalten hatten, in den Rath zu ge hen, brachten sie 40 goldene Schalen von ei nem beträchtlichen Gewichte mit sich dahin. Der erste von der Gesandschaft sagte, „er begreiffe leicht, daß der Schatz der Repu blick, durch die Unkosten, welche der Krieg nach sich zöge, könne erschöpffet werden; Die Neapolitaner wüsten wohl, daß das Römische Volk für die Erhaltung der Städ te und Landschafften in Italien eben so wohl stritte, als für Rom, welches die Haupt stadt davon wäre. Um dieser Ursache wil len hätten sie geglaubt, daß es billig und recht sey, ihm mit den Schätzen auszuhelf fen, welche ihnen ihre Vorfahren gelassen hätten, damit sie die Zierde ihrer Tempel bey der Nachkommenschaft und für sie selbst eine Zuflucht im Unglück wären. Sie wä ren entschlossen, ihm allen übrigen Beystand zu leisten, dessen man sie für fähig hielte. Das gröste Vergnügen, welches ihnen das Römische Volk erweisen könte, wäre dieses, daß es alles, was den Neapolitanern gehör te, als sein eigen betrachtete, und daß sie ih
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) nen die Ehre erwiesen, von ihnen ein Ge schenk anzunehmen, welches seinem Werthe nach viel geringer wäre, als nach dem gu ten Willen derjenigen, welche es ihnen an böthen.“ Man bedankte sich bey dem Ab gesandten für ihre Freygebigkeit und Auf merksamkeit; aber man begnügte sich, nur die leichteste von den 40 Schalen anzunehmen. (Ein Spion und Sklaven werden ge straft. Liv. 33.) Zu eben dieser Zeit entdeckte man zu Rom einen Carthaginensischen Spion, welcher sich seit 2 Jahren daselbst verborgen aufgehalten hatte. Man henkte auch 25 Sklaven, wel che eine Zusammenverschwörung auf dem Fel de des Mars angesponnen hatten. Dem An geber schenkte man die Freyheit und eine Summe Kupfermünze, welche sich auf 1000 Livres belief. (Es werden Abgesandte an verschiede ne Oerter ge schickt. Ebend.) Man schickte Abgesandte an den Philip pus, König in Macedonien, und ließ ihn ersu chen, dem Römischen Volke den Demetrius von Phares auszuliefern, welcher, nachdem er war überwunden worden, in seine Staa ten geflüchtet war. Eine andere Gesand schaft ward zu den Liguriensern geschickt, sich bey ihnen darüber zu beschweren, daß sie de nen Carthaginensern Lebensmittel und Volk gegeben hätten, und zugleich auf das genaue ste zu untersuchen, was unter den Bojensern und Ansubriensern vorgieng. Endlich schick te man eine dritte Gesandschaft an den Pine as, König in Jllyrien, die Zahlung des Tri buts, welchen er ihnen schuldig war, oder Geiseln zu schicken, wenn er nicht im Stande
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wäre, selbigen zu gehöriger Zeit zu zahlen. Al(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) le diese besondern Sorgen zeigen, wie sehr der Rath um alles desjenigen willen, was den Vortheil der Rep. betraf, bis auf die ent ferntesten Länder besorgt war, ohngeachtet ihn der Feind selbst in dem Herzen des Staats drückte. Etwas wichtiges war, die Wahl solcher(Man schrei tet zur Wahl neuer Bürge meister. Polyb.III. 255. Liv.XXII. 34.) Bürgermeister, welche im Stande waren, dem Hannibal die Spitze zu bieten. Wir haben gesehen, daß das weise Zaudern des Fa bius den Römern Zeit gegeben hatte, sich von dem Unglücke, welches so häufig auf einander gefolget war, zu erhohlen. Die Würkung davon war so merklich, daß Hannibal am En de des 2. Jahres des Krieges, so siegreich er war, weder eine Stadt, noch einen Posten, noch ein Land zum Freunde hatte, und also ü beraus beunruhiget war. Es kam darauf an, daß man den Krieg nach eben diesem Ent wurf fortsetzte, und dadurch machte, daß man ihm alle Hofnung benähme, und ihn so gar zu Grunde richtete. Dieses war augen scheinlich, und hätte dem Blödesten in die Au gen fallen sollen. Aber wenn es GOtt ge fällt, ein Volk mit Blindheit zu schlagen, so gebraucht es sich seines Verstandes und sei ner Klugheit nicht mehr. Die Römer mu sten einen noch weit heftigern Streich, als al le die vorhergehenden waren, aushalten, da mit sie recht klug würden. Das vornehmste Werkzeug dieses völligen(Herkunft u. Charakter des Varro. Liv.XXII. 26.) Unglücks, welches, da sie es auf das äusser
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) ste brachte, sie nöthigte, wider ihren Willen eine klügere Aufführung zu beobachten, war C. Terentius Varro. Dieser Mensch, wel cher von sehr geringer Herkunft und eines Fleischers Sohn war, auch seinem Vater die niedrigsten Dienste bey diesem Handwerke ge than hatte, ward ziemlich reich, und unter stund sich, nach einem höhern Glück zu stre ben. Er machte sich an die Gerichtsstuben und Versammlungen des Volks, und indem er die Parthey der geringsten Bürger nahm, und ihre Processe wider die Vornehmsten der Republick, deren Glück und Ehre er zu glei cher Zeit antastete, führte, machte er sich end lich bekandt, und bahnete sich einen Weg zu den Aemtern der Republick. Er ward nach und nach Rentmeister, 2 mahl Bauherr und Prätor. Das Bürgermeisteramt war noch übrig. Es zeigte sich für einen Menschen sei nes gleichen eine günstige Gelegenheit, sich gleichfals den Weg dazu zu bahnen. Die ses war damals, da man drauf umgieng, den General der Reuterey, Minucius, dem Fabius, seinem Dictator, gleich zu machen. Wir haben gesehen, daß Varro allein so un verschämt war, einen so ungerechten und ge fährlichen Vortrag zu unterstützen. Hier durch wuste er ganz geschickt aus dem Hasse, welchen man gegen den Dictator hatte, den Vortheil zu ziehen, daß er die Gunst des Volks gewann, bey welchem er allein sich we gen des damals gegebenen Decrets verdient machte. Das folgende Jahr, welches das
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jenige ist, wovon wir itzo reden, war noch(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) nicht zu Ende, als er zur Vergeltung eines so grossen Dienstes das Bürgermeisteramt ver langte. Es ist ein Zeichen einer nicht allzu weisen Regierung und bey üblen Erfolgen in einem Staat sehr gewöhnliche Sache, (*) wenn man bey der Wahl der Generale und Com mandanten einen Unterscheid zwischen guten und bösen Leuten macht, und wenn die Gunst und das Bestreben nach Ehrenämtern den Verdiensten die schuldigen Belohnungen ent ziehet. Diese Wahrheit wird sich hier in An sehung des Varro in ihrem völligen Lichte zeigen. Das Volk war ihm sehr gewogen. Die(Rede eines Zunftmei sters zum Be sten des Var ro. Liv.XXII. 34. 35.) Rathsherren widersetzten sich seinem Verlan gen mit aller Macht, und wollten nicht, daß mit dem Volk verbundene Leute gewohnt würden ihnen gleich zu werden, da sie sich für ihre Feinde erklärten. Varro hatte unter den Zunftmeistern des Volks einen Anver wandten. Damit dieser die Person seines Candidaten desto angenehmer machte, so be mühte er sich, durch eine aufrührische Rede, den ganzen Adel bey dem Volke verhaßt zu machen. Er sagte:„ Es wären eben die Adlichen, welche, da sie den Krieg seit vie len Jahren begehrten, gemacht hätten, daß Hannibal nach Italien gekommen wäre, und 23
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(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) damit wären sie noch nicht zufrieden dabey, sondern sie schöben den Krieg mit Fleiß und durch Betrug auf die lange Bank, ob es schon leicht sey, denselben auf einmahl zu endigen. Sie hätten dieses Complot alle zusammen gemacht, und man würde dem Krieg kein Ende machen sehen, als bis man einen wahren Plebejaner, das ist, einen neu en Menschen (*) zum Bürgemeister ge macht habe. Denn, setzte er hinzu, die Plebejaner, welche zu Adlichen worden sind, wären zu eben diesen Geheimnissen geweihet; und sie haben allezeit angefangen, das Volk zu verachten, seit dem sie nicht mehr von den Vornehmen sind verachtet worden.“ (Varro wird zum Bürge meister er nennet.) Diese Rede machte so starken Eindruck, daß, obgleich Varro 5 Competenten hatte, deren 3 von den Vornehmen, zwey aber aus Plebejanischen, aber seit langer Zeit durch Aemter berühmten Familien waren, man ihn zum Bürgemeister ernennte, und ihm den Vorsitz in den Versammlungen gab, in welchen er noch einen Collegen bekommen muste. (Man giebt ihm den Pau lus Emilius zum Colle gen.) Der Adel warf hierauf seine Augen auf den Paulus Emilius, welcher in dem Jahre, welches vor dem 2. Punischen Kriege vorher 24
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gieng, mit dem M. Livius Bürgemeister ge(d. 535. J. n. R. E. d. 217. J. v. C. G.) wesen war. Wir haben schon erzählet, daß sie, bey Endigung ihres Bürgemeister-Amts, alle beyde vor dem Volke angeklagt worden, als ob sie einen Theil der Beute, welche sie im Kriege gemacht, unterschlagen hätten. Li vius war verdammet worden, und Paulus Emilius war mit genauer Noth davon ge kommen. Weil er noch sehr erzürnet auf das Volk war, welchem er eine so grosse Be schimpfung nicht verzeihen konnte, so wolte er anfangs durchaus kein Ehrenamt wieder an nehmen. Man zwang ihn nichts destoweni ger, sich zu überwinden, und da alle die übri gen Candidaten abstunden, so ward er dem Varro mehr zum Gegner, als zum Collegen gegeben.

C. Terentius Varro.(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) L. Aemilius PaulusII.

Als die Bürgemeister erwehlet waren,(Ernennung der Präto ren. Liv.XXII. 35. Polyb.III. 256.) ernennte man, nach dem Gebrauch der da maligen Zeit, 4 Prätoren, nämlich den Ma nius Pomponius Mathon, den P. Furius Philus, den M. Claudius Marcellus, und den L. Postumius Albinus. Die beyden er stern blieben in der Stadt, zu Haltung des Gerichts. Marcellus bekam Sicilien, und Po stumius Gallien zur Aufsicht. Es ist merck würdig, daß diese 4. Prätoren diese Aemter schon bekleidet hatten, und die beyden letztern so gar schon Bürgemeister gewesen waren. Unter allen Rathspersonen dieses Jahres,
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) war keiner, als Varro, welcher das Amt zum erstenmahl hatte, welches ihm war ge geben worden. Man war besorgt, Lebens Mittel zu der Flotte zu bringen, welche bey Lilybäum überwinterte, und man schiffte alle nöthigen Kriegsbedürfnisse nach Spanien für die Armeen ein, welche die beyden Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) daselbst commandirten. Endlich gab man sich alle Mühe zu den Vorbereitungen des Feldzugs, welchen man thun wollte. (Anzahl der Trupen. Polyb.III. 257. Liv.XXII. 36.) Die Armeen waren viel zahlreicher, als sie jemals gewesen waren. Die Römer war ben ordentlicher weise nicht mehr, als 4 Legio nen, wovon jede aus 4000 Mann Fußvolk, und 300 Reutern bestund. Die Lateiner lie ferten eine gleiche Anzahl Fußvolk, und dop pelt so viel Reuterey. Man gab jedem Bür gemeister die Hälffte dieser in Bündniß ste henden Trupen, und 2 Legionen. Gemeini glich führten sie den Krieg jeder besonders. Itzo warb man 8 Römische Legionen, wovon jede aus 5000 Mann zu Fuß, und 300 Mann zu Pferde bestund, wozu eine gleiche Anzahl Fußvolk und doppelt so viel Reuterey der Bundesgenossen kamen, welche zusammen 87 tausend und 200 Mann ausmachten. Es kamen Abgesandte von Pästum nach Rom, welche unterschiedene goldne Schalen brachten. Man machte es mit ihnen so, als wie mit denen Neapolitanern. Man bedank te sich für ihren guten Willen, nahm aber ihr Geschenke nicht an. (Es kommen zu Rom Ge) Fast zu eben dieser Zeit, lief in dem Haven
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zu Ostia eine Flotte mit Lebensmitteln ein,(sandte von dem König Hiero mit Geschencken an. Liv.XXII. 37.) welche der König Hiero den Römern, seinen Bundesgenossen, schickte. Nachdem nun die Abgesandten dieses Prinzen in den Rath waren eingeführet worden, versicherten sie, „daß der König, ihr Herr, noch durch keinen Verlust, welchen er selbst gelitten, so sehr seye betrübet worden, als über den Tod des Bürgemeisters Flaminius, und über die Niederlage seiner Armee. Er habe also, ob er gleich vollkommen überzeugt wäre, daß der grosse Geist des Römischen Volks bey dem Unglücke noch bewundernswürdiger wäre, als bey dem Glücke, geglaubt, daß es seine Schuldigkeit wäre, ihm allen Bey stand zu schicken, welchen gute und getreue Bundesgenossen ihren Freunden während des Krieges zu schicken gewohnt wären, und er bäte den Rath, denselben anzunehmen. Erstlich gäbe er der Republick, als eine gu te Vorbedeutung auf das künfftige, ein goldnes Siegeszeichen von 320 Pfund, er bäte sie, dasselbe anzunehmen, und er wün sche, daß sie es ewig aufbehalten möchten. Sie hätten auf ihren Schiffen 100tausend Scheffel (*) Korn, und 200tausend Schef fel Gerste, daß es den Römern nicht an Le bensmitteln fehlte, mitgebracht, und daß ihr Herr die Menge, welche sie verlangen wür den, noch würde dahin bringen lassen, wo 25
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) sie befehlen würden. Hiero wüste, daß die Republick keine andere Soldaten in ihren Armeen gebrauchte, als Römer, und ihre Bundesgenossen, die Lateiner. Weil er a ber auch in seinem Lager fremde leicht be waffnete Soldaten, als Hülfsvölker gese hen, so habe er ihr 1000 Mann leicht be waffnete Militz, sowohl Bogenschützen, als Schleuderer, geschickt, welche die Römer den Balearen, den Mohren, und andern mit dergleichen Waffen versehenen Nationen entgegen setzen könnten. Zu diesen Geschen ken fügten sie den heilsamen Rath, daß sie dem Prätor in Sicilien befehlen sollten, mit seiner Flotte nach Africa zu gehen, damit die Feinde, welche auch in ihrem Lande Krieg hätten, destoweniger im Stande wären, dem Hannibal neue Trupen zu schicken.“ Der Rath antwortete diesen Abgesandten: „Der König Hiero würde zu Rom als ein guter Freund und getreuer Bundesgenosse betrachtet; er habe, seit der Zeit, da er sich mit den Römern vereiniget, ihnen bey allen Gelegenheiten Proben einer aufrichtigen Freundschaft gegeben, und eine gewiß kö nigliche Freygebigkeit sehen lassen, worüber sie, nach ihrer Schuldigkeit, sehr empfind lich wären; das Römische Volk habe das Gold, welches ihm von etlichen Städten ge schickt worden, anzunehmen abgeschlagen, und sich mit ihrem guten Willen begnüget; sie nähmen das Siegeszeichen, welches der König Hiero ihnen als eine gute Vorbe
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deutung auf das künftige, zugeschicket, an;(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) sie würden es in dem Tempel des Jupiter, das ist, in dem Capitolio, aufbewahren, und sie hofften, daß es allezeit da bleiben werde, damit es ihnen bey allen ihren Unter nehmungen guten Fortgang verursache.“ Man gab den Bürgemeistern, die aus Sici lien angekommen, Lebensmittel, nebst den Bogenschützen und Schleuderern, welche e bendaher gekommen waren. Man vermehr te die Flotte, welche T. Otacilius in Sicilien commandirte, und man erlaubte ihm, nach Africa zu gehen, wenn er glaubte, daß es das Beste der Republick erfordere. Nachdem die Bürgemeister in Rom, wie(Stoltze Rede des Bürge meisters Varro. Liv.XXII. 38.) wir gesagt haben, geworben hatten, blieben sie noch einige Tage in der Stadt, und er warteten die Hülffsvölker der Lateiner Wäh rend dieser Zeit hielt Varro verschiedene Ver sammlungen des Volks, worinnen er allezeit mit dem ihm gewöhnlichen Geiste der Verwe genheit und des Hochmuths redete, „indem er den Adel anklagte, daß sie den Krieg nach Italien gezogen hätten, und versicherte, daß er daselbst stets bleiben würde, so lange die Generale von der Art und dem Charakter des Fabius das Commando haben würden. Er wolle ihn, an dem ersten Tage, da er den Feind sehen würde, endigen.“ Paulus Ae(Vernünftige Rede des Paulus Ae milius.) milius, sein College, hielt nur eine eintzige Re de an das Volk, und zwar den Tag vor sei ner Abreise. Man gab ihm kein günstiges Gehör, weil er lieber die Wahrheit redete,
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) als schmeichelte. Er redete von dem Varro mit vieler Mäßigung und Vorsichtigkeit, aus ser daß er gestund, „es wäre ihm schwer zu begreiffen, wie ein General, eh er seine und des Feindes Trupen, die Lage der Oerter, und die Beschaffenheit des Landes, und zwar, da er noch mitten in Rom wäre, so lange voraus wissen könnte, was er werde thun müssen, wenn er an der Spitze seiner Armee seyn werde, und wie er so gar den Tag voraus bestimmen könne, an welchem er eine Schlacht liefern würde. Er wüste, daß man die Entschliessungen der Menschen nach den Umständen der Zeit und der Oer ter bestimmen müsse, (*) und daß die Men schen durch ihre Entschliessungen diese Um stände, welche nicht davon abhängen, nicht einrichten könnten. Er wünschte, daß die Unternehmungen, welche durch Klugheit begleitet und angeordnet würden, einen glücklichen Fortgang haben möchten. Die Verwegenheit wäre ausserdem, daß sie vernünftigen Leuten nicht zukäme, auch bis itzo unglücklich gewesen.“ (Der Rath er mahnet den Paulus Ae milius, eine entscheidende Schlacht zu liefern.) Der Rath ließ den Paulus Aemilius erwe gen, wie wichtig der glückliche oder unglück liche Fortgang dieses Feldzugs der Republick seyn könne. Man ermahnte ihn, sich die zeit wohl abzusehen, eine entscheidende Schlacht zu liefern, und diejenige Tapferkeit 26
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und Klugheit zu zeigen, welche man an ihm(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) bewundere; mit einem Wort, sich so aufzu führen, wie es einem Römischen Namen an ständig wäre. Diese Rede des Raths, und noch mehr die ausserordentlichen Zurüstun gen zu diesem Feldzuge, zeigen deutlich, daß der Rath selbst verlangte, endlich einmahl dem Krieg ein Ende zu machen. Man stellt nicht 80000 Mann, und noch mehr, auf die Bei ne, einen Krieg auf die lange Bank zu schie ben und unthätig zu bleiben. Es war leicht zu urtheilen, daß Paulus(Schöne Re de des Fabi us an den Paulus Ae milius. Liv.XXII. 39. Plut. im Fab. 182.) Aemilius seiner Seits entschlossen war, daß Sichrere dem Scheinbahrern vorzuziehen. Indessen wollte Fabius, welcher voll Eifer für das Wohl des Vaterlandes und vielleicht mißvergnügt über das alzudeutliche an den Tag gelegte Verlangen des Raths, zu einer Schlacht zu schreiten, war, mit dem Paulus Aemilius eine besondere Unterredung halten, damit er ihn noch mehr in seinen guten Ent schliessungen bestärken möchte, und er redete, da er eben abreisen wollte, folgendermas sen zu ihm.„ Wenn du einen dir ähnlichen Collegen hättest, welches höchlich zu wün schen wäre, oder wenn du selbst deinem Collegen ähnlich wärest, so würde es sehr unnütz seyn, daß ich mit dir redete. Denn zwey gute Bürgemeister würden meiner Er mahnung, in allem die für die Republick vortheilhaffteste Parthey zu ergreifen, nicht nöthig haben; und zwey schlechte Genera le würden meinem Rathe nicht folgen, ja
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(V. R. G. 536. V. C. G. 216.) sich nicht einmahl die Mühe nehmen, ihn zu hören. Da ich aber den Unterscheid zwi schen dir und dem Varro kenne, so wende ich mich zu dir allein, und ich fürchte sogar, daß du, so ein guter Bürger und geschick ter General du auch bist, dich doch verge bens bemühen möchtest, die Republick zu unterstützen, da sie auf der andern Seite so schlecht gestützet ist. Die guten Partheyen sowohl, als die bösen, werden von der Bürgemeisterschen Würde unterstützet wer den. Aber betrübe du dich hierinnen nicht, Paulus Aemilius. Erwarte in der Per son des Varro, deines Collegen, eben so viel Widerstand, als in der Person des Hannibal, deines Feindes; und ich weiß nicht, ob nicht der erstere furchtbarer für dich seyn wird, als der letztere. Mit dem einen wirst du nur auf dem Schlachtfelde, mit dem andern aber stets, und überall zu thun haben. Wider den Hannibal, wirst du Hülffe in denen Legionen finden; Varro aber wird dich durch deine eignen Solda ten anfallen. Wir wissen, was die Unvor sichtigkeit des Flaminius der Republick ge kostet hat. Wenn Varro seinen Entwurf ausführen, und eine Schlacht liefern wird, so bald er den Feind siehet: so bin ich ent weder unwissend in der Kriegskunst, und kenne weder den Hannibal und die Cartha ginenser, oder es wird bald in Italien ein durch unsere Niederlage berühmterer Ort seyn, als der Trasunesische See. Ich kann
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versichern, ohne zu befürchten, daß man(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) mich deßwegen einer eitlen Ehre halber in Verdacht haben kann, daß das einzige Mittel wider den Hannibal glücklich zu seyn, diejenige Aufführung ist, welche ich beobach tet habe, da ich wider ihn zu Felde gewe sen. Und (*) ich verlange nicht, daß man hiervon nach dem Gefolge urtheile, denn dieser ist nur ein Herr über Thörichte: son dern man muß nach der Vernunft urthei len, welche allezeit einerley ist, wenn sich die Umstände nicht verändern. Wir führen mitten in Italien Krieg, selbst in dem Schooß unsres Vaterlandes. Auf allen Seiten sind wir mit unsern Bürgern und Bundesgenossen umgeben. Sie helffen uns mit Volk, Pferden, Waffen und Lebensmit teln aus, und sie werden gewiß fortfahren dieses zu thun. Wir haben zu starke Zeug nisse ihres Eyfers und ihrer Treue, als daß wir daran sollten zweifeln können. Wir werden täglich stärker, klüger, beständiger und geübter. Hannibal hingegen, ist in einem fremden und feindlichen Lande, wel ches von seinem Vaterlande durch eine gros se Strecke von Land und See abgesondert ist. Er ist mit allen im Kriege, was ihn umgiebt, da er von seinem Vaterlande ent fernet ist, findet er den Frieden weder zu 27
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Lande, noch zur See. Keine Stadt nimmt ihn in ihre Mauren auf, kein Grund und Boden ist, auf welchem er Staat machen könnte. Er lebt, von einem Tage zum an dern, von dem, was er auf den Feldern raubt. Er hat kaum den dritten Theil der Trupen behalten, mit welchen er über den Jber gegangen ist. Es sind ihrer mehr durch den Hunger, als durch das Schwerdt umgekommen, und er weiß nicht mehr, wie er die übrigen wenigen erhalten soll. Kön nen wir also wohl zweifeln, daß wir, wenn wir uns Zeit nehmen, einen Feind zernich ten werden, welcher täglich schwächer wird, und welchem man weder Volk, noch Le bensmittel, noch Geld schickt? Wie lange ist es, daß er sich um die Mauren von Geraunium herumdrehet, und die elende Festung in Apulien vertheidiget, nicht an ders, als ob es die Mauern von Carthago wären? Damit du aber nicht glaubest, ich stelle dir nur mein Exempel vor, so er wege, wie die letzten Bürgemeister, Aetilius und Servilius, seine Bemühungen verspot tet haben, da sie den Krieg nur Vertheydi gungsweise geführet. Dieses, Paulus Aemi lius, ist das einzige Mittel, welches du hast, die Republick zu retten. Das verdrüßlich ste dabey ist dieses, daß du, wenn du es wirst anwenden wollen, auf Seiten deiner Bürger mehr Widerstand finden wirst, als auf Seiten deiner Feinde. Die Römer werden eben das wollen, was die Cartha
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ginenser werden wollen werden, und Var(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) ro wird eben so denken, wie Hannibal. Du allein (*) must zweyen Generalen ge genstehen; und du wirst zu deinem Zweck gelangen, wenn du das Reden und die Meynungen der Leute wirst zu verachten wissen; Wenn du dich weder durch den ei teln Ruhm deines Collegen wirst verblen den, noch durch die vermeynte Schande, womit man dich wird belegen wollen, schre cken lassen wirst. Man sagt gemeiniglich, daß die Wahrheit zwar einige Verfinste rungen leiden kann, daß sie aber niemals ganz verlöscht. Den Ruhm zu rechter Zeit verachten, dieses ist das Mittel, sich einen wahren Ruhm zu erwerben. Laß nur geduldig deine Klugheit eine Verwe genheit, deine weise Vorsichtigkeit eine Langsamkeit und Trägheit, und deine Ge schicklichkeit in der Kriegskunst eine Unge schicklichkeit und Zagheit nennen. Ich se he es lieber, daß dich ein kluger Feind fürch tet, als daß dich unvernünftige Bürger 28
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) loben. Hannibal wird dich verachten, wenn er sehen wird, daß du alles wagest: Wenn du nichts verwegen thun wirst, so wird er dich fürchten. Doch bey allen dem ist meine Meynung nicht, daß du stets unthätig bleiben sollest, sondern daß alle deine Unternehmungen von der Vernunft regieret, und nicht dem Zufall überlassen werden sollen. Sey allezeit Herr über die Erfolge. Sey allezeit bewaffnet, und auf deiner Huth. Verfehle keine dir günstige Gelegenheit, gieb aber niemals dem Feinde Gelegenheit, dich zu überfallen. Wenn du dich im Gehen nicht übereilen wirst, so wirst du deutlich sehen, und alle deine Schritte werden sicher seyn. Die Hitze verblendet und beunruhiget uns.“ (Antwort des Paulus Ae milius. Liv.XXII. 40.) Der Bürgemeister antwortete ihm mit ei ner traurigen Miene.„ Diese Ermahnungen schienen ihm sehr weise und heilsam zu seyn, aber es wäre nichts leichtes, sie in Ausü bung zu bringen.“ Weil ihn noch immer die Ungerechtigkeit schmerzte, welche man an ihm verübet hatte, als er sein erstes Bürge meisteramt niedergeleget, so setzte er hinzu, „er wünsche, daß der Feldzug einen glücklichen Erfolg habe: wenn aber ein Unglück vorfie le, so wolle er lieber durch das Schwerdt der Feinde, als durch die Stimmen seiner Bürger sterben.“ Nach dieser Unterredung reisete Paulus Aemilius zur Armee, da ihn denn die ersten des Raths bis zu den Thoren der Stadt beglei
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teten, indessen daß eine mehr durch ihre gros(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) se Menge, als durch ihre Würde merkwürdi ge Begleitung dem plebejanischen Bürgemei ster, ihrem Abgott, folgte. Als sie beyde im Lager angekommen wa(Rede des Paulus Ae milius an die Trupen.) ren, liessen sie sich die Trupen versammlen, ihnen die Absicht des Raths bekannt zu ma chen, und sie anzufeuern, ihrer Schuldigkeit recht zu thun. Paulus Aemilius führte das Wort, und weil er es für nöthig hielt, die Trupen wegen der erlittenen Widerwärtig keiten aufzurichten, und das Schrecken zu zerstreuen, welches sie deswegen eingenom men hatte, so stellte er ihnen vor, daß, wenn sie in den vorhergehenden Schlachten untergelegen hätten, sie aus vielen Ursachen zeigen könten, daß sie nicht daran Schuld gewesen: Wenn man aber itzo eine Schlacht für rathsam hielte, so könnte nichts den Sieg hindern. Vorher hätten 2 Bürge meister nicht einerley Armee commandiret, und man habe sich nur neugeworbener, ungeübter, unerfahrner Trupen bedienet, welche mit dem Feinde handgemein wor den, den sie vorher kaum gesehen oder Ge kannt hatten. Aber jetzund, setzte er hinzu, sehet ihr alles in ganz andern Umständen. Die beyden Bürgemeister marschiren an eurer Spitze, und theilen mit euch alle Ge fahr. Ihr kennet die Waffen eurer Fein de, ihre Art, sich zu stellen, und ihre Zahl. Seit mehr als einem Jahre, ist fast kein Tag vergangen, da ihr nicht eure Schwerd
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) ter mit den ihrigen gemessen habet. Ver schiedene Umstände müssen verschiedene Er folge hervorbringen. Nach so viel Scharmü tzeln, da ihr mit gleich starkem Volke gefoch ten, und auch offt gesieget habt, wäre es sehr wunderbar, wenn ihr, da ihr nun mehr, als um die Helffte, stärker seyd, soll tet erleget werden. Da ihr Römer seyd, so fehlt euch zum siegen nichts mehr, als siegen wollen. Aber ich würde euch be leidigen, wenn ich euch ermahnen wollte, dieses zu thun. Bedenket nur, daß das unruhige und zitternde Vaterland seine Au gen auf euch gerichtet hat. Seine Sor gen, seine Stärke, seine Hoffnung, alles ist in eurer Armee vereiniget. Roms Schick sal, das Schicksal eurer Väter, eurer Wei ber und eurer Kinder, ist in euren Händen. Macht es so, daß der Erfolg erfüllet, was sie erwarten.
Nach dieser Rede, beur laubte Paulus Aemilius die Versammlung. Obgleich Hannibal sahe, daß die Trupen der Römer um die Helffte vermehret war, so be zeugte er doch eine sehr grosse Freude über die Ankunft der neuen Bürgemeister, weil er nichts als Gelegenheit zur Schlacht suchte. (Eine Kriegs list des Han nibal wird entdeckt. Liv. XXII. 41-43.) Die Römer erhielten anfangs einen gerin gen Vortheil über die Furagirer des Hanni bal in einem Scharmützel, worinnen 1700 Man auf Seiten der Carthaginenser, und auf Seiten der Römer höchstens 100 Mann, sowohl Bürger, als Bundesgenossen, blieben. Hannibal machte sich wegen dieses kleinen
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Vortheils der Feinde keine Sorgen. Er be trachtete ihn als einen Lockfraß, welcher ma chen könnte, daß sie ihm ins Garn kämen, und er war bedacht, alsbald Nutzen davon zu ziehen. Er that, als wenn ihn diese klei ne Niederlage furchtsam gemacht hätte, und verließ in der Nacht sein Lager, und ließ fast seine gantze Bagage darinnen. Er hat viele Feuer darinne anzünden lassen, damit die Bürgemeister denken sollten, er wolle ihnen seine Flucht verbergen. Er versteckte sich in dessen mit seinen Trupen hinter die Berge. So bald es Tag ward, merkten die Römi schen Soldaten, daß das Lager des Hannibal verlassen sey, und verlangten mit grossem Ge schrey, man solle ihnen Zeichen zur Verfol gung der Feinde und zur Plünderung des La gers geben. Varro unterstützte ihr Verlan gen sehr. Paulus Aemilius unterließ nicht zu wiederhohlen, daß man auf seiner Huth seyn und sich auf die Kriegslist des Hanni bal nicht verlassen müsse. Als er sahe, daß man ihn nicht hörte, ließ er seinem Collegen melden, daß die Vorbedeutungen nicht gün stig wären. Varro unterstund sich nicht, weiter zu gehen; aber die Armee wollte nicht gehorchen. Zu allem Glück hatten 2 Skla ven, welche im vorhergehenden Jahre von den Carthaginensern waren gefangen wor den, ein Mittel gefunden zu entfliehen. Sie langten augenblicks in dem Lager der Römer an. Man führte sie sogleich zu den Bürge meistern, welchen sie sagten, das die Armee
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) des Hannibal in einem Gebüsche hinter den Bergen postiret stünde. (*) Diese Nachricht kam recht zu gelegener Zeit, das Ansehen der Bürgemeister verehrungs-würdig zu machen, welches die Weichlichkeit und die übel verstan dene Höflichkeit des Varro den Trupen zu verachten gelehret hatten. (Aeusserste Unruhe, in welche der Mangel an Lebensmit teln den Hannibal versetzt. Er lagert sich bey Cannas. Liv.XXII. 43.) Als Hannibal sahe, daß seine List entde cket war, kam er zurück in sein Lager. Die Unruhe, in welcher er sich damals befand, beweiset hinlänglich, wie klug die Aufführung gewesen, welche Fabius zuerst beobachtet hat te, und welcher Paulus Aemilius nach dessen Exempel gefolget war. Es fehlte an Lebens mitteln, es fehlte an Geld. Seine Trupen fiengen schon an zu murren, und beklagten sich öffentlich, daß man ihnen nicht ihren Sold bezahlte, und daß man sie Hungers sterben liesse. Die Spanischen Soldaten wa ren schon bedacht, zu den Römern über zu ge hen. Endlich sagte man, daß Hannibal mehr als einmahl darüber berathschlaget ha be, ob er nicht mit seiner Reuterey nach Gal lien flüchten, und sein Fußvolk, welches er nicht mehr unterhalten könne, zurück lassen solle. Der Mangel nöthigte ihn, sein Lager zu verlassen, und an einen Ort in Apulien zu gehen, wo die Hitze grösser war, und wo aus dieser Ursache das Getreyde früher reif ward. 29
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Er postirte sich bey Cannas, einem kleinen(V. R. E 536. V. C. G. 216.) Flecken, welcher aber bald darauf, wegen der daselbst vorgefallenen Schlacht, sehr be rühmt ward. Er lag an dem Aufida, wel cher itzo Ofanto genennet wird. Diese Ge gend war eine Ebene, welche sich Hannibal mit Fleiß ausersehen hatte, damit er sich sei ner Reuterey bedienen könne, welches seine gröste Stärcke ausmachte, und in welche er sein meistes Vertrauen setzte. Die Römer folgten ihm auf dem Fusse nach, und lager ten sich in die Nähe. Als das Gerücht nach Rom kam, daß die(Unruhe zu Rom wegen der Schlacht, welche bald geliefert wer den soll. Polyb.III. 262.) beyden Armeen bey einander stünden, und daß man sich vorbereite, eine Schlacht zu lie fern, so bemächtigte sich, ob man sich gleich dessen vermuthet hatte, und ob man es gleich wünschte, dennoch in diesem kriegischen Au genblicke, welcher das Schicksal des Reichs entscheiden sollte, die Unruhe und die Furcht aller Gemüther. Die vorhergehenden Nie derlagen erregten die Furcht wegen des Zu künftigen, und da die Einbildungskraft sich vornehmlich bey dem Uebel, welches man be fürchtet, aufhält, so stellte man sich lebhafft alles dasjenige Unglück vor, welchem man ausgesetzt seyn würde, wenn man würde ü berwunden werden. Man stellte in allen Tempeln Gebethe und Opfer an, die Wür kung der schrecklichen Wunderzeichen abzu wenden, von welchen die gantze Stadt er schallete. Denn, sagt Polybius, in dringen gen Gefahren sind die Römer äusserst besorgt,
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) den Zorn der Götter und Menschen zu stillen, und von allen bey dergleichen Gelegenheiten vorgeschriebenen Ceremonien unterlassen sie keine einzige zu beobachten, ohne zu befürch ten, daß es ihnen eine Schande seyn sollte, so eine scheinbare Niedrigkeit sie auch haben könnte. Die Bürgemeister hatten die Trupen in 2 Lager vertheilet. Der kleinere Theil war jen seit des Aufida, an dem ostlichen Ufer, das grosse Lager, welches den besten Theil der Ar mee enthielt, war disseits des Flusses, auf eben der Seite, wo das Lager der Carthaginenser war. Diese beyden Lager der Römer hatten durch eine Brücke eine Gemeinschaft mit ein ander. Diese Nachbarschaft gab Gelegen heit zu unterschiedenen Scharmützeln. Han nibal that unaufhörlich kleine Anfälle auf den Feind, indem er Numidische Partheyen aus schickte, welche sie über die maßen ermüdeten, und mit Heftigkeit bald auf einen Theil des Lagers, bald auf einen andern fielen. (Trennung und Streit zwischen den beyden Bür gemeistern. Liv.XXII. Plut. in Fab. 182.) Alles war bey der Römischen Armee in Feuer. Der Kriegsrath bestund mehr in Streit, als in Berathschlagungen. Da man sich in einer sehr zusammenhängenden Ebene, welche ganz unbedeckt war, gelagert hatte, und da die Reuterey des Hannibal der Rö mischen Reuterey in allen überlegen war: so hielt Paulus Aemilius nicht für rathsam, sich an diesem Orte in ein Treffen einzulassen, son dern er wollte, daß man den Feind an einen Ort zöge, wo die Infanterie den grösten Theil
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an der Schlacht nehmen könnte. Sein Col(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) lege, ein General ohne Erfahrung, aber voll Stolz und Achtung für sich selbst, war ganz entgegen gesetzter Meynung. Dieses ist das gröste Uebel bey einem unter zwey Generale getheiltem Commando, zwischen welchen die Eifersucht, oder die entgegen gesetzte Gemüths Art, oder die Verschiedenheit der Absichten gemeiniglich eine Trennung veranlasset. Pau lus Aemilius setzte dem Varro das Exempel der Verwegenheit des Sempronius und Fla minius entgegen. Varro versetzte ihm hin gegen, daß die Aufführung des Fabius, wel che er nachahmen wollte, ein ganz beqvemer Vorwand wäre, eine würkliche Nachläßig keit mit dem prächtigen Namen der Klug heit zu bedecken. Er sagte, er ruffe Götter und Menschen zu Zeugen an, daß es nicht sein Fehler sey, wenn sich Hannibal durch einen langen und ruhigen Besitz gleichsam eine Art eines Rechts in Italien erwürbe. Er wür de gleichsam durch seinen Collegen mit Ketten zurück gehalten, und man nehme den Solda ten, welche voll Muth und Feuer wären, und nichts als ein Treffen verlangten, die Waffen aus den Händen. Endlich entschloß sich Varro geschwind,(Varro ent schließt sich eine Schlacht zu liefern. Liv. XXII. 45.) da er durch einen neuen Anfall der Numi der, welche ein Römisches Corps fast bis an das Lager verfolget hatten, war erzürnet worden, den folgenden Tag, da er comman diren sollte, eine Schlacht zu liefern. Denn die beyden Bürgemeister führeten das Com
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(V. R. G. 536. V. C. G. 216.) mando einen Tag um den andern. Und in der That ließ er am folgenden Morgen seine Trupen anmarschiren, eine Schlacht zu lie fern, ohne seinen Collegen um Rath zu fra gen. Paulus Aemilius folgte ihm nach, weil er nicht ermangeln konnte, ihm beyzustehen, ob er gleich seine Unternehmung ganz und gar nicht billigte. (Rede des Hannibal an seine Trupen. Polyb.III. 267.) Hannibal ließ seine Trupen zusammen kommen, welche, wenn man ihnen die Wahl gelassen hätte, sich ein Schlachtfeld auszuse hen, kein besseres hätten wählen können, weil sie den Römern an Reuterey überlegen wa ren. Zu diesen versammleten Trupen sprach Hannibal: „Danket doch den Göttern, daß sie die Feinde hieher geführet haben, euch siegen und triumphiren zu lassen, und wis set, daß ich mit gutem Bedacht die Römer dahin gebracht habe, daß sie schlagen müs sen. Was braucht ihr nach drey auf ein ander gefolgten grossen Siegen mehr, euch ein Vertrauen zu erwecken, als das Anden ken eurer eignen Thaten. Die vorherge henden Schlachten haben euch Meister vom platten Lande gemacht: durch diese werdet ihr Meister von allen Städten, von allen Reichthümern und von der ganzen Macht der Römer werden. Aber itzo ist es nicht Zeit zu reden, sondern zu schlagen. Ich hoffe es von dem Schutze der Götter, daß ihr bald die Würkung meiner Versprechung sehen werdet.“ (Berühmte Schlacht bey Cannas.) Die beyden Armeen waren einander an
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der Zahl sehr ungleich. Die Römische be(Polyb.III. 262 - 267. Liv.XXII. 45 - 50. Plut. im Fab. 182 - 183. Appian. de Bell. Han nib. 325- 328.) stund, die Bundesgenossen mit gerechnet, aus 80 tausend Mann zu Fuß, und etwas mehr als 6 tausend Mann zu Pferde. Die Car thaginensische Armee bestund aus 40 tausend Mann zu Fuß, welche alle wohl zum Kriege abgerichtet waren, und 10 tausend Mann zu Pferde. Varro ließ bey dem ersten An bruch des Tages die Trupen aus dem gros sen Lager über den Fluß Aufida gehen, und stellte sie alsbald in Schlachtordnung, nach dem er die Trupen aus dem kleinen Lager zu ihnen hatte stossen lassen. Die ganze Infan terie stund in einer Ligne, und zwar enger und weiter hinter einander, als gewöhnlich. Die Reuterey stund auf beyden Flügeln; die Römische, welche bis an dem Aufida reichte, auf dem rechten, und der Bundesgenossen ihre auf dem lincken Flügel. Die leichten Trupen stunden eine Ecke vor der Fronte. Paulus Aemilius commandirte den rechten Flügel, der Römer, Varro, den lincken, und Servilius Geminus, welcher im vorherge henden Jahre Bürgemeister gewesen war, war in der Mitten. Hannibal stellte seine Armee auch in eine Ligne. Er stellte an den lincken Flügel die Spanische und Gallische Reuterey, welche bis an den Aufida reichte, und setzte sie also der Römischen Reuterey entgegen. Gleich nach ihr folgete die Helffte der Africanischen schwer bewaffneten Infanterie; ferner die Spanische und Gallische Infanterie, welche
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) eigentlich den Mittelpunct ausmachte, die andere Helffte der Africanischen Infanterie, und endlich die Numidische Reuterey, welche den rechten Flügel ausmachte. Die Schleu derer stunden den Römischen Schleuderern ge genüber. Aßdrubal war zur Linken, Hanno zur Rechten, und Hannibal behielt sich, mit seinem Bruder Mago, das Commando des Mittelpuncts vor. Man hätte die Africanischen Trupen bey nahe für eine Römische Armee ansehen sollen, so sehr gliechen sie ihnen, in Ansehung der Waffen, welche sie in den Schlachten bey Trebia und Trasimene erbeutet hatten, und deren sie sich damals wider diejenigen bedien ten, welche sich dieselben hatten wegnehmen lassen. Spanier und Gallier trugen Schil de von einerley Form: aber ihre Schwerd ter waren sehr unterschieden. Der erstern ihre waren sowohl zum Stiche als zum Hieb zu gebrauchen, anstatt daß der Gallier ihre nur zum Hiebe, und zwar in einer gewissen Entfernung, geschickt waren. Die Solda ten von diesen beyden Nationen, vornehm lich die Gallier, hatten, wegen ihrer ausseror dentlichen Länge, ein fürchterliches Ansehen. Diese letztern gingen oben bis zum Gurt na ckend. Die Spanier trugen leinwandtene Kleider, deren ausnehmende Weisse, welche eine purpurfarbene Einfassung erhöhete, einen erstaunlichen Glanz von sich gab. (Liv.XXII. 43. Plut. im Fab. 183.) Hannibal, welcher, als ein grosser Gene ral, seinen Vortheil wohl zu beobachten wuste,
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vergaß nichts, was nur etwas zum Siege(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) beytragen konnte. Es herrschete in dieser gan zen Gegend eine gewisse Zeit hindurch ein die ser Provinz eigenthümlicher Wind, welcher in demselben Lande Vulturnus genennet ward. Er stellte also seine Armee so, daß sie das Ge sicht gegen Mitternacht kehrte, und den Wind im Rücken hatte, die Feinde hingegen gegen Mittag sahen, und den Wind im Gesicht hatten; so, daß seiner Armee ganz und gar nichts beschwerlich war, die Römer aber, welchen der Wind die Augen voll Staub wehete, fast nicht vor sich sehen konnten. Man kan hieraus urtheilen, wie weit Hannibal sei ne Aufmerksamkeit trieb, so daß derselben gar nichts entwischte. Die beyden Armeen marschirten auf ein ander los, und wurden handgemein. Nach dem Anfall der leichten Soldaten von bey den Seiten, welcher nichts als eine Art eines Vorspiels war, fing sich das Treffen auf den beyden Flügeln der Reuterey bey dem Aufida an. Der linke Flügel des Hannibal, welcher ein altes Corps war, dessen Muthe er vornehmlich seinen glücklichen Fortgang zu danken hatte, fiel den linken Flügel der Rö mer so hefftig und tapffer an, daß sie noch niemals so viel ausgestanden hatten. Dieses Gefechte war nicht so beschaffen, wie gemei niglich die Gefechte der Reuterey beschaffen sind, da man nämlich bald zurück weichet, und bald wieder anrücket: Denn es fochte Mann vor Mann, und zwar sehr nah bey ein
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) ander, weil sie nicht Raum gnug hatten, sich auszubreiten, und weil ihnen auf einer Seite der Fluß und auf der andern die Infanterie im Wege war. Der Anfall war wüthend, und das Gefechte ward auf beyden Seiten gleich hitzig fortgesetzt, ohne daß man noch se hen konnte, auf welche Seite sich der Sieg wenden würde, bis die Römische Reuter, nach einer unter ihren Trupen eingeführten Ge wohnheit, welche zuweilen gelung, hier aber sehr übel angebracht war, von den Pferden stiegen, und als Infanteristen fochten. Als (Plut. im Fab. 183.) Hannibal dieses sahe, schrie er:„ So will ich sie lieber haben, als wenn man mir sie mit Ketten an Händen und Füssen lieferte.“ In der That, nachdem sie sich mit gröster Tap ferkeit vertheydiget hatten, blieb der meiste Theil davon auf dem Platze. Aßdrubal ver folgte die Flüchtigen, und richtete ein grosses Niedermetzeln unter ihnen an. Als die Reuterey auf diese Art mit einan der fochte, marschirte die Infanterie von bey den Armeen gleichfalls gegen einander. Das Gefechte fieng sich zuerst im Mittelpunct an. Sobald als Hannibal merkte, daß die Rö mer anfiengen zu wanken, ließ er die Spani er und Gallier, welche in der Mitte seines Treffens waren, und welche er in Person commandirte, anrücken. Indem sie immer weiter und weiter gegen die Feinde anrückten, ließ er sich den rechten und linken Flügel krümmen, so daß daraus die Figur eines hal ben Cirkels, wie ein umgekehrtes ◠ entstund.
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Anfangs fiel das Mittel der Römer, welches(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) ihnen entgegen stund, auf sie. Nach einigem Widerstande fingen die Spanier und Galli er an zu wanken, und von dem Platze zu weichen. Die übrige Römische Infanterie setz te sich auch in Bewegung, jene zu überfliegeln. Sie rückten allemahl, nach dem deswegen er haltenen Befehl, in Fechten wieder zurück, und kamen wieder auf den Platz, wo sie zu erst waren in Schlachtordnung gestellet wor den. Da die Römer sahen, daß die Spa nier und Gallier fortfuhren sich zurück zu zie hen, fuhren sie fort, sie zu verfolgen. Han nibal war sehr wohl zufrieden, als er sahe, daß alles nach seinem Entwurf von statten gieng, und als er merkte, daß der Augenblick gekommen sey, in welchem er sich seiner gan zen Macht bedienen könnte, befahl er seinen Africanern, zur Rechten und zur Linken wie der hervor und auf die Römer anzurücken. Diese beyde Corps, welche frisch, wohl be waffnet, und in guter Ordnung waren, schwengten sich auf einmahl durch eine halbe Umkehrung gegen den leeren Zwischenraum, in welchen sich die schon ermüdeten Römer in Unordnung und Verwirrung geworffen hat ten, und schossen von beyden Seiten tapffer auf sie loß, ohne ihnen Zeit zu geben, zu sich selbst zu kommen, oder ihnen den Platz zu las sen, sich zu stellen. Indessen fochte die Numidische Reuterey auf dem rechten Flügel auch ihrer Seits ge gen die Feinde, welche ihr entgegen stunden,
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) d. i. gegen die Reuterey der Numidischen Bundesgenossen. Ob sie sich gleich in die sem Gefechte nicht sonderlich hervorthat, und obgleich der Vortheil auf beyden Seiten gleich groß war, so that sie doch bey dieser Gelegenheit grosse Dienste. Denn sie mach te den Feinden, welche sie vor sich hatte, gnug zu thun, weil sie nicht Zeit gnug hatten, dran zu denken, ihren Leuten zu Hülffe zu kom men. Als aber der linke Flügel, wo Aßdru bal commandirte, wie wir schon gesagt ha ben, die ganze Reuterey des rechten Flügels der Römer in Unordnung gebracht, und sich mit den Numidern vereiniget hatte, vermu thete die Reuterey der Römischen Bundesge nossen nicht, daß sie würde angefallen wer den, und stieg ab. Man sagt, daß Aßdrubal damals etwas gethan, welches eben so sehr seine Klugheit beweiset, als wieviel es zum glücklichen Fort gange der Schlacht beytrug. Da die Nu mider in grosser Anzahl zugegen waren, und diese Trupen sich nie besser halten, als wenn man vor ihnen fliehet, so gab er ihnen die Flüchtigen zu verfolgen, damit er ihre Wie dervereinigung verhindere, und ließ die Spa nische und Gallische Reuterey der Africani schen Insanterie zur Hülffe anrücken. Er fiel also die Römische Infanterie von hinten an, welche, da sie auf einmahl auf den Flü geln und von hinten angegriffen, und auf al len Seiten eingeschlossen war, in Stücken zer
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hauen ward, nachdem sie Wunder ihrer Ta pferkeit gethan. Paulus Aemilius war gleich zu Anfange(Tod des Paulus Ae milius. Liv.XXII. 49. Plut. im Fab. 183.) des Treffens stark verwundet worden. In dessen unterließ er nicht, als ein grosser Ge neral, seiner Schuldigkeit vollkommen nach zuleben, bis endlich, da sich der Sieg völlig vor die Carthaginenser erklärte, diejenigen, welche um ihn gefochten hatten, ihn verlies sen und die Flucht ergriffen. Ein Zunftmei ster der Legion, Namens Cn. Lentulus, ritt nahe bey dem Ort vorbey, wo sich der Bür gemeister, ganz mit seinem Blute bedekt, auf einen Stein gesetzt hatte. Als er ihn in die sem traurigen Zustande gewahr ward, bath er ihn gar sehr, sich auf sein Pferd zu setzen, und sich, so lange er noch einige Kräffte übrig hätte, zu erhalten. Der Bürgemeister, wel cher seine grosse Seele verschwendete, wie sich(Animae que ma gnae Pro digum Pau lum supe rante Pae no.) Horatz ausdrückt, wollte seinen Beystand nicht annehmen. Er sagte: „Es ist mit mir geschehen. Ich werde auf diesem Hauffen der todten Körper meiner Soldaten ster ben. Mache nur, daß du, durch ein un nützes Mitleiden, nicht die wenige Zeit ver lierest, welche du hast, dem Feinde zu ent kommen. Geh, und sage dem Rath in meinem Namen, daß er Rom befestigen und Trupen zur Vertheidigung einrücken lassen soll, eh der Sieger kömmt und es an greift. Sage ins besondere dem Fabius, daß ich von der Weißheit seiner Rathschlä ge sehr eingenommen und stark überzeuget
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) gelebet habe und gestorben bin.“ In diesem Augenblicke langte ein Trup Flüchtiger an, und ihnen folgte ein grosser Hauffen Fein de, welche sie verfolgten, und den Bürge meister niedermachten, ohne ihn zu kennen. Den Lentulus rettete sein Pferd zu allem Glücke bey dem Tumult. Der Bürgemei ster Varro zog sich nach Venusa zurück, und hatte nur 70 Reuter mit sich. Ohnge fehr 4000 Mann, welche der Niedermetze lung entflohen waren, flüchteten in die nähe sten Städte. Unterschiedene Römer waren während des Treffens in den beyden Lagern geblieben, die selben zu bewachen, oder sie hatten sich nach der Schlacht dahin zurück gezogen. Die in dem grossen Lager schickten zu den andern, welche sich bis auf 7 bis 8 tausend Mann be lieffen, und liessen ihnen sagen, daß sie zu ih nen stossen sollten, worauf sie mit einander nach Canusa marschiren wollten, indessen daß die Feinde, welche von der Schlacht er müdet und voll Wein waren, im Schlaf begraben lagen. Dieser Vortrag ward sehr übel aufgenommen, und die meisten verwarf fen ihn, ohngeacht der lebhafften Vorstellun gen des Sempronius, Zunftmeisters des Volks. Nur einige, welche voll Muth wa ren, folgten dem Zunftmeister, ohngeachtet der Widersetzung ihrer Mitgesellen, und nach dem sie, an der Zahl 600, durch die Feinde durchmarschiret waren, langten sie in dem grossen Lager an. Daselbst stiessen sie zu ei
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ner grössern Anzahl, und langten alle ohne(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Gefahr zu Canusa an. In dem Treffen blieben, ausser dem Bür gemeister Paulus Aemilius, 2 Qvästors, 21 Zunftmeister der Legionen, verschiedene Vornehme, welche Bürgemeister oder Prä tors gewesen waren, Servilius, welcher im vorhergehenden Jahre Bürgemeister gewe sen war, Minucius, welcher unter dem Fa bius General der Reuterey gewesen war, 80 Rathsherren, welche als Freywillige aus Ey fer für das Vaterland gedienet hatten, und eine so erstaunliche Menge Reuter, daß Han nibal 3 Scheffel voll solcher Ringe, welche die Reuter von dem übrigen Volk unterschei deten, nach Carthago schickte. Die Car thaginenser, welche wider den Feind sehr er grimmet waren, hörten nicht auf nieder zu metzeln, bis daß Hannibal, bey der grösten Hitze der Niedermetzelung, unterschiedene mahl schrie: „Haltet ein, ihr Soldaten! scho net des Ueberwundenen.“ Auf Seiten des Hannibals war der Sieg vollkommen, und er hatte ihn gleich, wie die vorhergehenden Siege, hauptsächlich der Ue berlegenheit seiner Reuterey zu danken. Er verlohr 4000 Gallier, 15 hundert theils Spa nier, theils Africaner, und 200 Reuter. Als alle Officiers des Hannibals ihm zu(Liv.XXII. 51. Plut. im Fab. 184.) seinem Siege Glück wünschten, und den Krieg für geendiget ansahen, riethen sie ihm einige Tage nebst seinen Soldaten auszuruhen. Maharbal, der Oberbefehlshaber der Reute
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) rey, welcher wohl wuste, daß man keinen Au genblick zu verliehren habe, sagte zu ihm: „Nimm dich wohl in Acht: Denn, setzte er hin zu, damit du weist, von was für Folgen die Gewinnung dieser Schlacht vor dich sey, so will ich nach 5 Tagen dir eine Mahlzeit im Capitolio zubereiten. Folge mir nur mit der Infanterie; Ich will an der Spitze mei ner Reuterey voraus marschiren, damit sie mich ankommen sehen, eh sie wissen können, daß ich mich auf den Marsch begeben habe.“ (*) Der Begriff von einem solchen Fort gange setzte den Hannibal wegen seiner Grös se in Erstaunen. Er konnte ihn nicht auf einmahl fassen. Er antwortete also dem Ma harbal. „Er lobe seinen Eifer: aber man müsse Zeit haben, über seinen Vorschlag zu berathschlagen.“ Maharbal versetzte: „Ich sehe wohl, die Götter haben einem einigen Menschen nicht alle Gaben auf einmahl gege ben. Hannibal, du weist zu siegen, aber du weist deinen Sieg nicht zu gebrauchen.“ Man hat fast durchgängig davor gehalten, daß dieser auf Seiten des Hannibal müßig zu 30
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gebrachte Tag Rom und das ganze Römi sche Reich gerettet hat. Unterschiedene, und unter andern Titus(Betrachtun gen über den Entschluß des Hanni bal, Rom nicht zu bela gern.) Livius, werffen dem Hannibal dieses Zaudern als einen Hauptfehler vor. Einige halten et was an sich, und können sich nicht entschlies sen, einen so grossen General, welchem es in allen übrigen Fällen niemals an Klugheit ge fehlet hatte, die beste Parthey zu ergreiffen, noch an Munterkeit und Fertigkeit, dieselbe auszuführen, ohne sehr überzeugende Bewei se zu verdammen. Es hält sie auch das An sehen, oder wenigstens das Stillschweigen, des Polybius davon ab, welcher, da er von(Polyb.III. 258.) den grossen Folgen redet, welche dieser merk würdige Tag gehabt hat, sagt, daß sich die Carthaginenser grosse Hoffnung gemacht Rom unversehens wegzunehmen: Er aber erklärt sich nicht darüber, was Hannibal in Ansehung einer Stadt hätte thun sollen, wel che sehr bevölkert, sehr kriegerisch, stark befe stiget, und durch eine Besatzung von 2 Legio nen beschützet war; und er läßt sich gar nichts merken, daß ein solches Vorhaben auszuführen möglich gewesen, oder daß Han nibal unrecht gehabt habe, daß er es nicht versucht. In der That, wenn man die Sache genau untersucht, so kan man nicht sehen, daß die gemeinen Kriegsregeln diese Unternehmung erlaubt hätten. Es ist ausgemacht, daß die ganze Infanterie des Hannibal vor der Schlacht sich nicht über 40 tausend Mann
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) erstreckte, daß, da sie um 6 tausend Mann, welche bey der Schlacht geblieben waren, und um eine ohne Zweifel noch grössere Anzahl de rer, welche waren verwundet und zum Krie ge untüchtig gemacht worden war, vermin dert worden, er nicht mehr als 26 bis 27 tausend Mann Infanterie, welche zum Krie ge tüchtig war, übrig behielt; und daß diese Anzahl nicht hinlänglich seyn konnte, eine so grosse Stadt, wie Rom war, und welche durch einen Fluß abgeschnitten war, einzu schliessen, oder sie förmlich zu belagern, da er weder Faschinen<Maschinen>, noch Kriegs-Bedürffnisse, noch irgend andere zu einer Belagerung nö (Liv.XXII. 9.) thige Sachen hatte. Aus eben dieser Ursache hatte Hannibal nach dem glücklichen Fort gange bey Trasimene, so siegreicher war, Spoletto vergebens belagert; und kurz nach (Liv.XXII. 18.) der Schlacht bey Cannas ward er gezwun gen, die Belagerung einer Stadt ohne Na men und Kräfte aufzunehmen. Man kan nicht läugnen, daß, wenn er bey dieser Gele genheit, wovon itzo die Rede ist, unglücklich gewesen wäre, wie er es vermuthen muste, er alle sein Glück, ohne sich wieder erhohlen zu können, würde rückgängig gemacht haben. Aber er muste auf seiner Huth seyn, und vielleicht selbst auf die Zeit der Schlacht wohl Acht haben, damit er vernünftig von der Sa che urtheilen könnte. Dieses ist ein altes Ver fahren, worüber nur die Kenner recht urthei len können. Ich meines Theils werde, nach dem ich meine Zweifel vorgetragen habe, die
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Sprache des Titus Livius hierüber nicht an führen. Den Tag nach der Schlacht, so bald der(Die Car thaginenser nehmen von den Todten auf dem Schlachtfel de ihre Klei der und Wa fen Liv.XXII. 51.) Tag angebrochen war, sammleten die Car thaginenser die Kleider und Waffen der Ue berwundenen. So gehäßig als sie gegen die Römer waren, so konnten sie doch die Zer fleischung, welche sie angerichtet hatten, nicht ohne Entsetzen ansehen. Das Schlachtfeld und alle umliegende Oerter waren mit hin und her zerstreueten todten Körpern bedeckt, nachdem sie entweder bey der Schlacht, oder bey der Flucht, waren niedergemacht wor den. Aber was ihre Aufmerksamkeit noch mehr nach sich zog, war dieses, daß sie einen noch lebenden Numider fanden, welcher un ter einem todten Römer lag. Des erstern seine Nase und Ohren waren voll Blut. Denn der Römer hatte, da er sich mit seinen Händen der Waffen nicht bedienen können, weil sie über und über verwundet gewesen, seinen Zorn in eine Raserey verwandelt, und war gestorben, indem er den Feind mit seinen Zähnen zerrissen. Nachdem sie einen Theil mit Plünderung(Hannibal bemächtiget sich beyder Läger.) der Ueberwundenen zugebracht hatten, führ te sie Hannibal zum Angrif des kleinen Lagers an. Vor allen Dingen stellte er einen Hau fen Trupen an das Ufer des Aufida, damit er den Feinden das Wasser abschnitte. Da sie aber von den grossen Beschwerlichkeiten und den Nachtwachen ganz abgemattet und größtentheils voll Wunden waren, so erga
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) ben sie sich eher, als es Hannibal selbst gehof fet hatte. Der Vergleich bestund darinn, daß sie dem Sieger ihre Waffen und Pferde ge ben musten, und nur ein Kleid behalten durf ten. Ferner, daß, wenn man die Gefange nen wieder einlösen wollte, für jeden Bürger 150 Pfund, für jeden Bundesgenossen 100 Pfund, und für jeden Sklaven 50 Pfund Ranzion gezahlet werden sollte. Die Car thaginenser bemächtigten sich ihrer Personen, und bewachten sie fleißig, nachdem sie die Bürger von denen Bundesgenossen abgeson dert hatten. Indem Hannibal hierzu viel Zeit brauchte, zogen sich die im grossen Lager, welche genug Kräffte und Muth hatten, an der Zahl 4000 zu Fuß, und 200 Reuter nach Canusa zu rück; und zwar ein Theil in ganzen Hauf fen, und die andern auf dem Felde hin und her zerstreuet, welches eben nicht sicher war. Nur die Maroden und Verwundeten blie ben zurück, welche sich unter eben den Bedin gungen, wie die im kleinen Lager, an den Sie ger ergaben. Hannibal machte eine ansehnliche Beute. Aber er ließ alles den Soldaten, ausgenom men die Menschen, die Pferde, und das we nige Silber, welches vornehmlich an den Sätteln und Harnischen war, denn die Rö mer hatten im Kriege sehr wenig Silberwerk bey sich. Hierauf ließ er die todten Cörper seiner Sol daten auf einen Hauffen legen, und sie, zur
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Zeigung der letzten Ehre, verbrennen. Ei(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) nige Schriftsteller melden, daß er auch den Leichnam des Bürgemeisters habe suchen las sen, und daß er, nachdem er gefunden wor den, ihn mit grossen Ehren begraben lassen. Die Einwohner zu Canusa gaben denen,(Freygebig keit einer Ca nusischen Da me. Liv. eben daselbst.) welche dahin geflüchtet waren, nichts als Dach und Fach; aber eine Apulische Frau, welche Geburt und Reichthum ansehnlich machte, Namens Busa, gab ihnen Kleider, Lebensmittel, und so gar Geld. Der Rath ermangelte nicht, ihr nach dem Kriege die Er kenntlichkeit, welche sie für eine so grosse Freygebigkeit verdiente, zu zeigen, und ihr ausserordentliche Ehre zu erweisen. Da übrigens unter diesen Trupen vier Zunftmeister der Legionen waren, so fragte sichs, welcher unter ihnen, bis auf neuen Be fehl, commandiren sollte. Nach aller Ueber einstimmung ward diese Ehre dem P. Scipio, welcher noch sehr jung war, und dem Ap pius Claudius aufgetragen. In der Zeit, da sie untereinander darüber(Der junge Scipio ent deckt eine ge fährliche Zu sammenver schwörung. Liv.XXII. 53.) berathschlagten, was sie bey gegenwärtigen Umständen thun sollten, kam P. Furius Phi lus, ein Sohn eines Consularen, und sagte ih nen, sie machten sich vergebene Hofnung, und sey um die Republick geschehen. Es suchten eine ansehnliche Anzahl junger Leute von dem vornehmsten Stande, welche den L. Cäcilius Metellus zum Anführer hätten, Schiffe, in der Absicht, Italien zu verlassen, sich zu Schiffe zu setzen, und sich zu einem mit
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) den Römern in Freundschaft stehenden Köni ge zu begeben. Unter allen unglücklichen Be gebenheiten, welche die Republick geängstiget hatten, hatte man noch kein Exempel eines so verzweifelten und traurigen Entschlusses. Alle diejenigen, welche im Rath waren, erstaune ten bey Anhörung dieser Neuigkeit. Die mei sten beobachteten ein schwermüthiges Still schweigen. Einige schlugen vor, die Sache in Betrachtung zu ziehen, bis der junge Sci pio, welchem die Ehre, diesen Krieg glücklich zu endigen, vorbehalten war, behauptete, „daß man bey einer Sache von dieser Be schaffenheit nicht unschlüßig seyn dürffe. J tzo müsse man was unternehmen, und nicht berathschlagen. Diejenigen, welche ihn lieb ten, sollten ihm nur folgen. Es wären kei ne tödtlichern Feinde des Staats, als dieje nigen, welche im Stande wären, einen sol chen Vorsatz zu fassen.“ Nach diesen Wor ten gieng er gerades Weges, in Begleitung einer kleinen Anzahl der Wohlgesinntesten, in das Haus, wo Metellus wohnte. Da er daselbst die jungen Leute fand, von welchen man ihm gesagt hatte, zog er sein Schwerdt aus, hielt ihnen die Spitze desselben vor, und sagte:„ Ich schwöre zuerst, daß ich niemals die Republick verlassen werde, und daß ich nicht zugeben werde, daß sie irgend ein an derer verlasse. Grosser Jupiter! ich ruffe dich zum Zeugen meines Eydes an, und ich will, daß du, wenn ich demselben nicht nach lebe, mich und die Meinigen des grausam
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sten Todes sterben lassest. Cäcilius, und(V. R. G. 536. V. C. G. 216.) ihr alle, die ihr hier versammlet seyd, thut eben diesen Eyd mit mir. Wer nicht ge horchen wird, der soll den Augenblick ster ben.“ Sie schwuren alle, und waren eben so erschrocken, als wenn sie den Sieger, den Hannibal, gesehen und gehöret hätten, und verstatteten, daß sie Scipio so gleich bewa chen ließ. Zu eben der Zeit, da dieses zu Canusa vor(4000 Römer begeben sich nach Venu sa. Liv.XXII. 54.) ging, begaben sich ohngefähr 4000 Mann, theils Fußvolk theils Reuterey, welche sich bey der Flucht auf dem Felde zerstreuet hat ten, nach Venusa zu dem Bürgemeister. Die Einwohner dieser Stadt nahmen sie in ihre Häuser auf, und trugen grosse Sorge für sie. Sie versahen alle diejenigen mit Waffen und Kleidern, welche keine hatten, und gaben ei nem jeden Reuter 12 Pfund und 10 Sols, und jedem Fußgänger 100 Sols. Ueber haupt gab man ihnen sowohl öffentlich, als ins besondere, alle mögliche Merkmaale einer ausnehmenden Gewogenheit, man wollte nicht, daß man sagen sollte, das Volk dieser Stadt wäre nicht so freygebig, als eine einzi ge Frau zu Canusa. Soviel vermag ein gutes Exempel. Aber die Busa ward, ohngeachtet ihres(Der Bürge meister Var ro, begiebt sich nach Ca nusa. Liv. eben daselbst.) grossen Vermögens und ihres guten Her zens, von der grossen Menge derjenigen, wel che ihrer Hülffe nöthig hatten, überhäufft. Es hatten sich schon mehr als 10 tausend Mann in diese Stadt begeben. Als Appius
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) und Scipio erfuhren, daß einer von den bey den Bürgemeistern den Verlust der Schlacht überlebet habe, schickten sie ihm einen Cou rier, und meldeten ihm, wieviel sie Trupen bey sich hätten, und liessen ihn fragen, ob sie sie nach Venusa bringen, oder ob sie ihn in Ca nusa erwarten sollten. Varro wollte lieber zu ihnen kommen. Als er daselbst angelanget war, sahe er sich an der Spitze eines Hauf fen Volkes, welcher für eine bürgerliche Ar mee gelten konnte, und welcher so viel Kräff te hatte, daß er, wenn er nicht im Felde aus halten könnte, wenigstens den Feind würde aufhalten können, wenn man ihm die Canu sischen Mauern entgegen setzte.

III §.

Aeusserste Betrübniß, welche das verwirrte Ge rücht von dem Verlust der Armee verursachet. Der Rath versammlet sich. Weiser Rath des Fabius, Ordnung in der Stadt zu stif ten. Der Rath bekömmt Briefe von Varro, worinn er ihm von den gegenwärtigen Um ständen Nachricht giebt. Neuigkeit aus Si cilien. Dem M. Marcellus wird das Com mando der Trupen, anstatt des Varro, auf getragen. Verbrechen zweyer Vestalinnen. Q. Fabius Pictor wird nach Delphos ge schickt. Es werden den Göttern menschliche Opffer geweihet. Marcellus übernimmt das Commando der Trupen. M. Junius wird zum Dictator erwählet. Es werden Skla ven gemacht. Hannibal erlaubt den Kriegs gefangenen, einige Deputirte nach Rom zu schicken, wegen ihrer Auslösung Unterhand lung zu pflegen. Carthalon, ein Carthaginen sischer Officier, bekömmt Befehl, aus dem
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Gebiethe der Republick zu gehen. Rede ei nes Abgeordneten zum Besten der Kriegsge fangenen. Rede des Manlius Torquatus wider diese Kriegsgefangenen. Der Rath will sie nicht auslösen. Betrachtung über diese Verweigerung. Niederträchtige Arglist eines Abgeordneten. Unterschiedene Bundes genossen verlassen die Parthey der Römer. Varro kömmt nach Rom zurück, und wird sehr wohl empfangen. Betrachtung über die se Aufführung des Römischen Volks.
Man hatte zu Rom noch gar keine genaue(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) und gewisse Nachricht von dem, was in der Schlacht bey Cannas vorgefallen war, erhalten, und man wuste nicht einmahl, daß(Aeusserste Bestürzung, welche zu Rom das ver wirrte Ge rücht von der Niederlage der Armee verursachet.) noch der traurige Rest übrig war, wovon wir geredet haben. Man hatte daselbst ge sagt, beyde Armeen wären gänzlich nieder ge macht, und die beyden Bürgemeister wären geblieben. Noch niemals war Rom, seit der Einnahme der Stadt durch die Gallier, in einer so überaus grossen Unruhe und allge meinen Bestürzung gewesen. Man sprengte aus, die Römer hätten kein Lager, keine Ge nerale und keine Soldaten mehr. Hanni bal wäre Meister von Apulien, von Samni um, und würde es auch bald von ganz Ita lien seyn. Man hörte auf den Gassen nichts als schreyen und seufzen; man sahe nichts, als weinende Weiber, welche sich in der entsetzlich sten Verzweifelung, zu welcher sie gebracht waren, die Haare ausraufften, und an die Brust schlugen; nichts als traurige und nie dergeschlagene Männer, welche, da ein inne
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(V. R. E 536. V. C. G. 216.) rer Schmerz, welchen sie verbergen wollten, ihr Herz nagte, denselben wider ihren Wil len durch ihr Stillschweigen ausdrückte. Welche andre Nation würde nicht unter der Last so vieler Kümmernisse untergelegen seyn? Kann man mit der Schlacht bey Can nas die Schlacht, welche die Carthaginenser bey den Egatischen Inseln verlohren, und wel che sie nöthigte, dem Sieger Sicilien und Sardinien zu überlassen, und ihm hernach Tribut zu zahlen, vergleichen? oder diejeni ge, welche Hannibal selbst vor den Thoren von Carthago verlohren? sie sind mit dersel ben in nichts zu vergleichen, als etwa darinn, daß der Verlust derselben mit wenig Stand hastigkeit und Muth ertragen ward. (Der Rath versamlet sich.) In diesen Umständen befanden sich die Rö mischen Angelegenheiten, als die Prätors, P. (Weisen Rath, wel chen Fabius giebt, in der Stadt Ord nung zu stiff ten. Liv.XXII. 56.) Furius, Philus und M. Pomponius den Rath versammleten, Maaßregeln zu Roms Erhaltung zu ergreiffen. Denn sie zweifel ten nicht, daß Hannibal, nachdem er ihre Armeen erleget, alsbald die Hauptstadt an fallen würde, durch deren Einnahme der Krieg würde geendiget und der Ruin der Re publick zu Stande gebracht worden seyn. Da aber die um den Rath herum zerstreue ten Weiber die Lufft mit ihrem Geschrey er füllten, und da man auch nicht wuste, wel che geblieben waren, oder welche noch lebten, alle Familien in gleich grosse Kümmerniß versetzet waren, gab Q. Fabius Maximus den Rath: „Man solle alsbald auf der Api
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schen und Lateinischen Strasse Couriere aus(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) schicken, mit Befehl, diejenigen, welche sich mit der Flucht gerettet hätten, und welche sie auf dem Wege anträfen, zu fragen, wie es den Bürgemeistern und der Armee ergan gen sey, wo der Rest der Trupen wäre, wo fern noch einige übrig wären; wohin Han nibal seinen Marsch nach der Schlacht ge nommen, was er itzo mache, und was man von seinen Absichten auf das künstige muth maassen könne? Er stellte auch vor, daß in Ermangelung der Magistrats-Personen, deren allzuwenig in der Stadt waren, die Rathsherren besorgt seyn sollten, die grau same Unruhe zu stören, und er sagte ihnen alles ausführlich, was sie, diese Absicht zu erreichen, thun sollten. Wenn der Lerm würde gestillet, und die Gemüther wieder ruhiger geworden seyn, solle man die Raths Herren versammlen, damit man desto ru higer über die Mittel, die Republick zu erhal ten, berathschlagen könne.“ Alle stimmten mit ihm überein, und sein(Der Rath be kömmt Brie fe von dem Varro, wor innen er ihm die gegen wärtige Um stände be richtet. Liv.XXII. 56.) Rath ward alsbald ausgeführet. Zuerst verboth man den Weibern, öffentlich zu er scheinen, weil ihre Verzweifelung und ihr Ge schrey das schon mehr als zu sehr bestürzte Volk nur noch mehr niederschlug. Hierauf giengen die Rathsherren von Haus zu Haus, richteten die Häupter der Familien auf, und stelleten ihnen vor, daß in dem Staat noch Mittel wider das gegenwärtige Uebel vor handen wäre. Selbst Fabius, welcher zu
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) der Zeit, da es schien, als ob man nichts zu befürchten hätte, ganz furchtsam und ohne Hoffnung zu seyn schien, gieng itzo, da alles in der grösten Bestürzung und in der entsetz lichsten Unruhe war, in der Stadt mit einem gemäßigten Schritte und mit zuversichtlichen und ruhigen Mienen herum, wodurch er, nebst seinen edlen und tröstlichen Reden, alle Bür ger aufrichtete und beruhigte. Endlich stellte man Wachen an die Thore, damit niemand ohne Erlaubniß heraus gehen konnte, weil man besorgte, die Furcht möchte über alle an dere Gedanken die Oberhand behalten, und die Bürger möchten, wenn sie sich anders we hin begäben, die Stadt ohne Schutz lassen. Nachdem die Rathsherren den Hauffen Volks, welcher sich um den Rath und auf dem öffentlichen Platze versammlet hatte, zerstreuet und das Lermen in allen Theilen der Stadt gestillet hatten, erhielt man Briefe von dem Varro, in welchen „er dem Rathe den Tod des Bürgemeisters Paulus Aemilius und die Niederlage der Armee meldete, daß er itzo zu Canusa wäre, wo er die Stücken von diesen Schiffbruch sam̄lete, daß er ohngefähr 10 tausend Mann in ziemlichen schlechten Um ständen bey sich habe, daß Hannibal (*) noch zu Cannas sey, wo er beschäfftiget wäre, die Kleider und Waffen auf dem Schlachtfelde zu sammlen, und um die Auslösung der 31
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Kriegs gefangenen, auf eine weder einem(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) grossen General noch einem Sieger anstän dige Art, zu handeln.“ Bald darauf be kamen auch alle Bürger Nachricht von dem Verlust, welchen sie insbesondere erlitten hat ten. Und da keine Familie war, welche nicht die Trauer anlegen muste, so schränkte ein Befehl des Raths die Trauer derselben auf 30 Tage ein, damit die Feste, und andere sowohl öffentliche als besondere Religionsfeyerlichkei ten nicht zu lange unterbrochen würden. Kaum hatten sich die Rathsherren wieder(Neuigkeiten aus Sicilien. Liv. eben daselbst.) in den Rath begeben, so erhielt man aus Si cilien andere Briefe, in welchen der Prätor T. Otacilius meldete, daß die Carthaginensi sche Flotte das Königreich des Hiero verwü stete. Es habe zwar seine Schuldigkeit er fordert, ihm zu Hülffe zu kommen: er habe aber zu eben der Zeit erfahren, daß bey den Egatischen Inseln eine andere Flotte sey, wel che nach Lilybäum gehen, und die Provinz des Römischen Volkes verwüsten wollte, so bald ausmarschiret seyn würde, die Sy racusischen Küsten in Sicherheit zu setzen. Es schien ihm also nothwendig zu seyn, eine neue Flotte abzuschicken, wenn man den Hiero und die Provinz Sicilien vertheydigen wolle. Die Rathsherren wurden einig, den M.(Dem M. Marcellus wird das Commando der Trupen an die Stelle des Varro aufgetragen. Liv.XXII. 57.) Claudius Marcellus, welcher die Flotte bey Ostia commandirte, nach Canusa zu schicken, und dem Bürgemeister zu befehlen, das Commando der Armee diesem Prätor zu ü berlassen, und selbst nach Rom zu kommen,
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sobald er könnte, und sobald es ihm das Wohl der Republik erlaubte. (Verbrechen zweyer Ve stalinnen. ebend.) Die Furcht, welche den Römern so viel verdrießliche Neuigkeiten brachte, ward noch durch viel Wunderzeichen vermehret, wovon das schrecklichste das Verbrechen der Vesta linnen, Opinia und Floronia, war, welche alle beyde sich in eben diesem Jahre schänden liessen. Die eine ward bey dem Collinischen Thore, nach der Gewohnheit, lebendig be graben: die andere brachte sich, dieser Stra fe zu entgehen, selbst ums Leben. Man be fahl den Decemviren, die Bücher der Sybil (Q. Fabius Pictor wird nach Del phos ge schickt. ebend.) len um Rath zu fragen, und Q. Fabius Pi ctor ward nach Delphos geschickt, das Ora cul zu fragen, durch was für Gebethe und Opffer man den Zorn der Götter stillen kön ne? Dieser Fabius Pictor ist eben derjeni ge, welcher die Römische Historie von des Ro mulus Zeiten an, bis auf die seinige geschrie ben hat. Man glaubte, daß das Werk ei nes Rathsherrn, welcher in öffentlichen Ge schäfften gebraucht worden, ein grosses An (Polyb.I. 13. III. 164. et cetera) sehen haben müsse. Aber Polybius wirfft ihm eine blinde Liebe zu seinem Vaterlande vor, durch welche er sich oft von der Wahr heit verirret hat; und Titus Livius selbst scheint nicht viel aus ihm zu machen. Indem man die Rückkunft des Fabius Pictor erwartete, verrichtete man einige aus serordentliche Opffer, so wie sie in den Bü chern, welche das Schicksal der Römer ent hielt, angezeiget waren.
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Unter andern opfferte man einen Gallier(Es werden menschliche Opffer den Göttern ge weihet. Liv.XXII. 57.) und eine Gallierin, einen Griechen und eine Griechin, welche ganz lebendig in ein Gewöl be auf dem Ochsenmarkte, welches man in ein Mauerwerk eingeschlossen hatte, begraben wurden. Dieser Ort war schon, nach einem Gebrauche, welchen die Römer von fremden Völkern angenommen hatten, mit Menschen Blut beflecket worden. Welche Blindheit! Was für einen Begriff machten sich doch diese Völker von ihren Göttern, daß sie glau ben konnten, Menschen-Blut sey fähig, ihren Zorn zu stillen? Aber wie konnte ein Volk, welches so sanffte und zahme Sitten zu haben glaubte, wie die Römer, so entsetzlich aber gläubig und barbarisch seyn? Dieses ist der Dienst des Satans, welcher ist ein Mör der vom Anfange, und welcher, da er sich an die Stelle des wahren GOttes gesetzet hatte, denselben von den Menschen verlangte, und welchen wir ihm noch leisteten, wenn uns nicht die allmächtige Gnade des Erlö sers von seiner Sklaverey befreyet hätte. Indessen schickte M. Marcellus, zu Be(Marcellus ü bernim̄t das Commando der Trupen. Liv.XXII. 57.) schützung der Stadt, 15 hundert Mann, welche er zum Dienst der Flotte geworben hatte. Nachdem er die dritte Legion mit den Zunftmeistern der Legionen nach Täana in Campanien geschickt hatte, ließ er die Flotte mit den Soldaten, welche bey derselben blei ben konnten, unter der Anführung des P. Furius Philus, und wenig Tage darauf be
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gab er sich in grossen Tagereisen nach Ca nusa. (M. Juni us wird zum Dictator er wehlet. Er wirbt Tru pen an. Liv. ebend.) Als hierauf M. Junius durch das Anse hen des Raths zum Dictator war erwählet worden, erwählte er sich den T. Titus Sem pronius zum General der Reuterey, und un ter den neuen Trupen, welche er auf die Bei ne brachte, warb er auch die jungen Leute an, welche ein Alter von 17 Jahren erreichet hatten; (dieses war die Zeit, da die Römer anfiengen unter die Soldaten zu gehen und unter den Armeen zu dienen.) Er warb auch so gar einige an, welche den aufge schürtzten (*) Rock trugen, und welche folg lich dieses Alter noch nicht erreicht hatten. Man machte fünf Legionen und einen Hauf fen von tausend Reutern daraus. Er ließ zu gleicher Zeit von den Lateinischen Bundes genossen den Antheil fordern, welchen sie we gen des Vertrags geben musten. Ferner ließ er Waffen von allerley Art verfertigen, ohne diejenigen zu rechnen, welche man ehe dem den Feinden abgenommen hatte, und welche man aus den Tempeln und von den bedeckten Gängen nahm, die neuen Solda ten zu bewaffnen. (Es werden Sklaven ge worben. Liv. ebend.) Die Römer thaten ausserdem noch Wer bungen von einer neuen Art. Denn weil die Republick nicht genug freye Leute schaffen 32
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konnte, so warben sie 8000 der stärksten(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Sklaven an, und fragten sie vorher, ob sie die Waffen gutwillig und aus eigenem Trie be ergreiffen wollten? welches ein sehr merk würdiger Umstand war. Sie glaubten nicht, daß man sich auf mit Gewalt geworbene Soldaten verlassen könne. Man zog die Soldaten dieser Art denjenigen vor, welche Kriegsgefangene des Hannibal waren, und welche dieser General für eine nicht so beträcht liche Ranzion auszuliefern sich erboth, als die Summe war, welche man für diese Sklaven zahlte. Hannibal, welcher nach dem Siege bey(Hannibal er laubt den Römischen Kriegsgefan genen, eini ge Abgeord nete nach Rom zu schi cken, wegen ihrer Ranzi on Handlung zu pflegen. Liv.XXII. 58.) Cannas mehr als ein Sieger, als ein Gene ral handelte, welcher dran denkt, daß er noch Feinde zu überwinden hatte, hatte sich al le Gefangene zeigen lassen. Er sonderte die Bundesgenossen von den Bürgern ab, rede te gegen die erstern mit eben den Gewogen heit- und Freundschafts-Bezeugungen, deren er sich nach der Schlacht bey Trasimene be dienet hatte, und schickte sie alle ohne Ranzi on zurück. Hernach ließ er auch die Römer vor sich ruffen, welches er noch nicht gethan hatte, und redete sie ganz gelind an. Er sag te zu ihnen: „Es sey seine Absicht nicht, ihre Nation zu unterdrücken; er stritte bloß um der Ehre und um des Reichs willen gegen sie. Da seine Vorfahren der Tapferkeit der Rö mer nicht gleich gekommen wären, so wende er alle Kräfte an die Römer zu nöthigen, auch nunmehr seinem Glück und seinem Muth
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) zu weichen. Er erlaube also den Gefange nen, sich zu ranzioniren. Er verlange für jeden Reuter 250 Pfund, für jeden Fuß gänger 150, und für jeden Sklaven 50 Pfund.“ Obgleich Hannibal die Ranzion, um wel che er sich vorher verglichen hatte, beträcht lich vermehret hatte, so nahmen doch die Ge fangenen die zwar unbilligen Bedingungen, unter welchen man jedem erlaubte, sich den Händen der Feinde zu entziehen, mit Freu den an. Sie erwehlten also 10 von den Vornehmsten unter ihnen, welche sie nach Rom zum Rathe schickten. Hannibal ver langte keinen andern Bürgen ihrer Treue, als den Eyd, welchen sie ihm schwuren, daß sie wiederkommen wollten. Er schickte mit ih nen den Carthalon, einen von den vornehm sten Carthaginensern, welcher den Römern Bedingungen vortragen muste, wenn er sie zum Frieden geneigt sände. Als diese Abge ordneten aus dem Lager der Carthaginenser gegangen waren, that einer von ihnen, als ob er was vergessen hätte, und kehrte wieder um, und kam in der Nacht wieder zu seinen Mitgesellen. (Dem Car thalon, ei nem Cartha ginensischen Officier, wird befohlen, sich aus dem Ge bieth der Re publick zu be geben. Liv. ebend.) Als man zu Rom vernahm, daß sie in der Stadt anlangen würden, schickte der Di ctator einen von seinen Lictorn zu dem Car thalon, ihm in seinem Nahmen zu befehlen, daß er sich vor Nachts aus dem Gebiethe der Republick begeben sollte. Ist das das Haupt eines überwundenen und auf äusserste ge
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brachten Volks, welches in einem so trotzigen(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) und herscherischem Tone mit seinen Ueberwin dern redet? Die Abgeordneten der Kriegsgefangenen ließ er vor dem Rath zum Gehör. Daselbst redete M. Junius, der vornehmste unter ih(Rede eines von den Ab geordneten vor dem Rath, zum Besten der Kriegsgefan genen. Liv.XXII. 59.) nen, in aller Nahmen, also: „Wir wissen al le, meine Herren, daß unter allen Völkern das Römische Volk am wenigsten aus den Kriegsgefangenen macht. Aber, ohne eine allzu gute Meynung für unsere Sache zu hegen, können wir versichern, daß noch nie mals Kriegsgefangene gewesen, welche eure Gleichgültigkeit und Verachtung weniger verdienet haben, als wir. Denn wir haben weder auf dem Schlachtfelde, noch aus Furcht, unsere Waffen dem Feinde übergeben: sondern nachdem wir bis in die Nacht ge stritten haben, und über die Hauffen todter Körper marschiret sind, haben wir uns end lich in unser Lager zurück gezogen. Den übrigen Theil des Tages und die ganze fol gende Nacht über haben wir ungeachtet un serer grösten Ermüdung, und ungeachtet unserer häuffigen Wunden, unsere Ver schanzungen vertheidiget. Den Tag dar auf, als wir uns von einer siegreichen Ar mee angefallen sahen, haben wir uns, ohne die Freyheit Wasser zu schöpffen, noch eini ge Hoffnung zu haben, uns durch die un zählbare Menge der Feinde einen Weg zu machen, und da wir ausserdem überzeugt waren, daß es kein Verbrechen sey, einem
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Ueberrest einer Armee, welche 50 tausend Mann auf dem Schlachtfelde gelassen hat te, das Leben zu erhalten, endlich wegen der Ranzion verglichen, und wir haben dem Feinde die Waffen übergeben, welche uns doch weiter keinen Beystand leisten konn ten. Wir wusten, daß unsere Vorfah ren den Galliern Gold gegeben hatten, sich zu ranzioniren, und daß unsere Väter, die se bey den Friedensbedingungen strengen Männer, nichts destoweniger Gesandte nach Tarent geschicket hatten, wegen der Ranzi on der Kriegsgefangenen Handlung zu pfle gen. Inzwischen war doch die Schlacht, welche wir bey Allia wider die Gallier ver lohren, und die, welche Pyrrhus bey Hera klea wider uns gewann, der Republick nicht sowohl durch die Niedersäbelung unserer Soldaten, als durch ihr Schrecken und durch ihre Flucht, schädlich. Hingegen das Schlachtfeld bey Cannas ist mit todten Römern überstreuet, und wenn wir der Wuth der Feinde entkommen sind, so ist dieses darum geschehen, weil ihre Waffen stumpf, und ihre Kräffte durch das viele nie dermetzeln erschöpffet worden. Es sind auch sogar einige unter uns, welchen man nicht vorwerffen kan, daß sie das Schlachtfeld verlassen hätten, sondern welche, da ihnen aufgetragen worden, das Lager zu bewa chen, mit dem Lager selbst in der Feinde Ge walt gerathen sind. Ich mißgönne keinem meiner Mitbürger und Kriegsgesellen sein
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Glück, oder seine Umstände, und ich suche(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) mich nicht auf Unkosten eines andern zu rechtfertigen. Aber damit man zum wenig sten nicht glaube, es sey ein Verdienst, wenn man besser lauffen und geschwinder fliehen kann als andre, so glaube ich nicht, daß man uns diejenigen vorziehen sollte, welche das Schlachtfeld grösten Theils ohne Waf fen verlassen, und geeilet haben, Venusa oder Canusa zu erreichen, ich glaube auch nicht, daß sie sich selbst rühmen werden, sie könnten der Republick nützlicher seyn, als wir. Ihr werdet unter ihnen gute und ta pfere Soldaten finden: aber das Anden ken, welches wir eurer Gütigkeit schuldig seyn werden, daß ihr uns wieder erkauft und wieder in unser Vaterland gebracht habt, wird machen, daß wir, wenn es möglich ist, durch unsern Muth und Eifer sie noch zu übertreffen suchen werden. Ihr werbet Soldaten von allerley Stand und Alter. Ich habe vernommen, daß ihr 8000 Skla ven bewaffnet habt. Wir sind fast eben so viele Bürger; und unsere Ranzion wird das, was euch jene kosten, nicht übersteigen. Denn ich beleidigte den Römischen Namen, wenn ich sie auf eine andre Art mit uns vergliche. Wenn es euch schwer fallen soll te, sanft und freundlich mit uns zu verfah ren; eine Begegnung, zu welcher wir nicht Anlaß gegeben zu haben glauben: so beden ket, was für einem Feinde ihr uns überlas sen wollt. Ist es ein Pyrrhus, welcher un
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) sern Kriegsgefangenen als seinen Freunden und Gästen begegnete? oder ein Barbar und ein Carthaginenser, welcher eben so gei tzig als grausam ist? Wenn ihr die Ketten sehen solltet, mit welchen eure Bürger bela den seynd? wenn ihr Zeugen von dem Elende seyn solltet, in welchen man sie seufzen läst; so würdet ihr wahrhaftig über ihrem Zu stande nicht weniger gerühret werden, als wenn ihr auf einer andern Seite eure Au gen auf das mit den Hauffen eurer Solda ten bedeckte Schlachtfeld bey Cannas würf fet? Ihr höret das Seuffzen, und könnet die Thränen unsrer Anverwandten sehen, welche eure Antwort mit einer entsetzlichen Unruhe erwarten. Urtheilet daraus, wie groß die Unruhe unsrer abwesenden Mitge sellen über euren Ausspruch seyn wird, wel che ihr Leben und ihre Freyheit entscheiden wird. Wenn Hannibal, wider seine Ge müthsart, uns sanft und gütig begegnen sollte: würden wir wohl das Leben ertra gen können, nachdem ihr uns der Ranzion unwürdig geschätzet hättet? Die Kriegsge fangenen, welche Pyrrhus ehedem ohne Ranzion zurück schickte, kamen wieder nach Rom: aber sie kamen wieder zum Pyrrhus zurück, in Begleitung der Vornehmsten der Stadt, welche man zu ihm geschickt hatte, wegen ihrer Ranzion Handlung zu pflegen. Sollte ich wohl, als ein Bürger, welcher geringer geschätzet worden, als der Werth einer mäßigen Summe Geldes, in mein
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Vaterland zurück kommen? Jeder hat sei(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) ne Maximen und seine Art zu denken. Ich weiß, daß ich in Gefahr bin mein Leben zu verliehren: aber ich fürchte mich viel weni ger zu sterben, als ohne Ehre zu leben, und ich würde mich auf immer für geschändet halten, wenn es schiene, als wenn ihr uns, als elende Leute, welche eures Mitleidens un würdig wären, verdammet hättet. Denn man darf niemals glauben, daß es das Geld sey, welches ihr hättet schonen wollen.“ So bald er aufgehöret hatte zu reden, fing der Hauffen ihrer Anverwandten, welche ganz nahe bey der Versammlung waren, an, kläglich zu schreyen. Sie streckten ihre Hände gegen die Rathsherren aus, und ba ten sie, ihnen ihre Kinder, ihre Brüder, ihre Väter, oder ihre Männer wieder zu geben; denn die Noth hatte auch die Weiber ge zwungen, auf den öffentlichen Platz zu kom men, und ihr Bitten mit dem Bitten ih rer Männer zu vereinigen. Nachdem man das Volk beyseit geschaffet hatte, fing man an die Stimmen zu sammlen. Die Mei nungen waren sehr getheilet. Die Mitleidig sten wollten, daß man sie mit dem Gelde des öffentlichen Schatzes ranzionirte. Andre be haupteten, die Republick wäre nicht im Stande, diese Unkosten herzugeben, und es sey genug, wenn man ihnen erlaubte, sich von ihrem eigenen Gelde zu ranzioniren. Sie setzten hinzu, der Staat könne denen helffen, welche nicht baar Geld hätten, wenn sie ihre
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Güter und Häuser gegen die Summe, wel che man ihnen vorstrecken würde, verpfän deten. (Rede des Manlius Torquatus wider die Kriegsge fangenen. Liv.XXII. 60.) Hierauf erklärte sich T. Manlius Tor quatus, einer der vornehmsten Rathsherren, welcher 2mahl Bürgemeister gewesen war, der sich aber noch mehr durch eine angeerb te Strenge, welche er, nach so vieler Ur theil, so gar bis zur Härte trieb, bekandt ge macht hatte, nachdem die Reihe zu reden an ihn gekommen war, in folgenden Worten: „Wenn die Abgeordneten sich begnügt hät ten, zu verlangen, daß man sie ranzionire, ohne die Ehre der andern zu beschimpfen, so hätte ich euch meine Meynung mit einem Worte gesagt. Ich hätte lediglich ermah net, dem Exempel nachzuahmen, welches euch eure Väter gegeben haben, und von welchen wir nicht abgehen können, ohne die Kriegssucht zunichte zu machen. Da sie sich aber beynahe eine Ehre draus gemacht ha ben, daß sie sich den Feinden ergeben, und da sie keine Schwürigkeit gemacht haben, sich nicht nur denjenigen vorzuziehen, wel che auf dem Schlachtfelde sind gefangen worden, sondern sogar denen, welche sich nach Venusa und Canusa zurück gezogen haben, ja selbst dem Bürgemeister Varro: so glaube ich, daß es meine Schuldigkeit ist, euch von allen dem zu unterrichten, was nach der Schlacht bey Cannas vorgegangen ist. Daß ich doch nicht Soldaten aus Canusa, als unverwerfliche Zeugen der Tapf
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ferkeit und der Nachläßigkeit eines jeden,(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) zu Zuhörern habe! oder zum wenigsten den P. Sempronius, dessen Rath und Bey spiel, wenn sie ihm gefolgt hätten, würde gemacht haben, daß sie itzo Soldaten in unsrem Lager, und nicht Gefangene in den Händen der Feinde seyn würden. Aber wie ist ihre Aufführung beschaffen gewesen? Als der meiste Theil der Feinde, entweder von der Ermüdung der Schlacht auszuru hen, oder sich der Freude zu überlassen, welche allezeit dem Siege folget, wieder in das Lager zurück gekehret war, ging eine ganze Nacht vorbey, während sie die weni gen Carthaginenser hätten bezwingen kön nen, welche sich einem Rückzuge widersetzet hätten, welchen 7 tausend Mann im Stan de gewesen wären, sich mit dem Degen in der Faust, wenn sie auch mitten durch eine ganze Armee gemust hätten, frey zu machen. Aber sie hatten weder Herz genug, dieses für sich selbst zu unternehmen, noch Geleh rigkeit genug, demjenigen zu folgen, wel cher ihnen ein Exempel gab, und welcher sie ermahnte, demselben nachzuahmen. Wäh rend des grösten Theils der Nacht hörte Sempronius nicht auf, sie auf das nach drücklichste zu ermahnen, ihm zu folgen, da die Feinde noch in geringer Anzahl um ihr Lager waren, da alles still war, und da die Nacht ihren Rückzug bedecken konnte. Man stellte ihnen vergebens vor, daß sie, ehe es Tag würde, in Städten der Bun
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) desgenossen, wo sie nichts mehr zu befürchten hätten, würden angelanget seyn, indem man, sie zu ermuntern, verschiedene ähnli che Exempel anführte. Nichts war fähig sie zu bewegen. Er zeigte euch einen Weg, welcher euch zu eurer Wohlfarth und zu eurer Ehre führte: aber es fehlte euch eben damals, da es darauf ankam, euer Leben zu retten, an Muth. Ihr hattet vor eu ren Augen 50 tausend Bürger und Bun desgenossen, welche auf dem Schlachtfelde todt ausgestreckt lagen, und so viele Ex empel der Tapferkeit konnten euch nicht auch Tapferkeit einflössen? Wenn ihr euch nur noch begnüget hättet, zaghafft zu seyn. Doch ihr habt nicht nur demjenigen nicht folgen wollen, welcher einen guten Rath gab: aber ihr habt euch in den Stand gese tzet, ihn selbst zurück und abzuhalten, wenn er nicht an der Spitze eines Hauffens tapf rerer Soldaten, als ihr seyd, das Schwerdt ergriffen, und sie von den Zaghafften und Verräthern abgesondert hätte. Sempro nius hat erst seine eigene Mitbürger bezwin gen müssen, eh er die Feinde bezwungen hat. Und Rom sollte solche Soldaten bedauern? Unter 7 tausend Mann haben sich nicht mehr als 6 hundert gefunden, welche tapfer genug gewesen sind, frey und mit den Waf fen in der Hand in ihr Vaterland zu rück zu kommen, ohne daß 40000 Feinde sie hätten schrecken oder abhalten können. Um wie viel leichter würden nicht fast 2 gan
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ze Legionen dieses Unternehmen haben aus(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) führen können! Kurz, höret, wo meine Meynung hinaus läuft. Ich glaube, daß ihr diese eben so wenig ranzioniren, als die jenigen dem Hannibal überliefern dürft, welche mit einer ausnehmenden Tapferkeit mitten durch die Feinde gegangen sind, und sich sebst ihrem Vaterlande wiedergegeben haben.“ Diese Rede machte einen grossen Eindruck.(Der Rath will die Ge fangenen nicht einlö sen. Liv.XXII. 61.) Die Rathsherren wurden durch die Gründe des Manlius gerühret, und sahen weniger auf das Blut, welches sie mit den meisten Kriegsgefangenen verband, als auf die ver drüßlichen Folgen, welche eine Nachsicht ha ben könte, die der Strenge ihrer Vorfah ren so wenig gemäß sey. Sie glaubten, daß es itzo nicht Zeit sey, einen Auswand zu ma chen, welcher zugleich den Schatz der Repu blick erschöpffte, und zugleich dem Hannibal dasjenige verschaffte, welches er, wie man wuste, höchst nöthig hätte. Man faßte also den Entschluß, die Kriegsgefangenen nicht zu ranzioniren. Diese betrübte Antwort, und der Verlust so vieler Bürger, nebst denen, welche in der Schlacht geblieben waren, er weckte in aller Herzen eine neue Kümmerniß, und die ganze Menge Volks, welche vor dem Eingange der Versammlung des Raths war stehen blieben, folgte den Abgeordneten bis zu den Thoren der Stadt mit weinenden Au gen und kläglichem Geschrey. Man hat Mühe, die unbiegsame Strenge, (Betrachtun gen über die)
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(se abschlägi ge Antwort.) mit welcher der Rath das Bitten so vieler tausend Kriegsgefangenen, deren Sache sehr günstig für sie zu seyn scheinet, verwirfft, nicht einer entsetzlichen und unmenschlichen Härte zu beschuldigen. Wenn die Maxime, zu sie gen oder zu sterben, und niemals seine Waf fen dem Feinde zu übergeben, eine Maxime wäre, welche bey den Römern unverbrüchlich wäre beobachtet worden, so würde man sich nicht so sehr verwundern. Aber dieses war nicht so, und wir haben bey mehr als einer Gelegenheit gesehen, daß die Kriegsgefange nen von den Römern ranzioniret worden. Man darff wenigstens nicht sagen, daß die ses vielleicht eben die Ursach war, welche sie itzo dazu bewog, sich so standhaft und uner bittlich zu zeigen, in der Absicht, durch ein grosses Beyspiel dieser Maxime eine neue Kraft zu geben, welche sie mit Recht als die festeste Stütze des Raths betrachteten, und welche allein sie wieder unüberwindlich ma chen könnte, indem sie sie furchtbar machte, (Polyb.V. 500.) und über alle ihre Feinde setzte. Polybius mercket auch an, und diese Anmerkung be kräftiget auch gar wohl, was wir allhier sa gen, daß eine von den Ursachen, welche den Hannibal bewogen die Ranzionirung der Kriegsgefangenen vorzuschlagen, gewesen sey, den Römischen Soldaten die Lebhaftigkeit ih res Muths, wenn es möglich wäre, zu be nehmen, welche sie so schrecklich machte, wie der feste Entschluß, eher zu sterben, als ih re Waffen zu überliefern, indem er ihnen
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durch die Ranzion nur sichere Zuflucht zeigte,(V. R. E 536. V. C. G. 216.) wenn sie sich auch an den Feind ergeben hät ten. Und er füget hinzu, daß eben diese Wis senschaft der Rathsherren von der Absicht des Hannibal dieselben unerbittlich gemacht habe. Einer von den Abgeordneten gieng in sein(Niederträch tige Arglist eines Abge ordneten. Liv.XXII. 61.) Haus zurück, und glaubte, er habe seinem Eide Genüge gethan, da er unter dem Vor wande, daß er etwas vergessen habe, argli stiger Weise in das Lager des Hannibals zu rück gekehret war. Aber man hatte kaum von einer so niederträchtigen Arglist, welche den Römischen Namen entehrte, Nachricht bekommen, als man dieses dem vollen Rath meldete. Alle waren der Meynung, daß man ihn in Verhaft nehmen, bewachen und in das Lager des Hannibals zurück führen müsse. Nach der Schlacht bey Cannas erfolgte(Verschiedene Bundesge nossen verlas sen die Par they der Rö mer. Liv.XXII. 61.) der Abfall Italiens. Die Bundesgenossen der Römer, deren Treu bis auf den itzigen Tag unwandelbar gewesen war, fingen grösten theils an zu wanken, und zwar aus keiner andern Ursache, als aus Furcht, die Repu blick zerstöret zu sehen. Hier sind die Na men derer Völker, welche, wiewohl zu ver schiedenen Zeiten, einige eher, einige später, die Parthey der Römer verliessen. Die Campanier, die Atellaner, die Calatiner, die Hirpimeser, ein Theil von Apulien, alle Sam niter, ausgenommen die Beutrier; Die Brutienser und die Lucanier; zu welchen man hinzu setzen kann die Sallentiner, die ganze
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(V. R. G. 536. V. C. G. 216.) von den Griechen bewohnte Küste, die zu Metapont, Tarrent, Crotonium, die zu Lo crien, und alle Einwohner des diesseits der Alpen gelegenen Gallien. Diese Würkungen brachte eine zur Un (Plut. im Fab. 184.) zeit gelieferte Schlacht hervor, und dieses war es, was Fabius vorher gesehen hatte. An statt daß Hannibal vor dem Treffen weder eine Stadt, noch ein Magazin, noch einen Hafen in Italien in seiner Gewalt hatte, und daß er seinen Trupen nur mit der grö sten Noth Unterhalt verschaffen konnte, als welche er von Tag zu Tag nur von demjeni gen ernährte, was er rauben und plündern konnte, auch kein sicheres Geleite oder irgend einige Zufuhre für diesen Krieg hatte, sondern mit seiner Armee hin und her schweifte, gleich sam als mit einem grossen Trupp Strassen räuber; an statt dieses traurigen Zustandes, fand er sich auf einmahl Meister von einem grossen Theil Italiens, und in einem reichen Ueberflusse von Lebensmitteln für Menschen und Vieh. Man erkennte damals den Werth eines verständigen und erfahrnen Ge nerals. Das, was man vor dem Treffen bey dem Fabius Langsamkeit und Furcht samkeit nennte, zeugte sich bald darauf, nicht als die Stärcke einer menschlichen Vernunft, sondern, sagt Plutarch, als die Würkung einer göttlichen Einsicht, welche soweit von ferne vorher gesehen hatte, was geschehen würde, und was kaum denen, welche es zu
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ihrem grösten Schmerz erfuhren, glaublich(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) schien. Aber was dabey zu verwundern war, war dieses, daß so viel schnell auf einander gefolgtes Unglück und so häufiger Verlust die Römer noch nicht dahin bringen konnte, daß sie hätten von dem Frieden können reden hö ren. Was endlich hierinn alle Einbildung(Varro kömt nach Rom zu rück, und wird daselbst sehr wohl aufgenom men. Plut. im Fab. 184. Liv.XXII. 61.) kraft überstieg, dieses war die grosse Ehre, mit welcher man den Varro nach einer Nie derlage, wovon er die vornehmste und fast einzige Ursache gewesen war, empfieng. Als man erfuhr, daß er in Rom einziehen wollte, giengen alle Ordnungen des Staats ihm ent gegen, und sagten ihm feyerlich Dank, daß er für das Wohl des Reichs nicht alle Hof(Paulum puduit, Varro non desperauit. Flor.) nung verlohren, und daß er bey einem so gros sen Unglück die Republick nicht verlassen ha be, sondern daß er kommen sey das Ruder wieder zu ergreiffen, und sich, indem er noch nicht glaubte, daß sie ohne Zuflucht wären, an die Spitze der Gesetze und seiner Bürger zu stel len. Zu Carthago wäre keine Strafe gewe sen, deren ein General, welcher einen so gros sen, ja auch nur fast so grossen Verlust erlit ten hatte, nicht wäre würdig geschätzet wor den. Dieses sonderbare Betragen giebt Gele (Betrachtung über diese Aufführung des Römi schen Volkes.) genheit, die Weißheit des Römischen Raths zu bewundern. Welch ein Unterscheid zwi schen Rom und Carthago, in Ansehung des Verstandes und der Staatsmaximen! Ist dieses eine gute Staatsklugheit, wenn man
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) von den Generalen wegen des Erfolgs Re chenschaft fordert? Können sie nicht unglück lich seyn, ohne Gelegenheit dazu gegeben zu haben? Wäre es aber ihre Schuld, daß ein Treffen oder ein Krieg übel abgelauffen wä re: verdiente wohl dieser Fehler (ich nehme die Verrätherey aus) mit dem Tod bestraft zu werden? Ist die Unwissenheit in der Kriegs kunst, oder gar die Zaghaftigkeit daran Schuld: muß es sich der Staat, oder der Fürst, welche solche Generale gewehlet haben, nicht selbst zuschreiben? und über dieses, giebt es nicht Strafen, welche der Menschlichkeit gemässer und zugleich dem Staat nützlicher sind? Bey den Römern hielt man eine Geld strafe, einen geringen Verdruß, eine Art ei ner freywilligen Verbannung für Strafen, welche für Generale groß genug waren, und auch dieser bediente man sich sehr selten. Man ließ ihnen lieber Zeit und Gelegenheit ihre Fehler durch edle Thaten, welche die Schan de und das Andenken gänzlich auslöschten, und der Republick Generale erhielten, welche fähig werden konnten, ihre Dienste zu thun, wieder gut zu machen. Ist wohl die barba rische Gewohnheit, welche man noch itzo bey den Türken wahrnimmt, wo man sieht, daß in sehr kurzer Zeit 3 bis 4 Großviziers ihren Kopf auf dem Blutgerüste lassen, oder daß sie durch den Strick um das Leben kommen, geschickt, denen, welchen man die Regierung aufträgt, Muth und Eifer einzuflössen? Aber wieder auf die Römer, und auf ihr Bezei
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gen gegen den Varro zurück zu kommen,(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) wenn diese ihn, wie er es verdienet zu haben schien, nachdem er mehr als 50 tausend Bür ger hatte umkommen lassen, zum Tode ver dammet hätten; wie sehr würde ein solcher Schluß im Stande gewesen seyn, die Bestür zung und Verzweiflung, welche schon mehr als zu weit giengen, zu vermehren? anstatt daß die günstige Bewillkom̄ung des Bürgemei sters dem Volk zu verstehen gab, daß noch ein Mittel für dieses Uebel vorhanden sey, und machte, daß es glaubte, der Rath habe siche re und gegenwärtige Mittel in seiner Gewalt. Die Aufführung des Raths, in Ansehung des Varro, blieb allzeit einerley. Man ver längerte sein Commando auf verschiedene Jahre: aber mit der Vorsichtigkeit, daß man ihm nur Geschäfte von geringer Wichtigkeit auftrug, so, daß man allezeit seine Person in Ehren hielt, ohne sich den Folgen seiner Un geschicklichkeit auszusetzen. ------------------------------------------------------------

Funfzehendes Buch.

I. §.

Hannibal geht nach der Schlacht bey Cannas nach Campanien. Er wendet sich nach Ca pua, einer durch Wollüste verderbten Stadt. Pacuvius Calavius unterwirft den Rath die ser Stadt dem Volk, und hierdurch sich selbst. Ursache der Schwelgerey und der Unordnung unter den Campaniern. Sie schicken Abge sandte zu dem Varro, welcher ihnen den bey Cannas erlittenen Verlust allzu sehr entdeckt.
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Eben diese Abgesandte werden zu dem Hanni bal geschickt. Bedingungen des Bündnisses der Campanier mit dem Hannibal. Er wird zu Capua aufgenommen. Perolla erbietet sich gegen seinen Vater, den Hannibal umzu bringen. Caluvius wendet ihn von einem so schrecklichen Vorhaben ab. Ausehnliche Ver sprechungen des Hannibal, welche er den Campaniern thut. Er verlangt, daß man ihm den Tecius Magius ausliefere, welches auch alsbald geschieht. Magius wirft den Campaniern ihre Zagheit vor. Er wird durch einen Sturm nach Egypten verschla gen. Fabius Pictor bringt die Antwort des Delphischen Oraculs nach Rom.
(Hannibal ge het nach der Schlacht bey Cannas nach Campanien. Liv.XXII. 1.) Nachdem Hannibal die Römer bey Cannas überwunden und ihr Lager eingenommen und geplündert hatte, war er alsbald aus Apulien nach Samnium und in das Land der Hirpinienser gegangen, wo man ihm die Stadt Composa (*) überliefer te. Nachdem er daselbst seine ganze Beute und Kriegsgeräthschaft gelassen hatte, theilte er seine Armee in zwey Hauffen. Mago hat te Befehl, mit dem einen die Städte und Oerter, welche sich selbst ergeben würden, in den Bund der Carthaginenser aufzunehmen, oder diejenigen zu zwingen, welche widerste hen würden. Hannibal durchzog mit dem andern ganz Campanien an der untern See küste, (**) in der Absicht, sich Meister von Neapolis zu machen, damit er eine Seestadt 33 34
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in seiner Gewalt hätte, welche ihn in den(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Stand setzte, die Hülffe zu empfangen, wel che ihm Carthago schickte. Als er aber in der Nähe die Höhe und die Stärke der MaurenMauern dieser Stadt betrachtet hatte, sahe er wohl, daß er nichts ausrichten würde, wenn er sie angriffe, und stund also von dieser Unterneh mung ab. Von da wendete er sich nach Capua. Die(Er wendet sich nach Ca pua, einer in den Wollü sten ersoffe nen Stadt.) Einwohner dieser Stadt waren in Schwel gerey und Wollust versenket. Dieses war die Frucht eines langen Friedens und eines beständigen Glücks seit sehr viel Jahren. A ber bey dieser allgemeinen Verderbniß war das gröste Uebel zu Capua dieses, daß das Volk seine Freyheit mißbrauchte. Pacuvi us Calavius hatte das Geheimniß gefunden,( Pacuvius Calavius unterwirft den Rath zu Capua dem Volk, und sich selbst. ebend. 2-4.) den Rath von dem Volke abhängig zu ma chen, und dadurch ihn sich selbst zu unterwer fen. Dieser Pöbelbürger, ob er gleich von Adel war, hatte durch böse Wege sich in Ca pua ein unglaubliches Zutrauen erworben. In dem Jahre, da die Römer bey Trasimene ü berwunden worden, war er die erste grosse Magistratsperson in dieser Stadt. Er über redete sich, das Volk, welches seit langer Zeit den Rath hassete, und welches stets et was neues haben will, würde Gelegenheit von dieser Niederlage nehmen, sich zu einem äussersten Verfahren verleiten zu lassen, näm lich den Rath zu erwürgen und Capua dem Hannibal zu übergeben, wenn dieser Gene ral mit seiner siegreichen Armee anrücken wür
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) de. Pacuvius war ein böser Mensch: aber er war nicht aus der Zahl derjenigen Laster hafften vom ersten Range, welche die abscheu ligsten Verbrechen nichts achten, es war leicht, in seinem Vaterlande zu herrschen, aber er wollte nicht, daß es ganz zerstöret würde; und er wuste, daß ein Staat ganz und gar verlohren ist, wenn er keinen öffent lichen Rath mehr hat. Er dachte sich also eine List aus, woraus er zweyerley Vortheil auf einmahl zu ziehen hoffte; nämlich, den Rath zu erhalten, und ihn des Volks und seinem Willen gänzlich zu unterwerffen. In dieser Absicht versammlete er die Raths herren, und stellte ihnen vor, „daß sie von ei ner sehr grossen Gefahr bedrohet würden. Der Pöbel setze sich nicht vor, sich zu em pören, damit er hernach den Rath zerstöre: sondern er wolle damit anfangen, daß er alle Rathsglieder umbringe, und sich her nach dem Hannibal übergäbe. Er wisse ein Mittel, den Rath von dieser Gefahr zu befreyen: aber er müsse vor allen Dingen alle Streitigkeiten vergessen, welche er bey der Regierung der Republick gehabt habe, und sich ihm auf Treu und Glauben über lassen.“ Als hierauf alle Rathsherren aus Furcht ihn versichert hatten, daß sie blind lings seinen Rathschlägen folgen wollten, fuhr er fort: „Ich will euch in die Raths stube einschliessen, und thun, als wenn ich ein Vorhaben billigte, welchem ich mich vergebens widersetzen würde, und als ob
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ich selbst an der Zusammenverschwörung(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Theil nähme, so werde ich schon Mittel zu finden wissen, euch das Leben zu erhalten. Ihr könnt euch auf mein Wort verlassen. Ich erbiethe mich, euch hierüber alle Versi cherungen und Bürgen zu geben, welche ihr verlangen könnt.“ Als sie sich auf seine Ver sprechungen zu verlassen schienen, ließ er den Saal zuschliessen, in welchem sie versamm let waren, und stellte Wachten in den Vor saal, damit niemand aus = und eingehen konnte. Nachdem er hierauf das Volk versamm let hatte, sagte er: „Ihr habt schon lange gewünscht, die bösen und Verabscheuungs würdigen Rathsherren wegen ihrer Ver brechen zu bestrafen. Ihr könnt heute eu rer Rache Genügen thun. Ich halte sie in der Rathsstube eingeschlossen, und ich will sie allein und unbewaffnet euren Streichen überliefern. Folget also den Bewegungen eines gerechten Unwillens. Aber bedenket wenigstens, daß ihr euren eigenen Nutzen dem Vergnügen, eurem Hasse genug zu thun, vorziehen müst. Denn wenn ich mich nicht irre, so wollt ihr nur an diese Rathsherren, und ihr wollt nicht, daß Ca pua durchaus ohne einigen öffentlichen Rath bleibe. Ihr müst euch also einen Kö nig geben, welches ihr aber verabscheuet; oder ihr müst einen Rath haben, welcher die einzige Rathsversammlung eines freyen Staats ist. Ihr müst also durch einerley
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Handlung zwey gleichwichtige Sachen ver richten, nämlich den alten Rath absetzen, und einen neuen wählen. Die Rathsher ren werden einer nach dem andern vor euch erscheinen. Ich werde euch fragen, was ihr über einen jeden verordnen werdet. Der Ausspruch, welchen ihr thun werdet, wird alsbald vollstrecket werden. Aber ehe ihr den Straffälligen bestrafft, müst ihr be sorgt seyn, einen ehrlichen Mann und gu ten Bürger an seine Stelle zu erwählen.“ Nachdem er dieses gesagt, setzte er sich nie der, ließ alle Nahmen der Rathsherren in ei nen Topf werffen, und befahl, daß man den jenigen Rathsherrn, dessen Nahmen man zu erst ziehen würde, sollte heraus kommen las sen. Als man seinen Nahmen gehöret hatte, schrien alle, dieses wäre ein böser und nichts würdiger Mensch, welcher werth wäre, ge strafft zu werden. Pacuvius sagte: „Ich sehe wohl, daß ihr diesen verdammet. Ehe man ihn strafft, so setzet einen andern redli chen Mann, welcher fähig ist, ein guter Rathsherr zu seyn, an dessen Stelle.“ Al le Bürger schwiegen anfangs stille, weil sie nicht einen ehrlichern Mann finden konten. Als hierauf einige der Unverschämtesten des Pöbels es wagten, einen zu nennen, schrie man von allen Seiten. Einige sagten, sie kennten ihn nicht, andere warffen ihm entwe der seine schlechte Geburt, oder die Niedrig keit seiner Hanthierung, oder seine unordentli chen Sitten vor. Es fanden sich noch grös
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sere Schwürigkeiten bey dem 2. und 3., wel(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) chen man vorschlug, so daß alle Bürger, da es unmöglich war, bessere anstatt derjenigen zu finden, welche sie verdammet hatten, sich nach Hause begaben, und gestunden, daß unter allen Uebeln dasjenige, an welches man gewohnet ist, noch das erträglichste sey, und liessen also die Rathsherren in Ruhe. Als Pacuvius auf diese Weise den Raths herren das Leben gerettet hatte, unterwarf er sie wegen dieser vorgegebenen Wohlthat seiner Gewalt weit mehr, als der Gewalt des Volks. Seit der Zeit übte er in der Stadt eine un abhängige Herrschaft aus, ohne genöthiget zu seyn, Gewalt zu brauchen, indem ihm alle freywillig nachgaben. Die Rathsherren ver gassen ihren Rang und selbst ihre Freyheit, schmeichelten dem Volk und verehrten es nie derträchtiger weise. Sie baten die schlechte sten Bürger zu sich zu Gaste, und wenn ei ne Streitsache zu entscheiden war, so erklär ten sie sich offenbar, die Gunst des Volks zu gewinnen, für denjenigen, welchem es wohl wollte. Endlich so war bey allen Be rathschlagungen des Raths die Entscheidung allemahl so beschaffen, wie sie das Volk selbst würde gemacht haben. Die Einwohner zu Capua überliessen sich(Ursachen der Schwelgerey und der Un ordnung der Campanier. Liv.XXII. 4.) zu aller Zeit der Schwelgerey und der Wol lust. Diese Neigung, welche ihnen recht na türlich war, ward durch die Fruchtbarkeit ihrer Felder und durch die Nachbarschaft des Meeres unterhalten und gestärket. Zwey Quel
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) len, welche ihnen nicht nur das darreichten, was sie zum Lebensunterhalt nöthig hatten, sondern auch alles das, was den Sinnen schmeicheln und das Herz und den Muth ver zärtlen konnte. Aber nach diesen letzten Be gebenheiten machte die niederträchtliche Höf lichkeit der Grossen und die übermäßige Freyheit des Pöbels, daß niemand seinem Aufwande Grenzen setzte, und seine Leiden schaften im Zaum hielt. Man hielt sich un gestrafft über die Gesetze, über die obrigkeitli chen Personen und über dem Rath auf. Und, alle Uebel zu häuffen, verwandelte sich nach der Schlacht bey Cannas die Ehrerbiethig keit gegen das Römische Volk, welche allein im Stande gewesen war, sie noch in einiger Mäßigung zu erhalten, in Verachtung. Das einzige, was sie verhinderte, alsbald ihre al ten Bundesgenossen zu verlassen, und sich zu den Carthaginensern zu schlagen, war die ses, daß zu Capua verschiedene mächtige Fa milien in der Stadt waren, welche sich durch Heyrathen mit Römischen Familien verbun den hatten, und daß die Römer aus den Tru pen, welche ihnen die Campanier zum Kriege zur Hülffe schickten, 300 Reuter aus den vor nehmsten Häusern in Capua ausgelesen, sie nach Sicilien geschickt, und in die Plätze die ser Provinz zur Garnison vertheilet hatten. (Die Campa nier schicken Abgesandte zu dem Var ro, welcher ihnē den bey Cannas er littenen Ver lust allzusehr entdeckt.) Die Väter und die vornehmsten Anver wandten dieser Reuter erhielten es mit gros ser Mühe, daß man wegen der Nieder lage bey Cannas Abgesandte an den Römi
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schen Bürgemeister schickte. Sie fanden ihn noch zu Venusa mit einer kleinen Anzahl halb bewaffneter Soldaten, welche in solchen Umständen waren, welche gute und getreue Bundesgenossen gar wohl hätten zum Mit leiden bewegen können, die aber einem so tro tzigen und bey Treu und Ehre so unempfind lichem Volke, wie das zu Capua war, nur Verachtung einflössen konnten. Die Rede des Bürgemeisters diente nur, diese Gemüths verfassungen zu stärken. Denn nachdem die Abgeordneten ihm gesagt hatten, daß der Rath und das Volk zu Capua allen mögli chen Theil an dem Unglück nähmen, welches den Römern begegnet war, und nachdem sie im Namen der Republick ihm alle Hülfe an gebothen hatten, welche sie nöthig haben könnten, so redete Varro, gleichsam als ob er es sich recht vorgenommen hätte, das Römische Volk denen Bundesgenossen ver ächtlich zu machen, dessen Charakter erken nen sollte, „gegen die Abgeordneten von der Schlacht bey Cannas als von einer gänzli chen Niederlage, (*) welche Rom ohne Kräfte, ohne Zuflucht, ohne Hoffnung und ohne einziges Mittel, sich durch sich selbst aus so erbärmlichen Umständen zu erheben, 35
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) liesse. Es fehle ihm an Legionen und Reu terey, an Waffen und Fahnen, an Men schen und Pferden, an Geld und Lebensmit teln, und an allem. Wenn die Campani er sich als gute und getreue Bundesgenos sen bezeugen wollten, sollten sie bedacht seyn, den Römern nicht im Kriege zu helffen, son dern ihn fast gänzlich an ihre Stelle zu un terstützen. Uebrigens erfordere es eben so wohl ihr, als der Römer Nutzen, daß sie ihnen den Hannibal nicht vorzögen, wenig stens wenn sie sich nicht einem so treulosen als grausamen Volke unterwerffen, wenn sie nicht eine Beute der Numider und der Mohren werden, und wenn sie nicht das Africanische und Carthaginensische Gesetz bekommen wollten.“ (Even diese Abgesandten werden zu dem Hanni bal geschickt.) Nach dieser Rede giengen die Abgeordne ten weg, und stellten sich von aussen etwas traurig, im Grunde des Herzens aber freu ten sie sich, daß sie Rom in einem so klägli chen Zustande sahen. Vibius Virius, einer von ihnen, sagte auf der Rückreise zu seinen Collegen. „Die Zeit wäre gekommen, da die Campanier nicht nur die Ländereyen, welche sie ihnen unrechtmäßiger Weise weg genommen, wieder bekommen, sondern auch die Herrschaft über ganz Italien er langen könnten. Sie wollten mit dem Hannibal unter beliebigen Bedingungen ein Bündniß machen; und wenn dieser Gene ral nach geendigtem Kriege nach Africa zu rück kehren würde, so habe man nicht dar
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an zu zweifeln, daß er ihnen die Herrschaft(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) über Italien lassen würde.“ Alle stimm ten dem Virius bey. Als sie zu Capua wie der angelanget waren und von ihrer Gesandt schaft Bericht erstattet hatten, betrachtete je dermann die Römische Republick als gänz lich zerstöret. Das Volk und der gröste Theil des Raths hätten alsbald die Römer verlassen, wenn nicht die Aeltesten unter ihnen, vermöge ihres noch habenden Ansehens, ge macht hätten, daß diese Veränderung einige Tage aufgeschoben ward. Aber endlich be hielt die Menge die Oberhand über die ver nünftigste Parthey, und man beschloß, eben diejenigen Abgeordneten, welche bey dem Var ro gewesen waren, zu dem Hannibal zu schi cken. Die Abgesandten schlossen unter folgenden(Bedingung des Bündnis ses der Cam panier mit dem Hanni bal.) Bedingungen ein Bündniß mit ihm.„ Daß die Generale und die Obrigkeitlichen Perso nen von Carthago kein Recht über die Bür ger zu Capua haben sollten. Daß man sie nicht sollte zwingen können, wider ihren Willen die Waffen zu ergreiffen, oder sonst etwas über sich zu nehmen, oder einigen Tribut zu zahlen. Daß Capua nach sei nen Gesetzen und durch seine Obrigkeitlichen Personen, wie vor dem Vergleiche, sollte re gieret werden. Daß Hannibal den Cam paniern 300 Römische Kriegsgefangene, welche sie sich selbst auslesen würden, und welche sie gegen die 300 Campanier, welche in Sicilien für die Römer dienten, auswech
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) seln wollten, geben sollte.“ Ausser diesen Bedingungen, welche in dem Vergleich aus gedrückt waren, begieng das Volk zu Capua eine Grausamkeit gegen die Römer, welche Hannibal nicht begangen hatte. Es nahm alle Officiers und andere Römische Bürger, welche es in seiner Gewalt hatte, indem sie in Kriegsverrichtungen, oder in ihren eigenen Geschäfften, zu Capua waren, in Verhafft. Sie schlossen sie, unter dem Vorwande, sich ih rer Personen zu versichern, in Bäder ein, und liessen sie daselbst mit einer unerhörten Grausamkeit sterben, indem sie von dem Dampf in denselben, vor welchem sie nicht Athem hohlen konnten, erstickten. (Decius Ma gius wider setzt sich der Aufnahme des Hanni bal.) Decius Magius hatte sich dieser unmensch lichen That, wie auch der Gesandtschafft an den Hannibal, mit aller Macht widersetzt. Dieser (*) war ein Mann, welchem zur ober sten Gewalt in seinem Vaterlande nichts feh lete, als daß er mit vernünftigenBürgern hätte sollen zu thun haben. Als er sahe, daß Hannibal eine Besatzung nach Capua schick te, stellte er ihnen mit den lebhafftesten Far ben den kläglichen Zustand vor, in welchen ehedem die Tarentiner waren versetzt wor den, wie auch das Ungemach, welches sie erlitten hatten, weil sie sich in der Person des Pyrrhus einen herrschsüchtigen und gewalt thätigen Herrn gegeben, und die Besatzung in ihre Stadt aufgenommen hatten, welche 36
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er ihnen geschickt. Als die Besatzung des(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Hannibal ohngeachtet seiner Gegenvorstellun gen war aufgenommen worden, so gab er doch noch nicht nach. Er ermahnte sie heff tig, sie entweder aus ihrer Stadt zu jagen, oder wenn sie durch eine rühmliche und denk würdige That das Verbrechen, welches sie begangen, da sie auf eine so unanständige Weise ihre alten Bundesgenossen verrathen, wieder gut machen wollten, die Soldaten des Hannibal zu erwürgen, und sich für diesen Preis die Freundschafft des Römischen Volks wieder zu erkauffen. Da Magius dieses nicht im Verborgenen geredet hatte, so bekam Hannibal gleich davon Nachricht. Er ließ ihm sogleich befehlen, zu ihm zu kommen. Magius antwortete trotzig, er wolle nicht gehen, und Hannibal hätte nicht das gering ste Recht über die Einwohner zu Capua. Hierdurch ward dieser General vor Zorn aus ser sich gesetzt, und befahl, ihm Ketten anzu legen, und ihn mit Gewalt in sein Lager zu schlep pen. Nachdem er aber die Sache einige Au genblicke überlegt hatte, befürchtete er, ein so gewaltsames Verfahren möchte die Gemü ther der Campanier aufbringen, und einen Tumult in der Stadt erregen. Er schickte also einen Courier zu dem Prätor der Cam panier, Marius Blasius, und meldete ihm, daß er den folgenden Tag selbst nach Capua kommen wollte. Er reisete auch wirklich, wie er gesagt hatte, mit einer kleinen Anzahl Soldaten dahin.
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( Hannibal wird in Ca pua aufge nommen.) Der Prätor versammlete die Bürger, und befahl ihnen, in grosser Anzahl, mit ihren Weibern und Kindern dem Hannibal ent gegen zu gehen. Alles lief zu, nicht nur aus Gehorsam, sondern aus Neugier, und voll Begierde, einen General zu sehen, welcher sich durch so viel Siege berühmt gemacht hat te. Magius ging nicht aus der Stadt. Da mit es aber nicht schiene, als ob ihn die Furcht verhindere, sich sehen zu lassen, und als ob er sich etwas vorzuwerffen habe, so hielt er sich in seinem Hause verschlossen. Er gieng mit seinem Sohn und mit einer kleinen Anzahl Freunde auf dem öffentlichen Platze spatzieren, indessen daß alles in der Stadt in Bewegung war, den Hannibal zu empfangen, und sich das Vergnügen zu schaffen, einen so grossen Mann in der Nähe zu sehen. Wer sollte vermuthet haben, daß in einer durch Pracht und Schwelgerey verderbten und der Dienstbarkeit sich überlassenden Stadt, wie Capua war, sich ein Bürger befinden sollte, welcher einen so edlen Eifer für die Wohlfahrt und Freyheit seines Vater landes, nebst einem so unerschrockenen und über alle Furcht weit erhabenen Muth hät te? Vielleicht trieb er ihn allzuweit. Diese Gemüthsstille eines Menschen, welchem eine gewisse Gefahr drohet, und welcher mit seinen Freunden auf dem öffentlichen Platze spatzie ren geht, ist einer Beschimpfung und einem Trotz ziemlich ähnlich. Magius schien durch
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ein unmäßiges Verlangen nach Ehre, den(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Tod heraus zu fordern. Famam fatumque prouocabat. Tacitus Als Hannibal kaum in die Stadt eingezo gen war, verlangte er, daß man den Rath versammle. Man bat ihn, von keiner ernst haften Sache zu reden, und zuzugeben, daß man den ersten Tag, da er sie mit seiner Ge genwart beehre, und welchen die Stadt Ca pua als ihren Festag betrachte, in Freude zu zubringen. So hitzig er von Natur war, so that er sich doch Gewalt an; und damit er den Campaniern die erste Gnade, welche sie sich von ihm ausbaten, nicht abschlagen möchte, so brachte er den meisten Theil des Tages damit zu, daß er die Merkwürdigkei ten und Seltenheiten der Stadt besahe. Er wohnte in dem Hause des Stenius und Pacuvius, zweyer Brüder, welche wegen ihrer Geburt und wegen ihres grossen Reich thums, zu den Vornehmsten von Capua ge hörten. Pacuvius Calavius, das Haupt der Parthey, welche Capua in den Vortheil des Hannibal gezogen hatte, brachte seinen Sohn, Perolla, dahin, welchen er mit Mühe von der Parthey des Tecius Magius loßge rissen, mit welchem er allezeit die Parthey der Römer wider die Carthaginenser stark gehal ten hatte, ohe daß ihn weder das Exempel des grösten Theils seiner Landsleute, noch das väterliche Ansehen, hätte bewegen können, seine Meynung zu ändern. Hannibal war von der Aufführung und Gemüthsverfassung
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) dieses jungen Menschen unterrichtet. Sein Vater wagte es auch nicht ihn zu rechtfer tigen: Aber durch sein Bitten erlangte er Vergebung für ihn. Hannibal verwilligte ihm sie so gnädig, daß er ihn sogar bath mit seinem Vater zu der Mahlzeit zu kom men, welche ihm die Minii gaben, und zu welcher er niemanden ließ, als den einzigen Jubellius Taurea, einen wegen seiner Ta pferkeit im Kriege berühmten Mann. Man (*) setzte sich eher, als zu der ge wöhnlichen Zeit, (**) zu Tische, und man fing an zu speisen, da es noch lange nicht A bend war, welches damals auf eine Art der Schwelgerey hinaus lief. Die Zubereitung zur Mahlzeit war prächtig, und weder den Sitten und der Spahrsamkeit der Cartha ginenser, noch der Strengigkeit der Kriegs zucht gemäß. Die Mahlzeit war so beschas fen, wie man sich vorstellen kann, daß sie in dem reichsten und wollüstigsten Hause einer Stadt seyn müssen, welche sich ganz und gar der Schwelgerey und dem Vergnügen über lassen. Alle Gäste waren überaus frölich. Nur Perolla zeigte beständig eine traurige Mäßigung, ohne daß ihn die Aufmunterun 37 38
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gen der Wirthe, noch des Hannibal selbst,(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) hätten bewegen können, an der gemeinschaft lichen Freude Theil zu nehmen. Er entschul digte sich damit, daß er sich nicht wohl befän de, und sein Vater setzte hinzu, es sey nicht zu verwundern, daß er in des Hannibal Ge genwart unruhig und erschrocken sey. Als gegen Abend sein Vater aus dem(Perolla er bietet sich ge gen seinen Vater, den Hannibal umzubrin gen.) Speisesaal gegangen war, folgte er ihm in den Garten nach, welcher hinter dem Hause war. Daselbst führte er ihn beyseite, und sagte zu ihm: „Mein Vater, ich entdecke dir ein Vorhaben, durch welches wir nicht nur von den Römern Verzeihung wegen unse rer Empörung erlangen werden, sondern welches uns auch bey ihnen in das gröste Ansehen setzen wird, in welchem wir noch niemals gewesen sind.“ Pacuvius er staunte ganz, und fragte ihn, was das für ein Vorhaben sey? Hierauf machte dieser junge Mensch seinen Rock auf, und zeigte ihm einen Dolch, welchen er an seinen Gür tel gehänget hatte. „Ich will, sagte er, durch das Blut des Hannibal unsern Bund mit den Römern besiegeln. Ich habe dir vorher davon Nachricht geben wollen, da mit, wenn du etwa von dieser That kein Zeuge seyn willst, du dich wegbegeben kanst.“ Calavius, welcher so erschrocken war, als ob( Calavius wendet sei nen Sohn von einem so schrecklichen Vorhaben ab.) er schon das Blut des Hannibal hätte fliessen sehen, ruffte aus: (*) „Mein Sohn, ich bitte 39
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) dich, und ich beschwere dich bey den heiligsten Rechten der Natur und des Bluts, welches Väter und Kinder verknüpffet, daß du nicht vor den Augen deines Vaters das schrecklich ste unter allen Lastern begehest, und dich der grausamsten Strafe aussetzest. Vor wenig Augenblicken haben wir uns durch die feyer lichsten Eyde verbunden, und dem Hannibal die heiligsten Merkmahle einer unverletzlichen Freundschaft gegeben, da wir alle Götter zu Zeugen unserer Treue angeruffen haben: und nun, da wir kaum von dieser Unterhaltung aufgestanden sind, sollten wir eben diese Hand
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wider ihn waffnen, welche wir ihm als einen(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Bürgen unserer Treue dargebothen haben. Du verläst diesen geheiligten Tisch, wo die Götter, welche das Gastrecht rächen, den Vorsitz haben, und zu welchem du aus einer Gunst bist gelassen worden, welche zwey Campanier mit dir theilen, nur darum, da mit du ihn einen Augenblick darnach mit dem Blute deines Wirths besudeln kanst? Ach! nachdem ich von dem HannibalGnade für meinen Sohn erlanget habe, sollt es denn nicht möglich seyn, auch von meinem Soh ne Gnade für den Hannibal zu erlangen? Aber, ich willige darein, wir wollen gegen alles das Heiligste unter den Menschen keine Achtung haben, wir wollen zugleich die Treue, die Religion und die Frömmigkeit beleidigen; wir wollen uns der allerabscheulichsten That schuldig machen, wenn nicht unser Untergang hier unfehlbar mit dem Verbrechen vereini get ist. Willst du den Hannibal allein an greiffen? was wird denn alsdenn diese Men ge Menschen, sowohl Freye, als Sklaven, thun? Werden sich alle diese Augen, welche unaufhörlich für seine Erhaltung wachen, auf einmahl zuschliessen? Hoffest du denn, daß alle diese zu seiner Vertheidigung bewaff nete Armee unbeweglich seyn und in dem Au genblick erstarren werde, da deine Wuth wird ausbrechen wollen? Wirst du die Bli cke des Hannibal, diese furchtbaren Blicke, vor welchen ganze Armeen fliehen, und vor welchen das Römische Volk zittert, ertragen
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) können? und wenn ihm auch alle andere Hülffe mangelte, würdest du wohl das Herz haben, mich zu durchstechen, wenn ich ihn mit meinem Leibe bedecken, und zwischen ihn und dich treten werde? Denn ich gebe dir hiermit die Erklärung, du wirst ihn mit dei nen Stössen nicht eher erreichen können, wenn du nicht mich vorher durchbohret hast. Laß dich lieber diesen Augenblick bewegen, als daß du ein so übel eingerichtetes Unternehmen wagest. Laß meine Bitte einige Gewalt über dich haben, da es heute zu deinem Be sten so kräftig gewesen ist.“ Eine so rührende Rede bewegte den Pe rolla so sehr, daß er Thränen vergoß. Als der Vater sah, daß er wankete, umarmte er ihn zärtlich und verdoppelte sein Bitten und Flehen, bis er das Versprechen von ihm heraus gebracht hatte, daß er den Dolch wegthun und sein Vorhaben fahren lassen wolle. „Ich bin also gezwungen, sagte Pe rolla, meinen Vater an die Stelle meines Vaterlandes zu setzen, indem ich dem ei nen diejenige Pflicht der Treue zu leisten, welche ich dem andern, schuldig bin. Aber, mein Vater, ich kan nicht ermangeln, dich zu beklagen, wenn ich bedenke, daß du den Vorwurf wirst erdulden müssen, daß du dreymahl dein Vaterland verrathen hast. Das erstemahl, da du mit dem Hannibal einen Vergleich hast schliessen lassen; das zweytemahl, da du den Bund mit den Rö mern gebrochen hast, und endlich das drit
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temahl heute, da du mich verhindert hast,(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Capua mit Rom zu versöhnen. Geliebtes und unglückliches Vaterland, nimm diesen Dolch, mit welchem ich mich zu deiner Ver theidigung bewaffnet hatte, wieder, weil mir ein Vater denselben aus den Händen reißt.“ Indem er diese Worte sagte, warf er seinen Dolch über die Gartenmauer, und kam in den Speisesaal zurück, damit kein Verdacht auf ihn fallen möchte. Man kann anfangs das herzhafte Vorha ben des Perolla einigermassen bewundern: aber wenn man bedenket, daß der Krieg so wohl seine Gesetze hat, als der Friede, so wird man ohne Zweifel den Vorsatz, einen Mord zu begehen, verdammen, welcher noch dazu durch den damit verknüpften Meineid und Verrath strafbahrer wird. Wenn Te cius Magius die erste Ursache davon ist, wie es sehr wahrscheinlich ist, so kann man ihn dennoch nicht weniger vor unschuldig halten, noch glauben, daß er das nicht verdienet ha be, was er hat leiden müssen. Hannibal hielt wircklich den Tag nach(Prächtige Versprechun gen, welche Hannibal den Campa niern thut.) dem Einzuge, da sich der Rath zu Capua versammlet hatte, eine sehr gnädige Anrede, welche voll Freundschafts - und Gunstbezei gungen war. Er dankte ihnen, daß sie das Bündniß mit den Carthaginensern dem Bündnisse der Römer vorgezogen hätten. Und nebst den prächtigen Versprechungen, welche er ihnen that, versicherte er sie, „daß Capua in kurzen die Hauptstadt von ganz
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Italien seyn sollte, und daß die Römer selbst mit den andern Völckern daselbst Gesetze (Er verlangt, daß man ihm den Tetius Magius aus liefern soll, welches auch sogleich ge schieht.) „empfangen sollten. Indessen wäre unter ihnen ein Mensch, welcher keinen Theil an der Freundschaft mit den Carthaginensern haben, und nicht mit in dem Vertrage begrif fen seyn sollte, welchen man mit ihm gemacht habe. Er verdiene nicht einmahl den Nah men eines Campaniers, weil er der einzige wäre, welcher sich der Gesinnung seiner Landsleute widersetzet habe; und dieses wä re Tetius Magius. Er verlange, daß man ihm denselben ausliefere, und daß der Rath in seiner Gegenwart, nachdem er Kund schaft von seinem Verbrechen eingezogen, über denselben einen Ausspruch thue.“ Es war kein einziger unter den Rathsherren, welcher sich unterstund, etwas dawider einzu wenden, obgleich die meisten glaubten, daß er kein so scharffes Verfahren verdiene, und daß Hannibal gleich im Anfange ihrer Frey heit einen tödlichen Stoß versetze. Der erste im Rath gieng sogleich aus dem Saal, setzte sich auf seinen Richtstuhl, ließ den Magius vor sich bringen, und befahl ihm, sich zu vertheydigen. Dieser verlohr gar nichts von seiner Dreistigkeit, und woll te nicht antworten, indem er sagte, daß selbst die erste Bedingung des Vertrags mit dem Hannibal ihn davon frey spräche. Seine Ursachen konnten nicht anders als falsch be funden werden. Man legte ihm Ketten an, und fing an, ihn an denselben durch die Stras
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sen der Stadt zu führen, und ihn in das La ger der Carthaginenser zu bringen. So viel( Magius wirft den Campaniern ihre Zaghaf tigkeit vor.) er Freyheit hatte zu reden, unterließ er nicht, an das Volk, welches ihn umgab, Reden zu halten, welche voll Nachdruck und Dreistig keit waren. „Hier seht ihr, sprach er, diese Freyheit, welche ihr euch verschaft zu haben glaubt. Auf dem öffentlichen Platze, am hellen Tage, vor euren Augen legt man ei nem Menschen, welcher unter die Vornehm sten in eurer Stadt gehöret, Ketten an und führet ihn zum Tode. Was für eine grös sere Gewaltthätigkeit würde man wohl in Capua ausüben, wenn es mit Gewalt wä re eingenommen worden? Gehet dem Han nibal entgegen, schmücket die Stadt. Macht aus dem Tage seines Einzuges einen Fest tag, damit ihr ihn über einen von euren Mitbürgern triumphiren seht.“ Man be fürchtete, diese Vorwürffe möchten bey dem Volke einen Eindruck machen. Man bedeck te ihm also den Kopf, damit man ihn nicht mehr hören konnte. Hannibal unterstund(Er wird durch einen Sturm nach Egypten ver schlagen.) sich nicht, ihn in seinem Lager sterben zu las sen, weil er befürchtete, sein Tod möchte ei nen Tumult in der Stadt erregen. Er ließ ihn also auf ein Schiff setzen, welches ihn nach Carthago bringen sollte. Aber ein Sturm verschlug ihn an die Cyrenischen Kü sten, welches dem Könige von Egypten gehörte, und dieser war damals Ptolemäus Philopa ter. Magius fand in den Staaten dieses
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Fürsten eine Freystadt, und lebte daselbst un ter dessen Schutz in Sicherheit. (Fabius Pi ctor bringt die Antwort des Orakels nach Rom zurück. Liv.XXIII. 11.) Unterdessen kam Q. Fabius Pictor nach Rom von Delphos zurück, wohin er war ge sandt worden, und brachte die Antwort des Orakels zurück, welches den Römern gewisse Opfer anbefahl, ihnen in Zukunft glückliche Erfolge versprach, und ihnen in ihrem Glück viel Mäßigung anbefahl.

II §.

Mago überbringt die Nachricht von dem Siege bey Cannas nach Carthago. Himilco, ein Anhänger des Hannibals, hält sich über den Hanno auf. Dieser verantwortet sich. Der Rath schickt dem Hannibal neue Hülfsvölker zu. Der Dictator geht von Rom ab, nach dem er zuvor alle nöthige Einrichtungen all da gemacht. Hannibal macht einen vergeb lichen Anschlag auf Neapel und Nola. Mar cellus bringt den L. Bantius von Nola durch sein einnehmendes Betragen auf seine Seite. Hannibal wird unter den Mauern dieser Stadt geschlagen. Die Nolaner werden we gen ihrer Verrätherey gezüchtiget. Hanni bal belagert Casilinum. Das zu Capua be zogene Winterquartier gereicht der Armee des Hannibals zu grossem Nachtheil. Be trachtung über den Aufenhalt des Hanni bals zu Capua. Casilinum wird durch Hun gersnoth auf das äuserste gebracht, und er giebt sich an den Hannibal. Der Stadt Pe telia gegen die Römer erwiesene Treue. Zu stand der Sachen in Sicilien und Sardini en. Ein Dictator wird erwehlt, um die Stellen der verstorbenen Rathsherren wieder zu bese tzen. Es werden neue Consuls und Prätors ernennt. Lucius Posthumius, erwehlter Consul, kommt in Gallien mit seiner ganzen
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Armee um. Diese Nachricht verursachet zu Rom eine ausserordentliche und allgemeine Betrübnis. Der Rath macht die Einrich tung wegen der Truppen, welche dieses Jahr im Felde dienen sollen. Die Sachen der Carthaginenser stehen in Spanien schlecht. Hasdrubal erhält Befehl nach Italien zu marschiren. Himilco langt in Spanien an, um jenes Stelle zu bekleiden. Die beyden Scipions(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) liefern ihm eine Schlacht, um da durch den Aufbruch des Hasdrubals zu hin dern. Himilco wird nebst seiner Armee gänz lich über den Hauffen geworffen.
Während daß dieses zu Rom und in Ita(Mago über bringt die Nachricht von dem Sie ge bey Can nas nach Car thago. Liv.XXIII. 12-13.) lien vorging, war Mago, der Sohn des Hamilcars, nach Carthago aufgebro chen, um die Nachricht von der bey Cannas gelieferten Schlacht und dem erhaltenen Sie ge dahin zu überbringen. Er war nicht so gleich nach dem Treffen abgereiset, sondern hatte sich, ehe er zu Schiffe gegangen, auf Befehl seines Bruders noch einige Tage in Brutium aufgehalten, um die Städte, wel(Abruzzo.) che die Parthey der Römer verliessen, in das Bündnis der Carthaginenser aufzunehmen. Als er bey dem Rathe zu Carthago zur Ver hör gelassen wurde, stattete er von allem, was sein Bruder in Italien ausgerichtet, weit läuftigen Bericht ab. Er erzehlte: „Hanni bal habe gegen sieben Feldherren gestritten, von denen fünfe Consuls, einer Dictator, und einer General von der Reuterey gewesen wäre. In den verschiedenen Schlachten, welche er sechs Consularischen Armeen gelie fert, habe er mehr als zweytausend Feinde
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(V. R. E 536. V. C. G. 216.) erlegt, und über funfzigtausend zu Gefan genen gemacht. Von den fünf Consuls, mit denen er zu thun gehabt, wären zween auf der Stelle geblieben, einer tödtlich ver wundet worden, und zweene wären zwar ohne Wunden davon gekommen, der letz tere davon aber habe fast seine ganze Armee eingebüsset, und sich kaum mit funfzig Mann gerettet. Der General der Reuterey wäre gänzlich zu Grunde gerichtet und in die Flucht geschlagen worden. Der Dictator, den jedermann mit Verwunderung ansähe, würde für den einzigen General in seiner Art gehalten, aus keiner andern Ursache, als weil er jederzeit die Schlacht vermieden hätte. Die Einwohner von Brutium und Apulien hätten nebst einem Theil der Samniter und Lucanier die Parthey der Carthaginen ser ergriffen. Capua, die Hauptstadt nicht allein Campaniens, sondern ganz Italiens, habe sich von selbst nach der Niederlage der Römer bey Cannas an den Hannibal er geben. Aus welchen Ursachen allen es denn billig wäre, denen Göttern öffentlich auf eine solche Art Danck abzustatten, welche mit den Siegen, die man unter ihrem Bey stande über die Feinde davon getragen, ein Verhältnis hätte.“ Um aber von dem glücklichen Fortgang der Waffen, den er in seiner Rede solchergestalt heraus gestrichen hatte, wirkliche und unläugbare Proben zu geben, ließ er in dem Vorsaale der Rathsstu be einen ganzen Scheffel güldener Ringe aus
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schütten, welche man von den Fingern derje(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) nigen, die auf dem Wahlplatze geblieben wa ren, abgezogen hatte. Hierzu fügte er, da mit der Begriff von dem Verluste, den die Römer an solchem Tage erlitten hätten, recht vollkommen würde, noch dieses: daß nur al lein die vom Range und vom Ritterstande dergleichen Ringe zu tragen befugt wären. Der Schluß seiner Rede war dieser: Je mehr sie sich Hofnung machen könnten, den Krieg ehestens zu ihrem Vortheile zu endigen, jemehr erfordere es ihre Schuldigkeit, den Hannibal auf alle nur ersinnliche Art mit nö thiger Hülfe zu unterstützen. Er führe den Krieg in einer grossen Entfernung von Car thago mitten in des Feindes Landen. Der Aufgang an Lebensmitteln und Gelde sey kei nesweges gering, und so viele Schlachten, durch welche die Armeen der Feinde wären aufgerieben worden, hätten nicht weniger auch das Heer des Siegers geschwächet. Man müsse dannenhero frische Mannschafft, Lebens-Mittel und Geld denjenigen Solda ten zuschicken, welche dem Carthaginensischen Staate so grosse Dienste geleistet hätten. Die ganze Versammlung wurde durch die(Himilco, ein Anhänger des Hanni bals, hält sich über den Hanno auf.) Erzehlung des Mago in die lebhafteste Freu de gesetzet, daher Himilcon, ein Anhänger des Hannibals, es für die bequemste Gelegenheit hielt, sich an dem Hanno, der von der ge genseitigen Parthey war, zu reiben: Er wen dete sich mit einer spöttischen Mine gegen ihn, und redete ihn also an: „Was meinest du nun,
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Hanno, hierzu? Verdreust es dich noch, daß man sich in einen Krieg gegen die Rö mer eingelassen hat? Bestehest du noch dar auf, daß man ihnen den Hannibal aus liefern solle? Rede doch, und fahre fort, dich dem öffentlichen Dankfeste, welches man denen Göttern zu Ehren anzustellen entschlossen ist, zu widersetzen. Wir wol len hören, was ein Römischgesinnter Raths herr mitten in der Rathsversammlung zu Carthago vorbringen wird.“ (Hanno ver antwortet sich.) Hanno antwortete hierauf mit einer ganz gelassenen Stimme und Mine folgenderge stalt. Ich würde heute gern ein tiefes Still schweigen beobachtet haben, um diejenige Freude, welcher sich, wie ich wahrnehme, ein jeder überlässet, nicht durch einen Vortrag zu stören, der vielleicht nicht nach eurem Ge schmack seyn dürfte. Weil ich aber befürch ten müste, wenn ich einem Senator, der mich auffordert, nichts antworten wollte, mich entweder eines übelangebrachten Stolzes, oder einer knechtischen Niederträchtigkeit schuldig zu machen, und zu erkennen zu geben, daß ich nicht wüste, wie ich sowohl selbst ein freyer Mensch sey, als auch mit einem solchen zu thun habe, so antworte ich hiermit dem Hi milco: daß ich nicht nur allemahl auf diesen Krieg übel zu sprechen gewesen, sondern auch nie aufhören werde, mich gegen euren unüber windlichen General zu erklären, bis ich sehe, daß der Krieg durch einen Frieden, dessen Bedingungen erträglich sind, geschlossen wor
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den. Ich werde beständig den vorigen Frie(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) den bedauren, bis ein neuer wieder hergestel let seyn wird. Die Vortheile, welche uns Mago eben itzt bis an den Himmel erhoben hat, erregen bey dem Himilco und andern An hängern des Hannibals ein ausnehmendes Vergnügen, und sie können in so fern bey mir eine gleiche Wirkung haben, da ein so glücklicher Fortgang der Waffen, wenn wir uns denselben recht zu Nutze machen wollen, uns annehmliche Friedensbedingungen ver schaffen kann. Lassen wir aber diesen glück lichen Zeitpunct aus den Händen, in wel chem es bey uns zu stehen scheinet, nicht den Frieden anzunehmen, sondern zu geben, so fürchte ich sehr, es dürfte die Freude, welche uns itzt entzückt, in kurzen zunichte und zu Wasser werden. Denn was will es über haupt mit diesem so sehr gepriesenem Glücke sa gen, und womit endigen sich alle die grossen Lob sprüche? Es heißt, wir haben die Armeen der Feinde niedergehauen, schicket uns frische Soldaten. Was würdet ihr wohl verlan gen, wenn ihr wäret überwunden worden? Wir haben, saget ihr ferner, uns zweyer feind licher Lager bemächtiget, welche ohne Zweifel mit vieler Beute und allerhand Lebensmitteln versehen waren, schicket uns Proviant und Geld. Was würdet ihr denn begehren, wenn ihr euer Lager eingebüsset hättet? Da mit es aber nicht das Ansehen habe, als ob ich hier allein als ein Verklagter abgehö ret werden solle, so antwortet mir nun auch,
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Himilco, oder Mago, denn ich glaube eben so wohl berechtiget zu seyn, euch zu fragen, als Himilco vermeinet, mit Fragen in mich zu dringen. Ihr saget, die Niederlage bey Can nas habe das ganze Römische Reich über den Hauffen geworffen, und ganz Italien sey gegen die Römer aufgebracht. Saget uns doch, ist denn wohl unter allen Völkern des Lateinischen Namens ein einiges, welches eu re Parthey ergriffen hat? und ist unter allen den 35 Zünften, aus denen Rom bestehet, ein einiger Bürger, welcher zu euch überge gangen ist? Auf die dargegen ertheilte Ant wort des Mago, daß keines von beyden ge schehen sey, fuhr er also fort: Da wir dem nach noch eine sehr ansehnliche Menge Feinde auf dem Halse haben, so meldet uns doch wenigstens, was diejenigen, welche also noch übrig sind, für Anstalten machen, und ob sie sich noch mit einiger Hofnung schmeicheln? Da Mago hierauf zur Antwort ertheilte, daß er davon nichts wisse; versetzte Hanno, es ist doch gleichwohl nichts leichter, als dieses, zu erfahren. Habt ihr aber auch nichts gehört, ob man etwan in dem Rathe zu Rom etwas vorgetragen, das auf die Erbittung des Frie dens abzielet, oder sind vielleicht gar schon Römische Gesandten bey dem Hannibal an gelangt, um sich mit ihm wegen des Friedens in Unterhandlung einzulassen? Da Mago a bermahls mit Nein antwortete, fuhr Hanno also fort: Wir haben also noch immer die völlige Kriegslast auf uns, welche wir da
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mahls hatten, als Hannibal nach Italien(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) übersetzte. Es sind viele unter uns, welche sich noch gar wohl des abwechselnden Glü ckes in dem erstern Kriege erinnern. Konnte es mit unsern Sachen zu Wasser und zu Lande wohl besser stehen, ehe Caius Lutatius und Aulus Posthumius das Consulat antra ten? und doch wurden wir unter ihrer Re gierung bey den Aegatischen Inseln überwun den. Sollte sich das Blat jetzt wenden, doch die Götter wollen diese Prophezeyung nicht in die Erfüllung gehen lassen! sollte sich, sage ich, das Blat itzt wenden, dürffen wir uns wohl im geringsten Rechnung machen, daß wir sodann als Ueberwundene den Frie den erhalten werden, den uns itzo, da wir Ueberwinder sind, niemand anbeut. Wenn gegenwärtig die Rede davon wäre, entwe der denen Römern den Frieden zu ertheilen, oder denselben von ihnen anzunehmen, wüste ich wohl, was ich darzu zu sagen hätte. Wollet ihr aber meine Meynung über die Vorstellungen des Mago wissen, so ist selbi ge diese: Entweder Hannibal ist siegreich, so bedarf er keiner Hülfe, oder er betrüget uns mit ungegründeter Hofnung, so verdie net er um so weniger, daß man ihm willfahre. Die Rede des Hanno machte gar einen(Der Rath schickt dem Hannibal neue Hülfs Trupen zu.) geringen Eindruck in denen Gemüthern. Sie waren von der Freude, welche ihnen der Sieg verursachte, zu sehr eingenommen, als daß sie im geringsten darinne hätten gestöret werden können. Ueberdies machte den Hanno der
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Haß, welcher jederzeit zwischen seiner und des Hannibals Familie gewesen war, verdäch tig, und man blieb gewiß versichert, daß wenn man sich nur einiger massen angriffe, in kurtzen ein vor die Carthaginenser glückli cher Ausgang des Krieges erfolgen würde. Es wurde also mit der grösten Einmüthigkeit beschlossen, dem Hannibal eine Verstärkung von vier tausend Numidiern, vierzig Elephan ten und eine grosse Summe Geldes zuzuschi cken. Man ließ auch zugleich mit dem Ma go einen General abreisen, welcher in Spa nien 20000 Mann zu Fuß und 4000 zu Pfer de anwerben, und damit sowohl die Armee dieser Provinz als die in Italien verstärken sollte. Aber allen diesen Befehlen wurde mit vieler Langsamkeit und Nachläßigkeit nachge lebet, wie solches insgemein in gutem Glücke zu ergehen pfleget, zumahl wenn dabey die Uneinigkeit und Eiffersucht unter denenjeni gen, welche die Regierung führen, herrschet. Der Geist der Partheylichkeit und der Un ruhe ist das Verderben eines Staats. Han no war ein Mann von sehr guter Ueberle gung, und hatte sehr heilsame Absichten, er beschmitzte aber alle diese vortreflichen Eigen schafften durch die gar zu deutlich zu Tage gelegte Antipathie gegen die Familie und Person des Hannibals. Man muß unpar theyisch seyn, und nur allein das allgemeine Beste suchen, wenn man in Berathschlagun gen Nutzen schaffen, und seinen Rathschlä gen eine Vorzüglichkeit erwerben will.
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Die Römer waren indessen ihrer Seits(Der Dicta tor geht von Rom ab, nach dem er zuvor alle nöthige Einrichtun gen allda ge machet hat te. Liv.XXIII. 14.) höchst aufmerksam, ihrem Schaden wieder beyzukommen, und die Scharte auszuwetzen. Sowohl ihr gewöhnlicher Eifer und ange bohrne Lebhaftigkeit, als auch die Wider wärtigkeiten machten sie itzt munter und hur tig. Der Consul that alles, was sein Amt mit sich brachte, und der Dictator M. Ju nius Pera bat ihm, nachdem er denen Pflich ten der Religion ein Genügen gethan hatte, bey dem Volke nach hergebrachter Gewohn heit die Erlaubnis aus, die Armee zu Pferde commandiren zu dürfen. Gleich darauf mu sten sowohl die beyden Legionen, welche die Consuls zu Anfange des Jahrs angeworben hatten, zu den Waffen greiffen, als auch die acht tausend Sclaven, von denen oben ge dacht worden, und die Regimenter, welche man aus dem Picenischen und dem also ge nannten (*) Gallischen Gebiete gezogen hat te. Da aber diese Macht ihm nicht zurei chend zu seyn schien, nahm er seine Zuflucht zu einem Mittel, welches man sonst nur in de nen bedrängtesten und verzweifeltesten Umstän den, in denen das anständige dem nützlichen nachstehen muß, zu ergreiffen pflegte. Er gab eine Verordnung, vermöge welcher allen, 40
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) die entweder offenbarer Verbrechen wegen, oder Schulden halber gefangen sassen, die Freyheit ertheilet wurde, deren Anzahl sich auf sechstausend Mann belief. Weil aber der Staat bey nahe an allen Mangel litte, muste man diejenigen Waffen, welche man von den Galliern erbeutet hatte, und welche dem Flaminius bey seinem triumphirenden Ein zug waren vor getragen worden, unter diese neue Soldaten austheilen. Nach diesen gemachten Einrichtungen verließ der Dictator mit fünf und zwanzig tausend Mann, welche im Stan de waren zu fechten, die Stadt. ( Hannibal macht einen vergeblichen Anschlag auf Neapel und Nola. Ebenda selbst.) Hannibal that indessen, nachdem er sich der Stadt Capua wohl versichert hatte, einen abermaligen Angriff auf Neapel, der aber eben so unglücklich ablief, als der erste. Des wegen ließ er seine Trupen wieder in das Ge biet von Nola einrücken, und richtete sein gan zes Absehen auf diesen Platz. Weil das Volk geneigt war, sich dem Hannibal zu er geben, ertheilten die Senatoren unverzüglich dem Claudius Marcellus, der damahlen zu Canusium stund, von der äusersten Gefahr, worinnen sich die Stadt befände, Nachricht. Selbiger eilte ohne Zeitverlust herbey, Han nibal aber zog sich auf erhaltene Nachricht davon sogleich nach der Seeküste gegen Nea pel zurück, und brannte vor Begierde, sich dieser Stadt zu bemächtigen, um einen Ha fen in Händen zu haben, in welchem die Schif fe, welche aus Africa ankommen sollten, si cher anländen könnten. Er gab sich viele
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Mühe, die Einwohner in ihrer Treue wankend(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) zu machen, aber vergebens, deswegen unter nahm er die Belagerung von Nuceria, wel ches er nach einer langwierigen Einschliessung endlich durch Hunger zur Uebergabe zwang, und den Einwohnern die Erlaubnis ertheile te, sich an einen ihnen beliebigen Ort zu be geben. Er versprach ihnen zwar ansehnliche Belohnungen, wenn sie unter seinen Trupen Dienste nehmen wollten, es fand sich aber kein einziger, der sein Erbieten angenommen hätte. Ganz anders war die Gesinnung der Ein( Marcellus bringt den L. Bantius von Nola durch sein einneh mendes Be tragen auf seine Seite. Liv.XXIII. 15. Plut. im Leben des Marcell. 303.) wohner von Nola. Es hielt sich ein junger Officier, Namens L. Bantius, in der Stadt auf, welcher sich durch seine Herzhafftigkeit unter alten Bundsgenossen der Römer am meisten hervorgethan hatte. Diesen hatte Hannibal fast ohne Leben mitten unter einem Haufen Erschlagener angetroffen, und ihm nicht allein auf eine ungemein liebreiche Art und mit grosser Sorgfalt seine Wunden ver binden lassen, sondern auch nach seiner Gene sung so wohl ohne Ranzion, als auch mit vielen Geschenken überhäufet zu den Seinigen zurückgeschicket. Zur Dankbarkeit vor sol chen Dienst wendete Bantius alle nur ersinn liche Mühe an, Nola in die Hände des Han nibals zu spielen, und Marcellus traf ihn bey seiner Ankunft noch in voller Unruhe und Be wegung an. Er muste sich ihn entweder durch eine Todesstrafe von dem Halse schaf fen, oder durch erzeigte Wohlthaten zu ge
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) winnen suchen. Marcellus erwehlte das letz tere, worzu er von Natur geneigter war, denn seine Gemüthsart war gütig, liebreich und einnehmend, und es mangelte ihm nichts sich beliebt zu machen. Als Bantius ihm einsmahls seine Aufwar tung machte, fragte ihn Marcellus alsobald, wer er wäre? nicht zwar, als ob er ihn nicht schon lange vorher gekannt hätte, sondern vielmehr um einen Vorwand und Eingang zur Unterredung, welche er mit ihm halten wollte, zu finden. Kaum hatte Bantius seinen Namen gesagt, so fing Marcellus ganz erstaunt und voller Verwunderung also ge gen ihn zu reden an: Wie! du bist derjenige Bantius, von dem man in Rom überall, als von einem Officier redet, der sich in der Schlacht bey Cannas so brav gehalten, und nicht nur bis auf den letzten Mann bey dem Consul Paul. Aemil. geblieben, sondern auch die Hiebe aufgefangen habe, welche man die sem General versetzen wollen? Nachdem Ban tius hierauf geantwortet, daß er eben dersel be sey, auch zum Beweis dessen die Narben seiner empfangenen Wunden gezeiget hatte, fuhr Marcellus fort: Wie kommt es denn, daß du nach so vielen abgelegten Proben dei ner gegen uns tragenden Freundschafft nicht sogleich nach Rom gekommen bist, um dieje nigen Lorbern einzusammlen, welche du so würdig verdienet hast? Meinest du etwan, daß wir die Verdienste solcher Freunde nicht zu belohnen wusten, welche sich selbst bey un
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sern Feinden Hochachtung erwerben? Ein(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) ansehnliches Geschenk, welches diese liebreiche und schmeichelhaffte Rede begleitete, gab der Sache den völligen Ausschlag. Er ließ ihm nicht nur durch seinen Schatzmeister eine an(Qvästor.) sehnliche Summe Geldes auszahlen, sondern verehrte ihm auch ein kostbares Streitpferd, und befahl den Lictoren in seiner Gegenwart, daß sie ihm allezeit, wenn er vorgelassen seyn wollte, den Eingang verstatten sollten. Von was für einer Nothwendigkeit es sey, daß die jenigen, welche die vornehmsten Ehrenstellen bekleiden, und die Regierung verwalten, die Kunst verstehen, wie man Gemüther trakti ren und Herzen gewinnen müsse, siehet man hier in der Person des Marcellus. Die Men schen lassen sich nicht durch Trotz und Hof fart, durch Drohungen und Züchtigungen lenken und regieren, sondern Liebes-und Freundschaffts - Bezeigungen, Lobsprüche und Belohnungen, wenn sie zu rechter Zeit und mit Klugheit angebracht werden, sind die si chersten Mittel, wodurch man andere in sei ne Absichten ziehen, und sie sich auf alle Zeit versichern kann. Durch dieses großmüthige Betragen mach te Marcellus diesen jungen Ritter, den so trotzigen Bantius, dergestallt biegsam, daß er von selbiger Zeit an, so lange er noch gele bet, der tapferste und getreuste Bundsgenos se Roms gewesen ist. Niemand übertraf ihn an Sorgfalt und Fleiß, diejenigen zu entde cken und zu verrathen, welche es in Nola
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) mit dem Hannibal hielten. Es war deren eine nicht geringe Anzahl, und da Hannibal wieder vor den Platz gerücket war, hatten sie schon miteinander den Entschluß gefaßt, so bald als die Römer aus der Stadt gezogen seyn würden, um den Feinden entgegen zu ge hen, die Thore zu verschliessen, die Bagage zu plündern und sich denen Carthaginensern zu ergeben. Und hierüber waren sie schon zu verschiedenen mahlen des Nachts mit den ( Hannibal wird unter den Mauern der Stadt Nola ge schlagen. Liv.XXIII. 16. Plut. im Leben des Marcell. 303.) Feinden in Unterredung gewesen. So bald Marcellus von dieser Zusammenverschwörung Nachricht erhielt, nahm er alle nöthige Maasregeln, um den Fortgang davon zu hemmen. Er hielt sich einige Tage mit al lem Fleiß, nicht aus Furcht, sondern den Feind zu einer verwegenen Unternehmung zu verleiten, in der Stadt ganz stille. Hanni bal näherte sich auch wirklich den Mauern der Stadt mit wenigerer Behutsamkeit und in nicht so guter Ordnung, als er sonst zu beob achten gewohnt war. In dem Augenblicke ließ Marcellus seinen Trupen, die er in der Stadt in völliger Schlachtordnung stehen hatte, durch drey Thore einen Ausfall thun, und überfiel die Belagerer mit solcher Hitze und Nachdruck, daß sie nicht vermögend wa ren Stand zu halten. Nachdem sie sich eine Zeitlang mit ziemlichem Muth und Herzhaf tigkeit gewehret hatten, wurden sie endlich in Unordnung gebracht und genöthiget, sich in ihr Lager zurück zu ziehen. Hannibal ver lohr in diesem Angriff zweytausend dreyhun
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dert Mann, dargegen von des Marcellus(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Seite nicht mehr als fünfhundert umgekom men waren. Dieses war der erste Vortheil, den die Rö mer nach der bey Cannas erlittenen Nieder lage über den Hannibal erhielten, und wel cher für sie von einer sehr grossen Folge war. Denn bey den Umständen, in welchen sich damahls die Römer befanden, war es viel schwerer, den Lauff der siegreichen Waffen des Hannibals zu hemmen, als es ihnen nachmahls wurde, ihn zu besiegen. Dieser Vortheil fing an den Römern neuen Muth zu machen, und ihnen ein Vertrauen einzu flössen, indem er ihnen zeigte, daß sie gegen einen Feind Krieg führten, der nicht unüber windlich wäre, und dem man sowohl Ab bruch thun, als auch aus dem Felde schla gen könnte. Hierauf ließ Marcellus die Thore der(Die Nolaner werden we gen ihrer Verrätherey gezüchtiget.) Stadt sperren, und Posten an selbige stellen, damit niemand, wer es auch sey, hinaus kom men könnte. Er stellte eine sehr genaue Un tersuchung an, nach denjenigen, welche des Nachts heimliche Unterhandlungen mit den Feinden gepflogen hatten. Siebenzig, wel che am strafbarsten befunden und des Lasters des Hochverraths überführet wurden, ver dammte der Prätor zur Todesstrafe, zog ih re Güter zum Besten des Römischen Volks ein, und setzte den Rath zu Nola wieder in das vorige Ansehen, um welches ihn die Rot te der Zusammenverschwornen gebracht hatte.
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(Hannibal be lagert Casili num. Liv.XXIII. 18.) Da Hannibal bey Nola unrecht ange kommen war, ging er vor Casilinum und bela gerte solches. Allein ob es gleich nur ein ge ringer Platz war, und die Besatzung nicht über tausend Mann ausmachte, wurden die Carthaginenser doch vielmahl mit Verlust weggeschlagen; daher endlich Hannibal, der es sich vor eine Schande hielt, so lange vor einem nichtswürdigen Platze zu liegen, ohne etwas von Wichtigkeit zu unternehmen, den Entschluß faßte, sein Lager zu befestigen, und um das Vorhaben nicht ganz aufzugeben, ei nige Trupen in selbigem zu lassen. Hierauf zog er sich nach Capua zurück. (Das zu Ca pua bezogene Winterquar tier gereicht der Armee des Hanni bals zum grö sten Nach theil.) Dieses war der Ort, (*) an welchem die jenige Armee, die sich so lange Zeit den aller härtesten Strapazen unterzogen, und die grö sten Gefahren nicht gescheuet hatte, durch den Ueberfluß und die Ergötzlichkeiten, denen sie sich um so viel begieriger überließ, je weniger ihr dieselben zeither bekannt gewesen waren, gänzlich überwunden wurde. Der Schlaf, der Wein, das Schmausen, der unordentliche Umgang mit Weibspersonen und der Müs siggang, der ihnen von Tag zu Tag angeneh mer wurde, je mehr sie damit bekannter wur den, entkräftete ihre Körper und verminderte ihren Muth dergestallt, daß, wenn sie sich gleich noch eine kurze Zeit erhielten, solches doch 41
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mehr von dem Ruhm ihrer vorigen Siege,(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) als von ihrer noch habenden Macht herrühr te. Kriegserfahrne Männer sahen den Feh ler, den Hannibal dadurch, daß er seine Tru pen nach Capua in die Winterquartire verle get hatte, vor grösser an, als der gewesen, daß er nicht gleich nach der Schlacht bey Can nas auf Rom los gegangen war. Denn die ser Verzug und Nachläßigkeit, sagt Titus Li vius, konnte glaubend machen, daß nur seine Siege einen Aufschub erlitten hatten, an statt daß der Auffenthalt zu Capua ihn um alle Kräf te zu siegen brachte. Als Hannibal seine Soldaten aus dieser Stadt zog, hätte man meynen sollen, es wären ganz andere und von den vorigen ganz unterschiedene Leute. Denn weil sie sich gewöhnet hatten, in beqvemen Häusern zu wohnen, und im Ueberfluß und Faulheit zu leben, waren sie nun nicht mehr im Stande, Hunger und Durst, lange Mär sche und andere Widerwärtigkeiten des Kriegs auszuhalten. Die meisten führten liederliche Weibspersonen mit sich, und den ganzen Sommer über giengen ihnen eine Menge Sol daten durch, welche gegen die weise Strenge ihrer Generale keinen andern Ort der Zu flucht hatten, als Capua. In allem dem, was ich von Capua gesagt(Betrachtung über den Auf enthalt des Hannibals zu Capua.) habe, bin ich gänzlich den Titus Livius nach gefolget, ich will aber eben nicht behaupten, daß alles das, was er von den traurigen Folgen meldet, welche die Winterquartiere in dieser anmuthigen Stadt gehabt haben, rich
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) tig und wohlgegründet sey. Wenn man alle Umstände dieser Geschichte mit Fleiß und ge nau untersuchet, scheinet es kaum glaublich zu seyn, daß man den schlechten Fortgang, welchen nachher die Waffen des Hannibals gehabt haben, ganz allein dem Auffenthalte zu Capua zuschreiben könne. Es ist zwar ei ne Ursache, aber keinesweges die vornehmste. Denn die Tapferkeit, mit welcher die Car thaginenser seit dieser Zeit die Consuls und Prätors aus dem Felde geschlagen, Städte im Angesichte der Römer erobert, ihre gemach ten Eroberungen behauptet, und sich noch ganzer vierzehn Jahre in Italien erhalten, ohne daß sie daraus hätten vertrieben werden können: lässet ziemlich wahrscheinlich vermu then, daß Titus Livius die verderblichen Wir kungen des Auffenthalts in Capua viel zu sehr vergrössert habe. (Liv.XXIII. 13.) Die wahrhafte Ursache von dem widrigen Schicksaal des Hannibals ist vielmehr in dem Aussenbleiben der Hülfe und der frischen Mannschafft, die er aus seinem Vaterlande erwartete, zu suchen. Der Rath zu Car thago hatte zwar nach dem vom Mago ab gestatteten Bericht beschlossen, die Eroberun gen in Italien weiter zu treiben, und deswe gen eine ansehnliche Verstärkung von Numi discher Reuterey, nebst vierzig Elephanten und tausend Talenten, welche eine Million Thaler betragen, aus Africa dahin zu schi cken, wie auch in Spanien zwanzigtausend Mann zu Fuß und viertausend Pferde aufzu
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bringen, um damit die Armeen in Italien und(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Spanien zu verstärken. Allein Mago konn te nicht mehr als zwölftausend zu Fuß und zweytausend fünfhundert Pferde erhalten, und da er eben im Begriff war, mit diesem Heer, welches lange so stark nicht war, als man ihm versprochen hatte, nach Italien auf zubrechen, wurde ihm ein Gegenbefehl zuge schickt, und er nach Spanien zu gehen beor dert. Hannibal erhielt also, ohngeachtet der grossen Versprechungen, weder Infanterie noch Cavallerie, weder Elephanten noch Geld, und man überließ ihn gänzlich seinem eigenen Schicksaal. Seine Armee war bis auf 26000 Mann zu Fuß und 9000 zu Pferde ge schmolzen. Wie konnte es also möglich seyn, mit einer so geschwächten Armee in einem frem den Lande alle nöthige Posten zu besetzen, die neuen Bundesgenossen zu erhalten, die ge machten Eroberungen zu behaupten, und sich gegen zwo Römische Armeen, welche alle Jah re ergänzt wurden, im Felde vortheilhaftig zu stellen? Dieses war die wahrhafte Ursache von dem Verfall der Sachen des Hanni bals. Wenn die Stelle des Polybius, wo er von dieser Materie gehandelt hat, noch vorhanden wäre, würden wir ohne Zweifel finden, daß er die Schuld mehr dieser Ursa che, als der Anmuthigkeit der Stadt Capua beygeschrieben hätte. Sobald als die strenge Kälte etwas nach(Casilinum wird durch die Hungers noth aufstäu serste ge) zulassen anfing, zog Hannibal seine Trupen aus den Winterquartieren, und gieng wieder
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(bracht, und ergiebt sich dem Hanni bal. Liv.XXIII. 19.) vor Casilinum, deren Besatzung sowohl als Einwohner durch die Hungersnoth aufs äu serste waren gebracht worden. Denn ob gleich die Belagerung selbst den Winter über war aufgehoben worden, hatte man doch keine Lebensmittel in die Stadt bringen kön nen, weil sie beständig war eingeschlossen ge halten worden. Tib. Sempronius comman dirte die Römer in Abwesenheit des Dicta tors, welchen Religionsgeschäffte nach Rom zurückgeruffen hatten. Marcellus bezeigte zwar grosse Lust, den Belagerten zu Hülfe zu eilen, er wurde aber eines Theils durch das ausserordentlich angelauffene Wasser des Vul turnus, theils durch das inständige Bitten der Einwohner von Nola zurück gehalten, welche, so bald sich die Römer entfernet ha ben würden, von den Campaniern überfal len zu werden befürchteten. Sempronius war nahe genung, daß er etwas hätte thun können, weil ihm aber der Dictator aus drücklich verboten hatte, sich bis auf seine Zu rückkunft in etwas einzulassen, wollte er nicht wagen auch nur die geringste Bewegung zum Vortheil der Stadt Casilinum zu thun, ob er schon hörte, daß sie sich in so bedrängten Um ständen befänden, welche auch die heldenmü thigste Standhafftigkeit erschüttern könnten. Alles, was er zu thun vermochte, war, eine grosse Anzahl Fässer, mit Geträyde, welches er aus den benachbarten Feldern zusammen bringen ließ, anzufüllen, und in den Vultur nus zu werffen, damit sie durch dessen Strom
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in die Stadt getrieben würden. Er brauch(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) te dabey die Vorsicht, daß er dem Rathe da von zuvor Nachricht gab, damit er diese Fäs ser, so wie sie ankämen, aus dem Wasser heraus langen liesse. Es daurete solches drey Nächte nach einander, und that doch soviel, daß sich die Belagerten ein wenig erholen konnten. Nachdem aber endlich die Cartha ginenser dahinter kamen, wurde ihnen auch dieses Hülfsmittel abgeschnitten. Nichts ging nachher Strom ab, das nicht unterwegens wäre angehalten worden; die Nüsse ausge nommen, welche die Römer hinein wurfen, und in Casilinum mit Netzen heraus gefischet wurden. Allein, was wollte eine so geringe Hülffe bey einer so grossen Hungersnoth thun? Da sie auf das äuserste gebracht worden, sa hen sie sich genöthiget das Leder von ihren Schilden, nachdem sie es weich gekocht, zu essen; und zu dieser erbärmlichen Kost Rat ten und andere unreine Thiere, nebst dem ausgerissenen Grase und Wurzeln, die unten an den Mauern wuchsen, hinzuzufügen. Als Hannibal hörte, daß sie Rettige säeten, rief er gauz erstaunt aus: Wie! meynen sie, daß ich so lange vor diesem Platze bleiben wolle, bis diese Pflanzen zu ihrer Reiffe gekommen seyn werden? Dieses bewog ihn zu gestatten, daß sie sich mit ihm wegen Ranzionirung der freyen Personen in Unterhandlung einlassen durften, welches er ihnen bis hieher beständig versaget hatte. Sie verstunden sich zu sieben(septunces auri.) Unzen Goldes vor jeden Mann, und nach
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) dem die Summe bezahlet war, schickte sie Hannibal seinem Versprechen gemäs nach Cuma, und legte in den Platz eine Besatzung von sechshundert Mann. (Der Stadt Petelia ge gen die Rö mer erwiese ne Treue. Liv.XXIII. 20.) Die Einwohner von Petelia, einer Stadt der Brutier, bewiesen eine gleichmäßige Treue. Obschon der Senat ihren Abgeordneten mit Schmerzen geantwortet hatte, daß das Rö mische Volk ausser Stande wäre, einem so entfernten Orte Hülfe zuzuschicken, blieben sie doch in ihrer Standhaftigkeit und Ergeben heit gegen die Römer so lange, bis sie die äuser ste Noth zwang, sich zu ergeben. (Zustand der Sachen in Sicilien und Sardinien. Liv.XXIII. 21.) Ohngefähr um eben die Zeit kamen zu Rom Briefe aus Sicilien und Sardinien an, welche in dem Rathe öffentlich abgelesen wurden. Der Proprätor, der erste von die sen Provinzen, T. Otacilius, berichtete, daß der Prätor Furius mit seiner Flotte aus Afri ca zu Lilybäum eingelauffen wäre, aber an den empfangenen Wunden gefährlich darnie der liege, und dem Tode sehr nahe sey. Sie hätten weder Geld noch Proviant, um die Soldaten und Matrosen zu bezahlen und zu erhalten, wüsten auch nicht, wo sie derglei chen hernehmen sollten. Er hielt bey dem Rathe inständigst an, ihnen beydes je eher je lieber zuzuschicken, und zu gleicher Zeit, wenn es vor gut befunden würde, auch einen neu en Prätor mit abgehen zu lassen, der ihm in seiner Würde folgen könnte. Aulus Corne lius Mammula, Proprätor von Sardinien, verlangte ebenfalls Geld und Lebensmittel,
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woran er grossen Mangel litte. Beyden ant(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) wortete der Rath, daß man nicht im Stande sey, ihnen im geringsten etwas zukommen zu lassen, deswegen sie selbst vor die Bedürfnisse ihrer Flotten und Armeen, so gut als sie könn ten, besorgt seyn möchten. T. Otacilius schickte dannenhero eine Gesandschafft an den König Hiero, der noch die einzige Zuflucht des Römischen Volks war, und erhielt von ihm so viel an Gelde, als er von nöthen hatte, nebst Lebensmitteln auf sechs Monate. Die Städte Sardinien lieferten dergleichen dem Cornelius mit vielem Eifer und Treue. Da aber auch zu Rom das Geld sehr rar war, ernennte das Volk drey von den vor nehmsten Bürgern, um diejenigen Summen in Empfang zu nehmen, welche Privatper sonen dem Staate darzuleihen sich beqvemen würden. Nachdem man auch drey Ober priester an die Stellen der verstorbenen er wehlt hatte, dachte man nun darauf, die er ledigten Stellen der Senatoren, deren eine ziemliche Anzahl war, zu besetzen. Denn durch so viele verlohrne Schlachten war der Rath ziemlich dünne worden. Die Sache wurde von dem Prätor Pomponius in Vor schlag gebracht. Spur. Carvilius, welcher zuerst redete, war der Meinung, man solle zween Senatoren von jedem Volke des latei nischen Namens das Bürgerrecht ertheilen, und sie sodann zu Rom in die Stellen derje nigen, welche gestorben wären, einrücken las sen, um hierdurch die Lateiner desto genauer
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) mit den Römern zu vereinigen. Dieser Vor schlag erregte ein allgemeines Murren und Unwillen. Q. Fabius Maximus sagte: daß leichte nichts seyn würde, was so zur Unzeit hätte in Vortrag gebracht werden können, indem solches zu nichts anders dienen könnte, als neue Bewegungen unter den Bundsge nossen zu erregen, die ohnedem schon in ihrer Treue mehr als zu sehr wankend gemacht worden wären. Und wenn jemahlen, fuhr er fort, die Berathschlagungen des Raths er fordert haben, etwas geheim zu halten, ist es gewiß diese Rede, welche der Verwegenheit eines einzigen Mannes entfahren ist. Man muß selbige in eine ewige Vergessenheit stel len, und als nie gehalten ansehen. Es wur de auch wirklich niemals davon nachher ge sprochen. (Es wird ein neuer Dicta tor erwehlt, um die Stel len der ver storbenen Senatoren zu besetzen. Liv.XXIII. 22. 23.) Der Rath hingegen fand vor gut, einen neu en Dictator zu machen, und selbigem die Wahl, wovon die Rede war, zu überlassen. Or dentlich kam sonst diese Ernennung den Cen sorn zu, weil aber damals keine in der Repu blik waren, und die gegenwärtigen Umstän de unumgänglich erforderten, den kürzesten Weg einzuschlagen, ließ man den Consul Varro aus Apulien zurückkommen, der ohne Verzug den M. Fabius Butro, ohne ihm einen General der Cavallerie an die Seite zu setzen, zum Dictator ernennte, mit der Ge walt, diese Würde sechs Monate lang zu be kleiden. Er war der älteste unter denen, wel che Censoren gewesen waren. So bald selbi
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ger in Begleitung seiner Lictoren auf die Red(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) nerbühne gestiegen war, gab er selbst alles das unregelmäßige, welches sich bey seiner Er nennung befand, zu erkennen. „Er versicher te öffentlich, daß er weder billige, daß zween Dictators zu gleicher Zeit in der Republick wären, welches sich niemahls zugetragen hätte; noch daß man ihn selbst zu dieser Würde erhoben hätte, ohne ihm einen Ge neral der Cavallerie beyzugeben; noch daß man zum zweytenmal eben derselben Person die Macht eines Censors ertheilet, und ei nem Dictator erlaubet hätte, solche Wür de sechs Monate zu behalten, ohne dabey in Krieg zu ziehen. Er fügte hinzu: daß, wenn es die Noth erfordert hätte, sich diesesmahl über die Gesetze zu erheben, es wenigstens seine Schuldigkeit mit sich brächte, der Be obachtung derselben, so viel es ihm möglich seyn würde, sich zu nähern. Er wolle aus dieser Ursache keinen aus der Rolle der Raths herren ausstreichen, welche einmal in diesel be eingetragen wären, damit man nicht sa gen könnte, daß eine einzige Person der un umschränkte Richter über die Ehre und Würde eines Senators gewesen. Was aber die erledigten Stellen anbelangte, wol le er sich einzig und allein nach den von je dermann erkannten Vorzügen, die nicht von seiner Wahl abhingen, richten, nicht aber auf die persönlichen Verdienste sein Augen merk haben, als worüber ihm vor sich allein ein Urtheil zu fällen nicht zukäme.“
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Er hielt sein Wort richtig, und nachdem er die Liste der Senatoren hatte ablesen las sen, welche er keinesweges änderte, ernennte er diejenigen Personen, welche die Stellen der Verstorbenen besetzen sollten, und zwar zuerst die, welche ein Curulisches Ehrenamt beklei det hatten, worinnen er sich aufs genaueste nach der Zeit richtete, nach welcher ein jeder darzu gelanget war. Nachher ernennte er diejenigen, welche Bauherren und Zunftmei ster des Volks, Prätoren und Rentmeister gewesen waren, und endlich auch die, welche Beute über die Feinde gemacht, oder eine bür gerliche Ehrenkrone verdienet hatten. Nachdem er auf solche Art hundert und siebenzig Senatoren mit allgemeinem Beyfall aller Mitbürger gemacht hatte, legte er die Dictatur nieder, und stieg als eine Privat person wieder von der Rednerbühne herab. Er gab den Lictoren ihren Abschied, und meng te sich sogleich unter das Volk, unter wel chem er mit Fleiß eine geraume Zeit verblieb, um zu vermeiden, daß ihn dasselbe nicht mit grossem Gepränge nach Hause begleitete. Al lein seine Bescheidenheit verringerte den Eifer der Bürger im geringsten nicht. Als er sich entfernte, machten sie einen ansehnlichen Zug, und gaben ihm also mit grossem Eifer und Ehrerbietung das Geleite bis in seine Woh nung. In der Rede und dem Betragen des Butro erblicket man eine Mäßigung und Klugheit, welcher man Hochachtung und Bewunderung nicht versagen kan. Es war
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eine gar kleine Anzahl von dergleichen Sena(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) toren, welche in wichtigen Geschäfften alle mahl das Gutachten der ganzen Gesellschaft abfaßten, und gleichsam die Seele der Be rathschlagungen und der Regierung waren. Beglückt sind die Gesellschafften, worinnen sich solche Leute finden, und vor die man die jenige Hochachtung heget, welche sie verdie nen. Der Consul gieng die folgende Nacht(Man ernen̄t neue Consuls und neue Prätoren. Liv.XXIII. 24.) wieder zu seiner Armee ab, ohne dem Rathe davon Nachricht zu geben, weil er befürchte te, man möchte ihn in der Stadt zurück hal ten, um bey der Wahl der Consuln auf das folgende Jahr zu präsidiren. Den Tag darauf fand der Rath vor gut an den Di ctator zu schreiben, und ihn zu ersuchen, daß er, wenn es die Umstände der Sachen er laubten, nach Rom, um der Ernennung der Consuln beyzuwohnen, zurück kommen, und den General der Cavallerie nebst dem Prätor Marcus Marcellus mit sich bringen möchte, damit die Senatoren mit ihnen per sönlich über den gegenwärtigen Zustand der Republick berathschlagen, und mit ihrer Zu ziehung die weisesten Maasregeln, welche zu finden wären, nehmen könnten. Alle, wel che gefordert waren, stellten sich zu Rom ein, nachdem sie das Commando ihrer Legionen denen Unterbefehlhabern aufgetragen hatten. Nachdem der Dictator selbst kurz und mit vieler Bescheidenheit geredet, und den T. Sempronius, seinen General der Cavallerie,
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) wegen seiner klugen Aufführung mit vielen Lo bessprüchen beleget hatte, kündigte er eine all gemeine Versammlung an, in welcher der L. Posthumius zum drittenmahl, und mit ihm der T. Sempronius Gracchus zu Consuln er nennet wurden. Der erste war nicht zuge gen, denn er führte das Commando in Gal lien; der zweyte aber befand sich zu Rom, und war wirklicher General der Cavallerie (Aedilis Cu rulis.) und Curulischer Bauherr. Hierauf ernenn te man den M. Valerius Levius, Ap. Clau dius Pulcher, Q. Fulvius Flaccus und Q. Mucius Scävola zu Prätoren. Nach Er nennung dieser obrigkeitlichen Personen brach der Dictator alsobald wieder zu seiner Armee nach Tiano auf, und ließ den General der Cavallerie zu Rom, welcher einige Tage dar nach von dem Consulat Besitz nehmen sollte, und aus dieser Ursache mit den Senatoren Abrede nehmen muste, was man für Trupen anwerben, und im künfftigen Jahre zum Dienste der Republick brauchen wollte. (Der ernenn te Consul L. Posthumius kommt mit allen seinen Soldaten in Gallien um. Liv.XXIII. 24.) Während daß man hiermit am meisten beschäftiget war, vernahm man, daß der er nennte Consul, Lucius Posthumius, in dem disseitigen Gallien mit allen Soldaten, die er commandiret, umgekommen wäre. Es hat te selbiger seine Armee durch einen sehr gros sen Wald, welchen die Gallier Litano (*) nennen, durchführen müssen. Auf beyden Seiten des Weges, den er nehmen muste, 42
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hatten diese Völker alle Bäume unten an der(V. R. E. 536. V. C. G. 126.) Erde dergestalt durchgesäget, daß sie zwar noch aufrecht stehen blieben, aber doch mit geringer Mühe umgeworffen werden konn ten. (Weder dieses, noch das folgende, schei net wahrscheinlich zu seyn.) Posthumius hatte zwo Legionen bey sich, welche nebst den Bundsgenossen, die er die Länge lang oben an dem Adriatischen Meere herab angewor ben hatte, ein Corps von funfzehntausend Mann ausmachten, mit denen er in das Ge biete der Feinde eingerücket war. So bald als die Gallier, welche sich an die äusersten Theile des Waldes gestellet hatten, gewahr wurden, daß die Römer mitten in den Wald hinein waren, warffen sie alle die vom Wege am weitesten entfernten Bäume um. Indem nun diese allemahl auf die nächsten, welche durch den geringsten Stoß umgestürzet wer den konnten, fielen, wurden dadurch alle Rö mer, Menschen, Gewehr und Pferde auf ei ne so erschreckliche Art darnieder geschlagen und zerquetschet, daß kaum zehne waren, wel che davon kamen. Die meisten wurden ent weder durch die Stämme der Bäume erschla gen, oder musten unter den Aesten, unter de nen sie verschüttet lagen, ersticken. Die, wel che einem so erschrecklichen Unsterne noch glück lich entgangen zu seyn vermeynten, wurden alsobald von den Feinden, die sich völlig ge rüstet, rings herum und mitten im Walde vertheilet hatten, vollends nieder gemacht. Einige wenige, die sich über die Brücke des
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Flusses zu retten gedachten, wurden von den Galliern, die sich derselben einige Zeit vorher bemächtiget hatten, gefangen genommen. Bey solcher Gelegenheit kam auch der Post humius, nachdem er alle Mühe angewendet hatte, um der Gefangenschafft zu entgehen, um das Leben. Die Bojer hieben ihm den Kopf ab, und trugen selbigen nebst seinen Waffen und dem Ueberrest der bey ihm ge fundenen Beute im Triumph in den vornehm sten Tempel ihrer Nation. Nachdem sie hier auf das Gehirn herausgenommen hatten, faßten sie die Hirnschale mit Golde ein, wel che ihre Priester und Götzendiener nach her gebrachter Gewohnheit bey den Libationen, die sie bey ihren Opfern den Göttern brach ten, statt eines Bechers, und bey ihren Gast mahlen statt eines Trinkgeschirrs brauchten. Die Beute, welche sie machten, kam mit dem Siege überein. Denn ausser den Thieren, die durch den Umsturz der Bäume waren zer qvetschet worden, ging von dem übrigen Rau be nichts verlohren. Es war nichts durch die Flucht zerstreuet worden, sondern es fand sich alles an dem Orte, wo die Armee umge kommen war. (Diese Nach richt verur sacht eine ausserordent liche Betrüb nis zu Rom.) Als die Zeitung von diesem grossen Un glück zu Rom einlief, wurden die Bürger da durch in eine so heftige Betrübnis versetzet, daß, da die Kramladen alsobald waren ver schlossen worden, die ganze Stadt einige Tage nach einander einer Einöde völlig ähnlich sa he. Ein jeder hielte sich, als wenn es mitten
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in der Nacht wäre, in seinem Hause einge(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) schlossen. Um diese Vorstellung einer recht tieffen Trauer und allgemeinen Betrübnis wegzuschaffen, befahl der Rath denen Bau herren, daß sie durch die Gassen gehen und die Kramladen wieder öffnen lassen sollten. Sodann berufte der T. Sempronius die Se natoren zusammen, denen er Trost zusprach, und sie, nachdem er ihnen die Herzhaftigkeit und Standhaftigkeit, mit welcher sie die Nie derlage bey Cannas ertragen, zu Gemüthe geführet, ermahnete einen Muth zu fassen, und sich nicht durch ein Unglück, welches viel geringer wäre, niederschlagen zu lassen. Er gab ihnen zugleich zu verstehen, daß, wenn man nur gegen den Hannibal und die Car thaginenser, wie man zu hoffen Ursache hät te, glücklicher wäre, der Krieg wider die Gal lier gar wohl ohne Gefahr auf eine andere Zeit verschoben werden könnte. Mit Hülffe der Götter würde das Römische Volk Zeit genung Gelegenheit finden, sich an diesen Bar baren wegen ihres Betrugs und Arglistigkeit zu rächen. Das Hauptwerk, womit man sich itzt hauptsächlich beschäftigen müsse, sey der Krieg gegen die Carthaginenser, und die Aufbringung der nöthigen Macht, damit man sich im Stande befinde, ihnen Wider stand zu thun. Er selbst fing an die Berechnung aller Tru(Der Rath macht die Einrichtung wegen der Trupen, wel che dieses) pen zu Fuß und zu Pferde zu machen, welche sowohl von Römischen Bürgern als auswär tigen Bundsgenossen wirkliche Dienste bey
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(Jahr zu Fel de dienen sol len. Liv.XXIII. 25.) der Armee des Dictators thaten. Marcel lus machte desgleichen eine Liste von den sei nigen, und man erkundigte sich bey denjeni gen, welche darum Wissenschafft hatten, wie viel der Consul Varro in Apulien bey sich ha ben möchte. Aus dieser Art der Musterung ergab es sich, daß man Mühe haben würde, solche Consularische Armeen aufzurichten, welche einen so wichtigen Krieg auszuhalten im Stande wären. So grosse Ursache man demnach hatte, gegen die Gallier erbittert zu seyn, beschloß man doch voritzt dieses Unter nehmen fahren zu lassen. Man gab dem Consul die Armee des Dictators, und die Sol daten von der Armee des Marcellus, welche bey Cannas ausgerissen waren, erhielten Befehl nach Sicilien zu gehen, und daselbst so lan ge, als der Krieg in Italien dauern würde, Dienste zu thun. Man fand auch vor gut, diejenigen aus den Legionen des Dictators da hin überbringen zu lassen, auf deren Tapfer keit man wenig Rechnung machen konnte, und bestimmte ihnen weiter keine Zeit, ohne die, welche in den Gesetzen, in Ansehung der Anzahl der Feldzüge, welche ein jeder Bür ger zu thun verbunden war, ausgemachet worden. Die beyden Legionen, welche dieses Jahr zur Besatzung waren in der Stadt ge blieben, eignete man dem neuen Consul zu, welcher, so bald als es die göttlichen Anzeigun gen erlaubten, an die Stelle des Lucius Post humius ernennt werden sollte. Man verordne te ferner, daß man ohne Verzug zwey Legio
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nen aus Sicilien sollte zurück kommen lassen,(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) aus denen der Consul, dem die aus der Stadt zu Theil werden würden, so viel Soldaten, als er nöthig haben dürfte, ausheben könn te. Endlich verlängerte man auch das Com mando des Consuls Varro auf ein Jahr, ohne ihm etwas von den Trupen abzuneh men, welche er in Apulien um dieses Land zu vertheidigen commandirte. Während daß dieses in Italien vorgieng,(Die Sachen der Cartha ginenser ste hen in Spa nien schlecht. Liv.XXIII. 26. 27.) wurde der Krieg in Spanien, wo die Römer bis dahin allezeit die Oberhand gehabt hat ten, mit gleicher Hitze fortgesetzt. Die bey den Scipionen hatten ihre Macht so getheilet, daß Cnejus die Armee zu Lande commandir te, Publius aber mit seiner Flotte das Meer hielt. Da Asdrubal, welcher an der Spitze der Carthaginenser war, sahe, daß er denen Römern weder zu Wasser noch zu Lande ge wachsen sey, blieb er allemahl so weit von den Feinden entfernt, als er es seiner Sicherheit zuträglich befand. Nach vielem Bitten und Anhalten, erhielt er endlich aus Africa zu Er gänzung seiner Armee viertausend Mann zu Fuß, und fünf hundert Pferde. In der Hof nung, mit dieser Verstärkung den Römern die Spitze bieten zu können, näherte er sich ihnen, uud ertheilte zu gleicher Zeit der Flotte, nachdem er ihr alles, woran sie Mangel litte, geliefert hatte, den Befehl, die Inseln und Seeküsten, welche den Carthaginensern zu stunden, bestens zu vertheidigen. Allein eben da er aus allen Kräfften bemü
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) het war, die Sachen der Carthaginenser in Spanien auf einen bessern Fuß zu setzen, mu ste er mit Betrübniß den Abfall der Haupt leute, welche auf diesen Schiffen commandir ten, vernehmen. Seit dem er ihnen wegen ihrer niederträchtigen Verlassung der Flotte bey dem Fluß Ebro einen nachdrücklichen und scharffen Verweiß gegeben hatte, gieng ihnen das Wohl der Carthaginenser eben so wenig zu Herzen, als sie dem Hasdrubal zu gethan waren. Sie erklärten sich daher nicht allein selbst vor die Römer, sondern wiegelten auch viele Städte der Tarteßier (*) auf, von denen sie gar eine mit Gewalt wegge nommen hatten. Diese Bewegung nöthigte den Hasdrubal, sich wieder von den Römern zu entfernen, und den Krieg auf diese Seite zu ziehen. Anfänglich trugen die Rebellen so grosse Vortheile über die Carthaginenser da von, daß Hasdrubal nicht im Stande war ihnen die Spitze zu bieten; dieses Glück aber gereichte ihnen bald zu ihrem grösten Verder ben. Sie beobachteten weder Ordnung noch Kriegsdisciplin, und breiteten sich auf allen Seiten, ohne die geringste Vorsicht zu brau chen, aus. Hasdrubal machte sich ihre Un achtsamkeit zu Nutze, denn er überrumpelte sie, da sie es sich am wenigsten versahen, brachte sie sogleich in Unordnung, und warff sie gänzlich über den Hauffen. Den Tag drauf muste sich die ganze Nation ihm wie der unterwerffen. 43
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So stund es mit den Sachen, als Has(Hasdrubal erhält Befehl nach Italien überzuge hen.) drubal von Carthago aus Befehl erhielt, un verzüglich nach Italien zu gehen. Kaum hatte sich das Gerüchte davon in Spanien ausgebreitet, so bekam daselbst alles ein ganz anders Ansehen. Hasdrubal merkte es gar wohl, deswegen schrieb er an den Rath nach Carthago, und meldete ihm, was für üble Folgen nur allein das Gerüchte von seiner Abreise in dem Lande schon gehabt habe. „Er gab zu erkennen, daß, wenn er die Provinz verlassen sollte, sich dieselbige, so bald er nur über den Ebro gienge, gänzlich vor die Rö mer erklären würde. Ueberdies habe er weder General noch Trupen, die er in Spanien an seiner Stelle lassen könne, und die Personen, welche die Römischen Arme en anführten, wären Männer von einer so vollkommenen Erfahrung in dem Kriegs handwerke, daß es schwer fallen würde, es mit ihnen anzunehmen, wenn man auch eine solche Macht hätte, die der ihrigen gleich käme. Gedächten sie demnach sich in Spa nien zu erhalten, möchten sie ihm an der Spitze einer ansehnlichen Armee einen Nach folger schicken, der, so glücklich er auch seyn möchte, gewiß die Hände nicht in den Schoos würde legen dürffen, sondern alle mahl genung bey seiner Bedienung finden würde.“ Anfänglich machten diese Briefe einigen Eindruck in die Gemüther der Senatoren zu Carthago, weil sie aber fast nur allein dar
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) auf gedachten, sich in Italien zu erhalten, wollten sie auch ihren Entschluß in Ansehung des Hasdrubals und seiner Trupen nicht än ( Himilco kom̄t in Spa nien an, um statt des Has drubals all da zu com mandiren. Liv.XXIII. 28.) dern. Sie liessen den Himilco mit einer gu ten Armee und mächtigen Flotte abgehen, um Spanien sowohl zu Wasser als zu Lande zu vertheidigen und zu behaupten. So bald dieser General angelanget war, und sowohl seine Trupen als Flotte in Sicherheit gebracht hatte, begab er sich mit einem kleinen Trupp Reuterey, so bald es ihm möglich war, zu dem Hasdrubal. Als er ihm die Schlüsse des Raths vorgeleget, und hingegen von ihm vernommen hatte, auf was Art der Krieg in Spanien müsse geführet werden, zog er wie der in sein Lager zurück, und zwar um meh rerer Sicherheit willen, mit der grösten Eil fertigkeit, indem er allezeit die Oerter, wo er durchreisete, verließ, ehe die Einwohner ir gend einige Anstalten machen konnten, ihn anzuhalten. Was den Hasdrubal anbe langte, brachte selbiger, ehe er die Provinz verließ, von allen Völkern, welche noch die Oberherrschaft der Carthaginenser erkannten, Geld zusammen, weil er wohl sahe, daß er es auf der Reise, welche er antreten wollte, höchst nöthig haben würde. Hierauf begab (Die beyden Scipions(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) lie fern dem Hasdrubal eine Schlacht um ihn an sei nem Marsch nach Italien zu hindern.) er sich an das Ufer des Ebro. Kaum hatten die beyden Römischen Feld herren den Inhalt der Befehle, welche der Hasdrubal hatte, erfahren, als sie alle übri gen Unternehmungen fahren liessen, und ihre Armeen mit einander vereinigten, um seinen
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Abmarsch zu verhindern. Sie sahen gar(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) wohl ein, daß, wenn dieser General seinen Zweck erreichte, und mit der Armee, die er in Spanien hätte, glücklich nach Italien, wo der Hannibal allein schon genung zu thun(Er wird nebst seiner Armee völlig ge schlagen. Liv.XXIII. 28 - 29.) machte, käme, die Vereinigung der beyden Brüder ohnfehlbar den Umsturz Roms nach sich ziehen würde. Sie liessen demnach ihre Trupen am Ufer des Ebro zusammen stossen, und marschirten, nachdem sie über den Fluß gegangen waren, auf den Hasdrubal los. Ei nige Tage blieben beyde Armeen auf fünf tausend Schritt von einander entfernt, und(Etwas weni ger als eine deutsche Mei le.) begnügten sich mit scharmutzieren, ohne daß eine von beyden auf eine Hauptschlacht zu dencken schien. Endlich gaben die Generale beyder Partheyen, gleich als wenn sie es mit einander abgeredet hätten, an einem Tage, und fast zu gleicher Zeit, das Zeichen zur Schlacht, und liessen alle ihre Macht in die Ebene herab rücken. Die Römer waren, wie gewöhnlich, in drey Treffen gestellet, wel che die Hastati, Principes und Triarii aus machten. Die Reuterey stund auf beyden Flügeln. Ein Theil von den leichtbewehrten Soldaten war mit unter diejenigen vertheilt, welche im ersten Gliede stunden, die übrigen aber befanden sich hinter der Armee. Has drubal stellte die Spanier recht in die Mitte der Schlachtordnung, die Carthaginenser zu ihrer rechten, und die Africaner nebst den Hülfstrupen zur linken. Was die Reuterey anbelangte, erhielt die Numidische ihren Platz
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) hinter der Carthaginensischen Infanterie auf dem rechten Flügel, und die andern hinter den Africanern auf der linken Seite. Jedoch kamen nicht alle Numidier auf den rechten Flügel zu stehen, sondern nur die, welche zwey Pferde mit sich führten, und mitten in dem grösten Handgemenge von dem müden und abgematteten Pferde in völliger Rüstung auf das frische zu springen gewohnt waren. So groß war die Geschwindigkeit der Reu ter, und die Gelehrigkeit der Pferde, um sich nach allen ihren Bewegungen zu richten. Nachdem die Generale beyder Theile ihre Armee in besagte Schlachtordnung gestellet hatten, konnten sie sich fast mit gleicher Hof nung schmeicheln. Ihre Trupen waren der Anzahl nach ziemlich gleich, aber die Ent schliessung und Herzhaftigkeit war in Anse hung der Soldaten ziemlich unterschieden. Denn obschon die Römer weit von ihrem Vaterlande Krieg führten, hatten doch ihre Generale nicht verabsäumet ihnen fest einzu prägen, daß, indem sie die Vereinigung der beyden Brüder und der beyden Armeen ver hinderten, sie für Italien und die Stadt Rom stritten. Indem sie nun sicherlich glaubten, daß es auf den Ausschlag dieses Treffens an käme, ob sie ihre Weiber und Kinder wieder zu sehen bekommen würden, hatten sie die mu thige Entschliessung gefaßt, entweder zu sie gen, oder zu sterben. Die andere Armee hin gegen bestund aus solchen Leuten, welche kei nesweges von einem gleichmäßigen Eifer und
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Muth belebet wurden, weil sie kein gleicher(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Vortheil zum Streit anfrischte. Der gröste Theil der Soldaten bestund aus Spaniern, welcher lieber in Spanien überwunden wer den, als nach erhaltenem Siege sich mit nach Italien schleppen lassen wollten. Diesemnach wichen diejenigen, welche sich in der mittelsten Schlachtordnung befanden, gleich bey dem ersten Anfall, und fast noch eher, als ein Pfeil auf sie war losgeschossen worden, und da hierauf die Römer ihnen um so viel heftiger zusetzten, ergriffen sie endlich offenbar die Flucht. Nichtsdestoweniger fochten die bey den andern Corps der Infanterie mit grossen Muth. Die Carthaginenser einer Seits, und die Africaner auf der andern, giengen hitzig auf die Feinde, welche sie wie eingeschlossen hielten, los. So bald aber das Römische Fußvolk, welches die flüchtigen Spanier ver folgte, ganz in das Mittel eingerückt war, befand es sich bald im Stande, den beyden Heeren der feindlichen Infanterie, von denen es auf der rechten und linken Seite in den Flanqven angegriffen wurde, die Spitze zu bieten. Ob es gleich auf zwo Seiten zu fech ten hatte, erklärte sich doch bald der Sieg auf beyden vor dasselbe. Denn nachdem es die jenigen, welche im Mittel stunden, über den Hauffen geworffen, und in die Flucht geschla gen hatte, behielt es sowohl an Tapferkeit, als an Anzahl über die, welche noch übrig wa ren, die Oberhand. Es wurde in diesem letz ten Angriff viel Blut vergossen, und wenn
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) nicht die Spanier gleich im Anfange des Tref fens sich durch die Flucht gerettet hätten, würde von dieser grossen Armee gar wenig davon gekommen seyn. Die Reuterey ließ sich gar nicht ein. Denn sobald als die Mau ren und Numidier geschlagen waren, und der Sieg sich auf die Seite ihrer Feinde neigte, ergriffen sie die Flucht, trieben die Elephan ten vor sich her, und liessen die beyden Corps ihrer Infanterie unbedeckt. Hasdrubal selbst hielt sich bis am Ende des Treffens, und ret tete sich mitten aus der Niedermetzelung mit einer kleinen Anzahl seiner Soldaten. Die Römer bemächtigten sich seines Lagers, und plünderten es rein aus. Der glückliche Ausschlag dieser Schlacht machte, daß diejenigen Spanier völlig die Parthey der Römer ergriffen, welche vorher zwischen ihnen und den Carthaginensern wa ren getheilet gewesen. Hingegen Hasdru bal verlohr alle Hofnung, nicht allein mit sei ner Armee nach Italien zu kommen, sondern auch selbst ohne Gefahr sich in Spanien zu erhalten. Die Nachricht von diesem Glück, welche die Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) alsbald nach Rom ü berschrieben, verursachte daselbst ein unge meines Vergnügen, nicht allein weil man den Hasdrubal in Spanien geschlagen hatte, sondern weil er auch nach Italien zu kom men war verhindert worden. (Sperat in festis, me tuit secun dis alte) Aus itzt erzehlten Begebenheiten erhellet deutlich, wie die Vorsicht, indem sie die Men schen in den beglücktesten Umständen in
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Furcht, und in den äusersten Widerwärtig(ram sor tem bene praepara tum pectus Horat.) keiten bey Hofnung erhält, bemühet ist, die glücklichen und unglücklichen Ausfälle zu mäs sigen und in ein Gleichgewicht zu setzen, da mit sie sowohl im Glück als Unglück in ge hörigen Schrancken bleiben, und beyde Abwe ge klüglich vermeiden.

III §.

Doppelter dem Volke zu Rom aufgelegter Tribut. Vertheilung der Armeen. Marcellus wird zum Consul erwehlt. Versehen bey seiner Wahl. Q. Fabius Maximus kommt an sei ne Stelle. Fernere Veranstaltungen in An sehung der Armeen. Die Carthaginenser schicken Trupen nach Sardinien. Die Con suls und übrigen Generale begeben sich nach ihren angewiesenen Posten. Philippus schickt Gesandten an den Hannibal. List des Xe nophanes, des vornehmsten unter den Ge sandten. Philippus und Hannibal gehen ein Bündnis mit einander ein. Xenophanes wird nebst den übrigen Gesandten von den Römern aufgehoben und nach Rom geschickt. Beschaffenheit der Sachen in Sardinien. Unternehmung der Campanier gegen Cume wird durch den Sempronius vereitelt. Eben dieser Sempronius vertheidiget Cume gegen den Hannibal. Wachsamkeit und Klugheit dieses Consuls. Die Gesandten des Hanni bals und Philippus langen zu Rom an. Maasregeln, welche die Römer gegen den Philippus nehmen. Dieser König schickt ei ne neue Gesandschafft an den Hannibal. Un einigkeit zu Nola zwischen dem Rathe und Volke. Sardinien erregt einen Tumult. Die Insel wird nach einem herrlichen Siege völ lig wieder unter das Joch gebracht von Man lius. Marcellus verwüstet die Länder der
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(V. R. E. 536. V. C. G. 216.) Bundsgenossen des Hannibals, welche diesen um Beystand anflehen. Die Armee des Han nibals wird vor Nola von dem Marcellus ge schlagen. Zweykampf zwischen Jubellius und Claudius. Zustand der Sachen in Spanien. Privatpersonen schiessen dem Staate Geld vor. Die Carthaginenser werden zweymahl gleich nach einander von den Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) in Spanien geschlagen.
Da es solchergestalt gar übel mit den Car thaginensern in Spanien aussahe, war der Hannibal indessen mit unermüdetem Ei fer darauf bedacht, die Sachen in Italien aufrecht zu erhalten, und höher auf einen noch bessern Weg einzuleiten. Petelia wurde von den Carthaginensern, Crotona und Locri von den Brutiern eingenommen. Rhegium war die einzige Stadt dieser Gegend, welche den Römern getreu verblieb. Auch Sicilien, wel ches der älteste Sohn des Hiero, Namens Gelo, an sich gebracht hatte, hing auf der Carthaginenser Seite, der darzwischen ge kommene Tod des Gelo war, wie wir weiter unten erwehnen werden, Ursach, daß diese Bewegung noch einige Zeit ruhete. Die drey Söhne des M. Aemilius Lepidus stellen zu Ehren ihres verstorbenen Vaters Schauspiele an, und lassen die Fechter sich mit einander öffentlich herumschlagen, von welchen Zweykämpfen ich in dem ersten Thei le mit mehrern gedacht habe. Man lässet (Ludi Ro mani.) auch die grossen Römischen Schauspiele auf führen. ( Tib. Sem pronius Gracchus.) Im vierten Jahre des Krieges gegen Han
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nibal traten am 15ten Merz so wohl der Con sul als die Prätoren ihre Bedienungen an, und das Volk verlangte, daß der M. Mar cellus unter dem Titel eines Proconsuls die Armee ferner commandiren möchte, weil er der einzige General war, der seit der Schlacht bey Cannas mit einigem Vortheil gegen den Hannibal gestritten hatte.

(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) Gleich am ersten Tage, an dem sich der Rath auf dem Capitolio versammlete, um über die allgemeinen Angelegenheiten zu be(Doppelter dem Volke zu Rom aufge legter Tri but. Liv.XXIII. 31.) rathschlagen, wurde ausgemacht, daß die Bürger statt der gewöhnlichen Abgabe dieses Jahr noch einmahl so viel, als sonst, erlegen sollten, wovon die Helfte, welche man so gleich eintreiben wollte, zur Bezahlung dessen, was die Soldaten noch vor ihre geleisteten Dien ste zu fordern hatten, bestimmet wurde. Die, welche sich in der Schlacht bey Cannas be funden hatten, waren von dieser Bezahlung ausgeschlossen. Was die Armeen anbelangte, ertheilte der(Vertheilung der Armeen.) Consul, zufolge des in eben dieser Versamm lung genommenen Entschlusses, den beyden Legionen in der Stadt Befehl, an einem be niemten Tage sich in Sales einzufinden, um von dar in oberhalb Sassuolo in das befind liche Lager des Claudius Marcellus abgefüh ret zu werden. Der Prätor, Appius Clau dius Pulcher, erhielt Befehl, die Truppen, welche in dieser Gegend stunden, und der Ue berrest von der Armee bey Cannas waren,
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) nach Sicilien überzuführen, und dargegen die, welche in dieser Provinz gestanden hat ten, nach Rom zurück zu senden. M. Clau dius Marcellus übernahm die beyden Legio nen der Stadt, welche nach Cales zu gehen beordert waren, und führte sie in das Lager, welches nach seinem Namen das Claudiani sche war genennet worden; Appius Claudi us aber befahl seinem Unterbefehlshaber, dem T. Metilius Croto , sich an die Spitze der al ten Trupen zu stellen, und sie nach Sicilien überzuführen. (Marcellus wird zum Consul er wehlt.) Jedermann erwartete nun mit Ungedult, wenn der Consul eine Versammlung anstel len und sich einen Collegen erwehlen würde. (Fehler bey seiner Wahl. Liv.XXIII. 31.) Vor allen andern bestimmte man diese Eh renstelle dem Marcellus, und zwar zur Be lohnung für seine grossen Handlungen, wo durch er sich während des geführten Prä toramts hervorgethan hatte. Weil aber viele beobachteten, daß er, gleich als ob es mit gutem Bedacht geschehen wäre, entfer net worden war, erhub sich in dem Rathe ein starkes Murren. Es läßt sich allerdings mit einigem Grunde vermuthen, daß unter der gegen dem Marcellus beobachteten Auffüh rung wirklich eine List verborgen gewesen. Er war aus dem gemeinen Volke, von welchem der Consul auch war. Es ist wahrscheinlich genung, daß die Patricier sich bemüheten zu verhindern, daß nicht beyde Consulsstellen von Personen aus dem gemeinen Volke beses sen würden, zumahl da man davon bis da
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hin noch kein Beyspiel hatte. Es verhalte(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) sich aber mit dieser Muthmassung, wie es wolle, wird selbige doch durch das folgende vielleicht einigermassen gerechtfertiget werden. Der Consul indessen, welcher sich im Stan de befand, diesen Anschlag, woran er als ei ner aus dem gemeinen Volke im geringsten keinen Antheil hatte, zu vereiteln, antwortete denenjenigen, die sich beklagten: „Ihr Mit bürger, was man gethan hat, ist alles zum Besten des Staats geschehen. Selbiges erforderte, daß Marcellus alsobald nach Campanien gieng, um die Auswechselung der Armee zu Stande zu bringen. Dieserwe gen wird auch nicht eher eine allgemeine Versammlung angestellet werden, bis er das, was ihm aufgetragen worden, ausge richtet, und wieder nach Rom zurückgekom men ist, damit ihr einen solchen Consul, wie ihn die gegenwärtigen Umstände erfordern, und dergleichen ihr verlanget, bekommen möget.“ Hierauf redete man weiter nichts von Versammlungen, bis auf die Zurückkunft des Marcellus. So bald er aber zu Rom eintraf, wurde das Volk zusammen beruffen, und er mit der grösten Einmüthigkeit zum Consul ernennet, trat auch alsobald dieses Ehrenamt an. Weil sich aber in demselben Augenblick ein Donnerschlag hören ließ, und hiernächst die Auguren seine Ernennung vor fehlerhafft erklärten, begab er sich so gleich selbst(Q. Fabius Maximus kommt an seine Stelle.) dieser Würde wieder, und man setzte den Q.
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) Fabius Maximus, der damahls zum dritten mahl Consul wurde, an seine Stelle. Dieses Vorgeben der Auguren, daß bey der Wahl des zweyten Consuls ein Fehler vorge gangen seyn sollte, kan mit Recht verdächtig scheinen. Es werden sehr viele Jahre vor bey gehen, ehe ein dergleichen Exempel, wel ches sich hier zum erstenmahl ereignet, daß beyde Consuls aus dem gemeinen Volke wä ren genommen worden, wieder vorkommen wird.

(Fernere Ver anstaltungen in Ansehung der Armeen.) Die Consuls machten eine neue Verthei lung der Trupen, die von der, welche man vorher entworffen hatte, ganz unterschieden war. Fabius bekam die Armee, welche M. Junius als Dictator commandiret hatte, und seinem Collegen Sempronius wurden die fünf und zwanzig tausend Mann von den Bundsgenossen zu Theil, zu denen noch die acht tausend Sclaven, welche die Waffen freywillig ergriffen hatten, geschlagen wur den. Dem Prätor, M. Valerius, gab man die Legionen, die aus Sicilien zurück gekom men waren. Den Marcellus ließ man un ter dem Titul eines Proconsuls an der Spi tze dererjenigen, welche oberhalb Svessula (Castel di Sessola.) stunden, und vor die Erhaltung der Stadt Nola wachen sollten. Die Prätoren, wel chen Sicilien und Sardinien zugefallen war, brachen von Rom auf, sich an ihre Posten zu begeben.
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Da während dessen Mago, der Bruder(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) Hannibals, im Begriff war, von Carthago abzugehen, und die zwölftausend Mann zu Fuß, fünfhundert zu Pferde, zwanzig Ele phanten, und tausend Talente Silbers (ohn gefähr eine Million Thaler) unter Bede ckung einer Flotte von sechzig Galeeren nach Italien überzubringen, erhielt man allda die Nachricht, daß die Carthaginenser in Spa nien wären geschlagen worden, und fast alle Völker dieser Provinz die Parthey der Rö mer ergriffen hätten. Diese Zeitung machte, daß man den Entwurf, den man gemacht hatte, den Mago nach Italien zu schicken, änderte, weil Spanien der Hülffe weit mehr benöthiget zu seyn schien. Hierzu kam noch ein anderer Zufall, der sich um eben die Zeit ereignete, und den Hannibal immer noch mehr in Vergessenheit brachte. Es war sol cher die Gelegenheit, die sich darbot, Sardi nien wieder zu erobern. „Man vernahm, daß(Die Cartha ginenser schi cken Trupen nach Sardi nien. Liv.XXIII. 32.) die Römer nicht nur eine gar geringe Macht auf dieser Insul hätten, sondern auch an die Stelle des Aulus Cornelius, der diese Provinz lange Zeit beherrschet hatte, und sie vollkommen kannte, einen neuen und noch ganz unerfahrnen Prätor dahin schi cken wollten. Daß die Sardinier auch ü berhaupt des Jochs der Römer überdrüßig wären, weil man ihnen im vorigen Jahre mit äuserster Härte begegnet, und sie ge zwungen hätte, Geld und Getrayde über ihr Vermögen herbey zu schaffen; und es
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) daher nur an einem Oberhaupte, der den Anfang zum Aufruhr machte, fehlete.“ Diese Klagen wurden durch die Abgeordnete, welche die Vornehmsten der Nation, und in sonderheit Hampsicoras, der wegen seines Ansehens und Reichthums am meisten ver mochte, heimlich waren abgefertiget worden, nach Carthago überbracht. Weil diese Zei tungen, die sie zu gleicher Zeit aus Spanien und Sardinien erhielten, bey ihnen zugleich Furcht und Hofnung erweckten, beorderten sie den Mago mit seinen Schiffen und Tru pen nach Spanien, und gaben dem Hasdrubal, den man den Kahlen zunamte, fast eine glei che Anzahl Soldaten zur Unternehmung auf Sardinien. Hannibal, der eines Beystan des am höchsten benöthiget war, und seine Macht von Tage zu Tage abnehmen sahe, war indessen in der grösten Unruhe und Ver legenheit. (Die Consuls und übrigen Generale be geben sich nach ihren angewiese nen Posten.) So bald als die Römischen Consuls die Angelegenheiten, welche sie zu Rom zurück hielten, zu Ende gebracht hatten, machten sie ihre Anstallten in den Krieg zu ziehen. Sem pronius gab den Trupen, die er zu comman diren erhalten hatte, Befehl, an einem gesetz (la Rocca de Mondra gone.) ten Tage sich zu Sinuessa einzufinden. Qv. Fabius gieng auch ab, um sich an die Spitze seiner Armee zu stellen, nachdem er zuförderst den Einwohnern auf dem Lande, zu Folge der Erlaubnis, die ihm von dem Rathe war er theilet worden, anbefohlen hatte, vor dem ersten des Brachmonats alle ihr Getreyde in
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die festen Plätze zu bringen, mit beygefügter(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) Bedrohung, die Ländereyen dererjenigen, wel che diesem Befehle nicht nachkommen wür den, zu verheeren, ihre Sclaven öffentlich an die Meistbietenden zu verkauffen, und ihre Häuser in Brand zu stecken. Es waren selbst diejenigen Prätoren nicht von Kriegs diensten befreyet, welche man zur Verwal tung der Gerechtigkeit ernennet hatte. Man schickte den Valerius nach Apulien, um die Armee von dem Varro zu übernehmen, und sie unter dem Commando eines General-Lieu tenants nach Sicilien überführen zu lassen, sodann aber sich an die Spitze der Legionen, die aus Sicilien zurück kommen würden, zu stellen, und mit denselben unter Beystand einer Flotte von 25 Schiffen, davon man ihm auch das Commando gab, die Seekü sten zwischen Brandusium und Tarent zu be decken. Der Prätor der Stadt, Qvintus Fulvius, wurde mit einer gleichen Anzahl Schiffen, die Küsten ohnweit von Rom zu be wahren, beordert. Varro, dem man das Commando zwar noch ließ, ihn aber nur zu solchen Verrichtungen brauchte, die nicht viel zu bedeuten hatten, und dabey er ziemlich ent fernt von den Feinden bleiben konnte, wurde befehliget, in dem Picenischen Gebiete frische Trupen anzuwerben, und auf die Erhaltung dieser Gegend bedacht zu seyn. T. Otacili us Crassus hatte kaum den Tempel der Klug heit eingeweihet, so wurde er nach Sicilien abgeschickt, um die Flotte, welche man in dem
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) dasigen Hafen und an den Küsten dieser In sel hatte, zu commandiren. Alle Könige und Nationen waren auf die (Philippus schickt Ge sandten an den Hanni bal. Liv.XXIII. 33.) Streitigkeiten, welche die beyden mächtigsten Völker des Erdbodens zu den Waffen zu greiffen veranlasset hatte, aufmerksam. In sonderheit nahm der Macedonische König Philippus daran Antheil, weil er der nächste Nachbar von Italien war, und von selbigem nur durch das Jonische Meer (*) abgeson dert wurde. Als er die Nachricht erhielt, daß Hannibal über die Alpengebürge gegan gen wäre, empfand er ein inniges Vergnü gen darüber, daß zwo so mächtige Republi cken mit einander in Händel und Krieg gerie then. So lange beyder Macht einander das Gleichgewicht zu halten schien, wuste er nicht, welcher von beyden Partheyen er den Sieg gönnen und wünschen sollte; als er aber ver nahm, daß Hannibal dreymahl gleich nach einander über die Römer gesieget hätte, trug er kein Bedencken, sich vor den Ueberwinder zu erklären. Eine Nachricht, die er kurz dar (Polyb.V. 439.) auf erhielt, gab der Sache vollends den Aus schlag. Während daß er der Feyer der Ne meischen Spiele zu Argos beywohnte, langte ein Curier an, der die Post mitbrachte, daß die Römer eine sehr wichtige Schlacht ver lohren hätten, welches ohne Zweifel die bey Cannas war. Er gab von dieser Zeitung niemanden, ausser dem Demetrius von Pha 44
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rus, Nachricht, welcher, wie wir oben ge(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) dacht, zu diesem Könige, als er von den Rö mern aus Jllyrien zu weichen war gezwun gen worden, seine Zuflucht genommen hatte. Demetrius machte sich diese Gelegenheit zu Nutze, um den König zu bewegen, daß er die Waffen gegen die Römer ergriffe. Er sag te, die gegenwärtigen Umstände wären so vortheilhafft, daß es das Ansehen hätte, als ob ihn die Götter selbst zu solchem Unterneh men aufforderten. Er stellte ihm vor, daß in dem Zustande, worinnen sich Rom itzo be finde, da es von aller Hülffe entblösset und keine Hofnung sich selbst zu helffen hätte, er durch Vereinigung seiner zahlreichen Trupen mit der Armee des Hannibals gewissen Staat auf die Eroberung Italiens machen könnte, worauf es ihm nicht schwer fallen würde, sich in weniger Zeit von der ganzen Welt Meister zu machen. Hohe Gedancken, wel che sich vor niemand besser, als vor den Phi lippus, schickten. Ein junger, munterer und beherzter Kö nig, dem das Glück bis hieher in seinen Un ternehmungen zur Seite gestanden hatte, und der überdies aus einem Geblüte entspros sen war, welches sich iederzeit mit der Hof nung geschmeichelt, noch einmahl die Ober herrschafft über die ganze Welt zu behaupten, konnte nicht anders als entzückt über derglei chen Reden werden. Er sonn demnach gleich von der Zeit darauf, die Ruhe in Griechen land, wo er mit den Aetoliern in Krieg ver
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) wickelt war, wieder herzustellen, um alle seine Gedanken und alle seine Macht gegen Italien richten zu können. Wir haben anderwärts (Alte Histo rie. Theil 8. Buch 17.) die umständliche Nachricht von dieser Frie denshandlung ertheilet, und aus dem Poly bius zugleich die weisen Betrachtungen eines Abgeordneten von Naupaktus mit angefüh ret, welcher so wohl dem Philippus als den Griechen zu Gemüthe führte, wie höchstnö thig es sey, sich miteinander zu vereinigen, wenn sie nicht entweder von den Römern oder von den Carthaginensern unter das Joch gebracht seyn wollten, welches ohne Zweiffel von dem jenigen Volke geschehen dürfte, welches in dem Kriege, den sie damahls führten, die O berhand behalten würde. Aber dieses dürf fen wir hier nicht mit Stillschweigen vorbey gehen, daß von dieser Zeit an ganz Griechen land, und bald darauf auch Asien, ihre Augen nur auf den Occident richtete, und zwar An fangs auf Rom und Carthago zugleich, nach her auf Rom allein, gleich als ob die Völker der Länder gegen Morgen und Mittag schon damahls voraus gesehen hätten, daß sie aus dem Occident ihre Oberherren erhalten wür den. Nach geschlossenem Frieden kehrte Philip pus nach Macedonien zurück, wo Demetrius von Pharus mit beständigem Anhalten in ihn zu setzen fortfuhr, und ihm von nichts, als von dem gemachten grossen Entwurffe vorre dete, den er ihn schon mit so gutem Fortgan ge beygebracht hatte. Auch der König be
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schäfftigte sich Tag und Nacht nur allein mit(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) diesen Gedancken, so daß alle seine Reden und selbst seine Träume von nichts andern, als dem Kriege gegen die Römer handelten. Es bewog den Demetrius, wie Polybius an merckt, nicht die Freundschaft, welche er zu dem König trug, daß er ihm hierzu so eifrig und unabläßig rieth, sondern der Haß, den er wider die Republick hegte, und weil er kein ander Mittel sahe, wieder zu dem Besitz der Insel Pharus zu gelangen. Es ist dieses die Gewohnheit der Schmeichler, daß sie ihre eigennützigen Absichten mit dem Mantel eines gantz ausserordentlichen Eifers bedecken, so wie die Fürsten hingegen sich insgemein blind lings zu denenjenigen Maasregeln verleiten lassen, welche ihren Leidenschaften schmeicheln und Nahrung geben. Nach der Schlacht bey Cannas richtete Philippus das, was er schon in dem vorigen Jahre beschlossen hatte, ins Werck. Er schickte Gesandten an den Hannibal, die ihm wegen der erhaltenen Siege Glück wünschen, und mit ihm ein Bündnis eingehen sollten. Weil diese Gesandten wusten, daß die Hafen von Brundusium und Tarent mit Römischen Schiffen und Trupen besetzt waren, hüteten sie sich mit grossem Fleiß vor selbigen, und stie gen bey dem Tempel der Juno an dem Vor gebürge, (*) welches dieser Göttin den Na men der Lacinischen gegeben hat, ans Land. 45
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) Von dar reiseten sie durch Apulien, um nach Capua zu kommen, geriethen aber mitten un ter die Römischen Trupen, welche das Land bewahrten, und wurden sogleich zu dem Prä tor Valerius, welcher damahls bey Luceria (List des Xe nophanes, des vornehm sten unter den Gesand ten.) gelagert stund, gebracht. Xenophanes, das Haupt der Gesandschafft, gab sich nicht blos. Er sagte unerschrocken zu dem Valerius, er käme von Seiten des Philippus, um die Freundschafft und das Bündnis der Römer zu suchen. Er wäre von seinem Herrn mit behörigen Vollmachten an die Consuls, den Rath und das Römische Volk versehen, und wünschte zu ihnen geführet zu werden. Va lerius empfand ein inniges Vergnügen über die vortheilhafften Anerbietungen, welche ein so mächtiger König der Rebublick zu einer Zeit, da sie von ihren alten Freunden verlas sen war, thun ließ, und hielt die Gesandten eines feindlichen Königes als Freunde und Gäste. Er gab ihnen Wegweiser mit, wel che sie auf die sichersten Wege bringen, und ihnen auf das treulichste die Posten entdecken sollten, welche so wohl von den Römern als Carthaginensern besetzt gehalten würden. Solchergestallt kam Xenophanes, indem er mitten durch die Römischen Trupen reisete, nach Campanien, von dar er seinen Weg, so bald sich ihm die Gelegenheit zu entwischen darbot, auf das Lager des Hannibals richte ( Philippus und Hanni bal gehen ein Bündnis mit einander ein.) te, und mit ihm im Namen des Philippus unter folgenden Bedingungen ein Bündnis schloß: „Es wolle der König von Macedo
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nien mit einer so ansehnlichen Flotte, als(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) er nur auszurüsten im Stande sey, und welche man auf zweyhundert Schiffe rech nete, nach Italien übersetzen, und die Ita lienischen Küsten beunruhigen, auch seiner Seits mit aller Macht, die er in Händen hätte, die Römer so wohl zu Wasser als zu Lande bekriegen. Wenn man selbige gänzlich würde überwunden haben, solle Ita lien nebst der Stadt Rom und aller gemach ten Beute dem Hannibal und den Cartha ginensern zufallen. Hierauf wollten sie zu sammen nach Griechenland übergehen, und diejenigen Nationen, welche Philippus an geben würde, mit Krieg überziehen, und alle Reiche, so wohl des festen Landes als der Inseln, welche mit Macedonien gränz ten, sollten dem Königreiche Macedonien einverleibet werden.“ Titus Livius erzehlt von diesem Bündnisse nur das wenige, was ich eben jetzt davon angeführet habe. Polybius hingegen hat es uns gäntzlich aufbehalten, und ich würde un recht handeln, wenn ich es dem Leser vorent halten wollte. Diese Ueberbleibsel, welche uns die alten Gebräuche, sonderlich in einer so wichtigen Materie, dergleichen die Schlüs sung der Bündnisse ist, anzeigen, müssen uns nothwendig kostbar seyn, und unsere Neugier ermuntern.

Freundschafts - Bündniß:

(Polyb.VII. 502 - 505.) Welches unter geleistetem Eide ist verabredet worden zwischen dem Hannibal, als comman
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) direnden General, zwischen dem Mago, Myr cal, Barmocar und allen Senatoren von Carthago, welche Hannibal bey sich gehabt, wie auch allen Carthaginensern, die unter ihm dienen, einer Seits; und zwischen dem Xenophanes von Athen, einem Sohn des Cleomachus, anderer Seits, welcher von dem Könige Philippus, einem Sohne des Demetrius, sowohl in seinem, als der Mace donier und aller mit seiner Krone in Bünd niß stehenden Namen, an uns abgeschi cket worden ist.
In Gegenwart des Jupiters, der Juno, des Apollo; in Gegenwart der Schutz-Gott heit von Carthago, des Hercules und Jola us; in Gegenwart des Mars, Tritons und Neptunus; in Gegenwart der Götter, die uns auf unserm Feldzuge begleiten; in Ge genwart der Sonnen, des Mondes und der Erde; in Gegenwart der Flüsse, der Wiesen und der Gewässer; in Gegenwart aller Göt ter, welche die Carthaginenser für ihre Ober herren erkennen; in Gegenwart aller Göt ter, welche Herren über Macedonien und das ganze übrige Griechenland sind; in Gegen wart aller Götter, die dem Kriege vorstehen, und welche bey diesem Vertrage zugegen sind: haben Hannibal, als commandirender Gene ral, und alle Senatoren von Carthago, und alle Soldaten seiner Armee, erkläret: Nach eurem und unserm Gutbefinden soll zwischen euch und uns, als zwischen Freunden,
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Bundsgenossen und Brüdern ein Freund(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) schafts - Tractat und Bündnis seyn, unter der Bedingung, daß der König Philippus, und die Macedonier, wie auch alle übrige Griechen, welche mit ihnen verbunden sind, die Oberherren von Carthago, den Hanni bal, ihren General, die Soldaten, die unter seinem Commando stehen, die Statthalter der Provinzen, welche von Carthago abhan gen, die Einwohner von Utica, und alle Städ te und Nationen, die denen Carthaginensern unterthan sind, ferner alle Städte und Natio nen, die es in Italien, Gallien und Ligurien mit uns halten, und mit denen wir etwan noch in Zukunfft in dieser Gegend Bündnisse eingehen, oder Freundschafft machen dürften, erhalten und beschützen wollen. Gleichergestallt verspre chen die Carthaginensischen Heere, die Ein wohner von Utica, und alle denen Carthagi nensern zugehörige Städte und Nationen, die Soldaten und Bundsgenossen, und sowohl Städte als Völker, mit denen wir in Itali en, Gallien, und Ligurien in Freundschafft und Bunde stehen, und mit denen wir in die ser Gegend noch künfftig dergleichen eingehen dürften, daß sie den König Philippus, die Macedonier und alle ihre übrigen Bundsver wandte unter den Griechen erhalten und be schützen wollen. Wir wollen keinesweges ein ander hinter das Licht zu führen oder uns Fall stricke zu legen suchen. Wir, Macedonier, wir erklären uns mit wahrer Aufrichtigkeit,
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(V. R. E. 537 V. C. G. 215.) mit wahrer Zuneigung, ohne Betrug und oh ne betrügliche Absicht vor Feinde aller derjeni gen, die mit den Carthaginensern in Feindschafft leben, ausgenommen die Städte, Hafen und Könige, mit denen wir in Friede und Bunde stehen. Desgleichen erklären auch wir, Cartha ginenser, uns für Feinde aller derer, welche sich gegen den König Philippus erklären werden, ausgenommen die Könige, Städte, und Na tionen, mit denen wir durch Friedens - und Freundschafts - Tractate verknüpfet seyn. Ihr, Macedonier, ihr werdet euch in den Krieg mit einlassen, welchen wir gegen die Rö mer führen, bis es denen Göttern gefalle, unsern und euren Waffen einen glücklichen Fortgang zu verleihen. Ihr werder uns nach Maasgebung dessen, worüber wir mit einan der eins werden, mit allem benöthigten bey stehen. Sollten uns die Götter in dem Krie ge, den wir mit den Römern führen, den Sieg nicht schenken, und wir würden genö thiget, uns mit ihnen in Friedenshandlungen einzulassen, wollen wir uns dabey so verhal ten, daß ihr in den Tractat mit eingeschlossen werdet, unter solchen Bedingungen, daß es ihnen nicht frey stehe, euch den Krieg anzu kündigen, oder sich von Corcyra, Apollonia, Epidameus, Pharus, Dimalum, Parthos und Atintanien Meister zu machen, sondern daß sie vielmehr dem Demetrius von Pha rus seine Anverwandten, die sie in ihren Staa ten zurückhalten, wieder ausliefern müssen. Sollten die Römer aber dem ohngeachtet
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entweder gegen euch oder gegen uns den Krieg(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) erklären, wollen wir einander bedürffenden Falls Hülfe leisten. Eben dieses wollen wir thun, wenn irgend ein anderer uns mit einem Kriege zu überziehen sich erkühnete, wovon aber diejenigen Könige, Städte und Natio nen ausgenommen seyn sollen, von denen wir Freunde oder Bundsverwandte seyn. Soll ten wir vor gut befinden, etwas zu diesem Tractat beyzufügen, oder davon aufzuheben, soll solches nicht anders als mit beyderseitiger Einwilligung geschehen. Dieser Tractat ist ein sicherer Beweiß von der allgemeinen Meinung, welche bey allen Völkern galt, daß so wohl Glück als Un glück im Kriege, und überhaupt alle Vorfäl le im Leben schlechterdings von einer Gott heit abhangen, und daß eine Fürsehung sey, welche alles regiere, und alles ordne. Das Wort Gegenwart, welches in so wenig Zeilen so vielmahl wiederholet wird, zeiget klar, von der Ueberzeugung, welche auch die Heyden hatten, daß GOtt wirklich bey Schlüssung derer Tractate zugegen sey, daß er alle Puncte desselben mit anhöre, und ihm die Bestrafung dererjenigen vorbehalte, wel che einen einzigen davon zu übertreten, und seinen heiligen Namen, der dabey angeruffen worden, zu verlästern sich erkühne. Wie würde man nicht erstaunen, wenn heut zu Tage unsere Gesandten sich einkom men liessen, in denen Tractaten die Anruf fung der Heiligen so oft zu gebrauchen, als
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) die Heyden in Ansehung ihrer Götter thaten, sie mochten von einem Range seyn, von wel chem sie wollten? denn sie hatten deren von verschiedener Art. (Xenophanes wird nebst den übrigen Gesandten von den Rö mern aufge hoben und nach Rom geschickt.) Dieses waren ohngefähr die Bedingun gen des Tractats, welcher zwischen dem Han nibal und den Gesandten des Philippus ge schlossen wurde. Hannibal gab ihnen den Gisgo, Bostar und Mago, welche das Bünd niß mit dem Könige selbst vollends ins reine bringen sollten, mit, und sie insgesamt bega ben sich in denjenigen Tempel der Lacinischen Juno, wo das Schiff der Macedonier in ei ner Bay verborgen lag. Allda setzten sie sich zu Schiffe, und waren schon in der offenen See, als sie von den Römischen Schiffen, welche die Calabrischen Küsten bewahreten, entdecket wurden. P. Valerius schickte so gleich einige leichte Fahrzeuge ab, mit dem Befehl, dasjenige Schiff, welches man gese hen hätte, zu verfolgen und einzubringen. Die Gesandten thaten zwar ihr möglichstes zu entkommen, da sie aber sahen, daß man sie sogleich erreichen würde, ergaben sie sich den Römern freywillig. Als man sie vor den Valerius brachte, fragte er sie, wer sie wären, woher sie kämen, und wohin sie woll ten. Xenophanes, dem seine vorige Lügen so wohl gerathen war, gab alsobald zur Ant wort: „Sie wären vom Könige Philippus als Gesandte an die Römer abgeschickt: es wäre ihnen aber unmöglich gewesen, durch Campanien, welches sie mit feindlichen Tru
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pen überall besetzt gefunden hätten, durch(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) zukommen.“ Weil aber die Gesandten des Hannibals durch ihre Carthaginensische Klei dung dem Römischen General verdächtig wurden, redete er sie an, und ihre Antwort verrieth sie vollends. Hierauf setzte er mit Bedrohung der härtesten Lebensstrafe in sie, und nöthigte sie, ihm die Briefe, die ihnen Hannibal an den Philippus mitgegeben hat te, nebst dem Tractat, der zwischen dem Kö nige und den Carthaginensern war geschlos sen worden, zu überliefern. Nachdem Va lerius von allem, was er zu wissen verlang te, gnugsam unterrichtet war, fand er vor gut, die Gefangenen, welche er gemacht, mit ihrem sämtlichen Gefolge entweder an den Rath nach Rom, oder an die Consuls, sie möchten seyn, wo sie wollten, zu schicken. Er erwehlete hierzu fünf von den leichtesten Ga leeren, unter dem Commando des L. Vale rius Antias, dem er anbefahl, die Abgeord neten in den Schiffen also zu vertheilen, daß sie weder unter einander, noch sonst mit ie mand Gemeinschaft haben könnten. Wenn man alles das Unglück zusammen nimmt, welches denen Römern in einem Jah re begegnet war, eine Niederlage von funf zig tausend Mann, nebst den besten Genera len und Senatoren bey Cannas, und kurz darauf eine fast gänzliche Ausrottung einer Armee mit dem Consul in Gallien; den fast allgemeinen Abfall der Bundsgenossen; den sowohl an den Hasdrubal ausgefertigten Be
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(V. R. E. 537. V. C. G. 125.) fehl, mit seiner ganzen Armee nach Italien ü berzugehen, als an den Mago, eben dahin zwölf tausend Mann zu Fuß, funfzehn hun dert Pferde und zwanzig Elephanten überzu führen; ferner den neuen Tractat des Philip pus, der im Begriff stund eine Flotte von zweyhundert Seegeln gegen die Römer aus lauffen zu lassen, und sie mit aller seiner Macht sowohl zu Wasser als zu Lande anzu greiffen; wenn man, sage ich, alle diese Um stände zusammen nimmt, welche nicht nur zusammen erfolgen konnten, sondern allem Ansehen nach zusammen erfolgen musten, schien bey allen den so weißlich genommenen Maasregeln der Umsturz Roms ganz unver meidlich. Und wer hätte nicht meynen sol len, daß es mit demselben auf die Neige gien ge? Allein, wenn dieses erfolget wäre, wie würde es mit der so klaren und deutlichen Prophezeyung, welche von der zukünftigen Grösse Roms in der heiligen Schrifft aufge zeichnet ist, ausgesehen haben? Fällt es et wan dem Allmächtigen schwer, alle diese Ge fahr abzuwenden? Und eben dieses erfolgte. In dem Augenblick, da Hasdrubal im Ab marsch aus Spanien begriffen ist, wird ihm zu rechter Zeit von den Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) ein Treffen geliefert, er wird überwunden und zurückge halten. Die Nachricht von diesem widrigen Zufall hemmet, so bald sie nach Carthago überbracht wird, den Uebergang des Mago. Die Gefangennehmung der Gesandten des Philippus vereitelt alle Absichten dieses neues
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Feindes. Aus dem folgenden wird es sich(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) deutlich ergeben, wie Rom bey allen diesen Stürmen in einer recht bewundernswürdigen Gelassenheit und Standhafftigkeit verblieben. Jetzt wollen wir in unserer Erzehlung fort fahren. Auf den Bericht, welchen der aus Sici(Beschaffen heit der Sa chen in Sar dinien. Liv.XXIII. 34.) lien von seiner Statthalterschafft zurückge kommene Mammula von dem Zustande dieser Provinz, von der Krankheit seines Nachfol gers, des Q. Mucius, von der zu einem allge meinen Aufruhr abzielenden Gesinnung der Einwohner, und von dem in kurzen bevor stehenden Einbruch der Carthaginenser ab stattete, ertheilten die Senatoren dem Q. Ful vius Flaccus Befehl, fünftausend Mann zu Fuß und vierhundert zu Pferde aufzubringen, und diese Legion unverzüglich nach Sardini en übersetzen zu lassen. Sie ertheilten ihm zu gleich freye Macht, einen General nach seinem Belieben zu erwehlen, welcher so wohl diese, als auch alle die andern Trupen, die schon in der Provinz wären, bis auf die völlige Wie derherstellung des Q. Mucius, commandi ren sollte. Man trug die Aussführung dieses Unternehmens dem Q. Manlius Torqvatus auf, welcher schon zweymahl Consul und Censor gewesen war, und während seines er sten Consulats die Sardinier denen Römern unterwürfig gemacht hatte. Ohngefähr um eben die Zeit strandete die Flotte, welche die Carthaginenser unter dem Commando Has drubals des kahlen nach Sardinien schickten,
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) an den Balearischen Inseln, nachdem sie ei nen erschrecklichen Sturm ausgestanden hat te. Die ganze Ladung war in den elendesten Umständen, und die Schiffe selbst waren so hefftig erschüttert worden, daß man sich genö thiget sahe, sie ans Land zu ziehen, und eine geraume Zeit zu ihrer Ausbesserung anzuwen den. (Unterneh mung der Campanier gegen Cume wird durch den Sempro nius verei telt. Liv.XXIII. 35 - 37.) Wir kommen wieder auf Italien. Da die Schlacht bey Cannas die Macht der Rö mer sehr geschwächet, und die Annehmlich keiten von Capua die Tapferkeit der Cartha ginenser um vieles verringert hatte, wurde der Krieg bey weiten nicht mehr mit so gros sem Muth und Eifer allda fortgesetzet. Die Campanier bemüheten sich die Stadt Cume unter ihre Gewalt zu bringen, und liessen es erstlich an zureden nicht ermangeln, um sie zu bewegen, daß sie die Römische Parthey verlassen möchte. Weil sie aber auf diese Art nicht zu ihrem Zweck gelangen konnten, brauchten sie List, und suchten sie zu überfal len. Sie luden den Rath von Cume zu ei nem Opfer ein, welches man in der kleinen Stadt Hama anstellete, und wobey sich der Rath von Capua einfinden wollte. Die Cumer stellten sich zwar gleich einen Betrug darunter vor, unterliessen aber doch nicht, das Anerbieten anzunehmen, um dadurch die Campanier selbst in die Falle zu bringen. Sie gaben alsobald dem Sempronius, der da mals bey Liternum stund, von dem vorgegan genen Nachricht, und liessen ihm melden, daß
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nicht nur der Rath, sondern auch das Volk(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) und die Armee von Capua bey dem Opfer zugegen seyn würde. Hierauf befahl ihnen der Consul alle ihre Habseligkeiten von dem Lande in die Stadt zu bringen, und sich in ihren Mauern wohl eingeschlossen zu halten. Er selbst begab sich den Abend vor dem Opf fer auf den Marsch, um sich der Stadt Cu me, welche nur dreytausend Schritt von Ha ma entfernt war, zu nähern. Die Campa nier hatten sich daselbst schon in grosser An zahl versammlet, und das Fest sollte drey Ta ge hintereinander dauern. Es nahm allezeit seinen Anfang des Abends, und endigte sich vor Mitternacht. Diese Zeit schien dem Sem pronius die gelegenste zu seyn, den Angriff zu thun. Er brach deswegen wirklich ohnge fähr zwo Stunden vor der Sonnen Unter gang auf, und nachdem er um Mitternacht in gröster Stille zu Hama angelangt war, rückte er zu gleicher Zeit durch alle Thore in das Campanische Lager ein, welches er sehr schlecht verwahret antraf, wie solches bey Leu ten zu geschehen pflegt, welche, nachdem sie wacker geschmauset, des Schlafs höchst be nöthigt sind. Die meisten wurden ermordet, einige in ihren Betten, darinnen sie im tiefen Schlafe gleichsam begraben lagen, andere in dem sie vom Opfer unbewafnet zurücke ka men. Die Campanier büßten bey diesem nächtlichen Ueberfall, ausser ihrem Anführer dem Marius Alfius, über zweytausend Mann ein. Man nahm ihnen über dieses vier und
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) dreyßig Fahnen ab. Sempronius hingegen vermißte nicht hundert Soldaten, und be hauptete das Feld. Nachdem er selbiges rein ausgeplündert hatte, zog er sich in gröster Eil wieder nach Cume zurück, weil er befürchtete, er möchte von dem Hannibal, der auf dem Berge Ti fata oberhalb der Stadt Capua gelagert stund, angegreiffen werden. Selbiger mach te sich auch wirklich, so bald er von dieser Nie derlage Nachricht erhielt, auf den Weg, und marschirte mit der grösten Eilfertigkeit auf Hama los, in der gewissen Hofnung, die Rö mer noch allda anzutreffen. Er bildete sich ein, es würde eine Armee, die gröstentheils aus neuen Soldaten, ja selbst aus Sclaven bestünde, sich durch das Glück haben blen den lassen, und noch mit Plünderung der Ue berwundenen und Zusammenbringung der Beute beschäfftiget seyn. Aber so grossen Fleiß er auch anwendete, traf er doch keinen Feind mehr zu Hama an; er sahe nichts als die traurigen Merkmaale von der Niederlage seiner Bundesgenossen, und die mit ihren tod ten Cörpern bedeckte Erde. (Eben dieser Sempronius vertheidiget auch Cume gegen den Hannibal.) Den Tag darauf belagerte er den Sem pronius in Cume; dieses Unternehmen aber gieng ihm eben so wenig von statten. Die Belagerten vertheidigten sich mit unerschro ckenem Muth, und da sie einen Thurm des Hannibals an ihre Mauer angerückt fanden, steckten sie selbigen durch eine grosse Menge Fackeln, die sie alle auf einmahl darauf warf
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fen, in Brand. Diese Entzündung verur(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) sachte eine allgemeine Bestürzung unter den Feinden, während welcher die Römer zu glei cher Zeit aus zwey Thoren der Stadt einen Ausfall thaten, und die Carthaginenser mit so vieler Tapferkeit in ihr Lager zurück trie ben, daß nicht der Consul, sondern der Han nibal, belagert zu seyn schien. Von den Car thaginensern blieben ohngefähr dreyzehnhun dert in diesem Angriff, und neun und funf zig bekam man lebendig gefangen. Sem pronius wartete nicht so lange, bis die Fein de sich von ihrer ersten Bestürzung wieder erholet hatten, sondern ließ sogleich zum Rückmarsch blasen, und führte die Seinigen wieder zurück in die Stadt. Weil sich nun Hannibal mit der Hofnung schmeichelte, daß der Consul aus einer allzugrossen Einbildung auf den erhaltenen Vortheil leicht zu einem ordentlichen Treffen dürfte verleiten lassen, stellte er sich den darauf folgenden Tag in völliger Schlachtordnung zwischen sein Lager und die Stadt. Als er aber sahe, daß die Feinde nichts unbesonnen wagen wollten, sondern nur, wie gewöhnlich, ihre Mauern vertheidigten, zog er sich mit Verdruß und Unwillen über den mißlungenen Streich wie der in sein Lager nach Tifata zurück. Der Consul Sempronius war ein versuch(Wachsam keit und Klugheit die ses Consuls.) ter, wachsamer und auf alles genaue Acht ha bender General, der nicht weniger Klugheit als Muth besaß, und sein Vorhaben mit be sonderer Geschwindigkeit ausführete. Als
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) die Gesandten von Cume sich an ihn wende ten, trafen sie ihn, wie schon gedacht wor den, zu Tifernum an. Weil er allda von den Feinden nichts zu befürchten hatte, be schäfftigte er seine Trupen beständig mit Kriegsübungen, damit die neuen Soldaten, welche meistens Sclaven waren, die sich frey willig angegeben hatten, möchten angewöh net werden, ihren Fahnen zu folgen, und ihre Posten in der Schlacht kennen zu lernen. Sein vornehmstes Augenmerck richtete er ü ber dieses darauf, sie insgesamt in einer voll kommenen Einigkeit zu erhalten. Um nun allen Zänckereyen vorzubeugen, ließ er durch die Generals und Obristen denen Soldaten ausdrücklich anbefehlen, daß keiner dem an dern seinen vorigen Stand vorrücken, sondern alle, sowohl alte als neue Soldaten, Freye und Sclaven, zufrieden seyn sollten, daß ih nen auf einerley Art begegnet würde. Er gab ihnen zu überlegen, daß alle, welche die Republick (*) würdigte, ihnen ihre Waffen anzuvertrauen, Adel genung besässen, und daß eben derjenige Bewegungs-Grund, welcher sie genöthiget hätte, ihre Zuflucht zu ausseror dentlichen Mitteln zu nehmen, auch erforder te, das, was geschehen, bey seiner Krafft zu erhalten. Diesen klugen Vorstellungen such ten die gemeinen Soldaten mit nicht gerin germ Eifer nachzukommen, als die Officirer 46
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bezeigten, indem sie ihnen dieselben machten;(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) und man sahe in kurtzem eine so grosse Ein tracht bey dieser Armee, daß man fast gänz lich den Stand, aus welchem ein jeder zum Soldaten war angenommen worden, in Vergessenheit stellte. In eben der Zeit, da Sempronius Grac(Die Gesand ten des Han nibals lan gen zu Rom an. Liv.XXIII. 38.) chus den Hannibal nöthigte, die Belagerung von Cume aufzuheben, gewann ein anderer Sempronius, der mit dem Zunamen der Lan ge hieß, eine Schlacht gegen den Hanno in Lucanien, worinnen er zweytausend Feinde erlegte, und selbst nicht einmahl dreyhundert Mann einbüßte. Zugleich eroberte er ein und vierzig Fahnen. Der Prätor M. Va lerius, bemächtigte sich dreyer Städte der Herpinier, welche die Römische Parthey ver lassen hatten. Während daß dieses also vorgieng, lang ten die fünf Galeeren, welche die Gesandten des Philippus und Hannibals, die man zu Gefangenen gemacht hatte, in der Gegend von Cume an, nachdem sie auf ihrem Wege aus dem Adriatischen Meere in die Toscani sche See fast an allen Küsten Italiens hinge seegelt waren. Weil Sempronius nicht wu ste, ob diese Schiffe der Republick oder den Feinden angehörten, fertigte er einige von seiner Flotte ab, um sie auszukundschafften. Aus den gethanen Fragen und ertheilten Ant worten erfuhr Valerius, der diese fünf Ga leeren commandirte, daß einer von den Con suls zu Cume sich befinde. Dieses bewog
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) ihn, in dem dasigen Hafen einzulauffen, und dem Sempronius die Gefangenen, die er auf den Schiffen hatte, nebst dem Schreiben des Hannibals an den Philippus zu überliefern. Nachdem der Consul selbiges durchgelesen hatte, siegelte er es fest wieder zu, und schick te es zu Lande an den Rath, dem Valerius aber befahl er, seinen Weg zur See mit den Gefangenen fortzusetzen. Die Briefe und die Gefangenen kamen fast zu gleicher Zeit in Rom an. Nachdem man die Sache unter sucht, die gefangenen Gesandten verhört, und ihre Antworten mit dem Inhalte der Briefe einstimmend befunden hatte, geriethen die Se natoren in eine grosse Verlegenheit, weil sie sahen, daß sie nun auch einen so mächtigen König, als Philippus war, auf den Hals bekommen würden, da sie doch kaum im Stande wären, dem Hannibal Widerstand zu thun. Allein es fehlte so viel, daß sie sich durch die Furcht hätten gänzlich niederschla gen lassen sollen, daß sie vielmehr alsobald ü ber die Mittel berathschlagten, den Krieg nach Macedonien zu spielen, und dadurch den Kö nig von dem Einfall in Italien zurück zu hal ten. Wo trifft man wohl eine gleichförmi ge Standhaftigkeit und eine gleichmäßige Großmuth an? (Maasregeln, welche die Römer ge gen den Phi lippus neh men.) Nachdem sie die Gesandten ins Gefäng niß setzen lassen, und ihr Gefolge öffentlich zu Sclaven verkaufft hatten, liessen sie in der Eil fünf und zwanzig Galeeren ausrüsten, um sie zu den fünf und zwanzig Schiffen,
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welche der P. Valerius Flaccus comman(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) dirte, stossen zu lassen. Als sie im Stande waren das Meer zu halten, nahmen sie noch die fünfe darzu, welche die Gefangenen über bracht hatten, und alle zusammen lieffen von Ostia aus, um nach Tarent zu seegeln. P. Valerius bekam Befehl, die Trupen, die vor mahls unter dem Varro gedienet hatten, und welche itzt der General - Lieutenant Apustius commandirte, an Bord zu nehmen, und mit dieser Flotte von funfzig Schiffen nicht allein die Küsten von Italien zu vertheidigen, son dern auch die Bewegungen, die man auf der Seite von Macedonien machen dürfte, zu beobachten. Zugleich wurde ihm auch an befohlen, im Fall daß Philippus nach Maaß gabe dessen, was die Tractaten und Briefe, die man bey den Gesandten gefunden, und die von selbigen selbst ertheilten Antworten besagten, etwas zu unternehmen schiene, hier von unverzüglich dem Prätor M. Valerius schriftliche Nachricht zu geben, damit er nach Uebergebung des Commando seiner Armee an den L. Apustius, die Tarentinische Flotte übernehmen, sie nach Macedonien überfüh ren, und den Philippus in seinen eignen Staa ten zurückhalten könnte. Das Geld, wel ches man dem Appius Ciaudius nach Sicili en zugeschickt hatte, um davon die Schuld an den König Hiero abzutragen, wurde zum Un terhalt der Flotte und der Trupen, die zum Macedonischen Kriege bestimmet waren, ge widmet. Der L. Apustius ließ es so gleich
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) nach Tarent bringen, und Hiero lieferte noch an Korn zweyhundert tausend, und an Ger ste, hundert tausend Maas darzu. Indem die Römer mit diesen Zurüstungen beschäfftiget waren, ersahe das Macedonische Schiff, welches man aufgebracht und nebst den fünf Römischen nach Rom geschickt hat te, seine Gelegenheit zu entwischen, und kehr te nach Macedonien zurück. Hierdurch er fuhr Philippus, daß die Gesandten nebst den Briefen, die sie zu überbringen gehabt, wären aufgefangen worden. Weil er aber weder von dem Ttractat, den die Seinigen mit dem Hannibal gemacht hatten, noch von der Ant wort, welche die Abgesandten des Hannibals hatten überbringen sollen, einige Nachricht erhielt, ließ er eine zweyte Gesandtschafft mit eben denselben Verhaltungsbefehlen und Voll machten abgehen. Diese Gesandten waren glücklicher, als die ersten. Sie kamen glück lich zu dem Hannibal, und überbrachten des sen Antwort an den Philippus. Allein der Feldzug ging zu Ende, ehe der König von Macedonien das geringste unternehmen konn te. So ein wichtiger und vortheilhafter Vor fall vor Rom war die Einbringung eines Schiffes und der darauf befindlichen Ge sandten, denn selbige setzte den Krieg, der den Römern bey gegenwärtigen Umständen höchst nachtheilig hätte seyn können, auf ein ganzes Jahr weiter hinaus. Nachdem Fabius wegen der Anzeigungen, die ihn beunruhigten, die Götter durch Opfer
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versöhnet hatte, gieng er über den Vultur(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) nus, und führte mit seinem Collegen, zu dem er gestossen war, den Krieg gemeinschafftlich in den Gegenden von Capua. Er nahm auch einige Städte, die sich vor den Han nibal erkläret hatten, mit Gewalt wieder ein. Zu Nola stund es noch eben so, wie es in(Uneinigkeit zu Nola zwi schen dem Rathe und Volke dauert fort.) dem vorigen Jahre allda gestanden hatte. Der Rath hielt es mit den Römern und das Volk mit dem Hannibal, und man hatte sich sogar zusammen rottiret, in der Absicht, nach Ermordung der vornehmsten Bürger, die Stadt dem Hannibal zu überliefern. Al lein den Fortgang dieses Vorhabens zu hin dern, machte sich Fabius auf, und besetzte den Posten des Marcellus oberhalb Sessola, zwischen Capua und der Armee des Hanni bals, welcher bey dem Berge Tifata sein La ger hatte, den Marcellus aber schickte er mit den Trupen, die unter dessen Commando stun den, nach Nola, um auf die Erhaltung dieser Stadt bedacht zu seyn. In Sardinien setzte der Titus Manlius(Sardinien erregt einen Tumult, und wird von dem Manli us nach ei nem herrli chen Siege wieder unter das Joch ge bracht. Liv.XXIII. 40. 41.) die Römische Armee, welche seit der Krank heit des Prätors Qv. Mucius gar wenig ge than hatte, wieder in Bewegung. Er brachte seine Schiffe in den Hafen Caralis (heut zu Tage Cagliari) in Sicherheit, und vereinigte die Soldaten, die sich darauf be funden hatten, mit den Trupen, die er von dem Prätor erhielt, nachdem er Gewehr un ter sie hatte austheilen lassen. Ueberhaupt bestund seine Armee aus zwanzig tausend
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) Mann zu Fuß, und zwölf hundert Pferden. Er war gegen die eingebohrnen Insulaner so glücklich, daß er ohne Zweifel den Krieg in Sardinien völlig beygeleget haben würde, wenn nicht Hasdrubal der Kahle noch eben zu rechter Zeit mit seiner Carthaginensischen Flotte, welche der Sturm an die Barbari schen Küsten verschlagen hatte, angelanget wäre, und die Völker, welche im Begriff stunden sich wieder unter Römische Botmäs sigkeit zu begeben, von neuen aufgebracht hätte. So bald als Manlius die Nachricht von der Ankunft der Carthaginensischen Flot te erhielt, zog er sich nach Cagliari zurück, und gab dadurch dem Sardinischen General Hampsicoras Gelegenheit, sich mit dem Has drubal zu vereinigen. Als dieser letztere sei ne Trupen ans Land gesetzet, und die Schiffe wieder nach Carthago zurück geschicket hatte, brach er mit dem Hampsicoras, der der Ge genden kundig war, auf, um die Länder der Bundsgenossen des Römischen Volks aus zu plündern und zu verheeren. Er würde bis nach Cagliari vorgerückt seyn, wenn ihm nicht Manlius mit seiner Armee entgegen gegan gen wäre, und den Streiffereyen, womit er das platte Land verwüstete, Einhalt gethan hätte. Beyde Armeen stunden einander ziem lich nahe im Gesichte, welches sogleich zu ver schiedenen Scharmützeln Anlas gab, darin nen bald diese, bald jene Parthey einigen Vortheil davon trug. Endlich kam es zu ei ner Hauptschlacht, welche vier Stunden dau
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erte. Die Sardinier bewiesen in dem Ge(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) fechte nach ihrer gewöhnlichen Art gar schlechten Muth, daß also die Carthaginenser allein den Sieg eine Zeitlang zweifelhaft machten. End lich aber, als sie die Sardinier auf der Flucht, und die Erde mit todten Cörpern, die auf dem Platz geblieben waren, erfüllet sahen, nahmen sie selbst auch Reis aus, und Man lius, welcher den Flügel, der die Sardinier über den Hauffen geworffen hatte, anrücken ließ, schloß sie solchergestallt ein, daß es nun nicht einer Schlacht, sondern einer Nieder metzelung gleich sahe. Es blieben an Car thaginensern so wohl als Sardiniern zwölf tausend auf der Stelle, dreytausend sechs hundert wurden ohngefähr gefangen genom men, und sieben und zwanzig Fahnen er beutet. Noch herrlicher und merkwürdiger wurde dieser Sieg dadurch, daß Hasdrubal selbst, welcher die feindliche Armee commandirte, nebst dem Mago und Hanno, zween der angesehensten Carthaginenser, in die Gefan genschafft geriethen. Mago war aus der Barcanischen Familie, und ein naher Anver wandter des Hannibals, Hanno aber der Anstiffter des Aufruhrs in Sardinien, und folglich der Urheber des Kriegs, der daher entstanden. Auch das Unglück, welches die Sardinischen Generale betraf, gab dem Rö mischen Siege einen neuen Glanz. Der Hio stus, ein Sohn des Hampsicoras, blieb in dem Treffen, und sein Vater Hampsicoras,
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) der sich mit einer kleinen Anzahl Reuter durch die Flucht gerettet hatte, machte sein Unglück vollends ganz vollkommen, indem er sich, so bald er die Nachricht von dem Tode seines Sohnes erhielt, in der darauf folgenden Nacht selbst um das Leben brachte. Cornus, die Hauptstadt der Gegend, wo die Schlacht vorgefallen war, diente den ü brigen zur Retirade, allein Manlius berenne te sie mit seiner siegreichen Armee, und be mächtigte sich ihrer binnen wenig Tagen. Die übrigen Städte, welche die Parthey des Hampsicoras und der Carthaginenser gehal ten hatten, liessen sich solches zu einem Exem pel dienen, und ergaben sich durch Ueberschi ckung ansehnlicher Geissel an den Manlius, welcher sich hierauf, nachdem er von einer je den Stadt nach ihrem Vermögen Geld und Lebensmittel eingetrieben hatte, nach Cagli ari wieder zurück begab. Daselbst setzte er seine Soldaten in die Schiffe, welche er in dem Hafen gelassen hatte, und segelte damit nach Rom zurück. Nachdem er dem Rath von der Unterwerffung Sardiniens Bericht abgestattet hatte, überlieferte er denen Qvä storen oder Schatzmeistern das Geld, welches er von dar mitbrachte; denen Bauherren die Lebensmittel, die noch vorräthig waren, und dem Prätor Fulvius die Gefangenen. Um eben dieselbe Zeit verheerete T. Otaci lius, der mit seiner Flotte von dem Lilybäi schen Vorgebürge nach Africa übergegan gen war, die Länder der Carthaginenser, und
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weil er in Erfahrung gebracht, daß Hasdru(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) bal vor kurtzem von Balearischen Inseln nach Sardinien gesegelt sey, richtete er seinen Lauff eben dahin. Er traf aber die Flotte desselben schon auf dem Rückwege nach Africa begrif fen an, und eroberte von selbiger nach einem leichten Gefechte, sieben Schiffe, nebst allen Schiffssoldaten und Matrosen, die sich dar auf befanden. Die Furcht zerstreuete die selben solchergestallt, wie es durch einen heff tigen Sturm hätte geschehen können. Bomilcar war glücklicher. Er landete mit einer Anzahl von viertausend neuen Sol daten, vierzig Elephanten und allen Arten von Lebensmitteln, die er von Carthago der Armee des Hannibals zuführte, zu Locri. Marcellus, der von dem Consul Fabius(Marcellus verwüstet die Länder der Bundsgenos sen des Han nibals, wel che diesenum Beystand an flehen. Liv.XXIII. 42. 43.) nach Nola war geschickt worden, brachte sei ne Zeit daselbst nicht müßig zu. Er streifte von daraus in das Gebiete der Hirpinier und der Samniter von Caudium, und setzte das ganze Land umher dergestallt unter Feuer und Schwerdt, daß denen Einwohnern dadurch alle die Verheerungen, die sie in den Kriegen wider die Römer erlitten hatten, wieder in die Gedanken kamen. Endlich da sie aufs äuserste waren gebracht worden, schickten sie Abgeordnete an den Hannibal, um von ihm Beystand zu erbitten. Nachdem der vornehmste unter den Ge sandten aller der Kriege, die sie vormahls bey nahe hundert Jahr lang gegen die Römer ge
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) führet hätten, Erwehnung gethan, und so wohl die Treue, als den Eifer der dem Han nibal bezeigten Ergebenheit heraus gestrichen hatte, fügte er hinzu: „Wir machten uns gewisse Rechnung, daß, so lange wir einen so mächtigen und glücklichen General, als du bist, zum Freund und Beschützer hätten, wir uns im geringsten nicht vor dem Zorn der Römer fürchten dürften. Allein nichts destoweniger haben wir alles dieses in dem vergangenen Sommer erlitten, ob du schon die Oberhand hast, und deine Waffen sieg reich sind, auch wegen deiner Gegenwart selbst das Heulen und Wehklagen unserer Weiber und Kinder anhörest, und das Feu er, welches unsere Häuser einäschert, mit ansiehest. Wir sind auch noch denen er schrecklichsten Streiffereyen des Marcellus auf eine solche Art ausgesetzt, daß nicht Han nibal, sondern Marcellus die Schlacht bey Cannas gewonnen zu haben scheinet. Sonst waren wir im Stande, Consulen und Di ctatoren und zahlreichen Armeen die Spitze zu bieten; jetzt aber sind wir der Raub ei ner Hand voll Soldaten, die kaum zurei chend sind, die Stadt Nola, worinnen sie in Garnison liegen, zu vertheidigen. Wenn unsere junge Mannschafft, die unter deiner Armee jetzt wirkliche Dienste thut, im Lan de wäre, sollte es uns nicht schwer fallen, uns gegen die Strassenräuber zu vertheidi gen, welche mit so grosser Nachläßigkeit und
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Sicherheit in kleinen Hauffen hier und da(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) her herum streiffen, nicht anders, als wenn sie in den Gegenden von Rom herum mit Spatziergehen sich erlustigten. Schicke ge gen sie nur eine geringe Anzahl Numidier aus, selbige werden zureichend seyn, sie über den Hauffen zu werffen. Wir fürchten nicht, daß du denjenigen Schutz und Hül fe versagen werdest, die du deiner Freund schaft und Bündnisses nicht unwürdig ge achtet hast.“ Hannibal antwortete ihnen sehr höflich, daß er in kurzem die Römer aus ser Stand setzen wollte, ihnen zu schaden, und, nachdem er sie an seinen ersten Helden thaten erinnert hatte, gab er ihnen die Ver sicherung, daß, wie die Schlacht bey der Trasimenischen See mehr Aufsehens gemacht hätte, als die an dem Fluß Trebia, und der hierauf bey der Stadt Cannas erhaltene Sieg den am Trasimenischen See verdunkelt hätte; so wolle er auch nächstens den bey Cannas durch einen viel blutigern und herrli chern in Vergessenheit bringen. Nachdem er also zu ihnen gesprochen, schickte er sie reich lich beschenkt wieder zurück, brach auch wirk lich, nach Zurücklassung einer geringen An zahl Soldaten, zur Bewahrung des Lagers bey Tifata, mit dem Ueberrest seiner Armee gegen Nola auf, und versprach sich zu Folge dessen, was ihm seine Bundesgenossen von der Schwäche und Nachläßigkeit des Mar cellus versichert hatten, einen gewissen Sieg. Eben um diese Zeit brach Hanno aus dem(Die Armee des Hanni)
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(bals wird vom Marcel lus vor No la geschla gen. Liv.XXIII. 43 = 46.) Gebiete der Brutier auf, und näherte sich mit den Soldaten und Elephanten, welche Bomilcar von Carthago überbracht hatte, der Stadt Nola. Als aber Hannibal, der ziemlich nahe bey der Stadt gelagert stund, von allen sehr genaue Nachricht eingezogen, fand er, daß seine Bundsgenossen ihm einen ganz falschen Bericht erstattet, und ihm den Zustand der Sachen weit anders hinterbracht hätten, als sie sich wirklich verhielten. Denn Marcellus verhielt sich ungemein klug und vorsichtig, er verließ niemalhs sein Lager, um das Land auszuplündern, er habe denn zu vor alle Gegenden wohl ausgekundschafftet, eine gute Bedeckung bey sich gehabt, und im Fall eines Angriffes sich den Rücken frey ge macht. Bey dieser Gelegenheit aber hielt er seine Soldaten, so bald er erfuhr, daß sich der Feind näherte, in der Stadt eingeschlos sen. Nachdem Hannibal einen vergeblichen Versuch gethan hatte, die Rathsherren von Nola in ihrer Treue wankend zu machen, vertheilte er seine Trupen rings umher um die Stadt, und war Willens, sie auf allen Sei ten zu gleicher Zeit zu berennen. So bald ihn Marcellus so nahe an den Mauern ge wahr wurde, that er einen hitzigen Anfall auf ihn. Anfangs wurden die Carthaginenser in Unordnung gebracht, und einige blieben von ihnen auf dem Platze; sie erholten sich aber wieder, und, nachdem die Macht auf beyden Seiten gleich worden war, wurde von beyden
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Seiten mit der grösten Hitze und Erbitterung(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) gefochten, und das Treffen würde eins der merkwürdigsten geworden seyn, wenn nicht ein hefftiger Sturm nebst einem starken Platz regen darzwischen gekommen, und die strei tenden Armeen von einander gebracht hätte. Ohngefähr dreyßig Carthaginenser blieben bey diesem ersten Angriffe, da hingegen Mar cellus nicht einen einzigen Mann vermißte. Der Regen hielt die ganze Nacht an, und daurete bis spät an den andern Morgen. Den dritten Tag darauf schickte Hanni bal einen Theil seiner Soldaten auf Futter aus, jedoch schlug er den Streit nicht aus, als Marcellus mit seiner Armee gleich dar nach in Schlachtordnung ausrückte. Es waren ohngefähr tausend Schritt zwischen der Stadt und seinem Lager, und auf diesem Platze, der ein Theil von der grossen Ebene ist, welche die Stadt auf allen Seiten um giebt, erfolgte das Treffen. Beyde Armeen machten gleich bey dem Anfange desselben ein heftiges Geschrey, welches verursachte, daß diejenigen, welche auf Futter ausgegan gen und noch nicht weit entfernet waren, zu dem schon angegangenen Treffen noch zurück kamen. Die Einwohner von Nola erboten sich auch zu den Römern zu stossen, allein Marcellus schlug ihr Anerbieten aus. Er lobte ihren Eifer, und gebot ihnen, sich im Hinterhalt zu stellen, um ihm im Fall der Noth Hülffe zu leisten, übrigens aber besorgt zu seyn, die Verwundeten aus dem Handge
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(V. R. E. 537. V. C. G. 125.) menge zu bringen, doch ohne sich ins Treffen mit einzulassen, er habe ihnen denn ein Zei chen darzu gegeben. Man wuste lange nicht, auf welche Seite der Sieg sich lencken wür de. Beyde Theile, die durch das Zureden und Beyspiel ihrer Anführer angetrieben wur den, fochten mit vieler Hitze. Marcellus stel lete den seinigen vor: „Wenn sie sich nur ein wenig angriffen, würden sie in kurtzem die Oberhand bekommen über diejenigen Trupen, die sie drey Tage vorher schon ü berwunden hätten, die nur erst kürzlich durch den Consul Sempronius von Cume wären weggejagt worden, und die er selbst, wiewohl mit andern Soldaten, im vorigen Jahre vor Nola geschlagen und die Flucht zu nehmen gezwungen hätte. Die ganze Macht der Carthaginenser wäre nicht bey sammen, sondern ein grosser Theil befände sich auf dem Lande umher zerstreuet, und beschäfftigte sich mit rauben und plündern. Diejenigen selbst, welche dem Streite bey wohnten, wären Leute ohne Muth und Kräfte. Die Annehmlichkeiten von Ca pua, wo sie den vorigen Winter in allen Arten von Ausschweiffungen und Wollü sten zugebracht, hätten sie kraftlos gemacht, und um alle die Tapferkeit gebracht, wel che ihnen vormahls alle Schwürigkeiten bey Uebersteigung der Pyreneischen und Alpen gebürge erleichtert hätte. Es wäre nur noch ein Ueberrest von jenen ersten Cartha ginensern, denen kaum so viel Vermögen
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übrig geblieben wäre, um die Last ihrer ei(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) genen Cörper und ihrer Waffen zu tragen. Capua (*) wäre eben das vor die Cartha ginenser gewesen, wofür Cannas in Anse hung der Römer gehalten würde. An die sem Orte hätten die Soldaten des Hanni bals ihren vorigen Muth verlohren, an die sem Orte wäre die so unvergleichliche Kriegs zucht, der in vorigen Zeiten erworbene Ruhm und alle wegen des künftigen ge machte Hoffnung darauf gegangen.“ Indem Marcellus solchergestalt die Car thaginenser verächtlich vorstellete, um da durch die seinigen desto muthiger zu machen, machte der Hannibal selbst ihnen noch viel empfindlichere Vorwürffe. „Ich werde zwar, sagte er zu ihnen, noch eben die Fah nen und eben die Waffen gewahr, welche ich an dem Fluß Trebia, an der Trasimeni schen See und bey Cannas wahrgenom men habe: ich finde aber nicht mehr diesel bigen Soldaten. Ihr, denen vormahls zweene Consuls und zwo Consularische Ar meen nicht haben Widerstand thun können, ihr seyd itzt nicht im Stande, den Anfall einer einzigen Legion und eines kleinen Corps Lateiner, die ein Römischer Unterfeldherr commandiret, auszuhalten. Dieses ist schon das zweytemahl, daß Marcellus mit 47
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) neuangeworbenen Trupen und mit den Bür gern von Nola uns ungestraft angreiffet. Was ist aus dem Carthaginenser gewor den, welcher dem Consul Flaminius, nach dem er ihn vom Pferde gestürzet hatte, den Kopf abhieb? Wo ist der hingekommen, welcher in der Schlacht bey Cannas den L. Paulus ermordete? Sind denn eure Waf fen stumpf geworden? Sind denn eure Arme erstarrt? O Wunder! Ihr, die ihr vormahls ohne grosse Mühe weit stärkere Armeen, als die eurige war, zu besiegen ge wohnet waret, könnet itzt, da ihr den Vor theil der Ueberlegenheit habet, nicht einer Hand voll Soldaten widerstehen! Ihr Großsprecher, die ihr mit Pralen vorgeben konntet, Rom einzunehmen, wenn man euch nur gegen ihre Mauern führete! Hier kommt es auf eine viel leichtere Unterneh mung an. Die Probe, woran ich heut eu ren Muth und eure Kräfte erkennen will, ist die Eroberung von Nola. Diese Stadt liegt mitten in einer Ebene: sie hat weder ei nen Fluß, noch ein Meer, wodurch sie be schützet würde. Erobert sie im Sturm, und wenn ihr euch mit der Beute einer so begüterten Stadt werdet bereichert haben, will ich euch, wohin ihr nur verlanget, ent weder führen, oder auch nachfolgen.“ Allein weder Vorwürfe noch Lobsprüche konnten ihnen einigen Muth einflössen. Sie wichen auf allen Seiten, und da bey den Rö mern ihre angebohrne Herzhafftigkeit sowohl
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durch die Aufmunterungen und Lobeserhebun(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) gen ihrer Generale, als auch durch den Bey fall, welchen die von Nola von den Mauern herab ihnen gaben, beständig mehr zunahm, ergriffen die Carthaginenser endlich offenbar die Flucht, und eilten in gröstem Schrecken nach ihrem Lager zurück. Die sieghafften Römer machten sogleich Anstalt sie daselbst anzugreiffen, allein Marcellus ließ sie wieder in die Stadt einrücken, wo sie mit gröstem Vergnügen und einem allgemeinen frolocken den Zuruf, selbst von dem Volke, welches bisher auf die Carthaginensische Seite gehan gen hatte, aufgenommen wurden. Die Römer erlegten in dieser Schlacht über fünftausend Feinde, nahmen sechshun dert gesangen, und eroberten neunzehn Fah nen und zween Elephanten, von denen auch viere in dem Treffen umgekommen waren. Des Marcellus Verlust erstreckte sich noch nicht auf tausend Mann. Den darauf fol genden Tag war ein heimlicher Waffenstill stand, während dessen beyde ihre Todten be gruben. Marcellus verbrannte die dem Fein de abgenommene Beute zu Ehren des Vul canus, dem er damit ein Opfer zu machen sich anheischig gemacht hatte. Den dritten Tag nach der Schlacht giengen zwölfhundert und zwey und siebenzig theils Spanische, theils Numidische Reuter, die entweder wegen üb ler Begegnung misvergnügt waren, oder bey den Römern sich vortheilhaftere Dienste ver sprachen, aus dem Lager des Hannibals zu
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) dem Marcellus über. Dergleichen war dem Hannibal noch niemahls begegnet. Denn ob schon seine Armee aus vielen barbarischen Na tionen, die sowohl in Ansehung ihrer Sitten als Sprache von einander unterschieden wa ren, bestund, hatte er doch bis hieher ein gu tes Verständnis und vollkommene Eintracht unter ihnen erhalten. Diese Reuter haben von der Zeit an den Römern mit vielem Eifer und Treue gedienet, deswegen man, als der Krieg zu Ende war, einem jeden in seinem Vaterlande zur Belohnung vor ihre Dienste Ländereyen anwieß und nöthige Versorgung gab. Hannibal schickte hierauf den Hanno mit den Trupen, die er aus dem Gebiete der Brutier (*) herbey geführet hatte, dahin wieder zurück, und begab sich selbst nach Apu lien in die Winterqvartiere, wo er in der Ge gend von Arpi sein Lager aufschlug. So bald Fabius den Aufbruch des Han nibals nach Apulien erfuhr, machte er An stallt, Proviant aus Nola und Neapel in sein Lager bey Sessola zu bringen, und nach dem er selbiges wohl befestiget, ließ er eine zu reichende Anzahl Trupen darinnen, um es den Winter über zu bewahren. Er selbst er hob sich in die Gegend von Capua, und setz te das ganze Land unter Feuer und Schwerdt. Obgleich die Einwohner sich auf ihre Kräfte nicht viel einbildeten, kamen sie doch nichts destoweniger hinter ihren Mauern hervor; 48
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sie entfernten sich aber nicht weit von densel(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) ben, sondern setzten sich nahe bey der Stadt in ein wohlverwahrtes Lager. Sie hatten ein Corps von sechstausend Mann überaus schlechter Infanterie, die Cavallerie aber war in besserm Stande, daher sie sich auch selbi ger insonderheit den Feind zu beunruhigen be dienten. Unter den Rittern von Capua, die wegen(Zweykampf zwischen Ju bellius und Claudius. Liv.XXIII. 46. 47.) ihrer Geburt und Tapferkeit vor andern in Ansehen stunden, behauptete Jubellius Tau rea den vornehmsten Platz, so daß niemand, als der einzige Römische Claudius Asellus, mit ihm in Vergleichung konnte gestellet wer den, als er noch unter den Römischen Arme en Dienste that. Dieser Jubellius ritte sporn streichs auf die Römischen Schwadronen zu, und nachdem er sich lange Zeit nach dem Clau dius umgesehen hatte, und merkte, daß man geneigt sey ihn anzuhören, fragte er mit lau ter Stimme: Wo Claudius Asellus wäre? und warum er sich nach so vielem Wortstreit über die Tapferkeit nicht darstellte, diesen Streit mit den Waffen in der Faust auszu machen? „Warum erscheinet er nicht, sag te der trotzige Campanier, damit entweder ich die Ehre habe ihn zu überwinden, oder er den Ruhm eines herrlichen Sieges davon trage?“ Als Claudius von dieser Herausfor derung benachrichtiget wurde, verzögerte er nicht, selbige anzunehmen, so bald er nur die Erlaubnis darzu von seinem General erhal ten hatte. Er griff sogleich zum Gewehr,
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) und, nachdem er vor das Lager hinaus war, ruffte er dem Taurea bey seinem Namen, und erklärte ihm, daß er bereit sey, sich mit ihm, wo er wollte, zu schlagen. So wohl die Römer waren, um Zeugen von diesem Zweykampf zu seyn, in grosser Menge vor das Lager heraus getreten, als auch von Seiten der Campanier waren nicht nur ihre Verschanzungen, sondern auch die Stadtmauern mit Zuschauern erfüllet; als die Kämpfer nach einigen Drohworten und trotzigen Minen mit der Lanze in der Hand auf einander losgiengen. Weil sie sich aber auf einer Ebene befanden, und alle Freyheit hatten auszubeugen, entgiengen sie beyder seits denen Stössen, die sie auf einander tha ten, und der Streit währete eine lange Zeit, ohne daß sie einander eine Wunde beybrach ten. Hierauf sagte der Campanier: „Wenn wir uns nicht in diesen holen und engen Weg herunter begeben, wird dieses nicht ein Ritterkampf, sondern ein Pferdestreit seyn. Hier unten aber werden wir einan der um so viel näher zu Leibe gehen können, da uns die Freyheit auszuweichen versagt ist.“ Kaum hatte Jubellius ausgeredet, so trieb Claudius sein Pferd an, und that einen Satz in diesen Weg. Allein Jubellius, der tapferer in Worten als in der That war, entfernte sich und verschwand, nachdem er das Sprüchwort: (*) Hier ist der Esel in 49
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dem Graben, von sich hatte hören lassen.(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) Claudius begab sich demnach wieder auf die Ebene, machte mit seinem Pferde noch ver schiedene Wendungen, und weil er keinen Feind mehr fand, trieb er mit der Zaghaftig keit des Jubellius seinen Spott, und kehrte unter freudigem Zuruff der ganzen Römischen Armee in das Lager wieder zurück. Man blieb hernach auf beyden Seiten in Ruhe; und selbst der Consul entfernte sich ziemlich weit von der Stadt, um den Cam paniern Zeit zur Bestellung ihrer Felder zu lassen. Er verursachte auch auf Feldern kei nen Schaden, bis die Saat weit genung her aus war, daß sie zur Fütterung dienen konn te. Sodann ließ er sie abschneiden, und in sein Lager bey Sessola bringen, welches er in den Stand setzte, denen Trupen zum Win terquartier zu dienen. Er schickte dem Proconsul Marcellus den Befehl zu, nicht mehrere Soldaten zu Nola zu behalten, als er zur Vertheidigung der Stadt nöthig hätte, die übrigen aber nach Rom zurück zu schicken, damit sie weder den Bundsgenossen, noch der Republick zur Last gereichen möchten. Nachdem Sempronius seine Legionen von Cume nach Luceria in Apulien abgeführet hat
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) te, schickte er von dar den Prätor M. Va lerius mit der Armee, die er zu Luceria gehabt hatte, nach Brundusium, und trug ihm auf, die Küste von Salentum zu bewahren, da selbst einen Vorrath von allerhand Proviant anzuschaffen, und alle nöthige Anstallten zu treffen, damit man allda vor dem Macedoni schen König Philippus in Sicherheit seyn könnte. (Zustand der Sachen in Spanien. Liv.XXIII. 48.) Gegen das Ende des Feldzugs erhielt man Briefe von den beyden Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) , in denen sie von dem glücklichen Fortgang, den ihre Waffen in Spanien gehabt hatten, Bericht erstatteten. Sie fügten aber hinzu, daß ihre Armeen sowohl zu Wasser als zu Lande Man gel an Gelde, Kleidung und Lebensmitteln lit ten. Wegen Aufbringung des Geldes woll ten sie zwar wohl bey den Spaniern Rath schaffen, wenn etwan dergleichen nicht in der allgemeinen Schatzkammer befindlich wäre: das übrige aber müste man ihnen ohnfehlbar von Rom zusenden, und ausser dem keine Rech nung auf die Erhaltung der Armee und der Provinz machen. Nach geschehener Able sung dieser Briefe sahe zwar ein jeder die Rich tigkeit aller dieser Bedürfnisse und die Noth wendigkeit denselben abzuhelffen ein; man richtete aber die Gedanken auch sowohl auf die Menge der Trupen, die zu Wasser und zu Lande zu unterhalten waren, als auf die neue Flotte, welche nothwendig ausgerüstet werden muste, wenn man gegen den König Philippus Krieg zu führen genöthiget wür
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de. Sie sahen, daß Sicilien und Sardini(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) en, welche noch vor dem Krieg Tribut zahl ten, ietzt kaum so viel lieferten, als zur Un terhaltung der Armeen, die diese Inseln be schützten, nöthig war. Daß zwar die Auf lagen, die man von den Römischen Bürgern und Bundsgenossen in Italien höbe, bisher zu den ausserordentlichen Ausgaben zugerei chet hätten, daß aber auch die Anzahl derje nigen, von denen man diese Summen ein brächte, durch den Verlust der grossen Ar meen, die bey der Trasimenischen See und bey Cannas geschlagen worden, sehr abge nommen hätte, und daß die wenigen, welche diese Niederlagen überlebet, der Last würden unterliegen und auf eine andere Art umkom men müssen, wenn man sie übermäßig be schweren wolte. Hieraus erkannten sie, daß die Republick nicht im Stande wäre, sich durch die Summen, welche wirklich in ihrem Schatzkasten sich befänden, aufrecht zu er halten, wo sie nicht in der Großmuth derer jenigen einigen Beystand fände, welche ihr ei nen Vorschuß zu thun beliebten. Ihr Schluß war demnach, daß der Prätor Fulvius das Volk zusammen beruffen, demselben die drin gende Noth des Staats (*) vorstellen, und insonderheit diejenigen, welche bey denen über sich genommenen Lieferungen Geld gewonnen 50
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) hätten, ermahnen solte, der Republick, von der sie sich bereichert hätten, unter die Arme zu greiffen, und zwar so, daß sie nicht etwan das Capital selbst dem Staate aufopfern, sondern ihm nur Zeit zur Bezahlung lassen, und indessen über sich nehmen sollten die Ar mee in Spanien mit dem benöthigten zu ver sorgen, unter der Versicherung, daß sie, so bald nur Geld in dem Schatzkasten vorrä thig seyn würde, am ersten ihre Bezahlung wieder erhalten sollten. (Privatper sonen schies sen dem Staate Geld vor. Liv.XXIII. 49.) Der Prätor that diese Vorstellungen in einer allgemeinen Versammlung, und be stimmte den Tag, an welchem der Handel vor sich gehen, und mit denenjenigen geschlos sen werden sollte, die der Armee in Spanien Kleidung, Lebensmittel und das übrige benö thigte zu liefern über sich nehmen würden. Als dieser Tag anbrach, meldeten sich neun zehn Bürger, welche unter folgenden beyden Bedingungen vor die Lieferung Sorge zu tragen sich anheischig machten: Erst, daß sie nicht gehalten seyn sollten unter den Trupen Dienste zu thun, so lange als der Tractat dauern würde; zum andern, daß die Repu blick allen Schaden, den ihre Schiffe von Seiten der Feinde oder von den Sturmwin den erleiden möchten, über sich nehmen woll te. Nachdem beyde Puncte ihnen waren zu gestanden worden, wurde der Handel zur Richtigkeit gebracht, und auf solche Art half fen Privatpersonen dem Staate in der all gemeinen Noth mit ihrem Vermögen aus.
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So waren die Sitten des Volks in diesen(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) glücklichen Zeiten. (*) Einerley Geist der Grosmuth, einerley Liebe zum Vaterlande belebte in gleichem Grade die verschiedenen Stände des ganzen Staats, und erweckte in ihnen einen hefftigen und brennenden Eifer, das Wohl und den Ruhm der Republick zu befördern. Diejenigen, welche die Lieferung übernom men hatten, zeigten wenigstens im Anfange in Anschaffung des benöthigten nicht weniger Geschwindigkeit und Aufrichtigkeit, als sie bey der Uebernehmung Muth und Vertrau en bewiesen hatten. Die Trupen wurden sowohl gekleidet und unterhalten, als es in den Zeiten hätte geschehen können, da die Schatzkasten der Republick gut gefüllet wa ren. Als dieser Vorrath in Spanien an(Die Cartha ginenser wer den zwey mahl gleich nach einan der von den Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) in Spanien geschlagen. Ebend.) langte, belagerten Hasdrubal, Mago und Hamilcar eben die Stadt Jlliturgis, die sich vor die Römer erklärt hatte. Die Scipio nen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) brachen durch diese drey feindliche Lager herzhafft durch, und richteten ein grosses Blutbad unter denenjenigen an, die sich ih nen entgegen stellen wollten. Nachdem sie die Lebensmittel, woran die in der Stadt grossen Mangel litten, hineingebracht, und sie ermuntert hatten, ihre Mauern mit eben der Tapferkeit zu vertheidigen, als sie die Römer vor ihr Bestes fechten sähen, marschirten sie auf das Lager des Hannibals zu, welches 51
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) unter allen dreyen das stärkste war, in der Absicht, es zu bestürmen. Die beyden andern Generale aber eilten so gleich mit ihren bey den Armeen herbey, um den Hannibal zu unterstützen, weil sie wohl sahen, daß es hier um alles zu thun wäre. Nachdem sie alle aus ihren Lagern ausgerückt waren, belief sich ihre streitbare Mannschafft auf sechzig tausend Soldaten, da hingegen die Römer nicht mehr als sechstausend Mann hatten. Nichtsdestoweniger erklärte sich der Sieg völ lig vor die Römer, als welche eine grössere Anzahl Feinde erlegten, als sie selbst hatten, mehr als dreytausend Gefangene machten, und auf tausend Pferde und neun und funf zig Fahnen erbeuteten. Es blieben über die ses fünf Elephanten auf dem Platze, und die drey Lager geriethen in die Hände der Ueber winder. Hierdurch wurden die Carthagi nenser genöthiget, Jlliturgis zu verlassen. Nachdem sie aber ihre Armee wieder mit Un terthanen aus der Provinz ergänzet hatten, die häuffig Dienste nahmen, wenn nur etwas vor sie im Kriege zu gewinnen war, zumahl da das Land von junger Mannschafft wimmel te, gedachten sie Intibili zu überrumpeln. Bey dieser Gelegenheit kam es zu einer neuen Schlacht, welche eben so glücklich vor die Rö mer ausfiel, als die vorige. Die Carthagi nenser verlohren auf dem Platze selbst drey zehntausend Mann, zweytausend geriethen in die Gefangenschaft, und zwey und vierzig Fahnen, nebst neun Elephanten kamen in der
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Römer Hände. Dieses bewog fast alle Spa(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) nische Völker, die Römische Parthey zu er greiffen, und dieses Jahr hindurch wurden weit wichtigere Thaten in dieser Provinz, als in Italien, ausgeführet. So bald als Hanno aus Campanien wie(Vergebener Anschlag des Hanno auf Rhegium. Liv.XXIV. 1.) der in dem Gebiete der Brutier angekommen war, bemühete er sich die Griechischen Städ te, welche den Römern zugethan blieben, durch Hülffe und Beystand der Eingebohr nen des Landes, auf seine Seite zu ziehen. Die Brutier, welche sich allezeit grosse Rech nung auf die Ausplünderung der Städte Lo cri und Rhegium gemacht hatten, unternah men, aus Verdruß über ihre fehlgeschlagene Hofnung, mit ihren eigenen Trupen die Be lagerung von Crotona, in dem festen Ent(Crotona muß sich end lich ergeben. Liv.XXIV. 2. 3.) schluß, nicht nur die Stadt wegzunehmen, sondern auch vor sich allein zu behalten. Crotona war vorzeiten eine überaus mächti ge Stadt gewesen, allein seit den Kriegen des Pyrrhus, war sie von ihrem Ansehen sehr herunter gekommen. Sechs tausend Schritt(Berühmter Tempel der Lacinischen Juno. ebend.) von der Stadt war der berühmte Tempel der Lacinischen Juno, der an Ruhm die Stadt selbst übertraf, und gegen welchen alle herum liegende Völker eine ausnehmende Hochach tung hatten. Unter vielen andern Kostbar keiten sahe man daselbst eine Säule von lau term Golde. Diese, nebst denen in der Stadt selbst befindlichen Reichthümern, war vor die Brutier eine grosse Anreitzung, und die Unei nigkeiten, welche unter den Einwohnern
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(V. R. E. 537. V. C. G. 215.) herrschten, gaben ihnen zu dem glücklichen Ausgang ihres Unternehmens viele Hofnung. Der Rath zu Crotona blieb, wie fast in al len andern Städten Italiens, den Römern allezeit getreu, das Volk hingegen war ge neigt sich mit den Carthaginensern in ein Bündniß einzulassen. Nachdem nun dieses Volk die Stadt den Brutiern überliefert hat te, zogen sich die Vornehmsten in das sehr fe ste Schloß, und weil die Brutier wohl einsa hen, daß sie nicht im Stande wären, solches mit Gewalt zu erobern, nahmen sie ihre Zu flucht zu dem Hanno, welcher die Belager ten endlich dahin vermochte, daß sie sich her aus zogen, und nach Locri bringen liessen. (Scharmützel zwischē Sem pronius und Hannibal, während des Winters.) Die Römer und Carthaginenser, welche damahls in Apulien sich befanden, sassen auch mitten im Winter nicht stille. Sempronius stund bey Luceria gelagert, und Hannibal na he bey Arpi. Sie lieferten einander sehr oft, nachdem entweder diese oder jene Parthey darzu ihre Gelegenheit ersahe, einige leichte Scharmützel, wodurch die Römer von Tag zu Tag mehr in dem Kriegshandwerck geü bet, und zugleich vorsichtiger gemacht wur den, alle hinterlistige Nachstellungen, welche man ihnen hätte machen können, sorgfältigst zu vermeiden.
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Sechzehntes Buch.

DiesesBuchbegreifft eine Zeit von 4 Jahren, von dem 537sten Jahre von Erbauung der Stadt Rom, bis zum 540sten in sich. Es enthält vornehm lich die Geschichte von Sicilien, seit dem Tode des Hiero, des Marcellus Belagerung und Einnahme der Stadt Syracusa, und einige Ver richtungen in Spanien und Italien.

I. §.

Hiero ist ein getreuer Bundsgenosse der Römer. Dessen Tod. Lob dieses Prinzen. Hierony mus folgt dem Hiero in der Regierung. Vor haben, welches Hiero hatte, Syracusa wie der frey zu machen. Weise Vorsichtigkeit, welche er sterbend deswegen anwendet. An dranodorus schaft alle die andern Beschützer beyseite. Charakter des Hieronymus. Zu sammenverschwörung wider diesen jungen Prinzen. Er erklärt sich für die Carthagi nenser. Er geht unanständig mit den Römi schen Gesandten um. Fabius macht, daß Otacilius, welcher seine Muhme zur Ehe hat te, nicht zum Bürgermeister ernennet wird. Fabius und Marcellus werden zu Bürgemei stern ernennt, und treten ihr Amt an. Ver theilung der Trupen. Es werden Censors gemacht. Privatpersonen schaffen Ruder knechte herbey. Hannibal kömmt nach Cam panien zurück. Die Römischen Generale be geben sich ein jeder auf seinen Posten. Schlacht
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zwischen dem Hanno und Gracchus bey Be nevent. Die Römer tragen den Sieg davon. Gracchus schenkt den Sklaven, welche unter seinem Commando die Waffen trugen, zu Vergeltung ihrer Tapferkeit, die Freyheit. Leichte Strafe der Zaghaften. Freude der siegenden im Zurückmarsch nach Benevent. Die dasigen Einwohner geben ihnen eine Mahl zeit. Neuer Vortheil des Marcellus über den Hannibal. Strengigkeit der Censoren zu Rom. Verschiedener Privatpersonen Ver wundernswürdige Proben ihrer Liebe zum ge meinen Besten. Casilin wird von dem Fabi us wieder eingenommen. Verschiedene klei ne Verrichtungen.
(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) Niemals hat ein Bundesgenosse mehr Treue, mehr Eifer und mehr Bestän digkeit gezeigt, als HieroII. gegen die (Hiero ist ein treuer Bun desgenosse der Römer.) Römer zeigte, und dieses in einer Zeit von fast 50 Jahren, von dem Anfange dieses Bünd nisses an, bis an seinen Tod. Seine Treue muste eine harte Probe nach der blutigen Schlacht bey Cannas ausstehen, nach wel cher fast alle Römische Bundesgenossen zu Grunde gerichtet wurden. Aber selbst die Zerstörung seines Landes durch die Cartha ginensischen Trupen, deren Schiffsvolk da selbst ausgestiegen war, war nicht im Stan (Liv.XXIII. 30.) de gewesen, ihn wankend zu machen. Nur hatte er das Unglück, zu sehen, daß die Seu che des bösen Exempels bis in seine Familie gedrungen war. Er hatte einen Sohn, Na mens Gelo, welcher die Nereida, eine Toch ter des Pyrrhus, geheyrathet hatte, und mit welcher er den Hieronymus zeugte, von wel
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chem bald soll geredet werden. Er hatte nichts(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) mehr am Herzen, als ihm diejenigen Mey nungen einzuflössen, welche er selbst gegen die Römer hatte, und er sagte ihm oft, je (*) getreuer er ihnen bleiben würde, desto gewis ser würde er in ihrer Freundschaft Trupen, Reichthümer und einen Schutz finden, wel cher allein im Stande wäre, sein Reich zu be festigen. Gelo, welcher das Alter seines Va ters verachtete, und seit dem letzten Unglück bey Cannas nichts mehr aus dem Bündniß der Römer machte, hatte sich öffentlich für die Carthaginenser erkläret. Er bewafne te (**) schon das Volk, und hielt bey den Bundsgenossen der Syracuser an, sich mit ihm zu vereinigen. Vielleicht hätte er auch eine Bewegung in Sicilien verursachet, wenn nicht ein schneller und unvermutheter Tod sei ne Maaßregeln zunichte gemacht hätte. Er kam zu einer solchen Zeit, daß, wie Livius sagt, er einen Verdacht hinterließ, daß der Vater daran Theil gehabt habe. Mich dünkt, dieser Verdacht reime sich nicht zu dem sanften und tugendhaftenCharakter des Hiero. Er überlebte diese Zeit nicht, und starb, zum grösten Leidwesen seines Volks, 52 53
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) in einem Alter von 90 Jahren. Er hatte 54 Jahr regieret. Hiero war kein mächtiger König. Sein (Tod des Hi ero. Liv.XXIV. 4.) Staat begrif nur beynahe die Hälfte von Si cilien in sich. Aber er war ein grosser König, wenn wir uns einen rechten Begrif von der wahren Grösse machen können. Als er zum höchsten Ansehen gelangt war, so machte sei ne grosse Sorgfalt, daß seine Unterthanen sich gänzlich überredeten, daß er glaube, daß er einzig deswegen auf den Thron gelanget sey, damit er sie glücklich mache. Er war nicht darauf bedacht, sich bey ihnen furcht bar, sondern beliebt zu machen. Er betrach tete sich nicht sowohl als ihren Herrn, son dern vielmehr als ihren Beschützer und Va ter. Vornehmlich war er besorgt, die na türliche Fruchtbarkeit des Landes zu erhalten, und den Ackerbau in guten Stand zu setzen; welches er als ein sicheres Mittel, den Ueber fluß in seinem Lande auszubreiten, betrachte te. Und in der That, man kan es nicht ge nug sagen, diese Sorge ist einer der wesent lichsten Theile einer guten und gesunden Po litik, welcher aber zum Unglück allzusehr hint an gesetzet wird. Hiero legte sich gänzlich auf den Ackerbau. Er hielt es der Königlichen Würde nicht für unanständig, die Regeln desselben selbst zu er (Plin.XVIII. 3{??}.) forschen und zu ergründen. Er nahm sich so gar die Mühe, Bücher davon zu schreiben, deren Verlust zu bedauren ist. Aber er be trachtete diesen Gegenstand auf eine einem
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Könige anständige Art. Der gröste Reich(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) thum des Landes und der sicherste Quell der Einnahme des Fürsten war das Getrayde. Eine gute Ordnung in der Handlung fest zu setzen, den Zustand der Ackersleute, welche den meisten Theil des Staates ausmachten, zu versichern und glücklich zu machen, die Rechte des Fürsten, welcher davon die vor nehmsten Einkünfte hatte, fest zu setzen, den Unordnungen zu begegnen, welche sich hiebey hätten einschleichen können, und den unge rechten Beschwerlichkeiten, welche man sich in der Folge dabey einzuführen vielleicht hät te bestreben können, zuvor zu kommen, mach te Hiero so weise, so vernünftige, so billige und zugleich dem Nutzen des Volks und des Fürsten so gemässe Einrichtungen, daß sie gleichsam ein Gesetzbuch des Landes und alle zeit unverletzlich, als ein geheiligtes Gesetz, be obachtet wurden, und dieses nicht nur unter seiner Regierung, sondern auch in allen fol genden Zeiten. Als die Römer die Stadt Syracusa und die dazu gehörigen Staaten unter ihre Bothmäßigkeit gebracht hatten, legten sie den Syracusern keine neue Abga ben auf, und wollten (*), daß alles in der Ein richtung bliebe, wie sie nach den Gesetzen des 54
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) Hiero war, damit die Syracuser, da sie ei ne andere Herrschaft bekamen, sich damit trösten könnten, daß ihre Policey nicht ver ändert ward, und daß sie sich gewissermaas sen noch immer von einem Prinzen regie ret sahen, dessen Name ihnen allezeit sehr lieb war, und ihnen höchstverehrungswürdige Gesetze gab. Wegen der Weißheit dieser Regierung ha ben wir kein Bedenken getragen, den Hiero einen grossen König zu nennen. Er konnte Kriege anfangen, Schlachten gewinnen, Er oberungen machen und die Grenzen seines Staats erweitern; Denn es fehlte ihm nicht an Muth, und er hatte, ehe er den Thron be stieg, gute Proben davon abgelegt. Wenn er sich, wie vordem Agathocles, welcher sich 100 Jahr vorher der obersten Gewalt über Syracusa bemächtiget hatte, den thörichten Einbildungen des Ehrgeitzes überlassen, hätte er eben so gut, wie jener, den Krieg nach A frica ziehen können, und dieses mit der Hof nung eines glücklichern Erfolgs, vornehmlich da Carthago mit Rom im Streit war. Wenn ein solcher Krieg glücklich abgelauffen wäre, so würde Hiero nach den Gedanken der meisten Menschen für einen Helden seyn gehalten worden, aber mit viel Auflagen hät te er das Volk beschweren müssen? Wie viel Ackersleute hätte er von ihren Aeckern wegnehmen müssen? Wieviel Blut würde es gekostet haben, diese Siege davon zu tra gen? Und was würden sie dem Staate ge
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nützet haben? Hiero, welcher wuste, worin(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) nen die wahre Ehre bestehet, machte sich die ses zur Ehre, daß er seine Völker weißlich re gierete, und sie glücklich machte. An statt neue Länder durch die Gewalt der Waffen zu erobern, bemühte er sich, das Seinige ge wisser massen durch den Ackerbau zu vermeh ren, indem er die Aecker fruchtbarer machte, als sie waren, und sein Volk in der That ver mehrte, welches die wahre Stärke und den wahren Reichthum eines Staats ausmacht, und welches nothwendig glücken muß, und wenn die Landleute eine billige Frucht von ih rer Arbeit geniessen. Wenn man Syracusa durch die weise Auf führung des Hiero eine süsse Ruh geniessen, und dessen Unterthanen, als zur Zeit eines vollkommenen Friedens, ruhig mit dem Bau ihrer Aecker beschäftiget sieht, da indessen um sie herum das schreckliche Geräusch der Waf fen erschallet, und ein gewaltiger und grausa mer Krieg Africa, Italien, und selbst einen Theil von Sicilien bewegt, muß man nicht mit Verwunderung ausruffen: Beglücktes Volk, welches ein weiser König also regieret! und noch beglückterer König, welcher das Glück seiner Völker ist, und welcher das sei nige in seiner Pflicht findet! Wir wollen im Gegentheil setzen, daß eben dieser Hiero nach verschiedenen Feldzügen, mitten unter öffent lichen Zurufungen, siegend in seine Hauptstadt einziege, bey seiner Wiederkunft aber seine Völker unglücklich, durch die Abgaben er
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) schöpft, und zu einer entsetzlichen Armuth ge bracht fände, daß ferner die meisten Aecker verabsäumet, und viele, bey der Abwesenheit der Ackersleute, sogar verlassen wären; trau rige, aber fast allezeit unvermeidliche Folgen langer Kriege: kann er, wenn er noch eine Empfindung der Menschlichkeit übrig hat, bey einer Ehre empfindlich seyn, welche ei nem Volke so theuer zu stehen kömmt, und muß er nicht die mit den Thränen und dem Blute seiner Unterthanen befleckten Lorbern verwünschen? Die Liebe des Hiero zum Frieden hinderte ihn nicht, sich vorzusehen, damit ihn die Fein de nicht stören möchten. Sein Vorsatz war niemals, anzufallen, sondern er setzte sich in einen guten Vertheidigungsstand. Er hatte eine zahlreiche und wohl ausgerüstete Flotte. Wir werden bald die erstaunenswürdigen Vorbereitungen sehen, welche er gemacht hatte, Syracusa in den Stand zu setzen, eine langwierige Belagerung auszuhalten; wor aus man siehet, daß er als ein (*) weiser und vorsichtiger Fürst während des Friedens alles veranstaltet hatte, was im Kriege nütz lich seyn konnte. Man höret während des Lebens des Hie ro von keiner Pracht in den Gebäuden, noch in dem Hausrath und der Kleidung, noch bey Tische, reden. Und dieses nicht deswe gen, daß es diesem Fürsten an Reichthum 55
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mangelte, diesem zu Syracusa sehr gemeinen(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) Geschmack, zumahl wenn er ihn auch gehabt hätte, genug zu thun: Er wuste sich desselben auf eine bessere und einem Könige würdigere Art zu bedienen. Die Summe von 100 Talenten (hundert tausend Thaler,) welche er den Rhodiern schickte, und die Geschenke, welche er ihnen nach dem grossen Erdbeben machte, welches ihre Insel verwüstet und ih ren berühmten Coloß umgestürzet hatte, sind ansehnliche Zeichen seiner Freygebigkeit und Pracht. Eine kluge Haußhaltung setzte ihn in den Stand, seinen Bundesgenossen mäch tig beyzustehen. Wir haben gesehen, daß er zur Zeit der Noth der Römischen Armee mit Freude und Eifer Lebensmittel und Kleider geliefert, ohne eine andere Absicht gehabt zu haben, als die Hochachtung und Erkenntlich keit zu zeigen, womit sein Herz gegen die Rö mer erfüllet war. Es ist wahr, die Röme rische Großmuth ließ es nicht zu, daß diese Freygebigkeit unvergolten blieb: aber sie blieb es in Ansehung seiner, und um deswillen ge hörte ihm allein alles Lob. Was das Lob dieses Prinzen, wie mich dünkt, besonders erhebt, das ist seine Bestän digkeit und Unveränderlichkeit in dem Bünd nisse der Römer, selbst bey ihrem Unglück, und besonders, nachdem sie, da sie die Schlacht bey Cannas verlohren hatten, auf immer zu Grunde gerichtet zu seyn schienen. In diesen entscheidenden Augenblicken stockt, erwegt, berathschlagt, ehret und wäget eine gemeine
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) Tugend die scheinbaren Gründe, welche ihr die menschliche Klugheit eingiebt, damit sie ihre Parthey nicht so geschwind ergreiffe. Ei ne grosse Seele betrachtet diesen blossen Zwei fel und diesen Aufschub beynahe schon als ei ne vollkommene Untreu. Hiero merkte wohl, daß er alles wagte, wenn er sich bey derglei chen Umständen offenbahr für die Römer er klärte: aber er schloß die Augen vor der Ge fahr zu, und betrachtete nichts, als Pflicht und Ehre. Können die grösten Eroberun gen und Siege mit einer solchen Verfassung verglichen werden? Wir kennen die Men schen nicht, wenn wir sie nur durch prächti ge Thaten kennen. Sie sind in Ansehung unserer noch verborgen und unbekandt, wenn uns ihr Herz ein Geheimniß ist. Aus der Güte ihres Herzens, aus ihrer Aufrichtigkeit, aus ihrer Treue, fangen wir an zu erkennen, was sie sind. In dem Herzen sind wir alles das, was wir sind. Mich dünkt, das Herz Hiero zeigt und offenbahret sich hier auf eine Art, welche ihm viel Ehre macht. (Hieronymus folgt dem Hi ero in der Re gierung. Liv.XXIV. 4.) Der Tod dieses Prinzen verursachte gros se Staatsveränderungen in Sicilien. Die ses Königreich war dem Hieronymus, seinem Enkel, in die Hände gefallen. Dieser Prinz (*) war nur noch ein Kind, welches der Verfüh rung der höchsten Gewalt so wenig widerste hen, und die Last der Regierung so wenig er tragen konnte, daß er nicht im Stande war, 56
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die Last seiner eigenen Freyheit gehörig zu tra(d. 537. J. n R. E. d. 215. J. v. C. G.) gen und sich selbst zu regieren. Seine Vor münder und diejenigen, welchen seine Aufer ziehung anvertrauet war, stürzten ihn noch mehr in die Laster, zu welchen er von Natur geneigt war, damit sie unter seinem Namen alle Gewalt haben möchten, an statt daß sie sich denselben hätten widersetzen sollen. Man sahe (*) damals, wie höchst nöthig es für das Glück eines Staats ist, daß ein Prinz, welcher noch jung zu regieren anfängt, von lauter solchen Leuten umgeben sey, welche im Stande sind, ihm einem Könige würdige Gedanken und Grundsätze einzuflössen, und was für ein Unglück es ist, wenn sich die Schmeicheley zu dieser Zeit ihrer Ohren und ihrer Herzen bemächtiget. Hiero hatte gegen das Ende seines Lebens(Des Hiero Vorhaben, Syracusa wieder in Freyheit zu setzen.) den Vorsatz, Syracusa wieder in Freyheit zu setzen, dadurch zu verhindern, daß ein Kö nigreich, welches er durch seine Tapferkeit und Klugheit erlanget und befestiget hatte, durch das Spiel des Eigensinns und der Lei denschaften eines jungen Königs nicht ganz zu Grunde gerichtet würde. Aber die Prin zeßinnen, seine beyden Töchter, widersetzten sich einem so weisen Vorhaben mit allen Kräf ten, in der Hoffnung, daß der junge Prinz 57
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) nichts als den Titel des Königs, sie aber mit ihren Männern, dem Andranodor und Zoip pus, welche die Obersten von seinen Vor mündern wären, alle Gewalt haben würden. Es (*) war für einen 90 jährigen Greiß nichts leichtes, den Schmeichelungen und li stigen Streichen dieser beyden Weiber, wel che ihm Tag und Nacht anlagen, zu wider stehen, sein Gemüth mitten unter ihrem hef tigen und emsigen Bitten in völliger Freyheit zu erhalten, und den Vortheil seiner Fami lie dem öffentlichen Nutzen mit Muth auf zuopfern. (Weise Vor sicht, welche er sterbend angewendet.) Alles, was er that, die Uebel, welche er vorher sah, so viel ihm möglich war, zu ver meiden, war dieses, daß er für den Hierony mus 15 Vormünder ernennte, welche seinen Rath ausmachen sollten. Er beschwor sie sterbend, daß sie den Bund mit den Rö mern, zu welchen er sich seit 50 Jahren unzertrennlich gehalten hatte, niemals verlas sen, und daß sie den jungen Prinzen, ihren Mündel, lehren sollten, in seinen Fußtapfen zu gehen, und denjenigen Grundsätzen zu folgen, in welchen er bis hieher erzogen wor den. So bald der König den letzten Athem von sich gelassen hatte, rufften die Vormünder, welche er für seinen Enkel ernennet hatte, die 58
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Versammlung des Volks zusammen, stell(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) ten ihm den jungen Prinzen vor, und lasen das Testament ab. Einige wenige Perso nen, welche man dazu bestellt hatte, daß sie sich frölich anstellen sollten, klatschten in die Hände, und machten ein Freudengeschrey. Alle die übrigen waren bestürzt, so wie eine Familie, welcher der Tod einen guten Vater genommen hat, und beobachteten ein tiefes Stillschweigen, welches deutlich genug sowohl ihren Schmerz über den erlittenen Verlust, als auch ihre Furcht wegen des zukünfti gen, anzeigte. Man (*) hielt dem Hiero das Leichenbegängniß, welches das Klagen und die Thränen seiner Unterthanen ansehn licher machten, als die Sorge und Achtung seiner Anverwandten für sein Gedächtniß. Die erste Sorge des Andranodor war,(Andranodor entfernt alle die andern Vormünder.) die andern Vormünder zu entfernen, indem er ihnen sagte, der Prinz wäre in dem Alter, daß er selbst regieren könne. Er war damals beynahe 15 Jahr alt. Indem er sich also zuerst der Vormundschaft, welche er mit ver schiedenen andern Collegen gemein hatte, be gab, so vereinigte er alle Gewalt in seiner Person allein. Die weisesten Einrichtungen sterbender Prinzen werden nach ihrem To de oft schlecht beobachtet, und selten ausge führet. Der (**) beste Prinz von der Welt, und (Charakter des Hierony mus.) 59 60
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) der sanfteste, welcher einem von seinen Unter thanen so sehr geliebten Könige, wie Hiero war, nachfolget, würde Mühe genug ha ben, sie wegen ihres Verlusts zu trösten. Aber es schien, als ob Hieronymus durch sei ne Laster sich bemühete, zu machen, daß er noch mehr bedauert würde, und als er kaum den Thron bestiegen hatte, zeigte er, wie sehr sich alles verändert hatte. Weder Hiero noch Helo, sein Sohn, hatte sich jemals in so vielen Jahren weder durch eine von der Kleidung der andern Bürger unterschiedene Kleidung, noch durch einige der Schwelgerey ähnliche Kost, unterschieden. Nun aber sah man auf einmahl den Hieronymus mit Pur pur gekleidet, sein Haupt mit einer Krone, und ihn mit einem Trupp einer bewaffneten Wache umgeben. Zuweilen wollte er sogar dem Dionysius, dem Tyrannen, nachahmen, indem er aus seinem Pallast auf einem Wa gen, welchen 4 weisse Pferde zogen, ausfuhr. Alles (*) andere kam mit diesem Aufzuge überein; ein verächtliches Betragen gegen alle Menschen, trotzige Ohren, und gering 61
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schätzende Reden, ein schwerer Zutritt, zu(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) welchem man beynahe nicht gelangen konn te, nicht nur in Ansehung der Fremden, son dern auch selbst seiner Vormünder, ein Be streben, neue Schwelgereyen zu erfinden, ei ne Grausamkeit, welche so weit ging, daß sie fast alle Empfindung der Menschlichkeit aus löschte. Dieser verhaßte Charakter des jun gen Königs erregte so ein Schrecken in den Gemüthern, daß einige von seinen Vormün dern sich selbst umbrachten, oder sich zu einer freywilligen Verweisung verdammten. Nur drey Personen, nämlich Andranodor und Zoippus, beyde Eidame des Hiero, und ein gewisser Thraso, hatten einen freyern Zu tritt bey dem jungen Könige. Er hörte sie zwar überhaupt nicht sehr: weil aber die bey den erstern sich offenbahr für die Carthagi nenser erkläret hatten, der dritte aber für die Römer, so zog diese Verschiedenheit der Mey nungen, und der oft sehr heftige Streit, wel cher eine Folge davon war, die Aufmerksam keit des Prinzen auf dieselben auf sich. Es begab sich, daß man fast zu eben der(Zusam̄enver schwörung wider den Hierony mus. Liv.XXIV. 5.) selben Zeit eine Zusammenverschwörung wi der das Leben des Hieronymus entdeckte. Man gab einen, Namens Theodot, als ei nen von den vornehmsten Zusammenver schwornen an. Als er gemartert ward, ge stund er das Verbrechen für seine Person: aber die Heftigkeit der grausamsten Martern war nicht im Stande, zu machen, daß er sei ne Mitverschwornen verrathen hätte. End
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) lich that er, als ob er der Heftigkeit der Mar tern nachgeben müsse, und gab die besten obwohl unschuldigen Freunde des Königs an, unter welchen er den Thraso, als das Haupt der ganzen Unternehmung, nennte, da er denn hinzusetzte, daß sie sich davor würden in Acht genommen haben, wenn sie nicht einen Mann von so grossem Ansehen an ihrer Spi tze gehabt hätten. Der Eifer, welchen Thra so stets für die Parthey der Römer gezeigt hatte, machte die Angebung des Theodot wahrscheinlich. Er ward also alsbald nebst denjenigen, welche für seine Mitverschwornen ausgegeben wurden, und so unschuldig wa ren, als er, hingerichtet. Als man den Theo dot auf das schärfste marterte, verbarg sich und flüchtete kein einziger von seinen Mitver schwornen; so sehr verliessen sie sich auf sei ne Treue und Standhaftigkeit, und so viel Kräfte hatte er selbst, ein solches Geheimniß bey sich zu behalten. So schlug, durch eine sehr seltene und sehr sonderbare Begeben heit, eine entdeckte Zusammenverschwörung darum nicht fehl, und ging von statten, wie wir bald sehen werden. (Hieronymus erklärt sich für die Car thaginenser. Liv.XXIV. 6.) Der Tod des Thraso, welcher allein der jenige war, der das Bündniß mit den Römern fest erhielt, ließ den Anhängern der Cartha ginenser freyes Feld. Man schickte Gesand te zu dem Hannibal, Unterhandlung mit ihm zu pflegen, und er schickte seiner Seits zu dem Hieronymus einen jungen Carthaginenser von Stande, welcher, wie er, Hannibal
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hieß, und welchem er den Hippocrates und(d. 537. J. n. R E. d. 215. J. v. C. G.) Epicydes zugab, welche aus Carthago gebürtig und von einer Carthaginensischen Mutter, ursprünglich aber aus Syracusa, von wan nen ihre Voreltern waren verwiesen worden, waren. Nachdem der Vertrag mit dem Hieronymus war geschlossen worden, so rei sete der junge Officier zurück zu seinem Gene ral; die beyden andern blieben, mit der Er laubniß des Hannibal, bey dem Könige. Der König schickte seine Abgesandten nach Car thago, den Vergleich desto vollkommner zu machen. Die Bedingungen waren, „daß, nachdem sie die Römer aus Sicilien wür den gejagt haben, worauf sich der junge Prinz ganz gewisse Rechnung machte, der Fluß Himera, welcher fast die ganze Insel theilet, die Grenze zwischen der Provinz der Carthaginenser und seinem Königreiche seyn sollte.“ Hieronymus, welchen das Lob seiner Schmeichler stolz machte, ver langte so gar einige Zeit darauf, „daß man ihm ganz Sicilien abtreten und den Car thaginensern Italien überlassen sollte.“ Der Antrag kam dem Hannibal närrisch und verwegen vor, wie er es auch in der That war: aber er verstellte sich, und dachte auf nichts, als wie er den jungen König von der Parthey der Römer abziehen wollte. Lehret nicht die Erfahrung aller Jahrhunderte und aller Völker die Prinzen, was sie von den Schmeichlern denken sollen? Auf das erste Gerücht von diesem Ver (Er geht un anständig)
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(mit den Rö mischen Ge sandten um.) trage schickte Appius, der Prätor von Si cilien, Gesandte zu dem Hieronymus, den Bund zu erneuern, welchen die Römer mit seinem Großvater gehabt hatten. Dieser Prinz, welcher einen lächerlichen und unan ständigen Stolz zeigte, empfing sie mit einer verächtlichen Miene, „und fragte sie mit ei nem höhnischen Thon, was in der Schlacht bey Cannas vorgefallen wäre; Die Ge sandten des Hannibal erzehlten unglaubli che Dinge davon; Er möchte also gern die Wahrheit aus ihrem Munde vernehmen, damit er wegen der Wahl seiner Bundes genossen einen Schluß fassen könne.“ Die Römer giengen davon und sagten, sie woll ten wieder kommen, wenn er würde gelernet haben, Gesandte ernsthaft zu empfangen. Hieronymus wuste ohne Zweifel nicht, daß sich die Spötterey nicht vor einen Prin zen schickt, vornämlich eine anzügliche und schimpfliche Spötterey, und zwar mitten un ter den ernsthaftesten und wichtigsten Ge schäften. Aber er hörte nichts, als seinen Stolz, und schmeichelte sich, wie es schien, unter seinen Schmeichlern, wegen derjenigen Sprache, worinnen er eine einem grossen Könige würdige Hoheit fand. Alle seine übrige Aufführung war von gleichem Cha rakter. Seine Grausamkeit und die andern Laster, welchen er sich blindlings überließ, zo gen ihm bald ein unglückliches Ende zu. Diejenigen, welche die Zusammenverschwö rung gemacht hatten, wovon geredet wor
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den, folgten ihrem Entwurfe, und nachdem(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) sie eine günstige Gelegenheit gefunden hat ten, brachten sie ihn auf einer Reise um, wel che er von Syracusa auf das Land und in die Stadt der Leontiner that. So endigte sich eine sehr kurze Regierung voll Unord nung, Ungerechtigkeit und Gewaltthätig keit. Appius, welcher die Folgen dieses Todes voraus sahe, gab dem Rath davon Nach richt, und wendete alle nöthige Vorsicht an, denjenigen Theil von Sicilien zu erhalten, welcher den Römern gehörte. Ich überge he alle die Gewaltthätigkeiten, welche Hippo crates und Epicydes zu Syracusa ausübten, die betrübte Ermordung der Prinzeßinnen, welche von dem Hiero stammten, und die Knechtschaft, in welcher sich die unglücklichen Einwohner dieser Stadt befanden, welche wider ihren Willen gezwungen wurden, der Römer Feinde zu werden. Ich habe an(Historie al ter Zeiten und Völker. X.Theil.) derwärts diese Materie weitläuftig ausge führet. Ich will hier bey dem stehen blei ben, was eigentlich die Römer betrifft. Gegen das Ende dieses Jahres reisete Q.( Fabius macht, daß Otacilius, sei ner Muhme Mann, nicht zum Bürge meister er wählet wird. Liv.XXIV. 8.) Fabius nach Rom, daselbst bey der Wahl der obrigkeitlichen Personen für das künftige Jahr den Vorsitz zu haben. Nachdem er auf den ersten dazu bequemen Tag eine Ver sammlung des Volks angesetzet hatte, so be gab er sich, sobald er anlangte, auf das Feld des Mars, ohne in die Stadt zu gehen.
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) Daselbst erwählten die jungen Leute (*) von der Juliensischen Centurie, bey welcher er, nach dem Loose, zuerst seine Stimme geben muste, den T. Otacilius mit dem M. Armi lius Regillus zum Burgemeister. Fabius gebot Stillschweigen, und redete folgender massen: „Wenn wir Frieden in Italien hät ten, oder wenn wir mit einem General Krieg hätten, welcher nicht im Stande wäre, unsre Nachläßigkeit zu seinem Vor theil anzuwenden, so würde ich denjenigen als einen Feind eurer Freyheit betrachten, welcher die Wahl tadlen wollte, welche ihr geliebt habt. Gleichwie aber unsere Gene rale während dieses Krieges, bey ihrem Be zeigen gegen den Feind, welchen wir zu be kriegen haben, keinen Fehler begangen ha ben, welcher nicht der Republik ein grosses Unglück zugezogen: so müst ihr nicht weni ger Vorsichtigkeit anwenden, und nicht we niger auf eurer Huth seyn, wenn ihr eure Stimmen zur Ernennung der Bürgemei ster geben wollt, als wenn ihr euch bereit macht, eben itzo den Feinden eine Schlacht zu liefern. Ein jeder unter euch muß itzo zu sich selbst sagen: Ich will itzo einen Bür germeister ernennen, welcher dem Hanni bal die Spitze bieten kann. Wir mögen bey dieser Wahl so vorsichtig seyn, als wir 62
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wollen, so hat doch Hannibal allezeit gros(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) se Vortheile vor uns. Er hat das Com mando der Armeen in beständiger Uebung. Seine Gewalt ist nicht in gewisse Grenzen eingeschränkt, und an keine gewisse Zeit ge bunden. Er darf sich von niemanden Ge setze vorschreiben lassen. Er entscheidet al les für sich allein, nachdem es ihm die Um stände zu erfordern scheinen. Mit unsern Bürgemeistern verhält es sich nicht also. Sie werden geschwind auf diesen Posten gestellet, sie behalten ihn aber nur ein Jahr, Kaum fangen sie an sich drein zu finden, und die Sachen einzurichten, so ist ihre Zeit zu Ende, und man schickt ihnen einen Nach folger. Diese Grundsätze vorausgesetzt, wollen wir nunmehr erwägen, wer diejeni gen sind, welche man itzo ernennet hat. M. Aemilius Regillus ist Priester des Romu lus. Wir können ihn also weder von Rom entfernen, noch ihn daselbst zurück behal ten, ohne den Geschäften der Religion und des Krieges Nachtheil zu verursachen. Was den T. Otacilius anlanget, so hat er meiner Schwester Tochter geheyrathet, von welcher er Kinder hat. Aber eure Wohlthaten, meine Herren, sowohl gegen meine Vorfahren als gegen mich selbst, ha ben mir die Lehre gegeben, den Vortheil meiner Familie dem Vortheil der Republik nicht vorzuziehen. Wenn das Meer still ist, so kan ein jeder das Schiff führen. Aber wenn sich ein wütender Sturm erhoben
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) hat, und wenn das Schiff ein Spiel der der Winde und Wellen worden ist, so ge höret ein Mensch dazu, welcher Verstand und Muth besitzt, ein geschickter und er fahrner Steuermann. Wir schiffen nicht auf einem stillen Meere. Mehr als ein Sturm hat uns beynahe schon versenken wollen. Wir können uns daher nicht ge nug vorsehen, einen Mann zu erwählen, welcher im Stande ist, uns in den Hafen zu führen. Wir haben dich, Otacilius, bey nicht so wichtigen Verrichtungen auf die Probe gestellt: Du hast dich aber da bey nicht so gut aufgeführet, daß wir dir wichtigere sollten anvertrauen können. Die Flotte, welche du dieses Jahr commandi ret hast, hatte drey Gegenstände. Sie soll te die Africanischen Küsten zerstören, die Italiänischen in Sicherheit setzen, und ma chen, daß man von Carthago aus dem Hannibal keine Hülfe an Geld, Menschen und Lebensmitteln schicken könne. Erhebet, meine Herren, den Otacilius zur Bürge meisterwürde, wenn er, ich will nicht sa gen, alle diese Absichten, sondern nur eine einzige, erfüllet hat. Wenn im Gegentheil in der Zeit, da er die Flotte commandiret hat, Hannibal alles bekommen hat, was man ihm von Carthago geschickt, und dieses mit eben so viel Sicherheit, als wenn das Meer vollkommen frey gewesen wäre; wenn die Italiänische Küsten in diesem Jahre mehr angefallen worden, als die Africani
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schen: mit was für Recht könnte wohl(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) Otacilius verlangen, daß man ihn vor an dern erwählen sollte, wider den Hannibal das Commando zu führen? Wenn du Bür gemeister wärest, so hielte ich dafür, daß wir, nach dem Exempel unsrer Vorfahren, einen Dictator erwehlen müsten, und du würdest nicht Ursach haben, dich zu verwundern oder böse zu seyn, daß sich in der Republik ein besserer General fände, als du bist. Niemanden ist mehr daran gelegen, als dir, dich nicht mit einer Last beschweret zu sehen, welche dir zu schwer seyn würde. Last uns hieraus schliessen, meine Herren, daß wir auf die Wahl eurer Bürgemeister nicht auf merksam genug seyn können. Ich thue es nicht gern, daß ich euch an Trasimene und Cannas erinnere. Aber dergleichen Un glück zu vermeiden, ist es gut, sich diese Ex empel zuweilen vor Augen zu stellen. Wohl an! ruffet die Amensische Centurie zusam men, neue Stimmen zu geben.“ Otaci lius machte viel Lermen, und rückte es sei nem Vetter sehr stolz vor, daß er wollte, daß man ihm sein Bürgemeisteramt sollte fortsetzen lassen. Aber Fabius befahl seinen Lictoren, sich ihm zu nahen; und indem er noch nicht in die Stadt gegangen war und sich sogleich an den Ort begeben hatte, wo die Versammlungen gehalten wurden, so er mahnte er ihn, zu bedenken, daß die Beile, das Zeichen des Rechts über Leben und Tod,
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) noch vor ihm her (*) getragen würden. Hierdurch gab er dem Otacilius zu verste hen, daß sein Leben in Gefahr stünde, wenn er sein aufrührisches Geschrey fortsetzte. Er schwieg, und die privilegirte Centurie gab wieder ihre Stimmen, und ernennte den Fa (Fabius und Marcellus werden zu Bürgemei stern ernen net.) bius und Marcellus zu Bürgemeistern. Die ses war die vierte Bürgemeisterwürde des Fabius, und die dritte des Marcellus, wenn man diejenigen mitrechnet, zu welcher er war ernennet worden, von welcher er aber wieder abgehen muste. Alle die andern Centurien waren eben der Meynung, ohne daß die Mey nungen im geringsten wären unterschieden gewesen. Man schritt hierauf zur Wahl der Prätoren. Den Otacilius zu trösten, daß er nicht Bürgemeister worden war, machte man ihm zum zweytenmahl zum Prätor. Den Q. Fulvius Flaccus, welcher itzo mit dieser Würde bekleidet war, ließ man bey diesem Amte. Die beyden andern waren Q. Fabius, Sohn des Bürgemeisters, wel cher damahls curulischer Bauherr war, und P. Cornelius Lentulus. Nach der Ernen nung der | Prätoren verordnete der Rath durch ein Decret, daß Q. Fulvius, ohne das Looß zu ziehen, Prätor in der Stadt, und folglich allein derjenige seyn sollte, wel 63
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cher in Abwesenheit der Bürgemeister Be(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) fehlshaber zu Rom seyn sollte. Wir haben ein seltenes Beyspiel gesehen, sowohl von einer wunderbaren Gelehrigkeit auf Seiten der Jugend einer Centurie, wel che ohne Bedencken auf die Ermahnung ei nes weisen Bürgemeisters, für nichtig erklä ret, als auch von einer großmüthigen Stand hafftigkeit auf Seiten des Fabius, welcher vergißt, das Blut und die Verwandschaft in Betrachtung zu ziehen, und auf nichts, als auf den Vortheil der Republick, auf merksam ist. Aber das verwundernswür digste bey diesem Bürgemeister war dieses, daß er das Herz hatte, sich über den Lermen des Volks und über den verdrüßlichen Ver dacht zu erheben, welchen man ihm zur Last legen konnte, da man hätte glauben können, daß er seinen Vetter nur deswegen habe aus geschlossen wissen wollen, damit er sich an dessen Stelle zum Bürgemeister könne ernen nen lassen. Eine grosse Seele, welche ihre inneren Verfassungen kennt, und welche weiß, daß sie bekandt sind, fürchtet derglei chen Vorwurf nicht; und wenn er auch zu befürchten seyn sollte, so opfert sie demselben seine Liebe zum Vaterlande und seiner Schul digkeit auf. In der That, wenn er bey die sen Umständen geschwiegen hätte, so hätte er sein Vaterland gewissermassen verrathen. Je dermann (*) ließ dem Fabius Gerechtigkeit 64
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) wiederfahren. Man sagte, daß, da die Nothdurfft erfordere, daß man den geschick testen General, welchen man damals in der Republick hatte, an die Spitze der Armeen stellte, und daß, da dieser grosse Mann wohl selbst wissen muste, daß er dieser dem Staat nöthige General sey, er sich lieber dem Nei de, welchen ihm dieses ungewöhnliche und unregelmäßige Bezeigen hätte zuziehen kön nen, habe aussetzen, als den Nutzen seines Vaterlandes versäumen wollen. (Val. Max. IV. 1.) Fast 80 Jahr vorher hatte ein ander Fa bius, bey einer Gelegenheit, welche eine Aen lichkeit mit der gegenwärtigen hat, seinen Ei fer für das gemeine Beste bezeigt. Dieses war Q. Fabius Maximus Rullus. Als er sahe, daß die Centurien geneigt waren, sei nen Sohn, den Q. Fabius Gurges zum Bürgemeister zu ernennen, so widersetzte er sich dieser Ernennung, so sehr er konnte; nicht, weil er glaubte, daß es seinem Sohn an Verdiensten fehlte, dieser Ehrenstelle wür dig vorzustehen: sondern er stellte dem Vol ke vor, daß es wider die gute Ordnung liefe, die höchste Würde des Staats so oft einem und derselben Familie zu geben. Den sein Aeltervater, sein Großvater, und sein Va
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ter hatten dieselbe zu verschiedenen mahlen ver waltet, und er selbst war 5 mahl Bürgemei ster gewesen. Das Volk sah nicht auf seine Widersetzung. Aber Fabius hatte, da er der väterlichen Zärtlichkeit entsagte, alle Eh re eines Opfers, welches ihm theuer muste zu stehen kommen. Es waren in diesem Jahre zwey grosse Ueberschwemmungen. Die ausgetretene Ty ber hatte die Felder überschwemmet, wobey sie viele Gebäude niederriß, und viele Men schen und Thiere umkamen.

Q. Fabius Maximus.IV.(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) M. Claudius Marcellus.III.

In diesem Jahre, welches das 5te des Car(Fabius und Marcellus treten ihr Amt an. Liv.XXIV. 9.) thaginensischen Krieges war, zogen Fa bius und Marcellus, nachdem sie von der Bürgemeisterwürde Besitz genommen hat ten, die Augen und die Aufmerksamkeit aller Bürger auf sich. Man hatte lange nicht zwey Bürgemeister von so seltenen Verdien sten gehabt. Der Rath versammlete sich, und bestätigte alle diejenigen in ihren Bedie nungen, welche damals einiges Commando hatten. Er befahl auch, daß man 18 Legio(Vertheilung der Truppen. Liv.XXIV. 11.) nen in Waffen haben sollte; daß jeder Bür gemeister deren 2. davon commandiren soll te; daß die Provinzen Gallien, Sicilien und Sardinien zu ihrer Beschützung, jede deren zwey haben sollte; daß der Prätor Q. Fa bius deren zwey in Apulien commandiren
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) sollte; daß Tib. Gracchus mit denen beyden, welche man von den Sklaven, die sich frey willig hatten anwerben lassen, gemacht hat te, um Lucerien bleiben sollte; daß man eine dem Proconsul C. Terentius Varro in dem Canton Picene lassen sollte; daß man dem M. Valerius eine geben sollte, sich derselben bey Brondusa zu bedienen, wo er mit einer Flotte war, und daß die zwey letzten zu Rom, dasselbe zu beschützen, bleiben sollten. Die Bürgemeister hatten Befehl, eine Anzahl Schiffe auszurüsten, welche zu denjenigen, welche in dem Hafen Brondusa und auf den benachbarten Rheden lagen, stossen, und mit ihnen für dieses Jahr eine Flotte von 150 Schiffen ausmachen sollten. (Es werden Censoren er nennet.) Q. Fabius hielt die Versammlungen, Censoren zu ernennen. M. Atilius Regulus und P. Furius Philus wurden zu dieser Würde erhoben. (Es werden Schiffsolda ten von Pri vatpersonen geschaft.) Da es an Schiffsoldaten fehlte, so ver ordneten die Bürgemeister, kraft eines De crets des Raths, daß jeder Bürger, welcher entweder selbst, oder dessen Vater, nach dem Urtheil der Censoren L. Aemilius, und C. Fla minius, von 2500 Livres bis auf 5000 Li vres als ein Capital besaß, oder besessen hat te, oder welcher dieses Vermögen hernach bekommen, einen Schiffsoldaten schaffen, und ihn auf 6 Monath bezahlen sollte; daß derjenige, welcher über 5000 Livres bis auf 15000 Livres hätte, ihrer drey, nebst dem Sold auf ein ganzes Jahr, schaffen sollte;
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daß derjenige, welcher über 15000 Livres bis(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) auf 50000 Livres hätte, ihrer 5 hergeben soll te; daß derjenige, welcher über 50000 Livres hätte, ihrer 7 schaffen sollte, und endlich, daß die Rathsherren ihrer 8, nebst dem Sold auf ein Jahr liefern sollten. Die Schiffsol daten, welche Kraft dieses Befehls geworben worden, giengen, nachdem sie von ihren Vorgesetzten bewaffnet und gekleidet wor den, mit Zwieback auf 30 Tage zu Schiffe. Dieses war das erstemahl, daß die Römische Flotte auf Kosten der Privatpersonen mit Schiffsoldaten versehen ward. Da diese Vorbereitungen viel beträchtli(Hannibal geht nach Campanien zurück. Liv.XXIV. 12.) cher waren, als sie jemals gewesen, so be fürchteten die Einwohner zu Capua, daß sich der Feldzug dieses Jahr mit der Belagerung ihrer Stadt anfangen möchte. Daher schick ten sie Gesandten zu dem Hannibal, und ba ten ihn, daß er seine Armee gegen Capua möchte rücken lassen, indem sie ihm vorstell ten, „daß man zu Rom Armeen würbe, Capua zu belagern; und daß unter allen Städten, welche die Parthey der Römer verlassen hätten, keine wäre, wider welche sie mehr erbittert wären.“ Die Bestür zung, mit welcher sie diese Neuigkeit dem Hannibal überbrachten, nöthigte diesen Ge neral zu eilen, damit er den Römern zuvor käme. Er ging also von Arpi ab, und lager te sich bey Tifata in seinem vorigen Lager, über Capua. Er näherte sich hierauf, als er einen Haufen Numider und Spanier,
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) zur Beschützung seines Lagers und der Stadt Capua zurück gelassen hatte, der Stadt Pu zolos (Puteoli), zu versuchen, ob er sich Mei ster davon machen könne. (Die Römi schen Gene rale begeben sich jeder auf seinen Po sten.) Fabius hatte kaum vernommen, daß Han nibal Arpi verlassen hatte, und nach Campa nien zurück gekehret war, als er abreisete, sich an die Spitze seiner Armee stellte, und Tag und Nacht sehr hurtig marschirte. Er befahl zu gleicher Zeit dem Tib. Gracchus, Lucerien zu verlassen, und mit seinen Trupen gegen Benevent zu kommen, und dem Prä tor Q. Fabius, seinem Sohne, befahl er die Stelle des Gracchus bey Lucerien zu ersetzen. Zu gleicher Zeit giengen 2 Prätors nach Si cilien; P. Cornelius zu seiner Armee, Ota cilius zum Commando seiner Flotte, und zu Beschützung der Küsten. Kurz, alle bega ben sich auf ihre Posten, und diejenigen, welche man in ihren Aemtern bestätiget hat te, bekamen Befehl, auf demjenigen Posten zu bleiben, wo sie in dem vorhergehenden Jahre gewesen waren. Zu dieser Zeit fieng sich die Unterhandlung zwischen dem Hannibal und den Tarentinern an, welche sich endlich mit der Einnahme der Stadt Tarent endigte. Fünf junge Leute aus den vornehmsten Familien dieser Stadt kamen zu dem Hannibal, und machten ihm Hoffnung, daß sich diese Stadt, sobald er seine Trupen würde haben anrücken lassen, an ihn ergeben würde. Sie war ihm sehr wohl gelegen; denn er konnte daselbst den
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Philippus landen lassen, woferne er nach Ita(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) lien kommen sollte. Er versprach ihnen, aufs eheste gegen Tarent zu marschiren, und er mahnte sie indessen, daß sie auf ihrer Seite alles in guten Stand setzen sollten, damit die Unternehmung glücklich von statten gienge. Er blieb einige Zeit in Campanien, und wag te neue Versuche gegen Puzolos und Nola, welche aber eben so vergebens waren, als die erstern. Hanno und Tib. Gracchus waren, gleich(Treffen zwi schen dem Hanno und Grac chus bey Be nevent. Die Römer sie gen. Grac chus bewilli get den Skla ven die Frey heit. Liv.XXIV. 14 - 16.) so, als ob sie es abgeredet hätten, der erstere aus dem Lande der Brutienser mit einem be trächtlichen Haufen Fußvolk und Reuterey, und der andere aus seinem Lager bey Luce ria, gegen Benevent zu rücken, ausmarschi ret. Der Römer gieng sogleich in die Stadt. Als er aber vernommen, daß sich Hanno drey Meilen von da an den Grenzen von Ca lora gelagert hatte, und die benachbarten Fel der verwüstete, zog er von Benevent aus, la gerte sich ohngefähr tausend Schritt von dem Feinde, versammlete seine Soldaten, und hielt eine Rede an sie. Die meisten da von waren Sklaven, welche seit zwey ganzen Jahren, da sie in Diensten gewesen, ihre Freyheit lieber durch Thaten verdienen, als mit Worten um dieselbe bitten wollen. Er hatte dennoch, da er aus dem Winterquar tier gegangen, ein verwirrtes Murmeln ver spüret. Sie hatten sich über eine so lange Sklaverey beklagt, und einer hatte den an dern gefragt, ob sie denn einander niemals
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) in Freyheit sehen würden? Gracchus nahm dabey Gelegenheit, an den Rath zu schrei ben, und ihm mehr was sie verdienten, als was sie verlangten, zu erkennen zu geben. Er stellte ihnen vor, „daß sie bis itzo so treu und tapfer gedienet hätten, und daß ihnen vollkommene Soldaten zu seyn, nichts feh le, als die Freyheit.“ Der Rath hatte ihm die Freyheit gelassen, hierinne zu thun, was ihm der Wohlfahrt der Republick am zuträglichsten zu seyn schiene. Eh man also mit den Feinden handge mein wurde, sagte er zu seinen Soldaten, „die Zeit wäre nun gekommen, da sie dieje nige Freyheit erlangen könnten, welche sie so lange und so eifrig begehrten. Morgen wollte er mit dem Feinde auf freyen Felde ein Treffen halten; daselbst habe man, ohne sich vor Gebüschen zu fürchten, Gelegenheit, seinen Muth und seine Tapferkeit zu zeigen. Wer ihm den Kopf eines Feindes bringen würde, der solle alsbald die Freyheit zum Lohn erhalten: diejenigen aber würde er mit der Strafe der Sklaven belegen, welche zaghaft seyn, und ihre Posten verlassen würden. Ihr Schicksal stünde in ihren Händen. Zur Sicherheit dieses Verspre chens hätten sie nicht nur sein, sondern auch des Bürgemeisters Marcellus, und aller Rathsherren Wort, als welche er wegen dieses Puncts um Rath gefragt, und welche ihn hierinne völlige Freyheit ge lassen hätten.“ Er laß ihnen den Brief
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des Marcellus und das Decret des Raths(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) vor. Sie erregten sogleich ein Freudengeschrey, und verlangten einstimmig und herzhaft, daß man sie gegen den Feind führen, und ihnen sogleich das Zeichen zur Schlacht geben soll te. Gracchus ließ sie von sich, nachdem er ihnen die Schlacht auf morgen versprochen hatte. Sie waren hierauf voll Freude und brachten, besonders diejenigen, welche bloß die Handlung des folgenden Tages aus der Knechtschaft ziehen sollte, damit zu, daß sie ihre Waffen zurechte machten, und sie in den Stand setzten, ihre Herzhaftigkeit wohl zu unterstützen. Sobald man den folgenden Tag das Zei chen gegeben hatte, versammleten sie sich zu erst um das Zelt des Gracchus, und dieser General stellte bey Sonnenaufgang seine Trupen in Schlachtordnung. Die Cartha ginenser schlugen das Treffen nicht ab. Ihre Armee bestund aus 17000 Mann Infante rie, meistens Brutienser und Lucanienser, und 1200 Reutern, die allesamt Numider und Mohren, ausgenommen eine kleine An zahl Italiäner, welche darunter vermischt, waren. Es schien, daß die Römische Armee von gleicher Stärke war. Man fochte lange und mit viel Hitze. Vier Stunden lang blieb der Sieg auf beyden Seiten ungewiß. Nichts machte die Römer muthiger, als die Köpfe der Feinde, deren sie sich bemächtigen wollten, weil man ihre Freyheit darauf ge setzt hatte. Denn wenn ein Soldat einen
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) Feind tapfer erlegt hatte, so verlohr er viel Zeit, wenn er ihm mitten unter dem Tumult und der Unordnung den Kopf abhauen woll te; und wenn er endlich seinen Zweck erreicht hatte, so mußte er den Kopf halten, und in Acht nehmen, und er hatte also nur eine Hand frey, welches ihn ausser Stand setzte, zu fechten, daß also das Treffen den Zag haften und Furchtsamen überlassen ward. Als Gracchus durch die Zunftmeister der Le gionen Nachricht erhielt, daß die Soldaten keinen einzigen Feind mehr verwundeten, wel cher im Stande war, sich zu vertheidigen; daß sie alle beschäftiget wären, den Todten die Köpfe abzuhauen, und daß sie hernach an statt der Schwerdter die Köpfe in den Händen hielten, ließ er ihnen alsbald sagen, „sie sollten die Köpfe wegwerfen; ihre Tapfer keit habe sich genug gezeigt, und diejenigen, welche ihre Schuldigkeit gethan, ihrer Frey heit versichert wären.“ Hierauf fieng sich das Treffen ganz von neuen wieder an, und Gracchus schickte auch seine Reuterey gegen den Feind. Als die Nu mider auf sie loß kamen, und die Reuterey eben so hitzig fochte, als das Fußvolk, ward der Sieg noch einmal zweifelhaft. Die bey den Generale frischten ihre Soldaten mit Hand und Stimme an. Gracchus stellte den seinigen vor, daß sie nur mit Brutien sern und Lucaniensern, welche so oft wären überwunden worden, zu thun hätten. Han no warf den Römern vor, daß sie nur
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Sklaven wären, welchen man ihre Ketten ge(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) nommen, damit man sie könne die Waffen ergreiffen lassen. Endlich erklärte sich Grac chus gegen seine Soldaten, daß keine Frey heit für sie vorhanden sey, wenigstens, wenn diesen Tag der Feind nicht überwunden und in die Flucht geschlagen würde. Diese Drohung belebte sie dermassen, daß sie ein neues Geschrey erhuben, und in dem Augenblicke gleichsam andere Menschen wur den. Sie warffen sich auf den Feind mit ei ner Hitze, der nichts zu widerstehen fähig war. Alsbald ward die erste Linie, hernach die andere, und endlich das ganze Corps der Bataille getrennet. Alle ergreiffen offenbar die Flucht, und eilten mit solcher Bestürzung in ihr Lager zurück, daß niemand daran ge dachte, den Römern die Eingänge zu ver wehren. Sie drangen mit den Ueberwunde nen zugleich hinein, und fingen den Kampf von neuen an, der in einem so engen Raume zwar beschwerlicher, aber auch desto blutiger war. In diesem Tumulte versammelten sich die Römischen Gefangenen auf einen Hauf fen, ihren Landsleuten beyzustehen. Sie er griffen die Waffen, die ihnen unter die Hän de kamen, fielen den Carthaginensern in Rü cken, und schnitten ihnen den Weg zur Flucht ab. Daher kam es, daß, von einer so gros sen Armee, sich kaum zwey tausend Mann mit ihrem Anführer retteten, welches mei stens Reiter waren. Die übrigen alle wur den niedergemacht. Man eroberte 38. Fah
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) nen. Gracchus verlohr zweytausend Mann. Die ganze Beute ward den Soldaten Preiß gegeben, die Gefangenen und das Vieh aus genommen, wozu sich innerhalb 30 Tagen ihre Besitzer angeben würden. (Leichte Be straffung der Feigen. Liv.XXIV. 16.) Als die Sieger wieder in ihr Lager kehr ten, zogen sich 4000 Sklaven, welche weni ger tapfer als die übrigen gestritten hatten, auch nicht mit in das feindliche Lager einge drungen waren, auf einen nahen Hügel, der Straffe zu entgehen, welche sie verdienet zu haben glaubten. Den Tag darauf brachte sie ein Tribunus der Soldaten wieder in das Lager, eben als Gracchus an die versammle te Armee eine Rede zu halten anfing. An fangs theilte er unter die alten Soldaten Lob und Belohnungen aus, wie es jeder von ih nen, in Betrachtung seiner erzeigten Tapfer keit, verdient hatte. Alsdenn wandte er sich zu denen, welche noch Sklaven waren, und sagte ihnen, daß er, an einem so glücklichen Tage, lieber alle überhaupt ohne Unterscheid loben, als einen von ihnen bestraffen wolle. Er erklärte sie also alle frey, und ruffte die Götter an, daß es zur Ehre und zum Vor theile der Republick gereichen möge. Hier auf erhoben sie ein grosses Freudengeschrey, sie umarmten einander, sie wünschten einan der Glück, sie hoben die Hände gen Him mel, und erbaten dem Römischen Volke und ihrem Generale allen Seegen. Damals er kannte man, daß, wie Livius (*) an einem 65
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andern Orte sagt, unter allen Güttern kei(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) nes dem Menschen angenehmer, als die Frey heit sey. Nunmehr fuhr Gracchus weiter fort: Ehe ich euch, sprach er, alle durch Freyheit einander gleich gemacht hatte, wollte ich kei nen verhaßten Unterscheid unter euch bestim men. Nunmehr aber, da ich mein Wort, und das Wort, welches ich euch im Nah men der Republick gegeben hatte, gehalten habe, will ich mir, damit die Feigen nicht mit den Tapfern vermengt werden, die Nah aller derjenigen geben lassen, welche Verweiß und Straffe zu vermeiden, sich von den übri gen abgesondert haben. Ich will alle, einen nach dem andern, vor mir kommen lassen, und sie sollen es mir mit einem Eide ver sprechen müssen, daß sie, so lange sie die Waffen tragen werden, allezeit stehend essen wollen, es sey denn, daß sie eine Krankheit daran verhindere. Ihr werdet diese Straf fe mit Gedult ertragen, wenn ihr nur ein we nig überlegen wollt, daß sie unmöglich gelin der seyn kan. Nach dieser Rede befahl er sich marsch(Die Freude der Sieger bey ihrer Zu rückkunfft nach Bene vent. Das Gastmahl, welches ih nen die Ein wohner ge ben. Ebendas. 16.) fertig zu halten. Die Soldaten trugen ihre Beute auf den Schultern, oder trieben sie vor sich her. Sie kamen tanzend und sin gend nach Benevent, mit so ausgelassener Freude, daß man sie eher für Gäste, die von dem Schmause aufgestanden, als für Sol
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(d. 537. J. n. R. E. d. 215. J. v. C. G.) daten, die aus dem Treffen kommen, gehal ten hätte. Die Einwohner giengen bey Hauf fen heraus ihnen entgegen. Sie verschwen deten alle Freudensbezeigungen und Glück wünsche. Sie ersuchten sie, um die Wette bey ihnen zu essen und zu wohnen. Jeder Wirth hatte die Mahlzeit in seinem Hofe zu richten lassen. Sie zwangen die Soldaten recht herein zu kommen, und baten den Gracchus, daß er ihnen, mit ihnen zu essen und zu trinken erlauben sollte. Gracchus war es zufrieden, doch mit der Bedingung, daß sie alle öffentlich essen solten. Die Ein wohner schlugen also die Tische vor ihren Häu sern auf, und besetzten sie mit allen, was sie zugerichtet hatten. Die neuen Freygelasse nen hatten Mützen von weisser Wolle, wo durch sie sich unterscheideten, auf. Einige la gen auf den Betten, nach der Gewohnheit der damaligen Zeit; (ich werde in der Fol ge, von der römischen Art zu essen handeln) die andern standen, assen und warteten zu gleich den andern auf. Gracchus befand die sen Anblick so besonders und so neu, daß er ihn, bey seiner Rückkunfft nach Rom, mah len ließ, und das Gemählde in den Tempel der Freyheit setzte, welchen sein Vater auf dem aventinischen Berge von den Geldstraf fen gebauet, und geweyhet hatte. Als dieses zu Benevent vorgieng, verwü stete Hannibal die ganze umliegende Gegend von Neapolis, und schlug endlich sein Lager nicht weit von Nola auf. Als der Consul
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Marcellus seine Annäherung vernahm, be(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) fahl er dem Proprätor Pomponius mit der Armee, welche bey Suessula ihr Lager gehabt hatte, zu ihm zu stossen, und machte sich al sobald gefaßt dem Hannibal entgegen zu ge hen, und mit ihm zu schlagen. Er ließ den Claudius Nero, bey nächtlicher Stille, mit ei nem Ausschusse von der Reuterey, durch das von den Feinden entfernteste Thor aus, und befahl ihm einen grossen Umschweiff zu neh men, und sich nach und nach ungesehen dem Lager der Carthaginenser zu nähern, damit er ihnen plötzlich, sobald das Treffen ange gangen sey, in Rücken fallen könne. Nero kam diesen Befehlen nicht nach, entweder weil er sich von dem Wege verirret hatte, oder weil die Zeit darzu zu kurz war. Das Treffen gieng ohne ihm vor sich, gleichwohl erhielten die Römer die Oberhand, ob sie gleich, weil sie von der Reuterey nicht unter stützt wurden, ihr Vorhaben nicht so aus führen konnten, wie sie es gewünscht hatten. Marcellus wagte es nicht die Feinde auf der Flucht zu verfolgen, und ließ seine Soldaten, ob sie gleich Sieger waren, zurück ziehen. Unterdessen verlohr Hannibal doch an diesem Tage mehr als zweytausend Mann. >Mar cellus verlohr nicht mehr als vierhundert. Bey Untergang der Sonne langte Nero wieder an, nachdem er Tag und Nacht Mann und Pferd vergebens abgemattet, und den Feind nicht einmal gesehen hatte. Es ist was sehr verdrüßliches für einen geschickten
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) General, wenn er etwas wichtiges vorhat, und wenn er sein Unternehmen durch die Un vorsichtigkeit oder Ungeschicklichkeit desjeni gen, dem er die Ausführung anvertrauet hat te, zu Schanden gemacht sieht. Der Con sul gab auch dem Nero einen lebhafften Ver weiß, und warf ihm vor, es hätte nur an ihm gelegen, daß man dem Hannibal das Unglück bey Cannä nicht wieder vergolten hätte. Den Morgen drauf stellte Marcellus abermals seine Trupen in Schlachtordnung, Hannibal aber kam nicht aus seinem Lager, und gestand also stillschweigend, daß er über wunden sey. Den dritten Tag zog er sich bey der Nacht zurück, gab die Hoffnung No la zu erobern, die er sich so offt vergebens ge macht hatte, auf, und gieng auf Tarent los, wo er beßres Glück zu finden hoffte. (Die Strenge der Censors zu Rom. Liv.XXIV. 18.) Die Römer waren auf die innerlichen Begebenheiten nicht weniger aufmerksam, als auf die Begebenheiten des Krieges. Sie erwiesen bey beyden gleichen Muth und glei che Erhabenheit des Geistes. Die Censors waren, aus Mangel des Geldes, mit den öf fentlichen Gebäuden nicht beschäfftiget, sie waren also einzig darauf bedacht, wie sie die Sitten ihrer Mitbürger bessern, und die übeln Gewohnheiten, die sich während der Zeit des Krieges, gleich den übeln Feuchtigkeiten, die sich bey langwierigen Krankheiten in den Körpern sammlen, eingeschlichen hatten, aus zurotten. Zuerst liessen sie diejenigen vor sich fodern, welche angeklagt waren, daß sie nach
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der Schlacht bey Cannä, die Republick hät(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) ten verlassen und aus Italien weichen wollen. Der vornehmste unter diesen war Cecilius Me tellus, damaliger Quästor. Er bekam, nebst seinen andern Mitschuldigen, den Befehl sich zu vertheidigen; und da sie sich nicht rechtferti gen konnten, so hielt man sie für überwiesen, daß sie dem Staate nachtheilige Reden ge führt, und sich verschworen gehabt hätten, Italien zu verlassen. Nach diesen foderte man die allzufähigen Ausleger vor, die sich so listig von ihrem Ei de loszumachen gesucht hatten; diese betrüge rischen Abgeordneten, die dem Hannibal ge schworen hatten wieder ins Lager zu kom men, und die ihr Wort gehalten zu haben glaubten, indem sie einen Augenblick unter erdachten Vorwande zurück kehrten. Die Lehre von den Zweydeutigkeiten ist nicht neu: allein es ist wohl zu merken, daß sie von den Heiden verdammt und hefftig bestrafft wurde. Alle diese wurden mit der hefftigsten Straf fe belegt, welche die Censors in ihrer Gewalt hatten. Sie verlohren in allen Versamm lungen ihre Stimmen, sie wurden aus den Zünften gestossen, und blieben nur in so weit Bürger, als sie die bürgerlichen Abgaben be zahlen musten. Die, die unter ihnen römi sche Ritter waren, wurden herunter gesetzt, und das Pferd, welches ihnen die Republik unterhielt, wurde ihnen genommen. Gleich strenge verfuhren sie mit denjenigen
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) jungen Leuten, welche seit vier Jahren keine Dienste gethan hatten, ohne daß sie krank gewesen wären, oder eine andre gute und gültige Ursache gehabt hätten. Von dieser Art waren mehr als zweytausend. Auf diese Strenge der Censors folgte ein nicht weniger strenger Rathschluß, welcher alle diejenigen, die die Censors unter die In fanterie als blosse Fußknechte gesteckt hatten, nach Sicilien zu gehen verdammte, wo sie sich mit der Armee von Cannä vereinigen, und nicht eher los kommen sollten, als bis Hannibal aus Italien verjagt wäre. Hieraus kan man sehen, wie dienlich diese weise Strenge der Censors war, die Bürger vermittelst der Furcht im Zaume zu halten, die Ordnung in allen Theilen der Republick zu befestigen, und allen Gewohnheiten und Gesetzen Gehorsam zu verschaffen. Mit ei nem Worte, sie war die mächtigste Schutz wehr wider die Laster, wider die Unordnun gen, wider die Uebertretungen der Gesetze, wider die Verderbung der Sitten, welche beständig mehr und mehr zunehmen, wenn man ihnen nicht von Zeit zu Zeit starke Däm me entgegen setzt, die wenigstens ihren Lauf schwächen. (Vortreffli cher Beweiß, den unter schiedene Pri vatpersonen von ihrer Lie be zum ge meinen) Als die Censors sahen, daß kein Geld in der Schatzkammer war, so unterliessen sie die gewöhnlichen Verdingungen wegen Un terhaltung der Tempel, oder anderer Aufwan de von dieser Art. Diejenigen, die diese Ver dingungen gewöhnlicher Weise über sich ge
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nommen hatten, verfügten sich also zu den(Wohl geben. Liv.XXIV. 18.) Censors, und ersuchten sie, mit ihnen den Handel eben sowohl zu schliessen, als ob die Schatzkammer das Geld darzu hergeben könnte, und erklärten sich, daß keiner von ihnen eher, als nach Endigung des Krieges, Geld verlangen wolle. Gleichfalls erklärten sich die Herren derje nigen Soldaten, welche Gracchus bey Be nevent frey gemacht hatte, öffentlich vor dem Rathe, der sie hatte zusammen kommen las sen, das Geld für ihre Sklaven von der Re publick zu erhalten, daß sie kein Geld eher haben wollten, als bis der Krieg zu Ende sey. Diese allgemeinen Bemühungen, dem er schöpsten Schatz beyzustehen, bewegten auch diejenigen, welche Mündel - oder Wittwen Gelder in Händen hatten, diese Gelder der Republick anzuvertrauen, indem sie überzeugt waren, daß für so was schätzbares keine sich rere und heiligere Freystadt seyn könne, als die öffentliche Treue: nusquam (pecunias) tutius sanctiusque deponere credentibus, qui deferebant, quam in publica fide. Ein grosses Lob für einen Staat! Diese Groß muth und Uneigennutzigkeit der Privatperso nen kam aus der Stadt auch in das Lager. Die Ritter und Hauptleute wollten ihre Be soldungen nicht annehmen, und diejenigen, die sie annahmen, wurden als Mietlinge und Leute ohne Ehre angesehen. Wo findet man einen gleichen Eyfer und eine gleiche Liebe für das gemeine Wohl? Allein, wo findet man
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) auch so eine unverbrüchliche Treue, als die, welche in Rom gleichsam der Grund der Re gierung war? Man hat sie allerdings als die sicherste Nothhülffe des Staats anzuse hen: damit sie es aber auch seyn könne, so muß man sie bey keiner Gelegenheit im ge ringsten zu verletzen suchen. (Casilinum wird von dem Fabius wie der einge nommen. Liv.XXIV. 19.) Der Consul Q. Fabius hatte sein Lager bey Casilinum, welches eine Besatzung von zweytausend Campanern und siebenhundert Carthaginensern hatte. Der Magistrat in Capua bewaffnete ohne Unterscheid Sklaven und Bürger, das Lager der Römer wäh rend der Zeit anzugreiffen, als der Consul be dacht war sich Casilins zu bemächtigen. Fabius hatte von allem, was in Capua vor gieng, genaue Nachricht. Er schickte also nach Nola an seinen Collegen, und ließ ihm wissen, „daß er nothwendig eine andere Ar mee den Campanern entgegen setzen müsse, so lange er mit der seinigen Casilin belage re. Er bäte ihn also mit seinen Trupen zu ihm zu kommen, und nur eine kleine Anzahl Soldaten in Nola zur Besatzung zu lassen. Wäre aber seine Gegenwart daselbst noth wendig, und hätte die Stadt noch die Un ternehmungen Hannibals zu befürchten, so wolle er in diesem Falle den Gracchus von Benevent zu sich ruffen.“ Als Mar cellus die Nachricht von seinem Collegen be kam, ließ er zweytausend Mann in Nola, und kam selbst mit dem Reste der Armee nach Casilin. Seine Ankunfft nöthigte die
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Campaner, die schon einige Bewegungen(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) gemacht hatten, in Ruhe zu bleiben. Casi lin sahe sich also auf einmal von zwey consu larischen Armeen belagert. Weil aber die römischen Soldaten, indem sie sich den Mauern allzusehr nahten, allzusehr verwun det wurden, und gleichwohl keinen sonder baren Vortheil erhielten, so war Fabius Willens die Belagerung eines solchen Ne stes, welches ihm eben so viel Mühe als eine wichtige Festung verursachte, aufzuheben, da er ohnedem weit beträchtlichere Verrichtun gen vor sich hatte. Er war eben im Begriff sich zurück zu ziehn, als ihm Marcellus vor stellte: „daß, (*) wenn ein General eines Theils nicht alles ohne Unterscheid unter nehmen müsse, so müsse er auch gegentheils von dem, was er einmal unternommen habe, nicht so leicht abstehen, weil gemeiniglich der Ruhm wichtige Folgen nach sich ziehe, und viel zu einem glücklichen oder übeln Aus gange beytrage.“ Fabius gab dieser Vor stellung nach, und setzte die Belagerung fort. Nunmehr liessen die Römer ihre Sturmdächer anrücken, und richteten alle Machinen, deren man sich zu der damaligen Zeit bediente, wider die Mauern. Die Campaner, welche in Casi lin zur Besatzung lagen, wurden durch diesen 66
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) Anblick erschreckt, und baten den Fabius sie in Sicherheit nach Capua abziehen zu lassen. Es war schon eine kleine Anzahl derselben ent kommen, als sich Marcellus desjenigen Thors bemächtigte, durch welches sie entflo hen waren. Anfangs machte er alle, die er unter dem Thore antraf, ohne Unterschied nie der, als er aber in die Stadt gedrungen war, nur die, die sich ihm entgegen stellten. Beynahe fünfhundert Campaner, welche zuerst entkommen waren, waren zu dem Fa bius geflüchtet, von welchem sie eine Bede ckung erhielten, die sie bis nach Capua be gleitete. Die gefangenen Carthaginenser so wohl als Campaner wurden nach Rom ge schickt und in die Gefängnisse eingeschlossen. Die Einwohner aber wurden weggeführt und in die nächsten Städte vertheilt. (Unterschiede ne kleine Verrichtun gen. Liv.XXIV. 20.) Zu eben der Zeit hatte sich Gracchus, wel cher in Lucanien war, unvorsichtiger Weise auf dem freyen Felde, zum plündern, zerstreu et. Er ward von dem Hanno angegriffen, der sich des Verlusts wegen, den er bey Be nevent erlitten, an ihm rächete. Marcellus war nach Nola wieder zurück gekehrt, und Fabius hatte sich in das Samnitische Ge biete gezogen. Dieser letzte nahm unterschie dene Städte, theils in Güte theils mit Ge walt, wieder ein, bey deren Einnahme auf 25000 Feinde theils getödtet theils gefangen wurden. Der Consul schickte 370 Flüchtlin ge nach Rom, welche alle von dem Tarpeji schen Felsen gestürzt wurden, nachdem sie vor
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her in der Versammlung waren mit Ruthen(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) gestrichen worden. Marcellus muste sich wegen einer Krankheit, die ihn nichts unternehmen ließ, in Nola aufhalten. Unterdessen hatte sich Hannibal Tarent genähert. Es fiel nichts zu seinem Vorthei le vor, weil auf das erste Geschrey seiner An kunft die Besatzung war verstärket worden. Da er nun sahe, daß man ihm mit leerer Hoff nung geschmeichelt hatte, so kehrte er nach Apulien wieder zurück. Als er bey Salapien anlangte, schien ihm dieser Ort zu den Win terquartieren sehr bequem zu seyn. Weil also der Feldzug meist zu Ende war, so ließ er al len Proviant, den er von Metapont und Heraclea wegbringen konnte, dahin schaffen.

II §.

Dem Marcellus, einem von den Consuls, wird der Krieg in Sicilien anvertraut. Epicydes und Hippocrates werden in Syracus zu Prä tors erwählt. Sie muntern das Volk wider die Römer auf. Die kluge Rede eines Syracu saners in der Versammlung. Man schließt Frieden mit den Römern. Die beyden Häu pter der Rotten beunruhigen ganz Syracus, und machen sich Meister davon. Marcellus nimt die Stadt Leontium ein, und nähert sich Syracus. Er belagert es zu Wasser und Land. Die schrecklichen Würkungen der Ma chinen des Archimedes. Die Sambuken des Marcellus. Er verwandelt die Belagerung in eine Bloquirung. Betrachtung über den Ar chimedes und seine Machinen. Unterschiedene Thaten des Marcellus in Sicilien während der Bloquirung. Pinarius, der Oberste der Be satzung in Enna, vernichtet die übeln Ab
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) sichten der Einwohner, durch eine blutige Be straffung. Die nach Sicilien verwiesene Sol daten schicken an den Marcellus, und wollen wieder in ihre Dienste gesetzet seyn. Marcel lus schreibt zu ihrem Vortheile an den Senat. Strenge Antwort des Senats. Marcellus berathschlagt, ob er die Belagerung von Syra cus aufgeben oder fortsetzen soll. Er macht sich in der Stadt ein Verständniß, welches aber entdeckt wird. Eroberung eines Theils der Stadt. Thränen des Marcellus. Unterschie dene Begebenheiten, die auf die Eroberung aller übrigen Theile von Syracus erfolgt sind. Die Stadt wird der Plünderung frey gegeben. Tod des Archimedes. Ganz Sicilien wird eine römische Provinz. Marcellus richtet die Sa chen in Sicilien mit vieler Billigkeit und Un eigennützigkeit ein. Die letzte That des Mar cellus in Sicilien; der Sieg über den Hanno.
Der Tod des Hieronymus hat die Gesin nung der Syracusaner gegen die Rö mer wenig verändert, allein er hatte ihnen in der Person des Hippocrates und Epicydes geschickte und unternehmende Generals ver schafft. Dieses bewegte die Römer, welche einen gefährlichen Krieg in Sicilien befürch teten, den Marcellus, einen von den Consuls, dahin abzusenden, und ihm die dasigen Ge schäffte anzuvertrauen. (Epicydes und Hippo crates wer den in Sy racus zu Prätors er wählt. Liv.XXIV. 27.) Ehe er daselbst anlangte, waren in Sy racus sehr traurige und schreckliche Sachen vorgefallen, von welchen man anderwerts die Beschreibung lesen kan. Zuletzt hatte man den Hippocrates und Epicydes zu Prä tors ernennt, welche beyde, wie wir schon ge sagt haben, auf des Hannibals Seite wa
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ren. Die neuen Prätors gaben ihre Absich(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) ten nicht sogleich zu erkennen, ob es ihnen gleich sehr verdrüßlich war, daß man an den Appius Gesandte abgeschickt hatte, einen Stillestand auf zehn Tage von ihm zu verlan gen, worauf, nachdem man ihn erlangt hat te, abermals andere waren abgeschickt wor den, welche mit den Römern das Bündniß, welches Hieronymus verlassen hatte, von neuen schliessen sollten. Appius comman dirte damals bey Muegenz eine Flotte von hundert Schiffen, und beobachtete von da die Bewegungen, welche die wieder erhaltene Freyheit, die sich noch zu nichts beständigen angelassen hatte, bey den Syracusern verur sachen würde. Unterdessen schickte er die Syracusanischen Abgeordneten an den Mar cellus, welcher in Sicilien eingerückt war. Der Consul vernahm von ihnen die vorge schlagenen Friedensbedingungen, fand sie bil lig, und schickte seiner Seits Abgesandte nach Syracus, welche den Frieden schliessen, und selbst mit den Prätors das alte Bündniß erneuern sollten. Die römischen Abgesandten fanden bey(Sie mun tern das Volk wider die Römer auf. Liv.XXIV. 28.) ihrer Ankunft die Umstände ganz verändert. Nachdem Hippocrates und Epicydes ge hört hatten, daß die Carthaginensische Flot te bey dem Vorgebürge Pachynus angelangt war, so glaubten sie nichts mehr zu fürchten zu haben, und brachten, anfangs durch heim liches Murren, und endlich durch öffentliche Klagen, allen einen grossen Abscheu wider die
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) Römer bey, indem sie vorgaben, daß man Syracus ihnen überliefern wolle. Appius hatte sich mit seinen Schiffen dem Eingange des Hafens genähert, damit er die römisch gesinnten ermuntern möge. Allein eben die ses bestärkte den neuen Verdacht so sehr, daß das Volk zusammen lief, den Römern das Anlanden zu verwehren, im Fall dieses ihre Absicht seyn sollte. (Die kluge Rede eines Syracusa ners in der Versamm lung.) Bey diesen Verwirrungen hielt man es für gut eine Versammlung des Volks anzu stellen. Die Meynungen desselben waren sehr getheilt, und die Hefftigkeit des Zanks ließ einen Aufstand befürchten. Apollonides, einer von den Vornehmsten des Raths, hielt also eine sehr kluge und bey damaligen Um ständen sehr heilsame Rede. „Er wieß, daß niemals eine Stadt ihrem Untergange, oder ihrer Wohlfahrt, näher gewesen wäre, als jetzt Syracus. Daß, wann sich alle einmü thig jetzt entweder für die Römer oder für die Carthaginenser erklärten, ihr Zustand glücklich seyn werde. Wann sie aber in ih ren Meynungen getheilt blieben, so würde der Krieg zwischen den Römern und Car thaginensern weder gefährlicher noch heffti ger seyn, als zwischen den zertheilten Syra cusanern selbst, weil jede Parthey in einer ley Mauern ihre Trupen, ihre Waffen und ihre Anführer haben würde. Was ihnen also am ersten zu thun obliege, wäre, sich selbst unter einander zu vereinigen. Das wichtigste wäre jetzo nicht, zu untersuchen,
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welche Verbindung der andern vorzuziehen(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) sey. Er wolle nur anmerken, daß in der Wahl der Bundsgenossen das Ansehen des Hieron dem Ansehen des Hieronymus vor zuziehen sey; daß der Freundschafft der Rö mer, welche sie seit 50 Jahren glücklich ge nossen hätten, die Freundschafft der Car thaginenser nicht gleich zu schätzen sey, auf die man gegenwärtig nicht bauen könne, und bey der man sich vor kurzen sehr übel befunden habe. Er fügte noch einen an dern Bewegungsgrund hinzu, welcher nicht gleichgültig seyn könne; nehmlich, daß sie, wenn sie sich wider die Römer erklärten, den Augenblick mit Krieg könnten überzogen werden, da gegentheils die Gefahr von Sei ten der Carthaginenser weit entfernter wäre.“ Je weniger hefftig diese Rede schien, je(Man schließt Friede mit den Römern.) mehr würkte sie. Man wollte die Meynun gen von unterschiedenen Ständen des Staats wissen, und ersuchte auch die Officiers sowohl der auswärtigen, als Stadt - Trupen, mit einander zu Rathe zu gehen. Man stritt lange und mit vieler Hefftigkeit. Endlich, da man keine Mittel, den nahen Krieg mit den Römern zu unterhalten, fand, schloß man mit ihnen Friede, und schickte Abge sandte zu ihnen, die Sache zu Stande zu bringen. Diese Entschliessung hätte Syracus erhal(Die beyden Häupter der Rotten be unruhigen) ten können, wenn sie wäre ausgeführet wor den. Allein Hippocrates und Epicydes
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(ganz Syra cus und ma chen sich Meister da von. Liv.XXIV. 52.) brachten alles durch ihre Aufwieglungen in Unordnung, und kamen endlich so weit, daß sie durch ihre falschen Vermuthungen und Klagen das Volk und die Trupen wider die Römer gleich stark verhetzten. Nach unter schiedenen Ränken, und Begebenheiten, wel che man in dem angeführten Orte weitläuff tig beschreiben findet, machten sich diese bey den Häupter Meister von Syracus, liessen ihre Collegen ermorden, und sich alleine zu Prätors in einer verwirrten Versammlung erklären. Auf diese Art fiel Syracus, nach einem Strahle von Freyheit, welche sehr kurz dauerte, in eine harte und grausame Knecht schafft wieder zurück. Marcellus, wie wir schon gesagt haben, war kurz vorher in Sicilien angelangt, und nachdem er sich mit dem Appius vereiniget hatte, hatte er die Stadt Leontium (*) mit Gewalt eingenommen. Als er vernahm, was in Syracus vorgegangen sey, näherte er sich alsobald der Stadt, und lagerte sich mit seiner Armee bey dem Tempel des olym pischen Jupiters, 500 Schritt von der Stadt. Ehe er weiter gieng, und ehe er noch einige Feindseligkeit vornahm, schickte er Gesandte ab, und ließ den Einwohnern wissen, daß er käme den Syracusanern ihre Freyheit wie der herzustellen, und nicht, sie zu bekriegen, es sey denn, daß er dazu gezwungen würde. Man erlaubte ihnen nicht in die Stadt zu 67
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kommen. Epicydes und Hippocrates gien(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) gen ihnen vor das Thor entgegen, und nach dem sie ihr Anbringen gehört hatten, ant worteten sie ihnen ganz trotzig: „wann die Römer ihre Stadt zu belagern gedächten, so sollten sie bald sehen, daß es ganz was anders sey, Syracus anzugreiffen, als Le ontium.“ Marcellus entschloß sich also die Stadt zu Wasser und zu Lande anzufallen. Syracus, welches Marcellus angreiffen(Beschrei bung von Syracus.) wollte, lag auf der ostlichen Seite von Si cilien. Seine Grösse, seine vortheilhaffte Lage, die Bequemlichkeit seines gedoppelten Hafens, seine mit vieler Sorgfalt erbauten Festungswerke, die Menge und der Reich thum seiner Einwohner, machten es zu einer von den grösten, schönsten und mächtigsten Städten Griechenlandes. Cicero macht eine Beschreibung davon, welche gelesen zu wer den verdienet. (*) Man sagte, daß die Lufft daselbst so rein und lauter wäre, daß nie mals ein Tag so neblicht gewesen sey, daß man die Sonne gar nicht sollte gesehen ha ben. Archias aus Corinth hatte sie ange(StraboVI. 269.) legt, ein Jahr nachher, als man auf eben der Seite den Grund von Naxus und Me gara geworffen hatte. 68
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) Zu der Zeit, von welcher wir reden, be stand sie aus fünf Theilen, welche gleichsam 5 besondere an einander verbundene Städte waren: Die Insul, Achradina, Tyche, Ne apolis oder die Neustadt, und Epipolis. Die Insul, welche gegen Mittag lag, hieß Nasos, ein griechisches Wort, welches nach dem dorischen Dialekte ausgesprochen ist, und eine Insul bedeutet. Man nennte sie auch Ortygia. Sie war mit dem festen Lande durch eine Brücke verbunden. Auf dieser Insul waren die königlichen Palläste (Cicero wi der den Verres VII. 26.) und die Citadelle. Sie war ein wichtiger Theil der Stadt, denn die, die sie inne hat ten, konnten sich zugleich von den zwey Tho ren, welche sie umschlossen, Meister machen. Und dieses eben war die Ursache, warum die Römer, als sie Syracus einbekommen hat ten, keinem Syracusaner mehr erlaubten dar auf zu wohnen. Auf dieser Insul war ein Brunnen, den man Arethusa nennte, und aus den Dichtungen der Poeten sehr be kannt ist: (Virgil.X.) Extremum hunc, Arethusa, mihi con cede laborem - - - Si tibi, cum fluctus subterlabere Sicanos Dacis amara suam non intermisceat vndam. Achradina lag gänzlich an dem Ufer des Meers, und war das grösseste, das schönste und befestigste Theil der Stadt. Es war von den übrigen mit einer starken Mauer
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abgesondert, welche von Raum zu Raum(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) mit Thürmen versehen war. Tyche hatte seinen Nahmen von dem Tem pel des Glücks, welcher sich in diesem Theile befand, sie stieß an Achradina und streckte sich von Mittag gegen Mitternacht. Sie war gleichfalls sehr bewohnet, und hatte ein berühmtes Thor Hexapylä genannt, durch welches man auf das freye Feld kam. Die sem Thore gegenüber lag ein kleiner Flecken, welcher Leon hieß. Neapolis, oder die Neustadt, erstreckte sich von der westlichen Seite die Länge von Tyche herab. Epipolis war eine Höhe ausser der Stadt, welche sie beschützte, und an vielen Orten sehr abschiessend gebauet, daß man ihr also sehr schwerlich beykommen konnte. Als die Athenienser Syracus belagerten, war sie noch nicht mit Mauern umgeben, welches erst unter dem Tyrannen Dionysius geschah, und seit dem machte sie den fünften Theil der Stadt aus, war aber wenig bewohnt. Am Fusse dieser Höhe war das bekannte Gefängniß, Latomiä, und nicht weit davon die Feste Labdalus. Oben endigte sie sich mit einer andern Feste, welche Euryalus oder Eyryelus hieß. Der Fluß Anapus floß eine halbe Meile von der Stadt, und goß sich in den grossen Hafen. Nahe bey seinem Ausflusse auf der westlichen Seite war ein Schloß, welches
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) Olympia, wegen des Tempels des olympi schen Jupiters, genennt wurde. Syracus hatte zwey Hafen, einen neben dem andern, welche blos durch die Insul von einander geschieden waren: der grosse und der kleine, welcher auch sonst Caccus genen net wurde. Der grosse hatte zur linken Hand einen Meerbusen, Dasion genannt, weiter unten ein Vorgebürge und die Feste Plemyria. Etwas oben bey Achradina, nahe an dem Thurme Galeagra, war noch ein drittes Thor, welches Trogilus hieß. Der Plan von Syracus, welchen ich nach dem Entwurffe des gelehrten Erdbeschrei bers Philipp Cluvers habe machen lassen, kan alles deutlich machen, was in der Bela gerung dieser Stadt davon wird gesagt wer den. (Marcellus belagert Sy racus zu Wasser und zu Lande. Liv.XXIV. 34.) Marcellus überließ dem Appius das Commando über die Trupen zu Lande, und behielt sich die Flotte zu commandiren vor. Sie bestand aus 60 Galeren mit 5 Reihen Ruder. Die Mannschafft darauf war mit Bogen, mit Schleidern und Wurfspiessen bewaffnet, um die Belagerten von den Mau ren zu treiben. Andre hatten andre Machi nen, die zum Angriffe eines Orts nöthig wa ren. Weil er gleich bey dem ersten An falle Leontium durch das Schrecken, welches er unter die Einwohner brachte, einbekom men hatte, so zweifelte er gar nicht, daß er nicht auf einer Seite in eine Stadt, die wie Syracus aus unterschiedenen abgesonderten
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Theilen bestand, sollte eindringen können, er(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) rückte also den Mauern näher, und richtete das fürchterliche Sturmzeug, mit welchem er sie angreiffen wollte, vor den Augen der Einwohner auf. Er würde ohne Zweifel glücklich gewesen seyn, wenn nur ein einziger Mensch weniger in Syracus gelebet hätte. Dieses war der berühmte Archimedes, ein(Entsetzliche Würkung der Machi nen des Ar chimedes. Plutarch.) Anverwandter und Freund des Königs Hie ro. Er war von den Geschäfften und der Regierungslast gänzlich entfernt, und die Wissenschafften machten sein einziges Ver gnügen aus. Seine natürliche Neigung be schäfftigte ihn einzig mit dem, was die Geo metrie edles und erhabnes hat. Durch die Bitten des Königs Hiero ließ er sich bewe gen, seine Kunst nicht allein bey lauter be schaulichen Sachen anzuwenden, sondern sie auch dann und wann bey sinnlichen Dingen zu gebrauchen, damit seine Entdeckungen dem Volke begreifflicher und schätzbarer würden, wann er ihre Anwendung durch die Erfah rung zeigte. In dieser Belagerung zog Syracus ei nen nicht geringen Nutzen aus der Gefällig keit, welche dieser grosse Geometra für den König gehabt hatte. Die Römer, die sich zum Sturme, welcher zu Wasser und zu Lande vor sich gehen sollte, gefaßt machten, glaubten durch ihr schreckliches Sturmgeräthe Bestürzung und Erstaunen unter die Ein wohner zu bringen. Allein die Belagerten hatten den Archimedes bey sich, welcher ih
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) nen statt aller Gegenwehr war; und die Mauern mit allen zu einer tapfern Gegen wehr nothwendigen Rüstzeugen versehen hatte. Sobald er sie auf der Seite gegen das Land zu gebrauchte, so schossen sie alle Arten von Pfeilen und Steine von einer schreckli chen Grösse auf den Feind los, welche mit solchem Geräusch und mit solcher Hefftigkeit flogen, daß sie alles, was ihnen vorkam, zu Boden riessen und zerschmetterten, und in allen Gliedern eine entsetzliche Unordnung verursachten. Marcellus war an der Wasserseite nicht glücklicher. Archimedes hatte Machinen auf gerichtet, welche die Pfeile, so weit es nur seyn muste, werffen konnten. Obgleich die Fein de noch sehr weit von der Stadt waren, so wurden sie dennoch von ausserordentlichen Balisten und Katapulten erreichet. Wann die Pfeile noch weiter giengen, so hatten sie auch kleinere, welche auf die gehörige Weite eingerichtet waren. Dieses verursachte un ter den Römern eine so grosse Unordnung, daß sie nichts zu unternehmen fähig waren. Das war das gefährlichste noch nicht. Archimedes hatte hinter den Mauern hohe und starke Machinen angebracht, welche plötzlich grosse mit entsetzlichen Lasten beschwer te Balken auf die Galeren fallen liessen, und sie dadurch unter das Wasser drückten. Ue berdieses ließ er auch eine eiserne an eine Ket te fest gemachte Hand hernieder, durch wel
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che derjenige, welcher die Machine regierte,(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) wann er das Vordertheil eines Schiffs damit ergreiffen konnte, das Schiff, durch ein Ge gengewichte, welches hinter der Mauer her nieder fiel, in die Lufft zog und auf das Hin tertheil stellte. Wann es einige Zeit auf die se Art gehangen hatte, so ward die Kette plötzlich los gemacht, daß also das Schiff entweder auf das Hintertheil oder auf die Seite fiel, und offt gänzlich zu Grunde ge richtet wurde. Desgleichen wurden die Schiffe mit Stricken und Hacken auf das Land hinzugerissen, daß sie an den Felsen, welche unter den Mauern versteckt lagen, zerschmettert wurden, und alle, welche drauf waren, verunglücken musten. Alle Augenbli cke gaben die in die Höh gezogenen und in der Lufft mit Gewalt herumgedrehten Galeren einen entsetzlichen Anblick, und wann sie wie der in das Meer stürzten, so war alles, was darauf war, verlohren. Marcellus brauchte zwar seiner Seits auch(Die Sam buken des Marcellus.) Balisten und Katapulten, allein sie kamen den archimedischen bey weiten nicht gleich. Er hatte mit grossen Unkosten Machinen verfer tigen lassen, welche Sambuken hiessen, we gen ihrer Gleichheit mit dem musicalischen Instrumente dieses Nahmens. Es war eine Zusammensetzung von 8 Galeren mit fünf Reihen Ruder, aufderen einer Seite die Ruder weggenommen waren, bey der einen auf der rechten und bey der andern auf der linken Hand, und welche man auf den Seiten, wo
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) keine Ruder waren, mit einander verbunden hatte. Die Machine bestand aus einer Lei ter von vier Fuß, welche auf beyden Seiten mit Lehnen versehen, und aufgerichtet so hoch als die Mauern war. Man legte sie nach der Länge auf den Seiten, wo die Galeren mit einander verbunden waren, hin, so daß sie weit über den Schnabel des Schiffs hinaus stunden. An der Spitze der Masten dieser Galeren machte man Rollen mit Seilen feste, und wann man sie nun gebrauchen woll te, so wurden die Seile an dem Ende der Machine angemacht, und von den Leuten, welche auf dem Hintertheile des Schiffs wa ren, vermittelst der Rollen in die Höh gezogen; wobey denn die auf dem Vordertheile das ihrige auch thaten. Hierauf wurden die Gale ren nahe an die Mauern gerückt, und die Machinen angebracht, auf die Art vielleicht, wie bey uns die Fallbrücken; denn die Sam buken liessen sich auf die Mauern hernieder, damit die Belagerer auf ihnen hinüber steigen konnten. Diese Machine that die gehoffte Wür kung nicht. Da sie noch weit von den Mau ern war, schoß Archimedes einen grossen Fels von von zehn (*) Zentnern, zu drey unter schiednen malen nach einander gegen sie los, welche mit einem entsetzlichen Gedonnere auf 69
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die Sambuken traffen, ihre Stützen zerschmet(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) terten, und die Galeren, auf welchen sie ruh ten, so erschütterten, daß sie sich aus einander gaben. Marcellus ward hierdurch auf das äus serste gebracht. Er zog sich mit seinen Gale ren bedachtsam zurück, und gab Befehl, daß die Trupen zu Lande ein gleiches thun soll ten. Zu gleicher Zeit versammelte er den Kriegsrath, worinne man beschloß, daß man morgen noch vor Anbruch des Tages sich den Mauern nähern wolle. Hierdurch glaubte man sich für die Machinen in Si cherheit zu setzen, welche in Ermangelung ei nes gehörigen Raums nicht würden können gebraucht werden. Allein Archimedes hatte alles vorherge sehen. Er hatte lange vorher, wie wir schon angemerkt haben, Machinen für unterschie dene Weiten, eine Menge von gehörigen Pfeilen, und Stücken von Balken fertig ge macht, welche mit weniger Mühe und zu wiederholten malen konnten gebrauchet wer den. Ueberdieses hatte er durch die Mauern nahe an einander Löcher machen lassen, wor ein er Scorpionen setzte, welche, weil sie nicht weit trugen, diejenigen, die sich nahten, ohne gesehn zu werden, verwundeten. Als die Römer nun unter den Mauern waren, und in Sicherheit zu seyn glaubten, fanden sie sich auf einmal einer unzehlbaren Menge von Pfeilen ausgesetzt, oder wurden von Steinen erdrückt, welche von oben auf
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) ihre Köpfe fielen, ohne daß sie unter den Mauern einen Ort finden konnten, wo sie für dergleichen Hagel sicher gewesen wären. Dieses zwang sie zum Rückzuge. Allein kaum waren sie etwas entfernt, als neue Pfei le auf sie losgeschossen wurden, so daß sie sehr viel Volk verlohren, und alle ihre Ga leren zerschmettert wurden, ohne daß sie de nen Feinden den geringsten Schaden gethan hatten. Denn Archimedes hatte seine Ma chinen gröstentheils hinter den Mauern an gebracht, so daß die Römer, welche der un zehlbaren Menge der Pfeile unterliegen mu sten, und gleichwohl nicht sahen woher sie ka men, wie Plutarchus sagt, mit den Göttern zu streiten schienen. Ob Marcellus sich gleich wider die Ma chinen des Archimedes nicht zu schützen wu ste, so unterließ er doch nicht darüber zu scherzen. Wie lange wollen wir noch, sprach er zu seinen Arbeitsleuten und Inge nieurs, mit diesem geometrischen Boia reus, welcher meinen Galeren und Sam buken so übel mitfährt, streiten? Er übertrifft bey weiten die Riesen mit den hundert Händen, wovon uns die Fabel erzehlet, da er so viel Pfeile auf einmal wider uns losschiessen kan.Marcellus hatte Grund es dem einzigen Archimedes zu zuschreiben. Denn in der That waren die Syracuser alle nichts als Machinen dieses grossen Geometra, und er war einzig die See le, welcher sie bewegte und regierte. Alle an
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dere Waffen blieben müßig, blos der archi(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) medischen bediente man sich, sowohl sich zu ver theidigen als anzugreiffen. Endlich als Marcellus die Römer so be(Marcellus verwandelt die Belage rung in eine Blokade. Liv.XXIV. 34.) stürzt sahe, daß sie gleich flohen, sobald sie nur auf den Mauern einen kleinen Strick oder ein Stückchen Holz wahrnahmen, weil sie befürchteten, Archimedes wolle wieder ge gen sie eine schreckliche Machine loslassen, so gab er die Hoffnung auf Syracus mit Sturm einzunehmen, hörte mit den Anfäl len auf, und beschloß die Uebergabe der Stadt der Zeit zu überlassen, indem er die Belagerung in eine Blokade verwandelte. Der einzige Trost der Römer bestand darin ne, daß sie die Belagerten mit Hunger zu zwingen hofften, wenn sie einer so grossen Menge Volkes, als in Syracus war, alle Lebensmittel abschnitten, welche ihnen zu Wasser oder zu Lande könnten zugeführet werden. In den acht Monaten, da man vor dieser Stadt lag, sind alle Kriegsliste versucht, und unzehlbare tapfere Thaten ver richtet worden, nur den Sturm wollte man nicht mehr wagen. So viel vermag ein ein ziger Mensch, und eine einzige Wissenschafft bey gewissen Gelegenheiten, wenn man sie anzuwenden weiß. Nehmt einen einzigen Alten aus Syracus, seine Einnahme ist un hintertreiblich, da die Römer so viele Kräff te dabey anwenden. Nur seine Gegenwart verwirret und verhindert alle ihre An schläge.
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) Lasset uns aus diesem Exempel, welches man nicht offte genug wiederholen kan, schliessen, wie sehr es der Nutzen der Fürsten (Betrachtung über den Ar chimedes und seine Machi nen.) erfodere, die Künste zu beschützen, gelehrten Leuten wohl zu wollen, die Akademien der Wissenschafften durch Ehrenbezeigungen und würkliche Belohnungen, welche niemals ei nen Staat arm machen, aufzumuntern. Ich setze hier die Geburth und den Adel des Ar chimedes bey Seite, denn diesen war er we der seine tieffe Wissenschafft noch sein Ansehn schuldig. Ich betrachte ihn hier nur als ei nen Gelehrten, als einen geschickten Geome tra. Was für ein Verlust wäre es für Sy racus gewesen, wenn man einen solchen Mann, einigen Aufwand oder einige Beloh nungen zu ersparen, im Dunkeln und ohne Verrichtung gelassen hätte. Hiero bezeigte sich ganz anders. Er erkannte alle Ver dienste unsers Geometra, und bey Fürsten ist es ein grosses Verdienst, die Verdienste an derer zu erkennen. Er brachte ihn zu Eh ren, er gebrauchte ihn und erwartete nicht, bis ihn die Nothwendigkeit darzu zwingen wür de. Alsdann wäre es zu späte gewesen. Eine weiseVorsicht, welches der wahre Charakter eines grossen Königs oder grossen Staats ministers ist, hieß ihn, im Schosse des Frie dens, alles dasjenige anschaffen, was zu Füh rung des Kriegs oder zur tapfern Aushal tung einer Belagerung nothwendig ist, ob er gleich damals von Seiten der Römer, mit welchen Syracus in einer genauen Freund
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schafft stand, nichts zu befürchten hatte. Da(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) her sahe man auch in einem Augenblicke eine unglaubliche Menge verschiedener Machinen gleichsam aus der Erde hervorkommen, de ren Anblick allein Unordnung und Bestür zung unter eine Armee bringen konnte. Es sind einige unter diesen Machinen, deren Würkung man kaum begreiffen kan, und deren Würklichkeit man in Zweifel zie hen möchte, wann es erlaubt wäre, an den Zeugnissen der Schrifftsteller, zum Exempel des Polybius, zu zweifeln, welcher fast zu eben den Zeiten lebte, und die neuesten Bege benheiten, welche noch allen Menschen im Gedächtnisse waren, aufschrieb. Allein, wie kan man der Uebereinstimmung der römi schen und griechischen Geschichtschreiber, theils Freunde, theils Feinde, seinen Beyfall gewisser Thaten wegen versagen, wovon gan ze Armeen die Zeugen waren, und ihre Wür kungen empfunden hatten, und welche einen so grossen Einfluß in die Folgen des ganzen Krieges hatten. Das, was bey der Bela gerung von Syracus ausgeübet worden, zeigt, wie weit die Alten ihre mathematische Einsicht, und die Kunst zu belagern und zu vertheidigen, gebracht hatten. Unsere Artille rie, welche den Donner so vollkommen nach ahmet, kan keine grössere Würkungen ver ursachen, als die Machinen des Archimedes, gesetzt daß sie ihnen ja gleich käme. Man redet von einem Brennspiegel, wo mit Archimedes einen Theil der römischen
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) Flotte soll verbrannt haben. Die Erfindung würde sehr besonders seyn. Allein kein alter Schrifftsteller gedenkt desselben, es ist eine neuere Sage, welche keinen Grund hat. Die Brennspiegel waren zwar den Alten schon bekannt, allein nicht in einer solchen Vollkommenheit, welche die grösten Meß künstler für unmöglich halten. (Polyb.VIII.) Marcellus blieb, nach dem Polybius, nebst dem Appius, acht Monate vor Syracus, welches also bis zum Ausgange seines Consu lats, ja gar noch länger, muß gedauert haben. Livius setzt in dieses erstre Jahr die Ver richtungen des Marcellus in Sicilien, und seinen Sieg über den Hippocrates, welcher nothwendig in das andre Jahr der Belage rung fallen muß. Und in der That berichtet uns auch dieser Geschichtschreiber in dem Jahre keine Kriegsthat des Marcellus, weil er unter das vorige Jahr dasjenige gebracht hatte, was sich erst in dem Jahre zutrug, welches wir nun anfangen. Denn es ist wi der alle Wahrscheinlichkeit, daß in demselben, besonders die Römer, welche eine zahlreiche Armee und einen wachsamen und feurigen General hatten, nichts sollten vorgenommen haben. Diese Anmerkung ist, wie ich schon in der alten Historie angemerkt habe, von dem Herrn Crevier, Professore emerito in dem Collegio von Beauvais, aus seiner neuen Ausgabe des Livius, von welcher ich mein Ur theil mehr als einmal schon gesagt habe, und welche ich bey meiner Arbeit nicht wenig ge
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brauchen kan. Ich werde also in das andre Jahr diejenigen Begebenheiten bringen, wel che Livius dem erstern zugeschrieben hat. Ich bitte zugleich um Erlaubniß, daß ich die Erzehlung der Begebenheiten in Sicilien, durch die Thaten, welche die Römer in diesen zwey Jahren der Belagerung anderwerts verrichtet haben, nicht unterbrechen darf. Ich werde es in der Folge nachholen. Die Begebenheiten werden, wann man sie so aus einander setzt, weit klärer seyn. Ich wer de bey andern Gelegenheiten gleichfalls so verfahren.

Q. Fabius Maximus.(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) Ti. Sempronius GracchusII.

Nachdem Marcellus beschlossen hatte Syracus blos zu umsetzen, so ließ er den Ap(Unterschiede ne Verrich tungen in Sicilien während der Blokade von Syracus. Liv.XXIV. 35.) pius mit zwey Drittheil der Armee davor, und mit dem Reste gieng er tieffer in die In sul, und brachte einige Städte wieder auf die römische Seite. Zu eben dieser Zeit langte Himilco, der General der Carthaginenser, mit einer gros sen Armee in Sicilien an, in Hoffnung sich gänzlich Meister davon zu machen, und die Römer daraus zu vertreiben. Hippocrates rückte mit zweytausend Mann Infanterie, und 500 Reutern aus Syracus, und verband sich mit ihm, in der Absicht mit vereinigten Kräfften auf den Marcellus los zu gehen. Epicydes blieb in der Stadt, das Comman do während der Blokade zu führen. Als
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) Marcellus von Agrigent, dessen er sich bemäch tiget hatte, wieder zurück kam, so waren ihm die Feinde zuvor gekommen; er traf die Armee des Hippocrates, er griff sie an, und schlug sie. Dieser Sieg hielt viele zurück, welche eben im Begriss waren auf der Carthaginen ser Seite zu treten. (Liv.XXIV. 36.) Man sahe fast zu gleicher Zeit zwey Flot ten in Sicilien anländen. Auf der einen Sei te lieffen 55 ausgerüstete Galeren, welche von dem Bomilcar commandiret wurden, in den grossen Hafen von Syracus ein; auf der an dern setzte eine römische Flotte, welche aus 30 Galeren mit 5 Reihen Rudern bestand, bey (*) Palerma eine Legion ans Land. Beyde Völker wandten so viel Kräffte an Sicilien, daß es schien, als ob sie gar nicht mehr an Italien ge dächten. Das Unternehmen der Carthagi nenser war ohne Folgen. Himilco hatte gehofft die römische Legion auf dem Wege von Palerma nach Syracus aufzuheben, allein es schlug ihm fehl, weil sie einen andern Weg genommen hatte. Die carthaginensische Flot te blieb nicht lange bey Syracus. Denn da Bomilcar sahe, daß er den Römern, welche noch einmal so viel Schiffe als er hatten, nicht gewachsen wäre, und daß ein längerer Aufent halt seine Bundsgenossen nur auszuzehren diene, so schiffte er wieder nach Afrika zurück. Himilcon begnügte sich einige Plätze wie der einzunehmen. Der erste davon war Mur 70
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ganz, wohin die Römer einen grossen Vor(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) rath von Lebensmitteln hatten bringen lassen. Die Einwohner übergaben sie ihm durch Verrätherey. Der Abfall dieser Stadt brachte eine grosse Anzahl anderer Städte auf gleiche Gedanken, so daß die römischen Besatzungen aus allen Orten entweder mit Gewalt getrieben, oder durch die Untreue der Einwohner den Feinden überliefert wurden. Die Stadt Enna war im Begriff mit(Pinarius der Oberste der Garnison in Enna ver nichtet die übeln Absich ten der Ein wohner durch eine blutige Bestraffung. Liv.XXIV. 37 - 39.) ihrer Garnison, welche L. Pinarius, ein tapfe rer und getreuer Soldat, commandirte, eben so zu verfahren. Allein Pinarius war kein Mann, den man überrumpeln konnte. Er wußte, daß die Einwohner beschlossen hatten die Besatzung den Feinden in die Hände zu geben, und daß sie dieserwegen den Himilco und Hippocrates herbey gerufft hatten, welche auch schon im Anzuge waren. Er sahe also, daß er keine Zeit zu verlieren habe. Nachdem er seinen Soldaten die grosse Gefahr, worinnen sie sich befanden, entdeckt, und in aller Stille die nöthigen Maßregeln genommen hatte, so gab er ihnen das abgeredete Zeichen. In dem Augenblicke zerstreuten sich die Soldaten durch die Stadt, plünderten, raubten, und tödteten alles, was ihnen unter die Hände kam, wie sie es nur in einer mit Sturm eroberten Stadt würden gemacht haben, so erhetzt wa ren sie wider die Einwohner, welche zwar ohne Waffen, aber treulose Verräther wa ren, daß, wann sie hätten widerstehen kön nen, die Gefahr gewiß auf beyden Seiten
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) gleich groß würde gewesen seyn. Auf diese Art wurde Enna den Römern erhalten, und die Nothwendigkeit allein muß dieses blutige Verfahren recht sprechen. Marcellus wuste es dem Pinarius auch nicht schlechten Dank, und überließ sogar den Soldaten die Beu te, weil er sahe, daß ein so schreckliches Ex empel der Rache nothwendig wäre, wann die Sicilianer von ihrer Verrätherey sollten abgeschreckt werden. (Cicero in Verrem de signis n. 106. 108.) Enna liegt beynahe in der Mitte von Si cilien. Sie war sonst wegen den Dienst der Ceres und Proserpina berühmt. Es war eine alte hergebrachte Meynung, welche sich in den Gedanken des Sicilianischen Volkes sehr feste gesetzt hatte, daß die ganze Insul diesen zwey Gottheiten, die hier erzeugt worden, heilig sey: daß sie der Ceres die Erfindung des Gebrauchs des Korns schuldig wäre, und daß in einem Walde nicht weit von Enna die Proserpina von dem Pluto sey entführet worden, von welcher Entführung man auch noch die Merkmale sehen könne. Der Tem pel (*) der Ceres, der Mutter der Proserpi na, wurde von dem ganzen Volke so sehr verehret, daß sie diese Göttin selbst darinne persönlich zu finden und anzubeten glaubten. Diese heilige Verehrung zeigte sich besonders bey dem, was wir von Enna jetzt erzehlt ha 71
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ben. Die Nachricht von dieser Ermordung breitete sich durch die ganze Provinz in einem einzigen Tage aus, so daß die Sicilianer, welche in dieser Begebenheit nicht allein Grau samkeit gegen die Menschen, sondern auch Ruchlosigkeit gegen die Götter, fanden, noch einen viel grössern Abscheu gegen die Römer bekamen, und daß diejenigen, welche noch zwischen den Römern und Carthaginensern unentschlossen waren, sich gänzlich für die letztern erklärten. Marcellus kehrte aus Syracus zurücke, nachdem er den Appius nach Rom geschickt hatte, um das Consulat anzuhalten. An statt seiner erwählte er den T. Quintius Cri spinus zum Befehlshaber der Flotte und des alten Lagers; er selbst aber gieng nach Leon, welches ungefehr 6 (*) oder 7 Stadia von Epipolis lag, in die Winterquartiere.

Q. Fulvius Flaccus.(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Appius Claudius Pulcher.

Wir haben schon angemerkt, daß zu der Zeit, wovon wir reden, Sicilien in die römi(Die nach Si cilien verwie sene Solda ten schicken an den Mar cellus und wollen wie der in ihre vorige Dien ste gesetzt seyn. Liv.XXV. 6.) sche Provinz, und in das Königreich des Hie ro, oder in den Staat von Syracus, zerthei let war. In diesem andern Theile war Mar cellus mit seiner Armee: allein in der römi schen Provinz befand sich noch eine andere Armee, wo alles ruhig zugieng, und kein 72
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Krieg geführet wurde. Unter dieser letzten Armee befanden sich die Soldaten, welche bey Cannä aus der Schlacht geflohen wa ren, unter dem Befehle des Prätors oder Proprätors P. Lentulus. Von diesen Sol daten nun, welche nach Sicilien verwiesen waren, ohne Hoffnung jemals wieder nach Italien zu kommen, so lange der Krieg mit den Carthaginensern dauern würde, wurden an den Marcellus in sein Winterlager die vor nehmsten Officiers von ihrer Reuterey und ihren Legionen abgeschickt, und der, der das Wort führen sollte, hielt folgende Rede an ihn. „Marcellus, wir würden unsere Zuflucht gleich in Italien zu dir genommen haben, da du zu eben der Zeit Consul warest, als der Rathschluß wider uns ergieng, den wir zwar nicht ungerecht nennen wollen, der aber in der That sehr hart ist, wenn wir nicht geglaubt hätten, daß man uns in ei ne Provinz senden würde, wo der Tod zweyer Könige grosse Unruhen verursachet hatte, damit wir wider die Sicilianer und Carthaginenser zugleich einen harten und blutigen Krieg auszuhalten hätten, in wel chem wir durch unser Blut die Straffe des Senats lindern könnten. Auf diese Art tilgten zu den Zeiten unserer Väter diejeni gen, welche bey Heraclea von dem Pyr rhus zu Gefangenen waren gemacht wor den, die Schande ihrer Feigheit, indem sie wider eben diesen Pyrrhus fochten.
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Allein überhaupt, edle Senatores, durch(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) was haben wir die traurigen Würkungen eures vergangenen und jetzigen Zornes verdie ten? Denn es scheint mir, grosser Marcellus, da ich die Ehre habe mit dir zu reden, als ob ich beyde Consuls und den ganzen Rath in deiner Person vereint sähe. Wenigstens bin ich gewiß versichert, daß, wann wir un ter dir bey Cannä gestritten hätten, unser und der Republick Schicksal würde weit glücklicher seyn. Erlaube, daß ich uns erst vertheidige, ehe ich dir unsern traurigen Zu stand vorstelle.“ „Wenn man unser Unglück nicht dem Zorne der Götter, oder der unveränderli chen Ordnung des Geschicks, welches alle menschlichen Sachen ordnet, sondern einem menschlichen Versehen zuschreiben will, auf wen muß dieses Versehen fallen? auf die Soldaten oder auf den General? Ich bin nichts als ein Untergebener, ich will mich also nicht unterstehen, die Aufführung eines Generals zu tadeln, besonders da ich weiß, daß ihm der Rath hat Dank sagen lassen, weil er an dem Wohl des Staats nicht verzweiffelt habe; der ich weiß, daß er ihm nach der Niederlage bey Cannä noch beständig das Commando gelassen hat, und daß alle Kriegszunfftleute, welche aus der Schlacht entkommen sind, Aemter ver langt, und ohne Schwierigkeit erhalten ha ben. Doch sey es mir wenigstens erlaubt, edle
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Senators, daß ich euch frage, ob es gerecht ist, daß, da ihr gegen euch selbst und ge gen eure Kinder so voller Nachsicht und Güte seyd, alle euer Zorn und eure Stren ge auf die Soldaten, als verachtete Skla ven, gefallen ist? Werdet ihr sagen, daß der Burgemeister und die Vornehmsten der Stadt, nachdem nichts mehr für sie zur Rettung übrig war, haben die Flucht er greiffen können, ohne sich Schande zu ma chen? oder daß ihr die Soldaten nur deswe gen in die Schlacht geschickt habt, damit sie darinnen umkämen? Bey der Schlacht bey Allia nahm fast die ganze Armee die Flucht. Bey den Gabeln von Caudium überlieferten die Soldaten ihre Waffen dem Feinde, oh ne sogar versucht zu haben, sich derselben zu bedienen; anderer Treffen nicht zu geden ken, welche eben so betrübt als schimpflich abgelauffen sind. Unterdessen dachte man nicht daran, diese Armeen mit einiger Schande zu belegen, und man hatte so we nig Ursache es sich gereuen zu lassen, daß man glimpflich mit ihnen verfahren war, daß Rom seine Wohlfahrt eben diesen Le gionen zu danken hatte, welche so erschro cken und eilfertig die Flucht nach Vejos ge nommen hatten, und daß die Trupen, welche ohne Waffen nach Rom zurück ge kommen waren, nachdem sie unter das schimpfliche Joch der Samniter gekommen, und nachdem sie mit neuen Waffen gegen eben diesen Feind waren geschickt worden,
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ihm nunmehr den blutigen Schimpf em(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) pfinden liessen, durch welchen sie uns zu de müthigen sich ein Vergnügen gemacht hatten.“ „Aber kan man wohl die Soldaten, welche bey Cannas gestritten haben, einer Zaghaftigkeit beschuldigen, wenn man weiß, daß ihrer über 50000 auf dem Platz geblieben sind? wenn man weiß, daß sich der Burgemeister nur mit 70 Reutern ge rettet hat? und daß diejenigen, welche da mals nicht ihr Leben verlohren haben, es nur deswegen behalten haben, weil der Sieger müde war sie zu tödten? Da man den Kriegsgefangenen abschlug, sie zu ranzioniren, lobte uns jedermann, daß wir unser Leben zum Dienst des Vaterlandes erhalten hatten, daß wir uns zum Burge meister nach Venusa zurück gezogen hat ten, und daß wir ihm einen Haufen Tru pen zusammen ausmachten, welche für ei ne Armee gelten konnte.“ „Itzo sind unsere Umstände viel verdrüß licher und härter, als jemals zu den Zeiten unsrer Väter die Umstände der Kriegsge fangenen gewesen sind. Denn alle Stren gigkeit, welche man an ihnen ausübte, war allemal nur diese, daß man ihnen andere Waffen gab, daß man sie aus einem ge ehrten Dienste unter einen geringern Hau fen versetzte, und daß man ihnen im Lager einen niedrigern Platz anwieß, als sie zu vor hatten. Aber sie ermangelten nicht,
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) bey erster Gelegenheit, wo sie sich hervor gethan hatte, alles das wieder zu bekom men, was man ihnen genommen hatte. Keiner von ihnen ist jemals verwiesen wor den. Man hat keinem einzigen die Hoff nung benommen, die Zeit ihrer Dienstbar keit zu vollenden; kurz, man hat sie alle zeit gegen den Feind geführt, mit ihm zu schlagen, und entweder ihrem Leben oder ihrer Schande ein Ende zu machen. Wir aber, denen man nichts vorwerfen kan, als etwan dieses, daß wir gewollt haben, daß einige Römer in der Schlacht bey Cannas übrig blieben, sind nicht nur von unserm Vaterlande und von Italien, sondern auch von dem Angesichte unsrer Feinde, entfernet. Man läßt uns in einem schimpflichen Elen de schmachten, ohne zu hoffen, unsere Schan de austilgen, den Zorn unsrer Mitbürger besänftigen, oder endlich mit Ehren sterben zu können. Wir verlangen nicht, daß man unsrem Elende ein Ende mache, oder daß man uns Ruhe verstatte, sondern nur, daß man unsern Muth auf die Probe stel le, daß man uns der Arbeit und der Ge fahr aussetze, und daß man uns in den Stand setze, alle Pflichten herzhafter Leute, der Soldaten und der Römer zu erfüllen.“ „Man führet seyt zwey Jahren in Sici lien mit vieler Hitze Krieg. Die Carthagi nenser und die Römer nehmen nach der Rei he, im̄er eine Parthey vor der andern, Städ te ein; es werden Treffen zwischen der Reu
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terey und dem Fußvolke geliefert; man be(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) lagert Syracusa zu Wasser und zu Lande; wir hören das Geräusch der Waffen und das Geschrey der Streitenden, indessen daß wir in einer unanständigen Ruhe schmachten als ob wir keine Waffen und keine Hände hätten.“ „Tib. Sempronius hat schon unterschie dene male mit Sklavenlegionen gefochten, und er hat sie, zum Preiß ihrer Tapferkeit, die Freyheit und den Rang der Bürger er langen lassen. Braucht uns wenigstens als Sklaven, die ihr zu diesem Kriege ge kaufft habt. Man erlaube uns, mit dem Feinde handgemein zu werden, und unsre Freyheit fechtend zu verdienen. Stellt unsre Tapferkeit zu Wasser, zu Lande, in ordentli chen Schlachten, in Belagerungen der Städ te, auf die Probe. Setzt uns allem demjenigen aus, was das schwerste und furchtbarste bey Arbeit und Gefahr ist. Wir sind bereit, al les zu unternehmen, damit wir dasjenige itzo thun können, was wir in der Schlacht bey Cannas hätten thun sollen, weil man alle die Zeit, welche wir seit dieser unglück lichen Schlacht zugebracht haben, zum Schimpf bestimmet hat.“ Nach dieser Rede warfen sie sich dem(Marcellus schreibt zum Besten der Soldaten an den Rath. Liv.XXV. 7.) Marcellus zu Füssen. Dieser General ant wortete ihnen, „daß die Gnade, die sie ver langten, über sein Vermögen wäre; er wolle an den Rath schreiben, und die Befehle ausrichten, welche ihm würden zugeschickt
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) werden.“ Er schrieb in der That, und sein Brief ward den neuen Bürgemeistern über geben. Nachdem man ihn im Rath gelesen (Strenge Antwort des Raths.) hatte, antworteten die Rathsherren, welche hierüber waren befragt worden, „sie hielten es nicht für rathsam, das Wohl und die Ehre des Vaterlandes Soldaten anzuver trauen, welche ihre Mitgesellen auf dem Felde bey Cannas verlassen hätten. Wenn Marcellus anderer Meynung wäre, so lies sen sie ihm die Freyheit, sich ihrer zu bedie nen, wie er es für das Beste der Republick am zuträglichsten hielte; doch mit der Be dingung, daß sie keiner Ausnahme theilhaff tig werden, keine militarische Belohnung be kommen, und Italien nicht wieder sehen soll ten, solange die Carthaginenser darinne Krieg führen würden.“ (Plut. im Marc. 305. S.) Die Strenge gieng dem Marcellus sehr zu Herzen, und als er nach Rom zurück kam, beschwerte er sich höchlich bey dem Ra the, daß er nach allen Diensten, welche er der Republick erzeiget, nicht einmal von ih nen hätte Gnade für die Soldaten erlangen können, zu deren Besten er an ihn geschrie ben. Aber diese weise Gesellschaft hatte ihre Regeln und Grundsätze, an welche sie un verletzlich gebunden zu seyn glaubte, unge achtet der äussersten Noth, in welcher sich da mals die Republick befand, und des äusser sten Mangels der Trupen nach der gänzli chen Niederlage der römischen Armeen bey der Schlacht bey Cannas. Eben aus die
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ser höchsten Nothwendigkeit nahm der Rath(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) den Grund seiner Aufführung her. In Wahrheit, was für einen Eindruck muste nicht bey den Trupen auf alle Jahrhunderte das Exempel einer solchen Strenge und bey solchen Umständen machen? Dieses erhielt die Kriegszucht unter den Römischen Arme en, und diese Kriegszucht hat sie zu Siege rinnen über alle Völker gemacht. Zu Anfange des dritten Jahres der Be(Marcellus berathschla get, ob er die Belagerung von Syracu sa fortsetzen oder aufhe ben solle. Liv.XXV. 23.) lagerung von Syracusa, da die Römer auch Capua zu belagern anfingen, war Marcellus noch nicht weit gekommen. Er sahe kein ein zig Mittel, Syracusa einnehmen zu können, weder mit Gewalt, weil ihm Archimedes stets unüberwindliche Hindernisse entgegen setzte; noch durch Hunger weil die car thaginensische Flotte, welche zahlreicher wie der gekommen war, als vorher, daselbst die Zufuhre frey herein brachte. Er berath schlagte also, ob er vor der Stadt bleiben soll te, die Belagerung fortzusetzen, oder ob er gegen Agrigent wider den Hippocrates und Himilco marschiren sollte. Aber, ehe er die(Er macht sich in der Stadt ein heimliches Verständ niß, welches entdecket wird. Liv.XXV. 23.) letztere Parthey ergriff, wollte er versu chen, ob er sich nicht durch ein heimliches Ver ständniß Meister von Syracusa machen könn te. Er hatte in seinem Lager unterschiedene von den vornehmsten Syracusanern, welche dahin gekommen waren, bey dem Anfange der Unruhen eine Freystadt zu suchen. Mar cellus machte sich an sie, und versprach ih nen, daß er, wenn sich die Stadt den Rö
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) mern ergäbe, ihre Gesetze, Vorrechte und Freyheit erhalten wollte. Sie liessen es an ihren guten Willen nicht fehlen: aber es war nicht leicht, daß sie mit denjenigen von ihren Anverwandten und Freunden reden konnten, welche in der Stadt geblieben wa ren, weil die Urheber der Empörung, indem sie verschiedene Einwohner für verdächtig hielten, ihre Wachsamkeit und Aufmerksam keit verdoppelten, zu verhindern, daß nicht etwas dergleichen wider ihr Wissen zum Vortheil der Römer versucht würde. Ein Sklave von einem der flüchtigen Syracusa ner gieng als ein Ueberläufer in die Stadt, und spann ein geheimes Verständniß an, in welches sich auf 80 der vornehmsten Syra cusaner einliessen. Sie theilten sich, und wollten bald diese, bald wieder andere, in Kähnen unter Fischernetze verborgen, in das Lager des Marcellus kommen. Als alle Maaßregeln, die Stadt den Römern zu über geben, waren genommen worden, so entdeck te ein gewisser Attalus, aus Verdruß, daß man ihn nicht an dem Geheimnisse hatte Theil nehmen lassen, die Zusammenverschwö rung dem Epicydes, welcher alle die Zusam menverschwornen umbringen ließ. (Einnahme ei nes Theils der Stadt. Liv.XXV. 24. Plut. im Marc. 308.) Da also diese Unternehmung zernichtet war, so zeigte ihm ein ungefehrer Zufall eine neue Zuflucht, und machte ihm wieder Hoff nung. Es hatten einige römische Schiffe einen gewissen Damasippus weggenom̄en, wel chen Epicydes abschickte, mit dem Philip
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pus, dem Könige in Macedonien, Unterhand(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) lung zu pflegen. Epicydes bezeigte grosses Verlangen, ihn zu ranzioniren, und Marcel lus war nicht dawider. Man kam an einem Orte bey dem Hafen Trogilus zusammen, sich wegen der Ranzion des Gefangenen zu unterreden. Da man öffters dahin gieng, so betrachtete ein römischer Soldat die Mau er mit Aufmerksamkeit in der Nähe, zehlte die Steine und maß eines jeden Höhe nach dem Augenmaaß. Er rechnete hierauf, so genau als es seyn konnte, die Höhe der ganzen Mauer aus, und ward gewahr, daß sie lange nicht so hoch war, als er und die andern geglaubet hatten. Er schloß daraus, daß man sie leicht mit mittelmäßigen Leitern besteigen könnte. Der Soldat gab von diesem allen, ohne Zeitverlust, dem Marcellus Nachricht. Die ganze Weisheit ist nicht allezeit in dem Kopfe eines Generals; ein gemeiner Soldat kan ihm gute Entdeckungen sagen. Mar cellus verachtete diese Nachricht nicht, und versicherte sich von derselben mit seinen eige nen Augen. Er ließ Leitern zurechte ma chen, und bediente sich der Gelegenheit eines Fests, welches man 3 Tage hinter einander in Syracusa der Diana zu Ehren feyerte, und während dessen sich die Einwohner der Freude und dem Wohlleben überliessen. In der Nacht um diejenige Stunde, da er muth massete, daß die Syracusaner, nachdem sie den Tag mit Essen und Trinken zugebracht, im ersten Schlaf wären, ließ er ganz still ei
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) nen Haufen von 1000 auserlesenen Solda ten mit Leitern gegen die Mauern anrücken: Als die ersten ohne Geräusch und Lermen oben drauf waren, folgten ihnen andere nach, da ihnen die Kühnheit der erstern Muth machte. Die 1000 Soldaten, welche sich der Ruhe der Feinde, die entweder betrunken oder eingeschlafen waren, zu Nutze machten, hatten gar bald die Mauer überstiegen. Nachdem sie hierauf das Hexapylische Thor aufgesprenget hatten, so bemächtigten sich die Trupen desjenigen Theils der Stadt, wel cher Epipole hieß.
Nun dachte man nicht mehr darauf, die Feinde zu bekriegen, sondern sie zu erschrecken. Die Syracusaner, welche durch das Ge räusch unruhig gemacht worden, fingen an sich in Bewegung zu setzen und Lermen zu machen. Marcellus ließ auf einmal alle Trom peten blasen, welches ein solches Schrecken unter den Einwohnern erregte, daß alles die Flucht ergriff, weil man glaubte, daß alle Oerter in der Stadt in des Feindes Gewalt wären. Man wird auch in der That bald sehen, daß auf die Einnahme von Epipole die Einnahme der Neustadt und des jenigen Theils der Stadt, welcher Tyka hieß, folgte. Gleichwohl war nicht nur noch die Insel, sondern auch der stärkste und schönste Theil von Syracusa übrig, welcher Achradi ne hieß, der wohl im Stande war, sich zu vertheidigen, weil dessen Mauern von
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dem übrigen Theile der Stadt abgesondert(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) waren. Marcellus war bey Anbruch des Tages mit allen seinen Trupen in Epipole eingerückt. Epicydes versammlete geschwind einige Tru pen, welche er in der Insel hatte, die an Achra dine stieß, und marschirte gegen den Mar cellus. Da er ihn aber stärker und zahlrei cher gefunden hatte, als er geglaubt, zog er sich schnell, nach einem leichten Scharmützel, in Achradine zurücke, und zwar weniger über die Stärke und Anzahl der Feinde bestürzt, als wegen der Furcht, es möchte sich in der Stadt zu ihrem Besten eine Zusammenver schwörung anspinnen, und er möchte bey sei ner Ankunft die Thore von Achradnie und von der Insel verschlossen finden. Alle Befehlshaber und Officiers, welche(Thränen des Marcellus. Liv.XXV. 24. Plut. 308.) um den Marcellus waren, wünschten ihm Glück zu dem glücklichen Fortgange seiner Waffen und zu diesem so unverhofften Glück. Als er von der Höhe die Schönheit und die Grösse dieser Stadt, welche damals die weit läufftigste und reichste in der ganzen Welt war, betrachtet hatte, konnte er sich nicht der Thrä nen erwehren, entweder vor Freude, daß er eine so schwere und rühmliche Unternehmung zu Stande gebracht, oder aus Mitleiden, ein Wunderwerk von so viel Jahrhunderten bald in Asche verwandelt zu sehen. Er erinnerte sich zweyer mächtigen Flotten der Athenienser, welche ehedem vor dieser Stadt waren ver senket worden, zweyer zahlreichen Armeen,
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) welche nebst zwey berühmten Generalen, die sie commandirten, waren in Stücken zerhau en worden; so vieler Kriege, welche mit so vie lem Muth wider die Carthaginenser waren aus gehalten worden; so vieler berüchtigten Ty rannen und mächtigen Könige, und beson ders des Hiero, welcher noch in frischem Anden ken war, und der sich durch so viel königl. Tugenden, und noch mehr durch die wichti gen Dienste, welche er dem römischen Vol ke erwiesen, dessen Vortheil ihm allezeit so lieb als sein eigener gewesen war, berühmt ge macht hatte. Durch dieses Andenken ward er gerührt, und hielt es für seine Schuldigkeit, ehe er Achradine angriff, zu den Belagerten zu schicken, sie zu ermahnen, sich freywillig zu er geben, und dem Ruin ihrer Stadt zuvor zu kommen. Man hatte die Thore und Mauern von Achradine den Ueberläufern anvertrauet, als Leuten, welche bey den Bedingungen des Vergleichs, welchen man mit dem Marcel lus machen würde, keine Gnade hofften, und also dieselben desto hartnäckicher vertheidigen würden. Und in der That, sie wollten nie mals zulassen, daß sich jemand den Mauren näherte, oder einigen Umgang mit den Ein wohnern hätte. Da es dem Marcellus auf dieser Seite nicht glückte, so richtete er seine Absicht auf die Seite einer Festung, welche Euryale hieß, und an dem äussersten Ende der Stadt am weite sten von der See lag. Sie bestrich die gan
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ze Landseite, und war aus dieser Ursache sehr(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) bequem, Zufuhre einzunehmen. Philode mus, welcher daselbst commandirte, suchte einige Tage über nur den Marcellus aufzuhal ten, und wartete, bis Hippocrates und Himilco ihm mit ihren Trupen zu Hülfe kamen. Als Marcellus sahe, daß er sich von diesem Posten nicht Meister machen konnte, so campirte er zwischen der Neustadt und Tyka. Als aber Philodemus endlich sahe, daß man ihm nicht zu Hülfe kam, so übergab er seine Festung, unter der Bedingung, daß er seine Garnison zu dem Epicydes nach Achradine führete. Die Abgeordneten von der Neustadt und von Tyka kamen und trugen Oelzweige vor sich her, und beschwuren den Marcellus, daß er seinen Soldaten verbiethen sollte, die Einwoh ner niederzumetzeln und die Stadt anzustecken. Er gewährte ihnen ihre Bitte. Uebrigens wurden diese beyde Theile der Stadt geplün dert. Inzwischen bediente sich Bomilcar, wel cher mit 90 Schiffen in dem Hafen war, der Gelegenheit einer dunklen und stürmischen Nacht, welche die römische Flotte hinderte, An ker zu werfen, mit 35 Schiffen auszulaufen und nach Carthago zu segeln. Er entdeckte den Carthaginensern den Zustand, worein Sy racusa war gebracht worden, und kam mit 100 Schiffen wieder zurück. Marcellus, welcher Trupen in Euryale gelegt hatte, und nicht mehr befürchtete, von hinten zu beunruhiget zu werden, setzte sich in
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(d. 540. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) den Stand, Achradine zu belagern. Bey de Theile hielten sich einige Tage ruhig. Mittlerweile kamen Hippocrates und Hi milco an. Der erstere errichtete und befestig te sein Lager bey dem grossen Thore, und fiel, nachdem er denen, welche Achradine inne hatten, das Zeichen gegeben hatte, mit seinen Sicilianern das alte Lager der Römer an, wo Crispin commandirte, und Epicydes that zu gleicher Zeit einen Ausfall auf die Posten des Marcellus. Keine von diesen beyden Unternehmungen gieng von statten. Hippo crates ward tapfer von dem Crispin zurück geschlagen, welcher ihn bis in ihre Verschan zung verfolgte, und Marcellus zwang den Epicydes, sich in Achradine einzuschliessen. (Die Pest rafft viele Leute bey beyden Armeen hin. Liv.XXV. 26.) Es war damals Herbst, und es entstund eine Pest, welche sehr viel in der Stadt, und noch mehr in den Lagern der Römer und der Carthaginenser, hinraffte. Anfangs war die Seuche mittelmäßig stark, und entstund nur von der ungesunden Jahrszeit. Her nach breiteten die Gemeinschaft mit den Kranken, und selbst die Wartung derselben, die Seuche aus; woher es kam, daß die ei nen, welche verabsäumet und verlassen wur den, von der Heftigkeit des Uebels sturben, und die andern Hülfe bekamen, welche allen denen, die sich ihnen näherten, sehr traurig ausschlug, so daß die Augen unaufhörlich von dem traurigen Spectakul des Todes, und von den Leichen, welche ihm folgten, ge rühret wurden, und die Ohren Tag und
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Nacht von dem Winseln der Sterbenden,(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) oder derer die sie bedauerten, klangen. End lich aber machte die Gewohnheit, immer ei nerley zu sehen, die Gemüther und die Her zen so unempfindlich, daß sie nicht nur dieje nigen, welche ihnen der Tod genommen hat te, nicht mehr beweinten, sondern sich auch nicht einmal mehr die Mühe nahmen, sie zu begraben, so daß die Erde mit Leichen vor den Augen ihrer Mitgesellen, welche von ei ner Stunde zur andern eben dieses Schicksal erwarteten, bedeckt war. Die Sicilianer, welche unter der car thaginensischen Armee dienten, hatten kaum vernommen, daß die Seuche sich durch die Lufft bey Carthago mittheilte, als sich ein je der in seine Stadt zurück begab, welche Städte nicht weit davon lagen. Aber die Carthaginenser, welche diese Zuflucht nicht hatten, sturben alle mit ihren Häuptern, dem Hippocrates und Himilco. Als Marcel lus sahe, daß sich das Uebel fortpflanzte, leg te er seine Soldaten in solche Häuser der Stadt, wo ihnen der Schatten und die Be deckung sehr wohl zustatten kam, welches machte, daß nicht so viel Menschen sturben. Man sollte denken, daß eine so schreckliche(Unterschiede ne Begeben heiten, wel che auf die gänzliche Einnahme der Stadt Syracusa ge folget sind. Liv. ebend. 27 - 30.) Plage auf beyden Seiten dem Kriege hätte sollen ein Ende machen, aber man sahe das Kriegsfeuer sich täglich mehr und mehr ent zünden. Bomilcar, der Commandant der carthaginensischen Flotte, welcher eine zwey te Reise nach Carthago gethan hatte, neue
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Hülfstrupen zu holen, kam mit 130 Kriegs und 70 Lastschiffen zurück. Die widrigen Winde hinderten ihn, an das Vorgebürge Pachin zu kommen. Epicydes, welcher be fürchtete, diese abgehaltene Flotte möchte, wenn diese Winde fortdauerten, nach Afrika zurück kehren, überließ den Generalen der Lehntrupen die Bewachung von Achradine, und begab sich zu dem Bomilcar, ihn zu überreden, daß er, sobald es der Wind zu liesse, sein Glück mit einer Schlacht versuche. Als Marcellus sahe, daß die sicilianischen Trupen täglich mehr anwuchsen, und daß, wenn er länger wartete, und wenn er sich in Syracusa einschliessen liesse, er zu gleicher Zeit zu Wasser und zu Lande sehr beängsti get seyn würde, beschloß, ohngeachtet der Ueberlegenheit der Feinde an Schiffen, dem Bomilcar die Landung bey Syracusa zu ver wehren. Sobald der Wind nachgelassen hatte, so segelte Bomilcar weiter fort, desto besser bey dem Vorgebürge vorbey zu kom men, und in der Absicht, eine Schlacht zu liefern. Als er aber die römischen Schiffe in guter Ordnung ankommen sahe, so nahm er augenblicklich, man weiß nicht warum, die Flucht, schickte zu den Lastschiffen Befehl, wie der nach Afrika zu segeln, und zog sich nach Tarent zurück. Epicydes, welchem eine so grosse Hoffnung zunichte worden war, un terstund sich nicht wieder in die Stadt zu gehen, welche schon halb eingenommen war, segelte nach Agrigent, nicht sowohl, von da
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einige Bewegung zu machen, als vielmehr(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) den Fortgang der Belagerung abzuwarten. Als man in dem Lager der Sicilianer vernommen hatte, daß sich Epicydes aus Sy racusa begeben, und daß die Carthaginenser Sicilien verliessen, schickten sie, nachdem sie von der Einrichtung der Belagerten Nach richt bekommen, Abgeordnete an den Mar rellus, wegen der Bedingungen Unterhand lung zu pflegen, unter welchen ihm Syracu sa sollte übergeben werden. Man verglich sich auf beyden Seiten ganz einmüthig, daß das, was den Königen gehört hatte, den Römern gehören sollte, und daß die Sicilia ner alles das übrige, mit ihrer Freyheit und ihren Gesetzen, behalten sollten. Nach diesen vorläufigen Bedingungen verlangten sie, daß man sich mit denen in Unterredung einlassen sollte, welchen Epicydes in seiner Abwesenheit das Commando aufgetragen hatte. Als sich die Abgeordneten mit ihnen unterredeten, ga ben sie ihnen zu erkennen, daß sie von der sicilianischen Armee an den Marcellus und an sie abgeschicket wären, einen Vertrag zu machen, in welchem man sowohl den Vor theil der Belagerten, als auch derer, die nicht belagert wären, beobachtete, indem es die Gerechtigkeit nicht erlaube, daß der eine Theil auf seine Erhaltung insbesondere be dacht wäre, und die Erhaltung des andern verabsäume. Sie wurden hierauf in den Platz eingeführet, und nachdem sie ihren Wirthen und Freunden die Bedingungen zu verneh
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) men gegeben hatten, über welche sie sich schon mit dem Marcellus verglichen, überredeten sie sie, sich mit ihnen zu vereinigen, und nebst ihnen den Polyclitus, Philistio und E picydes, mit dem Zunahmen Sindo, welche alle Lieutenants des Epicydes waren, und welche, da sie das Beste von Syracusa we nig zu Herzen nahmen, nicht würden erman gelt haben, die Friedensunterhandlungen rückgängig zu machen, anzufallen und um zubringen. Nachdem sie sich also von diesen kleinen Tyrannen befreyet hatten, rufften sie die Ver sammlung des Volks zusammen, und stell ten ihr vor, „daß, was für Ungemach sie auch erdulden müsten, sie sich dennoch nicht über ihr Schicksal zu beklagen hätten, weil es nur auf sie ankäme, demselben ein En de zu machen. Wenn die Römer die Ve lagerung von Syracusa unternommen hät ten, so wäre dieses aus Zuneigung gegen die Syracuser geschehen, und nicht aus Haß. Sie hätten nur, nachdem sie die Unterdrü ckung vernommen, welche sie von dem Hip pocrates und Epicydes, diesen hochmüthi gen Officiers des Hannibal, die hernach des Hieronymus seine worden wären, lit ten, die Waffen ergriffen, und die Belage rung der Stadt angefangen, nicht, sie zu ruiniren, sondern ihre Tyrannen auszurot ten. Nachdem aber Hippocrates gestorben wäre, Epicydes nicht mehr in Syracusa sey, da seine Stadthalter umgebracht wä
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ren, da die Carthaginenser alles verlassen(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) hätten, was sie in Sicilien besessen: war um sollten die Römer itzo nicht Syracusa erhalten wollen, wie sie würden gethan ha ben, wenn Hiero, ihr getreuster Freund und Bundsgenosse, noch am Leben wäre? We der die Stadt, noch die Einwohner, hät ten etwas von jemanden zu befürchten, als von sich selbst, wenn sie die Gelegenheit vor bey gehen liessen, die Freundschaft der Rö mer wieder zu erhalten. Niemals hätten sie eine so günstige Gelegenheit dazu gehabt, als in dem gegenwärtigen Augenblicke, da sie von der gewaltsamen Beherrschung ih rer Tyrannen befreyet worden wären; und der erste Gebrauch dieser Freyheit sollte die ser seyn, daß sie wieder ihre Schuldigkeit be obachteten.“ Diese Rede ward von der ganzen Ver sammlung vollkommen wohl aufgenommen. Doch hielt man für rathsam, neue Magistrats personen zu machen, ehe man Abgeordnete an die Römer schickte; und man nahm die Abge ordneten aus der Zahl derjenigen, welche zu Prätoren waren erwählet worden. Als der jenige, welcher in ihren Nahmen das Wort führte, und welchem vornämlich aufgetragen war, alle seine mögliche Kräffte anzuwenden, zu erlangen, daß Syracusa nicht zerstöret würde, mit seinen Collegen in dem Lager des Marcellus angelanget war, redete er also zu ihm: „Es ist nicht das Volk von Syracusa gewesen, grosser General, welches anfangs
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) den Bund mit den Römern gebrochen hat, sondern Hieronymus, welcher sich weniger an Rom als an seinem Vaterlande ver sündiget hat; und als hernach durch seinen Tod der Friede wieder hergestellet war, so war es kein einziger Syracusaner, wel cher ihn störte, sondern es waren die Officiers des Tyrannen, Hippocrates und Epicydes. Diese sind diejenigen, welche mit euch gekrieget haben, nachdem sie uns, theils durch Gewalt, theils durch List und Meineid, zur Gefangenschafft gebracht; und wir kön nen nicht sagen, daß wir eine Zeit gehabt hätten, da wir frey gewesen wären, welche nicht eine Zeit des Friedens mit euch gewe sen sey. Sobald wir inzwischen durch den Tod derjenigen, welche Syracusa unter drückthielten, unsere eigene Herren geworden sind, kommen wir in eben dem Augenblicke, euch unsere Waffen, unsere Personen, unsere Mauern und unsere Stadt zu überliefern, und wir sind entschlossen, alle Bedingungen ein zugehen, welche euch gefallen wird uns vor zuschreiben. Uebrigens, fuhr er fort, in indem er sich beständig zu dem Marcellus kehrte, ist hier von eurem Vortheil sowohl als von dem unsrigen die Rede. Die Göt ter haben euch den Ruhm vergönnet, die schönste und berühmteste unter allen grie chischen Städten eingenommen zu haben. Alles was wir jemals merkwürdiges gethan haben, es sey zu Wasser oder zu Lande, das verherrlichet euren Triumph und erhöhet sei
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nen Werth. Der Nachruhm ist nicht getreu(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) genug, Bürge zu seyn, daß die Grösse und Stärke der Stadt, welche ihr eingenom men habt, werde erkannt werden; die Nach welt wird nicht anders, als durch ihre ei gene Augen, recht davon urtheilen können. Allen, welche hier landen werden, sie mö gen seyn aus welchem Welttheile sie seyn wollen, muß man bald die Siegeszeichen, welche wir von Atheniensern und Carthagi nensern erobert haben, bald diejenigen, wel che ihr von uns erobert habt, zeigen; und Syracusa soll beständig dem Schutz des Marcellus unterworfen und ein immerwäh rendes und unwandelbares Denckmal des Muths und der Gnade desjenigen seyn, welcher es wird eingenommen und erhalten haben. Es wäre nicht billig, wenn das Andenken des Hieronymus mehr Eindruck in euren Gemüthern machen sollte, als das Andenken des Hiero. Dieser ist viel länger euer Freund, als jener euer Feind gewesen. Ihr habt, erlaubt mir es zu sagen, die Würkungen der Freundschaft des Hiero empfunden; aber die thörichten Unterneh mungen des Hieronymus sind auf ihn al lein zurück gefallen.“ Es war keine Schwierigkeit, von dem Marcellus dasjenige zu erlangen, was man für die Belagerten bat, sondern es war nur schwer, die Ruhe und Uebereinstimmung mit denen in der Stadt zu erhalten. Die Ueber läufer, welche gewiß wusten, daß man sie
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) den Römern ausliefern würde, flößten eben diese Furcht den fremden Soldaten ein. Sie ergriffen also beyderseits die Waffen, mach ten den Anfang mit Ermordung der neuer wählten Magistratspersonen, lieffen in der ganzen Stadt herum, machten alle nieder, die sie antrafen, und plünderten alles, was ihnen nur unter die Hände kam. Sie erwähl ten 6 Officiers, drey, welche in Achradine, und drey, welche auf der Insel commandi ren sollten. Als das Lermen endlich gestillet war, so erkannten die fremden Soldaten aus allem was sie vernahmen, was man mit den Römern ausgemacht hätte, daß ihre Sache ganz von der Sache der Ueberläufer unter schieden wäre. In dem Augenblicke kamen die Abgeordneten zurück, welche man an den Marcellus geschickt hatte, und diese halfen ihnen vollends aus dem Irrthum. Unter denjenigen, welche in Syracusa commandirten, war ein Spanier, Nahmens Meric. Man fand ein Mittel ihn zu gewin nen. Er räumte in der Nacht das Thor ein, welches bey dem Brunnen von Arethusa war, und nahm die Soldaten ein, welche Marcellus dahin schickte. Bey dem Anbruch des folgenden Tages that Marcellus einen falschen Angriff auf Achradine, auf diese Sei te alle Stärke dieses Platzes zu ziehen, und selbst auf die Insel, welche dabey lag, wo durch er das Unternehmen erleichterte, daß einige Schiffe Mittel fanden, noch einige Tru pen in die Insel zu werfen, welche unbedeckt
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blieb. Alles gelang nach seinem Entwurf.(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Die Soldaten, welche diese Schiffe in die Insel warfen, fanden fast alle Posten ver lassen und die Thore noch offen, zu welchen viele herausgegangen waren, Achradine gegen den Marcellus zu vertheidigen, und bemäch tigten sich also derselben nach einem leichten Gefechte. Als Marcellus Nachricht erhal ten hatte, daß er Meister von der Insel und von einem Theil von Achradine war, und daß Meric mit dem Hauffen, welchen er com mandirte, zu seinen Trupen gestossen war, ließ er das Zeichen zum Rückmarsch geben, da mit man nicht den Schatz der Könige von Syracusa plündere, welchen man nicht so beträchtlich befand, als man geglaubt hatte. Da die Ueberläufer von diesem Zwischen raum von Ruhe Gelegenheit genommen hat ten zu entwischen, öffneten die Syracusaner, welche von aller Furcht befreyet waren, dem Marcellus die Thore von Achradine, und schickten Abgeordnete zu ihm, welche Befehl hatten, ihn um nichts weiter zu bitten, als ihr und ihrer Kinder Leben zu erhalten. Marcellus hörte hierüber seinen Rath, wozu er die Syracusaner, die in sein Lager ge flüchtet waren, gelassen hatte, und antwor tete den Abgeordneten: „Hiero habe seit funfzig Jahren dem römischen Volke nicht mehr gutes erwiesen, als diejenigen, welche seit einigen Jahren Herren von Syracus wären, demselben Tort zu thun gesucht hät ten; allein ihr böser Wille und feindliche
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Gesinnung habe niemand, als ihnen selbst, geschadet, und sie hätten sich selbst wegen der Uebertretung der Tractaten auf eine viel härtere Art gestrafet, als es der Römer Wunsch gewesen wäre. Er halte Syracus seit drey Jahren eingeschlossen, nicht, um es in die Sklaverey zu zwingen, sondern es von der Tyranney, welche die Häupter der Ueber gelauffenen an ihnen ausübten, zu be freyen. Ueber dieses thäten die Syracusa ner höchst unrecht, wenn sie einen Auf ruhr, der so viele Jahre fortgedauert, dem Mangel der Freyheit zuschreiben wollten, indem es nur an ihnen gelegen hätte, denen jenigen unter ihren Mitbürgern, welche in das römische Lager ihre Zuflucht genommen hätten, nachzuahmen, oder dem Beyspiele des Spaniers Mericus zu folgen, welcher sich und seine Besatzung ihm überliefert hätte. Wenigstens hätten sie die großmü thige Entschliessung, sich zu ergeben, zu der sie endlich geschritten wären, eher fassen können. Er vor seine Person sähe die Eh re, Syraeus<Syracus> eingenommen zu haben, kei nesweges vor eine solche Belohnung an, welche denen Beschwerlichkeiten und Gefah ren, die er während einer so langen und so mühsamen Belagerung ausstehen müssen, gleich käme.“ (Die Stadt wird der Plünderung überlassen. Liv.XXV. 31.) Nach dieser Rede schickte er seinen Rent meister mit Trupen auf die Insel, um den Schatz der Könige in Verwahrung zu neh men, und, nachdem er an die Hausthüren
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dererjenigen, welche den Römern treu ver(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) blieben waren, Wachten gestellet, überließ er die Stadt der Plünderung. Er hätte zwar wohl gewünscht, dieses Unglück von ihr abzuwenden, er konnte aber die Erlaubnis darzu denen Soldaten nicht abschlagen, die sich auf erhaltene abschlägliche Antwort sol che Freyheit selbst würden genommen haben. Viele verlangten auch, daß Syracus in Brand gestecket und geschleiffet werden möch te, allein er wollte darein niemals willigen, wie es denn allerdings mit seinem grösten Widerwillen geschahe, daß er ihnen alle Reichthümer dieser herrlichen Stadt und alle Sklaven, die sich darinnen befanden, über ließ, unter dem ausdrücklichen Verbot, sich an keiner freyen Person zu vergreiffen, nie manden, wer es auch sey, zu tödten oder zu schmähen, und keinen Bürger zum Sklaven zu machen. Man giebt vor, daß die Reich thümer, welche bey dieser Ausplünderung von Syracus in die Rappuse kamen, denenjeni gen würden gleich gekommen seyn, die man würklich in Carthago hätte finden können, wenn diese Stadt damals wäre eingenom men worden. Ein unversehener Zufall verursachte dem(Tod des Ar chimedes. Liv. eben das. Plut. im Marc. 308.) Marcellus eine ausserordentliche Bekümmer nis. Während der Zeit, da in Syracus alles in Bewegung war, hielt sich Archime des, als ein Mensch einer andern Welt, der an dem, was in dieser vorgehet, keinen An theil nimmt, in seinem Zimmer eingeschlossen,
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) und war mit Betrachtung geometrischer Fi guren, die er in dem Staube abgezeichnet hatte, beschäfftiget. Er richtete auf diese Betrachtung nicht allein seine Augen, son dern auch alle Kräfte seiner Seelen, derge stalt, daß er weder von dem Tumult der Römer, welche überall herum lieffen, noch von dem Lermen, wovon die ganze Stadt er schallte, etwas vernahm. Auf einmal kommt ihm ein Soldat über den Hals, der ihm an befiehlt, mit ihm zu dem Marcellus zu kom men. Archimedes ersuchte ihn, nur einen Augenblick zu verziehen, bis er seine Aufgabe aufgelöset und den völligen Erweis aus ein ander gesetzet habe. Der Soldat, der sich wenig aus seiner Aufgabe und aus seinem Er weise machte, ja seine Rede selbst nicht einmal verstund, wurde über den Verzug böse, zog seinen Degen und tödtete ihn. Marcellus wurde innigst gerühret, als er die Nachricht von dieser Ermordung erhielt. Da er ihm aber das Leben, wie er wohl wünsch te, nicht wieder geben konnte, ließ er ihm an gelegen seyn, wenigstens das Andenken eines solchen Mannes, so viel in seinem Vermögen stund, zu beehren. Er ließ eine genaue Nachfra ge nach allen seinen Anverwandten anstellen, begegnete ihnen mit besondern Vorzug, und ertheilte ihnen besondere Freyheiten. Dem Ar chimedes ließ er ein prächtiges Leichenbegäng nis anstellen, und errichtete ihm ein öffentli ches Denkmal unter denenjenigen grossen Männern, welche sich zu Syracus am mei
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sten hervor gethan hatten. Sein Grab blieb(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) eine lange Zeit unbekannt, und war bis auf die Zeiten Cicerons in eine völlige Vergessen heit gerathen, da aber dieser als Rentmeister(Tuscul. Fra gen I. 64. Alte Historie Theil 10.) nach Syracus kam, hatte er das Glück, sol ches zu entdecken. Umständlicher habe ich davon anderwärts gehandelt. Durch die Einnahme der Stadt Syra(Sicilien wird eine Provinz des römischen Volks. Cic. in Verr. de frum. n. 13.) cus wurde ganz Sicilien eine Provinz des römischen Volks: Es wurde aber dieser In sel nicht auf eine solche Art begegnet, wie nach her den Spaniern und Carthaginensern, denen man einen gewissen Tribut auflegte, der gleich sam die Belohnung des Sieges, und die Stra fe der Ueberwundenen seyn sollte: quasi ui ctoriae praemium, et poena belli. Sicilien behielt, da es sich dem römischen Volke un terwarf, alle alte Gerechtigkeiten und Gebräu che, die es vorher gehabt hatte, und gehorchte denselben unter eben denjenigen Bedingun gen, unter denen es seinen Königen Folge ge leistet hatte. Einige Tage vor der Eroberung der Stadt Syracus gieng T. Otacilius mit ach zig Galeren von fünf Ruderbänken von Lily bäum nach Utica, und da er vor Anbruch des Tages in den Hafen dieser Stadt ein lief, bemächtigte er sich der Lastschiffe, die er mit Getreyde beladen darinnen antraf. Hier auf stieg er mit seinen Soldaten ans Land, plünderte die ganze Gegend umher aus, und kam mit einer reichen Beute wieder in seine Galeren zurück. Er langte drey Tage nach
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) seiner Abreise zu Lilybäum wieder an, und brachte hundert und dreyßig mit allerhand Proviant, insonderheit mit einer grossen Men ge Korn, beladene Fahrzeuge mit, die er ohne Verzug nach Syracus überschickte. Dieser Vorrath half einer Hungersnoth ab, welche die Ueberwinder so wohl als die Ueberwunde nen zu bedrohen anfing, und beugete den trau rigen Folgen vor, welche dieses Uebel bey bey den hätte nach sich ziehen können, wenn die Zufuhr später angelangt wäre. (Marcellus bringt die sicilianischen Sachen auf eine sehr bil lige und un eigennützige Art in Rich tigkeit. Liv.XXV. 40. Plut. im Marc. 309.) Nach der Einnahme von Syracus war Marcellus mit der Einrichtung der allgemei nen Angelegenheiten Siciliens beschäfftiget. Er erwieß dabey eine Gerechtigkeit, Uneigen nützigkeit und Redlichkeit, welche ihm selbst so wohl einen grossen Ruhm zugezogen, als auch der Republick überhaupt eine unbeschreibliche Ehre machten. Bis hierher, sagt Plutar chus, hatten die Römer denen andern Völ kern zur Gnüge gezeigt, daß sie vor andern ge schickt wären Kriege zu führen, und denen Fein den in Schlachten ein Schrecken einzujagen, allein sie hatten noch keine grosse Proben ih rer Gütigkeit, Leutseligkeit, Gnade, und mit einem Worte dererjenigen Tugenden von sich gegeben, welche zu einer guten Regierungsform nothwendig gehören. Es scheinet, daß Mar cellus der erste gewesen, der bey dieser Gelegen heit denen Griechen zeigte, daß es die Römer ihnen nicht weniger an Gerechtigkeit, als an Tapferkeit und Geschicklichkeit im Kriegs handwerke, zuvor thäten.
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Ehe Marcellus Sicilien verließ, schickten(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) alle Städte dieser Provinz Abgeordnete an ihn ab, um ihre Angelegenheiten bey ihm wahrzunehmen. Er begegnete ihnen allen auf verschiedene Art, nach denen verschiede nen Graden der Ergebenheit oder Wider spenstigkeit, welche ihre Einwohner gegen die Römer hatten blicken lassen. Diejenigen, welche ihre Parthey beständig gehalten, oder doch sich noch vor Eroberung der Stadt Syracus mit ihnen ausgesöhnet hatten, wurden als gute und treue Bundsgenossen liebreich aufgenommen und wohl gehalten. Welche aber erst nach dieser Einnahme die Furcht angetrieben hatte sich zu ergeben, mu sten sich als Ueberwundene denen Gesetzen, die der Ueberwinder ihnen beliebte vorzuschrei ben, unterwerffen. Nichts desto weniger hatten die Rö mer in der Gegend von Agrigent noch einige Feinde übrig, die nicht zu verachten waren. Selbige commandirte Hanno und(Letzteres Treffen des Marcellus in Sicilien, in welchem er einen Sieg ü ber den Han no erhält. Liv.XXV. 40. 41.) Epicydes, die einzigen Generale, welche noch die carthaginensische Parthey in Sici lien hielten, mit denen sich aber noch ein dritter, Nahmens Mutines, den der Han nibal an die Stelle des Hippoerates<Hippokrates> abge schicket, vereiniget hatte. Dieser letztere war ein munterer Mann, der etwas wichtiges zu unternehmen Geschicklichkeit und Muth be saß, und unter der Anführung eines solchen Generals, als Hannibal war, alle Griffe und listige Streiche, die man im Kriege brau
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) chen kan, erlernet hatte. Mit einem Corps Numidiern, welches ihm seine Collegen ga ben, durchstreiffte er die Länder der Feinde und verheerete sie, dabey er anderer Seits die Bundsgenossen aufzumuntern, und ih nen zu rechter Zeit Hülfe zu leisten, nicht ver absäumete, um sie auf der Carthaginenser Seite zu erhalten. Ganz Sicilien wurde in kurzer Zeit von dem Ruf seines Nahmens er füllet, und man sahe ihn vor die sicherste Zu flucht aller derjenigen an, die den Carthagi nensern wohl wollten. Als sich Marcellus zu Felde begab, um seinen Streiffereyen Ein halt zu thun, ließ Mutines ihm nicht Zeit auszuruhen, sondern er griff die Römer so gar in ihrem Posten an, und setzte alles in Furcht und Schrecken. Den Tag darauf lieferte er ihnen eine Art von Schlacht, und zwang sie, sich hinter ihre Verschanzungen zurückzuziehen, und in selbigen sich eingeschlos sen zu halten. Da aber während dieser Be gebenheiten unter den Numidiern ein Auf stand entstund, daß von denselben dreyhun dert das Lager verliessen, und sich in eine be nachbarte Stadt begaben, folgte Mutines diesen Aufrührern ohnverzüglich nach, um sie wieder zu ihrer Schuldigkeit zu bringen, nachdem er zuvor denen beyden andern Ge neralen nachdrücklich empfohlen hatte, sich während seiner Abwesenheit mit den Feinden nicht einzulassen. Diese waren nicht allein über solchen Rath, welcher das Ansehen ei nes Befehls zu haben schien, verdrüßlich, son
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dern sahen auch ausserdem über den Ruhm(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) des Mutines scheel, deswegen sie, um ihre Unabhänglichkeit zu zeigen, sich sogleich auf machten, und den Römern eine Schlacht anboten. Dem Marcellus, der den siegrei chen Hannibal von Nola weggeschlagen hat te, war es ohnmöglich stille zu sitzen, und sich von Leuten, die er sowohl zu Wasser als zu Lande überwunden hatte, heraus fordern zu lassen. Er gab demnach den seinigen den Befehl alsobald die Waffen zu ergreiffen, und in guter Ordnung gegen die Feinde an zurücken. Sie konnten den Angriff der Rö mer nicht aushalten, zumahl da sie sich von der numidischen Reuterey verlassen sahen, auf welche sie sich in Ansehung des Sieges die gröste Rechnung machten. Selbige hat te theils aus Misvergnügen über den vorhe rigen Aufstand, theils aus Liebe zu dem Mu tines, den die andern beyden Generale zu verachten schienen, dem Marcellus ihr Wort gegeben, an der Schlacht keinen Antheil zu nehmen. Die Carthaginenser wurden also gar bald in Unordnung gebracht. Sie liessen ei ne grosse Anzahl todter und gefangener Sol daten, und verlohren acht Elephanten. Nach dieser Verrichtung, welches die letzte des Marcellus in Sicilien war, kehrte er als Sie ger nach Syracus zurück. Da das Jahr nunmehr zu Ende gieng, ernennte man zu Rom neue Consuls, und zwar den Cn. Fulvius Centumalus, und P. Sulpicius Galba, welcher letztere noch kein
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curulisches Ehrenamt bekleidet hatte. Ich wende mich aber nunmehr wieder zu denjeni gen Begebenheiten, welche ich deswegen habe zurück lassen müssen, um nicht die Erzehlung desjenigen, was in dem sicilianischen Kriege vorgefallen, zu unterbrechen.

III §.

Erster Feldzug des Cato. Philippus erkläret sich gegen die Römer. Er wird bey Apollonia von dem Prätor M. Valerius geschlagen. Glück der Scipionen (gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) in Spanien. Vertheilung der Provinzen. Abreise derer Consuls. Dasius Altinius, von Arpi, der vorher die Römer verrathen hatte, wird nun ein Verräther der Carthaginenser. Erschreckliche Grausamkeit des Hannibals. Fabius nimmt die Stadt Arpi wieder ein. Hundert und zwölf Cam panier ergeben sich den Römern. Erobe rung der Stadt Aternus. Grosser Brand zu Rom. Die beyden Scipionen (gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) machen ein Bündnis mit dem numidischen Könige Sy phax. Ein römischer Officier errichtet dem Syphax ein Corps Infanterie. Bündnis der Carthaginenser mit Gala, einem andern Könige der Numidier. Syphax wird zweymal nach einander von dem Sohn des Gala, Ma sinissa, über den Hauffen geworfen. Die Celti berier fangen an bey den Römern Dienste zu nehmen. Pomponius, ein so unerfahrner Ge neral, als untreuer Pachter, wird von dem Hanno geschlagen. Denen Neuigkeiten in der Religion wird durch das Ansehen der obrig keitlichen Personen abgeholfen. P. Scipio wird, ehe er das erforderliche Alter erlangt, Bauherr. Harte Bestrafung derer Pachter, und unter andern des Posthumius, wegen gemachten Unterschleifs. Wahl eines neuen obersten Prie sters. Eine auf neue Art angestellte Werbung. Die Geisseln der Stadt Tarent, die aus Rom
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entflohen waren, werden dahin wieder zurück gebracht, und am Lebenl gestraft. Tarent kömmt durch Verrätherey an den Hannibal. Er be lagert das Schloß vergebens und läßt es einge schlossen. Ursprung der apollinarischen Spiele.

Q. Fabius MaximusIV.(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G. Erster Feld zug des Cato.) M. Claudius MarcellusIII.

Unter diesen Consuls that Cato, der nachhero so berühmt worden ist, und damals bey na he zwanzig Jahr alt war, seinen ersten Feldzug. Wir haben oben erwehnet, daß Philip(Philippus er klärt sich ge gen die Rö mer.) pus, König in Macedonien, im vorigen Jah re ein Bündnis mit dem Hannibal gemacht habe, dessen Vollziehung nur allein durch die Gefangennehmung seiner Gesandten auf gehalten wurde. Endlich erklärte er sich in diesem Jahre öffentlich gegen die Römer. Gleich darauf erhielt der Prätor Valerius, welcher eine Flotte bey Brundusium und an den Küsten des otrantischen Gebiets com mandirte, von den Abgeordneten, welche die Einwohner der epirotischen Stadt Oricum an ihn abgefertiget hatten, eine ausführliche Nachricht, daß dieser König erst einen Ver such auf Apollonia gethan, hierauf mit sechs und zwanzig Galeeren von zwey Rudern den Fluß Aous wieder hinauf gesegelt sey, und endlich nach Aufgebung eines Unternehmens, welches ihm zu langweilig und zu schwer ge schienen, sich des Nachts heimlich der Stadt Oricum genähert, und selbiger, da sie weder starke Mauern, noch zahlreiche Trupen zu ih rer Vertheidigung gehabt hätte, sich gleich
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) bey dem ersten Angriff bemächtiget habe. Sie baten den Prätor um Hülfstrupen, um diejenigen Feinde wieder vertreiben zu kön nen, welche ohne allen Zweifel die Römer mit Krieg zu überziehen gedächten, und nur deswegen Oricum angegriffen hätten, weil ihnen diese Stadt wegen der Absichten, die sie auf Italien machten, bequem zu liegen schiene. Nachdem Valerius die Bewahrung der Küste dem T. Valerius, seinem Unterbe fehlshaber, aufgetragen, und die Soldaten, welche die zum Kriege ausgerüsteten Galeren nicht fassen konnte, auf die Lastschiffe gesetzt hatte, stach er mit seiner Flotte, die er be ständig im segelfertigen Stande hielt, in See. Er kam den darauf folgenden Tag zu Oricum an, und nahm diese Stadt, in welcher Philippus bey seinen Abmarsche nur eine schwache Be satzung gelassen hatte, mit leichter Mühe wie der ein. (Philippus wird von dem Prätor M. Valerius bey Apollonia ge schlagen.) An diesem Orte trafen auch die Abgeord nete von Apollonia ein, welche ihm berichte ten, daß Philippus sie eingeschlossen hielte, und zwar einzig und allein deswegen, weil sie sich nicht mit ihm vereinigen wollten. Sie be fänden sich nicht im Stande ihm länger zu wi derstehen, es wäre denn, daß die Römer, de nen sie getreu verblieben, ihnen Hülfe zuschick ten. Die illyrischen Kriege hatten den Rö mern Gelegenheit verschafft, sich an dieser gan zen Küste Bundesgenossen zu machen. Va lerius versprach ihnen das, was sie verlang ten; und ließ ohne Verzug zweytausend Sol
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daten unter dem Commando des Nevius(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) Crispus, eines tapfern und im Kriege sehr er fahrnen Officiers, auf den Kriegsschiffen ab gehen, mit dem Befehl, nach den Aus fluß des Aous, an welchem Apollonia lag, zu segeln. In dieser Gegend stieg Nevius mit seinen Soldaten ans Land, und nachdem er die Galeren, welche sie überbracht hatten, wieder nach Oricum zu der übrigen Flotte hatte zurück gehen lassen, entfernte er sich mit seinen Soldaten von dem Flusse, und führte sie auf einem Wege, den die Macedonier nicht besetzt hielten, nach der Stadt zu. Er kam glücklich bey Nachtzeit in die Stadt, ohne daß es die Feinde gewahr wurden, und hielt sich den ganzen folgenden Tag darinnen ruhig. Er war an demselben beschäfftiget, dasjenige ausfindig zu machen, was von junger Mann schafft in Apollonia wäre, und was es sonst an Gewehr liefern und an ordentlichen Tru pen stellen könnte. Der Zustand, worinnen er alles antraf, hatte ihm schon die beste Hoff nung gemacht, als er von seinen ausgeschick ten Spions erfuhr, daß die Feinde in einer un glücklichen Sicherheit und Sorglosigkeit wä ren. Er rückte deswegen mitten in der Nacht, ohne das geringste Lermen zu machen, aus der Stadt, und brach in das Lager der Feinde ein, welche so wenig auf ihrer Hut waren, daß mehr als zweytausend Mann schon in die Verschanzungen eingedrungen waren, ehe man das geringste von ihnen war gewahr worden, und man würde ohne einige Hin
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(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) dernis bis an das Zelt des Königes haben kom men können, wenn man sich des Mordens ent halten hätte. Allein das Geschrey dererjeni gen, welche man unter den Thoren nieder hieb, weckte die Macedonier endlich aus ih rem Schlafe auf, die in ein solches Schrecken geriethen, daß nicht nur keiner unter ihnen zu den Waffen griff, noch sich in den Stand setzte den Feind zurück zu treiben, sondern auch der König selbst fast ganz nackend, wie er sich bey dem Erwachen befunden hatte, entflohe, und in einem solchen Zustande, wel cher selbst einen schlechten Soldaten hätte schamroth machen sollen, das Ufer des Flus ses und seine Schiffe erreichte. Was für eine Schande für einen König und für einen General! Die ganze Armee lief hauffenweis nach eben derselben Gegend zu. (Maschinen zum Stein werfen.) Es wurden beynahe dreytausend Mann in dem Lager entweder getödtet oder gefangen genommen, allein die Menge der Gefange nen übertraf die Anzahl der Getödteten weit. Nachdem man das Lager der Macedonier ausgeplündert hatte, liessen die Einwohner von Apollonia die Catapulten, die Armbrü ste und andere Maschinen, welche zum Um sturz ihrer Mauern hatten gebraucht werden sollen, in die Stadt hinein bringen, um sich derselben zu ihrer Vertheidigung zu bedienen, wenn sie etwan nachher in eine gleiche Ge fahr gerathen dürften. Alle übrige Beute überließ man den Römern. Da diese Nach richt nach Oricum überbracht wurde, führte
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Valerius alsobald seine Flotte nach dem(d. 538. J. n. R. E. d. 214. J. v. C. G.) Ausfluß des Aous, um den Philippus zu ver hindern, daß er nicht durch Hülfe seiner Schiffe entkommen könnte. Weil nun diefer<dieser> König sahe, daß er weder zu Lande noch zu Wasser sich mit den Römern einzulassen im Stande sey, zog er einen Theil seiner Schiffe an das Land, einen andern verbrannte er, und be gab sich mit dem Ueberrest der Soldaten, welche gröstentheils ihre Waffen und Ge räthe eingebüsset hatten, zu Lande nach Ma cedonien. Marcus Valerius blieb den Win ter über mit seiner Flotte zu Oricum. In Spanien hatten die Carthaginenser(Glück der Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) in Spanien Liv.XXIV. 42.) in eben diesem Jahre anfänglich einige Vor theile, allein sie bekamen viele wichtige Stös se und verlohren verschiedene Schlachten, in denen, wenn man sie alle zusammen nimmt, von ihrer Seite mehr als fünf und vierzig tausend Mann theils umkamen, theils, in die Gefangenschafft geriethen, ausser funfzig Ele phanken, die darinnen getödtet, und mehr als hundert und funfzig Fahnen, die ihnen abge nommen wurden. Dem Cn. Scipio, einem von den beyden römischen Generalen, der mit seinem Bruder in Spanien commandirte, wurde in einem dieser Treffen die Hüfte mit einer Pique durchschossen. Da die Waffen der Römer einen so glücklichen Fortgang hat ten, hielten sie es sich für eine Schande, die Stadt Sagunt, deren Einäscherung die Ursache des gegenwärtigen Krieges gewesen war, seit fünf Jahren in den Händen der
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Carthaginenser gelassen zu haben. Sie ver jagten demnach die carthaginensische Besa tzung mit Gewalt daraus, und, nachdem sie die Stadt eingenommen, versetzten sie dieje nigen von den alten Einwohnern, die sie zu sammen bringen konnten, wieder dahin. (d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.)

(Vertheilung der Provin zen. Ebend. 44.) Der erste von diesen beyden Consuln, war ein Sohn des grossen Fabius. Als die Consuls, die man während ihrer Abwesen heit ernennet hatte, zu Rom angelanget wa ren, fing man die Eintheilung der Provinzen und der Trupen in Ordnung zu bringen an, und faßte den Entschluß, zwo neue Legionen und zwanzigtausend Mann unter den Bunds genossen auf die Beine zu bringen. Nach dem die Consuls diese Legionen aufgebracht, und die übrigen ergänzt hatten, waren sie nach hergebrachter Gewohnheit darauf be dacht, die Götter wegen der üblen Anzeigen zu versöhnen, welche Titus Livius mit Recht (*) eitle Schreckbilder nennt, welche ein Blend werk der Augen und Ohren sind, und nach her für etwas wesentliches und ernsthafftes gehalten werden. (Abreise der Consuls.) Nach dieser Ceremonie brachen die Con suls auf, Sempronius nach Lucanien, Fa bius nach Apulien. Der Vater von diesem 73
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war im Anmarsch, um bey Sessola zu ihm zu(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) stossen, und unter ihm als Unterbefehlshaber Dienste zu thun. Als ihm sein Sohn entge gen gieng, liessen die Gerichtsdiener, welche vor ihm hergiengen, aus Ehrerbietung vor das Alter und den erworbenen Ruhm dieses grossen Mannes, ihn, ohne ein Wort zu sa gen, sich zu Pferde annähern, und er war schon bey dem eilften dieser Gerichtsdiener vorbey geritten, als sein Sohn solches gewahr wurde. Sogleich befahl selbiger dem letztern und zwölften, der unmittelbar vor ihm gieng, seine Schuldigkeit zu beobachten. Dieser rufte dem Alten zu, daß er vom Pferde ab steigen sollte, welches er auch sogleich that, und bey seiner Annäherung gegen den Con sul sagte: Ich wollte nur, mein Sohn, ei nen Versuch anstellen, ob du auch wüstest, daß du Consul wärest. In diesem Lager fand sich Dasius Alti(Dasius Alti nius, der vor her die Rö mer verra then hatte, wird nun ein Verräther der Cartha ginenser. Liv.XXIV. 45 - 47.) nius, aus der Stadt Arpi gebürtig, in der Nacht bey dem Consul, nur von drey Skla ven begleitet, ein, und versprach die Stadt Arpi gegen eine Belohnung, die mit einem solchen Dienste übereinstimmte, zu überlie fern. Als Fabius die Sache in dem Kriegs rathe vorgetragen hatte, waren einige der Meynung: „man solle den Dasius als ei nen Ueberläuffer und Verräther, der nichts als seinen Eigennutz zum Augenmerk hätte, und wechselsweise ein Feind beyder Natio nen wäre, mit Ruthen peitschen, und hier auf enthaupten lassen. Er hätte sich nach
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) der Schlacht bey Cannas, weil er gemei net, man müsse allezeit diejenige Parthey ergreiffen, welcher das Glück wohlwollte, vor den Hannibal erkläret, und seine Mit bürger mit in den Ausruhr gezogen. Jetzt da er wider sein Hoffen und Wünschen ge wahr würde, daß die Sachen der Römer besser giengen, und die Republick von ihrem erlittenen Schaden sich wieder zu erholen schiene, unterstünde er sich denenjenigen, die er verrathen hätte, sogleich eine neue Ver rätherey anzutragen. Sein Herz wäre be ständig bey einer Parthey, während da sein Leib sich bey der andern befände. Er wäre ein so verachtenswürdiger Feind, als ungetreuer Bundsgenosse. Man müste ihn exemplarisch bestrafen, und mit ihm eben so, wie mit dem Herrn der Stadt Fa leria, und dem Arzte des Pyrrhus, verfah ren, damit er allen Verräthern und Treu losen, welche ihm etwan nachzufolgen Lust hätten, zu einem neuen Beyspiel dienen möchte.“ Der Vater des Consuls war dieser Mei nung nicht. Er sagte: „man rede in der Zeit, da sich der Krieg auf allen Seiten entzündet hätte, nicht anders, als ob man mitten im Friede lebte. Es würde sehr übel gehandelt seyn, wenn man die Völker Italiens durch eine übel angebrachte Stren ge anreitzen wollte, ferner auf der cartha ginensischen Seite zu bleiben, da man viel mehr alle Mühe anwenden sollte, sie wieder
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zu dem Bündnis der Römer zurückzufüh(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) ren. Man würde wider alle Klugheit ver fahren, wenn man mit denenjenigen nach der Strenge handelte, welche in sich giengen, und zu ihrer Schuldigkeit sich von neuem be quemen wollten. Wenn es erlaubt wäre, die Römer zu verlassen, und es stünde nie manden frey, wieder zu ihnen umzukehren, so wäre kein Zweifel, daß Rom bald ohne Bundsgenossen seyn, und ganz Italien dem Hannibal anhangen würde. Aber bey allem diesem wäre er der Meinung nicht, sich gänz lich dem Altinius anzuvertrauen. Man kön ne in dieser Sache einen Mittelweg einschla gen. Man müste ihn, indem man ihn jetzt weder als einen Feind noch als einen Bundsgenossen ansähe, in eine dem Lager nahe gelegene sichere und treue Stadt ein sperren, und ihm die Freyheit lassen, in das Lager zu kommen, solange als der Krieg daurete. Wenn selbiger zu Ende wäre, würde man am besten ausmachen können, was zu thun sey, ob man ihn wegen seines vormals angezettelten Ausruhrs bestrafen, oder wegen seiner würklichen Wiederkehr zu Gnaden annehmen wollte.“ Jedermann pflichtete der Meinung des Fabius bey. Man legte dem Altinius und denen, die ihn beglei teten, Fesseln an, und schickte ihn, nebst einer grossen Summe Goldes, die er mit sich ge bracht hatte, und die man ihm auf das hei ligste ausheben ließ, nach Cales. Den Tag über gieng er in der Stadt herum unter Be
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) gleitung einer Wache, welche ihn des Nachts auf das sorgfältigste verwahrete. Sobald als die Arpinater ihn vermiß (Erschreckli che Grau samkeit des Hannibals.) ten, suchten sie ihn überall mit vielem Fleiß, aber vergebens. Weil er der vornehmste Bürger der Stadt war, breitete sich das Gerüchte von seiner Entwischung sogleich überall aus, und verursachte viel Unruhe und Lermen. Die Furcht vor einer Verände rung bewog sie dem Hannibal von allem, was vorgegangen war, Nachricht zu geben. Diese Zeitung aber machte ihm nicht viel Be kümmerniß. Denn ausserdem, daß er den Altinius schon seit geraumer Zeit vor einen Menschen ansahe, dem man sich nicht sicher anvertrauen könnte, fand er in seiner Flucht einen Vorwand, sich seiner Güter, die sehr ansehnlich waren, zu bemächtigen. Allein da mit man glauben möchte, der Zorn habe an seiner Rache mehr Antheil als der Geitz ge habt, bezeigte er sich gegen dessen Familie nicht nur strenge, sondern recht grausam und bar barisch. Er ließ seine Frau und Kinder zu sich in das Lager kommen, und nachdem er sie auf die Tortur gebracht, um zu bekennen, wo Dasius hingekommen sey, und was er an Gold und Silber in seinem Hause zurück ge lassen habe, ließ er sie, nach erhaltener Nach richt, lebendig verbrennen. Und dieses wur de ohne Verzug vollzogen. (Fabius nim̄t die Stadt Arpi wieder ein.) Nachdem Fabius von Sessola aufgebro chen, richtete er sogleich sein Absehen auf die Belagerung der Stadt Arpi. Nachdem er
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ziemlich nahe ihre Lage und Mauern unter(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) suchet, beschloß er, sie an einer Seite, welche wegen ihrer Festigkeit am wenigsten verwah ret war, anzugreiffen. Er machte ein beson deres Corps, welches aus seinen besten Offi cieren und herzhaftesten Soldaten bestund. Selbigen befahl er, die Mauer auf dieser Seite bey Nachtzeit zu ersteigen, und hier auf ein nie driges und enges Thor aufzuschlagen, welches in dem Theile der Stadt, die fast ganz verlassen war, auf eine wenig bewohnte Gasse stieß. Zu allem Glück vor sie erhob sich ein so stürmisches Wetter, daß der Regen, welcher gegen Mit ternacht anfing, die Wachten nöthigte ihre Posten zu verlassen und in die Häuser einzu treten. Die Mauer wurde erstiegen. und das Thor erbrochen. Auf den ersten Trompeten schall, welcher die abgeredete Losung war, ließ Fabius seine Trupen anrücken, und zog ein wenig vor angehenden Morgen durch das Thor, welches er hatte umreissen lassen, in die Stadt ein. Da es noch vor Anbruch des Tages aufhörte zu regnen, wachten endlich die Feinde von dem Lermen auf. Die Besa tzung, welche Hannibal in die Stadt gelegt hatte, bestund aus fünftausend Mann, wel che von den Einwohnern mit dreytausend von ihren Bürgern, die sie auf ihre Unkosten mit Waffen versehen hatten, vermehret worden war. Weil die Carthaginenser von der Treue der Arpinaten nicht gnugsam versi chert waren, und befürchteten, durch sie von hinten angegriffen zu werden, liessen sie sel
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) bige voraus marschiren. Man stritt anfäng lich ganz im dunkeln und in sehr engen Stras sen, die Römer aber hatten die Vorsicht ge braucht, sich nicht nur der Retirade zu versi chern, sondern auch die Dächer derer an das Thor stossenden Häuser zu besetzen, um zu verhindern, daß man ihnen nicht von der Höhe mit Steinen Schaden zufügen könnte. Während daß man im Handgemenge war, und die Römer den Einwohnern von Arpi Vorwürfe machten, daß sie sich einer frem den und barbarischen Nation ergeben hätten, versicherten diese, daß solches gänzlich wider ihren Willen geschehen sey, und daß ihre Oberhäupter sie, ohne ihre Einwilligung zu erwarten, an die Carthaginenser verkaufft hätten. Sobald als hierauf, zufolge die ser einander gegebenen Erläuterungen, der Prätor der Stadt zu dem Consul war ge führet worden, und die Versicherung erhal ten hatte, daß man das vergangene in Vergessenheit stellen wollte, richteten die Ar pinaten anfauf einmahl ihre Waffen gegen die Carthaginenser. Zu gleicher Zeit traten auch ohngefehr tausend Spanier auf die Seite des Consuls, ohne daß sie sich weiter et was ausbedungen, als daß der carthaginen sischen Besatzung ein freyer Abmarsch möch te erlaubet werden. Der genommenen Ab rede nach öffnete man den Carthaginensern sogleich die Thore, ohne ihnen das geringste Uebel zuzufügen, und sie begaben sich nach Salapia zu dem Hannibal. Solchergestalt
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kam Arpi wieder unter die Gewalt der Rö(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) mer, ohne daß ein einziger von denen Bür gern, ausser dem, der sie zweymal verra then hatte, umkam. Den Spaniern ver willigte man doppelten Sold, welche auch nachher allezeit denen Römern treu verblie ben, und bey vielen Gelegenheiten ihnen un gemeine Dienste gethan haben. In der Zeit, da der eine Consul in Apu(Hundert und zwölf Cam panier erge ben sich den Römern. Liv.XXIV. 47.) lien, und der andere in Lucanien war, baten sich zwölfhundert der vornehmsten Bürger von Capua bey ihrer Obrigkeit die Erlaub nis aus, aus der Stadt zu gehen, unter dem Vorwande, in das Gebiete der Feinde zu streiffen. Sobald sie die Bewilligung erhal ten hatten, begaben sie sich in das römische Lager bey Sessola. Sie gaben sich sogleich bey der ersten Post zu erkennen, und baten vor den Prätor, mit dem sie über Sachen von Wichtigkeit zu sprechen hätten, gelassen zu werden. Als Cn. Fulvius, der in diesem Posten commandirte, von ihrem Verlangen benachrichtiget wurde, befahl er, daß man zeh ne von ihnen unbewaffnet vor ihn führen soll te, und nachdem sie ihr Verlangen, welches in der Wiedergebung ihrer Güter bestund, wenn Capua sich den Römern würde unter worffen haben, zu erkennen gegeben hatten, nahm er sie insgesammt unter seinen Schutz. Der Prätor Sempronius Tuditanus,(Eroberung der Stadt Aternus. Ebendas.) (eben derjenige Tuditanus, welcher in der Nacht nach der Schlacht bey Cannas sich mitten durch die Feinde wagte, da die andern
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) vor Furcht starrten, und sich nicht aus dem Lager heraus traueten) dieser Prätor bemäch tigte sich der Stadt Aternus mit Gewalt. Er machte daselbst mehr als tausend Gefangene, und fand eine grosse Menge gemünztes Ku pfer und Silber in der Stadt. (Grosser Brand zu Rom. Ebend.) Um eben diese Zeit entstund ein grosser Brand in Rom, welcher zwo Nächte und einen Tag mit so vieler Heftigkeit daurete, daß eine grosse Anzahl sowohl geistliche als weltliche Gebäude in die Asche gelegt wur den. (Die beyden Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) machen ein Bündnis mit dem numidi schen Könige Syphax. Liv.XXIV. 48.) Da die beyden Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) in diesem Jah re so ansehnliche Vortheile in Spanien erhal ten, und über die alten Bundsgenossen, die sie wieder auf die römische Seite gezogen, noch neue gemacht hatten, wurden sie da durch so muthig, daß sie selbst in Afrika einzu dringen sich Hoffnung machten. Auf erhalte ne Nachricht, daß der König eines grossen Theils Numidiens, Syphax, (*) der zeither ein Freund der Carthaginenser gewesen war, sich ganz unvermuthet gegen sie erkläret hät (Drey Haupt leute.) te, schickten sie drey Officier als Gesandten zu ihm, welche mit ihm ein Freundschaffts bündnis schliessen, und ihn versichern soll ten, daß, wenn er fortführe die Carthaginen ser zu bekriegen, sowohl das römische Volk, 74
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welchem er damit einen grossen Dienst erwie(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) se, als sie selbst alle Gelegenheit ergreiffen würden, ihm wieder zu dienen, und eine vollkommene Dankbarkeit zu erweisen. Die ser ausländische König empfieng die Ge sandtschafft mit vielem Vergnügen, in ei ner Unterredung, die er mit diesen drey Ab geordneten, die insgesammt alte Officierer waren, über die Art den Krieg zu führen, hat te, konnte er sich nicht enthalten, die Kriegs zucht, welche die Römer unter ihren Armeen beobachteten, zu bewundern; und die Ver gleichung, die er zwischen seiner und ihrer Art zu kriegen anstellte, gab ihm gnugsam zu erken nen, wie viele Dinge er in diesem Handwerke noch nicht wüste. „Er bat sich von ihnen zum ersten Beweiß des ihm angetragenen Bünd nisses und der errichteten Freundschafft aus, daß nur zween von ihnen zurückkehren möch ten, um ihren Generalen von dem, was sie ausgerichtet hätten, Bericht abzustatten, der dritte aber zurück bliebe, um seine Soldaten in der Kunst zu Fuß zu streiten zu unterrich ten, als worinnen er aufrichtig gestund, daß seine Numidier, die geschickt genug wären ein Pferd zu regieren, hiervon doch nichts verstünden. Er fügte hinzu, daß gleich bey dem ersten Ursprung ihrer Nation alle ihre Vorfahren niemahls anders Krieg gefüh ret hätten, daher auch sowohl er als seine Unterthanen von Jugend an nicht anders wären angeführet worden. Allein da sie einen an Infanterie mächtigen Feind vor
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) sich hätten, so sey ihm viel daran gelegen, demselben in diesem Stücke gleich zu kom men. Er habe Leute in Ueberfluß: es kom me weiter auf nichts an, als ihnen tüchti ges Gewehr zu geben, und ihnen zu zeigen, wie sie sich desselben wohl bedienen, und in der Schlacht an ihrem Posten bleiben mü sten, an statt daß sie zeither sich auf gera thewohl zu stellen, und zu fechten gewohnt gewesen wären.“ Die Gesandten antwor teten ihm, daß sie in allem, was er verlang te, ihm zu Willen seyn wollten, sie liessen sich aber zugleich von ihm das Wort geben, kei ne Schwürigkeit mit Zurückschickung des Of ficiers, den sie ihm liessen, zu machen, wenn ihre Generale nicht zufrieden seyn sollten, daß er in seinen Staaten zurückgeblieben wäre. (Ein römi scher Officier richtet dem Syphar <Syphax> eine Infanterie auf.) Dieser Officier hieß Q. Statorius. Die beyden andern giengen zurück, um ihren Ge neralen von ihrer Gesandtschafft Rechen schafft abzulegen, und Syphax schickte seiner Seits einige mit, um das Wort und die Versicherungen von den römischen Genera len selbst einzuholen. Er befahl denselben zu gleich, sich zu bemühen, daß die Numidier, welche unter der Armee der Carthaginenser dienten, auf die Seite der Römer treten möchten. Statorius fand indessen unter der zahlreichen Numidischen jungen Mann schafft gnugsame Gelegenheit, verschiedene Compagnien Infanterie aufzurichten. Er unterwieß sie in allen Kriegsübungen und Handgriffen der Soldaten zu Fuß, zeigte ih
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nen, wie sie ihren Fahnen folgen, und in ihren(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) Gliedern eben so gut und leicht, als die Rö mer selbst, bleiben könnten. Endlich ge wöhnte er sie dergestalt zu den Strapatzen und zu den Pflichten der Kriegszucht, wie selbige unter den Armeen der Republick be obachtet wurde, an, daß der König sich in kurzen eben so sehr auf seine Infanterie, als auf die Cavallerie verließ, und selbst die Cartha ginenser in einer Schlacht, die er ihnen auf platten Lande lieferte, überwand. Die Gesandten des Syphax verursach ten auch in Spanien eine den Römern sehr vortheilhaffte Veränderung, denn auf das er ste Gerüchte, welches sich von ihrer Ankunft ausbreitete, giengen die meisten Numidier zu ihnen über. Kaum hatten die Carthaginenser von(Bündniß der Carthagi nenser mit ei nem andern Könige der Numidier, Namens Gala. Liv.XXIV. 49.) dem zwischen den Römern und dem König Syphax geschlossenem Bündnis Nachricht er halten, so schickten sie zu Gala, einem Kö nige desjenigen Theils von Numidien, dessen Einwohner Massylier genennet werden, Ab gesandten, um ihn um seine Freundschafft und Bündniß zu ersuchen. Gala hatte einen Sohn, Namens Maßinissa, der erst siebzehn Jahr alt war, aber in einer so grossen Ju gend schon gute Eigenschafften von sich bli cken ließ, von denen man sich Hofnung ma chen konnte, daß er seinen Nachkommen ein viel mächtiger und weitläufftigeres Reich hin terlassen würde, als er von seinen Vorfah ren erhalten hätte. Die Abgeordneten der
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) Carthaginenser gaben dem Gala zu verneh men: „Syphax habe sich aus keiner andern Ursache mit den Römern in ein Bündniß eingelassen, als sich ihres Beystandes ge gen die andern Könige und Völker von A frica zu versichern. Es erfordere demmach der eigene Vortheil des Gala, sich ie eher ie lieber mit den Carthaginensern zu verbin den, so würde man, ehe Syphax nach Spa nien übergienge, oder die Römer nach Afri ca herüberkämen, im Stande seyn, den er stern zu überfallen und zu unterdrücken, da er bis ietzo noch weiter nichts von den Rö mern, als den Namen ihres Bundsgenos sen, erhalten hätte.“ (Syphax wird zweymahl nach einan der von dem Sohne des Gala, Maßi nissa, über wunden.) Es kostete ihnen wenig Mühe, den Gala zu Anwerbung einer Armee zu bereden, wel che der Maßinissa ihnen zu Hülfe führen soll te. Als selbige zu den Carthaginensischen Le gionen gestossen war, wurde Syphax in ei ner hitzigen Schlacht überwunden, darinnen dreyßigtausend Mann auf dem Platze blie ben. Syphax nahm mit einer kleinen An zahl Reutern seine Zuflucht zu den Mauri taniern, welche an den äussersten Theilen von Africa die Länge lang herab an dem Ocean ohnweit der Meerenge von Gibraltar wohn ten. Da sich daselbst auf das von seinem Namen erschollene Gerücht eine grosse Menge Barbaren von allen Seiten bey ihm einfan den, brachte er in kurzer Zeit eine ansehnli che Armee wieder zusammen. Allein Maßi nissa ließ ihm nicht Zeit sich völlig zu erho
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len, oder gar nach Spanien, wovon er nur(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) durch einen kleinen Arm des Meers abgeson dert war, überzusetzen, sondern er verfolgte ihn mit seiner siegreichen Armee und erreichte ihn gar bald. Und zwar setzte er hier mit seiner eigenen Macht, und ohne den Bey stand der Carthaginenser, denjenigen Krieg fort, darinnen er so viel Ehre erworben. In Spanien gieng nichts merckwürdiges(Die Celtibe rier fangen an bey den Römern in Dienste zu treten.) vor, ausser daß die römischen Generale die junge Mannschafft der Celtiberier (*), unter Versprechung eben derjenigen Vortheile, worüber sie mit den Carthaginensern sich ver glichen hatten, auf ihre Seite brachten; und daß sie mehr als dreyhundert der vornehmsten Spanier nach Italien schickten, um, wo es möglich wäre, ihre Landesleute, welche vor den Hannibal die Waffen ergriffen hatten, von demselben abzuziehen. Bis in diesem Jahre hatten die Römer, wie Titus Livius angemerket, bey ihren Armeen noch keine Trupen, die um Sold dieneten, gehabt: die Celtiberier (**) waren die ersten, welche der gleichen Dienste thaten. 75 76
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) Während dessen, daß das, was ich erzehlt habe, in Africa und Spanien vorgieng, blieb Hannibal beständig in dem Tarentinischen (Liv.XXV. 1.) Gebiete, weil er von der Hofnung ganz einge nommen war, sich dieser Stadt durch die Verrätherey ihrer Einwohner zu bemeistern. Einige sehr unberühmte und schlechte Plätze ergaben sich an ihm. (Pomponius, ein so uner fahrner Ge neral, als untreuer Pachter, wird von dem Hanno ge schlagen. Ebendas.) In eben dieser Zeit erneuerten zwölf Völ ker des Landes Brutium, die einige Jahr vor her die Parthey des Hannibals ergriffen hat ten, ingleichen die Einwohner von Cosenza, und Thurinus, welches das alte Sybaris ist, die Freundschafft mit den Römern. Ih rem Exempel würden viel mehrere gefolget haben, wenn nicht der L. Pomponius, von Vejos, Anführer (*) der Bundsgenossen, sich durch seine Verwegenheit eine Niederla ge zugezogen hätte. Er hatte vorher, ehe er sich auf das Kriegshandwerck geleget hatte, mit Geldsachen zu thun gehabt. Einige Vor theile, die er über die Feinde in dem Gebiete der Brutier erhalten hatte, machten ihn so hochmüthig, daß er sich selbst vor den vollkom mensten General hielt. Nachdem er dem nach in Eil einige Trupen zusam̄en gebracht, hatte er die Verwegenheit, dem Hanno eine Schlacht anzubieten, der von seinen Leuten, welche aus Bauern und Sklaven bestunden, und sich zum Kriege eben so wenig, als ihr 77
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Anführer, schickten, eine grosse Anzahl theils(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) erlegte, theils gefangen nahm. Der geringste Verlust, den man bey dieser Gelegenheit er litte, war die Gefangennehmung des Gene rals selbsten, (*) der wegen dieser unvernünf tigen Unternehmung und wegen des unbe schreiblichen Schadens, den er durch seine Unterschleiffe, durch seine Raubereyen und allerhand andere ungerechte Mittel dem Staate und seinen Bundsverwandten verur sachet hatte, die billige Strafe erlitt. Die lange Dauer des Krieges, dessen(Denen Neu igkeiten in der Religion wird durch das Ansehen der Richter abgeholfen. Ebendas.) Unruhen insgemein die Verabsäumung der Policey nach sich ziehen, hatte in den Ge müthern der Römer eine so grosse Ver änderung verursacht, und die Religion ih rer Vorfahren durch die Einmischung vie ler auswärtiger Ceremonien dergestalt ver fälscht, daß es nach dem Zeugnisse des Ti tus Livius das Ansehen hatte, als ob die Men schen und Götter ganz anders, als sie vor her gewesen, geworden wären. Es war eine Menge von Wahrsagern und Opferpriestern, die weder den Titel noch das Ansehen hatten, eingeschlichen, welche sich auf Unkosten ei nes verblendeten und leichtgläubigen Volks durch einen so leichten als unerlaubten Ge winn bereichert, und die Gemüther mit unnü tzen und abergläubischen Meinungen erfüllet 78
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) hatten. Rechtschaffene Leute hatten schon längst wider diesen Mißbrauch heimlich ge murret, endlich aber wurde er so hoch getrie ben, daß der Rath selbst sich genöthiget sahe, dem Prätor M. Attilius aufzutragen, darin nen Ordnung zu stellen. Dieser Richter machte folgende Verordnung, welche er in ei ner allgemeinen Versammlung des Volks vortrug: „Es sollte ein ieder, der Vorherver kündigungs- Gebets- und Opferformulare schrifftlich bey sich hätte, ihm selbige vor dem ersten April einhändigen, und niemand sollte sich unterstehen, von was Stande er auch wäre, an irgend einem öffentlichen oder geheiligten Orte mit neuen und ausländischen Ceremonien ein Opfer zu verrichten.“ (P. Scipio wird, ehe er das erforder liche Alter erlangt, Bauherr. Liv.XXV. 2.) In diesem Jahre wurde P. Cornelius Scipio, der nachher der Africaner ist beyge nahmet worden, zum Aedilis Curulis erwehlt. Als er sich zu dieser Würde meldete, wider setzten sich die Zunftmeister des Volks seiner Ernennung, und gaben zur Ursache an, daß er noch nicht das zur Verwaltung solches Amts gehörige Alter hätte. Er antwortete aber ganz getrost: „Wenn alle Bürger mich zum Aedil ernennen wollen, bin ich alt ge nug.“ Alsobald gaben ihm alle Zünfte mit so vielem Eifer und Einmüthigkeit ihre Stim men, daß die Zunftmeister nicht umhin konn ten, von ihrem Widerspruch abzustehen. Sci pio war damals erst ein und zwanzig Jahr. Ich will aber gleich melden, welches das zu
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Erlangung der hohen Ehrenstellen erforderte(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) Alter war. Die Aediles Curules liessen zween Tage nach einander die Römischen Spiele mit so grosser Pracht und Aufwand, als es da mals möglich war, anstellen, und für jede Gasse ein Maas Oel, das ist ohngefähr fünf Pfund und vierzehn Unzen, austhei len. Die Aediles des Volks klagten verschie dene vornehme Römische Frauen vor dem Volke an, daß sie ein übles Leben führten, daher auch einige von ihnen verdammet und ins Elend geschickt wurden. Die Erweh(Polyb.X. 578.) lung des P. Scipio zu der Würde eines Ae dilis wird von dem Polybius ganz anders erzehlt, und ich finde vor gut, hier dasjenige zu melden, was er davon sagt. Lucius Scipio, der nach der Meinung dieses Schrifftstellers der älteste Bruder des jenigen war, von welchem hier die Rede ist, hielt um die Würde eines Aedilis Curulis an. Publius unterstund sich deswegen nicht zugleich mit seinem Bruder sich darum zu be werben, aus Furcht, er möchte ihm entwe der schaden, oder das Ansehen bekommen, als ober mit seinem ältern Bruder sich in einen Streit einlassen wollte, welches sowohl wider die Wohlanständigkeit als auch wider seine Absicht war. Als aber die Zeit der allge meinen Versammlungen sich näherte, und er in Erwegung zog, theils daß das Volk dem Lucius eben nicht sonderlich wohlwollte, theils
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) daß er selbst wohl angeschrieben stünde, ge rieth er auf die Meinung, es würde das ein zige Mittel, um seinem Bruder zu der Ehren stelle zu verhelffen, dieses seyn, daß er mit ihm zugleich darum anhielte. Um seine Mutter dahin zu bringen, daß sie solchem Vorhaben nicht zuwider wäre, (denn nur allein dieselbe durfte gewonnen werden, weil ihr Vater damals in Spanien war,) erdach te er diese List. Sie gab sich viele Mühe vor ihren ältesten Sohn; sie gieng alle Tage aus einem Tempel in den andern, um die Götter vor ihn anzuflehen, und sie brachte selbigen sehr viele Opfer. Es ist merkwürdig, daß die Heyden in allen ihren sowohl privat als öf fentlichen Unternehmungen vieles an eine Gott heit wendeten, um von selbiger einen glückli chen Fortgang zu erbitten. Publius begab sich zu ihr, und erzehlte ihr, daß er zweymahl einerley Traum gehabt hätte. Es wäre ihm nämlich vorgekommen, daß sein Bruder und er zu Bauherren wären ernennet worden, und, daß sie, als sie beyde von dem Markte nach Hause gekommen, ihnen bis an die Thüre entgegen gegangen wäre, und sie zärt lich umarmet hätte. Das Herz einer Mut ter konnte bey solchen Worten unmöglich unempfindlich seyn. „Könnte ich doch, schrie sie, könnte ich einen so erfreulichen Tag erleben! Wolltest du wohl, geliebte Mutter, daß wir einen Versuch machten, antwortete ihr Scipio.“ Sie willigte darein, machte sich aber keinesweges die Vorstel
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lung, daß solches Ernst werden sollte. In(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) dessen war Scipio zu seinem Zweck gelanget. Er ließ sich sogleich einen langen weissen Rock machen, von der Art, wie diejenigen zu tra gen pflegten, die um öffentliche Ehrenstellen sich bewurben, und an einem Morgen, da seine Mutter noch im Bette war, legte er zum erstenmahle diesen Rock an, und zeigte sich in diesem Aufzuge auf dem Markte. Das Volk, welches ihn schon vorher hoch achtete und ihm wohlwollte, wurde durch ein so ausserordentliches Verhalten in eine angenehme Verwunderung gesetzt. Er be gab sich sodann an den vor die Candidaten bestimmten Ort, und stellte sich seinem Bru der an die Seite. Alle Stimmen vereinig ten sich nicht vor ihn, sondern auch aüf seine Vorsprache zum Besten seines Bruders. In dem sie eben nach Hause sich begeben woll ten, wurde die Mutter von dem, was vor gegangen war, benachrichtiget. Ganz ent zückt vor Freuden läufft sie an die Thüre, ih re beyden Söhne zu empfangen, und eilet um sie zu umarmen. Der vorgegebene Traum des Scipio, den seine Mutter mit vieler Sorgfalt bekandt machte, trug wegen des glücklichen und geschwinden Fortganges, der darauf folgte, nach des Polybius Mei nung nicht wenig darzu bey, daß man ihn nachher vor einen Menschen ansahe, dem die Götter geneigt wären, und den sie selbst ih rer Eingebungen würdigten; und wir wer den auch in dem folgenden sehen, daß er sei
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(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) ner Seits nichts unterlassen hat, die Römer in dieser Meynung zu bestärken. Es mag aber der P. Scipio auf eine oder die andere Art zu der Bauherren Würde gelanget seyn, so war doch dieses gewiß, daß er damals nicht älter, als ein oder zwey und zwanzig Jahr, gewesen ist, indem er drey Jahr dar (Liv.XXVI. 18.) nach, als er nach Spanien geschickt wurde, um daselbst zu commandiren, nur vier und zwanzig Jahr alt war. Die Jahrgesetze, das ist, diejenigen Gesetze, welche die Jahre bestimmten, in denen man die Ehrenämter erlangen konnte, waren damals noch nicht (Polyb.VI. 466.) im Gebrauche: allein von dieser Zeit an war es niemanden erlaubt, dieselben eher zu ver walten, als bis er zehn Feldzüge gethan, und folglich sechs und zwanzig Jahr zurück ge legt hatte, denn man fing nicht eher an Kriegs dienste zu thun, als in dem siebzehnden Jah re. In den 573sten Jahr der Erbauung Roms, als Q. Fulvius Flaccus, und L. Manlius Acidinus Consuls waren, brachte ein Zunftmeister des Volks, Namens L. Vil lius, ein Gesetz auf, welches die Jahre be stimmte, in denen man sich um die Curuli schen Ehrenstellen bewerben und sie erhalten konnte, denn es wurde darinnen nur von diesen geredet. Nach der Meynung des Ma nutius, muste einer, der Aedilis Curulis wer den wollte, sieben und dreyßig, der Prätor vierzig, und der Consul werden wollte, drey und vierzig Jahr alt seyn.
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Q. Fulvius FlaccusIII.(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Ap. Claudius Pulcher.

Q. Fulvius war zwischen dem ersten und zweyten Punischen Kriege zweymal Consul und Censor gewesen, und hatte zweymal seit der Einrückung des Hannibals in Italien die Prätorwürde bekleidet. Claudius war der jenige, der vor und unter dem Marcellus in Sicilien commandirt hatte. Die Republick stellte in diesem Jahre drey und zwanzig Le gionen, das ist zweyhundert und siebenzwan zigtausend Mann, auf die Beine. Zu Rom entstund damals eine grosse Un(Harte Be strafung de rer Pachter, und unter andern des Posthumius, wegen ge machten Un terschleiffs. Liv.XXV. 3. 4.) ruhe wegen des Pachters M. Posthumius Pyrgensis, der in Ansehung des Geitzes und der Betrügereyen, ausser dem Pomponius, von dem wir Erwehnnng gethan haben, kei nen seines gleichen hatte. Wir haben wei ter oben von dem Handel geredet, den die Re publick mit gewissen Pachtern schloß, vermö ge dessen sie die Armeen in Spanien mit al lem Benöthigten versehen sollten; und haben angemerket, daß einer von den Puncten dieses Handels enthielt, es wolle die Republick al len denjenigen Schaden, der durch Sturm und Wetter verursacht werden dürfte, auf ihre Rechnung nehmen. Dieser Artickel hat te zu zweyerley Arten von Betrügereyen Ge legenheit gegeben. Sie hatten falsche Schiff brüche angegeben, und wenn auch wirklich ein Schiff verunglückt war, doch sich selbst die
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) meiste Schuld zuzuschreiben. Denn, indem sie Waaren von geringem Preis, und deren noch darzu sehr wenige, auf alte und schadhaff te Schiffe geladen, hatten sie selbige selbst ver sencket, und nur die Matrosen auf kleinen mit Fleiß darzu verfertigten Fahrzeugen gerettet, worauf sie falsche Verzeichnisse von einer gros sen Menge ansehnlicher Waaren einreich ten. Der Prätor, M. Attilius, hatte schon im vorigen Jahre, als er von diesem Betru ge Wind bekommen hatte, dem Senat da von Bericht abgestattet. Weil man aber bey den gegenwärtigen Umständen die Pach ter schonen wollte, hatte man nicht vor gut befunden, ein Urtheil über sie zu fällen. Das Volk hingegen verfuhr strenger mit ihnen. Die beyden Brüder und Zunftmeister des Volks, Spurius und Lucius Carvilius, wur den über eine so verhaßte und schändliche Untreu dergestallt aufgebracht, daß sie den Posthumius öffentlich anklagten, und ihn zu (Ducentum millium ae ris multam dixerunt.) einer Geldbusse von zweyhundert tausend As, welche beynahe drey tausend Thaler betra gen, verdammten. An dem Tage, da er um sich zu vertheidigen erscheinen sollte, stellte er sich vor dem in so grosser Menge versammle tem Volke, daß es der Platz des Capitols kaum fassen konnte, ein. Seine Sache wur de untersucht, und die Gemüther waren so erbittert, daß die einzige Hofnung, die ihm noch übrig blieb, diese war, daß einer von den Zunftmeistern des Volks, C. Servilius
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Casca , der ihm nahe verwandt war, sich de(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) nen Schlüssen seiner Collegen, ehe noch die Zünfte selbst ihre Stimmen zu geben anfin gen, widersetzte. Nachdem die Zeugen wa ren vernommen worden, liessen die Zuntfmei sterZunftmeister das versammlete Volk in Ordnung tre ten, und man machte Anstallten zum Loos, um zu erfahren, welche Zunft die erste Stim me geben sollte. Unterdessen drungen die Angeklagten in den Casca, sich vor sie zu er klären, dem Verlangen seiner Collegen zu wi dersprechen und solchergestallt die Versamm lung zu beurlauben. Casca befand sich in einer grossen Verlegenheit, indem ihn eines Theils die Furcht, seine Anverwandten verdammet zu sehen, andern Theils die Schande, eine so üble Sache zu vertheidigen, beunruhigte. Da die Pachter merkten, daß sie sich wenig Schutz von ihm zu versprechen hätten, stellten sie sich, um ein Lermen zu erregen, welches die Entscheidung dieser Sache aufhielte, nebst ihrer Bedeckung auf denjenigen Platz, wel cher durch das Zurückweichen des Volks leer war, hervor, und fingen an frey gegen die Zunftmeister und das Volk zu reden. Es war schon so weit gekommen, daß man ein ander in die Haare wollte. Hierauf aber wendete sich der Consul an die Zunftmeister, und sagte: „Sehet ihr nicht, daß man wenig auf euer Ansehen giebt, daß man euch Ge walt anthut, und daß, wenn ihr die Ver sammlung nicht auseinander gehen lasset, es zu einem völligen Aufruhr kommen wer
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) de?“ So bald als das Volk sich aus ein ander begeben hatte, versammlete sich der Rath, welchem die Consuls von dem Tu mult, den die Verwegenheit der Pachter unter dem Volke erreget hätten, um die Sammlung der Stimmen zu verhindern, Nachricht gaben. Sie stellten vor: „daß Camillus, auf dessen Verjagung der Unter gang der Stadt gefolget wäre, sich einer un gerechten Verdammung, die von seinen Mit bürgern über ihn ausgesprochen worden, wil lig unterworffen hätte. Daß vor ihm die Zehnmänner, zu Folge der Gesetze, nach de nen sich Rom bis jetzt noch wirklich richtete, und in den darauf folgenden Zeiten viele an dere der vornehmsten Römer sich die Urthei le, welche das Volk über sie gefället, mit Ehrerbietung gefallen lassen. Posthumius allein habe Gewalt gebrauchet, um seinen Mitbürgern die Freyheit, ihre Stimmen zu geben, zu zerreissen. Er habe verursa chet, daß sich das Volk habe auseinander begeben müssen, er habe das Ansehen der Zunftmeister mit Füssen getreten, und das Volk an der Spitze eines Trupps Aufrüh rer, die sich fast in eine ordentliche Schlacht ordnung gestellet gehabt hätten, angegrif fen. Daß man nicht in einander gerathen sey, und daß kein Blut sey vergossen wor den, habe man einzig und allein der Mäßi gung und der Gedult der obrigkeitlichen Personen zu danken, welche vor diesesmahl der Verwegenheit einer kleinen Anzahl Ra
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sender, die alles in Feuer hätten setzen wol(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) len, nachgegeben hätten.“ Da die meisten wohlgesinnten Personen sich fast in eben den Ausdrückungen heraus gelassen, und der Rath den Ausspruch ge than hatte, daß die Aufführung der Pachter bey dieser Gelegenheit vor einen ordentlichen Aufruhr, der aller guten Ordnung zuwider wäre und zu einem verderblichen Exempel die nen könnte, zu halten sey, stunden die Zunft meister sogleich von der Geldstrafe, womit sie anfänglich zufrieden gewesen waren, ab. Sie faßten neue Schlüsse gegen den Ange klagten ab, welche auf die Verbannung gien gen, und gaben indessen dem Gerichtsdiener Befehl, sich der Person des Posthumius zu versichern, und ihn ins Gefängniß zu legen, wenn er nicht gnugsame Bürgschafft stellte, wodurch er genöthiget wurde, sich zu gehö riger Zeit und am gehörigen Ort zu stellen. Posthumius stellte Bürgschafften, allein er erschien an dem gesetzten Tage nicht. Dieses verursachte, daß das Volk, auf Anhalten der Zunftmeister, beschloß: Es sollte der Post humius, wenn er sich nicht vor dem ersten May einfünde, und, nachdem er gefordert worden, weder er, noch jemand an seiner Stelle, erschiene, sogleich von solcher Zeit an vor einen Verbannten gehalten, seine Güter zum Vortheil der Republick öffentlich ver kaufft, und ihm Feuer und Wasser unter sagt werden. Es war in Rom kein Gesetz, welches einen Bürger namentlich ins Elend
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) verdammte; aber ihm Feuer und Wasser versagen, ohne die man das Leben nicht er halten kann, war die eigentliche Verban nung, indem der Verbannte dadurch ge zwungen wurde, dasjenige anderwärts zu suchen, was ihm in seinem Vaterlande ver sagt war. Eine exemplarische Bestrafung von dieser Art, wenn sie von Zeit zu Zeit wiederholet wird, würde vielen Ungerechtigkeiten und Raubereyen vorbeugen, welche die Nachsicht und Unterlassung der Strafen zum Nach theil der Gesetze und des gemeinen Wohls erhält und vermehret. Nachdem Posthumius war verdammt worden, lud man alle die übrigen, welche an dem Lermen und Aufruhr Antheil gehabt hatten, einen nach dem andern vor Gericht, und hielt sie an, Bürgschafft zu stellen. Die jenigen, welche dergleichen nicht aufbringen konnten, wurden gleich Anfangs in die Ge fängnisse geschleppet, es betraf aber solches Schicksal hernach auch die, welche Bürg schafft machen konnten. Die meisten von ih nen giengen, um eine solche Gefahr zu ver meiden, freywillig ins Elend. Und dieses war der Ausgang von der Betrügerey der Pach ter, und von der Verwegenheit, welche selbi ge zu vertheidigen unternahm. (Wahl eines neuen Ober priesters.) Endlich stellte man Versammlungen an, um einen neuen Oberpriester an die Stelle des verstorbenen P. Cornelius Lentulus zu erwählen. Es fanden sich drey Competen
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ten, welche sich die gröste Mühe gaben, die(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) sen Platz zu erhalten: Q. Fulvius Flaccus, würcklicher Consul zum drittenmal und al ter Censor; T. Manlius Torquatus, der auch zweymal Consul und Censor gewesen war, und P. Lucius Crassus, der im Be griff war, um die Würde eines Aedilis Cu rulis anzuhalten. So jung dieser letztere war, behielt er doch die Oberhand über sei ne Competenten, ohnerachtet ihres schon ziemlich hohen Alters, und derer Bedienun gen, die sie bekleidet hatten. Man wird viel leicht begierig seyn, die Ursachen von diesem Vorzug zu wissen, vielleicht aber mochte es wohl keine andere seyn, als der Wille des Volks. Jedoch war die Person, welche er wählet wurde, einer solchen Ehre wohl wür dig, wie es aus dem, was wir weiter unten von ihm melden wollen, erhellen wird. Seit sechs und zwanzig Jahren, war Crassus der einzige, der zum Oberpriester war erwehlet worden, ehe er eine andere Curulische Ehren stelle bekleidet hatte. Die Consuls fanden grosse Schwürigkei(Eine auf neue Art an gestellte Werbung.) ten, mit ihren Werbungen zu Stande zu kom men. Es mangelte an jungen Leuten, um die alten Legionen zu ergänzen, und neue, die man auf die Beine stellen wollte, zu errichten. Der Rath ließ deswegen, ohne die Consuls ihrer Sorge zu entledigen, zwey Triumvira te ernennen, welche befehliget wurden, alle Flecken und Städte Italiens zu durchreisen, und zwar die eine Parthie in dem Raum von
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) funfzig tausend Schritt (fast zehn teutsche Meilen) um Rom herum, die andere in dem weitern Bezirk, und auf das sorgfältigste an zumerken, was in einem jeden Gebiet von junger Mannschafft anzutreffen sey. Sie sollten alle diejenigen anwerben, welche ihnen stark genung die Waffen zu tragen vorkom men würden, ob sie gleich noch nicht das in den Gesetzen vorgeschriebene Alter erreicht hätten. Man ersuchte die Zunftmeister des Volks, wenn sie es vor gut fänden, ein Ge setz bey dem Volk in Vorschlag zu bringen, vermöge dessen die Feldzüge derjenigen, die vor dem siebzehnden Jahre mit in Krieg zö gen, von dem Tage ihrer Anwerbung an soll ten gerechnet werden, gleich als ob sie im siebzehnden Jahre, oder noch später, in Dien ste getreten wären. Die Triumvirs brach ten diese Werbungen, die ihnen aufgetragen worden, glücklich zu Stande. (Die Geisseln der Stadt Tarent, die aus Rom entflohen waren, wer den dahin wieder zu rückgebracht, und am Le ben gestrafft. Liv.XXV. 7.) Die Römer waren schon seit langer Zeit wegen eines Aufruhrs der Tarentiner besorgt, so wie Hannibal dergleichen zu hoffen Ursache hatte, als eine Begebenheit, welche sich zu Rom selbst ereignete, die Vollziehung beschleu nigte. Phineas, ein Bürger von Tarent, hielt sich seit geraumer Zeit als ein Abgesandter zu Rom auf. Er war ein Mensch von einer sehr unruhigen Gemüthsart, dem die Ruhe, worin̄en er nun schon so lange lag, höchstzuwi der war. Er fand Gelegenheit, sich bey den Geisseln einzuschleichen, welche die Tarenti ner der Republick gegeben hatten, und die
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man zu Rom in dem Vorhofe des Tempels(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) der Freyheit verwahrte. Man hatte auf sie keine so gar genaue Aufsicht, weil es weder zu ihrem noch ihres Vaterlandes Nutzen ge reichen konnte, wenn sie die Römer hätten hinter das Licht führen wollen. Bey den verschiedenen Unterredungen, die Phineas mit ihnen hatte, beredete er sie endlich zu entflie hen, und nachdem er zween von denen, die die Schlüssel zu den Thoren des Tempels hatten, bestochen hatte, brachte er sie bey Einbruch der Nacht glücklich aus dem Orte heraus, worinnen sie eingeschlossen gehalten wurden, und entflohe mit ihnen. So bald als der Tag anbrach, breitete sich das Gerücht von ihrer Flucht in der ganzen Stadt aus. Man schickte ihnen sogleich einige Leute nach, wel che sie bey Terracina, ohngefähr drey Meilen von Rom, einholten. Man verfuhr mit ih nen nach der äusersten Schärfe, und stürz te sie, nachdem sie auf dem öffentlichen Markte mit Ruthen waren gepeitschet wor den, oben von dem Tarpegischen Felsen her ab. Bey einer so schleunigen und grausa men Bestrafung, gedachte das Römische Volk weiter an nichts, als seinen Zorn und die Begierde sich zu rächen, zween sehr übeln Rathgebern (*) und zog keinesweges die Ver 79
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) nunft zu Rathe. Denn diese verfährt ganz langsam; sie erweget und untersuchet alles mit Bedacht; das Nachdenken und die Reue findet bey ihr Statt; sie strafet mit gröstem Widerwillen; wenn sie sich darzu genöthiget findet, so richtet sie die Strafe nach dem Ver brechen ein. Der Zorn hingegen ist wild, jäh und ungerecht; er höret nichts, und fol get nur seiner ersten Bewegung, die ihm durch die Leidenschaft eingeflösset wird. Der Aufruhr zwoer mächtiger Städte Italiens, gab denen Römern das Unrecht, welches sie bey Ausübung einer so grossen Strenge be gangen hatten, sattsam zu empfinden. (Tarent köm̄t durch Berrä therey an den Hannibal. Selbiger be lagert das Schloß ver gebens und läßt es einge schlossen.) Eine so harte Bestrafung erbitterte die Tarentiner überaus sehr. Viele von den ansehnlichsten Bürgern der Stadt verschwu ren sich mit einander, Tarent dem Hannibal zu überliefern. Sie nahmen sich eine ziemli che Zeit, um die zu glücklicher Ausführung ihres Vorhabens nöthige Maasregeln zu nehmen. Endlich wurden die Carthaginen ser des Nachts in die Stadt gelassen, wäh rend der Commandant der Römischen Be (Liv.XXV. 8{??} = 11. Polyb.VIII. 529. etc. ) satzung, Namens Livius, betrunken war, und in einem tiefen Schlaf begraben lag. Die meisten Römer flüchteten in die Citadelle. Der grosse Theil ihres Umfangs war fast wie eine Insel mit dem Wasser des Meers umgeben. Den übrigen Theil schlossen sehr
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hohe Felsen, eine Mauer und ein breiter(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Graben, auf der Stadtseite, ein. Hanni bal urtheilte wohl, daß es ihm nicht mög lich seyn würde, sich mit Gewalt, und, wenn er sie förmlich belagerte, Meister da von zu machen, damit er also nicht genöthi get würde, entweder grössere Unternehmun gen, wenn er zurück bliebe, die Tarentiner zu vertheidigen, verfahren zu lassen, oder sie den Feindseligkeiten der Römer ausgesetzet seyn zu lassen, so beschloß er, die Stadt durch eine Verschanzung, welche sie nicht bezwin gen könnten, von der Citatelle abzusondern. Das Werk gieng in kurzer Zeit überaus wohl von statten, vornämlich nachdem die Römer einen Ausfall auf die Arbeiter ge than hatten, und mit einem ansehnlichen Verlust waren zurück getrieben worden. Die Carthaginenser setzten hierauf ihre Ar beit ungehindert fort. Sie gruben einen brei ten und tiefen Graben, dessen Rand sie stark verpallisadirten. Die Citadelle war schon durch allerley Maschinen und Werke ange griffen worden, als die Hülfstrupen, welche zu Wasser von Metapont zu den Römern kamen, sie so beherzt machten, daß sie auf einmahl die Arbeit der Feinde in der Nacht angriffen. Sie verbrannten einen Theil da von, und das übrige zerstörten sie. Hannibal versammlete die vornehmsten Tarentiner, und zeigte ihnen die Schwürig keiten der Unternehmung. Die Citadelle, welche die Mündung des Hafans bestrich,
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) ließ das Meer denjenigen frey, welche daselbst eingeschlossen waren, dahingegen die Stadt keine Zufuhr zur See bekommen konnte, und die Belagerer wegen der Hungersnoth mehr zu befürchten hatten, als die Belagerten selbst. Er gab also den Tarentinern zu verstehen, „daß es unmöglich sey, eine so wohl befestig te Citadelle mit Sturm zu erobern, daß es auch nicht leichter wäre, sich durch eine or dentliche Belagerung davon Meister zu ma chen, so lange die Feinde Herr von der See wären. Daß er, wenn er Schiffe hätte, mit welchen er die Zufuhr der Lebensmittel verhindern könnte, sie bald dahin bringen wollte, den Platz zu verlassen, oder sich zu ergeben.“ Die Tarentiner stimmten ihm in allen bey: aber sie sahen nicht, wie sie ihre Galeeren könnten in die offene See gehen las sen, so lange die Feinde Meister von dem Ein gange des Hafens wären, in welchem sie sie gleichsam eingeschlossen hielten. Hannibal hatte einen wichtigen Grund satz; daß nämlich oft dasjenige, was gemei nen Leuten unmöglich ist, denen, die ihre Zu flucht zu der Gedult und Aemsigkeit zu neh men wissen, nur schwer ist. (*) Er bedien te sich seines Grundsatzes. Man brachte auf seinen Befehl von allen Orten her Karren zu sammen, welche man an einander koppelte. Man machte Maschinen, mit welchen man 80
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die Schiffe aus dem Meere ziehen konnte.(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Man machte die Wege breit und eben, da mit man die Zufuhr leichter und geschwinder fortbringen konnte. Man versah sich mit Leuten und Lastthieren, in so grosser Menge, als zu einer solchen Unternehmung nöthig war. Die grosse Strasse gieng durch die ganze Stadt durch, und fing sich von dem Hafen an der offenen See an, und reichte bis zum andern Ende. Auf diesem Wege ließ er die Galeeren auf Wagen fortschaffen. Das Werk ward so eifrig und hitzig ange fangen und fortgesetzet, daß man nach etli chen Tagen eine wohl beladene Flotte in die Citadelle gehen und die Anker selbst vor der Mündung des Hafens werffen sah. Nach dem Hannibal seine Sachen zu Tarent in die sen Stand gesetzet hatte, kehrte er in sein Winterquartier zurück. ------------------------------------------------------------

Siebzehendes Buch.

I. §.

Lateinische Feyertage. Die Zeit, da die Bür gemeister ihre Aemter antraten. Ursprung der Apollinarischen Spiele. Die Bürgemei ster bezwingen den Hanno bey Capua, wo er Lebensmittel hinbrachte. Die zu Metapont und zu Thurium ergeben sich dem Hannibal. Die Bürgemeister rüsten sich, Capua zu be lagern. Flavius, Prätor der Lucanier, ver räth den Gracchus, seinen Freund und Gast. Die Bürgemeister werden vor Capua geschla gen. Besonderes Gefechte des Crispinus,
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eines Römers, mit dem Badius, einem Campanier. Treffen der Bürgemeister und des Hannibal mit gleichem Vortheil. M. Centenius Penula wird von dem Hannibal geschlagen. Capua wird förmlich belagert. Die Belagerung wird von den beyden Pro consuln hitzig fortgesetzt. Hannibal kömmt Capua zu Hülfe, und zieht sich nach einem scharfen Gefechte zurück. Er marschirt, ei ne Diversion zu machen, auf Rom loß. Der Proconsul Fulvius bekömmt Befehl, mit seinen Trupen nach Rom zu kommen, und Rom zu vertheidigen. Grosse Unruhe unter dem Volk. Hannibal campiret bey Teve ron. Man rüstet sich zu einer Schlacht. Ein sehr heftiges Ungewitter hindert sie zu zweyenmahlen. Hannibal wird durch zwey sonderbahre Begebenheiten sehr gekränket, und zieht sich bis mitten in Brutium zurück. Fulvius kehrt nach Capua zurück. Capua wird zur Verzweifelung gebracht. Die Be satzung schreibt an den Hannibal, und macht ihm heftige Vorwürffe. Berathschlagung des Raths zu Capua. Beredte Rede des Vibi us Virius. Verschiedene Rathsherren brin gen sich um. Capua ergiebt sich endlich. Ent setzliche Bestraffung der Rathsherren und der Einwohner. Tod des Tauria Jubellius. Weise Aufführung des Römischen Volks, welches sich entschließt, Capua nicht zu zer stöhren.
(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.)

(Liv.XXV. 12.) Die Lateinischen Feyertage hielten die Bürgemeister und Prätoren bis zum 26 April zu Rom zurück. Nachdem sie an diesem Tage die gewöhnlichen Opfer
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auf dem Albanischen Berge verrichtet hatten,(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) gieng ein jeder auf seinen Posten. Ich glaube, ich habe schon zum theil an gemerket, daß die Lateinischen Feyertage von(Lateinische Feyertage. Dionys. Ha lic.IV. 250.) dem Targuin dem Stolzen gestifftet worden. Er hatte sie, die Eintracht zwischen den La teinern und Römern immer mehr und mehr zu befestigen, angeordnet. Es hatten 47 Völker Theil an diesem Fest. Ihre Abge ordneten versammleten sich alle Jahre an dem von dem Bürgemeistern bestimmten Ta ge auf dem Albanischen Berge in einem dem Jupiter Latiaris geweyhten Tempel, und brachten daselbst ein gemeinschafftliches Opfer, welches in einem Stier bestund, und wovon man hernach jedem Abgeordneten ein Stück gab. Alles war unter ihnen gleich ausge nommen, wenn der Präsident ein Römer war. Das Fest dauerte anfangs nur einen Tag. Man setzte nach der Verjagung der Könige noch einen hinzu; als das Volk, wel ches auf den heiligen Berg geflüchtet und wieder in die Stadt gekommen war, einen dritten, und endlich einen vierdten, als der(Plut. im Camil. 151. S.) Streit, welcher sich zu der Zeit des Camil lus zwischen dem Rath und dem Volk wegen des Consulats erhoben hatte, gestillet war. Es gieng kein Bürgemeister in einen Feldzug, oder in eine Provinz, wenn er nicht dieses Fest gefeyert hatte. Die Zeit, zu welcher die Bürgemeister(Die Zeit, da die Bürge meister ihr Amt antra ten.) ihre Aemter antraten, ist sehr veränderlich gewesen. Der ältern Zeiten zu geschweigen,
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) da die Veränderungen sehr gewöhnlich wa ren, so sieht man im Jahr n. R. E. 364, daß die Militarzunftmeister, welche an statt der Bürgemeister waren und derselben Ansehen hatten, ihr Amt an den Kalenden, das ist, den 1. Jul. antraten. Man sieht ferner, daß dieser Gebrauch bis zu den Zeiten der Bür gemeister M. Claudius Marcellus und Cn. Cornelius Scipio gewähret hat, welche, nach den Beweisen, welche Sigonius und Piglius angeführet haben, ihr Amt nicht eher können angetreten haben, als an den Idubus, oder den 15. März, im Jahr n. R. E. 530, kurz vor dem zweyten Punischen Kriege. Und die sen Tag hat Titus Livius im XXII B. 1. n. als den Tag der Besitznehmung des Consu lats angegeben. Endlich ward er auf die Kalenden des Jenners, das ist, auf den 1. Jenner, unter den Bürgemeistern Fulvius Nobilior und T. Annius Luscus, im J. n. R. E. 599, festgesetzt. (Ursprung der Apollinari schen Spiele. Liv.XXV. 12.) Auf die vorgegebenen Vorhersagungen eines berühmten Wahrsagers, Namens Marcius, wurden zu Rom die Apollinari schen Spiele eingesetzt, welche in dem gros sen Circus gefeyert wurden. Die Bürger waren mit Kronen auf den Köpfen bey die sen Spielen. Die Römischen Damen be suchten alle Tempel. Die Bürger speiseten öffentlich, ein jeder vor seiner Hausthüre. Und dieser Tag ward mit allen gewöhnlichen Religionsfeyerlichkeiten und mit viel Freu densbezeigungen gefeyert.
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Indem Hannibal sich in der Gegend(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) um Tarent aufhielt, waren die beyden Bür gemeister in Samnium, und beschäftigten sich mit den Vorbereitungen zur Belagerung der Stadt Capua. Und ob sie gleich diese(Die Bürge meister be zwingen das Lager des Hanno bey Capua, wo Lebensmittel geliefert wurden. Liv.XXV. 13. 14.) Stadt noch nicht angefallen hatten, so ver spürte sie doch, weil sie die Einwohner ver hindert hatten, die Aussaat zu thun, schon die Wirkung einer Hungersnoth, welche ge meiniglich die Folge einer langwierigen Be lagerung ist. Sie schickten also Abgeordnete zu dem Hannibal, und liessen ihn bitten, Geträyde in die Oerter um Capua bringen zu lassen, ehe die Bürgemeister ihre Legionen ins Feld schickten, und sich von allen Wegen Meister machten. Hanno, welchem Hanni bal dieses zu besorgen aufgetragen hatte, brachte geschwind eine grosse Menge Korn zusammen, meldete den Campaniern den Tag, da sie kommen, und diese Zufuhr hoh len sollten, und befahl ihnen, überall auf dem Lande so viel Wagen und Lastthiere zu sammen zu schaffen, als möglich wäre: Aber die Campanienser zeigten bey dieser Gelegen heit ihre Nachläßigkeit und Leichtsinnigkeit. Sie schickten nur ungefehr 400 Karren, nebst einer kleinen Anzahl Lastthiere. Hanno gab ihnen einen starcken Verweis, und warf ih nen vor, daß der Hunger, welcher selbst die Thiere munter macht, sie nicht aus ihrer na türlichen Schläfrichkeit und Unempfindlich keit habe ziehen können. Er setzte ihnen ei nen andern Tag an, die übrige Zufuhr über zuführen.
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Als die Bürgemeister, welche in Bovia num waren, davon Nachricht bekommen hatten, ließ Fulvius seine Trupen in der Nacht ausmarschiren. Die Römer langten kurz vor Anbruch des Tages in dem Lager der Feinde an, wo, wie sie vernommen hat ten, die Unruhe und Verwirrung herrschten. Sie erregten in demselben so viel Schrecken und Bestürzung, daß, wenn dieses Lager auf flachem Felde gestanden hätte, es unstrei tig bey dem ersten Anfall würde seyn einge nommen worden. Die von allen Seiten be deckte Höhe des Bodens, welchen auch die aufgeworffene Schlangen zu starten kommen, vertheidigte es. Als der Tag anbrach, ward ein ziemlich hitziges Treffen geliefert. Der hartnäckige Muth der Römer über wand alle Hindernisse. Sie rückten durch verschiedene Wege bis an den Graben, und an die Verschanzung; und dieses konnte nicht geschehen, ohne daß eine grosse Anzahl Soldaten geblieben, oder verwundet wor den wären. Der Bürgemeister, welchen die ser Verlust erschreckte, wollte die Unterneh mung fahren lassen. Die Officiers und Sol daten konnten nicht darein willigen. Er war genöthiget, ihrem Geschrey und ihrer Hitze nachzugeben. Alsbald fiengen die Römer den Anfall mit neuem Muth wieder an, und warffen sich mitten unter den Pfeilen, wel che man von allen Seiten auf sie schoß, um die Wette in das Lager der Feinde. Es ward in einem Augenblicke eingenommen,
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nicht anders, als ob es in einer Ebene gele(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) gen hätte und ohne Verschanzung gewesen wäre. Von diesem Augenblick an war es mehr eine Zerfleischung, als ein Treffen. Die Römer erlegten 6000 Carthaginenser, nah men ihrer 7000 gefangen, nebst den Cam paniensischen Furagirern und allen ihren Wagen und Lastthieren, welche sie dahin ge bracht hatten. Ausser diesem machten sie grosse Beute an allem dem, was Hanno in den Ländern der Römischen Bundsgenossen weggenommen hatte. Die Bürgemeister begaben sich beyde nach Benevent, und verkauften und theilten die Beute. Diejenigen, welche sich bey der Einnahme des Lagers besonders hervorge than hatten, wurden belohnet. Hanno flüchtete aus Cominicum, wo er Geträyde zusammen schafte, und wo er die Niederlage seiner Leute vernahm, in das Land der Bru tienser, mit einer kleinen Anzahl Furagierer, welche er ohngefähr bey sich hatte. Als die Campanier die Niederlage ihrer(Capua ver langt Hülfe von dem Hannibal. Ebend. 15.) Landesleute und Bundsgenossen vernom men hatten, schickten sie Abgeordnete zu dem Hannibal, und liessen ihm sagen, „daß die beyden Bürgemeister bey Benevent, eine Tagreise von Capua, wären, daß es also mit den Campaniensern an dem wäre, daß sie den Feind vor ihren Thoren und vor ih ren Mauern sehen würden. Wenn er ihnen nicht eiligst zu Hülfe käme, so würden sich die Römer von Capua geschwinder und
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) leichter Meister machen, als er es sich von Arpi gehabt habe. Er müsse sich nicht mit dem Vorsatze, die Citatelle von Tarent ein zunehmen, so sehr beschäfftigen, daß er Ca pua, welches er doch selbst mit Carthago zu vergleichen gewohnt wäre, darüber vergäs se, und es ohne Vertheidigung der römi schen Rache überliesse.“ Hannibal versprach ihnen, daß er Capua in Sicherheit zu setzen sorgen wolle, und schickte unterdessen, mit den Abgeordneten, 2000 Mann, welche die Plünderungen verhindern sollten, die die feind lichen Armeen auf dem Campanischen Ge biete verübten. (Es werden Lebensmittel in die Cita delle von Ta rent ge bracht.) Unterdessen waren die Römer, ohne das übrige zu versäumen, auf die Vertheidigung der Citadelle von Tarent bedacht. Sie brachten, mitten durch die Feinde, einige mit Lebensmitteln beladene Schiffe in den Ha fen, welche sehr zu gelegener Zeit ankamen und den Belagerten wieder Muth machten. Die Besatzung war vor kurzen durch die Soldaten, welche man aus Metapont ge nommen und in die Citadelle verlegt hatte, verstärkt worden. Hannibal ließ eine Flot te von Sicilien kommen, damit er ihnen die Lebensmittel abschneiden könnte. Sie besetzte auch in der That alle Eingänge auf der Seite (Liv.XXVI. 20.) des Meers: Weil sie aber so lange an einem Ort verblieb, so wurden nicht so wohl ihre Feinde, als vielmehr ihre Freunde von ihr ausgehungert. Endlich stachen die Cartha ginensischen Schiffe, das folgende Jahr,
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wieder ins Meer, und ihre Abreise machte(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) den Tarentinern nicht weniger Vergnügen, als ihnen ihre Ankunfft verursachet hatte. Allein die Erleichterung, die sie dadurch erhiel ten, war wenig beträchtlich, denn so bald als die Zufuhre von der Meeresseite aufhör te, so bald kamen auch keine Lebensmittel mehr in die Stadt. So bald die Einwohner zu Metapont die(Die Einwoh ner von Me tapont und Thurium er geben sich an den Hanni bal.) Römische Besatzung, welche, wie wir oben gesagt haben, in die Citadelle von Tarent verlegt wurde, nicht mehr zu fürchten hat ten, so übergaben sie die Stadt an den Han nibal. Die Einwohner zu Thurium thaten ein gleiches, und was beyde besonders darzu bewegte, war die Grausamkeit, welche die Römer gegen die Tarentinischen Geisseln be zeugt hatten. Die Consuls liessen ihre Trupen von Be(Die Consuls rücken ins Feld.) nevent in das campanische Gebiete einrücken, in der Absicht, nicht allein das Geträyde, wel ches schon sehr groß war, zu verderben, son dern auch Capua zu belagern. Sie hofften ihr Consulat durch die Einnahme einer so rei chen Stadt berühmt zu machen, und die Schande und den Vorwurf zu vertilgen, welchen die Römer zu verdienen schienen, daß sie ganzer 5 Jahr die Untreue eines Rom so nahen Volkes unbestrafft gelassen hatten. Weil sie aber Benevent ohne Vertheidigung nicht lassen wollten, und sich gleichwohl ge gen die Reuterey des Hannibals, wann er die Stadt etwa zu entsetzen kommen sollte,
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) zu verstärken suchten, so befahlen sie dem Ti. Gracchus, mit seiner Reuterey und dem leich ten Volke aus dem Lucanischen nach Bene vent zu kommen, und unterdessen einen von seinen Lieutenants an der Spitze seiner Legio nen zu lassen, damit Lucanien in seinem Ge horsam erhalten würde. ( Flavius, Prätor der Lucanier, ver räth seinen Freund und Gast, den Gracchus. Liv.XXV. 16.) Gracchus machte sich eben fertig, den Befehl der Bürgemeister zu vollziehen, als ihm eine Verrätherey die Mittel dazu mit dem Leben benahm. Der Verräther hieß Flavius, das Haupt derjenigen Parthey, wel che den Römern treu geblieben war, da sich die übrigen auf des Hannibals Seite geschla gen hatten. Er war damals Prätor. Die sem war es auf einmal einkommen sich zu ver ändern, und glaubte, die Gunst des Hanni bals zu verdienen, würde es nicht gnug seyn, sich selbst und seine Anhänger ihm zu überge ben, wenn er das Bündniß, welches er mit ihm aufrichten wollte, nicht mit dem Blute seines Generals und seines Gastes besiegelte. Er ward in allen mit dem Mago einig, und versprach ihm, den Gracchus an einen ent legenen Ort zu bringen. Hierauf kam der Ungetreue zu dem Gracchus, und sagte ihm: „Er habe eine Sache von der äussersten Wichtigkeit zu unternehmen entworffen; wann sie aber glücklich ausschlagen sollte, so müste Gracchus selbst mit daran Theil nehmen. Er habe die Prätors aller Luca nischen Völker, welche sich bey dem fast all gemeinen Aufstande in Italien für den Han
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nibal erkläret hatten, überredet, daß sie(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) wieder in die Freundschaft der Römer tre ten wollten. Er habe ihnen vorgestellt, daß das Glück der Republick, welches in der Schlacht bey Cannas fast gänzlich verfal len sey, von Tag zu Tag wieder mehr auf käme, da im Gegentheil das Glück des Han nibals unvermerkt abnähme, und seine Tru pen fast gänzlich geschmolzen wären: sie könnten sich auf die Gnade der Römer Rechnung machen, wann sie sich mit auf richtiger Reue wieder zu ihnen wendeten, und daß sie die großmüthigste Nation in Verzeihung der Beleidigungen wären. Durch diese Vorstellungen hätten sie sich überreden lassen; sie möchten dieses aber gerne, um mehrerer Versicherung willen, aus dem Munde des Gracchus selbst hö ren, und sein Wort erhalten, damit sie ih ren Mitbürgern davon Nachricht geben könnten. Er sezte hinzu, er habe ihnen ei nen Sammelplatz an einem entlegenen Or te, nicht weit von dem Römischen Lager be stimmet. Wann er sich also dahin zu ver fügen bemühen wollte, so könnte die Sache gar bald zu Stande gebracht werden, so daß ganz Lucanien durch ein glückliches Bündniß wieder in die Gewalt der Römer käme.“ Gracchus fand den Vorschlag, welchen er ihm that, vor wahrscheinlich, und, ohne daß er auf den Flavius den geringsten Ver dacht werffen sollte, begab er sich mit seinen
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Lictors, und einer kleinen Anzahl von Rittern aus seinem Lager, und stürzte sich selbst in die Fallstricke, welche ihm ein untreuer Freund gelegt hatte. So bald er angelangt war, kamen die Feinde aus ihren verborge nen Löchern hervor, und schossen auf ihn und seine Begleitung. Der General sprang von dem Pferde, und ermahnte die seinigen, wel che ein gleiches gethan hatten, ihren Unter gang wenigstens rühmlich zu machen. „Sie möchten, sprach er, selbst wählen, ob sie sich lieber als eine Heerde Vieh, ohne sich zu rä chen, wollten umbringen lassen, oder ob sie sich mit einer edlen Wuth bewaffnen, den nunmehr unvermeidlichen Tod verachten, und bedeckt mit dem Blute der Feinde auf ihren Waffen, und den einer gerechten Ra che aufgeopfferten Körpern sterben wollten. Sie sollten besonders den untreuen Flavi us zu durchbohren suchen.“ Indem er dieses sprach, umwand er seinen linken Arm mit dem Ende des Mantels (denn er hat te nicht einmal ein Schild mit sich genom men) und stürzte sich auf die Feinde. Der Muth muste der Anzahl weichen, und er ward durchbohrt. Mago schickte ihn alsobald an den Hannibal, und ließ ihn vor dem Zelte dieses Generals, nebst den Ruthenbündeln, welche man mitgenommen hatte, aufhängen. (Die Consuls sind unglück lich vor Ca pua. Liv.XXV. 18.) Die Consuls waren in Campanien ein gerückt, sie fingen an das Land zu plündern, und verwüsteten alles um Capua herum. Die Campanier, welche von dem Mago und
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der Carthaginensischen Reuterey unterstützet(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) wurden, thaten einen Ausfall, und setzten sie in solches Schrecken, daß sie eiligst ihre Soldaten zusammen rufften, sich voller Un ordnung zurückezogen, und mehr als 1500 Mann verlohren. Dieser Vortheil machte die Campanier, welche von Natur frech und Stolz waren, ganz übermüthig, so daß sie die Römer nicht zu necken unterliessen. Die Consuls aber waren durch diesen unglückli chen Streich aufmerksamer und vorsichtiger geworden. Ein an sich sehr geringer Zufall schlug die Frechheit der Campanier nicht wenig nieder, und machte den Römern neuen Muth, wie es denn geschieht, daß in den grösten Kriegen die kleinsten Sachen grosse Folgen nach sich ziehen. T. Quintius Crispinus, ein Römer, hatte mit einem Campanier, Badius genannt, Gastrecht und folglich eine genaue Freund schafft errichtet. Was ihre Verbindung noch fester machte, war dieses, daß, als Ba dius, noch vor dem Aufstande in Capua, bey dem Quintius in Rom krank geworden war, dieser ihm als ein redlicher und großmüthiger Freund alle Hülfe geleistet hatte. Als dieser Badius nun die Römischen Trupen vor den Mauern von Capua sahe, so machte er sich bis an die ersten Wachen, und verlangte, daß man den Crispinus zu ihn sollte kommen lassen. Er ward geruffen, und glaubte, daß Badius als ein alter Freund mit ihm spre chen wollte, er kam also ganz friedfertig ge
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) sinnet, und hatte das Andencken einer persön lichen und besondern Verbindung, ohnge achtet des öffentlichen Bruches zwischen die sen zwey Völkern, behalten. Als Badius sahe, daß er nahe genug war, ihn zu verste hen, so schrie er dem Crispinus zu: „Ich fo dere dich heraus, laß uns zu Pferde steigen und versuchen, welcher von uns beyden das meiste Herz hat.“ Crispinus hatte sich nichts weniger versehen, und antwortete ihm: „Sie hätten beyde Feinde genug, gegen welche sie ihren Muth und ihre Stärke zeigen könn ten. Was mich anbelangt, setzte er hinzu, wann ich dich von ohngefehr in dem Hand gemenge treffen sollte, so würde ich mich wegwenden, damit ich meine Hände mit dem Blute eines Freundes und Gastes nicht besudelte.“ Hierauf wollte er wieder in das Lager zurücke gehen. Badius aber ward dadurch nur frecher, und legte diese Mäßigung und Redlichkeit des Crispinus für Furcht und Zagheit aus, und belegte ihn mit Vorwürffen, die er nur allein verdiente. „Du thust, sprach er, als ob du mein Leben scho nen wolltest, weil du wohl weist, daß du nicht im Stande bist, das deinige gegen mich zu vertheidigen. Wann du aber glaubest, daß der Krieg, welcher das Bündniß zweyer Völker getrennet hat, die besondern Ver bindungen nicht genugsam auflöse, so höre, daß Badius von Capua, sich von aller Freundschafft mit dem Römer Titus Crispi nus öffentlich los sagt. Ich nehme die
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Soldaten von beyden Armeen, welche mich(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) hören, zu Zeugen. Ich will nichts mehr mit einem Menschen zu thun haben, der mein Vaterland und meine Götter anzufallen gekommen ist. Wann du Herz hast, so komm und streite.“ Crispinus ward auf diese närrische Re den wenig empfindlich, und wollte die Ausfo derung lange nicht annehmen; auf das in ständige Anhalten seiner Cameraden aber, welche ihm vorstellten, wie schimpflich es wä re, daß ihm ein Campanier ungestraft Hohn spräche, nahm er es endlich an. Vor allen Dingen aber, weil er wuste, daß nach den Kriegsgesetzen alle besondere Kämpfe verbo ten waren, gieng er zu seinen Generalen, und bat sie, daß er ausser den Gliedern mit einem Feinde, welcher ihn herausfodere, strei ten dürffe; welches ihm auch ohne Schwü rigkeit zugestanden wurde. Nunmehr hatte er rechtmäßige Gewalt. Er nahm seine Waffen, setzte sich zu Pferde, ruffte den Badius bey seinem Nahmen, und sagte ihm, daß er nunmehr mit ihm zu strei ten bereit wäre. Badius fand sich ein. Kaum aber hatten sie die Pferde gegen ein ander loß gelassen, als Crispinus mit der Lan ze, durch das Schild durch, dem Badius die linke Schulter durchstach. Von dieser Wun de stürzte der Campanier von seinem Pferde. Der Sieger sprang gleichfalls von dem sei nen, und wollte seinem Feinde zu Fusse den Rest geben. Allein Badius ließ Schild und
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Pferd im Stiche, und flohe davon. Crispi nus kehrte mit dem Pferde und mit den Waffen des Ueberwundenen wieder zurück, und nachdem er diese rühmliche Beute und seine blutige Lanze den Römern gezeigt hat te, ward er unter dem Lob und Freudenge schrey der Soldaten vor das Zelt der Ge nerale geführet, welche seine Tapferkeit nach Verdienst lobten und belohnten. Welcher Leser empfindet bey dieser Er zehlung nicht eine besondere, mit einer Art von Zärtlichkeit verbundene, Hochachtung für die Klugheit und Mäßigung des Crispi nus, welcher in einem alten Freunde und Gaste diejenigen Rechte noch verehrete, von welchen er sich selbst loßgesagt hat; welcher an der Spitze zweyer Armeen die schimpfli chen Vorwürffe der Zaghafftigkeit gedultig erträgt, gegen die sonst die Kriegsleute un gemein empfindlich sind; und welcher glau bet, daß er seine Waffen auch bey dieser Ge legenheit ohne Erlaubnis der Generale nicht gebrauchen dürffe? Muß man Gegentheils nicht die unvernünftige Frechheit des Badius verabscheuen, welcher aus einer erzwungenen Ehrbegierde die vertrautesten Verbindungen, welche die gröste Annehmlichkeit des Lebens ausmachten, vergisst? Allein was muß man von unsern Duellanten denken, welche des Fürsten, ja selbst GOttes Befehle mit Füssen treten, und sich aus einer närrischen Ehre, welche bey allen Heyden unbekandt war, verbunden zu seyn glauben, ihre Hände mit
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dem Blute des besten Freundes zu besudeln,(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) vielleicht eines blossen Wortes wegen, wel ches ihm zur Unzeit entweder bey dem Schmause, oder in der Gesellschafft vertrauter Freunde, gegen welche man mit weniger Vor sicht zu reden pflegt, entfahren ist. Sein Le ben zur Vertheidigung des Staats und sei nes Fürsten in Gefahr setzen, ist eine That der erhabensten Großmuth. Allein dem To de aus einer närrischen Eitelkeit trotzen, da mit man sterbend in die Hände eines erzürn ten und allmächtigen GOttes falle, ist eine Thorheit, oder vielmehr eine so entsetzliche Ra serey, daß man keinen stärkern Beweiß der menschlichen Verblendung anzuführen weiß, als daß sie die Ehre an eine so unvernünfftige Handlung verbunden haben. Unterdessen kam Hannibal Capua zu(Die Consuls und Hanni bal streiten mit gleichem Glück. Liv.XXV. 19.) Hülffe, und nachdem er sich bis an die Stadt gemachet hatte, so stellte er den dritten Tag seine Trupen in Schlachtordnung, in der ge wissen Ueberzeugung, daß die Römer, welche kurz zuvor von den Campaniern waren über wunden worden, vielweniger seiner siegenden Armee würden widerstehen können. Bey dem Anfange des Treffens ward die Römi sche Armee von den Pfeilen, welche die feind liche Reuterey auf sie schoß, ganz bedecket und fieng an zu weichen, als aber die Generale ihrer Reuterey befahlen in den Feind einzubre chen, so ward das ganze Treffen zu einem Streite zwischen der Reuterey. Mittlerweile ward die Armee des Sempronius, welche
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) von dem Cn. Cornelius angeführet wurde, von weiten gesehen, und beyde Theile vermu theten, daß ein neuer Feind auf sie los käme. Es zogen sich also beyde Armeen, gleichsam verabredeter massen, in ihre Läger zurück, ohne daß eine der andern einen grossen Vortheil ab gewonnen hätte. In der folgenden Nacht begaben sich die Bürgemeister, damit sie den Hannibal nöthig ten, sich von Capua zu entfernen, jeder von seinem Orte weg. Fulvius nach Cumä, und Appius gegen Lucanien. Den Tag dar auf, nachdem Hannibal vernommen hatte, daß die Bürgemeister ihr Lager verlassen, und sich an verschiedene Oerter zurück gezogen hat ten, entschloß er sich endlich, dem Appius zu folgen, nachdem er einige Zeit wegen eines Entschlusses zweifelhafft gewesen war. Die ser General ließ ihm viel Umwege nehmen, worauf er unversehens von ihm abmarschir te, und auf einem andern Wege nach Ca pua zurück kehrte. (M. Centeni us Penula wird von dem Hannibal ü berwunden. Ebendas.) Hannibal tröstete sich damit, daß er in dieser Gegend Gelegenheit fand, über ein an sehnliches Corps Römischer Trupen einen Vortheil zu erhalten. M. Centenius, mit dem Zunamen Penula, ein alter Hauptmann, der in grosser Hochachtung stund, und die Kriegsdienste verlassen hatte, ließ sich vor die Rathsversammlung führen, und verlangte, daß man ihn an die Spitze von fünf tausend Mann stellen möchte. Er versicherte, daß er in kurzer Zeit der Republick ohnfehlbar einen
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wichtigen Dienst leisten wollte, weil er die(d. 539. J. n. R. E. d. 213. J. v. C. G.) Gemüthsart des Feindes und das Land, wo der Krieg wirklich geführet werde, vollkom men kenne. Er fügte hinzu, daß er gegen den Hannibal selbst eben die Kriegslist und die Ränke brauchen wollte, deren sich der Carthaginenser bedienet habe, um die Rö mischen Feldherren und Armeen in sein Netz zu locken. So (*) verwegen als dieses Ver sprechen war, eben so leichtsinnig wurde dem selben Glauben beygemessen, gleich als ob zwischen dem Verdienste eines blossen Offi ciers und den vorzüglichen Gaben eines Ge nerals im geringsten kein Unterschied wäre. An statt der fünf tausend Mann, die er ver langet hatte, stund man ihm acht tausend zu: und da sich auf seinem Marsch noch viele mit ihm vereinigten, langte er mit einer noch einmahl so starken Mannschafft, als er bey seiner Abreise von Rom gehabt hatte, in Lu canien an. Hier stieß er auf den Hannibal, der sich daselbst nach einer vergeblichen Ver folgung des Consuls Appius gesetzet hatte. So bald beyde Armeen einander im Gesichte waren, liessen sie eine gleiche Begierde, mit einander ins Handgemenge zu kommen, von sich blicken. Es war aber keine Verhältniß zwischen beyden Partheyen. Auf der einen Seite war Hannibal der Anführer, auf der andern ein blosser Hauptmann. Auf der ei 81
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nen Seite befanden sich alte Soldaten, die ihre Feldzüge nach ihren Siegen rechneten; auf der andern waren neue Streiter, die in der Geschwindigkeit angeworben worden, und schlecht mit Gewehr versehen waren. Ohnerachtet dieser Ungleichheit dauerte der Streit doch über zwey Stunden, indem die Römer, so lange sie den Centenius an ihrer Spitze hatten, Proben von ausserordentlicher Tapferkeit gaben. Er stellte sich aber end lich denen Pfeilen der Feinde, ohne seiner im geringsten zu schonen, gänzlich blos, um nicht allein den in vergangenen Zeiten erworbenen Ruhm ferner zu erhalten, sondern auch der Schande zu entgehen, womit er ins künftige würde seyn überhäuffet worden, wenn er eine Niederlage überlebet hätte, die nur allein sei ner Verwegenheit zugeschrieben werden mu ste. Er fand also den Tod, den er suchte, gar bald, und gleich darauf nahmen die Rö mer Reiß aus. Hannibal aber wuste ihnen die Wege dergestalt wohl zu verlegen, und sie auf allen Seiten von seiner Reuterey so zu be unruhigen, daß von einer so grossen Menge kaum tausend davon kamen. Alle übrige blieben theils in der Schlacht, theils auf der Flucht. (d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.)

(Capua wird ordentlich be lagert.) In diesem Jahre wurde die Belagerung der Stadt Capua mit einem solchen Eifer,
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oder besser zu sagen, mit einer solchen Erbit(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) terung, welche keine ihres gleichen hat, fort gesetzt. Um das Interesse besser zu begreif fen, welches die Römer zu dieser Unterneh mung anfrischte und antrieb, muß man sich nur erinnern, wie sich die Campanier, die mit denen Römern von alten Zeiten her in Bündniß stunden, gegen selbige vor einigen Jahren aufgeführet hatten. Die ersten Nie derlagen, welche die Römer von dem Han nibal erlitten, hatten ihre Treue schon sehr wankend gemacht: Der bey Cannas erfolg te Stoß warf dieses vollends über den Hauf fen. Sie meynten, die Macht der Römer wäre nun ganz und gar dahin, und sie wä ren ganz ausser Stand gesetzt, sich nach dem Verlust dieser Schlacht wieder zu erholen. Weil sie sich mit der thörichten Hofnung schmeichelten, den Römern in der Oberherr schafft Italiens nachzufolgen, schlugen sie sich zu dem Hannibal. Sie liessen es aber dabey nicht bewenden, daß sie ihre alte Bundsver wandten in ihrem Unglücke verlassen hatten, sondern sie vermehrten ihre Treulosigkeit durch eine erstaunende Grausamkeit, indem sie alle Römer, die sich in ihrer Stadt befanden, auf eine unmenschliche Art hinrichteten. Ihr Beyspiel dienete den meisten andern Völkern Italiens gleichsam zur Losung, welche glei chergestalt die Römer verliessen, und sich dem Sieger in die Armee warffen. Man kann sich leicht vorstellen, was die Römer für einen Unwillen über eine Ver
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) rätherey empfunden, die in allen ihren Um ständen so heßlich, und deren Folgen ihnen so nachtheilig gewesen waren. So bald sie sich demnach aus den verwirrten Umständen einiger massen herausgewickelt hatten, be schlossen sie diese Stadt zu belagern, und nicht eher davon abzuziehen, bis sie sich der selben bemeistert, und eine nachdenkliche Ra che an ihr ausgeübet hätten. (Die Belage rung wird von beyden Proconsuls sehr hitzig fortgesetzt. Liv.XXVI. 4.) Q. Fulvius Flaccus und Appius Clau dius hatten während ihres Consulats die Be lagerung angefangen, und man hatte ihnen nachher, als Proconsuln, das Commando gelassen, um diesen wichtigen Krieg zu Ende zu bringen. Ausser dem allgemeinen Besten trieb sie ihre eigene Ehre an, allen nur ersinn lichen Fleiß anzuwenden, um die Sache bald und glücklich auszuführen. Die Belager ten, welche sowohl die üble Art, womit sie den Römern begegnet, als auch die empfind liche Rache, welche sie dargegen zu erwarten hätten, beständig vor Augen hatten, wehrten sich ihrer Seits mit vieler Hartnäckigkeit, und wurden durch eine starke Carthaginen sische Besatzung, die Hannibal unter Com mando des Bostars und Hanno in ihrer Stadt zurückgelassen, unterstützet. Sie tha ten häuffige und hitzige Ausfälle, in denen sie zwar, wenn es auf das Fußvolk ankam, den kürzern zogen, dargegen aber fast alle zeit, wenn die Reuterey, woran die Römer schwächer waren, zum Streit kam, die Ober hand behielten. Denen Römern ging diese
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Ungleichheit, die sie nicht läugnen konnten,(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) sehr nahe, sie erdachten aber endlich ein Mit tel, derselben zum Theil abzuhelffen. Sie suchten unter den Legionen junge Leute aus, die hurtig auf den Beinen, und nicht gar zu schwer waren. Diese richteten sie ab, hinter denen Reutern mit auf die Pferde aufzustei gen, und in der Geschwindigkeit auf das er ste Zeichen wieder abzusitzen. Sie gaben ih nen viel kleinere Schilde, als die Reuter hat ten, und ein jeglicher erhielt sieben Wurf spiesse in der Länge von vier Fuß, die ein so zartes und dünnes Beschläge hatten, daß es sich leicht einbog und krümmete, und also der einmahl geworffene Spieß weder den Feinden weiter von einigem Nutzen seyn, noch auf diejenigen wieder zurück geworffen werden konnte, die sich dessen zuerst bedienet hatten. Als man mit der feindlichen Cavallerie ins Handgemenge kam, waren diese leichtbe wehrten Soldaten in einem Blitze von ihren Pferden herunter, und warffen alle zugleich ihre Wurfspiesse einen nach dem andern auf die Pferde und Reuter derer von Capua. Es war nicht anders, als wenn ein Corps, welches nur allein aus Cavallerie zu bestehen schien, auf einmahl, also zu reden, eine In fanterie hervorgebracht hätte, deren sich die Campanier nicht vermuthet hatten. Dieser unerwartete Angriff verursachte eine Unord nung unter den Feinden, welche die Römi sche Reuterey durch ihr Eindringen vollends
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) allgemein machte, und sie bis an die Stadt thore verfolgte. Endlich kam es mit Capua aufs äuser (Hannibal kommt der Stadt Ca pua zu Hül fe, ziehet sich aber nach ei nem harten Gefechte zu rücke. Liv.XXVI. 5. 6.) ste, zumahl da sich darinnen eine sehr grosse Hungersnoth spüren ließ. Das Volk und die Sklaven litten fast gänzlich Mangel an Brod. Hannibal, der die Stadt Tarent schon inne hatte, war eben mit Ausfündig machung der Mittel, sich des Schlosses zu bemeistern, beschäfftiget, als ihm ein von Ca pua abgefertigter Bote die Nachricht über brachte, daß sich die Campanier nicht länger gegen die Römer wehren könnten, wenn er ih nen nicht eiligst zur Hülffe käme. Die Be gierde das Tarentinische Schloß einzubekom0 men, (*) machte den Hannibal lange un schlüßig, endlich aber behielt das Wohl und die Erhaltung von Capua bey ihm die Ober hand. Denn er sahe, daß alle Völker Ita liens, die sowohl mit ihm in Bündnis stun den, als die seine Feinde waren, sich den gu ten oder schlimmen Ausgang, den der Auf ruhr der Einwohner dieser Stadt haben wür de, zu einem Beyspiel dienen lassen wollten. Er ließ demnach einen grossen Theil seiner Kriegsgeräthschafft, und ganze Corps schwer 82
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bewafneter Soldaten bey den Brutiern zu(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) rück, und nahm nur den Kern seiner Infan terie und Cavallerie, der leicht und geschwind fortkommen konnte, mit sich. Er marschir te in gröster Eil auf Capua zu, und ließ drey und dreyßig Elephanten nachkommen. Als Hannibal bey Tifate angelanget war, lagerte er sich auf einer Höhe, welche Capua bestrich. Von dar ließ er denen Be lagerten seine Ankunft zu wissen thun, und ermunterte sie, aus allen Thoren der Stadt, zu gleicher Zeit, wenn er das Lager der Fein de angreiffen würde, einen Hauptausfall zu thun. Der Streit war hitzig, die Linien selbst wurden zum theil gleich anfangs über stiegen, und der Proconsul Appius bekam ei ne gefährliche Wunde. Aber die Römer wehrten sich so tapfer, daß endlich sowohl Hannibal, als die Campanier, zurück getrie ben wurden. Diese Schlacht kam ihnen, nach dem Bericht einiger Geschichtschreiber, ziemlich theuer zu stehen. Hierauf sahe der Carthaginensische Ge(Hannibal ge het auf Rom loß, um den Römern et was neues zu schaffen zu machen. Liv.XXVI. 7.) neral wohl, daß er weder die Römer zu ei nem andern Treffen bringen, noch ihre Linien von neuem übersteigen könnte; deßwegen be stund er nicht auf einem Unternehmen, wel ches ihm seiner Einsicht nach keinesweges ge lingen konnte. Dem ohngeachtet wollte er Capua nicht stecken lassen, sondern machte zu dessen Errettung einen neuen Anschlag, der seiner Tapferkeit anständig war. Er gieng nämlich, um den Römern anderwärts
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) etwas zu thun zu machen, gerades Wegs auf Rom los, und machte sich ziemliche Hof nung, bey der ersten Ueberrumpelung sich ei nes Quartires der Stadt zu bemächti gen. Wenigstens glaubte er, daß die Ge fahr, womit er die Hauptstadt bedrohete, die Römischen Generale nöthigen würde, Ca pua zu verlassen, und mit allen ihren Tru pen ihrem Vaterlande zur Hülffe herbey zu eilen. Und wenn sie allenfalls, um die Be lagerung nicht ganz aufzuheben, ihre Tru pen theileten, so schmeichelte er sich, daß ihre Schwächung entweder den Belagerten, oder ihm selbst, einige Gelegenheit an die Hand ge ben könnte, ihnen einen Rang abzulauffen. Nur eins beunruhigte ihn noch. Er be fürchtete, es möchten die Campanier, wenn sie ihn aufbrechen sähen, alle Hofnung der Errettung verliehren, und sich den Römern ergeben. Um diesem Uebel vorzukommen, gewann er einen Numidier durch ansehnliche Geschenke, der sich wagte mit einem Schrei ben als ein Ueberläuffer in das Römische La ger überzugehen, um von dar nach Capua hinein zu kommen. Das an die Campanier gerichtete Schreiben enthielt folgendes: „Er habe einzig und allein zu ihrem Besten den Entschluß gefaßt, sich von ihnen wegzuzie hen und auf Rom loßzugehen. Seine Ab sicht sey, die Römer zu Aufhebung der Be lagerung zu zwingen, wenn sie ihrem Va terlande zu Hülffe kommen müsten. Sie möchten demnach den Muth nur nicht sin
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ken lassen. Eine Gedult von etlichen Ta(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) gen würde sie auf alle Zeit in Ruhe und Si cherheit setzen.“ Er nahm auf zehen Tage Lebensmittel mit sich, und gieng des Nachts, nachdem er eine gute Anzahl Fahrzeuge hat te zurecht machen lassen, mit seiner Armee ü ber den Fluß Vulturnus. Sobald man zu Rom von dem Anmarsch des Hannibals Nachricht erhielt, versam̄ lete sich der Rath sogleich. Es wurden drey erley Meinungen aufs Tapet gebracht. Ein Senator, Nahmens P. Cornelius Asina, gab den Rath, daß man alle Generale und alle Armeen, die in den verschiedenen Theilen Italiens vertheilt wären, zur Vertheidigung Roms möchte zurück kommen lassen. Fabi us, ein in grossen Gefahren so unerschrockener, als in Abwendung derselben vorsichtiger Mann, widersprach dieser Meinung aus al len Kräfften. Er stellte vor: „Daß es sehr schimpflich vor sie seyn würde, Capua zu verlassen, und bey den geringsten Bewe gungen des Hannibals ein so grosses Lermen zu blasen. Es wäre gar nicht wahrscheinlich, daß ein General, der sich nach dem bey Cannas erhaltenen Siege vor Rom zu ge hen nicht unterstanden hätte, nun glauben könnte, sich der Stadt zu bemächtigen, nachdem er von Capua wäre weggeschlagen worden. Seine Absicht wäre keinesweges Rom zu belagern, sondern nur dem wirck lich belagerten Capua Lufft zu machen. Er hielte demnach dafür, daß die Trupen, die
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) sich in der Stadt befänden, zureichend wä ren, sie zu vertheidigen.“ Der dritte An schlag, den der P. Valerius Flaccus that, und der zwischen den beyden andern den Mit telweg hielt, behielt die Oberhand. Er be stund darinnen: Fulvius sollte mit einem Theil der Trupen, die vor Capua lägen, nach Rom zurück kommen, und sein College in dessen mit dem Rest der Armee die Belage rung fortsetzen. So bald als die Befehle des Raths in dem Lager angekommen wa ren, begab sich Fulvius mit dem Kern von drey Armeen, der aus funfzehn tausend Mann zu Fuß und tausend Pferden bestund, auf den Marsch. Er wuste, daß Hannibal seinen Marsch über den lateinischen Weg ge nommen hatte, deswegen wählte er den Ap pischen, und schickte zuvörderst an alle Mu nicipalstädte, die er berühren muste, Befehl, daß sie Lebensmittel bey seinem Durchmar sche bereit halten möchten. Die Soldaten waren voller Muth, und ermunterten sich selbst ihre Schritte zu verdoppeln, indem sie einander erinnerten, daß sie zur Vertheidi gung ihres Vaterlandes anrückten. Nichts destoweniger näherte sich Hanni bal immer mehr und mehr, und das Schre cken vermehrte sich in der Stadt auf die ver schiedenen Gerüchte, die sich öffters ohne Grund ausbreiteten, allezeit aber die Sa chen ärger vorstellten, als sie sich in der That verhielten. Die vornehmsten Römischen Frauen hielten alle Tempel besetzt, lagen mit
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Vergiessung häuffiger Thränen vor den Al(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) tären, breiteten die Hände gegen den Him mel aus, und fleheten die Götter um ihren Beystand an. Die Senatoren stellten sich insgesammt auf dem öffentlichen Marktplatz, denen Richtern zur Seite, und waren bereit, ihnen in allen unvermutheten Vorfällen, wel che sich von Zeit zu Zeit ereignen könnten, mit ihrem Rath an die Hand zu gehen. Die, welche selbst zu dienen im Stande waren, ga ben sich freywillig bey denen Consuln an. Man vertheilte die Trupen unter die Thore, auf die Mauren umher, auf das Capitoli um, in das Schloß, und selbst ausserhalb der Stadt auf den Albanischen Berg und auf die Anhöhe von Aesola gegen Tibur (Tivo li) zu. Während dieser allgemeinen Bewegung kam der Proconsul Fulvius zu Rom an. Es war eine hergebrachte Gewohnheit, daß die Proconsuls, so bald sie den Fuß in die Stadt setzten, alle ihre Gewalt und das Recht zu commandiren verlohren. Um den Fulvius von diesem Gesetz zu befreyen, ertheilte ihm der Rath eine Macht, welche der Consuln ihrer gleich kam. Er rückte mit seiner Armee(Besiehe den Grundriß der Stadt Rom bey dem er sten Theil.) durch das Capenische Thor ein, marschirte durch die Carinas und über den Berg Esquilinum, und lagerte sich zwischen dem Esquilinischen und Collinischen Thor. Seine Gegenwart beruhigte einigermassen die Ge müther.
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) Zu gleicher Zeit bezog Hannibal sein La ger am Flusse Teveron, drey tausend Schritt, oder ohngefähr eine Meile von der Stadt. (Hannibal la gert sich an dem Fluß Te verone. Ebendas.) Von dar näherte er sich mit zwey tausend Pferden dem Collinischen Thore, und kam dis an den Tempel des Hercules. Er ritt bald auf diese bald auf jene Seite, und un tersuchte, so nahe als es ihm möglich war, die Beschaffenheit der Mauern und die Lage der Stadt. Flaccus sahe es vor eine Beschim pfung an, daß er sich unterstund so nahe und im Gesicht der Römer so gelassen herum zu gehen. Er ließ gegen ihn ein Corps Caval lerie ausrücken, um ihn von den Mauern weg, und in sein Lager zurück zu treiben. Als das Treffen zwischen diesen beyden Corps zu Pferde angieng, liessen die Consuls zwölf hundert Numidische Ueberläuffer, die auf dem Aventinischen Berge stunden, mitten durch die Stadt anrücken, weil sie dieselben vor allen andern am geschicktesten fanden, mitten zwischen Thälern, Gärten und Be gräbnissen zu streiten. Das Volk aber bil dete sich ein, diese Numidier wären Feinde, die sich des Aventinischen Berges bemächti get hätten. Das Lermen wurde so groß, daß das Volk die Stadt in dem Augenblick würde verlassen haben, wenn nicht das Car thaginensische Lager vor der Stadt gewesen wäre. Die Furcht vor dem Hannibal hielt sie zurück. Ein jeder verschloß sich in sein Haus, und warf auf die Numidischen Ueber läuffer, in der Meynung, daß es Feinde wä
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ren, mit Steinen von den Dächern. Man(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) konnte weder den Tumult stillen, noch das Volk durch Entdeckung des Irrthums eines bessern bereden, weil die Strassen mit Leu ten vom Lande angefüllt waren, welche in dem plötzlichen Schrecken, worein sie das erste Ge rücht von der Annäherung des Hannibals setzte, mit allen ihren Heerden Hauffenweis in die Stadt gefiüchtet waren. Zum Glück erhielten die Römer in dem Scharmützel die Oberhand, und nöthigten die Feinde sich zu rück zu ziehen. Da sich aber von einer Zeit zur andern in den verschiedenen Quartieren der Stadt allerhand Unruhen erhoben, er theilte der Rath, um selbige desto geschwinder beyzulegen, allen denen, die Dictators, Con suls oder Censors gewesen waren, die Macht zu commandiren. Der übrige Theil des Ta ges und die darauf folgende Nacht waren überaus unruhig. Den folgenden Tag gieng Hannibal ü(Man macht sich zu einer Schlacht fer tig.) ber den Teverone, und both den Römern ei ne Schlacht an. Die Consuls, nebst dem Fulvius, liessen sich nicht saumseelig finden. Es schickte sich schon ein jeder an, in dem(Ein erschreck licher Sturm aber verhin derte die Lie ferung der selben zu zwey unter schiedenen malen. Liv.XXVI. 11.) Streit, wobey man Rom auf das Spiel setzte, seiner Pflicht ein Gnüge zu thun; als ein gewaltiger mit Regen und Hagel ver mischter Sturm beyde Armeen in eine solche Verwirrung setzte, daß die Soldaten von beyden Seiten Mühe hatten, ihre Waffen zu erhalten. Sie bekümmerten sich daher um nichts weniger, als um den Feind, sondern
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) eilten in der grösten Geschwindigkeit in ihre Lager zurück. Kaum waren sie in selbige ein gerückt, so wurde das Wetter wieder klar und hell. Eben dieses ereignete sich auch die darauf folgende Nacht, daher es nicht zu verwundern, wenn Hannibal etwas überna türliches in dieser Begebenheit gefunden, und, nach dem Zeugnis des Titus Livius, (*) aus geruffen hat: „Es hätten ihm die Götter bald den Willen, bald das Vermögen Rom einzunehmen versagt.“ Es war eine durchgängig so wohl bey den Römern, als bey ihren Feinden angenommene Meinung, daß die Vorsicht auf eine ganz besondere Art vor die Erhaltung Roms wache: und man betrog sich darinnen nicht. Zweyerley machte den Hannibal in sei nem Vorhaben vollends irre. Er muste er fahren, daß man neue Mannschafft vor die Armee in Spanien zu einem Thore Roms hatte ausziehen lassen, während daß er vor einem andern mit seiner Armee gelagert stund. Das andere war zwar an und vor sich so wichtig nicht, schien ihm aber viel empfindli cher zu seyn. Es wurde ihm nämlich zu wis sen gethan, daß das Feld, welches ihm jetzt zu seinem Lager diente, zu Rom sey verkauf fet worden, ohne daß es deswegen weniger gegolten hätte. Dieser letztere Streich gieng 83
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ihm sehr nahe, und er war so erbittert, daß(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) in Rom jemand so unbesonnen gewesen war, der ein Stück Feld, welches er jetzt wirklich mit seiner Armee besetzt hielt, gekaufft hatte, daß er dargegen ebenfalls alle Gold schmidsbuden, die ringsherum auf dem Mark te zu Rom stunden, öffentlich denen meistbie tenden verkauffte. Nach dieser Grossprecherey brach Han(Fulvius geht wieder zurück vor Capua.) nibal auf, und gieng weit in das Gebiet der Brutier hinein, bis an das äusserste Ende Italiens. Die Hoffnung Capua zu erret ten, gab er ganz und gar auf. Fulvius hin gegen, begab sich so gleich wieder auf den Weg, um zu seinem Collegen zu stossen, und die Unternehmung, deren glücklicher Fort gang nun ausser Zweiffel war, vollends aus zuführen. Damals empfand Capua, welches nun(Capua wird aufs äusser ste gebracht. Liv.XXVII. 12.) mehr sich selbst überlassen war und auf kei nen Beystand Rechnung machen konnte, die Grösse alles des Unglücks, worein es sich selbst durch die Aufhebung der Freundschafft mit den Römern gestürzt hatte. Nun zog es alle die Abscheulichkeit des begangenen Ver brechens in Erwegung, und beschäfftigte sich mit nichts als mit diesem Vorwurf. Der Proconsul ließ zufolge eines abgefaßten Rath schlusses öffentlich kund thun, daß allen Bür gern von Capua, die sich bis auf einen ge wissen Tag denen Römern unterwerffen wür den, vor alles vergangene Gnade wiederfah ren sollte. Man wurde zwar hiervon in der
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) Stadt benachrichtiget: allein kein einziger machte sich solche vortheilhaffte und unver hoffte Anerbietung zu Nutze. Es lag ihnen einzig und allein die Schändlichkeit ihrer Ver rätherey, und das abscheuliche und barbari sche Verfahren, womit dieselbe war begleitet worden, in dem Sinn, und sie konnten gar nicht glauben, daß die Anerbietung, die man ihnen thäte, aufrichtig sey, noch daß ihr Ver brechen jemals vergeben werden könne. Die Stadt befand sich so wohl ohne Rath, als ohne Hülffe. Der Adel hatte sich gänzlich der Besorgung der allgemeinen An gelegenheiten entzogen. Keiner von den vor nehmsten Bürgern sich ließ öffentlich sehen. Da die Rathsherren sahen, daß die Stadt aus ser Stand gesetzt war, sich gegen die Römer zu wehren, hielten sie sich in ihren Wohnun gen eingeschlossen, und erwarteten darinnen einen gewissen Tod, und die Verheerung ihres Vaterlandes. Alle Gewalt und alles Ansehen war in den Händen des Bostars und Hanno, welche die Carthaginensische Garnison commandirten. Sie waren aber mehr ihrer selbst, als ihrer Bundsverwand ten wegen besorgt. In dem Schreiben, das sie an den Hannibal abgehen liessen, bedien ten sie sich nicht allein einer grossen Freyheit, sondern machten ihm auch sehr hefftige Vor würffe. „Sie beklagten sich, daß er nicht nur die Stadt Capua den Feinden überlas sen hätte, sondern auch sie selbst und die ganze Besatzung denen grausamsten Mar
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tern aufopferte. Es schiene, als ob er sich(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) deswegen zu den Brutiern begeben hätte, um sich zu verkriechen, und die Eroberung der Stadt Capua nicht mit anzusehen. Die Römer gäben ihm hierinnen ein ganz an ders Beyspiel zur Nachfolge. Selbst die Belagerung Roms hätte sie nicht zu Auf hebung der von Capua bringen können. So gar weit überträffe die Standhafftig keit der Römer gegen ihre Feinde diejeni ge, welche Hannibal zum Vortheil seiner Bundsgenossen von sich blicken liesse. Wenn er nach Capua zurückkommen, und alle sei ne Macht dahin ziehen wollte, wären sie und die Campanier bereit einen Ausfall zu thun, und hätten sich völlig entschlossen, entweder zu siegen, oder zu sterben. Die Carthaginenser wären nicht über die Alpen gegangen, um gegen die von Rhegium und Tarent Krieg zu führen. Die Carthagi nensischen Armeen müsten sich an denjenigen Orten finden lassen, wo die Römischen Le gionen anzutreffen wären. Daher rührte es, daß man an der Trebia, am Trasime nischen See und bey Cannas so glücklich gewesen wäre, weil man den Feind aufge sucht, ihn angegriffen und zu einer Schlacht gezwungen hätte.“ Dieses Schreiben vertrauten die Car thaginensischen Commendanten einigen gut willigen Numidiern an, die unter Verspre chung einer guten Belohnung in das Lager des Flaccus als Ueberläuffer sich begaben.
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) Sie wurden aber entdeckt, und da man sie auf die Folter brachte, gaben sie nicht nur den Brief heraus, sondern bekannten auch, daß sich noch viele andere Numidier in dem Römischen Lager aufhielten, die zwar auch unter dem Namen der Ueberläuffer ins La ger gekommen, in der That aber Spione wä ren. Man nahm ihrer mehr als siebenzig ge fangen, und nachdem man sie nebst denen, die nur kürzlich waren eingezogen worden, mit Ruthen hatte peitschen lassen, hieb man ihnen die Hände ab, und schickte sie nach Capua zurück. (Berathschla gung des Senats von Capua. Liv.XXVI. 13.) Das Volk war bey dem Anblick dieser Unglücklichen ausserordentlich bestürzt. Es zwang durch ein jämmerlichs Geschrey und durch hinzugefügte Drohworte die Herren des Raths, daß sie sich versammlen, und über das, was bey gegenwärtigen Umstän den zu thun sey, berathschlagen musten. Die meisten riethen, Abgeordnete an die Römi schen Generale abzuschicken, und einen Ver such zu thun, ob man sie durch ihre Unter werffung erbitten könnte. Allein Vibius Vi rius, einer der vornehmsten Aufwiegler, trug, als er an die Reihe zu reden kam, eine ganz andere Meinung vor. Er sagte: „Diejeni gen, welche Abgeordnete an die Römer ab zuschicken vorschlügen, um sich in Friedens handlungen mit ihnen einzulassen, und sich an sie zu ergeben, müsten weder desjenigen sich erinnern, was sie ihrer seits mit den Feinden würden vorgenommen haben, wenn
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sie über selbige die Oberhand bekommen(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) hätten, noch an das Verfahren gedenken, welches sie nun von ihnen zu erwarten hat. ten. Meynet ihr etwan bey gegenwärti gen Umständen also von ihnen aufgenom men zu werden, wie es vormahls geschahe, da wir uns, unsere Personen, und unser Vermögen in ihre Gewalt übergaben, um ihren Schutz gegen die Samniter zu erlan gen? Habt ihr schon in Vergessenheit ge stellet, zu was für einer Zeit, und in was für Umständen, wir den Römern die Freundschafft aufgekündiget haben? wie wir ihre Besatzung, an statt sie zurück zu schicken, auf die grausamste und schimpflich ste Art haben umkommen lassen? Wie offt und was für hitzige Ausfälle wir auf sie ge than, und ihr Lager bestürmet? Wie wir den Hannibal zu ihrem Untergang herbey geruffen haben? Und wie wir ihn nur erst vor kurzen von hier vor Rom ziehen lassen, um die Stadt zu belagern.“ „Untersuchet hiernächst, wie weit ihr Haß gegen euch schon gegangen ist, und was sie aus selbigem wider euch unternommen ha ben, und schliesset daher, was ihr von ihnen erwarten könnet. Ob schon Italien in Ge fahr stund, einem Ausländer zur Beute zu werden, ob schon die Römer mitten in dem innersten ihres Reichs den Anfällen eines Feindes, der von der Welt Ende hergekom men, und zwar eines solchen Feindes, wie Hannibal ist, ausgesetzt waren, schlagen sie
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) doch alles in die Schanze, und verlassen selbst den Hannibal, um zween Consuls mit zwo Consularischen Armeen vor Capua schicken zu können. Es sind nun ohngefähr zwey Jahr, daß sie uns auf allen Seiten auf das genaueste eingeschlossen halten, und uns durch Hunger zwingen wollen, ob sie gleich selbst viel leiden. Sie stellen sich der grösten Gefahr blos, sie unterziehen sich der härtesten Arbeit, sie sind offt um ihre Verschanzungen herum in Stücken ge hauen, und endlich fast gar aus ihrem La ger heraus geschmissen worden. Allein ich will mich bey allen diesen nicht aufhalten. Es ist etwas gewöhnliches, sich allerhand Arten von Strapatzen und Gefahren zu unterziehen, wenn man eine feindliche Stadt angreiffet. Wir haben noch viel deutlichere Proben von ihrer Erbitterung und entsetz lichem Haß gegen uns. Hannibal griff sie mit einer zahlreichen Armee Infanterie und Cavallerie in ihrem Lager an, und eroberte es zum Theil: eine so grosse Gefahr bewegte sie nicht. Er gieng über den Vulturnus und verheerte die Ländereyen von Cales: sie sahen der Verwüstung des Gebiets ihrer Bunds genossen gantz gelassen zu. Er ließ seine Tru pen selbst gegen Rom anrücken: Ein so er schreckliches Ungewitter, das über ihren Köpfen sich zusammen zog, machte sie in ihrem Entschlusse keinesweges wankend. Er gieng endlich über den Teverone, lagerte sich dreytausend Schritt von ihrer Haupt
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stadt, zog sich bis an ihre Mauern, und(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) war so nahe, daß er Rom, wenn sie Ca pua nicht verliessen, bald würde haben übersteigen können; dem ohngeachtet stun den sie von ihrem Unternehmen nicht ab. Hat man wohl irgendwo eine gleiche Er bitterung gesehen? Es ist kein wildes Thier, wenn es noch so sehr wütet, und noch so sehr aufgebracht ist, das nicht seinen Raub fahren liesse, wenn man auf seine Höhle zu gehet, und ihm seine Jungen nehmen will. Die Römer hingegen hat nichts von Ca pua wegbringen können, weder das bela gerte Rom, noch das Schreyen und Heu len ihrer Weiber und Kinder, die man fast hier hören konnte; weder ihre Altäre, noch ihre Tempel; weder ihre Hausgötter, noch die verunheiligten und zerstörten Gräber ih rer Vorfahren. So groß ist ihre Begier de, um eine grausame Rache an uns auszu üben? So sehr dürsten sie nach unserm Blut? Und dieses darff uns nicht Wun der nehmen. Wir würden eben das ge than haben, wenn uns das Glück hierzu das Vermögen verliehen hätte.“ So setzet der Redner diese Wahrheit in sein völliges Licht, und ich zweiffele, ob man ein vollkommeneres Muster der Beredsamkeit in dieser Art irgendswo finden werde. Al lein das schwerste ist noch zurück, nämlich die Zuhörer zu der Entschliessung, sich selbst das Leben zu nehmen, zu bewegen; denn da hin zielet seine ganze Absicht. Er fähret dem
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) nach fort, und endiget seinen Vortrag fol gender massen: „Weil nun die Götter ein anderes be schlossen haben, und der Tod unvermeidlich ist, will wenigstens ich, so lange ich noch frey bin, und mein Schicksal in meinen Händen stehet, durch einen anständigen und sanfften Tod mich denen Martern und der Schmach, die der Feind über mich be schlossen hat, entziehen. Nein, (*) ich will 84
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nicht warten, bis die hochmüthigen Sieger(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) meiner in meinem Elende spotten. Ich will mich nicht als ein Gefangener mit Ketten beschweren, und durch die Strassen Roms schleppen lassen, um den Triumph meiner Feinde zu vergrössern und zu verherrlichen. Ich will mich nicht in ein abscheuliches Ge fängniß werffen, oder an einen Schand pfahl anbinden lassen, und nachdem ich mit Ruthen auf das grausamste gepeitschet worden, meinen Kopf einem Römischen Bei le darbieten. Ich will die Verheerung und Anzündung meiner Vaterstadt nicht mit ansehen. Ich will endlich kein Zeuge seyn, wie das Campanische Frauenzimmer und zarte Alter ein Raub der wütenden Sol daten und ihrer viehischen Begierden werde. Sie haben die Stadt Alba, woraus sie herstammen, von Grund aus verheeret, um alle Spuren und alles Andencken ihrer ersten Abkunfft zu vertilgen. Urtheilet hier aus, ob sie Capua verschonen werden, auf welches sie weit mehr, als auf Carthago selbst, erbittert sind. Diejenigen demnach unter euch, welche lieber ihrem widrigen Schicksal ausweichen, als so vielfältige Un glücksfälle erfahren wollen, diejenigen kön nen sich bey mir heute einstellen, wo sie eine Mahlzeit erwartet. Nachdem wir uns mit Wein und Speisen werden gesättiget ha ben, will ich denen sämmtlichen Gästen eben den Becher, woraus ich zuerst werde ge truncken haben, darreichen lassen. Dieser
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) Trunk wird unsere Cörper von den Mar tern, und unsere Gemüther von der Schmach und Verspottung verwahren: Er wird unsern Augen und unsern Ohren das grau same Muß ersparen, alles das schimfliche Bezeigen, welches den Ueberwundenen end lich zu Theil wird, mit anzusehen, und mit anzuhören. In dem Hofe meiner Woh nung soll ein grosser Holzhauffen angezün det werden, auf welchem darzu bestellte Leu te unsere Körper legen, und uns damit die letzte Pflicht erweisen werden. Dieses ist der einzige anständige Weg, auf welchen wir aus diesem Leben, als freye Leute, gehen können. Unsere Feinde selbst werden unse re Herzhafftigkeit bewundern, und Hanni bal wird daher zur Gnüge einsehen, daß er großmüthige Bundesgenossen, die einer grös sern Treue von ihm hätten gewürdiget wer den sollen, im Stiche gelassen, und denen Feinden verrathen habe.“ Unter denen, welche diese Rede mit an hörten, waren zwar viele, welchen der gege bene Rath gefiel, aber wenige, die zur Voll ziehung desselben Muth genung hatten. Die meisten von den Herren des Raths zweiffel ten noch nicht gänzlich bey denen Römern Gnade zu erhalten. Sie waren also der Meynung, sich ihnen zu ergeben, und schick ten wirklich Abgeordnete an sie ab. Nur ohngefähr sieben und zwanzig Personen stell ten sich bey der betrübten Mahlzeit des Vi bius Virius ein. Während daß sie zu Ti
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sche sassen, waren sie bemühet, sich durch den(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) Wein und durch die vielen guten Gerichte zu ihrem traurigen Schicksal vorzubereiten. Zu Ende der Mahlzeit nahmen sie insgesamt den Gift zu sich, und giengen aus einander, nach dem sie sich zum letztenmahl umarmet, und sowohl ihren Unstern, als das Unglück des Vaterlandes beweinet hatten. Einige blie ben in demselben Hause, um auf eben dem selbigen Scheiterhauffen verbrannt zu wer den: die andern giengen nach Hause. Die Menge des Weins und Essens, das sie zu sich genommen hatten, verzögerte die Wir kung des Gifts, sie sturben aber doch insge samt, noch ehe die Römer in die Stadt ein rückten. Den Tag darauf wurde das Thor Ju(Endlich er giebt sich Ca pua. Ebendas.) piters, welches nach dem Römischen Lager zugieng, auf Befehl des General Lieutenants Cajus Fulvius geöffnet. Es rückte eine Rö mische Legion, nebst einem Corps von den Bundsverwandten, unter der Anführung dieses C. Fulvius in die Stadt ein. Vor al len Dingen ließ er ihm alle Waffen, die in Capua zu finden waren, überliefern, und stellte an alle Thore der Stadt Wachten, zu verhindern, daß niemand entweichen könnte. Die Carthaginensische Besatzung ließ er ge fangen nehmen, und befahl denen Herren des Raths, sich zu den Römischen Generalen hinaus in das Lager zu verfügen. Als sie daselbst angekommen waren, wurden sie ins gesamt in Ketten und Banden geleget, und
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) befehliget alles Gold und Silber, welches sie in ihren Häusern hätten, denen Qvästoren oder Schatzmeistern zustellen zu lassen. Das Gold betrug auf siebenzig Pfund, welches nach unserer Münze beynahe dreyzehn tau send Thaler machet; und das Silber hielt dreytausend zweyhundert Pfund, oder ohn gefähr zwey und sechzig tausend Thaler: Fünf und zwanzig Rathsherren wurden nach Ca les, und acht und zwanzig nach Teanum in sichere Verwahrung gebracht, und zwar wa ren es diejenigen, welche am meisten darzu beygetragen hatten, daß Capua von der Rö mischen Parthey abgetreten war. (Grausame Bestrafung derer Raths herren, und Bürger von Capua. Liv.XXVI. 15.) Fulvius und Appius waren darüber nicht einig, wie man mit den Rathsherren von Capua verfahren wollte. Der letztere war zur Gelindigkeit geneigt, der andere aber trieb die Strenge auf den höchsten Grad. Appius wollte, daß man dem Rathe zu Rom den Ausspruch in dieser ganzen Sache über lassen sollte, mit dem Beyfügen, daß es nicht übel gethan seyn würde, wenn man sich er kundigte, ob sich nicht etwan einige Munici palstädte oder aus dem Latium mit denen von Capua verstanden, und ihnen Hülffe ge leistet hätten. Was diesen letztern Punct anbetraff, stellte Fulvius dargegen nachdrück lich vor, „daß man sich ja sorgfältig in Acht zu nehmen hätte, an dergleichen Dinge zu gedenken, denn man würde solchergestallt nur durch zweiffelhaffte Beschuldigungen ge treue Bundsgenossen in Unruhe und Be
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kümmernis setzen. Dieser Leute Schicksal(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) würde auf Zeugen beruhen, die keinen Glau ben verdienten, und welcher sowohl in ihren Reden, als in ihren Handlungen niemahls eine andere Regel und Richtschnur gehabt hätten, als ihre Leidenschafften und ihren Eigensinn.“ So nachdrücklich aber, als Fulvius hierüber sich gegen den Appius er kläret hatte, so machte sich dieser doch Hoff nung, daß er in einer so wichtigen Sache ohne Zweiffel erst Verhaltungsbefehle von Rom erwarten würde. Allein er betrog sich. Gegen Abend ertheilte Fulvius den vornehm sten Officiren Befehl, zweytausend der besten Reuter um Mitternacht bereit zu halten. Er machte sich mit diesem ausgesonderten Corps noch in der Nacht auf den Weg, und kam sehr früh zu Teanum an. Man erstaunete sehr, ihn um diese Zeit allda zu sehen. Er gieng gerades Weges auf den Marktplatz, wo sich alsobald eine grosse Menge Volks versammlete. Daselbst befahl er denen Rich tern, die Campanier, die sie in ihrer Ver wahrung hätten, kommen zu lassen, und, nachdem er sie mit Ruthen hatte peitschen las sen, wurden ihnen insgesammt auf seinen Be fehl die Köpfe vor die Füsse geleget. Von dar eilte er mit eben demselben Corps in der grösten Geschwindigkeit nach Cales, um da selbst ein gleiches Urtheil vollziehen zu lassen. Er war schon auf den Richtstuhl gestiegen, und man hatte die Campanier schon an Pfäh le angebunden, als ein Bote in der grösten
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) Eil anlangte, der ihm ein Schreiben von dem Prätor Calpurnius nebst einem Rathschlusse einhändigte. Die Freude war allgemein, als sich das Gerücht ausbreitete, daß sich der Rath das Urtheil in dieser Sache zu spre chen vorbehielte. Allein Fulvius ließ, weil er hiervon etwas vermuthete, die Campanier hinrichten, ehe er das Schreiben und den Rathschluß eröfnete. So dann laß er erst beydes durch. Der Inhalt konnte eine Sa che, die geschehen war, nicht hindern, und eben um deswillen hatte der Proconsul die Vollstreckung beschleuniget, um aller Hin dernis vorzukommen. (Tod des Tau rea Jubellius. Ebend.) Als Fulvius sich von seinem Platz erhob, und von dar weggehen wollte, drengete sich Taurea Jubellius durch das Volk durch, und ruffte ihn bey seinem Namen. Der Pro consul gerieth in Verwunderung, und nach dem er seinen vorigen Platz wieder genom men, fragte er ihn, was er von ihm verlang te. Hierauf antwortete Jubellius: „Be fiehl auch, daß man mich erwürge, damit du dich rühmen könnest, du habest einen weit beherztern Mann, als du bist, hinrich ten lassen. Als Fulvius weiter nichts zur Antwort gab, als daß er ohne Zweiffel nicht wohl bey Sinnen seyn müste, und daß ihm überdies durch den Rathschluß die Hände gebunden wären, nahm Jubellius wieder das Wort, und sagte: Weil ich, nachdem ich mein Vaterland, meine An verwandten, und meine Freunde verlohren,
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nachdem ich mit meiner eignen Hand meine(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) Frau und meine Kinder ermordet habe, um sie dem unanständigen Tractamente, welches sie erwartete, zu entziehen: weil sa ge ich, ich nicht eben des Todes sterben kann, durch den meine Mitbürger, die ich hier vor Augen habe, umgekommen sind: so stehe mir iezt meine eigene Herzhafftigkeit bey, und befreye mich von einem jämmerlichen Leben, welches ich nicht lange ertragen kann. Nach diesen Worten stach er sich einen Dolch, den er unter seinem Kleide verbor gen gehabt hatte, in die Brust.“ Einige Geschichtschreiber erzehlen alles das, was im vorigen gesagt worden ist, an ders, und merken insonderheit an, daß Ful vius den Rathschluß noch vor der Hinrich tung der Campanier durchgelesen, und ihnen sodann erst den Tod wirklich zuerkannt habe, weil ihm die heimliche Erlaubnis durch den Rathschluß selbst in folgender Ausdrückung sey ertheilet worden: „Er solle, wenn er es vor gut fände, die Urtheil über dieser Sa che dem Rathe vorbehalten.“ Ist es auch wohl wahrscheinlich, daß ein Proconsul auf eine solche Art den Rath sollte verspottet, und dessen Verordnung nicht eher erbrochen ha ben, als da er nicht mehr im Stande war, dieselben zu befolgen? Nachdem der Proconsul von Cales wie der nach Capua zurück gekommen war, er gaben sich Atella und Calatia denen Rö mern. Diejenigen Rathsherren, welche ihre
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) Mitbürger angereitzet hatten, die Parthey des Hannibals zu ergreiffen, wurden gleicher gestalt auf das härteste gestraft. Achzig der vornehmsten Senatoren wurden enthauptet; mehr als dreyhundert edle Campanier wur den in die Gefängnisse gebracht, worinnen sie elendiglich umkamen, und die übrigen Bürger wurden entweder zerstreut, oder verkaufft. Was die Stadt Capua selbst an betrifft, behielt die Betrachtung des daher zu erlangenden Vortheils über die Begierde nach der Rache die Oberhand, so groß und so gerecht auch sonst der Zorn der Römer war. An statt sie dem Erdboden gleich zu machen, schlug man sie mit ihrem Gebiete, welches das schönste und fruchtbarste von ganz Italien ist, zu den Kammergütern des Römischen Volks. Man entzog ihr alle Freyheiten, und alles, was eine unabhängi ge Stadt ausmachet. Man setzte sie so weit herunter, daß sie weder einen Rath noch ei gne Richter behielt, denn man schickte alle Jahr einen Stadthalter dahin, der im Namen des Römischen Volks das Recht sprach. (Weises Be zeigen des Römischen Volks, wel ches sich ent schliesset, Ca pua nicht zu schleiffen.) Während des zweyten Punischen Krie ges ist fast nichts von grösserer Wichtigkeit, und das zugleich dem Römischen Volke zu grösserer Ehre gereichet wäre, vorgefallen, als die Belagerung und Einnahme von Ca pua. Es war selbiges diejenige Stadt, wel che, wie ich schon gesagt habe, unter allen Städten am ersten sich gegen die Römer
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aufgelehnet, und die meisten übrigen Bun(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) desgenossen Roms nach sich gezogen hatte. Deßwegen muste sie dem Hannibal ausser ordentlich angenehm, und den Römern aus serordentlich verhaßt seyn. Und so war es auch in der That. Diese Stadt griffen die Römer an, und bemächtigten sich derselben in Gegenwart und in dem Gesichte dieses fürchterlichen Feindes, welcher noch dabey den Verdruß und die Schande hatte, sich dieselbe entrissen zu sehen, ob er gleich vieler ley Bewegungen machte sie zu erretten. Was für einen erstaunenden Muth, und für eine hartnäckige Standhafftigkeit die Römer wäh rend der Belagerung erwiesen haben, ist aus dem vorhergehenden klar. Nachdem selbige geendiget war, legten sie durch den Aus spruch, den sie wegen des künstigen Schick sals dieser wichtigen Eroberung thaten, nicht weniger Weißheit und Klugheit zu Tage. Dieser Gegenstand verdienet wohl näher und mit mehrerer Aufmercksamkeit betrachtet zu werden. Cicero soll dabey insonderheit mein Leiter und Führen seyn. Man berathschlagte eine ziemliche lange(Cic. de lege agraria ad pop. I. Cap. XXXV.) Zeit, wie man mit Capua umgehen wollte. Einige Herren des Raths waren der Mey nung, man müsse nothwendig eine so mächtige, so nah gelegene und so feindseelige Stadt, die einen so unbeschreiblichen Haß gegen Rom hätte blicken lassen, niederreissen und dem Erdboden gleich machen. Alles kam ih
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) nen (*) daselbst gefährlich vor: die Frucht barkeit des Landes, der Ueberfluß an aller hand Arten von Geträide und Früchten, die glückliche Lage der Stadt, die gute und ge sunde Lufft, die Schönheit und Bequemlich keit der Häuser, die erstaunenden Reichthü mer und alle Arten von Annehmlichkeiten. Traurige Vortheile, gefährliche Anmuthig keiten! welche gleich Anfangs alle Einwohner in Grund verdorben, welche ihnen denjenigen Hochmuth, daß sie das Consulat mit Rom zu theilen verlangten, eingeflösset, und welche die jenige ordentliche Lebensart eingeführet hatte, die den Hannibal, der damahls noch nicht durch die Römischen Waffen war besieget worden, durch die Wollust besiegete. Konnte man nun wohl eine Stadt stehen lassen, wel che an so vielem Unglück Schuld hatte, und welche mit der Zeit zu neuen Unruhen Ge legenheit geben konnte. (Ebend. Cap. 32.) Der meiste Theil der Rathsherren heg ten andere Absichten, und trafen ein so wei ses Temperament, wodurch allem abgeholf fen werden konnte. „Unsere Vorfahren, spricht Cicero, glaubten, sie würden weiter 85
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im geringsten nichts von den Campaniern(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) zu besorgen haben, wenn sie ihnen ihre Aecker, ihre Richter, und ihren Rath ent zögen, ihnen die Versammlungen unter sagten, und nicht einmahl einen Schatten einer Republick übrig liessen. Sie faßten demnach den Schluß, weder die Häuser, noch die Mauern niederzureissen, sondern daraus auf gewisse Art eine Kornkammer Roms zu machen, und nur Ackerleute da selbst zu lassen, welche ihre Pflugscharen und das andere zur Bearbeitung des Feldes nöthige Werkzeug darinnen verwahren, und ihr eingeerndtes Geträyde hinein und allda in Sicherheit bringen könnten.“ We der mit Corinth noch mit Carthago giengen die Römer nachher auf gleiche Art um, son dern sie fanden sich genöthiget, beyde Städ te von Grund aus zu zerstören. Denn wenn man ihnen auch ihren Rath, ihre Richter und ihre Aecker genommen, hätten sich doch übelgesinnte Leute daselbst niederlassen oder heimlich aufhalten können, ehe man davon zu Rom wegen der grossen Entlegenheit wür de seyn benachrichtiget worden, oder ehe man doch wenigstens demselben hätte vorbeugen können. Von Capua hatte man dergleichen nicht zu befürchten, weil es in der Nachbar schafft Roms, und dem Rathe und Volke gleichsam im Gesichte lag. Capua hat auch nachher in allen sowohl innerlichen als aus wärtigen Kriegen der Stadt Rom niemahls
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) den geringsten Verdacht gemacht, sondern allezeit gute Dienste gethan. Und wie hätte daselbst ein Tumult ent (Ebendas. Cap. 33.) stehen können? Es waren allda weder öf fentliche Versammlungen, noch ein Volk, an welches aufrührische Reden gehalten wur den; noch ein Rath, worinnen man Ent schliessungen, die der Ruhe Italiens zuwider waren, faßte. Es waren keine Richter vor handen, welche durch den Misbrauch ihrer Macht und ihres Ansehens Anlas zu allge meinen Klagen gaben. Allem Ehrgeitz, aller Uneinigkeit war vorgebeuget, weil man we der nach Ehrenstellen und Bedienungen ren nen, noch einer dem andern einen Rang strei tig machen konnte. „Solchergestalt (*) fanden unsere Vorfahren (spricht Cicero weiter) durch ihre erhabeneWeißheit ein Mittel, den Campanischen Stolz zu dämpfen, und dieses unruhige Bestreben nach höhern Dingen in eine völlige Ruhe zu verwan deln, daß sie sich ferner um Staatssachen zu bekümmern keine Lust bekamen. Hier durch aber blieben die Römer sowohl von dem verhaßten Vorwurf der Grausamkeit 86
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befreyet, indem sie eine so schöne und mäch(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) tige Stadt nicht verheerten, als nahmen auch die sichersten Maasregeln wegen des künftigen, indem sie ihr alle Kräffte benah men, und sie in einer Art von Ohnmacht liessen, welche sie ausser Stand setzte sich zu regen.“ Cicero gedenket noch eines andern Vor theils, den er sehr groß machet. Er streicht nemlich den grossen Nutzen, den Rom von dem fruchtbaren Erdreich der Stadt Capua zog, heraus; einen Nutzen, den er allen an dern Einkünften vorziehet, welche das Römi sche Volk von auswärtigen Völkern bekam. Die geringsten Vorfälle hielten offt die an dern Einkünfte zurück oder machten sie un gewiß: Da hingegen die von Capua keine Gefahr lieffen. Die Stadt wurde durch andere feste Oerter und durch die Trupen, welche man in der Nachbarschafft hielt, be deckt; sie litte nichts von den Kriegen; sie er hielt sich beständig bey gleichen Umständen, und sie schien auf gewisse Art wegen der vor theilhafften Himmelsgegend vor ungestümer Witterung, Platzregen und Stürmen ge sichert zu seyn. Er mercket ferner an, daß, wenn in den Italienischen Kriegen die andern Einkünffte ausgeblieben, die Armeen von dem Capuanischen Geträyde allein wären un terhalten worden. Daher nennet er Ca pua auch das schönste Landgut, und den si chersten Reichthum des Römischen Volks, die Zierde im Friede, die Stütze im Kriege,
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(d. 541. J. n. R. E. d. 211. J. v. C. G.) den Grund aller ihrer Einnahmen, den Korn boden der Legionen, und die allgemeine Zu flucht zur Zeit des Mangels an Lebensmit teln. Ich will diese Anmerkungen über Capua mit den Gedanken schliessen, welche Titus Li vius über eben diesen Vorfall machet, und welche gleichsam ein kurzer Inbegriff alles dessen sind, was ich von dem Cicero angefüh ret habe. Dieses waren, sagt er, die Maas regeln, welche die Römer wegen Capua mit einer in allen ihren Theilen lobenswürdigen Weißheit trafen. Die strafbarsten wurden bald und nach der grösten Strenge verur theilet. Das Volk wurde zerstreuet, ohne daß es die gerinste Hofnung bekam, wieder dahin zurück kommen zu dürfen. Man ließ keine unvernünftige Rache an den Häusern und Mauern aus, als die an dem Verbre chen ihrer Einwohner keine Schuld hatten. Und hierdurch verschafften sich die Römer nicht allein selbst einen sehr ansehnlichen Vor theil, sondern brachten sich auch bey ihren Bundsgenossen den Ruhm eines gnädigen Bezeigens zuwege, indem sie eine so berühm te und so reiche Stadt erhielten, deren Um sturz das Heulen und Klagen aller Campa nischen und umher wohnender Völker nach sich gezogen haben würde. Endlich (*) leg 87
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ten sie durch ein stark in die Augen fallendes Exempel zu Tage, eines Theils wie unver meidlich die Wirkungen ihres Zorns gegen ungetreue Bundesgenossen wären, und an dern Theils, wie wenig Rechnung sich dieje nigen, welche sich auf die Seite des Hanni bals schlügen, auf dessen Beystand machen könnten.

II §.

Zustand der Sachen in Spanien. Die beyden Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) theilen ihre Armeen. Cn. Scipio marschirt auf den Hasdrubal los, wird von den Celtiberiern verlassen, und leidet eine Niederlage. P. Scipio, der gegen zween an dere Generals aufgebrochen war, wird über wunden, und bleibt in der Schlacht. Die drey Carthaginensischen Generale vereinigen sich, greiffen den den Cnejus Scipio an, und werffen ihn über den Hauffen. Er stirbt. Edle Uneigennützigkeit des Cnejus Scipio. Betrachtung über das Bezeugen der beyden Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) . L. Marcius, ein schlechter Rit ter, wird ernennet, die Armee zu commandiren. Er erhält zween Siege über die Carthaginen ser. Erzehlung, wie der Brief des Marcius im Rathe aufgennommen wurde. Cn. Ful vius wird bey dem Volke angeklagt und ver dammt. P. Scipio wird in einem Alter von vier und zwanzig Jahren ernennet, als Pro consul in Spanien zu commandiren. Er rei set nach Spanien ab. Zurückkunfft des Mar cellus nach Rom. Es wird ihm ein kleiner Triumph zugestanden. Er bringt dabey vie le Statuen und Gemählde zum Vorschein. Anmerkung über diesen neuen Aufzug. Man lius Torqvatus schlägt das Consulat aus. Bewundernswürdige Klugheit der Centurie
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junger Leute, welche Veturia genennet wurde. Der zwischen den Römern und Aetoliern ge schlossene Tractat. Bewegungen der Aeto lier und des Macedonischen Königs Philip pus. Erstaunender Entschluß der Acarnani er. Levinus belagert Anticyra und erobert es. Er bekommt Nachricht, daß er sey zum Con sul ernennet worden.
(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.)

(Zustand der Sachen in Spanien. Liv.XXV. 32 - 36.) Wir kommen wieder auf den Zustand der Sachen in Spanien, welche wir zu rückgelassen, um nicht die Erzehlung von der Belagerung und Einnahme der Stadt Ca pua zu unterbrechen. In zwey Jahren war nichts von Wichtigkeit in Spanien vorge fallen, weil beyde Partheyen nur defensive giengen und keine gegen die andere etwas un ternahm. In diesem Feldzuge aber vereinig ten die Römischen Generale, so bald sie die Winterquartiere verlassen hatten, alle ihre Macht, und waren nach einem gehaltenen Kriegsrathe insgesammt mit einander darin nen einstimmig, daß, da sie bishieher nur al lein den Hasdrubal an dem vorgehabten Uebergange nach Italien zu verhindern ge sucht hatten, es nunmehro Zeit wäre, dahin bedacht zu seyn, wie man den Krieg in dieser Provinz vollends zu Ende bringen könnte. Sie hätten Trupen genug, um zu ihrem Zweck zu kommen, nachdem sie in dem vori gen Winter dreyßig tausend Celtiberier ge
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gen die Carthaginenser in die Waffen ge(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) bracht hätten. Die Feinde hatten drey besondere Arme(Die beyden Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) theilen ihre Armeen.) en in dem Lande. Hasdrubal, ein Sohn Gisgo, und Mago hatten die Trupen, die sie commandirten, zusammenstossen lassen, und waren von dem Römischen Lager nur ohngefähr fünf Tagereisen entfernt. Has drubal, ein Sohn des Hamilcars, der seit langer Zeit den Krieg in Spanien führte, stund ohnweit Anitorgis gelagert, und war dem Feinde noch viel näher. Die Absicht der beyden Scipionen(gemeint sind Publius und Gnaeus Scipio) war, denselben zuerst anzugreiffen, und sie glaubten stark genung zu seyn, ihn gänzlich über den Hauffen zu werffen. Nur dieses einzige befürchteten sie, es möchten nach dessen Ueberwindung sich die beyden andern Generale vor Furcht we gen dieser Niederlage in die Gebürge und in solche Gegenden, worzu man nicht kommen könnte, zurückziehen, und solchergestallt den Krieg in die Länge ziehen. Um solcher Schwü rigkeit vorzukommen, hielten sie vor das be ste, ihre Trupen in zwey Corps zu theilen, und auf einmahl den ganzen Spanischen Krieg auszumachen. Diesem zu Folge sollte P. Cornelius mit zweydrittheil der Armee, das aus Römern und den Bundsgenossen bestund, auf den Mago und Hasdrubal, einem Sohn des Gisgo, losgehen, während daß sein Bruder Cnejus mit dem andern Drittheil, welches die alten Trupen und die
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Celtiberier ausmachte, wider den andern Hasdrubal zu Felde liegen sollte. Beyde Generale und beyde Armeen bra chen zu gleicher Zeit auf. Die Celtiberier marschirten voraus, und lagerten sich ohn wiet (*) Anitorgis in dem Gesicht der Fein de, von denen sie nur durch den Fluß abge sondert waren. Cn. Scipio blieb an diesem Orte mit den Trupen, die ihm zu Theil ge worden; und P. Scipio machte sich auf, dasjenige auszuführen, was er über sich ge nommen hatte. (Cn. Scipio marschieret auf den Has drubal los, wird von den Celtiberiern verlassen, und leidet ei ne Niederla ge.) Hasdrubal wurde gar bald gewahr, daß sich nur sehr wenige Römer bey der Armee des Cn. Scipio befänden, und daß dieser General alles sein Vertrauen auf den Bey stand der Celtiberier setzte. Da er die Un treue dieser Nationen, unter denen er so viele Jahre Krieg geführet hatte, kannte, und kei ne List und kein Betrug war, den er nicht selbst ins Werk zu setzen gewust hätte, pflog er durch die Vermittelung der Spanier, die unter ihm Dienste thaten, heimliche Unter handlungen mit den Häuptern der Celtiberi er, und brachte sie durch grosse Belohnun gen dahin, daß sie sich mit ihren Trupen in ihr Land zurück begaben. Diese Officiers meynten kein grosses Verbrechen zu begehen, 88
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wenn sie diesen Handel eingiengen. Denn(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) man verlangte nicht von ihnen, daß sie ihre Waffen gegen die Römer kehren sollten, und gab ihnen über dieses so viel, um neutral und ruhig zu bleiben, als sie kaum würden haben fordern können, um sich denen Gefahren und Kriegsstrapatzen auszustellen. Endlich war denen Soldaten die Annehmlichkeit der Ru he, und das Vergnügen in ihr Vaterland wieder zurück zu kehren, und ihre Anver wandten wiederzusehen, eine grosse Verfüh rung. Hierdurch wurde das gemeine Volk eben so leicht, als ihre Anführer, gewonnen. Auch hatten sie von Seiten der Römer nichts zu befürchten, als welche ihre geringe Anzahl ausser Stand setzte, sie mit Gewalt zurück zu halten. Die Celtiberier machten sich dem nach ohne Verzug fertig, und setzten sich in Marsch um zurückzukehren. Denen Rö mern, welche sie um die Ursache dieser Ver änderung befragten, und sie inständig ba ten, sie nicht zu verlassen, gaben sie weiter keine Antwort, ohne nur, daß sie ihrem Va terlande zur Hülfe zögen. Da Scipio sa he, daß er bey seinen Bundsgenossen mit Bitten und Flehen nichts ausrichtete, und sie auch mit Gewalt nicht zurückhalten könn te; anbey wohl begriff, daß er ohne ihren Beystand den Feinden nicht gewachsen, auch seinen Bruder zu erreichen nicht im Stande wäre, faßte er den Entschluß, der ihm al lein in dergleichen Umständen zu statten kom men konnte, nämlich, so geschwind als mög
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) lich sich zurückzuziehen, und sich aufs sorg fältigste zu hüten, mit einem Feinde, der ihm an Menge der Trupen weit überlegen war, in der Ebene zu fechten. Allein Hasdrubal setzte über den Fluß, folgte ihm auf dem Fus se nach, und hielt ihn gänzlich eingeschlossen. Man kan (*) den Römischen Genera len, sagt Titus Livius, nicht gnugsam an preisen, gegen dergleichen Treulosigkeiten auf ihrer Hut zu stehen; und dieses Unglück, welches damahls dem Scipio begegnete, kann allen zur Lehre dienen, sich nicht auf die Hülfsvölker zu verlassen, sondern dahin zu sehen, daß die Anzahl der eingebohrnen Bür ger bey denen Armeen allezeit die Zahl der Fremden übersteige. (P. Scipio, der gegen zween ande re Generals aufgebrochen war, wird ü berwunden und bleibt in der Schlacht.) Zu eben der Zeit war P. Scipio einer noch viel grössern und unvermeidlichern Gefahr ausgesetzt. Er hatte mit einem neuen Fein de zu thun, der ihm nicht die geringste Ruhe ließ; nämlich mit dem Masinissa, der damahls mit den Carthaginensern im Bündniß stund, und nachher durch die Freundschaft, die er mit den Römern errichtete, so berühmt und so mächtig wurde. Dieser junge Herr gieng mit seiner Numidischen Reuterey dem Scipio so gleich bey seinem Anmarsch entgegen, und beunruhigte ihn ohne Aufhören Tag und 89
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Nacht. Er bewieß dabey einen so grossen(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) Eifer, daß er nicht allein diejenigen Rö mer, welche sich nur ein wenig von der Ar mee entfernten, um Holz und Fütterung zu holen, überfiel, sondern sie auch öffters selbst in ihrem Lager heimsuchte. Oeffters machte er sich an ihre ausgestellten Wachten, und nöthigte sie ihre Posten in gröster Unordnung zu verlassen, und wenn er sie des Nachts, da sie sich es am wenigsten vermutheten, über rumpelte, setzte er alles so gar unter den Tho ren und hinter den Verschanzungen selbst in Furcht und Schrecken. Mit einem Worte, es war kein Ort, und keine Stunde, da sie hätten ausser Furcht und Unruhe seyn kön nen. Hierdurch nöthigte er sie, sich in ihren Linien eingeschlossen zu halten, ob sie schon an allem Benöthigten Mangel litten. Sie wa ren beynahe in eben den Umständen, worin nen sich diejenigen befinden, welche ordentlich belagert werden. Es hatte so gar das An sehen, daß man sie noch genauer einschliessen wollte, so bald Indibilis, der in kurzem mit sieben tausend Mann ankommen sollte, zu den Carthaginensern gestossen seyn würde. In dieser äussersten Noth sahe sich Sci pio, ein sonst so kluger und vorsichtiger Ge neral, gezwungen, zu einem verwegenen und verzweiffelten Unternehmen sich zu entschlüs sen, nämlich des Nachts aufzubrechen, dem Indibilis entgegen zu gehen, und mit ihm, wo er ihn auch anträfe, zu schlagen. Er ließ diesemnach ein kleines Corps Trupen unter
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) dem Commando seines Unterbefehlhabers, des T. Fontejus, in seinem Lager, und traf, da er sich gegen Mitternacht auf den Marsch begeben hatte, die Feinde, welche er aufsuch te, an. Er gieng ohne Bedenken auf sie los. Sie fochten Truppweise, weil sie nicht Zeit gehabt hatten, sich in Schlachtordnung zu stellen. Die Römer hatten Anfangs wirk lich in diesem unordentlichen Gefechte den Vortheil; allein da die Numidischen Reuter, denen, wie Scipio meynte, sein Marsch gänz lich verborgen war, darzu kamen, und ihm in die Flanqven fielen, geriethen seine Tru pen in das äuserste Schrecken. Kaum hatte er sich mit den Numidiern in den Streit ein gelassen, so wurde er gewahr, daß ihm ein dritter Feind zu Leibe gieng. Die Cartha ginensischen Generale, welche den Römern nachgefolget waren, fielen sie auf einmahl im Rücken an, und da sie auf allen Seiten ein geschlossen waren, wusten sie nicht, gegen wen sie ihre Macht kehren, und wo sie sich einen Weg öffnen sollten. Und damit das Unglück vollkommen würde, wurde endlich Scipio, da er mit einem Heldenmuthe foch te, und sich überall, wo die gröste Gefahr war, befand, um den Seinigen ein Exempel zu geben, mit einer Lanze in der rechten Sei te gefährlich verwundet. So bald als man ihn vom Pferde fallen sahe, breitete sich die Nachricht von dem Tode des Römischen Ge nerals unter der feindlichen Armee durch ein Freudengeschrey aus. Dieser Vorfall mach
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te die Niederlage der Römer und den Sieg(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) der Feinde vollends richtig. Alle, die nicht auf dem Wahlplatze geblieben waren, ergrif fen sogleich die Flucht. Es fiel ihnen zwar nicht schwer, sich einen Weg mitten durch die Numidier und leichtbewehrten Soldaten zu öffnen: allein die gröste Schwürigkeit be ruhete darauf, so vielen Reutern und so vie len Soldaten zu Fuß, die denen Pferden gleich zu lauffen im Stande waren, zu ent kommen. Solchergestalt kamen noch meh rere auf der Flucht, als in der Schlacht um, und es würde sich nicht ein einziger ge rettet haben, wenn nicht die Nacht darzwi schen gekommen wäre. Weil die Carthagi nensischen Generale sich den Sieg auf alle nur mögliche Art zu Nutze machen wollten, liessen sie ihren Soldaten kaum etliche Stun den Zeit zur Ruhe, und führten sie alsobald nach derjenigen Gegend zu, wo Hasdrubal, der Sohn Hamilcars, stund. Sie machten sich gewisse Hofnung, daß, so bald sie sich nur mit ihm vereiniget hätten, sie im Stan de seyn würden, den Krieg in Spanien durch die gänzliche Vertilgung der Römer zu Ende zu bringen. So bald als sie da selbst angekommen waren, ergaben sich so wohl die Generale, als die Soldaten der leb hafftesten Freude, die ihnen der über ei nen so grossen General und seine Armee er haltene ansehnliche Sieg einflößte, und sie wünschten einander schon im voraus wegen
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) desjenigen Glück, das sie ehester Tages zu gewinnen hofften. (Die drey Carthagi nensischen Generale vereinigen sich, greiffen den Cn. Sci pio an, und werfen ihn ü der den Hauf fen. Er stirbt.) Die Nachricht von einer so grossen Nie derlage war denen Soldaten von der Armee des Cn. Scipio noch nicht bekandt; allein ein tieffes Stillschweigen, welches unter ihnen herrschte, und eine unglückliche Ahndung, womit die Gemüther eingenommen waren, konnten allerdings vor ein trauriges Anzei chen des Unglücks, welches sie bald erfahren sollten, gehalten werden. Scipio selbst war, als er das Desertiren seiner Bundsgenossen und die Vermehrung der feindlichen Trupen sah, und diese Umstände überlegte, vielmehr zur Furcht, als zur Hoffnung geneigt. „Denn, sagte er bey sich selbst, sollten Asdrubal und Mago ihre Armeen so geschwind haben weg führen können, wenn sie nicht ihrer Seits den Krieg geendiget hätten? Sollte sich Scipio nicht ihrem Marsch widersetzet ha ben, oder ihnen auf dem Fusse gefolget seyn, damit, wann er nicht die feindlichen Ge nerale und ihre Armeen hätte verhindern können, sich zu vereinigen, er wenigstens sei ne Trupen zu den Trupen seines Bruders hätte können stossen lassen?“ Indem ihn die se grausame Unruhe beängstigte, so glaubte er, er könne bey den Umständen, in welchen er sich befande, nicht besser thun, als wenn er sich auf das geschwindeste, und so weit als möglich, von dem Angesicht des Feindes zu rück zöge. Er that auch in der That in der folgenden Nacht einen ziemlichen Marsch,
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ohne daß die Feinde die geringste Bewegung(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) machten, einen Rückzug zu verhindern, von welchem sie nichts gewust hatten. So bald aber der Tag angebrochen war, und sie den Abmarsch der Römer gemerkt hatten, fingen sie an, sie eifrig zu verfolgen, indem sie die Numider voraus geschickt hatten, welche vor Einbruch der Nacht an sie stiessen, und sie beständig beunruhigten, indem sie sie bald von hinten, bald in die Flanken einfielen. Sie wurden also genöthiget, Fronte gegen die Fein de zu machen, und Scipio ermahnte sie, nicht im Rückzuge zu fechten, ohne ihren Marsch zu unterbrechen, ehe die Carthaginensische Infanterie angelanget wäre. Weil sie sich aber oft aufhalten mußten, so legten sie in langer Zeit einen kurzen Weg zurück. Als Scipio sahe, daß die Nacht ein brach, stellte er sich mit seinem Volk auf eine Höhe, wo er gar nicht bedeckt war, und sich auch bedecken konnte. Indessen ließ er das Geschirr der Lastthiere fest an einanderge bunden, an statt einer Verschanzung, vor legen. So sehr die Generale der Feinde, welche ihnen an der Zahl sehr überlegen wa ren, den ihrigen zurufften, so erstaunten sie doch vor ihren sonderbaren Verschanzungen, und hatten, da sie sie angriffen, gnug damit zu thun. Als sie aber endlich eingebrochen waren, richteten sie ein grosses Niedermetzeln unter den Römern an, wovon gleichwohl ein guter Theil in das Lager des P. Scipio flüchtete. Bey diesem Gefechte blieb Cn. Sci
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) pio: Man weiß aber nicht gewiß, ob er auf der Höhe, oder bey dem Rückzuge, da er in einem Thurm soll seyn verbrannt worden, sein Leben verlohren. Er hatte 7 Jahr in Spanien commandiret, und sein Tod erfolgte ungefähr einen Monat nach dem To de seines Bruders, des Publius. Die beyden Scipionen wurden so wohl von den Römern, als Spaniern, sehr bedau ert, und von den Spaniern ins besondere we gen ihrer Personen. Den Cnejus bedauerten die Spanier noch mehr, als den Publius; indem, da er eher nach Spanien gekommen war, als dieser, er durch seine gemäßigte Re gierung ihre Herzen schon im voraus gewon nen hatte. Es ist gewiß, daß beyde sehr klu ge und tapfere Generale waren. (L. Marcius wird erwäh let, die Armee zu comman diren, und siegt zwey mal über die Carthaginen ser. Liv.XXV. 37 - 39.) Nach dieser Niederlage der Spanischen Ar meen, ward in einer Versammlung der Sol daten ein bisher ganz unbekandter Mensch, Namens L. Marcius, des Septimius Sohn, ein gemeiner Römischer Reuter, zum com mandirenden General ernennet. Er war ein tapferer Officier, und hatte schon ehedem ei nen Vortheil über die Feinde erfochten. Er hatte sich beständig die Scipionen zum Mu ster vorgesetzt, und er ahmte sie glücklich nach. Er versammlete so viel Trupen, als er zusammen bringen konnte, befestigte das Lager, so gut es möglich war, und versah es mit Lebensmitteln. Als die Römer sahen, daß Asdrubal anrückte, und nach so grossen Generalen einen bisher so unbekandten An
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führer hatten, so fiel ihnen aller Muth, und(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) die Officiers, und selbst Marcius, waren nicht im Stande sie aufzurichten. Doch als sie die Carthaginensischen Trompeten höreten, so verwandelte sich ihr Schmerz alsbald in Zorn, und sie fielen mit solcher Wuth auf die Feinde, daß diese, höchsterstaunt vor die ser unerwarteten Tapferkeit, mit Verlust vie les Volks gar bald die Flucht ergriffen. Marcius verfolgte sie, wiewohl wider Wil len seiner Soldaten, nicht weit, damit er sein weniges Volk nicht einer Gefahr aussetzte. Als dieses die Carthaginenser sahen, glaub ten sie, es geschähe aus Furcht, und kehrten mit abgezählten Schritten und verächtlichen Minen wieder zurück, und giengen auf die Römer loß. Marcius nahm hierbey so klu ge Maaßregeln, als man von dem erfahren sten Generale erwarten konnte, und beschloß, die Feinde in den Verschanzungen in der Nacht im Schlaf anzugreiffen. Er gab sei nen Soldaten dieses Vorhaben auf eine edle und nachdrückliche Art zu verstehen, und alle machten sich mit Freuden zur Ausführung desselben geschickt. Zwischen den beyden Carthaginensischen Lagern war ein tieffer mit dichten Bäumen bedeckter Thal. In dieses stellte Marcius einige Infanterie und Reuterey, und er mar schirte gegen das erste Lager der Feinde, wo er alles unbewacht und im Schlaf fand. Seine Leute breiteten sich im Lager aus, zündeten dasselbe überall an, machten ein ent
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(d. 540. J. n. R. E. d. 212. J. v. C. G.) setzliches Geschrey, und machten alles nieder, was sie antraffen; wodurch sie sich gar bald Meister von dem ersten Lager machten, und die Feinde zerstreueten. Darauf gieng es auf das andere Lager loß. Hier fanden sie die Feinde, weil sie weiter von ihnen entfernt waren, noch sicherer, und als diese die mit dem Blut ihrer Mitbrüder benetzten Schilde sahen, so jagte ihnen dieses ein so grosses Schrecken ein, daß sie mit Zurücklassung vie ler Todten den Römern ihr Lager gar bald überliessen. Also bezwang Marcius in einer Nacht die zwey Läger der Feinde, tödtete viele dersel ben, und machte grosse Beute, worunter ein silbern Schild war, mit dem Bildniß des